widergeben wiedergeben vb
Fundstelle: Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 993, Z. 56
mhd. widergëben; mnd. weddergeven; mnl., ndl. wedergeven. 'zurückgeben, wieder von sich geben'; 'erwidernd, vergeltend, ersetzend (zurück)geben, wiedererstatten'. bes. in neuerer und gegenwärtiger sprache bezeichnet wi(e)dergeben formen der (nachbildenden) darstellung und des widerspiegelns (unter 6). — wi(e)dergeben ist trennbar zusammengesetzt; nur in älterer sprache begegnet gelegentlich feste komposition: cod. pal. Vind. 2682, unter 7 a; erste dt. bibel, ebda und unter 2 u. 4; österr. weist., unter 7 b; widergib Hans Sachs 22, 59, 19 lit. ver. die mehrfach belegte partizipialform wi(e)dergeben statt wi(e)dergegeben ist für sie allerdings nicht ins feld zu führen, da auch das simplex geben im part. prät. vielfach ohne ge- gebraucht wird; s. teil 4, 1, 1, sp. 1668.
1)
sachlich-dingliches 'zurückgeben'.
a)
(jemandem) konkrete (besitz)gegenstände 'zurückgeben', 'wieder aushändigen':
swenne ir uns (den meerweibern), degen küene (Hagen), gebt wider unser wât
der Nibelunge nôt 1535, 3 Bartsch;
ich fand eyn heller, den gab ich nit widder (vor 1468 J. Wolff beichtbüchlein 2 Battenberg; leyhen heisst das, wenn ich yemand mein geld, gut oder gerete thu, das ers brauche wie lange ym not ist, ich kan oder wil, und er mir dasselbe zü seiner zeit widergebe, ... dafur ich nichts nemen sol (1540) Luther 51, 333 W.; was dir zu trewen händen zubehalten vnd zubewahren gegeben ist, das gib ordentlich wieder Lehmann floril. polit. (1662) 3, 466; der vater nahm ... mir einen tag die bücher aus der hand und gab sie mir den andern wieder Göthe I 22, 262 W.; die mutter fürstäbtin, welche das nadelbein aufhob und es ihr wiedergab G. Keller ges. w. (1889) 6, 90; dasz er mit vorliebe andern die streichholzschachteln beim skat wegstahl und sie auch dann nicht wiedergab, wenn man es bemerkte Renn adel im untergang (1947) 270. auch liegendes gut (jemandem) 'wieder in besitz geben', 'wieder zur verfügung stellen': ich enweisz yn so getruw nicht, gebe ich myn burgk off und myn lant, das er mirs ymer wiedder gebe Lancelot 1, 4 Kluge; es schwuͦrend gemeinlich alle stett vnd lender h(ertzog) Friedrichs k(eiser) Sigmunden, vnd wartet Fridericus der gnaden, wenn jm der keiser die wider gebe Stumpf gemeiner lobl. eydgnoschafft thaaten beschr. (1548) 425 (13. buch); gib uns die herrlichen palläste ... wieder Chr. Weise polit. redner (1677) 15; deren kirche von den protestanten gebauet und ihnen nachher weggenommen, auch ungeachtet der angefangenen toleranz nicht wiedergegeben worden Nicolai reise d. Deutschl. u. d. Schweiz (1783) 6, 388; (die bauern sollten) das land wieder herausrücken, ... das ihnen die gutsbesitzer unter den zaren schritt für schritt weggenommen hatten, bis es ihnen das jahr 1917 wiedergab A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 429. im besonderen:
α)
den leib der erde 'zurückgeben', von der er in der schöpfung genommen wurde (vgl. 1. Mose 2, 7): musz er (der mensch) widergeben ... den leichnam dem ertrich, so er stirbt, dauon er den empfangen hat (1472) Albrecht v. Eyb dt. schr. 1, 42 Herrmann;
wenn wir nur satt zu leben,
o seele, deinen körper der erden wiedergeben
Dusch verm. w. (1754) 47;
der leichnam der tänzerin ist der erde wiedergegeben W. Raabe s. w. I 2, 211.
β)
in dichterischer sprache soviel wie wieder sehen lassen: gib mir dein angesicht, dein theures angesicht wieder maler Müller w. (1811) 1, 70;
wir sah'n die wolken kommen und entfliehn,
den mond verhüllen bald, und wiedergeben
Lenau s. w. 278 Barthel.
