zwietracht f., m.
Fundstelle: Lfg. 8 (1951), Bd. XVI (1954), Sp. 1184, Z. 11
mhd. zwitracht, wie mhd. eintracht seit etwa 1300 in md. quellen bezeugt, s. u. 1 b und Lexer 3, 1222; 1, 529; mnd. nebenform twidracht, twidraft Schiller-Lübben 4, 636ᵇ, mnl. nebenform twie-, twidracht Verwijs-Verdam 8, 801, afries. twidracht (1464) Richthofen afries. wb. 1096ᵇ. wie mhd. zweitracht, nhd. zweitracht (s. d.) eine compositionsbildung mit dem von tragen abgeleiteten fem. tracht (s. ¹tracht teil 11, 1, 1, 977). in zwie- und zweitracht unmittelbare gegensatzbildung zu eintracht anzunehmen, das in mhd. über ein tragen wurzelt (s. Lexer 2, 1490, teil 11, 1, 1, 1061), ist nicht notwendig angesichts von mhd. enzwei tragen mhd. wb. 3, 952ᵇ, teil 11, 1, 1, 1061, mnd. entwei dregen Schiller-Lübben 1, 563ᵇ, tweidregen ebda 4, 637ᵃ, twidragen (Magdeburg um 1360) städtechron. 7, 128. die flexion des wortes zeigt, stärker noch als das simplex tracht, im älteren gebrauch mancherlei schwankungen. vom 15. bis ins späte 18. jh. tritt, am häufigsten im 16. jh., neben das ursprüngliche fem. ein masculines zwietracht, vgl. z. b. an frühen und späten belegen: den zwytrecht (1400) württ. gesch.-quellen 10, 103; sollichs zwyträchts (1498) ebda 15, 642; des zwietrachts Schwabe belust. (1741) 2, 228; Lori baier. bergr. (1764) xlix; von dem zwietracht M. I. Schmidt gesch. d. Dtsch. 3 (1778) 32. der dem gen. und dat. sg. der fem. i-dekl. zugehörige umlaut (von der zwytrechte erste dtsche bibel 3, 19; zu irrung krieg und zwitrecht [1482] lehns- u. besitzurk. 1, 243) erscheint auch sonst. im sing.: den zwytrecht (1400) württ. gesch.-quellen 10, 103; ain zwiträcht (1434) österr. weist. 2, 252; zwytrecht (nom. sg.) (Augsburg 1460) bei Fischer schwäb. 6, 1473; sogar im gen. sg. des masc.: sollichs zwyträchts (s. ob.). nur vereinzelt finden sich im sg. spuren schwacher flexion: in der zwitrachten Murner a. d. adel 19 ndr.; fraglich: ein geist der einigheit, nit der zwitrachten Zwingli dtsche schr. 1, 76. isoliert steht, ohne erkennbares geschlecht: on verdruͦs und zwitrachte Schede psalmen 140 ndr. der plural ist vielgestaltig, umgelautete formen stehen neben umlautlosen, schwache neben starken oder (im nom., accus.) endungslosen, vgl.zwietrachten: nom. pl. v. Hohberg georg. cur. (1682) 1, 12; gen. pl. Tschudi chron. Helv. (1734) 1, 31; M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 498; dat. pl. Zwingli dtsche schr. 1, 261; Schmidt a. a. o. 3, 27; zwieträchten: nom. pl. (1494) urk. z. gesch. Max. I. 32 Chmel; dat. pl. (1449) dtsche städtechron. 2, 163; (1459) Eschenloer gesch. d. stadt Breslau 1, 111; L. Hätzer acta od. gesch. (1523) g 2ᵇ; zwieträchte: nom. pl. masc. v. Antesperg schul- u. canzleywb. (1738) 2, 29ᵇ; zwietracht: nom. pl. Seb. Münster cosmogr. (1550) 115; Schumann nachtbüchl. (1559) 309 Bolte; zwieträcht: nom. pl. erste dtsche bibel 2, 61; (1530) dtsche städtechron. 23, 233; Frisius (1556) 855ᵃ; acc. pl. Zimmer. chron.² 2, 93 Barack.
