zerstreut

Grammatikpartizipiales Adjektiv
Aussprache
Worttrennungzer-streut (computergeneriert)
Grundformzerstreuen
Wortbildung mit ›zerstreut‹ als Grundform: ↗Zerstreutheit
eWDG, 1977

Bedeutung

unaufmerksam, unkonzentriert
Beispiele:
er war sehr zerstreut, hörte zerstreut zu, sah zerstreut auf seine Uhr, hat zerstreut geantwortet
ein zerstreuter Fußgänger hätte beinahe einen Verkehrsunfall verursacht
scherzhaft ein zerstreuter Professor (= unkonzentrierter Mensch, der häufig etw. vergißt)
ein zerstreutes Lächeln, Kopfnicken
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

streuen · Streu · Streusel · zerstreuen · zerstreut · Zerstreuung · Zerstreutheit
streuen Vb. ‘werfend gleichmäßig ausbreiten’, ahd. strewen, strouwen (8. Jh.), mhd. strewen, ströuwen, ströun, strouwen, streun ‘niederstrecken, zu Boden werfen, (aus)streuen, -schütten, vergießen, ausbreiten, zerstreuen, verbreiten, bedecken’, asächs. strōian, streuwian, mnd. ströu(w)en, mnl. strōien, strouwen, nl. strooien, afries. strēwa, aengl. strewian, streowian, engl. to strew, anord. strā (statt *streyja, Neubildung zum schwach gebildeten Prät. strāða), schwed. strö, got. straujan (germ. *straujan) führt mit lat. struere (strūctum) ‘schichten, über-, aneinanderlegen, aufbauen’, struēs ‘Haufen, Menge’ auf ie. *streu-, Erweiterung der Wurzel ie. *ster(ə)-, *strē-, *stru- ‘ausbreiten, (aus)streuen’, wozu (mit Nasalpräsens) aind. stṛṇā́ti ‘streut (hin), bestreut, wirft hin’, stṛṇṓti ‘streckt nieder, unterwirft, besiegt’, griech. stornýnai (στορνύναι) ‘hinbreiten, ausbreiten, ein Bett machen, ebnen, bahnen, ausstreuen, bestreuen’, lat. sternere ‘hinbreiten, streuen, ebnen, bedecken’, air. sernim ‘breite aus’ sowie (ohne Nasal) aslaw. prostrěti, russ. prosterét’ (простереть) ‘ausbreiten, ausdehnen’. Verwandt sind u. a. die unter ↗Strahl, ↗Stirn, ↗streichen, ↗Streifen, ↗Stroh behandelten Wortgruppen. Im Nhd. hat sich aus einer Vielzahl mundartlicher Formen streuen durchgesetzt. Zur Bedeutungsentwicklung von ‘ausbreiten’ zu ‘verteilend auswerfen’ vgl. Pfeifer in: PBB 82 (1960) 132 ff. Streu f. ‘das Hingestreute, Material zum Unterstreuen, Stallstroh’, Abstraktbildung auf ī zum Verb, mhd. ströuwe, strewe, ströu; vgl. ahd. gistrewi, gistrouwi (8. Jh.). Streusel m. n. ‘Klümpchen aus Mehl, Butter und Zucker, auf Kuchen gestreut’ (19. Jh.; dazu Streuselkuchen, ebenfalls 19. Jh.), mundartlich und in der bäuerlichen Umgangssprache gleichbed. mit Streu, Deverbativum mit dem Suffix ↗-sal, ↗-sel (s. d.); vgl. mnd. strouwelse. zerstreuen Vb. ‘auseinanderstreuen, -jagen’, mhd. zerströuwen, -ströun. Übertragener Gebrauch der Mystik daʒ gemüet, herze zerströuwen ‘die Seele von der Gemeinschaft mit Gott ablenken’ geht im 15. Jh. auf Störungen des seelischen Gleichgewichts über, wird jedoch in mystisch-religiösem Sinne vom Pietismus übernommen. Zu Anfang des 18. Jhs. entwickelt sich daraus jmdn., sich zerstreuen ‘ablenken, vergnügen’, beeinflußt von zerstreut Part.adj. (15. Jh.), das Anfang des 18. Jhs., wohl in Anlehnung an frz. distrait, die Bedeutung ‘unaufmerksam, durch fremde Eindrücke abgelenkt, unkonzentriert’ annimmt. Zerstreuung f. ‘Ablenkung, Vergnügen, Zeitvertreib’ (18. Jh.), zuvor ‘das Auseinanderwerfen, -treiben, Auflösen’, spätmhd. zerströuwunge ‘Uneinigkeit’. Zerstreutheit f. ‘Unaufmerksamkeit, Unkonzentriertheit’ (18. Jh.), vereinzelt ‘Abgesondertheit, Isoliertheit’ (19. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
gedankenlos · ↗geistesabwesend · ↗konfus · zerstreut
Synonymgruppe
auseinander getrieben · diffundiert · ↗diffus · diversifiziert · verteilt · zerstreut
Synonymgruppe
vergesslich · zerstreut  ●  (ein) zerstreuter Professor (humor. Klischee)  ugs. · ↗schusselig  ugs. · ↗schusslig  ugs. · ↗trottelig  ugs. · tüddelig  ugs., norddeutsch · ↗tüdelig  ugs.
Assoziationen
Synonymgruppe
dement · findet sich nicht mehr zurecht · geistig verwirrt · hochgradig senil · kommt alleine nicht mehr klar · nicht mehr Herr seiner Sinne · ↗senil · verwirrt · zerstreut  ●  verkalkt  veraltet · ↗deliriös  fachspr., lat. · geistig umnachtet  geh.
Assoziationen
  • durcheinander · ↗entgeistert · ↗fassungslos · ↗konfus · neben sich stehen · ↗umnachtet · ↗verstört · verwirrt  ●  derangiert  geh., franz. · neben der Rolle sein  ugs. · ↗tüdelig  ugs. · von allen guten Geistern verlassen  ugs.
  • (in Gedanken) versunken · ↗abwesend · ↗gedankenverloren · ↗geistesabwesend · geistig abwesend · geistig weggetreten · in den Wolken · nicht alle (seine) fünf Sinne beisammen haben · nicht ganz bei sich · ↗selbstvergessen  ●  Absencen haben  geh. · ↗entrückt  geh. · ↗erdenfern  geh. · in Gedanken  ugs. · nicht ganz da  ugs. · völlig daneben (sein)  ugs. · weit weg  ugs.
  • (ein) biblisches Alter (haben) · (ein) gesegnetes Alter (haben) · alt wie Methusalem · ↗greisenhaft · hoch an Jahren · im Greisenalter · im biblischen Alter von · im gesegneten Alter von · im hohen Alter von · in hohem Alter · ↗steinalt · ↗uralt · vergreist  ●  sehr alt  Hauptform · ↗greis  geh. · ↗hochbetagt  geh. · ↗scheintot  derb, abwertend
  • (total) von der Rolle · ↗(wohl) mit dem Klammerbeutel gepudert (worden) sein · ↗geistesgestört · ↗geisteskrank · geistig umnachtet · ↗psychotisch · unter Wahnvorstellungen leidend · ↗unzurechnungsfähig · ↗verrückt (geworden) · ↗wahnsinnig  ●  (ein) Ei am Wandern haben  derb, regional · (einen) Sprung in der Schüssel haben  ugs., fig. · ↗(total) durchgeknallt  ugs. · ballaballa  ugs. · ↗bekloppt  ugs. · durch den Wind  ugs. · durchgedreht  ugs. · einen Huscher haben  ugs. · ↗gaga  ugs. · ↗irre  ugs. · ↗irrsinnig  ugs. · ↗jeck  ugs., kölsch · narrisch  ugs., bair. · nasch  ugs., bair. · neben der Spur  ugs. · nicht (mehr) alle Tassen im Schrank haben  ugs., fig. · nicht ganz dicht  ugs. · von Sinnen  geh., veraltet, literarisch
  • intelligenzgemindert · kognitiv beeinträchtigt · kognitiv behindert · mental retardiert (med.)  ●  ↗blöd(e)  veraltet, abwertend · ↗blödsinnig  veraltet, abwertend · ↗debil  abwertend · geistig behindert  Hauptform · ↗schwachsinnig  ugs., abwertend
  • Greisenalter · Hochbejahrtheit · Hochbetagtheit  ●  ↗Senium  fachspr.