γ)
sprichwörtlich, jemand kann sich sein lehrgeld wiedergeben lassen, d. h. er ist vergeblich, ohne materiellen oder geistigen nutzen in die lehre gegangen: (wenn der handwerker nicht mehr verdient als der einfache arbeiter) mag er sich, wie man zu sagen pflegt, das lehrgeld wiedergeben lassen Bismarck polit. reden 1, 132 Kohl; dann können sich die ihr lehrgeld wiedergeben lassen, welche das gepriesene heer für tauglich halten Lagarde dt. schr. (1886) 17.
b)
etwas nicht dinglich-konkretes oder rein abstraktes 'zurückgeben, aufgeben'.
α)
selten 'aufgeben, verzichten auf': (die priester) solln auch noch widdergeben on yhrn danck den namen clerus, und leyen, ya weniger den leyen bleyben (1521) Luther 8, 254 W.; alszbald er bapst wurd, verwilligt er sich frey, dasz bapstum wider zuͦ geben, wo Benedictus der widerbapst auch resignieret Knebel chron. v. Kaisheim 174 lit. ver.
β)
oft (jemandem oder einer sache) etwas 'zurückgeben, wieder verschaffen, wiederherstellen'. personen wird körperlich-physisches und geistig-seelisches wiedergegeben:
getrûwet ir mînem herren
sînen gesunt wider geben
und mir das êwige leben
Hartmann v. Aue armer Heinrich 1153 Paul;
dz im (dem stummen) wider geben wúrd sein red winterteil d. hl. leben (1471) 53ᵃ; in der tawf wirt das guot wesen dem menschen hie widergeben an seiner sel (1528) Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 426 Reithm.; eine andre luft ... gab mir muth und kräfte wieder Lessing 2, 293 L.-M.; (der) der prinzessin die verlorene schönheit wiedergiebt E. T. A. Hoffmann s. w. 6, 226 Gr.; seine stirn war freier und seine sonstige heiterkeit und frische ihm wiedergegeben E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 136. doch auch anderes, z. b.: mit dem selben auffersten hat er (Christus) den namen des vatters daz ist der veterlicheit wider gegeben den súnen erste dt. bibel 1, 4 Kurr.; ob ihnen Lothar gleich versprochen, ihnen ihr altes gesetz ... wieder zu geben M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 461; im fache der justiz wurde den bauern eine richterliche behörde wiedergegeben Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 3, 131. auch dingen wird etwas wiedergegegeben: der ... seinem geiste die thätigkeit wiedergab, die das elend zu vernichten pflegt Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 138; die classischen sprachen bedürfen in allen diesen fällen besondrer mittel, um den begriffen die ihnen durch die bestimmende form entzogene allgemeinheit wiederzugeben W. v. Humboldt ges. schr. 5, 313 akad. im besonderen:
αα)
wiederholt begegnende objekte sind ehre, leben (s. auch oben 'armer Heinrich'), friede, freiheit und ruhe; z. b.: daz söllich korn der gemaind nit söllte usz getailt werden, ee wann sie dem adel wider geben die er und wirdikait, die sie inen genomen het (1473) Steinhöwel de claris mul. 187 lit. ver.; Fridericus dux elector timide puniebat dicens: ja, es ist leicht das leben nemen, aber man kan es nit widergeben (1533) Luther tischr. 3, 73 W.; (Jupiter:) womit haben sie (die menschen) seithero verdienet, dasz ich ihn den frieden widergeben solte? (1669) Grimmelshausen Simpl. 387 Scholte; dieser friede ... gab Europa ruhe und freiheit wieder Herder 23, 35 S.; aber diese gnadenbezeugungen ... gaben ihm doch die ruhe nicht wieder Fontane ges. w. (1905) I 1, 19.
ββ)
die seele wiedergeben gott 'zurückgeben', von dem man sie empfing: die sele musz er (der mensch) widergeben vnd opfern got dem herren (1472) Albrecht v. Eyb dt. schr. 1, 42 Herrmann;
herr, nach einem solchen leben
lass mich mit so klaren sinnen
dir die seele wiedergeben!
Brentano ges. schr. (1852) 3, 313.
γγ)
das herz wiedergeben, als bildliche wendung für 'zuneigung, liebe erwidern'; ihr steht das herz nehmen im folgenden, sonst auchdas herz (ab)stehlen im sinne von 'zuneigung, liebe erwecken' gegenüber (s. unter herz B I 4 k teil 4, 2, sp. 1216):
sie ist's, die mein hertz genommen,
sie ist's, die mir's wiedergiebt
Königsb. dichterkreis 101 ndr.
