nüchtern

GrammatikAdjektiv
Aussprache
Worttrennungnüch-tern (computergeneriert)
Wortbildung mit ›nüchtern‹ als Letztglied: ↗stocknüchtern  ·  mit ›nüchtern‹ als Grundform: ↗ernüchtern  ·  formal verwandt mit: ↗ausnüchtern
eWDG, 1974

Bedeutungen

1.
mit leerem Magen, ohne (am Morgen) gegessen zu haben
Beispiele:
nüchtern, mit nüchternem Magen zum Arzt kommen
die Arznei muss morgens nüchtern eingenommen werden
ich bin heute früh noch nüchtern
es ist schädlich, auf nüchternen Magen zu rauchen
umgangssprachlich, scherzhaft, bildlich
Beispiel:
das ist ein Schreck auf nüchternen Magen! (= das fehlte gerade noch!)
2.
durch Alkoholgenuss nicht beeinträchtigt
Beispiele:
er war noch, völlig, nicht ganz nüchtern
er bleibt stets nüchtern
man sah ihn selten in nüchternem Zustand
nüchtern am Steuer sitzen
Er trieb sich nicht mehr in den Krügen herum und kam selbst vom Wochenmarkt nüchtern nach Hause [Suderm.6,70]
3.
nur das Wesentliche berücksichtigend, sachlich
a)
nicht vom Gefühl beeinflusst
Beispiele:
etw., die Dinge nüchtern betrachten
eine Sache nüchtern und sachlich prüfen, einschätzen
die Lage nüchtern beurteilen
ein nüchtern denkender Mensch
eine nüchterne Überlegung, Selbsteinschätzung, Feststellung
eine nüchterne Darstellung der Ereignisse
er gab einen nüchternen Bericht
etw. mit nüchternen Worten sagen
ein nüchterner Stil
er ist ein nüchterner Rechner, Beobachter, Geschäftsmann
ihn leitet nur der nüchterne Verstand
die nüchterne (Arbeits)atmosphäre der Konferenz
die nüchternen (= bloßen, nackten) Tatsachen
auf dem Boden der nüchternen Wirklichkeit bleiben
b)
im Wesen phantasielos, trocken, schwunglos, zu sachlich
Beispiele:
ein nüchterner Pedant
Er war ein durch und durch nüchterner, phantasieloser, ausschließlich auf Naturalismus eingestellter Routinier [WintersteinLeben2,41]
c)
wenig Behaglichkeit, wenig Gemütlichkeit verbreitend, etwas kalt
Beispiele:
eine nüchterne Wohnungseinrichtung
ein nüchterner Raum
die Wand wirkt ohne das bunte Bild zu nüchtern
nüchterne Farben
ein nüchternes Licht
4.
würzlos im Geschmack, fade
Beispiele:
eine nüchterne Suppe, Mahlzeit
das Getränk schmeckt nüchtern
als sie noch einen Schuß Salz und eine Prise Pfeffer an den Salat getan hatte, weil er sonst zu nüchtern war [G. HermannGebert270]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

