weitläufig adj. u. adv
Fundstelle: Lfg. 9 (1940), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1301, Z. 21
mhd. wîtlöuftec Lexer 3, 954, bildung wie wîtsweifec, wîtvengec zu mhd. louft, m. neben louf lauf. im 16. jh. weitläufig u. weitläuftig nebeneinander, im 17., noch deutlicher im 18. hat weitläuftig das übergewicht, erst gegen dessen ende weicht es vor weitläufig zurück u. läszt ihm im 19. die vorherrschaft, doch ist mundartlich weitläuftig noch üblich.gelegentlich ohne umlaut: weitloufig J. v. Watt 3, 161; weitlauffig H. Sachs 3, 128 K.im komparativ wird nach dem muster von weiters (s. weit 3 b) gelegentlich weitläufigers gebildet: und wil sie (d. ursache) etwas weitleuffigers auszfüren Gretter epist. a. d. Röm. (1566) 624.
1)
räumlich.
a)
dem wortsinn nahe, 'strecken u. flächen durchmessend': wîtlouftig und wîselôs ûf ir saltû mit arbeite leben bei Lexer mhd. wb. 3, 954. dann bei nomina actionis: und gehet nicht die hälfte unsers adels auf weitläuftigere reisen Bode Yorick 1, 82. insbes. beim abweichen von der geraden: liesz der herzog ... seine groszen schiffe einen weitläuftigen umweg machen Schiller 4, 155 G. von raumgröszen, die ausgedehnte bewegungen ermöglichen oder erfordern. dabei kann der gedanke an die bewegung zurücktreten, weitläuf(t)ig nähert sich weit in der bedeutung 'ausgedehnt':
wie dich das weib füret der masz
ein unsauber weitlauffig strasz
H. Sachs werke 3, 128 K.
auch im fall dass das land etwas weitläuffiger were Sebiz feldbau 475; ein gewöhnlicher vogel, der sich ... nicht mitten in groszen weitläufigen wäldern aufhält Naumann naturgesch. d. vögel 2, 18; und die weitläufigen ufer derselben (bai) sahen so ... anmuthig aus Forster schr. 2, 389;
wie wol du, groosses Gent, weitläuffig bist gebaut
Grob epigr. 192 L.;
als die stadt Zürich noch mit weitläufigen festungswerken umgeben war G. Keller werke 6, 7; weitläufige schuttkegel streichen von den seiten herab W. Penck Puna de Atacama 107. ähnlich: die weitläuftige durchsicht, die sich dem auge ... eröffnet Breitinger crit. dichtkunst 1, 25. von gebäuden, innenräumen, gegenständen: das sie vermainen brächtlich, eernhoch und weitleüffig gebeuw söllen sie ewigklich besitzen Tengler d. neü laienspiegel (1518) 79ᵇ; in dem weitläufigen haus ihrer kindheit W. v. Scholz erzähl. 72; bei ... weitläufigen gehöften vorüber Göthe 24, 3 W.; unter den hallen des weitläufigen gerichtssaals H. v. Kleist 3, 406 Er. Schmidt; in einem sehr weitläuftigen ... groszvaterstuhle Rabener sat. 4, 263; aus dem weitläufigen jagdwagen M. v. Ebner-Eschenbach schr. 6, 134. von höhlungen:
das (hohl) war weitläuffig und nit eng
Spreng Aeneis 107ᵃ;
von körperteilen: indem er sich noch eine weste über seinen weitläufigen leib zuknüpfte H. v. Kleist 3, 142 Er. Schmidt; ein winziges stumpfnäschen, aber eine weitläufige stirn darüber Storm werke 7, 28. von kleidungsstücken u. ä.: in einen weitläuftigen rock Fülleborn papiere a. Henos nachl. (1792) 96; weisze hemdärmel, deren ... weitläufige ränder auf die handknöchel fielen G. Keller werke 7, 23.