1)
namentlich als spaltung von menschen in gegnerische parteien infolge der gegensätzlichkeit ihrer meinungen, gesinnungen, interessen, häufig zugleich auch streit, kampf oder krieg als folge solcher spaltung. als fester gegensatzbegriff erscheint friede: meinet ihr, das ich her komen bin, friede zu bringen auff erden? ich sage nein, sondern zwitracht Luc. 12, 51;
ich bin ein priester. meine weihung lautet:
den frieden, nicht die zwietracht zu verkünden
Schiller 5, 1, 134 G.;
die schicksale unseres vaterlandes, dessen frieden sie in zwietracht wandelten Jac. Grimm kl. schr. 1, 69; einigkeit: der (wille gottes) nun einig ist, und ist ein geist der einigheit, nit der zwitrachten Zwingli dtsche schr. 1, 76; durch einigkeit nemen klein ding zu, durch zwitracht nemen grosze ding ab Petri d. Teutschen weiszheit (1605) 2, S 1ᵇ; in jüngerer zeit eintracht:
die eintracht sah der zwietracht gleich
Gottsched ged. (1751) 1, 297;
eintracht in zwietracht ist das reich der künste
Grillparzer s. w. 2, 67 Sauer;
im wortspiel:
kurz- und langweilig? spaszhaft und doch tragisch?
das ist ja glühend eis und schwarzer schnee.
wer findet mir die eintracht dieser zwietracht?
Shakespeare 1 (1797) 269.
a)
trennung, spaltung, zwist innerhalb einer zusammengehörigen gruppe von menschen: darumb ward ein zwitracht (ältere var. misshellunge) vnder den Juden vmb dise wort. wann manig von in sprachen ... die andern sprachen ... (vulg.: dissensio) erste dtsche bibel 1, 379 Kurr.; darumb ist auch inn welsch landen solch schendlich trennen, zwitracht unglug Luther 53, 677 W.; damit macht er ein solche irrung und zwitracht under dem kriegsvolk, das si ganz nimmer zusamen stimmen wolten Wilwolt v. Schaumburg 146 lit. ver.; so dasz also die in einer parthei entstehende zwietracht, welche ein unglück scheint, vielmehr ihr glück beweist Hegel w. (1832) 2, 435. bei der wahl: do ein scisma oder tzwitracht was ym bischtumb der bischoffen halb Eberlin v. Günzburg s. schr. 3, 8 ndr.; Otto ... ward in einer zwitracht wider Frideolum erwelt Stumpf Schweizerchron. (1606) 406ᵇ. innerhalb einer religiösen gemeinschaft, vor allem von den glaubenskämpfen der reformation, vgl. scisma zwitracht des glaubens (15. jh.) Diefenbach gl. 519ᵃ: ich bit euch, das ir merckt die, die do machent die zwitracht (vulgata: dissensiones, ältere var. mishellungen, Luther: zertrennung und ärgernisz anrichten) erste dtsche bibel 2, 59 Kurr.; als hab ich unrecht gelehret, den vorigen stand der kirchen ... zerrissen, viel ärgernisz, zwietracht und rotten durch meine lehre erreget Luther tischr. 1, 459 W.; gott verbirget (die kirche) wunderbarlicher weise jtzt mit sünden, zweitracht, irrthum 2, 283; vgl. ders. w. 52, 830; uf den tag, so ... von wegen zwitrachts und zweyung, der leeren ... halben ... angesetzt Zwingli dtsche schr. 1, 114 Sch.-Sch.; dan wir von Sant Ambrosio finden, das in der zwitrachten der Arrianer vnd der cristen durch die stim gottes sei dem folck für ein bischoff zuͦ geriefft worden Murner an d. adel 19 ndr.; szo were es kein wunder, das solche zwitrachtt, uneynigkeit, schandungh und lesterungh under uns christen erstunde (1521) J. Egranus ungedruckte pred. 56 Buchwald; denn es ist ja keiner stad gut, das ym volck zwytracht gelitten wurd durch offentliche anreger und prediger. es solt ein teil weichen, es weren die evangelischen odder die bepstischen (1527) Luther 23, 16 W.; verschiner zeyt ist in christenlichem glaub eingefallen vnd noch, mercklich zwitracht vnd gefaerlich jrrung (1528) Berth. v. Chiemsee teutsche theol. 9 Reithm. gelegentlich ausdrücklich in schwächerem sinne als ketzerei: doch ists auff keiner seyten ketzerey, es ist aber eyn schisma, eine zwitracht, da solten beyde part sich fruntlich vortragen Luther 6, 80 W.
