unverstanden

GrammatikAdjektiv · Komparativ: unverstandener · Superlativ: am unverstandensten
Aussprache
Worttrennungun-ver-stan-den
Duden GWDS, 1999 und DWDS, 2019

Bedeutungen

1.
sich mit seinen Ansichten, Problemen o. Ä. von anderen nicht verstanden fühlend
entsprechend der Bedeutung von verstehen1 (Lesart 2 b)
Beispiele:
Ich war ja selbst mal jung und kann mich noch gut an das Gefühl erinnern, mich unverstanden zu fühlen. [Welt am Sonntag, 06.05.2018, Nr. 18]
Immer mehr Bürger [in Österreich] fühlen sich unverstanden und missachtet, sie wenden sich von der Demokratie, den politischen Parteien und ihren Protagonisten ab, sie sind verunsichert, apathisch, enttäuscht. [Süddeutsche Zeitung, 21.04.2017]
[…] [Den narzisstischen Menschen] fehlt jede Empathie für andere, sie werden schnell aggressiv, wenn sie sich subjektiv beleidigt fühlen. Diese charakterliche Struktur führt häufig dazu, dass Narzissten immer stärker in soziale Isolation geraten. Sie fühlen sich, besonders in kleinen Städten und Dörfern, als unverstandene Außenseiter, gleiten in Racheträume und Gewaltfantasien ab. [Die Zeit, 25.06.2015, Nr. 26]
Wie kaum ein anderer Künstler verkörpert [der Maler] René Magritte heute den magischen, surrealistischen Zweig der Moderne. Er ist einer der populärsten, meistreproduzierten, vielleicht auch einer der unverstandensten Künstler des Jahrhunderts. [Berliner Zeitung, 21.11.1998]
Im Oktober 1948 äußerte [der Schriftsteller Thomas Mann] […] eine doch verblüffende Ansicht: »Die Deutschen, besonders natürlich die deutschen Literaten, haben mich nie richtig gesehen.« Wenn ihn die Deutschen nicht richtig gesehen haben – wer dann? Thomas Mann, der unverstandene Schriftsteller? [Der Spiegel, 16.07.1990]
Kollokationen:
als Adjektivattribut: ein unverstandener Außenseiter, Teenager, Künstler; ein unverstandenes Genie, Kind
mit Adverbialbestimmung: jmd. ist weithin, letztlich, oft unverstanden
als Adverbialbestimmung: sich unverstanden fühlen
in Koordination: unverstanden und einsam
2.
von Menschen, auch Experten und Wissenschaftlern (noch) nicht (vollständig) verstanden, begriffenQuelle: DWDS, 2018
entsprechend der Bedeutung von verstehen1 (Lesart 2 a)
Beispiele:
»Die [Alzheimer verursachenden] Proteinablagerungen im Gehirn sind ein extrem komplizierter und weitgehend noch unverstandener Prozess, den viele Komponenten beeinflussen«, erklärt [der Mediziner] […]. [Die Welt, 15.02.2018]
Als wahrscheinlicher gilt derzeit jedoch, dass es durch das [Zika-]Virus tatsächlich mehr Fehlbildungen gibt. Dennoch sind viele Aspekte unverstanden. Nicht bei jedem Kind, dessen Mutter in der Schwangerschaft eine Zika-Infektion durchgemacht hat, kommt es zu Fehlbildungen. [Süddeutsche Zeitung, 30.01.2016]
Der Forschungszweig [der sich mit photochemischen Reaktionen von Festkörpern befasst] ist allerdings vergleichsweise jung, die Spielregeln und Bedingungen, nach denen solche Reaktionen ablaufen, sind weitgehend noch unverstanden. [C’t, 2001, Nr. 8]
[…] [Das Buch] bietet überzeugende Deutungen zahlreicher bisher unverstandener und deshalb für unhistorisch gehaltener archaischer Gesetze [im antiken Grichenland], die nun wieder stärker als Festschreibung bestehender sozialer Normen und Sanktionen erscheinen. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2004]
[…] [Der Philosoph Hans-Georg Gadamer] spricht von einem Sein, das verstanden werden kann. Dieses »kann« erinnert uns daran, dass das, was grundsätzlich verstehbar ist, noch lange nicht verstanden ist. Denn Gadamers Leitsatz ist vollkommen damit vereinbar, dass vieles, womit wir handelnd und erkennend zu tun haben, unerkannt ist – und dauerhaft unverstanden bleibt. [Die Zeit, 09.03.2000, Nr. 11]
Kollokationen:
als Adjektivattribut: ein unverstandener Prozess; eine unverstandene Krankheit; ein unverstandenes Phänomen
mit Adverbialbestimmung: etw. ist bisher, weitgehend, vielfach, letztlich [noch] unverstanden
3.
nicht deutlich zu hören, akustisch nicht zu verstehenQuelle: DWDS, 2018
entsprechend der Bedeutung von verstehen1 (Lesart 1)
Beispiele:
Amerikanische Tanz- und Unterhaltungsmusik der 20er bis 40er Jahre beschallt das große Foyer der Philharmonie, wo André Frank & His Orchestra […] gegen ein beständiges Geräuschfeld aus vielen Gesprächen vieler Menschen und eine miserable Akustik anmusizieren. Ansagen bleiben unverstanden und der Gesang […] im vagen Niemandsland[…]. [Der Tagesspiegel, 07.07.1998]
Wo Menschen bei wiederholt unverstandener Mitteilung die Stirn kraus ziehen, die Stimme lauter werden lassen oder die Mitteilung gereizt dehnen – »Ich bin vohohol!« –, bleiben die Apparate geduldig, repetieren, rapportieren und apportieren sie nur. Also ward auch die Mitteilung des Privatcomputers, sein Postfach sei voll, dem Privatcomputer wieder zugestellt[…] bis sie nach einer ahnungslos verbrachten Urlaubswoche 135.722mal eingegangen war. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2001]
Ich lauschte [im Leipziger Hauptbahnhof] nach der leiernden, sächselnden Lautsprecherstimme, die sich immer unverstanden im größten Sackbahnhof Europas verlor[…]. [Die Zeit, 20.05.1998, Nr. 22]
Was hätte Carl Joseph nicht gern verlassen mögen? Dieses Fenster vielleicht, den Blick in die Mannschaftsstuben gegenüber, die Mannschaften selbst, wenn sie auf den Betten hockten, den wehmütigen Klang ihrer Mundharmonikas und die Gesänge, die fernen Lieder, die wie ein unverstandenes Echo ähnlicher Lieder klangen, die von den Bauern […] gesungen wurden! [Roth, Joseph: Radetzkymarsch, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1978 [1932], S. 145]
scherzhaft […] [Der Mann aus der Oberlausitz in Sachsen] fühlt sich oft unverstanden. Sogar in seinem eigenen Bundesland, in Sachsen. […] [Er] spricht starken [Oberlausitzer] Dialekt, aber Sächsisch ist es nicht, auch wenn viele Fremde glauben, Sachsen klinge überall gleich. [Die Zeit, 29.05.2017 (online)]
Zitationshilfe
„unverstanden“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/unverstanden>, abgerufen am 21.07.2019.

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