2)
personen 'zurückgeben':
Helena gehorte
...
daz man sie solde widergeben
sie begunden sere widerstreben
daz ez niet gesche
Herbort v. Fritslar liet von Troye 15 541 Frommann;
(Jesus) gesunt das kint vnd widergab es seim vatter (Lc. 9, 42) erste dt. bibel 1, 247 Kurr. (Luther: gab ... wider); ich habe euch ziehen lassen mit trawren vnd weinen, gott aber wird euch mir widergeben mit wonne vnd freude ewiglich Baruch 4, 23;
nun hab ich kein traurigen muth,
weil mir mein sohn (der hingerichtet werden sollte) ist wider gebn,
dem ich erbetten hab sein lebn
Ayrer dramen 173 Keller;
(Iphigenie zu Diana:)
so gib auch mich den meinen endlich wieder
Göthe I 10, 4 W.;
die nacht, die jenem schönen tage folgte,
der uns ihn (Agamemnon) wiedergab — dieselbe nacht
sah ihn vom niedrigsten verrath ermordet
M. Beer s. w. (1835) 25;
eine amnestie nach dem endsieg werde den herrn vicarius bald seiner heimischen diözese wiedergeben A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 228. tote 'heraus-, zurückgeben' (als lebende):
weil er (Jesus) aufferstanden ist,
musz das grab uns wiedergeben
S. v. Birken bei Fischer-Tümpel kirchenlied 5, 63;
wie dunkle schatten fahren sie
zur hölle dann hinab;
zu der tyrannin, die noch nie
die todten wiedergab
Schubart sämmtl. ged. (1825) 1, 194.
personen jemandem wiedergeben, im sinne der wiederherstellung eines guten persönlichen verhältnisses:
wenn deine klugheit ihn (Segestes) den Römern wieder gäbe,
welch unverhofftes glück!
Ayrenhoff w. (1814) 1, 171;
lassen sie (herzog Carl August) nun ein neu verhältnisz zu ihnen entstehn. ... geben sie mich sich selbst wieder, dasz ich ... ein neues leben mit ihnen anfange! (1787) Göthe IV 8, 226 W. vgl. hiermit: jemanden sich selbst wiedergeben 'ihn zu sich selbst, zum eignen wesen zurückfinden lassen' und sich selbst wiedergegeben werden oder sein 'zu sich selbst zurückfinden oder gefunden haben':
so wollt einmahl, bitt' ich,
o schöne diebin, mich
mir selber wiedergeben
S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 87;
(man nahm) seine zuflucht zur musik, um alle zu verbinden, indem man jeden sich selbst wiedergab Göthe I 23, 291 W.; der gedanke und die hoffnung füllten ihn (Goethe) ganz aus, seinen freunden als ein anderer wiederzukommen, sich selbst aber ganz und völlig wiedergegeben zu werden Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 75; er war sich selbst wiedergegeben, er wollte zu Françoise eilen und abbitten, ... um verzeihung flehen H. Laube ges. schr. (1875) 3, 164. auf inneren wandel gehen auch belege wie: vns widergebente tvgenden (nos reddentes uirtutibus) (12. jh.) cod. pal. Vind. 2682 2, 75 Törnqvist; Anton wurde durch dies unerwartete erscheinen aus tiefem sinnen aufgeweckt und der wirklichkeit wiedergegeben Holtei erz. schr. (1861) 10, 89.
3)
'wieder von sich geben, ausspeien', 'sich übergeben, sich erbrechen', ein heute veralteter, jedoch in älterer sprache reichlich bezeugter gebrauch; vgl. auch das in dieser verwendung konkurrierende wi(e)derwerfen: swenne er (der hund) ... sich denne erfullet unde er iz denne widergit (12. jh.) anz. f. kde d. dt. vorzeit 8, 510 Mone; so welc schipman van she weghen wederghift ofte legherachtich ('bettlägerig') wert, de scal wederkeren al sin vorlon ('heuer') (13. jh.) bei Pardessus coll. de lois maritimes (1834) 3, 339; die undäw und daz wüllen und daz widergeben (um 1350) Konrad v. Megenberg buch d. natur 340 Pf.; wiedergeben, speyen, kotzen, wullen, vndewen vomere, voc. theut. (Nürnb. 1482) oo 4ᵇ; (die wildenten) essind das so die anderen widergebend Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 2, 43; gib jhr nüchtern honigwasser zu trincken, wo sie das wider gibt, so gehet sie mit einem kind Wirsung artzneyb. (1588) 541ᵃ;
isz nicht zuviel, dasz du es müssest wieder geben,
kasteye dich auch so, dasz es nicht kost dein leben
Olearius persian. rosenthal (1696) 47ᵃ.
