weide f
Fundstelle: Lfg. 4 (1915), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 540, Z. 68
salix. ahd. wîda Graff 1, 773, mhd. wîde mhd. wb. 3, 620ᵃ; Lexer 3, 821, md. weide Gerbet vogtl. § 157 anm., mnd. wîde Schiller - Lübben 5, 707, nnl. wijde, wije Kilian (1777) 806ᵃ, ags. wíþig Bosworth-Toller 1254ᵃ, mengl. wiđi Stratmann 691ᵇ, nengl. withy Kluge-Lutz 229ᵇ, anord. víđir Fritzner 3, 931, schwed. vide. als urgerm. ausgangsformen sind *wīþ(w)ō, *wīþia anzusetzen. zu einer wurzel u̯ī͏̆ 'biegen, biegsam' sind in andern idg. sprachen folgende weidennamen gebildet: gr. ἰτέα (Ϝειτέα Fick in Bezz. beitr. 30, 274), ἶσος, οἶσος, οἰσύη, poln. witwa, apreusz. witwan Berneker 242. 332. die gleiche erweiterung mit k-suffix wie die ags. form weist gr. οἰσάξ auf. mit -ti-suffix zur gleichen wurzel sind gebildet lit. žilvìtis, asl. vitĭ 'weidenstrick', avest. vaeiti 'weidenzweig', pers. bēd Horn npers. etym. 251, mit bed.-verschiebung lat. vītis 'rebe'. dazu mit k-erweiterung lat. vītex, aind. vīṭikā 'binde, band', slov. vitica 'ring'. lat. vīmen steht neben den germ. formen wie ahd. bluomo neben bluot Hoops idg. forsch. 14, 480. — das wort gilt zu allen zeiten überall im deutschen, wird aber in früheren jahrh. mehr nur gelegentlich literarisch, so dasz es z. b. bei Lessing und Wieland völlig zu fehlen scheint. mundartl. wird sein gebrauch eingeschränkt schwäb. und bair.-östr. durch felber, md. durch sale, els. und nd. durch wilge. für die alte zeit wird diese concurrenz deutlich Diefenbach gloss. 508ᵇ. 625ᵃ; Calepinus XI ling. 1291ᵃ. — von dem homonym weide 'pascua' ist unser wort gut geschieden: mhd. steht wîde 'salix' neben weide 'pascua', und so in nd. und alem. mundart noch. wo diphthongiert wurde, bleibt doch die aussprache fast überall verschieden, das zeigt sich u. a. in der schreibung waide, die für 'salix' nur ganz vereinzelt (Sachs 13, 159 Keller), für 'pascua' weithin auftritt. wo die schriftspr. lautgebung den unterschied verwischt, wird doch orthographisch getrennt: Bellin hd. rechtschr. (1657) 137 schreibt weide 'salix' neben weyde 'pascua' vor; entspr. Gueintz rechtschr. (1666) 157; Ravellus (1616) 407ᵇ und Lanckisch in s. concordanz zu Luthers bibel (Leipzig 1677) ordnen demgemäsz, und noch Gottsched sprachk. (1752) 141 stellt im 'orth. verz. gewisser zweifelh. wörter' weide 'salix' neben weyde 'pascua', wie sein 'suus' neben seyn 'esse' (th. 10, 244). dazu tritt Gottsched 141 waidwerk, wie 118 haide neben heide und heyde, 124 Mayn neben mein und ich meyne. Schottel, Stieler, Steinbach und Adelung kennen die scheidung nicht, doch findet sich weyde 'pascua' noch Lavater verm. schr. 1 (1774) 263. die bedeutung 'salix' gilt in alter zeit uneingeschränkt. seit beginn des 16. jahrh. werden manche weidenähnliche pflanzen gleichfalls weide genannt, so der spindelbaum (th. 10, 2500): siler ... ein wyde gemma gemm. (Str. 1508) z 6ᵇ; pappelbaum, weisze weiden Grüwel brand. bienenk. (1761) 399; lonicera Pritzel-Jessen 77; liguster das. 215; faulbaum 318; kreuzdorn 329; schlinge (th. 9, 728) 435; wilde weide 'knöterich' Hertel thür. 255. eine gröszere rolle spielt auch sprachlich das bemühen, die 160 arten von salix gegen einander zu scheiden: Dietrich vollst. lex. d. gärtn. 8, 371 ff. nachtr. 7, 355 ff.; Perger denkschr. d. Wiener akad., math.-nat. classe 19 (1861) 56 ff.; Pritzel - Jessen 353 ff. dazu werden meist attribute herangezogen: gelbe, kleine, rothe wayde Henisch 1056, 43; weisze Brockes 1, 240; französische, spanische Frege bot. handwb. 2, 138; schwarze weide Mörike 1, 87. 3, 104, vor allem aber müssen die meisten der zus.-setzungen mit -weide diesem zweck dienen (die in früheren bänden übergangenen sind gesperrt): acker-, afterblatt-, ähmts-, amts-, anger-, arints-, armets-, aschen-, bach-, band-, bastard-, baum-, baumwollen-, bein-, berg-, bind-, bitter-, blank-, blau-, brach-, bruch-, busch-, damm-, dotter-, duft-, erd-, faul-, felber-, feld-, felsen-, fieber-, fischer-, flachs-, gebirgs-, gerber-, girl-, glanz-, glas-, gletscher-, gold-, gras-, grau-, grund-, haar-, hage-, hanf-, hängel-, hart-, hecken-, heckenrosen-, heger-, heiden-, hohl-, hopfen-, hügel-, hürden-, kahl-, kamp-, kandel-, kapp-, kiefer-, knack-, knacker-, knapp-, kneil-, knick-, kolb-, kopf-, koppel-, korb-, körblein-, krach-, kraut-, krebs-, kriech-, lorbeer-, mandel-, matten-, moor-, mund-, myrten-, ohr-, öl-, palm-, pappel-, papst-, pfahl-. pfirsich-, polar-, pott-, purpur-, rain-, randel-, reif-, röhr-, rosen-, rosmarin-, rosz-, rot-, sal-, salbei-, sand-, satz-, schaf-, schaft-, schäl-, schlick-, schnee-, schul-, schusz-, see-, seidel-, seil-, silber-, spiesz-, spitz-, sprock-, spröckel-, spröde(l)-, sprol-, steck-, stein-, steinacker-, strauch-, streich-, stroh-, sturm-, stutz-, sumpf-, süszholz-, thränen-, trauer-, ufer-, wasser-, werft-, woll-, wurm-, zäh-, zapfen-, zaun-, zwergweide.
1)
weide schlechthin meint den baum: salix haizt ain waid und ist als vil gesprochen als ain springerinn, dar umb, daz der paum snell auf springt und wechst K. v. Megenberg b. d. nat. 347, 7; die falsche etym. von salix auch gemma gemm. (Str. 1508) y 4ᵃ. spätere theoretiker halten es für nöthig, ausdrücklich zu sagen, dasz sie den baum meinen: weyd, weydenbaum salix Maaler 491ᵃ; weide f. weidenbaum salice Rädlein 1, 1040. sprachlich auf gleicher linie steht die weide als strauch: weide ... ein holtz, welches theils zu einem baum erwächset, theils aber nur wie ein strauch bleibet Chomel öcon. lex. 8, 2282; etliche weiden bleiben strauchartig Chamisso 2, 346. die weide ist jedem vertraut und darum geeignet, fremde bäume der anschauung näher zu bringen, so gleich beim ersten vorkommen: cyprus arbor est similis salice salahun vel uuidun ahd. glossen 1, 551, 21; weiszer diptam ... hat blätter wie die weyden Fleming vollk. t. jäger 7; bäume, die mehrentheils weisze rinde und viel ähnlichkeit mit unsern weiden hatten Forster 2, 292. darum kann die weide zum nordischen ersatz des lorbeers werden:
kurfürst: was für ein laub denn flicht er? laub der weide?