b)
die räumliche ausdehnung ergibt sich aus gröszeren zwischenräumen; zunächst neben begriffen, die schon selbst ein auseinander einschlieszen: als (dasz man) durch eine so weitleufftige separation dem feinde gelegenheit geben thete, ein oder andere arméen in dergleichen angustien zu bringen Chemnitz schwed. krieg 2, 188; wenn das ertz in gängen weitläuftig aus einander ... lieget v. Schönberg berginformation 2, 15; garn mit stärckern seylen und stricken, auch weitläuffigeren matschen Sebiz feldbau 564; mit weitläuftigen stichen annähen Gottsched beob. 23. dann auch ohne solche begriffe: kurze aufrechte äste, welche bald gedrängter, bald weitläufiger stehen Schlechtendal flora⁵ 1, 169; dasz hohe und alte bäume in weitläufiger stellung ein dichtes unterholz überragen Roszmäszler wald 138. ähnlich: der ... eine leserliche ... und weitläuftige hand schreibt A. W. Schlegel im Athenäum 2, 337. übertragen auf die zeit: dat dröpt sik wiedlöftig das trifft sich selten. he kumt wiedlöftig to mi er besucht mich selten Schütze holstein. 4, 358. sich über gröszere räume u. zeiten verteilend: das weitläufig begebenheitliche wird in zeit und ort zusammengezogen O. Ludwig schr. 5, 248.
c)
wie weit auch 'über gröszere räume verbreitet, verteilt': und das buch resolutionum in latin durch den truck witlöfig gemacht Joh. Keszler sabb. 67 hist. ver.; und wiewol die teutsch frenkisch sprach anfangs in allem Frankreich weitloufig was ... so nam sie doch ... ie länger ie mer ab J. v. Watt 3, 161. ähnlich gedacht wohl auch: (leib und seele) die zwayer weytlauffiger und widerwaͤrtiger natur sein Berthold v. Chiemsee tewtsche theol. 60 R.
2)
häufiger, seit dem 16. jh., von umfangreich erscheinenden, meist schriftlichen, darlegungen und gedankengängen.
a)
zunächst ohne wertende oder sogar mit billigender stellungnahme, 'ausführlich, genau'. adverbiell: ich hab aber so weytleufftig und mit vielen worten davon geredt, das ichs ja liecht und klar machte Luther 18, 213 W.; darvon ... sol im 2. buͦch weytläuffiger geredt werden Stumpf Schweizerchron. 7ᵇ; davon weitleuftiger Lazius Schottel 54; über epos und drama, einen gegenstand, bei dem wir uns etwas weitläufiger aufhalten Gervinus gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 418. attributiv: die ihn ... dessentwegen raths gefraget, denen gab er weitläufftigen und sattsamen bescheid Widmann Faust 238 lit. ver.; weitläufige nachrichten von der berühmten Irmensäule Ayrenhoff werke 1, 235; dasz ein solch weitläuffiges werck von der oeconomia zu schreiben, ich niemaln ... willens gewesen Hohberg georg. 1 vorr. a 3; darf ich ihnen aber ziemlich weitläuftige anmerkungen über verschiedene stellen ihrer schriften ... schicken? Lessing 17, 195 M. auch von personen, deren darlegungen ausführlich sind: Psellus, ein gelehrter und weitleuffiger hystoricus Heyden Plinius 270; dem kurzen Markus fehlt nur ein einziges von den wundern des weitläuftigeren Matthäus Herder 19, 38 S. dann auch von gegenständen, die eine eingehende darstellung erfordern würden, 'umfassend': ich kan nit mee dar von sagen, die sach ist zuͦ weitlöüfig Eberlin v. Günzburg schr. 1, 105 ndr.; kennst du die ganze streitfrage ...? ... nein ... weil sie zu weitläufig und umfassend H. v. Kleist 4, 102 Er. Schmidt. ebenso von kenntnissen, auch wenn sie nicht dargelegt werden: eine weitläuftige belesenheit allg. dt. bibl. 1, 1, 20; eine etwas weitläuftigere kenntnis der alten nordischen fabeln Gerstenberg rezensionen 270 lit.-denkm. von einer fähigkeit der beurteilung: je weiter man sie (d. schlüsse) treiben wird, je feiner, je weitläuftiger wird der geschmack sein Ramler einleitung 1, 111.