b)
allgemein geistige meinungsverschiedenheit, streit um die richtige ansicht:
(jeder ruft in der not des ertrinkens einen anderen heiligen an)
dô der abbt, der gute man,
die zwitracht gehôrte
(um 1300) Marienleg. 86 Pfeiffer;
ein groszer zwitracht und krieg ist vor ziten gesin under inen, worinn doch die seligkeit des menschen gesetzt wer Leo Jud ausleg. d. ersten psalmen (1520) 3ᵃ; was aber di seele, auch wj sj imm leibe sey ..., darinn ist grosze zwytracht J. v. Schwarzenberg d. teutsch Cicero (1535) 44ᵇ; sag ich allen wundärtzten, so jr zwen oder mer uber ain gewundten gond, das sy vor dem siechen kainerlay zwitracht erzeygent H. Braunschweig chirurgia (1539) 2ᵇ; quum sententiis uariaretur so zwytracht der meinungen halb entstuͤnde, wenn die meinungen vngleych waͤrind Frisius dict. (1556) 1347ᵃ; von eintracht und zwitracht der Galenisten und chymisten Harsdörffer gesprächspiele (1641) 2, 268; über den ursprung der völker und staaten ... hat es zwietracht, zank und zerwürfnis gesetzt Fr. L. Jahn w. 2, 555 Euler; ich möchte die heimliche eintracht der forschung in der vielfachen äuszeren zwietracht nachweisen W. Scherer kl. schr. (1893) 1, 16. von objekten 'mangelnde übereinstimmung, widerspruch': disze tzwytracht unter der schrifft unnd menschenn lere konnen wyr nicht eynes machen Luther 10, 2, 91 W.; und ist in den beeden namen dhein zwitracht, dann Christus hat sy beid gebrucht Zwingli dtsche schr. 1, 249; welche zwitracht (in den historien) so si nichts anders thet, machte doch ainen zweifelhafftig an der zuͦkunfft Petri gen Rom das Petrus gen Rom nicht kommen (o. o. u. j.) b 1ᵃ.