Hohenzollern: was! laub der weid', o herr! der lorbeer ist's
H. v. Kleist 2 (1863) 273 (prinz v. Homburg 1, 1).
in ortsnamen ist weide nicht allzu häufig Wimmer gesch. d. d. bodens 221, wol gerade weil der baum allverbreitet und nicht leicht besonderheit eines bestimmten ortes ist.
a)
die weide hat in der natur ihre sehr ausgeprägte eigenart. dem Deutschen ist das auffälligste stets ihr stand am wasser gewesen. die alte sprache nimmt das als äuszerlich gegeben:
dô sprach er lougenliche: dâ ich daʒ schif vant,
bî einer wilden wîden, dâ lôsteʒ mîn hant
Nib. 1508, 2,
neuere dichter stellen eine innere beziehung zwischen wasser und weide her:
wenn der Ilme bach bescheiden
schlängelnd still im thale flieszt,
überdeckt von zweig und weiden
halbversteckt sich weiter gieszt
Göthe I 16, 301 Weim.;
und als ich sah ...
am quellenrande sich die weiden neigen
Droste-Hülshoff 2, 115;
so viel weiden auch dem bache entgegengehn oder ihm das geleite geben O. Ludwig 2, 37. das sprichwort zieht aus dem engen verh. seine schlüsse: man musz die weiden an den bach setzen und nicht in die dünen Wander sprichw.-lex. 5, 79; wo weiden sind, da ist auch wasser 80. die weide theilt ihre vorliebe mit andern pflanzen, die darum mit ihr am wasser erscheinen:
das rohr wuchs wie die haselstecken
bey narrenkolben, schilff und weyden
Rollenhagen froschm. (1595) C 5ᵇ;
von da Bürger 315ᵃ Bohtz; dort reiszt sie das epheu von der weyde am teich S. Gessner 1, 17; grosze strecken (der pontin. sümpfe) ... sind mit weiden und pappeln angeflogen Göthe I 31, 8 Weim.; bald wurden die ufer ganz flach, mit weiden und pappeln bewachsen und äuszerst ainförmig Moltke 1, 107. am häufigsten wird neben ihr die erle genannt: die wiese ... welche sich sanft zu den erlen und weiden des flusses hinabsenkt Mörike 3, 28; an dem wasser standen erlengebüsche, mehrere weiden standen da Stifter 5 i 56, seltener ulme und birke: wenn ich unter den ulmen und weiden, im schosze des berges sasz Hölderlin 2, 70 Litzmann; ganze gruppen von alten weiden und birken Steffens was ich erlebte 9, 249. die weide wächst rasch und reichlich ohne zuthun des menschen: ich wil meinen geist auff deinen samen gieszen ... das sie wachsen sollen wie gras, wie die weiden an den wasserbechen Jes. 44, 4; danach Hippel lebensl. 2, 486. weitere besonderheiten prägen sich sprachlich erst später aus: der eine stamm trägt nur männliche, der andere nur weibliche blüthen: zweyhäusige (blüthenpflanzen) dioecia. die blüthen stehen auf zwey stämmen. weiden, pappeln, hanf Oken allg. nat.-gesch. 3, 6; im frühling ist sie eine der ersten:
der frühling schmückt dort schon am uferrand
mit seidner wimper aller weiden augen
Cl. Brentano 6, 201.
ihre gestalt weicht von der gewohnten baumgestalt weit ab: auf eine niedergebogene weide springen auch die geiszen Wander 5, 79; ihre blüthe gilt als anmuthiger frühlingsbote: hinter einer blühenden weide ... die ganz voll gelber kätzchen hing G. Keller 6, 296. durch ihre früchte wird die weide dem menschen nicht nützlich, ihr saft ist bitter:
(Christus hiesz) mit süeʒer vruht vürdringen
daz honic von der wîden
Rudolf v. Ems Barlaam 20, 9 Pfeiffer;
ûf wîden mac niht vîgen werden
Hugo v. Trimberg renner 20580 Ehrismann;
wenn du auch die weide mit honig begieszest, sie bringt dir keinen zucker Wander 5, 80. im nd. sprichwort als scherzhaft unmögliche zeitbestimmung: wann de wyden prumen dregen das. im alter wird die weide hohl:
der gutzgauch hat sich zu todt gefallen
von einer holen weiden
d texte des mittelalt. 5 nr. 111 v. 2;
auch Erlach volksl. 1, 236; (die magd lief) einer hohlen weide zu, in welche sie sich versteckte Grimm sagen 1, 173; streckten die ausgehöhlten stämme alter weiden ihre verkrüppelten arme in die luft G. Freytag 5, 1; je älter die weide, je hohler der stamm Wander 5, 79. die blätter haben eine graugrüne farbe:
wie unterscheidet sich das grün, so wir auf linden,
von dem, so wir auf weiden finden!
Brockes ird. vergn. 2, 98;
durch das gräuliche hellgrün seiner lanzettförmigen blätter gleicht der ölbaum viel unserer weide Vischer ästh. 2, 96; das blaue grün der italienischen weiden Pückler briefw. 2, 163.
b)
der mensch bemächtigt sich des baumes
α)
körperlich, zunächst zu wirtschaftlicher nutzung. die weide befestigt den grund: weiden ist ain trost dem lannd vor dem wasser, das es dest mynder den grund mit im nem Hätzlerin liederb. 171; dasz man lose ufer damit befestigen, nasse gründe austrocknen könne Leopold handwb. d. ökon. 324ᵇ. die starken äste taugen zum stock: bestellt den bettelstab, weil ihr geld habt, sonst werdet ihr einen knittel von der ersten weide abschneiden müssen Weise erzn. 44 neudr.;
stand bewafnet zu dem streite
mit dem ast der nächsten weide,
als der waldgott kam, schon da
Göthe I 37, 15 Weim.
am geschätztesten sind die gerten: weide ein laubholz mit sehr biegsamen zähen zweigen ... zu flechtzäunen, zum anbinden der dachstöcke bei stroh- und rohrdächern, zum spriegeln der lehmdecken, als latten ... gebraucht Helfft landbauk. 405ᵇ. um die gerten zu gewinnen, werden die weiden gestutzt, das gilt als typische bauernarbeit:
wenn die bure wide haue,
sitzen wir daheim bi'n fraue
schweiz. volksl. 1, 159 Tobler,
und wird gern zu anspielungen verwendet, so in einem spottlied auf die Schweizer:
stümlen musz man die weiden,
aussproszen sie zu vil
hist. volkslieder (1515) 3, 178 Liliencron;
es wachsen die köpff nicht wider wie die weiden Nigrinus zäub. 266; die weiden köpfen (d. i. ihnen das oberste reis-holtz, als das haar üm den kopf herüm, abschneiden) Zesen rosenmand 224; die weiden und bauren musz man alle 3 jahr behauen, und die äst stümpffen Lehman flor. pol. 2, 605. die weide läszt sich leicht propfen: das da transplantatio bescheh von eim in das ander, wie ein pfersich auff einer weyden Paracelsus 1, 355ᵉ; pfropft er freundschaft auf den unedlern zweig wie der verdorbene Römer auf weiden seine limone Schiller 1, 33. eine art militärischer bedeutung hat die weide als gute deckung: (der bürgermeister beschied die ketzer) uff dy selbige nacht vor dy stad under dy widen, dy do vor der stad steen Stolle thür. chron. 1 Hesse; sind aber etliche besser gesinnet ... so halten sie doch hinter der weiden Milich schrapteufel O 3ᵇ; du lagst ja halb tot dahier hinger a weida Hauptmann Rose Bernd 130. zum spiel ist die weide brauchbar und beliebt. den kinderscherz, weidenstäbe in streifen halb zu schälen, treiben in alter zeit auch erwachsene, s. weibelrute, Jacob gewinnt damit geschecktes jungvieh Zürcher bibel (1531) 1. Mos. 30, 37, wo Luther von pappelbäumen spricht. die weide ist der pfeifenbaum der buben (s. weidenpfeife): wozu wüchsen die weiden, sollte man sich keine pfeifen schneiden? Wander 5, 80; Meisinger rapp. 225. liebende schneiden ihre namen in die bildsame rinde:
die hirten sollen ihn an alle weiden,
die jäger an die tannen schneiden
Neukirch ged. (1744) 252.
