sichten

GrammatikVerb · sichtete, hat gesichtet
Aussprache
Worttrennungsich-ten
Wortbildung mit ›sichten‹ als Erstglied: ↗Sichtung
eWDG, 1976

Bedeutungen

1.
etw., jmdn. (in größerer Entfernung) erblicken, erspähen
Beispiele:
Land, ein Schiff, einen Eisberg sichten
der Pilot eines Hubschraubers sichtete die Schiffbrüchigen
die ersten aus dem Süden zurückgekehrten Störche wurden gesichtet
der flüchtige Täter ist von mehreren Personen in verschiedenen Bars gesichtet worden
2.
eine größere Menge, Anzahl unter einem bestimmten Gesichtspunkt prüfend, auswählend, ordnend durchsehen
Beispiele:
eine Sammlung, Kartei sichten
Akten, Dokumente, Manuskripte sichten
jmds. (literarischen) Nachlass sichten
der Staatsanwalt sichtet das umfangreiche Belastungsmaterial
von Menschen
Beispiel:
Inzwischen hatten sich weitere Bewerber um die vielbegehrte Stellung gemeldet. Sie mußten gesichtet werden [H. FranckJ. S. Bach399]
übertragen
Beispiele:
überlieferte Methoden, Theorien kritisch (auf ihre Brauchbarkeit) sichten
die Literatur einer bestimmten Epoche vom marxistischen Standpunkt aus sichten
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Sicht · sichtbar · sichtig · durchsichtig · kurzsichtig · umsichtig · weitsichtig · sichtlich · sichten1 · besichtigen · Besichtigung
Sicht f. ‘Fähigkeit zu sehen, Sehweite, Ausblick’, auch ‘Betrachtungsweise’, ahd. (9. Jh.), mhd. siht ‘das Sehen, Ansehen, Anblick’, mnd. mnl. sicht, nl. zicht, aengl. -siht, sihþ, engl. sight sind westgerm. Abstraktbildungen (germ. *sihwti-) zu dem unter ↗sehen (s. d.) behandelten Verb. Als Übersetzung von ital. a vista begegnen in der mnd. Handelssprache der Hanse Wendungen wie na gesichtes myns weselbreyffs (‘nach Vorlage meines Wechsels’) betalen (15. Jh.), (Wechsel) up sichtt (bezahlen), 8 dage nae sichtte der handtt schryfft (16. Jh.), dann auch im Hd. nach Sicht des Wechselbrieffs (16. Jh.). Daraus entwickelt sich im 17. Jh. die Bedeutung ‘Laufzeit (eines Wechsels)’, und es entsteht formelhaftes auf lange, auf kurze Sicht ‘für lange, für kurze Zeit’ (17. Jh.). In der Seemannssprache gilt mnd. sicht m. für ‘Sehweite’; es geht in diesem Sinne im 19. Jh. in die Literatursprache ein, vgl. in, außer, ohne Sicht (ohne erkennbares Genus, aber als Fem. aufgefaßt). S. ↗Gesicht; für -sicht in Abstraktbildungen zu Verbalkomposita (An-, Aufsicht usw.) s. ↗sehen. sichtbar Adj. ‘was zu sehen ist’ (16. Jh.). sichtig Adj. ‘hell, klar’ vom Wetter (um 1800 aus der nd. Seemannssprache); vgl. ahd. gisihtīg (um 1000), mhd. sihtec, sihtic, nhd. (bis ins 17. Jh.) sichtig ‘sichtbar, wahrnehmbar, deutlich’; heute nur noch in Zusammensetzungen wie durchsichtig Adj. ‘so beschaffen, daß man hindurchsehen kann’, übertragen ‘zart, blaß, leicht durchschaubar’, ahd. thuruhsihtīg (um 1000), mhd. durchsihtec; kurzsichtig Adj. ‘Sehschärfe nur für die Nähe besitzend, nicht vorausdenkend’ (18. Jh.); umsichtig Adj. ‘bedachtsam, überlegt’, mhd. umbesihtic; weitsichtig Adj. ‘weit sichtbar, weitblickend’ (16. Jh.), ‘Sehschärfe nur für die Ferne besitzend’ (18. Jh.). sichtlich Adj. ‘offenkundig, deutlich’, mhd. sihtlich ‘was gesehen werden kann, sichtbar, leibhaftig’. sichten1 Vb. ‘erblicken’ (19. Jh.), Übernahme aus der nd. Seemannssprache. besichtigen Vb. ‘in Augenschein nehmen, genau ansehen’ (15. Jh.), älter besichten (Anfang 15. Jh.); Besichtigung f. ‘das genaue Ansehen, Inspizieren’ (15. Jh.).

sichten2 Vb. ‘prüfend auswählen’. Seit dem 15. Jh. belegtes mnd. sichten ‘sieben’ wird im 16. Jh. in seiner eigentlichen wie in der übertragenen Bedeutung ‘auswählen’ durch Luther (vgl. der Satanas hat ewer begert, das er euch möcht sichten, wie den weitzen Luk. 22, 31) in die hd. Literatursprache aufgenommen. Das westgerm. Verb aengl. siftan, engl. to sift, mnl. siften, nl. ziften und, mit cht gegenüber ft, mnd. mnl. sichten, nl. (mundartlich) zichten gehört (mit grammatischem Wechsel) zu dem unter ↗Sieb (s. d.) abgehandelten Substantiv und bedeutet ursprünglich ‘durch ein Sieb hindurchschütten und dadurch von fremden Bestandteilen reinigen’.

Thesaurus

Synonymgruppe
beschauen · ↗durchsehen · ↗inspizieren · sichten · ↗untersuchen
Assoziationen
Synonymgruppe
(sich) anschauen · ↗(sich) ansehen · (sich) umschauen bei · ↗(sich) umsehen · sichten

Typische Verbindungen
computergeneriert

Akte Aktenordner Archiv Archivmaterial Bestand Beweismaterial Bewerbung Dokument Filmmaterial Finnwal Hai Jury Krokodil Küste Material Nachlaß Talent Unterlage Videomaterial Wal Wrack Wrackteil auswerten gewichten katalogisieren ordnen sieben sortieren Ölflecken Ölteppich

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›sichten‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Doch ehe er sie hinauftransportierte, wollte er den gesamten Inhalt sichten.
Glavinic, Thomas: Die Arbeit der Nacht, München Wien: Carl Hanser Verlag 2006, S. 226
In diesem Jahr hat er keinen einzigen Film mehr gesichtet.
Der Tagesspiegel, 13.05.2004
Frauen übrigens sichtet man selten, allenfalls in männlicher Begleitung, doch gelingt es ihnen kaum einmal, glaubwürdig Interesse zu zeigen.
Die Welt, 22.12.2003
Die Presse sichtete er morgens zuallererst, damit begann seine Arbeit.
Neutsch, Erik: Spur der Steine, Halle: Mitteldeutscher Verl. 1964 [1964], S. 1045
Die bewegenden Probleme der Welt galt es, nach dem Standpunkt internationaler Kenntnis, zu sichten.
Meisel-Hess, Grete: Die Intellektuellen. In: Deutsche Literatur von Frauen, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1911], S. 10964
Zitationshilfe
„sichten“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/sichten>, abgerufen am 19.10.2019.

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