c)
wortgefecht, streit, hader, feindliche gesinnung in kleinerer gemeinschaft oder zwischen einzelnen menschen: der vernam ein zwytracht zwüschen eim gasthalter und eim armen mann Riederer rhetoric (1493) c 5ᵃ; des jars da ward die irrung und zwitracht zwischen den zwaien münchen zu Florentz, ein prediger und ein parfuser (1498, Nürnb.) städtechr. 11, 596; das man tzwischen den lewthen uneynickeit, tzwytracht und unfrid gemacht hat Luther 2, 64 W.; es sollent jr, so spän vnd zwytracht vnder üch entstond, hie ein vorbild nemen L. Hätzer acta oder geschicht (1523) a 2ᵇ;
dich schem,
das du nach sagst diesem und jem
als, was du hörest auff und nider,
tregst also merlein hin und wider,
welches denn viel haders ursacht,
widerwillen und zwitracht
Hans Sachs 6, 363 Keller;
jhr herr vater ... in feindseligkeit vnd zwitracht lebet gegen meinem herrn vatern engl. com. u. trag. (1624) v 7ᵇ; wann aber die weiber einander schänten, zwitrach haben oder wider iemant ehrenrührerische worth auszgüszen (v. j. 1748) österr. weist. 8, 59; unter den pfahlbürgern und pfahlbürgerinnen von jeder sehr kleinen stadt herrschet eben so viel ... zwietracht, verläumdungssucht ... als unter den herren in spitzen und runden kaputzen Zimmermann über d. einsamkeit (1784) 2, 248;
die schlange, die das herz vergiftet,
die zwietracht und verderben stiftet,
das ist der widerspenstge geist
Schiller 11, 282 G.;
dasz miszgunst sich bestrebt habe, ... zwietracht zwischen dem componisten und dichter zu stiften O. Jahn Mozart (1856) 2, 523. zwist unter verwandten:
ir beyder (der brüder) mutter Julia
wurdt ob dem zwitracht hart beleydigt
Hans Sachs 8, 419 K.;
alle (schwestern) gaben freundlich um die wette
sich die ersten grüsze, aber schleunig
glimmet zwietracht unter ihnen, jede
fänget ihren ehhern an zu loben
Herder 25, 196 S.;
leben um leben tauschend siege jeder
den dolch einbohrend in des andern brust,
dasz selbst der tod nicht eure (der brüder) zwietracht heile
Schiller 14, 32 G.;
so entstand in der angenehmen liebes- und brautzeit öfters zwietracht, widerwärtigkeit und gegenseitige unzufriedenheiten Göthe I 9, 151 W.; das ist halt gar zu häszlich in einer familie, solche zwietracht Holtei erz. schr. (1861) 15, 47;
(ich) ersuchet auch den standt der ehe.
erst fand ich zancks und zwitracht meh,
widerwillen, schlahen und rauffn
Hans Sachs 3, 328 K.;
ein bösz weib nemen zu der ehe
macht vnruhe, zwitracht, ach vnd wehe
Petri d. Teutschen weiszheit (1605) 2, t 1ᵃ;
wenn ihr (der braut) die zwietracht in der eh
zuletzt ein zucht-hausz baut
J. Chr. Günther ged. (1735) 258;
und warum könnte man sie nicht mit ihrem gemahl aussöhnen? weil doch beständig unter ihnen miszvergnügen und zwietracht herrschen würde samml. v. schauspielen (1764) 3, 69 (d. verehlichte Pamela). gern in einer häufung von synonymen: dauon yn gantz deutschem land hasz, eyffern, zwytracht vnd hader flusse, ya wer auch möglich, daz blüt vergyessen, todtschlege darausz erfolgten Hutten op. 2, 195 B.; by üch, da hört man vyl zwitracht, zancken vnd hadren tag vnd nacht schweizer. spiele d. 16. jh. 2, 151 B.; kan anders nichts dann eytel unwillen, hasz, neyd, zorn, zanck, zwittracht und dergleichen darausz folgen (1618) L. Sandrub hist. u. poet. kurzweil 13 ndr.; todtfeind alles zancks, zwietrachts, rauffens vnd schlägereyen Bastel v. d. Sohle Harnisch a. Fleckenland (1648) 94; ich wünschte mir und allen geschöpfen alles gute und konnte an hasz und feindschaft, an neid und zwietracht gar nicht glauben Tieck schr. (1828) 9, 162.
d)
streitsache vor dem gericht oder schiedsmann:
und dô ûf dise sache
der legât dâ gehôrte
clage und antworte ...