die kirche läszt am palmsonntag statt der palmenzweige, die man in Deutschland nicht haben konnte, blüthenzweige der salweide weihen E. H. Meyer bad. volksl. 92, Müller-Fraureuth obersächs. 2, 649ᵇ; Schrader reallex. 128; Hoops waldb. 611; geweihte palmkätzchen oder blütenknospen einer art weiden Nicolai reise 5, 115. der geruch der heiligkeit, in den die weide damit geraten ist, fordert den spott heraus: da die weide palmen trug, nannte sie sich gleich einen heiligen baum Wander 5, 79, und leitet zur anspielung auf menschliche schwächen: wenn die weide palmen trägt, spricht sie gern vom morgenlande das. 80.
β)
man bemächtigt sich der weide mit der phantasie. hier geht biblischer sprachgebrauch voran: an den wassern zu Babel saszen wir, und weineten, wenn wir an Zion gedachten. unsere harffen hiengen wir an die weiden, die drinnen sind ps. 137, 2. da salix babylonica aus China erst vor 200 jahren nach Vorderasien gelangt ist und in Babylonien nicht gedeiht, meint hebr. garab vielmehr eine pappel, populus euphratica. aber Luthers übersetzung bestimmt alle citate (Treuer d. Dädalus 1, 378; Hoffmannswaldaus u. a. ged. 6, 309; Löwen im Gött. musenalm. 1771, 76 neudr., Kästner 2, 177; Herder 27, 371; Gleim briefw. 2, 140 Körte; Schubart ästh. d. tonkunst 304; ged. 1, 95; F. Schlegel d. museum 4, 154; Brentano 6, 6; Raabe hungerpastor 2, 167; Peschel völkerk. 306; Laube 8, 4) und ist mächtig genug gewesen, die weide zum baum der trauer zu beseelen: gieb mir ein kleines plätzchen, milder bach! häng du deine sinkende blätter auf mein haupt, traurige weide Lenz 1, 200; zweige der weinenden weide, die ich über meinem haupt zusammen flechte Caroline 2, 87 Waitz;
traurig säuseln hier die weiden,
und im winde bebt das rohr
Lenau ged. 1 (1857) 32;
die weid' am ufer steht, die weichen äste ringend
258.
darum auf gräbern: sie ... pflanzen gerne weinende weiden und rosen auf gräber Zimmermann einsamk. 4, 224; F. Müller 3, 78; Tieck 1, xxvii. 2, 9;
o es pflanze dich an das grab der freund mir,
weide der thränen
Klopstock oden 2, 59 Muncker.
weiteres s. u. trauerweide. vorübergehend galt die weide als symbol der reue: die schönheit ist ein berg ... zu oberst mit wermuht bewachsen, und mit weiden, (welche die reue bilden) gleichsam umb setzt Harsdörffer t. secr. 1 (1656) Bbb 7ᵇ. unabhängig von der bibel fühlt sich ein deutscher dichter bei den weiden eher zur träumerei gestimmt:
verträumt die stillen weiden hingen
hinab bis in die wellen kühl
Eichendorff 1 (1864) 537.
schon hier zeigt sich der standort der weide am wasser als stimmendes element. das motiv wird noch oft fruchtbar, zumal in der romantik: nicht weit vom hause lag ein grauer, stillstehender see, um den uralte verwitterte weiden standen Tieck 9, 231. namentlich das gespenstisch spukhafte ihrer erscheinung zieht die dichter an:
mein vater, mein vater, und siehst du nicht dort
erlkönigs töchter am düstern ort? —
mein sohn, mein sohn, ich seh es genau:
es scheinen die alten weiden so grau
Göthe erlkönig v. 24;
es braucht jemand durchaus nicht an gespenster zu glauben und kann ... in der rechten stimmung doch (bei) der nächsten alten weide irre werden Raabe Horacker 103. darum im zauberspruch: zs. des vereins für volksk. 7. 71 f. mehr zu lehrhafter verwerthung eignen sich ihr wandel von der jungen gerte zum alten knorren und ihre bindkraft:
laszt du die wid werden zuͦ alt
und bügst sie, gwisz sie dir zerknalt
Wickram 4, 205 Bolte;
alte weiden haben dicke köpfe, die weide ist ein geringes holz und kann doch andere bäume binden Wander 5, 79.
2)
seltener bezeichnet weide die einzelne weidengerte. die bed. hat sich sichtlich aus der vorigen entwickelt; nach beiden seiten hin sind deutbar: do machet si (Mosis mutter) ein körbelin von binson und von wîdon Grieshaber pred. 2, 111; do machten sy vele korbe von widen Stolle thür. chr. 38 Hesse. eindeutig die gerte wird so genannt seit mitte des 15. jahrh.: wiltu machen, daz du ain wid ainzway schnidest, so ... mache drú crútz úber die wid Basler handschriften I 1, 47 Binz. wie hier ist bis in neue zeit gelegentlich der stecken von weidenholz gemeint: nim baumöl ... schürs fleiszig umb mit einem stecklin von weiden Gäbelkover arzneib. 1, 206; mein weiser schwang mit seiner rechten eine weide Pfeffel poet. vers. 1, 68; wenn die weide tanzt, trauert der rücken Wander 5, 80. viel öfter jedoch ist dieses weide, im wechsel mit wiede (s. d.) das weidenband zum binden oder flechten. gebunden wird in alter zeit viel mit weiden, wozu heute seil und faden dient: (die flösze) haben sie mit weiden ann dem landt bestetigt Xylander Polyb. 148; (palissaden) die dann mit weiden sollen angebunden seyn Fronsperger kriegsb. 1, X 4ᵇ; (der held des lügenmärchens) nam die rote weiden, und band das pferd darmit wider zusammen. die weiden bekleibten in dem pferde, und wuchsen so sehr, das ein gantzer wald auff dem pferde ward B. Krüger Clawerts hist. 67 neudr.; hatten nichts an dann lange hembder, mit weiden umbgürtet Stumpf Schwytzerchr. 751ᵇ; dort garbet man es (das getreide) auf, und bindet es mit weyden Weckherlin 2, 377 Fischer; die schuhe waren ... zerfetzt, so dasz manche sie mit weiden zusammen binden muszten Laukhard leben 3, 183;
ich fand des holzes viel, und doch gebrach's am stricke
da sucht' ich weiden an des baches rand
Kind ged. 1, 39.