b)
zunächst gelegentlich, seit dem 18. jh. mehr und mehr vorherrschend im sinn überflüssiger oder lästiger breite; mehr im hinblick auf den inhalt: und andere ort, die hie einzuführen zu weitläuffig weren Sebiz feldbau 11; ich würde zu weitläuftig werden, wenn ich ... Schwabe tintenfäszl 93; so hab ich ... das, was überflüssig oder weitläuftig schien, weggestrichen Miller Siegwart 1, 6. attributiv: soll ein mensch, das beichten wil, die weytleufftige und manchfeltig unterscheyd der sunde ... lassen faren Luther 2, 60 W.; ein weitläuftiger eingang macht die sache verdächtig Iffland dram. werke 2, 11; sie haben sich gewisz bei meiner weitläufigen deduction schon gelangweilt Bismarck gedank. u. erinn. 1, 190 volksausg. mehr mit rücksicht auf den sprachlichen ausdruck: termini ... welche man ... durch viele und weitleufftige wort unnötiger ... weise beschreiben müste Chemnitz schwed. krieg 1, vorr. 4; der kunst, welche eine an sich selbst weitläuftigere sprache (d. deutsche) dennoch in den ketten einer gebundenen rede eben so unanstöszig fortzuführen weisz als in einer ungebundenen Heräus ged. u. inschr. 20; künstlich in ihrem bau und zugleich ungebunden im raume, führte sie (die leichform) selbst treffliche dichter ins weitläufige und leere F. M. Böhme gesch. d. tanzes 238.
3)
auf andre tätigkeiten bezogen.
a)
ohne besondere wertende stellungnahme, 'vielfältig, umfangreich, mit aufwand von zeit und mühe verbunden': dan seine mal waren nüchtern, mäszig unnd sparsam ... aber das nachtmal war gemeinlich etwas flüssiger und weitleuffiger Fischart Gargantua 290 ndr.; mein amt ist zu weitläuftig Kretschmann werke 4, 150; wer in einen weitläufigen ... umgang tritt F. H. Jacobi werke 5, 44; weitläufiger ist die verwaltung geworden, kostspieliger, mitunter zum teufelholen umständlich! Holtei erz. schr. 7, 15; mit jedem jahre wurden meine zurüstungen (für eine gebirgsforschungsreise) weitläufiger Stifter s. w. 6, 223.
b)
ähnlich wie bei 2 b mit wertender stellungnahme, 'umständlich, zeitraubend, unabsehbar': für ein straich im angesicht: ... oder, welches nicht so weitläuffig, leget gekawet rockenbrot darüber Sebiz feldbau 73; (könig Heinrich) fängt nicht viel weitleufftige händel an Fischart discours D 2ᵇ; bei dem weitläufigen verfahren der ziviljustiz Meinecke Boyen 2, 248; über jeden groschen weitläuftige berechnungen Tieck schr. 3, 318; die leeren formen, das weitläufige und schwerfällige wesen Häuszer dt. gesch. 1, 7. seltener adverbiell: ich halte es für falsch, sich mit dem staate ... noch weitläufig abzuquälen Gutzkow werke 8, 183.
4)
vielfältig, umständlich, verwickelt und ausgedehnt, ausgebreitet zugleich.
a)
von betätigungen: ob er schon je einmal heim kam, waren sein ... geschäffte so viel und weitläufftig Götz v. Berlichingen lebensbeschreib. 6 Bieling; so sollen sie (d. schiffer) ... alles weitleufftigen handels ... sich gäntzlich entschlagen seerecht d. hansa (1614) bei Pardessus collection 2, 533; die schwere sorgenlast einer weitläufigen landesregierung v. Heppe lehrprinz 4.
b)
von räumlichen gestaltungen: man kann ... die welt als eine weitläufige maschine betrachten Bode Thom. Jones 2, 224; indem er (d. maler Tillsen) ... weitläufigere kompositionen ... gern vermied, um ... im einfachen ... zu verharren Mörike werke 3, 10 Göschen.
