ziehen, zog, hat gezogen/ ist gezogen
1. etw., jmdn. von der Stelle und hinter sich her bewegen(hat)
a) ein Fahrzeug hinter sich her bewegen: einen Handwagen z.; Und der Bauer zog den Pflug Brecht Gedichte 281 die Lokomotive zieht 20 Wagen; d. Pferd, Traktor zog die Egge über das Feld;
b) jmdn. (an der Hand) fortzerren: jmdn. mit sich z.; daß Thomas den ehrenfesten Herrn Friedrich Wilhelm Marcus wie eine Bleikugel am Fuße hinter sich drein zu ziehen hatte Th. Mann 1,272 (Buddenbr.) ; Kind, laß dich nicht immer so z.! /übertr./ es zieht jmdn. wohin es drängt, lockt jmdn. wohin: es zog ihn unwiderstehlich in die Ferne; es zieht mich sehr zu Vater Klepper Schatten 201
2. etw., jmdn. (aus etw.) heraus-, hervorholen(hat:) er zog d. Geldbörse, Uhr aus der Tasche, den Korken aus der Flasche; sich /Dat./ einen Splitter aus dem Finger z.; jmdn. aus dem Wasser z.; Med. die Fäden z. (nach der Operation aus der heilenden Wunde entfernen) jmdm. einen Zahn z.; ein Los z. (beim Lotteriespiel ein Los aus dem Behälter, nehmen und dadurch den Gewinner ermitteln) das Schwert z. (aus der Scheide herausnehmen) der Offizier salutierte mit gezogenem Degen; /bildl./ umg. So freilich ist ihr noch nie … der Zahn gezogen worden (die Illusion genommen worden) Fallada Wolf 1,397; Math. die Wurzel aus einer Zahl z. (die Grundzahl einer Potenz errechnen) das Große Los z. (großes Glück haben) umg. bei etw. (regelmäßig) den kürzeren z. (unterliegen, verlieren) seinen Hals, Kopf, sich aus der Schlinge z. (einer Gefahr geschickt entgehen, aus einer gefährlichen Lage einen Ausweg finden) jmdn., sich geschickt aus der Klemme z. (aus einer unangenehmen Lage befreien) salopp die Karre aus dem Dreck z. (eine verfahrene Sache in Ordnung bringen) jmdm. die Würmer aus der Nase z. (jmdn. geschickt ausfragen)
3. an etw. z. an etw. zerren, reißen(hat:) an einer Schnur, Glocke z.; sie zogen kräftig am Seil; umg. wir z. (alle) am gleichen Strang (wir vereinen unsere Kräfte, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen) e. Glocke, Signal z. an einer Glocke, einem Signal reißen und es dadurch betätigen, in Gang setzen: das Signal war bereits gezogen; die Notbremse z.; die Reißleine des Fallschirmes z.; Mus. der Organist zog die Register; jmdn. an, bei etw. z.: jmdn. am Ärmel, bei den Haaren z.; Ich habe ihn an den Ohren gezogen Musil Mann 728; /übertr./ umg. alle Register z. (alle Hebel in Bewegung setzen, alles aufbieten) Überall seine Hände haben, alle Fäden ziehen (alle Möglichkeiten ausnutzen) Bahr Himmelfahrt 49; salopp Leine z. (sich zurückziehen, sich davonmachen)