Frisch t.-lat. wb. (1741) 1, 328ᶜ bezeichnet diesen gebrauch als veraltet, Adelung u. Campe kennen ihn in ihren wbb. gar nicht. doch begegnet er noch bei Schiller: doch, hungerwolf (der tod) der du bist! siehe zu, dasz du dich da nicht überessest, und deinen ganzen frasz haarklein wiedergeben müssest 1, 201 G.;
die wasser, die sie hinunter schlang,
die Charybde jetzt brüllend wiedergab
ebda 11, 221.
er kannte ihn vielleicht aus seiner mundart, wo man aberwie auch in der schriftspracheheute eher wieder von sich geben sagt, vgl. Fischer schwäb. 6, 775.
4)
in freierer verwendung meint wi(e)dergeben, anders als oben unter 1—3, nicht eigentlich ein zurückgeben, sondern mehr ein weitergeben des erhaltenen oder genommenen (an einen dritten): das das gesagte bisstumb (Trient) oder der bischoff vnnd die (deutschen) brüeder nit khünden noch sollen bemelte mein erbschafft vnnd guetter ... wider verkhauffen, widergeben, zu lehen verleichen ..., allweilen mein will ist, das dieselbigen thail vnnd güetter ... bei der khürchen zu Triennt selbs, vnnd den teütschen brüedern verbleiben sollen (1319) bei J. A. v. Brandis landeshauptl. v. Tirol (1850) 43;
tugend, ere vnd erberkeit
verkoufft vns als die geistlichkeit;
rüw vnd leidt vmb vnser sündt,
das selbig als man köuflich findt,
gnad vnd ere, ouch iren gunst,
das sy entpfangen hondt vmbsunst
von Christo Ihesu in sym leben,
das siesz vmb sunst soln widergeben
Murner narrenbeschwörung 141 ndr.;
was gott an einem nimt, gibt er am andern wieder (titel)
Grob dichter. versuchgabe (1678) 31;
ihnen trag ich den kusz für die liebe mutter auf, den sie dann meinem kleinen pathen wiedergeben soll (1785) Caroline br. 1, 18 Waitz; so rauben quellen und bäche den gebirgsbewohnern das land, um es den küstenbewohnern wiederzugeben Allmers marschenbuch (³1900) 5. vgl. auch die bedeutung 'zukommen lassen, (hin)geben', die sich wohl nicht auf deutschen sprachgebrauch gründet, sondern einen reflex der entsprechenden verwendung von lat. reddere darstellt: widergebt die schuld allen (Römer 13, 7) erste dt. bibel 2, 50 Kurr. (vulg.: reddite ergo omnibus debita; Luther: gebet nu jederman, was jr schüldig seid, schos, dem der schos gebürt, zol, dem der zol gebürt, furcht, dem die furcht gebürt, ehre, dem die ehre gebürt); habt jr euch mit fug ... nit zu wegern oder sperren, den zinsz ewerm herren keiser willig ... zu reichen vnd wider zu geben (zu Matth. 22, 21) Mathesius Sarepta (1571) 164ᵃ.
5)
in akustischer und optischer sphäre.
a)
ton und schall 'zurücktönen lassen':
sei wie das todte sprachrohr, das den schall
empfängt und widergibt und selbst nicht höret
Schiller 5, 1, 90 G.;
die steine ... das geräusch des lobes und tadels doppelt wiedergeben Schleiermacher Platons w. (1804) 6, 329;
so nun vergnügt es sie jetzt, die begierig empfangenen töne
wiederzugeben alsbald in melodischer folge mit necken
Mörike w. 1, 265 Göschen.