er begonde wartin
und darûf wendin sînen sin,
wî er dî zwîtracht zwischin in
vridelîch berichte
Nicolaus v. Jeroschin 17685 Str.;
wann auch zwen umb ain sach in zwitrecht sein und ainer peut dem andern recht (v. j. 1474) österr. weist. 5, 442; ein mittler ist ein schidmann, der zwüschen zweyen spänen oder zwitrachten friden findt Zwingli dtsche schr. 1, 261 Sch.-Sch.;
der zwytracht halb soltu, o richter,
zwischen vns sein ein weiser schlichter
Hans Sachs fastnachtsp. 1, 55 ndr.;
lis, controversia zwietracht, zanck vor gericht nomencl. lat.-germ. (1634) 516; vergleichbar: dardurch (durch den vergleich zwischen käufer und verkäufer) alle künfftige ... strittigkeiten und zwietrachten müssen verhütet seyn v. Hohberg georg. cur. (1682) 1, 12; in barocker bildübertragung: wir frawenleut ... sind derer nicht wenig, welche die zwytracht jhrer haar für den gläsern-richter offtmals viel stund zu entscheiden pflegen Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, f 5ᵇ.
e)
streit zwischen politisch mächtigen persönlichkeiten oder spannung zwischen groszen gruppen der bevölkerung, die zu kriegen und unruhen führt: in dem jare ... 1103, da was grot tvedracht tuͦsschen paves Paschalis unde keyser Hinrik (Lübeck, 14. jh.) städtechr. 19, 201;
dher dhritte Alexandher,
mit dhem lange und mengen tach
vil grozer tvidracht plach
dher selbe keyser Frederich
braunschweig. reimchron. 3591 W.;
und (ich) kan auch zbitracht machen under den furstn
altdtsche pass.-sp. aus Tirol 343 W.;
demnach in Polen zwischen dem könig aus Schweden und erzherzogen Maximilian wegen der kron zwietracht sich erhoben Schweinichen denkw. 330 Öst.;
wann herrn in zwitracht leben
musz der arm leib und gut dargeben
Eyering prov. (1601) 3, 393;
von dem zwytracht zwischen dem Caesare und Pompejo B. Schupp schr. (1663) 757; Johannes margraf in Mären ..., bey dessen antritt sich wegen bestätigung beender erwehlten römischen keyser Ludwig vnd Fridrich ... sich vil schwäre zwitracht eraignet v. Brandis immergrün. ehrenkr. (1678) 123; Curio, dessen einziges vermögen ... auf zwietracht der häupter Roms gegründet war grafen Stolberg ges. w. (1820) 7, 105; den nehmlichen vortheil, den ... sein groszvater von dem zwietracht der italienischen städte unter sich gehabt (hatte) M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 3, 32; so wurde seine (Ruszlands) dynastische zersplitterung und die zwietracht seiner fürsten die hauptursache seiner unterjochung durch die Mongolen Döllinger akad. vortr. (1888) 1, 14. innerer zwist in einem volke oder reiche:
dasz ihr euch kein zwitracht trennen last,
so wird ewr reich bestehen fast
Gilhusius grammatica (1597) 38;
o Teutschland, Teutschland, wo hat dich das unglück hingebracht! du hast es mit deiner zwitracht verdienet Chr. Weise polit. redner (1677) 64; darüber fingen die Gothen an, sich in hasz und zwietracht zu spalten Grimm dtsche sagen (1891) 2, 19; die Schweizer befanden sich zuletzt wohl bei der zwietracht innerhalb ihres bundes Ranke s. w. (1867) 17, 154. in seltener übertragung auf abstrakte vorstellungen: nachdem aber ein stettiger unverträglicher zwitracht ist zwischen der gerechtigkeit und boszheit Calvin institutio christ. (1572) 325. auch prägnanter; offener aufruhr, parteikampf: we twidracht machet under unser herschop unde unser stadt, sin liff und gutt steit in des rades gewalt (v. j. 1340) urk.-buch d. stadt Braunschweig 4, 553 Hänselmann;