5)
unter wegfall des gedankens an betätigung.
a)
eine mannigfaltigkeit sprachlicher bedeutungen umfassend: jungfrau ist eyn weytleufftiges wort, das auch wol eyn weybsbilde seyn mag von funfftzig, sechtzig jaren Luther 11, 323 W.; wir brauchen dises worts weitleüffig fast von allen dingen auff erden Agricola sprichw. (1534) b 6ᵃ; es war perspective in dem weitläuftigen verstande, in welchem sie ... kein mensch den alten abgesprochen hat Lessing 10, 263 M. in vielfältigem gebrauch: welches (d. adv.) nach dem substantiv im deutschen der wichtigste und weitläufigste redeteil ist Adelung umständl. lehrgebäude 2, 23. in umfassender (rechtlicher u. a.) geltung: die keiser haben die kilchendiener ... wol und richtig versehen und witleufig gefryet Capito in Wackernagel leseb.³ 1, 305; fast im sinne von 'entgegenkommend, weitherzig': wenn aber ain freihait mit milter masz ... verlihenn, so ist auch desz milter und weitläuffiger wider den der sie geben het, ausztzuͦlegen Tengler neü laienspiegel (1518) 39ᵃ.
b)
eine grosze zahl umfassend: wenn eine ... hochzeit für ist, so stadtlich oder weitleufftig die von leuten sein mag H. Roth brautpred. (1596) 1, 15ᵃ; meine weitläuftige bekantschaft und die lebensart, die meine bekannte an mir gewohnt waren Lessing 17, 9 M.; er ist von altem geschlecht, hat eine weitläufige familie Göthe 39, 242 W.; den aufwand einer weitläufigen und unnützen garderobe ebda 21, 49.
6)
aufs seelenleben übertragen, 'ausschweifend, ungebunden': diser muͦtwilligen unnd weitläufftigen begird hat gott der erfinder des ehestandts ... ain masz gesetzt Chr. Bruno de officio mariti (1566) 2ᵃ; Venusbrüder ... die ihme anlass zur buhlerey und einem weitläufftigen leben gaben Micrälius Pommerland 3, 493; wenn ein mädchen wild und weitläufig wurde Büchsel erinnerungen 2, 33; wiedlöftig ... ausschweifend, wild, lustig lebend Schütze holstein id. 4, 358. hier wohl anzuknüpfen: 'von anständigen scherzen dat wer en wiedlaͤftigen snak' ebda 359. auch geisteskrankheit kann als ein ausschweifen gefaszt werden: widlöftig verrückt Schumann Lübeck 86; '... wird auch gebraucht als bezeichnung beginnender geistesstörung' Flemes Kalenberg. ma. nachtr. 110.
7)
wie bei weit entwickelt sich aus der bedeutung 'ausgedehnt' die verwendung im sinne von 'fern, entfernt', häufig jedoch nur übertragen von der verwandtschaft: ein weitläufftiger verwandter desselben vernünft. tadlerinnen 2, 47; eines weitläuftiger schwager sein Kramer 2 (1702) 694ᵇ; unsere vetterschaft ist sehr weitläufig Göthe 19, 27 W.; von der unterstützung eines weitläuftigen oheims Gaudy 9, 159. nur gelegentlich im sinne von 'fern der verwirklichung oder gewiszheit': die weitläufftige hoffnung, die sie mir geben, ... ist vor mich ein trost Ang. Kauffmann in schr. d. Götheges. 5, 98; ich habe sein letztes schreiben ... recht gern gelesen, aber mit dem einleuchten sieht es noch weitläuftig aus M. Claudius werke¹³ 2, 403 Redlich. wohl im sinne von 'weithergeholt', daher 'unsicher': so ist auch je keine beweisung (für erhobene anschuldigungen) da, ohn allein etliche zeichen der verdacht, die weitläuftig, und wohl mir selbst begegnen könnten Luther briefe 5, 17 de Wette.
Zitationshilfe
„weitläufig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/weitl%C3%A4ufig>, abgerufen am 17.10.2019.

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