geflochten werden nam. kränze, stühle und körbe: er solle ... den ochsen von grünen weiden kräntze auffsetzen Weise kl. leute 36 neudr.; er sitzt auf seinem stühlchen, das er sich aus weiden selbst geflochten hat Cl. Brentano Godwi 1, 115; da ging er aus und schnitt weiden, sie aber muszte anfangen körbe zu flechten Grimm märchen 1, 236; körbe aus binsen oder weiden Peschel völkerk. 173, vereinzelt auch nester: viehbüchl. (1667) 118 und schilde M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 37. der alten zeit allein gehört die weidenschlinge zum henken: nimt er so bald eine weide von dem baum und schürtzet ihn darein Widmann Fausts leben 142 Keller; er soll mich an ein weiden hencken Schupp (1663) 836; löste ich deinen hals von der weide, die für dich gedreht war Freytag ahnen 1, 295. auch hier ist wiede beliebter.
weide f
Fundstelle: Lfg. 4 (1915), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 545, Z. 55
pascua. ahd. weida Graff 1, 774, mhd. weide mhd. wb. 3, 551; Lexer 3, 737 f., mnd. weide Schiller-Lübben 5, 653ᵇ, anfr. weitha, mnl. weide Verdam 686ᵇ, nnl. weide, wei Franck ²783 f., ags. wáþ 'jagd, umherstreifen' Bosworth-Toller 1170ᵃ, mengl. wâþe Stratman 672ᵃ, anord. veiđr 'jagd, fischfang' Fritzner 3, 895ᵇ, veiđa 'fangen' Noreen urgerm. lautl. 213. hd. d, anord. đ usw. führen zurück auf idg. t, insofern ist akelt. *veido-s 'das wild', air. fíad 'das wild', fíadach 'jagd' Stokes urkelt. sprachsch. 265, Holder 3, 138 nicht vergleichbar. dagegen gewinnt Bartholomae altiran. wb. 1413 aus av. vāstar- 'hirt', vāstra- 'weide' eine wurzel idg. *u̯āt 'weiden', die mit *u̯ē(i)t in sec. ablaut stehen kann Meringer idg. forsch. 18, 237. 255. weiterhin vergleichen sich aind. vē-ti 'ist hinter etwas her, verfolgt', av. vayeiti 'treibt, jagt', lit. vejù, výti 'jagen, verfolgen, nachsetzen', aslav. vojĭ 'krieger', gr. Ϝίεσθαι, Ϝιό-της Boisacq 367, lat. vēnāri, via, vīs 'du willst' Walde ²816.
form. genus und starke flexion stehen fest. ein schwacher sing. nur in fehlerhafter überlieferung: auf süszer weyden (: freude) P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 362ᵃ. die orts- und flurnamen Weiden sind dat. plur.: Birlinger schwäb.-augsb. 428ᵇ; Bacher lusern. 232. der plur. fehlt, abgesehen von zwei ahd. glossen (nom. pascuę uueîda Notker ps. 99, 3; acc. pabula vveida Steinmeyer - Sievers 2, 642, 10) der alten sprache völlig. seit Luther (1527) 23, 35 Weim. und Franck weltb. 166ᵃ wird er allmählich häufiger, stets in der bedeutung 'futterplätze für herdenvieh' (I B 3):
ihr matten lebt wohl,
ihr sonnigen weiden
Schiller 11, 396.
die mundartliche contraction des stammvocals wird kaum je literarisch: der grünen umbstehenden garten, weden, wiesen Chr. Falk lobspr. d. st. Elbing 204ᵃ Töppen. schreibung ai herrscht bair.-östr. von der Vorauer hs. 31, 5 Diemer bis Leoprechting a. d. Lechrain (1855) 126. sie reicht ins alem.: St. Georger pred. 53, 5 Rieder; weisth. 5, 153; Oheim Reichenauer chr. 21 Barack; Garg. 46 neudr.; Drollinger ged. 88, schwäb.: Frischlin d. dicht. 10 Strauss; Weckherlin 1, 416 Fischer;
heil dabei der weisen volksregierung
wenn der herrscher auf der waide graszt
Schiller 1, 188,
und ostfränk.: Nürnberger polizeiordn. 163 Baader; städtechr. 2, 226; Meininger stat. 43 Stickel. gehalten hat sich waid 'jagd': hist. volksl. 4, 367 Liliencron; s. u. II A 2. neben ai zeigt sich gleichwerthiges ay im gleichen gebiet von Schiltberger reiseb. 16 Langmantel bis Abr. a S. Clara Judas 1 (1686) 75, aͤy von Frundsberg kriegsth. (1572) 40ᵇ bis Happel akad. roman (1690) 3. die schreibung weyde wird benutzt um das wort von weide 'salix' zu scheiden, s. sp. 541. seitdem die orthogr. trennung gefallen ist, begegnen fälle, die keine sichere zuweisung erlauben:
die flüsse sind los.   die weiden sind grün.
die nachtigall ruffet den gatten ins laub
Denis lieder Sineds (1772) 157.
bedeutung. die erschlieszbare grundbed. 'ausgehen auf nahrungsgewinn', die von thier und mensch, zu land und wasser, von thierischer und pflanzlicher kost gilt, wird in langer entwicklung näher bestimmt, eingeschränkt und umgebildet. unverändert bleibt dabei die vorstellung, dasz durch fang und nahrung irgend welcher art ein lebendes wesen gelabt wird.
I.
ein thier labt sich.
A.
von alters her kann das ein wildes thier sein.
1)
älteste bed. ist in diesem zus.-hang 'nahrungsgewinn': in der naht farent ûʒ in iro uueida alliu uualdtier Notker ps. 103, 20; der dachs. . schlaafft. . nit so lang als andere ... dann winterzeiten gadt er auch auff die weid Gesner thierb. 33ᵇ Herold; etliche von denen (fischen) gehen zur weyde, vermittelst ihrer floszfedern Prätorius anthr. plut. 1, 71. es handelt sich nicht nothwendig um pflanzenkost: der uarigo leuuo, der in uueido gâd Notker ps. 16, 12;
er (ein storch) vlouc ûf sîner weide vart,
da im ein veiziu henne wart
Boner 37, 21 Pfeiffer; entspr. 78, 3,
doch stets um feste nahrung: die storcken (führen ihre jungen) zu wasser und weide Dannhawer cat.-milch 358. bisweilen kann weide als 'nahrungsaufnahme' gemeint sein, als 'futter' verstanden werden: (die karpfen) kommen nicht wieder hervor in die teiche zur guten weyde, bisz wieder im frühling fischbüchl. 108.
