sozialisieren

GrammatikVerb · sozialisierte, hat sozialisiert
Aussprache
Worttrennungso-zi-ali-sie-ren · so-zia-li-sie-ren
HerkunftLatein
Wortzerlegungsozial-isieren
Wortbildung mit ›sozialisieren‹ als Erstglied: ↗Sozialisierung  ·  mit ›sozialisieren‹ als Letztglied: ↗resozialisieren
Duden GWDS, 1999

Bedeutungen

1.
Wirtschaft von privatem in gesellschaftlichen, staatlichen Besitz überführen; verstaatlichen, vergesellschaften
2.
Soziologie, Psychologie jmdn. in die Gemeinschaft einordnen, zum Leben in ihr befähigen
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

sozial · asozial · Sozialismus · Sozialist · sozialistisch · sozialisieren
sozial Adj. ‘das Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft betreffend, gesellschaftlich, gemeinschaftlich, der Allgemeinheit verbunden’, auch ‘die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer bestimmten Klasse, Schicht, Gruppe in der Gesellschaft, seine wirtschaftliche Situation sowie die ökonomische und politische Struktur der Gesellschaft betreffend’. Entlehnung (18. Jh.) von frz. social, lat. sociālis ‘die Gesellschaft betreffend, gemeinschaftlich, gesellig’, abgeleitet von lat. socius ‘gemeinsam’ (s. ↗Sozius). Frz. social, zu Beginn des 17. Jhs. in der Bedeutung ‘gesellig’, wird im 18. Jh. bei den Enzyklopädisten, die in der Tradition der Naturrechtler (Grotius, Pufendorf) stehen, im Sinne von ‘auf die Beziehungen des Zusammenlebens gerichtet, der Gemeinschaft verbunden und ihr dienend’ zum Ausdruck einer natur- und vernunftgemäßen Moral, die das menschliche Zusammenleben prägt. Der Gebrauch des Adjektivs durch die Physiokraten setzt es in Beziehung zur Wirtschaft, bei Saint-Simon entwickelt es sich zum Gegensatz von frz. individuel, im weiteren erhält es im Hinblick auf eine Lösung ökonomisch bedingter gesellschaftlicher Gegensätze den Sinn ‘durch Beseitigung überkommener Privilegien den gesellschaftlich und wirtschaftlich Benachteiligten stützend’. Im Dt. begegnet sozial als selbständiges Adjektiv zuerst Anfang 19. Jh. (Schelling, Goethe), während die im Jahre 1800 erschienenen Übersetzungen von RousseausContrat social“ dafür gesellschaftlich, Gesellschafts- oder öffentlich als Äquivalent benutzen. Erst in Zusammenhang mit dem nach 1830 merkbar eindringenden revolutionären französischen Ideengut bürgert sich sozial im Dt. ein und wird zum politischen Schlagwort, vgl. soziale Frage, soziale Verhältnisse, soziales Leben, soziale Idee, soziale Reform (19. Jh.). Ältere Komposita wie Social(zu)stand, Socialgesetz (Ende 18. Jh.) dürften dagegen auf einer früheren, direkten Entlehnung aus dem Lat. beruhen. asozial Adj. ‘die Gesellschaft schädigend, gesellschaftliche Bindungen ablehnend, sich nicht in die Gemeinschaft einfügend’, gelehrte Bildung (Anfang 20. Jh.) zu sozial mit verneinendem a- (griech. ἀ- privativum). Sozialismus m. ‘erste Entwicklungsstufe der sozialökonomischen Gesellschaftsformation des Kommunismus’ sowie ‘Lehre vom Aufbau und der Entwicklung der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft’, latinisierte Übernahme (1839) von frz. socialisme. Die Substantivbildung steht zunächst für jede Lehre, die das gesellschaftliche Zusammenleben durch Beseitigung extremer Gegensätze neu ordnen will. Die frz. Bezeichnung ist zuerst 1831 in philosophisch-theologischem Zusammenhang belegt, gewinnt danach (1840) unter engl. Einfluß an Verbreitung, vgl. engl. socialism (1837), geprägt anstelle der alten Bezeichnung Owenism. Der Ausdruck wird sowohl für die Theorie und das System Owens als auch für alle sozialen Systeme und Bestrebungen (einschließlich der historischen), die diesem nahe stehen, also auch für die Vorstellungen Fouriers und Saint-Simons verwendet, dann umfassend für alle Lehren, die eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse anstreben. 1842 wird Sozialismus im Sinne von ‘Sozial- oder Gesellschaftswissenschaft’ gebraucht, muß aber dem neuen Terminus ↗Soziologie (s. d.) weichen. 1843 wird Sozialismus von Engels, 1845 von Marx und Engels im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen über die Zeitströmungen aufgenommen. Um eine Abgrenzung von utopischen Theorien vorzunehmen, prägt Grün 1845 den Ausdruck wissenschaftlicher Sozialismus, der später durch Engels („Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“) eine theoretische Begründung erhält. Der heutige Bedeutungsinhalt (s. oben) bildetsich im Laufe der geschichtlichen Entwicklung der Arbeiterbewegung heraus. Sozialist m. ‘Anhänger und Vertreter des Sozialismus und sozialistischen Gedankenguts’, Übernahme (1840) von engl. socialist (1822), ‘Anhänger Owens’ (1827), dann ‘Vertreter ähnlicher Ideen außerhalb Englands’ (z. B. in Frankreich), vgl. frz. socialiste (1830). Älter ‘Vertreter des Naturrechts’ (Ende 18. Jh.). sozialistisch Adj. ‘den Sozialismus betreffend’ (1839), engl. socialistic; zuvor ‘die Naturrechtslehre betreffend’ (socialistisches System, 1802). sozialisieren Vb. ‘zu einer Gemeinschaft zusammenschließen, humanisieren’ (vor Mitte 19. Jh.), ‘(Individuen) in die Gesellschaft eingliedern’ (Anfang 20. Jh.), dann ‘private Industrie verstaatlichen’ (um 1920); frz. socialiser.

