neigen

GrammatikVerb
Aussprache
Worttrennungnei-gen (computergeneriert)
Wortbildung mit ›neigen‹ als Erstglied: ↗Neigetechnik  ·  mit ›neigen‹ als Letztglied: ↗herabneigen · ↗hinabneigen · ↗hinneigen · ↗hinüberneigen · ↗vorneigen · ↗vornüberneigen · ↗zuneigen · ↗zurückneigen
 ·  mit ›neigen‹ als Grundform: ↗geneigt · ↗verneigen
Dieser Eintrag war DWDS-Artikel des Tages am 09.08.2019.
eWDG, 1974

Bedeutungen

1.
etw., sich aus der senkrechten oder waagerechten Stellung in eine schräge Lage bringen, etw., sich schräg stellen
a)
etw., sich senken
Beispiele:
ein Fass, die Kiste neigen
die körnerschweren Halme neigen ihre Ähren
die Blumen neigen ihre Kelche
den Kopf leise neigen
sie neigte grüßend den Kopf
den Kopf auf die Brust neigen
der Baum neigte seine Zweige bis zur Erde
eine geneigte (= schräg abfallende) Ebene
ein sanft geneigter Hang
ich grüßte sie mit einem Neigen des Kopfes
sich neigen
Beispiele:
die Wand hat sich geneigt
der Weg neigt sich abwärts
hier neigt sich das Gelände (= fällt es ab)
die Wiese neigt sich zum Fluss
das Bootsdeck neigt sich links bis zum Wasserspiegel
die Waagschale neigt sich (= sinkt)
die Sonne, der Mond neigt sich tiefer, bis zum Untergang
b)
etw., sich gegen, nach, zu etw., jmdm. neigenetw., sich gegen, nach, zu etw., jmdm. wenden
Beispiele:
er neigte sein Ohr lauschend gegen die Tür
die Magnetnadel neigt sich (= zeigt) nach Osten
er neigte sich zu mir
sie hielt den Kopf zur Seite geneigt
veraltet jmdm. etw. neigen
Beispiel:
Ach neige, / Du Schmerzenreiche, / Dein Antlitz gnädig meiner Not! [GoetheFaustI 3587]
c)
etw., sich über etw., jmdn. neigenetw., sich über etw., jmdn. beugen
Beispiele:
er neigte die Stirn über das Buch
die Baumkronen neigten sich tief über den See
die Mutter neigt sich über ihr Kind
sich weit über das Geländer neigen
d)
gehoben sich vor jmdm. neigensich vor jmdm. verbeugen
Beispiele:
sich tief, ehrfurchtsvoll vor jmdm. neigen
der Gesandte neigte sich respektvoll vor dem Präsidenten
sich bis zur Erde neigen
2.
zu etw. neigeneine Veranlagung, einen Hang zu etw. haben
Beispiele:
zu Krankheiten, Fieber, zur Erkältung neigen
zur Vorsicht, Strenge, Pedanterie, Kritik neigen
sie neigen immer zum Extremen
zum Leichtsinn, Luxus, zur Oberflächlichkeit, Trägheit, Verschwendung, Trunksucht neigen
sein Stil neigt (= tendiert) zur Weitschweifigkeit
wir neigen zu der Ansicht (= wir nehmen an), dass unser Plan durchführbar ist
er neigt dazu (= er hat das Bestreben), schnell zu entscheiden, handeln
Damals wie heute ... neigt ja der Mensch dazu, die Schuld für seine Konflikte und Fehler bei anderen zu suchen [Diggelm.Hinterlassenschaft234]
3.
eine Zeitspanne neigt sicheine Zeitspanne läuft ab, geht bald zu Ende
Beispiele:
das Jahr, sein Leben neigt sich
der Krieg, Urlaub neigte sich zum Ende
gehoben der lange Sommerabend neigte sich zur Rüste
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