2)
auch als 'futter wildlebender thiere' ist weide nicht nothwendig pflanzenkost:
an ainem gar fischreichen see
da er (der affe) fund gar miltreiche waid
Sachs fab. nr. 347, 5 neudr.;
unsere blauwling (felchen) zur zeyt, so sy den hürlingen oder kleinen eglinen nachstreychend als der weid ausz dem oberen see in den undern, werdend davon weidfisch genannt Forer fischb. 187ᵇ. thatsächlich spielt jedoch von je das pflanzliche wildfutter zumal der hirsche die wichtigste rolle: dero hirzo ... die dia uueida nieʒen suln Notker ps. 28, 9; (die hirsche müssen) sich verpergen und des nahts ir waid suochen K. v. Megenberg 130 Pfeiffer; im herbst ist das geläse (s.gelos th. 4 i 3050) wieder grosz ... weil sie ... durch den sommer gute weyde gehabt haben Aitinger jagd- u. weidbüchl. 18;
(wie die hirschkuh) auf den bergen umher und kräuterbewachsenen thälern
weide sucht
Voss Od. 4, 338 Bernays.
daher die weidmännische wendung: der hirsch nimmt die weide (an) Sebiz feldbau 568; Meurer jag- und forstrecht 63ᵇ; Harsdörffer frauenz.-gespr. 3, 113; Heppe aufr. lehrpr. 110, selten vom dachs oder hasen Brehm thierl. 1, 646. 2, 463. hier überall ist weide das am boden wachsende wildfutter: (ein thier) welches wegen des groszen horns der weide nit genieszen, sondern nur von hecken ... seinen unterhalt suchen musz Harsdörffer t. secr. 2, 679. nam. in der weidmannsspr. bleibt aber der name dem futter auch noch im leibe des wilds (s. auch weiddarm): was hat der edle hirsch von felt gen holz tragen? den külen thau und die liebe grüne weid, darumb wirt der edle hirsch des bauren grasmaid jägerkunst (1610) in Wagners archiv 1, 145;
alsbald ein rudel hirsche,
der weide voll, sprang sorglos an ihm hin
(full of the pasture)
Schlegels Shakespeare 4, 191.
von der bed. 'wildfutter' führen übergänge zu der jüngeren 'futterort':
diu tier in dem walde ir weide liezen stên
Gudrun 389, 1;
der rhinoceros mit dem helffanten streidten wil, welchs der weide halben mehrertheils geschücht Heyden Plinius 127; haselhüner ... fallen auf die weide oder geäsz (geäsze th. 4 i 1632 mit gleichem doppelsinn) Döbel jägerpract. 1, 50ᵇ. Hartig lex. f. jäger 587 stellt beide bed. nebeneinander.
3)
zu der bed. 'futterort des wilds' gelangt man auch unmittelbar von zeugnissen, die weide noch als 'nahrungsaufnahme' meinen können:
er (der drache) ist an sîner weide,
als der âbent ane gêt
Wirnt v. Gravenberg Wig. 124, 18 Pfeiffer;
(die königsvögel) fliegent an die waid von irn nesten gegen der sunnen aufganch K. v. Megenberg 185 Pfeiffer; bei nacht aber streychend sy (die hasen) auff die weid Gesner thierb. 69ᵃ Herold. eindeutig belegbar ist diese bedeutung seit beginn des 13. jahrh.:
sîn weide,
walt unde heide
hât er alleʒ behert
H. v. d. Türlin krone 26871 Scholl,
sie wird nachmals die herrschende: der trach suͦcht ym ein weg usz zuͦ seiner weyde Eppendorf Plinius 8, 48; wo ist nu die wonung der lewen, und die weide der jungenlewen? Nahum 2, 12; wann man in (den damhirsch) an seiner gewonten weyd laset Fischart ehzuchtb. 243 Hauffen; die dolen, so langsam von der weyde weichen, zeigen an den winter Nigrinus zäub. 135; grundfohren und schwäbfohren: diser unterschied aber ist nicht am fisch, sondern an der weide fischbüchl. 145; wie ein reh auf freier weide Hölderlin 2, 95 Litzmann. in der späteren zeit, die weide fast nur vom herdenvieh gebraucht (B), wird es als erstaunlich vermerkt, dasz auch wilde thiere 'weiden': kühe und beeren werden an der weide gehen Jes. 11, 7; so musz er glauben, dasz ... kühe und löwen an einer weide gegangen Liscow samml. 622.
B.
der mensch sorgt für die ernährung seiner hausthiere und sieht sie regelmäszig bei ihrer nahrungsaufnahme. darum findet sich auch weide häufiger von ihnen gebraucht als vom wild.
1)
auszugehen ist hier, wie bei A, von der abstr. bed., die sich hier vielgestaltiger entwickelt.
a)
'nahrungsaufnahme des viehs' bed. weide seit ende des 13. jahrh.:
(der kranich zum pfau im garten:)
dâ muoʒ dîn weide inne wesen
altd. beisp. 24, 28 zs. f. d. alt. 7, 354;
die weide et weidung, it. das weiden pastio Stieler 2453, nam. in einigen festen wendungen: die peinen varnt niht an ir waid K. v. Megenberg 290 Pfeiffer; darumb lieszen sy ir vych und hyrten dahinden zuͦ wayd faren Boner Herodot 62ᵃ; aus dem wasser steigen sieben schöne fette küe, und gingen an der weide im grase 1. Mos. 41, 2; entspr. Hiob 1, 14; weish. 19, 9; doctor Martinus sahe das vieh im felde gehen an der weide Luther tischr. 26ᵇ; der weid nachgon Frisius dict. 187ᵇ. in freiem gebrauch läszt sich dieses weide mit 'sättigung' umschreiben: ain mul gieng umb syne waid uf ainem wismad Stainhöwel Äsop 193 Österley; ein iede (katze) den platz, so sie zu ihrer weid gebraucht, mit allen krefften unterstehet zu beschirmen Ryff thierb. Alberti Magni F 6ᵃ; kaum so vil über bliben ist, das zuͦ der weid unnd dem holtz wachsz gnuͦg gewesen Münster kosmogr. vorr. 4; ein faun über ihr ... bezeugt, dasz zu gesunder weide die beste gelegenheit auf den höhen sei Göthe I 49, 130 Weim.
b)
'gelegenheit satt zu werden' (zu intrans. weiden) ist weide vom 11. bis 19. jahrh.:
er (Holofernes) vuͦrte olbenten ane zal.
si mohten chume haben weide
j. Judith bei Diemer, d. ged. des 11. jahrh. 135, 14;
man musz sonderlich achtung aufs viehe haben, damit dasselbige mit genugsamer weide und hute versehen werde vichbüchlein (1667) 24; aus mangel an weide schwimmen die zusammengedrängten thiere stundenlang umher Humboldt ans. d. nat. 1, 35. häufiger ist die bed. 'gelegenheit vieh zu sättigen' (zu trans. weiden):
Joseph balde lief ze Sichem in daz tal tief,
wan da was weide genuͦch der sich ir uihe betruͦch
Milst. genesis 75, 22;
bin drumb rabgangen an die Tieber.
im grund da wechst das grasz vil lieber.
wolt sehn, obs drinnen geb weid
Ayrer dram. 1, 48 Keller;
ob man nicht allein im sommer genugsame weide, sondern auch im winter genug heu und stroh haben kan Hohberg georg. cur. 1, 10; ein feld, das keine weide hat Steinbach 2, 960; hier gab es für ein volk ... raum zu freier bewegung, üppige weide Wimmer gesch. d. d. bodens 5.
c)
'hut' als thätigkeit des viehhirten ist weide selten:
swenn er daʒ vihe treip ze holz ...
sô kunde er sîn mit weide
nâch dem wunsche nemen war
Konrad v. Würzburg Troj. 696 Keller;
von hegung und weide des zahmen viehes Grimm Reinhart Fuchs II, noch seltener 'hutbetrieb': die abgaben bestanden ... wenn das land zur weide lag, in einem ... hutgeld Mommsen röm. gesch. 2, 382.
d)
schon von den vorstehenden belegen für abstr. bed. können mehrere auch concret als 'viehfutter' verstanden werden. vollends zu dieser bed. leiten über: die gebürge von Man, wo schatten und weide für seine pferde und sein vieh waren Haller Usong 2; auf den bergen gibt es einige weide Göthe I 31, 96 Weim.; gute weide macht fette schafe Görres 3, 219.