Thesaurus

Synonymgruppe
enteignen · in Gemeineigentum überführen · ↗kollektivieren · ↗nationalisieren · sozialisieren · ↗vergesellschaften · ↗verstaatlichen
Synonymgruppe
eingliedern · ↗einordnen · ↗erziehen · ↗integrieren · sozialisieren

Typische Verbindungen
computergeneriert

DDR Ertrag Generation Kohle Kosten Last Milieu Nutzen Risiko Schade Umfeld Umwelt Verlust aufwachsen gebären privatisieren

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›sozialisieren‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Allenfalls greift man auf sie zurück, wenn es gilt, private Verluste zu sozialisieren.
Die Zeit, 29.08.2011, Nr. 35
Man spiele in die Hände der Kommunisten, wenn man dazu beitrage, ein Land zu sozialisieren.
Archiv der Gegenwart, 2001 [1957]
Statt die neuen Massen akademisch zu sozialisieren, wurden die Unis zu Massenuniversitäten.
Schwanitz, Dietrich: Bildung, Frankfurt a. M.: Eichborn 1999, S. 24
Sie jagten die kapitalistischen Unternehmer davon, sozialisierten die Bergwerke und vereinigten sich international.
Ginster [d.i. Siegfried Kracauer]: Gesellschaft 1920. In: Kesten, Hermann (Hg.) 24 neue deutsche Erzähler, Leipzig u. a.: Kiepenheuer 1983 [1929], S. 209
Die halbstaatlichen Betriebe im industriellen Sektor sind im Jahr 1972 sozialisiert, d.h. in Volkseigentum überführt worden.
Zimmermann, Hartmut (Hg.): DDR-Handbuch - B. In: Enzyklopädie der DDR, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1985], S. 9282
Zitationshilfe
„sozialisieren“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/sozialisieren>, abgerufen am 18.10.2019.

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