nüchtern · Nüchternheit · ausnüchtern · Ausnüchterung · ernüchtern · Ernüchterung
nüchtern Adj. ‘nicht gegessen und getrunken habend, mit leerem Magen, nicht betrunken’, übertragen ‘besonnen, leidenschaftslos, phantasielos’, ahd. nuohturn (10./11. Jh.; dazu die Weiterbildung nuohturnīn, um 1000, z. B. in nuohturnīn sīn ‘sich einer Sache enthalten’), mhd. nüehtern, auch schon ‘nicht betrunken’, mnd. nöchteren, mnl. nuchteren, nuchterne, nl. nuchter sind entlehnt aus lat. nocturnus ‘nächtlich’ (zu lat. nox, Genitiv noctis, s. ↗Nacht). Die vom Lat. abweichende Vokallänge erklärt sich durch Angleichung an die einheimischen Bezeichnungen für ‘Morgenfrühe, Dämmerung’ ahd. uohta (um 1000), mhd. uohte, uhte, nhd. (landschaftlich) Ucht, asächs. ūhta, mnd. uchte (verwandt mit Nacht). Es handelt sich wohl um ein in den Klöstern entstandenes Wort mit der Bedeutung ‘in der Morgendämmerung bestehend, frühmorgendlich, im Zustand des frühen Morgens befindlich’, d. h. ‘noch nichts gegessen und getrunken habend’, und zwar in der Zeit des der Nachtruhe folgenden Morgengottesdienstes vor Einnahme der Morgenmahlzeit. Nüchternheit f. (Anfang 15. Jh.). ausnüchtern Vb. ‘sich vom Zustand der Trunkenheit erholen’ (17. Jh.); Ausnüchterung f. (Mitte 19. Jh.). ernüchtern Vb. ‘sich nach reichlichem Essen, von einem Rausch erholen’, mhd. ernüchtern, ‘jmdn. aus einer gesteigerten Stimmung herausreißen’ (18. Jh.); Ernüchterung f. (2. Hälfte 19. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
amusisch · ↗dröge · ↗dürftig · ↗fantasielos · nüchtern · ↗phantasielos · ↗prosaisch · ↗trocken · ↗uninspiriert
Assoziationen
Synonymgruppe
auf nüchternen Magen · mit leerem Magen · nüchtern · ohne etwas gegessen oder getrunken zu haben · ↗ungefrühstückt
Synonymgruppe
klar · ↗kühl · machbarkeitsorientiert · nüchtern · ohne schmückendes Beiwerk · ↗pragmatisch · ↗ruhig · sachbetont · ↗sachlich · ↗schmucklos · ↗schnörkellos · ↗trocken · ↗vernünftig · ↗zweckmäßig
Assoziationen
Synonymgruppe
keinen Alkohol getrunken habend · nicht betrunken · nüchtern
Antonyme
Synonymgruppe
auf dem Boden der Tatsachen · auf dem Boden der Wirklichkeit · ↗bodenständig · geerdet · ↗gefestigt · mit beiden Beinen auf der Erde stehen(d) · mit beiden Beinen im Leben stehen(d) · ↗natürlich · nüchtern · ohne Allüren · ↗pragmatisch · praktisch veranlagt · realitätsbewusst · ↗ungekünstelt · ↗unkompliziert  ●  (ein Star etc.) zum Anfassen  fig. · mit Bodenhaftung  fig. · mit beiden Füßen (fest) auf dem Boden stehen(d)  fig. · ↗erdverbunden  geh.
Assoziationen
Synonymgruppe
(aussehen) als hätte jemand einen Besenstiel verschluckt · alles (viel zu) ernst nehmen · ↗ernst · ↗ernsthaft · humorfrei · ↗humorlos · keinen Spaß verstehen · keinen Spaß vertragen · nüchtern · ↗trocken  ●  (einen) Stock im Arsch (haben)  derb
Unterbegriffe
Assoziationen
Synonymgruppe
nüchtern · ↗stocknüchtern

Typische Verbindungen
computergeneriert

Abwägung Analyse Analytiker Bestandsaufnahme Betrachtung Betrachtungsweise Bilanz Einschätzung Faktum Fazit Feststellung Kalkulation Kalkül Mage Pragmatismus Realismus Sachlichkeit Verstand analysieren betrachten bilanzieren denkend eher feststellen kalkulierend konstatieren kühl pragmatisch realistisch sachlich

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›nüchtern‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Und wenn ich jetzt nicht den Mut habe, nüchtern werde ich es nie tun!
Bild, 10.02.2005
Die Situation macht mich bloß nüchtern genug für diese wenig hilfreiche Erkenntnis.
Braun, Marcus: Hochzeitsvorbereitungen, Berlin: Berlin Verlag 2003, S. 102
So hat längst auch bei der Union ein nüchternes Abwägen eingesetzt.
Der Tagesspiegel, 06.07.2001
Auf diese Weise gelang es B., nüchternen Dingen einen Käufer anziehenden Reiz zu geben.
o. A.: Lexikon der Kunst - B. In: Olbrich, Harald (Hg.), Lexikon der Kunst, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1987], S. 17720
Die sonst bedachtsam nüchterne Darstellung gelangt hier zu bemerkenswerter Höhe.
Jahresberichte für deutsche Geschichte, 1929, S. 333
Zitationshilfe
„nüchtern“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/nüchtern>, abgerufen am 23.04.2019.

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