2)
ganz gewöhnlich ist weide 'futter des zahmen viehs'. das wort bleibt, auch wenn das futter gegen seine bestimmung von anderen als zahmen thieren gefressen wird:
(die fünfte plage waren heuschrecken)
die selben aszen alle die waid,
das das vich solt essen, dem volk ze laid
Vintler blume d. tug. 2316.
es ist nicht auf gras und kräuter beschränkt: etleich (bienen) sind wächig und fleiʒig ze suochen ir waid K. v. Megenberg 289 Pfeiffer, auch nicht auf das am festen land gefundene futter: wann es inen (den schwänen) an der weyd manglen wolt Sebiz feldbau 113. die beziehung auf den wiesenboden herrscht zwar vor: er ... hat alle andere thier gegen der erden gekert, darmit sy der weyd und narung alleyn acht hetten Ryff anatomi A 3ᵃ; alle andere thier lassen ihre meuler undersich zur erden und weid hangen Albertinus hirnschl. (1664) 55, doch wird auch freszbares laub inbegriffen:
davon entgeht den heerden
die weid' an laub und grasz
Roberthin Königsb. dichterkr. 21 neudr.;
es hängt indes an klippen voller weide
der bärtge bock, der die gesträuche nagt
Zachariae 3, 137.
auch das vom boden gelöste und sogar das schon gefressene viehfutter kann noch weide heiszen: ocymum ... allerley saatkreüter so sy abgeschnitten werdend dem vych zur weid Frisius dict. 908ᵃ;
wan friedlich unser herd und schaff
nach späthem widerkawen ...
die süsze weid verdawen
Spee trutznacht. 192;
was also das vieh auf den feldern ... abbeiszt und in sich friszt, heiszet weide Döbel n. jägerpract. 5, 25. gewahrt wird dagegen die beschränkung auf feste pflanzliche kost: bauren geben inen (den hühnern) im sommer gar nichts, dann sie erhalten sich von der weyde, von den würmlein, und was sie sonsten finden viehbüchl. (1667) 96; Pieps half den thieren zu weide und tränke G. Freytag 12, 37. gras und kraut heiszen weide nur soweit sie abgeweidet werden sollen: wir haben heuer viel heu, die weide ist hoch Seume m. leben 3, gemeinhin vom herdenvieh, das der mensch am häufigsten grasen sieht:
die weide eneʒʒent geiʒe rinder ros noch schâf
j. Spervogel minnes. frühl. hg. von Vogt ²305;
deine knechte haben nicht weide fur ir vieh (non est herba gregibus) 1. Mos. 47, 4;
die rinder sogar um die stiere
schweifen klagend umher, und verschmähn die weide zu kosten
Voss Theokrit 370.
vielfach kann weide noch als 'gewachsenes viehfutter' gemeint sein, aber schon als 'fläche, auf der viehfutter wächst' verstanden werden: es laszt sich ... sonder ander futer an seiner weyde benügen Sebiz feldbau 123; die fette weide, die fruchtbare erde ... reitzten die eroberungssucht der ungerechten Klinger n. theater 1, 4;
ich sag' es dir: ein kerl, der speculirt,
ist wie ein thier, auf dürrer heide
von einem bösen geist im kreis herum geführt,
und rings umher liegt schöne grüne weide
Göthe I 14, 87 Weim.
auch von den bed. 'gelegenheit satt zu werden' und 'nahrungsaufnahme' her sind solche übergänge zu gewinnen: er ... suͦchet gar vil stet, das das vich guͦtt weyd hett heiligenl. sommerth. (1472) 210ᵃ;
in dem er also iszt, hört er der schafe schellen
die von der weyde nun sich wider heimgesellen
Opitz t. poem. 31 neudr.
3)
'ort an dem herdenvieh futter findet' ist die häufigste von allen bed. des subst., sie ist früh erreicht:
er wiste sin vihe an di guten waide
d. ged. d. 11. jahrh. 28, 23 Diemer;
gezogenlich chan ich ilen
und an der weide mit minem vihe gen
Milsteter genesis 102, 9 Diemer,
und gilt ganz allgemein in den mundarten: Lexer kärnt. 253; Schmeller bair. 2, 850; Follmann lothr. 534ᵇ; Lenz vgl. wb. des Handschuhsh. dial. 76ᵇ; Meisinger rapp. 224; Crecelius oberhess. 901; Hertel thür. 255; Müller-Fraureuth obers. 2, 649ᵇ; Gerbet vogt. § 211, 3 a; Bauer-Collitz wald. 112ᵇ; Schambach gött. 290ᵃ. theoretiker wie Jablonskie allg. lex. d. künste u. wiss. 2 (1767) 1735 pflegen von ihr auszugehen. die oben beobachtete abneigung gegen den plur. ist in älterer sprache auch bei dieser bed. fühlbar: ich hab dich genomen von der weide hinder den schafen (cum in pascuis sequereris gregem) 1. chron. 18, 7; die Scythen sein ... genand worden nomadas leut die viel umbwallen, andere weide ... suchen Rätel Curäi schles. chron. 11.
a)
weide steht in aufzählungen ländlichen besitzes: dasz sy von iren garten, wisen, ackhern, holz, waid, wasser ... kain zechenden solten geben Knebel chron. v. Kaisheim 53; mit alpen, wälden, tälern, seewen oder mösern, ebeinen, matten, weiden, wassern ... übergeben Tschudi chron. helv. 1, 53; landbau auf wiesen, weiden, äckern, weinbergen der stadtflur G. Freytag 18, 122, bildet mit wechselnden gegenworten begriffspaare: in den häusern und auff der weid Fischer-Tümpel 1, 154; die gärten und die weiden Löwen 1, 81; brunnen und weide Herder 5, 130; ställe und weiden Lenz ged. 34 Weinhold; äcker und weiden Forster 6, 281; wald und feld, wiese und weide Jahn 2, 20, und erscheint gern in reimformeln: scheide und weide Grimm rechtsalt. 1, 18; heide und weide Viebig kreuz im Venn 29, die, wenn sie aus alter zeit stammen, durch stabreim gebunden sein können: weid und wald S. v. Birken Pegnitzschäf. forts. 37; J. Gotthelf 4, 8; wald und weide Giseke poet. w. 5 Gärtner; H. v. Barth Kalkalpen 91; Moltke 6, 265; wasser und weide Grimm rechtsalt. 1, 10; A. v. Arnim 21, 171 Grimm. die älteste und häufigste ist wonne und weide, sie bindet zwei von haus aus fast gleichbed. wörter: das erste glied ist, wie schon Grimm rechtsalt. (1828) 521 gesehen hat, ahd. winna, dem got. winja 'νομή', anord. vin 'grasplatz' entsprechen. im deutschen ist winne schon seit anfang des 9. jahrh. auszer gebrauch gekommen. in unserer formel wurde es, wie in winnemânôth 'monat in dem das vieh auf die weide kommt, mai' unter dem einflusz von wonne umgebildet Braune beitr. 14 (1889) 370. im sinn dieser volksetymologie umspielt schon Gottfried v. Straszburg die formel:
ouge und ôre heten dâ
weide unde wunne beide:
daʒ ouge sîne weide,
daʒ ôre sîne wunne
Tristan 16759.