zwischen den gemeinden und dem rot,
do so vyl zwitracht vff entstot
P. Gengenbach 5 Goedeke;
in der zeit, als zwischen rath und bürgerschaft ... zwitracht aufloderte allg. dtsche bibl. (1765), anh. z. b. 25/36, 2419; die aus parteikämpfen zwischen patriziern und zünften hervorgegangene 'zweite zwietracht' von 1340 d. königr. Württ. (1904) 3, 261, vgl. dazu Fischer schwäb. 6, 1473. aufruhr und zwietracht als zwillingsformel: als sie nun ... den vertrag den christen in der besetzung der statt ansagten, ward ein grosz auffruͦr vnd zwitracht Seb. Franck chron. Germ. (1538) 147ᵃ; Sicilia ... ist auch täglicher unter ihnen auffruhr und zwitracht wegen gantz leicht zu behaubten Kirchhof wendunmuth 2, 349 Öst.; behüte uns vor aufruhr und zwietracht B. Schmolck trost- u. geistr. schr. (1740) 2, 441; (wir) sprachen von krieg, aufruhr und zwietracht Schubart br., in: D. Fr. Strausz ges. schr. 9, 275. krieg, kampf:
dhe zvidracht und daz wunder,
daz dhe konige zvene treben
elben jar
braunschweig. reimchron. 6275 W.;
sulchir schumpfintuire
sô vrech, sô ungehuire
der cristenheit ûf ungewin
sich hantîrte zwischin in
binnen der zwîtracht sô vil
daz ich inweiz kein zil
Nicolaus v. Jeroschin 21058 Str.;
gwerra twydracht (nd., v. j. 1425) Diefenbach gl. 272ᶜ; crich, twidracht, kif, orlighe (nd.) ders., nov. gl. 199ᵇ; arma ducum dirimere ein vertrag machen, den zwytracht oder uneinigkeit zerlegen Frisius dict. (1556) 119ᵇ; wie jemerlich der loblich alt stift Menz in diser zwittracht zerrissen, verderpt, ... geschweig, das ... vil erlicher leut umbkommen und ir leben verloren haben Zimmer. chr.²1, 46 B.;
ach, ewr königklich mayestat
soll sich in solch gefahr nit geben,
in seinem reich mit frieden leben.
was geht uns frembde zwitracht an?
Hans Sachs 8, 36 K.;
und versprich dir (kaiser) min (des papstes) waren friden und allen denen, so dir angehanget sind in disen zwitrachten Tschudi chron. Helv. (1734) 1, 59;
die zwytracht ward gestillt, des grausen krieges last
verfiel in hochzeit freud
A. Gryphius trauersp. 208 Palm;
doch ich (die burg Schreckenstein), gemordet vom drange der
ich sinke zur ewgen vergessenheit, zeit,
seit mich die zwietracht zertrümmert
Th. Körner w. 2, 17 Hempel.
zwietracht und krieg synonym in fester paarung: zu irrung, krieg und zwietracht (1482) lehns- u. besitzurk. 1, 243;
das sucht der römisch antichrist,
wie dann sein alt gewohnheit ist,
solch greulich mord zu stiften,
erregen krieg und zwietracht grosz,
die herzen zu vergiften
(1546) bei A. v. Arnim s. w. 13 (1845) 108;
in zwytrachten und kriegen, so zwischen keyser Ludovico V. und Friederico ertzhertzogen zu Osterreich sich zugetragen (1579) Chr. Entzelt altmärk. chr. 209 B.; es ... begibt sich offtmahlen, dass aus solchen verbündnissen und verschreibungen groser zwietracht und harte kriege entstehen Reinicke fuchs (1650) 39; bey gelegenheit der unter seinem sohn ... entstandenen innerlichen kriege und zwietrachten M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 498.
