vergehen

GrammatikVerb · verging, ist/hat vergangen
Aussprache
Worttrennungver-ge-hen (computergeneriert)
Grundformgehen
Wortbildung mit ›vergehen‹ als Erstglied: ↗Vergehung  ·  formal verwandt mit: ↗jüngstvergangen
eWDG, 1977

Bedeutungen

1.
mit Hilfsverb ›ist‹
dahinschwinden
a)
die Zeit vergeht (jmdm.)die Zeit geht (an jmdm.) vorüber, vorbei
Beispiele:
die Zeit verging (mir) im Fluge, wie im Fluge
selten ist mir ein Tag so langsam, schnell vergangen wie dieser
der Winter ist vergangen
wie (mir) die Zeit vergeht!
es vergingen viele Jahre, bevor er in die Heimat zurückkehrte
in den vergangenen (= letzten) Jahren
vergangene (= gestern) Nacht
ein Bekannter aus längst vergangener Zeit (= von früher)
b)
etw. vergeht (jmdm.)etw. schwindet (jmdm.), etw. lässt nach
Beispiele:
er trank, bis ihm die Sinne vergingen
ihm verging das Bewusstsein
bei diesem Gedanken können die schlimmsten Zahnschmerzen vergehen
umgangssprachlich bei diesem Gedanken kann einem der ganze Appetit vergehen
das Lachen, der Scherz, Spaß ist uns dabei sehr schnell vergangen
wenn ich das höre, vergeht mir die Lust
ist dir die Sprache vergangen? (= hat es dir die Sprache verschlagen?)
salopp, übertrieben
Beispiele:
vor Freude umarmte sie ihn, dass ihm Hören und Sehen verging (= umarmte sie ihn sehr, fest)
bei diesem Anblick verging mir Hören und Sehen (= wußte ich nicht, wie mir geschah)
2.
mit Hilfsverb ›ist‹
gehoben sterben, dahinscheiden
Beispiele:
mir war in diesem Augenblick, als müsste ich vergehen
Er verging an einem regenvollen Tage [A. ZweigElfenbeinfächer118]
die Stimme verging (= ging unter) in dem Gedonner von Luft und Wasser [Hausm.Abel81]
absterben
Beispiele:
viele Pflanzen vergehen im Herbst
das Werden und Vergehen in der Natur
sprichwörtlich Unkraut vergeht nicht (= einem Menschen wie mir, Leuten wie uns passiert nichts)
vor etw. vergehenvor etw. umkommen
Beispiele:
ich hätte vor Scham vergehen können
er vergeht vor Sehnsucht nach ihr
vor Ungeduld, Lange(r)weile, Heimweh vergehen
umgangssprachlich ich vergehe vor Hunger, Durst (= habe großen Hunger, Durst)
3.
mit Hilfsverb ›hat‹
sich vergehen
a)
sich gegen etw. vergehengegen etw. verstoßen, straffällig werden
Beispiele:
er hatte sich gegen die Gesetze des Landes vergangen
sich gegen die Vorschriften, guten Sitten vergehen (= die Vorschriften, guten Sitten übertreten)
sich an fremdem Eigentum vergehen (= fremdes Eigentum stehlen, sich an fremdem Eigentum bereichern)
b)
sich an jmdm. vergehenein Verbrechen, besonders ein Sittlichkeitsverbrechen, an jmdm. verüben
Beispiel:
er soll sich an einem Mädchen vergangen haben
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