b)
licht 'reflektieren': widergebin shyn radius reflexus (1340, schles.) Konrad v. Heinrichau vokab. 398ᵇ Gusinde; ob cometen selbstleuchtend sind oder fremdes licht wiedergeben A. v. Humboldt kosmos (1845) 1, 35. bildlich: vermag sie (die Blaue Grotte auf Capri) doch nicht den phantastischen, alle farben des regenbogens durchfliegenden schmelz des kerkers von Chillon wiederzugeben Gaudy s. w. (1844) 5, 15. auch gegenstände 'widerspiegeln', ein bild 'zurückwerfen': nun hatten wir auch ... einen uralten, sehr getrübten metallspiegel gefunden, welcher die gegenstände ... sehr verdüstert wiedergibt Göthe II 5, 1, 266 W.; (der wasserspiegel) der das bild des schlosses Eichenbach in der klaren mondbeleuchtung deutlich wiedergab Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 85. bildlich: ein weib, das, gleich einem reinen spiegel, dein herrliches leben auffängt und dir wieder gibt Brentano ges. schr. (1852) 5, 275; das preussische volk, wie es in seinen acht provinzen liebt und lebt, mit seinem glauben und mit seinen hoffnungen, mit seiner lebendigen gliederung und seinen praktischen bedürfnissen, findet sich in dieser versammlung nicht abgespiegelt und wiedergegeben Bismarck polit. reden 1, 302 Kohl.
6)
besonders in neuerer und gegenwärtiger sprache bezeichnet das wort formen der (nachbildenden) darstellung und des widerspiegelns. herleitung dieses durchweg übertragenen gebrauchs von ein und demselben eigentlichen gebrauch ist nicht möglich, sicherlich jedoch an das vorausgehende (unter 5) anschlieszend:
a)
personen geben (vornehmlich) mit sprachlichen mitteln etwas wieder.
α)
überhaupt in wort und schrift etwas 'darstellen, zum ausdruck bringen, (mitteilend) wiederholen':
ich war wie ein stockdauber mann,
der kein wort widergeben kan
bei Kehrein kathol. kirchenl. 3, 186;
der naturmensch schildert, was und wie er es sieht, lebendig, mächtig, ungeheuer; in der unordnung oder ordnung, als er es sah und hörte, giebt ers wieder Herder 22, 146 S.; seine fertigkeit, was er dachte und empfand, in lebendiger rede klar und eindringlich wiederzugeben D. Fr. Strausz ges. schr. 8 (1878) 27; was ich in diesen chemischen vorträgen abgehandelt, das habe ich hier ... schriftlich wiederzugeben versucht Stöckhardt chem. feldpred. f. dt. landw. (1851) 1, ix; dasz er (Shakespeare) sie (die von ihm dramatisierten histor. ereignisse) mit historischer treue wiedergegeben habe Ranke s. w. 15 (1877) 96; schon bei seiner aufnahme in den kriegerverein hatte er (Diederich) eine rede seiner majestät wiedergegeben, — und hatte er sie nur wiedergegeben? H. Mann d. untertan (1949) 300.
β)
im besonderen auch im vortrag, in der aufführung eine dichtung, ein theaterstück 'darbieten': dasz ich die hundert und acht sonnette, die Petrarch seiner geliebten sang, mit aller der zärtlichkeit wiedergeben kann, die er hinein legte Thümmel reise i. d. mittern. prov. v. Frankreich (1791) 3, 156; dieszmal aber haben wir ein stück, das vor nahe 200 jahren ... (von Calderon) geschrieben ward, so frisch wiedergegeben, als wenn es eben aus der pfanne käme (1811) Göthe IV 22, 29 W.
γ)
auch worte unabhängig von ihrem sinn und nur dem klange nach 'wiederholen': der (mit dem zweiten gesicht behaftete) vorschauer ... hört sogar worte in fremder sprache, die er verstümmelt wiedergibt A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1879) 2, 378; gelang es ... hier und da, ein geeignetes wort gut wiederzugeben, war die freude gross (bei den Indianern) v. d. Steinen naturvölker Zentralbrasiliens (1894) 77.
δ)
texte oder worte 'abdrucken': auch Birken hat nun wohl eine solche abschrift vor sich gehabt, aber sie keineswegs wiedergegeben Ranke s. w. (1867) 1, 344; in einem alten Sachs-Villatte vom jahre 1881 fand ich nicht nur die französischen wörter septembriseur, septembrisade, septembriser verzeichnet, sondern sie waren auch als deutsche fremdwörter (septembrisierer!) wiedergegeben Klemperer l. t. i. (1949) 136.