2)
innere spaltung eines menschen in zwei selbständige oder widerstrebende teile. alt, doch nur vereinzelt in religiöser sprache belegt für die gespaltenheit in den gottzugewandten und den irdischen menschen: daz erste ist di swetracht dissis lebines fon dem lebine, da man got inne irkennit paradisus anim. intell. 45 Str.; der unsterblichen seelen desz menschen und desz zerrinnlichen leibs zwytracht Guarinonius grewel d. verwüst. (1610) 10. allgemeiner von innerem zwiespalt, innerer zerrissenheit, auch nur sporadisch bezeugt (vgl. zwiespalt 1 g), wenn nicht, zumal im ersten beleg, 'neigung zum hader, zanksucht' gemeint ist: (der edelstein) syderites gelych aim ysen vnd mit etlichen zouberyen, zwytrecht in dem menschen erweckende Niclas v. Wyle translat. 239 Keller; dasz eine förmliche gesetzgebung ... sich unmöglich auf den menschen beziehen könne, in so ferne derselbe mit vernunft begabt ..., sondern nur in so ferne er den leidenschaften unterworfen, und daher zu aller ungerechtigkeit geneigt ist; geneigt zum bruche mit andern und mit sich selbst; wankelmüthig, treulos, voller zwietracht und hader Fr. H. Jacobi w. (1812) 2, 346.
3)
bildlicher und typologischer gebrauch; seit dem humanismus besonders als personifikation, von antiken vorstellungen (Ἔρις als göttin der zwietracht) bestimmt; vgl. schon:
doch die göttin Discordiam,
so zwitracht macht on alle scham,
die darfst du laden nit zu hausz
Hans Sachs 7, 42 K.;
lieb, kurtzweil, wollust, frewd, gelächter, glimpf geladen
seind auch an disem tisch mit speisz und tranck beladen:
nur die zwitracht allein, als deren kunst und witz
der ursprung alles zancks und alles haders sitz,
war ... versaumet
Weckherlin ged. 2, 347 F.;
sie sahe rings umher, und alsobald
erblickte sie, mit todesfurcht und schrecken,
die zwietracht in abscheulicher gestalt
bei Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 6;
dein vater ...
hat in fesseln an der höllenpforten angel
die zwietracht hingebannt
Ramler lyr. ged. (1772) 99;
o glaub, ich würde heute weinen,
wo ihr geschosz die zwietracht spannt
v. Goekingk ged. (1780) 1, 263;
o träte doch in diese regionen,
zum rathe dieser hohen wächter, nie
vermummte zwietracht leisewirkend ein
Göthe I 10, 262 W.;
die göttinn der zwietracht und des elendes auf einem schwarzen pferde Herder 16, 76 S.; so haben die Eris oder die zwietracht ... und so viel andre allegorische wesen bey alten und neuen dichtern ihren antheil an den handlungen bekommen Sulzer theorie d. schönen künste (1792) 1, 78. blasser: aber als der feind den teutschen boden betrat und verwüstete, ... da wüthete die zwietracht und zeigte dem feinde die ferneren gröszren siege Fr. M. Klinger w. (1809) 8, 249; das band der natur ist entzwei, die alte zwietracht ist los, der sohn hat seinen vater erschlagen Schiller 2, 169 G.; mit anspielung auf den apfel der Eris: den güldnen apffel der zwytracht mit der aufschrift: detur pulcherrimae Chr. Warnecke poet. versuch (1704) 86; in diesen friedenskreis warf Byron dann ... den apfel der zwietracht hinein Gervinus gesch. d. 19. jh. (1853) 1, 408; es mag unter die lose verknüpften aufständischen gemeinden das unglück als apfel der zwietracht gefallen sein Mommsen röm. gesch. 2 (1865) 248; vgl. zwietrachtsapfel sp. 1194. als hydra betrachtet:
der zwietracht hyder liegt in staub gedrückt
Fr. Kind ged. (1817) 5, 63.