Typische Verbindungen
computergeneriert

Aufmerksamkeit Aussatz Bemerkung Blick Gelehrte Herr Jude Leser Licht Lächeln Material Miene Professor Prosa Quelle Rest Rezeption Sammlung Schrift Siedlung Volk Wahrnehmung Wissenschaftler Wohnen Zeitgenosse flüchtig Öffentlichkeit

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›zerstreut‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Zwangsläufig wird sie aggressiver gestaltet, je zerstreuter der Kunde ist.
Die Zeit, 06.10.2008, Nr. 40
Er läßt sich, so scheint es, sogar ganz gern als zerstreuter Professor behandeln.
Süddeutsche Zeitung, 09.06.1999
Der Konsul hob mit einem zerstreuten Lächeln sein Glas seinem Vater entgegen.
Mann, Thomas: Buddenbrooks, Frankfurt a. M.: Fischer 1989 [1901], S. 16
Er lächelte sein zerstreutes Lächeln und schloß leise die Tür hinter sich.
Wiechert, Ernst: Das einfache Leben, München: Ullstein Taschenbuchverl. 2000 [1946], S. 10
Die Tram fährt erst durch Lugano, Vorstadt, die Häuser stehen zerstreuter, hören auf.
Klemperer, Victor: [Tagebuch] 1931. In: ders., Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum, Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verl. 2000 [1931], S. 220
Zitationshilfe
„zerstreut“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/zerstreut>, abgerufen am 19.06.2019.

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