4. etw., jmdn. in einer bestimmten Richtung bewegen, in eine bestimmte Lage, Stellung bringen(hat:) den Hut (zum Gruß) z. (abnehmen) eine Schachfigur (auf ein anderes Feld) z. (rücken) Perlen auf eine Schnur z. (reihen, fädeln) den Ring vom Finger z. (abziehen) jmdn. zärtlich an die Brust, an sich z. (drücken) er wurde in den Strudel gezogen (gerissen) /bildl./ den Hut vor jmdm. z. (jmdn. achten) jmds. Blicke auf sich z. (lenken) salopp jmdm. das Fell über die Ohren z. (jmdn. arg betrügen) /übertr./ gegen jmdn. vom Leder z. (zu schimpfen beginnen; jmdn. scharf angreifen) jmdn., etw. durch den Kakao z. (jmdn., etw. zur Zielscheibe seines Spottes machen, lächerlich machen) jmdn. in ein längeres Gespräch z. (verwickeln) salopp etw., jmdn. in den Dreck z. (etw., jmdn. verunglimpfen, schlechtmachen)
5. einzelne Partien des Gesichts durch ein bestimmtes Mienenspiel verändern(hat:) umg. ein saures, schiefes Gesicht z. (sein Mißfallen ausdrücken) Hans zog die Stirne kraus (gab sich nachdenklich) und überlegte Spoerl Feuerzangenbowle 171; salopp derb ein schiefes Maul z. (ein mürrisches, verdrießliches Gesicht machen)
6. eine (langgestreckte) Linie herstellen(hat)
a) etw. zeichnen: e. Strich, Parallele mit dem Lineal z.; e. Kreis, Bogen mit dem Zirkel z. /bildl./ [Melusine] fuhr fort … Achten zu ziehen (beim Eislauf zu fahren) Hausm. Überfall 266 die Affäre zog immer größere Kreise (verbreitete sich immer mehr) einen Schlußstrich unter etw. z. (etw. endgültig abschließen)
b) eine Vertiefung graben: einen Graben, viele Furchen z.;
c) eine Wand z. (errichten, mauern)
7. etw. in seine ganze Länge ausdehnen, strecken(hat:) Stoff, Garn (in die Länge) z.; Wäschestücke in Form z.; eine Wäscheleine z. (spannen) d. Brett, Holz zieht sich (wirft sich) /bildl./ der Prozeß müsse künstlich in die Länge gezogen werden (absichtlich verzögert werden)! Molo Ein Deutscher 37; wenn die Suche nach dem Fischer sich in die Länge zog (lange dauerte) Bergengr. Rittmeisterin 307
8. etw. durch Strecken, Dehnen eines Werkstoffs erzeugen(hat:) Draht, Röhren, Kerzen z.; /bildl./ die Spinne zieht Fäden (sondert sie aus ihren Spinndrüsen ab) umg. etw. zieht Fäden, Blasen etw. ist zähflüssig, bildet Fäden, Blasen: Leim, Honig zieht (beim Entnehmen aus einem Gefäß) Fäden;
9. etw. zieht sich irgendwohin etw. erstreckt sich irgendwohin(hat:) die Straße zieht sich durch den Ort; das Gewitter zog sich nach Westen; die Narbe zieht sich über die Stirn; /übertr./ dieses Motiv zieht sich (geht) durch den ganzen Roman
10. etw. einsaugen, aufnehmen(hat:) den Atem durch die Nase z.; er zog die frische Luft tief in die Lungen; /bildl./ Ein alter Kahn, der Wasser zog (leck war) Welk Grambauer 227; die Pflanzen z. Nahrung aus dem Boden an etw. z. an etw. saugen: an der Pfeife, an einem Strohhalm z.; dann zog einer allzu kräftig an der Zigarette Welk Hoher Befehl 137; laß mich mal an deiner Zigarette z. (einen Zug tun)!