ε)
(in anderer sprache oder sprachform) 'nachbilden, darstellen, ausdrücken': der stil des Gibbon ist so, dass man in den allermeisten fällen nichts klügeres thun kann, als ihn (bei der übersetzung) bis auf den periodenbau genau wiedergeben (1832) Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 4, 247; versuche man Nathan, Wallenstein, Faust plattdeutsch oder schweizerisch wiederzugeben J. Grimm kl. schr. (1864) 7, 447; limes ... ist ein unseren rechtsverhältnissen fremder und daher auch in unserer sprache nicht wiederzugebender technischer ausdruck Mommsen röm. gesch. 5 (1894) 111. auch ein sprachliches element durch ein anderes wiedergeben, 'übersetzen': lat. dis wird sonst in alten (dt.) glossen, durch duris ... wiedergegeben Laistner nebelsagen (1879) 241; der im 9. jahrhundert lebende deutsche übersetzer der lateinischen evangelienharmonie, deren griechische abfassung man dem Tatian zuschreibt, hat Matth. 11, 17 und Marc. 6, 22 das lat. saltare durch salzôn wiedergegeben Böhme gesch. d. tanzes (1886) 5.
b)
sachlich-dingliches, und zwar meist wieder sprachliches, spiegelt gleichsam wider, bringt zum ausdruck, stellt dar: kürze und nebenausbildende fülle, die auch die unerklärlichern züge der charakterisirten individuen wieder giebt; das sind die wesentlichen eigenschaften des historischen styls Fr. Schlegel in: Athenäum (1798) 1, 2, 57; ich besitze, sagte er (Goethe), das manuseript einer italienischen übersetzung dieses gedichts (der 'braut von Korinth'), welches das original bis zum rhythmus wiedergiebt Göthe gespräche (1889) 7, 244 Biedermann; ein wort, das ... den gedanken genau wiedergibt Fontane ges. w. (1905) I 4, 309; ob diese vorstellung eine geschichtliche thatsache wiedergibt, ist gleichgiltig Laistner nebelsagen (1879) 95; eben so geben Arndt's arbeiten die bewegung unserer nationalen mächte und stimmungen, ohne sie rein und klar zu schildern, in desto wunderbarerer unmittelbarkeit wieder Nitzsch dt. studien (1879) 297; die briefe der Liselotte von der Pfalz ... geben eine sprache wieder, die dem typus der dorfmundarten um Mannheim näher steht als der heutigen stadtmundart teuthonista 10 (1934) 248; seine stimme konnte ... jede kleinste schwingung des hasses, des mitleids, des stolzes, der grausamkeit, der furcht wiedergeben Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 74.
c)
ohne beachtung des im vorausgehenden (unter a und b) angewandten prinzips der aufteilung nach persönlichem und sachlichem agens sei noch, nach sachbereichen gesondert, folgendes hervorgehoben:
α)
bildlich, plastisch 'darstellen, abbilden': es gibt mahler, welche, anstatt dasz sie die natürliche farbe wiedergeben sollten, einen allgemeinen ton ... über das bild verbreiten Göthe II 1, 56 W.; es ist die krone des palmbaums ... mit auszerordentlicher wahrheit der natur nachgebildet ... und der ganze schwung der kronenblätter in den capitälen wiedergegeben Ritter erdkde (1822) 1, 714; so liesz er uns auch bald in öl malen und wählte dazu als originale kleine copien von Harper usw., die dann besonders ich in ungeheurer vergröszerung wiedergeben muszte Kerner bilderbuch (1849) 292; ein zweiter stich, der einen anderen, gröszeren teil des ganzen wiedergiebt H. Grimm Michelangelo (1890) 1, 253; (aufnahmen) selten oder nie festgehaltenes wiedergebend Pinder d. Naumburger dom (1925) 50.
β)
musikalisch 'zur darstellung, zum ausdruck bringen': dasz sie (die sänger) mit der ganzen seele wiedergaben, was Mozart setzte bei O. Jahn Mozart (1856) 3, 470; fiedelt einer eine oper, welche das schweben und senken im menschlichen leben wiedergibt, wie eine thonpfeife mit wasser die nachtigall Büchner nachgel. schr. (1850) 95; wie sie (die drei brüder) in ihre instrumente hineinlauschten, ohne doch ihre haltung zu verändern, und nur wiederzugeben schienen, was eine ferne stimme ihnen zuflüsterte E. Wiechert missa sine nomine (1950) 29.