gehen · abgehen · Abgang · angehen · aufgehen · Aufgang · ausgehen · Ausgang · begehen · eingehen · Eingang · entgehen · ergehen · hintergehen · übergehen · Übergang · untergehen · Untergang · vergehen · Vergehen · Vergangenheit · vorgehen · Vorgang · Vorgänger
gehen Vb. ‘sich zu Fuß fortbewegen’. Im Paradigma von nhd. gehen sind die Formen von zwei verschiedenen, nicht miteinander verwandten Verben vereinigt. Das gemeingerm. starke Verb ahd. gangan (8. Jh.), mhd. gangen, asächs. aengl. gangan, mnl. ganghen, anord. ganga, got. gaggan gehört zu den reduplizierenden Verben und ist vielleicht als Rückbildung aus einem jan-Verb germ. *gangjan (vgl. ahd. zigengen ‘zergehen machen, vernichten’, um 1000, mhd. gengen ‘gehen machen, losgehen’, aengl. gengan ‘gehen, reisen, reiten’) anzusehen. Es ist verwandt mit ↗Gang (s. d.) und außergerm. mit aind. jáṅghā ‘Unterschenkel’, jáṁhaḥ ‘Flügel, Schwinge’, lit. žeñgti ‘schreiten, gehen’ und vielleicht griech. kochṓnē (κοχώνη) ‘Stelle zwischen den Schenkeln, Hinterbacke’. Erschließbar ist ie. *g̑hengh- ‘schreiten, Schritt, Schenkelspreize, Schamgegend’. Auf dieses durch ahd. gangan vertretene Verb gehen das Prät. (ging) und das Part. Prät. (gegangen) von nhd. gehen zurück. Daneben steht gleichbed. ahd. gān (8. Jh.) und (zunächst nur bair. und frk.) gēn (8. Jh.), mhd. gān, gēn, asächs. -gān, mnd. aengl. gān, engl. to go, mnl. gaen, nl. gaan, anord. aschwed. , krimgot. geen, das ahd. nur durch den Infinitiv und athematisch gebildete Präsensformen (gām, gās(t), gāt usw. neben gēm, gēs(t), gēt usw.) belegt ist (vgl. aber aengl. Part. Prät. gegān), die Infinitiv und Präsens des nhd. Verbs gehen ergeben haben. Dieses Verb verbindet sich mit griech. (homerisch) kichā́nein (κιχάνειν) ‘erreichen, erlangen, antreffen’, aind. jíhītē ‘springt auf, begibt sich zu’ und führt auf eine Wurzel ie. *g̑hē-, *g̑hēi- ‘leer sein, fehlen, verlassen, fortgehen’, dann auch ‘gehen’, wobei eine Identität mit ie. *g̑hēi-, *g̑hē- ‘gähnen, klaffen, offenstehen’ erwogen wird (s. ↗gähnen), da sich ‘fortgehen’ aus ‘klaffend abstehen’ entwickelt haben kann. abgehen Vb. ‘sich entfernen, fehlen, sterben, abschreiten’, ahd. abagangan, -gān ‘aufhören, vergehen’ (um 1000), mhd. abegān ‘abnehmen, etw. versagen, fehlen’; Abgang m. ‘Weggang, Tod, Weg nach unten’, mhd. abeganc ‘das Hinabgehen, ein hinabführender Weg, Mangel, Abfall’. angehen Vb. ‘beginnen, betreffen, um etw. bitten’, ahd. anagangan, -gān, -gēn (um 800), mhd. anegān ‘anfangen, hineingehen, folgen, angreifen’. aufgehen Vb. ‘sich öffnen, emporsteigen, sichtbar werden’, ahd. ūfgangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. ūfgān, -gēn ‘aufgehen, sich erheben, entstehen, gedeihen’; Aufgang m. ‘Erscheinen, Weg nach oben, Treppe’, ahd. ūfgang (8. Jh.), mhd. ūfganc. ausgehen Vb. ‘fortgehen, sich aufbrauchen, enden, abzielen auf etw.’, ahd. ūʒgangan, -gān, -gēn ‘hinausgehen, aufhören’ (8. Jh.), mhd. ūʒgān, -gēn ‘heraus-, hervorgehen, über die Ufer treten, zu Ende gehen, sich verlieren’; Ausgang m. ‘das Hinausgehen, Schluß, Ende, Weg nach außen’, ahd. ūʒgang (um 800), mhd. ūʒganc ‘das Herausgehen, Ausgang, Ende’. begehen Vb. ‘besichtigen, entlanggehen, feiern’, ahd. bigangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. begān, -gēn ‘erreichen, antreffen, sorgen um etw., feiern, zu Grabe geleiten’. eingehen Vb. ‘hineingehen, eintreffen, sich mit etw. oder jmdm. beschäftigen, kleiner werden, schrumpfen, aufhören zu existieren’, ahd. ingangan, -gān, -gēn ‘hineingehen, ein-, betreten, eindringen, überfallen’ (8. Jh.), mhd. īngān, asächs. mnd. ingān, got. inngaggan. Eingang m. ‘Öffnung, Tür, Ankunft, Weg nach innen’, ahd. ingang (8. Jh.), mhd. īn-, inganc. entgehen Vb. ‘entkommen, nicht bemerkt werden’, ahd. intgangan, -gān, -gēn (9. Jh.), mhd. engān, -gēn ‘entkommen, fortgehen, verlorengehen, sich entziehen’. ergehen Vb. ‘angeordnet werden’, reflexiv ‘spazierengehen’, auch unpersönlich mir ergeht es gut, schlecht, ahd. irgangan, -gān, -gēn (9. Jh.), mhd. ergān, -gēn ‘zu gehen beginnen, kommen, geschehen, sich ereignen, einholen, zu Ende gehen’. hintergehen Vb. ‘betrügen, täuschen’, spätmhd. hindergān ‘von hinten herangehen, überfallen, betrügen’. übergehen Vb. ‘nicht beachten, übersehen, überlaufen, überfließen’, ahd. ubargangan, ubar(i)gān ‘überströmen, hinübergehen’ (8. Jh.), mhd. übergān, -gēn ‘übergehen, -fließen, vorübergehen, über etw. gehen, überfallen, übertreten’; Übergang m. ‘überführender Weg, das Überschreiten, Wechsel’, ahd. ubargang ‘das Herausgehen, Abweichung, Verderben, Seuche, Pest’ (8. Jh.), frühnhd. übergang ‘das Hinübergehen, Durchgang, Stelle, wo man hinübergeht’ (15. Jh.). untergehen Vb. ‘zugrunde gehen, versinken’, ahd. untargangan, -gān, -gēn (um 800), mhd. untergān, -gēn ‘dazwischentreten, überkommen, befallen, versperren’; Untergang m. ‘das Zugrundegehen, Scheitern, Sinken’, ahd. untargang (9. Jh.), mhd. underganc ‘Verderben, Sinken (der Sonne), Unterwerfung, Schiedsgericht’. vergehen Vb. ‘aufhören zu existieren, vorbeigehen, verstreichen’, reflexiv ‘gegen eine Norm verstoßen, ein Verbrechen an jmdm. ausführen’, ahd. firgangan, -gān, -gēn ‘vorwärtsgehen, verstreichen’ (9. Jh.), mhd. vergān, -gēn, auch ‘übergehen, meiden, auseinandergehen, sich verirren’; Vergehen n. ‘zu bestrafende Handlung, Verbrechen’ (18. Jh.), vgl. mhd. vergān ‘das Vorübergehen, Hinweggehen’; Vergangenheit f. ‘zurückliegende, verflossene Zeit’ (18. Jh.), in diesem Sinne grammatischer Terminus für Zeitformen des Verbs, die ein Geschehen oder Sein als vergangen darstellen (19. Jh.), vgl. di vergangen zeit (um 1400), die verlauffene Zeit (Anfang 17. Jh.). vorgehen Vb. ‘vorwärtsgehen, nach vorn gehen, den Vorrang haben, sich ereignen’, ahd. foragangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. vor-, vürgān ‘vorangehen, übertreffen’; Vorgang m. ‘Ereignis, Ablauf eines Geschehens, in den Akten festgehaltener Fall’, mhd. vor-, vürganc ‘das Vorausgehende, Einleitung, Vortritt, Fortschritt, Erfolg’; Vorgänger m. ‘in Amt oder Stellung Vorangegangener’, spätmhd. vorganger, -genger.