11. Pflanzen anbauen, Tiere züchten(hat:) Gemüse, Blumen, Geflügel z.; Pflanzen aus Samen, Stecklingen z.; [er] zog schließlich aus ihnen [den Raupen] Schmetterlinge Sinn u. Form 1954; /übertr./ Ich ziehe ihn mir schon noch (ich werde ihn schon noch nach meinem Willen formen) H. Mann Brabach I 7
12. /dient in abgeblaßter Bedeutung mit einem Subst. häufig zur Umschreibung eines Verbalbegriffs(hat): Nutzen aus etw. z. (etw. für sich nützen) die Lehren aus etw. z. aus etw. lernen: um aus der Vergangenheit die für unsere Gegenwart und Zukunft lebensnotwendigen Lehren zu ziehen Becher 5,162 eine Folgerung aus etw. z. (etw. aus etw. folgern) das Fazit (aus etw.) z. (das Ergebnis feststellen, etw. zusammenfassen) aus etw. einen Schluß auf etw. z. aus etw. auf etw. schließen: falsche, übereilte Schlüsse z.; aus den täglichen Messungen der Temperatur zieht der Meteorologe einen Schluß auf das Wetter; Vergleiche, Parallelen z. zwischen etw. (etw. miteinander vergleichen) etw. ins Lächerliche z. (eine ernste Sache so behandeln, daß die anderen darüber lachen) etw. in Betracht z. (etw. berücksichtigen) etw. in Erwägung z. (erwägen) etw. in Mitleidenschaft z. (etw. zusammen mit anderem beschädigen, beeinträchtigen) etw. in Zweifel z. etw. bezweifeln: Bevorrechtung der Kirche und des Adels, alles das war jetzt in Zweifel gezogen Feuchtw. Goya 450 jmdn. ins Vertrauen z. (jmdn. in etw. einweihen) jmdn., etw. zu Rate z. (jmdn., etw. befragen, konsultieren) jmdn. wegen etw. zur Verantwortung z. (jmdn. wegen etw. verantwortlich machen)
13. sich auf verschiedenartige Weise irgendwohin begeben, fortbewegen(ist)
a) heimwärts, in die Fremde z.; sie z. (wandern) von einem Ort zum anderen auf Wache z. (die Wache übernehmen) Jägerspr. [das Rotwild] zieht … zu Holze (wechselt langsam zum Wald) Grenzpolizist 1959; der Dampfer zieht über das Meer; die Aale z. (schwimmen) flußaufwärts die Zugvögel z. (fliegen) nach dem Süden die Wolken z. (gleiten dahin) /übertr./ mancherlei Gedanken zogen (gingen) durch seinen Kopf geh. Jahr um Jahr zog ins Land (verstrich, verging) gegen jmdn., etw. zu Felde z. (vorgehen)
b) umg. seinen Wohnsitz ändern, umziehen: sie z. am 1. Oktober; [mein Vater] ist mit mir zu seiner … Schwester in die Stadt gezogen Rosegger 1,24 (Waldschulmeister)
14. etw. zieht (hat)
a) ein Gerät arbeitet, funktioniert: d. Maschine, Motor zieht einwandfrei; [die Bremsen] ziehen gut und zuverlässig Tageszeitung 1961
b) etw. läßt die nötige Luft durch, hat Zug: d. Zigarre, Pfeife zieht; Der Kamin zog schlecht G. Hartlaub Großer Wagen 225
15. (hat) d. Kaffee, Tee zieht ( das Kaffee-, Teewasser nimmt das Aroma auf) der Tee hat lange genug gezogen, muß noch z.;
16. umg. etw., jmd. zieht etw., jmd. macht Eindruck, hat Erfolg(hat:) d. Film, Theaterstück zieht; diese Ausrede zieht bei mir nicht; Ein jugendlicher Liebhaber, der verheiratet ist, zieht nicht, sagte mir ein Direktor Wildenhain Schauspieler 40; das hat gezogen (gewirkt)
17. umg. es zieht (jmdm.) es schmerzt (jmdn.)(hat:) es zieht (mir) im Rücken; ziehende Schmerzen in den Gliedern haben; sie verspürte ein leichtes Ziehen im Kreuz
18. umg. es zieht es entsteht Zugluft(hat:) hier zieht es; Tür zu, es zieht!; am Fenster zieht es stark; Es zog aus allen Ecken Böll Wort 38; salopp es zieht wie Hechtsuppe

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