in ihrer ausgangsbed. behält die rechtssprache die formel: wasser, weyer, wunn und weyde, leut und gut, varnd oder ligend habe städtechron. (1392) 4, 170; das müllehen daselbs mit aller zugehörung, es sey wismad äcker haws hofstat holtz, wunn und waid, nichts davon besundert mon. boica (1469) 21, 553; zwing, bann ... wunn, weid Riederer spiegel d. rhet. w 6ᵃ; es sollen auch die schulmeister jedes orts bey irem ampt wasser, wonn und weyde und andere gemeine allmandt ... zugenieszen haben kirchenordn. f. Braunschweig (1569) 350. von da gelangt sie zu den dichtern:
allda die Schweden funden nun
holtz, brunnen, gute wayd und wunn
Sachs 16, 209 Keller-Götze;
ich hab euch wonn und weide nechst den bächen ausgesucht Harsdörffer frauenz.-gespr. 6, Ff 5ᵃ. entstellungen sind wund-waid mon. boica 15, 353; wohn und weidt weisth. 4, 77. jung und nur bei gelehrten möglich sind übertragungen auf leibliche und sinnliche labe des menschen: Arndt schr. an s. lieben Deutschen 2, 127. 402. weitere belege Haltaus gloss. 2126 ff.; Schmeller 2, 850.
b)
hier entfalten sich am reichsten die attr. bestimmungen, die
α)
den wirthschaftlichen werth der weide bestimmen: dürr — fäuht K. v. Megenberg 155 Pfeiffer; fruchtbar A. v. Pforr b. d. beisp. 22; gut Fischart Eulensp. 409 Hauffen; köstlich Guarinonius grewel d. verw. 1; ungesund Reinicke Fuchs (1650) 124; nuzbar A. U. v. Braunschweig Oct. 3, 870; grasicht Triller poet. belust. 1, 496; trocken Schwerz ackerb. 49. das häufigste dieser attr. ist älteres feist Sachs 9, 140 Keller; Lehman flor. pol. 2, 831, neueres fett Neumark fortg. mus.-poet. lustw. 1, 448; Lessing 2, 99; Göthe I 15, 287 Weim.; Arndt 1, 26 Rösch.
β)
die attr. klären die besitzverhältnisse, von alters in der fügung gemeine weide, die die almende als besitz der gemeinde kennzeichnet (th. 4 i 3177. 3271): lat.-nd. wb. von 1417 bei Diefenbach n. gloss. 104ᵃ; Tschudi chron. helv. 1, 114; Lehman flor. pol. 1, 353; östr. weisth. 4, 89, 3; Steinbach 2, 960; Jablonskie allg. lex. d. künste u. wiss. 2, 1736; Haller tageb. 1, 192; Eichhorn d. staats- u. rechtsgesch. 1 (1821) 46; Mommsen röm. gesch. 2, 128. erst seit dem 17. jahrh. treten freie wendungen verwandter art daneben: die gewönliche weide S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäf. 4; abgezäunt Gottsched beytr. z. crit. hist. 2, 111; ordentlich neuestes a. d. anm. gelehrs. 8, 298; fremd Bräker 1, 195; königlich Raumer gesch. d. Hohenst. 4, 557; städtisch Cl. Brentano 5, 149.
γ)
eine ästhetische würdigung geben die attr. schön Folz meisterl. 102, 6 Mayer; lustig Simpl. 488 neudr.; frisch Weichmann poesie d. Nieders. 1, 75; heerdenvoll schlesw. lit.-briefe 349 neudr.; bunt Hölty ged. 146 Halm; grün Tieck 1, 124; beblümt Platen 1, 399 Hempel; duftig Kürnberger nov. 141.
c)
verbale fügungen mit weide können
α)
das weidende vieh zum subject nehmen. praed. ist dann meist gehen, die präp. wechseln: pferde oder küge ... die an die weyde gont Schlettstadter stadtr. (1399) 1, 332; ochssen ... nach ihrer weyde giengen theatr. diab. 397; rossen ... die ... in der weide giengen D. v. d. Werder ras. Roland 33; (wenn die vom teufel erschaffenen ziegen) nun zur weide gingen Grimm märchen 2, 289, meist ist es auf: do ain gaisz ... usz wolt gann uf die waid Stainhöwel Äsop 121 Keller; 18 schaff ... welche daselbst uff der waid gangen Bürster schwed. krieg 57 Weech; dasz die pferde an einigen posten noch auf der weide gingen Moltke 1, 136. andere verba treten mehr gelegentlich auf: die herden zogen auf die weide Heine 3, 23 Elster; zur weide gegackert werden Holtei vierzig jahre 1, 273; traben Strachwitz ged. 45; heimkehren Lenau ged. 1, 288; hinauslaufen Stifter 5 i 269; verlassen Laube 4, 135. früh bahnt sich hier der übergang zu wendungen an, die den menschen zum ausgangspunkt nehmen: das uwer gnode uns die ochszen uff uwer gnoden weyde hat loszen gen privatbr. d. mittelalt. 1, 322 Steinhausen.
β)
seit dem 15. jahrh. wiegen die fügungen vor, die den menschen zum subj. nehmen. mit der anschauung wechseln hier die verba stark: ain kalb ... laszt man frey auf die wayd A. v. Eybe sp. d. sitten B 6ᵇ; das sie weide suchten fur ire schafe 1. chron. 5, 40; man musz sie (die gänslein) auch niemals ungessen in die weide bringen viehbüchl. (1667) 107; dasz du ... fünf schaafe zur weide führest S. Gessner 1 (1777) 40;
ein schäfer hüt auf der weide
wunderhorn 1 (1845) 55.
fest geworden sind treiben: Schaidenreiszer Odyssea 60, 4 Weidling; Kirchhof disc. mil. 23; Spee trutznacht. 42, und schlagen, dies zunächst mit frischer anschauung: so schlagen sie ire pferdt auf die waid (bindens an halfftern und langen stricken, die legen sie an einen pfal, denselbigen schlagen sie stets fort und fort, wie die rosz das gras abessen Seuter roszarzn. 94, doch früh verblasst: ein rossz das man auff die weid schlacht unnd frey lasszt lauffen Frisius dict. 471ᵇ. von kühen; general chron. (Frankf. 1576) 48ᵇ, von schafen: würtemb. zollordn. (1651) 28.
d)
übertragener gebrauch ist in verschiedener richtung von der bed. 'futterplatz für herdenvieh' ausgegangen, zunächst in zweideutigkeiten: der leib des weibs als tummelplatz männlicher lüste:
ich lihe dir meinn esel auf ir weid
fastnachtsp. 1, 347 Keller;
das recht des ehemanns auf seine gattin:
und hüt dieselben weil seins weibs
da im kain ander sein waid ab fretz
das. 2, 767,
dann im ungelenken bilde: so sich di alten ... inn guͦten künsten (als andere thier inn schmackhaffter wayde) erlustigen J. v. Schwarzenberg Cicero 32ᵇ. fest geworden im bild für unordnung: da es alles unternander leufft on unterscheid wie die kue auff der weide Luther 34 ii 389 Weim.; man musz ... den versz nicht wie eine saue von der weide lauffen lassen Morhof unterr. v. d. d. sprache 1, 710; alles bunt durch einander, wie's der dorfhirt auf die weide treibt Holtei 6, 123, und im vergleich: viech als stall, hirt als wayd Nas antipap. eins und hundert 4, 133ᵃ. von dichtern kann ein ganzes land als eine grosze weide bezeichnet werden:
so schaut sie aus der luft, und Sachsen stellt sich ihr
mit aller seiner pracht und seinem segen für.
hier Meiszen reich an wein, der churkreis an getreide,
dort das gebirg an erz, Thüringens fette weide
J. E. Schlegel 4, 57;
wie segn' ich dich, mein reiches kleines land,
du frische weide einer treuen heerde
Droste-Hülshoff 3, 162:
ist denn nicht Schwaben ein fruchtbarer garten,
eine gesegnete weide die Schweiz?