neigen · geneigt · abgeneigt · Neigung · Abneigung · Neige · verneigen · Verneigung · zuneigen · Zuneigung
neigen Vb. ‘beugen, schräg stellen, senken’, reflexiv ‘zu Ende gehen’. Das schwache Verb ahd. (h)neigen ‘neigen, senken, biegen, abwenden, beugen, unterwerfen’ (8. Jh.), mhd. neigen, asächs. gihnēgian, mnl. neighen, nl. neigen, aengl. hnǣgan, anord. hneigja, got. hnaiwjan ‘erniedrigen’ (germ. *hnaigwjan) kann entweder als Kausativum zum starken Verb (im Dt. bis 15. Jh. belegt) ahd. (h)nīgan ‘sich neigen (vor), sich niederbücken’ (8. Jh.), mhd. nīgen, asächs. aengl. hnīgan, mnd. nīgen, mnl. nīghen, nl. nijgen, anord. hnīga ‘sich neigen, sinken, fallen’, schwed. niga ‘knicksen’, got. hneiwan ‘sich neigen’ (germ. *hneigwan) oder als denominative jan-Ableitung zu dem in aengl. hnāg, hnāh ‘gebeugt, demütig’, got. hnaiws ‘niedrig, demütig’ vorliegenden Adjektiv angesehen werden. Außergerm. vergleichbar ist lediglich die Wortgruppe lat. nītī (nīs(s)us, (g)nīxus sum) ‘sich stemmen, stützen, sich in der Schwebe halten, steigen, klettern’, nictāre ‘zwinkern’, cōnīvēre ‘die Augen zudrücken, blinzeln’, so daß von ie. *kneigu̯h- ‘neigen, sich biegen’ ausgegangen werden kann. Dazu stellt sich mit Labialerweiterung ie. *kneib-, wozu anord. hnipinn ‘mißmutig, biegsam’, hnīpa ‘den Kopf hängen lassen, mißmutig sein’ und wohl auch lit. knìbti ‘zusammenknicken, zusammensinken’, kneĩbtis, kneĩptis ‘sich beugen, sich versenken, sich vertiefen’. geneigt Part.adj. ‘gewogen, zugetan’, in der Fügung geneigt sein, mhd. geneiget sīn; abgeneigt Part.adj. ‘nicht willens, frei von jeder Neigung, übel gesinnt’ (17. Jh.). Neigung f. ‘Zuneigung, freundschaftliche Gesinnung’, mhd. neigunge; dann auch ‘geneigte Haltung, Lage’ (2. Häfte 16. Jh.). Abneigung f. ‘ablehnende Haltung, Widerwille’ (17. Jh.), vgl. mhd. abeneigunge ‘Gefälle’. Neige f. ‘letzter Inhalt eines Gefäßes’ (Ende 15. Jh.), vor allem in der Wendung bis zur Neige ‘völlig, restlos’ und zur Neige gehen ‘dem Ende zugehen’ (Anfang 17. Jh.); vgl. mhd. neige ‘Biegung, Senkung, Tiefe, Ende’. verneigen Vb. reflexiv ‘sich verbeugen’ (17. Jh.); vgl. mhd. verneigen ‘herabbeugen, unterdrücken’; Verneigung f. ‘Verbeugung’ (Anfang 19. Jh.). zuneigen Vb. ‘hinwenden, eine Vorliebe haben’, reflexiv ‘Sympathie empfinden, sich hingezogen fühlen’, mhd. zuoneigen ‘hinwenden’; Zuneigung f. ‘das Hingewendetsein, Liebe’ (15. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
(sich) neigen · schief sein · schräg sein
Synonymgruppe
in eine Richtung deuten · neigen · ↗tendieren
Synonymgruppe
kippen · neigen · schräg stellen
Synonymgruppe
(sich) neigen · ↗(sich) senken · ↗abfallen · ↗einfallen · ↗entgleiten · ↗herabfallen · ↗herunterfallen · ↗herunterstürzen · ↗sinken · ↗stürzen · ↗verringern  ●  ↗bröckeln  ugs.
Synonymgruppe
meistens (tun) · neigen (zu) · ↗tendieren (zu)  ●  ↗pflegen (zu)  geh.
Assoziationen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Annahme Ansicht Auffassung Depression Extrem Gewalttätigkeit Haupt Hysterie Karosserie Kopf Kurve Schwäche Seite Selbstüberschätzung Vorsicht Waage Waagschale dazu eher entgegenneigen gelegentlich hinneigen leider manchmal offenbar ohnehin vorneigen zuneigen Überreaktion Übertreibung

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›neigen‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Unser Volk wird immer älter und wir neigen dazu, Risiken zu vermeiden.
Süddeutsche Zeitung, 21.05.2004
Und für gewöhnlich wird der Ton dabei nicht differenzierter, sondern neigt immer mehr zur Vereinfachung.
Der Tagesspiegel, 28.11.2003
Da neigst du dazu, dich unter dem Rock der Mutter zu verstecken.
Lebert, Benjamin: Crazy, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1999 [1999], S. 45
Der Kardinal zeigte sich öfters dem Orden geneigt, doch hat er wesentliche Erfolge für ihn nicht erringen können.
Jahresberichte für deutsche Geschichte, 1930, S. 338
Ich war geneigt, mit einem neuen System der Erkenntnisse aufzuwarten.
Mauthner, Fritz: Wörterbuch der Philosophie. In: Bertram, Mathias (Hg.) Geschichte der Philosophie, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1910], S. 23000
Zitationshilfe
„neigen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/neigen>, abgerufen am 19.08.2019.

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