im bilde vom feuer (vgl. zwietrachtsfeuer sp. 1194): aus diesem funken warde ein grosz feuer der zwitracht (um 1450) Eschenloer Bresl. gesch. 1, 262 Kunisch;
George Wilhelm gab dem reiche neues leben,
weil er den alten brand der zwietracht ausgethan
Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 2, 222;
das feuer der zwietracht glimmt und lodert H. P. Sturz schr. (1779) 1, 199; indesz die wahren patrioten ... die rückkehr der ordnung ... erwarteten, bliesz die zwietracht ihre fackel an Pfeffel pros. vers. (1810) 3, 15;
Hatto hauchte stets die fackel der verhaszten zwietracht an
v. Schönaich Heinrich d. vogler (1757) 40;
zwietracht mit der fackel über den schiffen Göthe I 47, 343 W.; trotz dieser allgemeinen leiden brach in der Bretagne ... die lange genährte zwietracht in lichte flammen aus Dahlmann frz. revolution (1845) 157; eine verstimmung ..., die für das reich hätte gefährlich werden können, wäre ihre alte zwietracht nicht aufs neue entflammt gewesen Ranke s. w. (1867) 1, 108. in neuer zeit auch in anderen bildkreisen:
Romanos banner
pflanz ich auf diesen fels von Padua,
an dem der zwietracht woge brechen soll!
Eichendorff s. w. (1864) 4, 262.
in christlicher vorstellung gilt der teufel als erreger der zwietracht: der bösz feind, der ein vatter ist aller zwitracht vnd lügin Hieron. Gebweiler beschirm. d. lobs Marie (1523) a 2; er dempffet vnd feget des teufels werck, vneinigkeit vnd zwietracht ausz Mathesius Sarepta (1571) 235ᵃ; hat ... der teufel zwischen hertzog Svantepoln und den brüdern ... ein gar beschwerliche zwietracht erregt Schütz hist. rer. Pruss. (1592) g 4ᵃ; die hölle ist alles zwitrachts wahrer baum und quell J. Helwig Ormund (1666) 179; gleich wie sie dem vater des zwietrachts dienen, also haben sie auch ihren theil mit ihme zu gewarten Chr. v. Ryssel seelenfrieden (1685) 646; denn der fürst der zwietracht, der den faden geschlungen hat, zerreiszt ihn wieder Stifter s. w. 9 (1932) 135. auch hinter den verbindungen samen der zwietracht und zwietracht säen steht wohl verwandter biblischer bildgebrauch, namentlich die gleichnisrede vom unkraut unter dem weizen Matth. 13, 24 ff., 37 ff., vgl.etwas böses aussäen, hasz säen u. ä.: es fieng auch ... der same einer dissidentz, trennung und zwietracht so wol vnter churfürsten vnd ständen als vornemlich mit der cron Schweden an vielen orten ... herauszubrechen v. Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 6;
so hat sie nun aus furcht, um uns zu trennen,
der zwietracht samen zwischen uns gestreut
Raupach dram. w. kom. gattung 1, 378;
sein fanatischer kampf gegen die reformation hat den samen der zwietracht und der auflösung in die furchen gelegt H. Laube ges. schr. (1875) 1, 188; vgl. zwietrachtssamen sp. 1194;
und denkt ihr, dasz der königliche name
zum freibrief dienen könne, blutge zwietracht
in fremdem lande straflos auszusäen?
Schiller 12, 430 G.;
wer zwietracht sät, der erntet dolchesspitzen
v. Stägemann kriegesgesänge (1813) 65;
wer zwietracht säet, arbeitet für des teufels scheuer Binder 222; Drusus angriff auf die rittergerichte, ... sodann der zweischneidige varische prozeszkrieg hatten die bitterste zwietracht gesäet zwischen aristokratie und bourgeoisie Mommsen röm. gesch. 2 (1865) 250; ich verabscheue ein institut, das nur dazu dient, zwietracht in der familie zu säen Spielhagen s. w. (1877) 2, 211; einmütig und brüderlich hätten alle christen miteinander gelebt, bis die jesuiten aus dem Welschlande gekommen wären und zwietracht gesät hätten Ric. Huch d. gr. krieg (1920) 2, 256. vereinzelt verbindet sich damit die antike Erisvorstellung:
schlau ihren apfel hatt in die völkerschaar
des einen urstamms Eris-Tisiphone
geworfen, und der zwietracht saaten
ernteten jene, die nun verstäubt sind
Stolberg ges. w. (1820) 2, 284.
Zitationshilfe
„zwietracht“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/zwietracht>, abgerufen am 22.10.2019.

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