γ)
in der naturwissenschaft und technik 'nachahmend darstellen': er (der chemiker) hat den ultramarin entziffert, es handelt sich jetzt darum, das wort durch eine erscheinung wiederzugeben, den ultramarin mit allen seinen eigenschaften wieder darzustellen. diesz ist die angewandte chemie Liebig chem. briefe (1844) 12; ich ... bemerke nur, dasz man bei galvanoplastischen nachbildungen das gewicht und die legierung des originals genau wiedergeben ... kann Luschin v. Ebengreuth münzkde u. geldgesch. (1904) 131.
7)
im sinne eines erwiderns, vergeltens, ersetzens.
a)
erwidernd, vergeltend oder ersetzend etw. geben (bes. für, um etw.): widergibet got lôn arbeite heiligen siner (reddet deus mercedem laborum sanctorum suorum) (12. jh.) cod. pal. Vind. 2682 2, 95 Törnqvist; sy widergaben mir die vbeln ding fúr die guͦten (ps. 34, 12) erste dt. bibel 7, 289 Kurr. (vulg.: retribuebant mihi mala pro bonis); was sol ich dir vmb diese gnad widergeben? Joh. Arnd nachf. Christi (1631) 79; (er) würde der ode einen gedanken wegnehmen und dafür einen gezwungenen ausdruck wiedergeben Ramler lyr. ged. (1772) 246.
b)
das aufgewendete, ausgegebene, eingebüszte ersetzend wiedererstatten: was du darüber auszgibst. so ich wider kum so will ich dirs wider geben (Lc. 10, 35) (um 1475) erste dt. bibel 1, 253 (var.) Kurr.; wes auch der jhenig, so ir vns zuschicken werdend, vnderwegen ... verzeren wirt, das wollen wir im gnedig erstatten vnd widergeben lassen (1545) bei Luther br. 11, 205 W.; ob er (der zinsherr) geb dem failtrager (der ein pfand feilbietet) ain kreuzer. denselben kreuzer soll der pauman pflichtig sein zu widergeben dem zinsherrn (abschr. v. anf. d. 17. jhs.) österr. weist. 5, 223;
sarg und baare raubt der erden,
was die wiege wieder giebt
Gottsched ged. (1751) 106;
giff dienen nawer ('nachbar') enen an 'e snuut, ik will 'n di naher ve·dÖgēm̄ (Holstein 1840) Mensing schlesw.-holst. 5, 559. auch etw. 'wiedergutmachen':
dem fischer ward zum theil der schad
vom pfaffen erlegt und widergeben
(1548) Hans Sachs 21, 295 lit. ver.;
ihr späten abendstunden,
...
ihr labet meine glieder
und gebt durch ruhe wieder,
was mir beschwerung hat gemacht
(vor 1679) J. G. Albin bei Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 4, 274.
c)
'vergelten', 'heimzahlen', was jmd. an einem andern tat; 'vergeltend, erwidernd zurückgeben', was man von jmd. erhielt: (die guttat an armen und kranken) wirt dir wider gigebin (Luther: vergolten) in der ûfirstandunge der gerechten (Lc. 14, 14) (1343) Matthias v. Beheim evangelienbuch 153 Bechstein;
vnseren nachburen solt wider geben
sybenfältig, merck mich eben,
die rach vnd schmach die sy hand gton
wider dich o got
(1517) Gengenbach 104 Goedeke;
man musz jedem sein masz wider geben. wie man dir misset, so kanstu wieder messen Lehmann floril. polit. (1662) 1, 86; er küsste sie auf den rothen mund und sie gab ihm den kuss wieder Eichendorff s. w. (1864) 2, 27; holla! sagte der gute mann, und sein voreiliges holz mir (Voss) reichend (er hatte Voss versehentlich gezüchtigt), fügte er freundlich hinzu: gieb mir den schlag wieder J. H. Voss antisymb. (1824) 2, 188; da flog es hin und her von anzüglichen reden und spitzworten ... überhaupt waren die kölnischen nicht auf den kopf gefallen, und gaben's den Berlinern tüchtig wieder Alexis Roland v. Berlin (1840) 1, 9; töf ('warte'), dat gef ik di mal wedder! 'das zahle ich dir heim' Mensing schlesw.-holst. 5, 559. —
Zitationshilfe
„wiedergeben“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/wiedergeben>, abgerufen am 12.11.2019.

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