Thesaurus

Synonymgruppe
(Zeit) ins Land gehen · (Zeit) ins Land ziehen · ↗(Zeit) verfließen · ↗ablaufen · vergehen · ↗verlaufen · ↗verstreichen · ↗vorbeigehen  ●  ↗verrinnen (lit.)  geh.
Assoziationen
Synonymgruppe
nicht für die Ewigkeit (sein) · vergehen · ↗vorbeigehen · ↗vorübergehen · zu Ende gehen · zum Ende kommen  ●  ↗(sich) legen  ugs.
Synonymgruppe
dahingehen · ↗schwinden · vergehen · ↗zergehen  ●  ↗schmelzen  fig. · schmelzen wie Schnee an der Sonne  fig. · ↗zerschmelzen  fig. · ↗dahinschmelzen  geh., fig. · ↗dahinschwinden  geh. · weniger werden  ugs.
Synonymgruppe
(etwas) sehnlichst vermissen · (inständig) verlangen (nach) · (sich) sehnen (nach) · (sich) verzehren nach · fiebern nach · ↗gieren (nach) · ↗lechzen (nach) · ↗schmachten (nach) · vergehen (nach) · ↗verschmachten (nach)  ●  ↗dürsten (nach)  geh., poetisch
Assoziationen
Synonymgruppe
(jemandem) ausgetrieben werden · vergehen · ↗verlieren

Typische Verbindungen
computergeneriert

Appetit Hören Jahr Jahrzehnt Lachen Lust Lächeln Minute Monat Sehen Sekunda Sekunde Spaß Stunde Tag Unkraut Vergangenheit Vierteljahrhundert Viertelstunde Weile Woche Zeit bis dahin kaum langsam mindestens noch schnell wie im Fluge

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›vergehen‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Die Zeit sei furchtbar schnell vergangen, hatte Reed noch jüngst in einem Interview gesagt.
Die Zeit, 28.10.2013, Nr. 44
Von der halben Stunde, die er mitgebracht hatte, waren schon zweieinhalb Minuten vergangen.
Düffel, John von: Houwelandt, Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag 2004, S. 78
Inzwischen waren zehn Tage vergangen und es war nichts geschehen.
o. A.: Einhundertsechsundvierzigster Tag. Dienstag, 4. Juni 1946. In: Der Nürnberger Prozeß, Berlin: Directmedia Publ. 1999 [1946], S. 23113
Mehrere Jahre vergingen über der Aufnahme der Bilder, die ich zum Teil persönlich leiten mußte.
Bode, Wilhelm von: Mein Leben, 2 Bde. In: Simons, Oliver (Hg.) Deutsche Autobiographien 1690-1930, Berlin: Directmedia Publ. 2004 [1930], S. 2040
Und ich sah das Meer und Dinge, die lange vergangen waren.
Stadler, Arnold: Sehnsucht, Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag 2002, S. 251
Zitationshilfe
„vergehen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/vergehen>, abgerufen am 21.07.2019.

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