Rückert 1 (1867) 198.
dieselbe vorstellung wird längst vorher im wirthschaftlich gerichteten bild erreicht: wie möcht dann teütsche nation grünen, so als vyl schedlicher thiere in ir ab etzen alle guͦte weide? Eberlin 1, 8 neudr. bemerkenswerth früh ist die bez. auf das weidende vieh völlig abgestreift. dann kann bedeuten: zu weide 'auf freiem felde': Folz meisterl. 83, 11 Mayer; uffs schäffers waid müssen 'verstoszen werden' Hätzlerin 93; auf der weide sein 'im schwange gehen' Th. Birck doppelsp. 7; auf die weide schlagen 'preisgeben' Ayrer dram. 4, 2407, 29 Keller.
4)
schon in wendungen unter 3 a) und 3 b β) kann weide nahe an die bed. 'recht, einen weideplatz zu nutzen' gelangen. ebenso nähern sich ihr ältere urkundensprache: sollen wir ym vier pferde ... iclichs von vier marken und die weyde dorzu vorlyen Marienb. tresslerb. 416 Joachim; das gras und die weide in den statgreben ... niessen die zwei fündelheuser Tucher baumeisterb. 257; er sich disesz walds mit aller nutzung, wisen, waydt, holz ... freywillig verzigen Knebel chr. v. Kaisheim 9, desgleichen einzelne formeln:
keynr reidt dem andren inn die weydt
Wickram 5, 109 Bolte;
weilen die wittib Hörstgens mit weidt undt schweidt sich der gemeinden bedienet urkundl. beitr. z. gesch. v. Münstereifel (1682) 1, 435 Scheins; wer auch bei in in der stat gesessen ist, und waid und wasser mit in suecht, der sol in stewren quellen u. erört. z. bair. gesch. (1351) 6, 414; wasser und wede vorbiten Trochus (Leipz. 1517) bei Diefenbach gloss. 303ᶜ; wasser und weide Franck weltb. (1542) 129ᵃ; Schill d. spr. ehrenkranz 51; Iffland 8, 244; laszt mir keine druckfehler einschleichen! ich sage euch sonst wasser und weide auf Bürger briefe 3 nr. 669 Strodtmann; die tröpfe mögten euch heide und weide sonst aufkündigen Göckingk das. 2, 102; heyde und weide Bode Montaigne 5, 3. theoretiker buchen die bed.: das recht zu weiden Westenrieder (1816) 660, sie ist bis jetzt möglich: die weide auf seinem acker gehörte vor der aussaat ... dem gutsherrn G. Freytag 20, 429.
II.
seit seinem frühsten auftreten bez. weide auch nahrungserwerb und labe des menschen.
A.
körperlich bed. weide 'gang des menschen auf fang'; so schon gemeingerm., wie die ags. und anord. verwandten erweisen.
1)
alt ist im deutschen vor allem die bez. auf fischfang:
oba iro (der fischenden apostel) thehein uuiht habêti, thes in in uueidu zauuêti (beim fang zu theil würde)
friunton ouh zi nuzzîn   gifangan mit thên nezzin
Otfrid 5, 13, 9.
sie hält sich bes. zäh am Oberrhein: das niemant keinen kneht uf die weide schicken sol der sines rehten nüt enhet zwey schiff Straszb. zunftordn. (14. jahrh.) 168 Brucker; wer anders dete, der bessert 7 β d und die weide (den ertrag des fischzugs) das. 175; sich der weide des Rînes gebrûchen (im Rhein fischen) zs. f. gesch. d. Oberrheins (1449) 4, 82; es soll auch keiner dem andern sein geschürr in sein weide stellen Schlettst. stadtr. (1596) 2, 553 Gény. in diesen kreis gehört auch fischen weyd Wickram 7, 386 Bolte, woraus Bartsch vischweide für A. v. Halberstadt 20, 262 rückbildet th. 3, 1689; mhd. wb. 3, 553ᵇ; Lexer 3, 373).
2)
die bez. auf die jagd ist wol nur zufällig im deutschen erst später bezeugt: (Marke geht zur jagd, Tristan bleibt krank daheim):
der sieche weidenære
wolte ouch an sîne weide
Tristan 14381.
die bed. 'jagd' wird vorausgesetzt durch zus.-setzungen wie weidmann (s. d.), von da kann sie stets neu belebt werden:
des waldes ûf der heide vil nâhen an dem ende
hielt ein man der weide
j. Titurel 1277 Hahn;
darnach Püterich ehrenbr. 49 zs. f. d. alt. 6, 41. in der weidmannssprache wird sie fest gehalten:
(Philipp) het geschworen ainen aid,
den kaiser gschlagen an der waid,
oder wolt nit landgraf bleiben
hist. volksl. 4, 367 Liliencron;
dem gehürn zuͦ, lieber gesell, der weyd naher Sebiz feldbau 565 ; offenbar auch im jägergeschrei ho ho, woit gut altd. wälder 3, 103 ff. aus der weidmannsspr. gelangt sie zu den dichtern, während in neuerer prosa waidwerk (s. d.) gilt:
ich habe eichenwälder tief und breit,
mit bahnen rings durchhauen für die waid
Wh. Müller 1, 386;
die stärke
kund gethan durch blut'ge werke
in der schlacht und auf der waid
Müllner dram. 2, 11.
3)
auch in freiem gebrauch ist die bed. 'nahrungserwerb des menschen' der alten sprache durchaus geläufig:
dannen fûr er vor baʒ
an eine breiten heide.
dâ was ubil weide
rossen unde mannen
Lamprecht Alexander 2618 Kinzel.
die bed. 'unterhalt' wird lange festgehalten, wesentlich von den dichtern:
die armen sint mit leide
der rîchen hêrren weide
H. v. Langenstein Martina 129, 108;
ir (ein prediger) suchet uwer weide
vil me danne gotis gir
b. Daniel 2656 Hübner;
der feind offt auffhielt die provant,
dasz sie hettn weder speisz noch weyd
Sachs 16, 268 Keller-Götze;
auff wilder heyd such ich (ein reiter) mein weyd:
bergreihen 115 neudr.;
hätt ich wiltpret, wein und fisch
und die gantze weyde,
die den hals und schmack ergötzt
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 408ᵇ;
(Alcidamas lagerte sich am tisch) wie die Scythen, immer da wo er die beste weide fand Wieland Lucian 1 (1788) 332. jüngere spielarten der bed. sind 'kost': wie einer speisz braucht, also lebt er auch, rauhe weyd macht rauhe leut, wie Tacit von Teutschen tacet Garg. 82 neudr.; von da Lehman flor. pol. 1, 213 f. 3, 300; 'existenzmöglichkeit': sie wollen ... den schaaren ihrer juristischen hungerleider ... eine neue weide ... öffnen Görres ges. briefe 3, 49; 'beruf':
bulute graʒ ich nennen
muʒ durch ire arebeit.
tac mit nacht tut sie ir weit
nicht slafen, sunder wachen
b. Daniel 1790 Hübner;
'körperliche befriedigung': die schönheit dient viehischen trieben zur gräszlichen weide Hebbel I 9, 115; 'ort an dem sich menschen wol fühlen': die ebene, lustige waid und plumreiche strasen des unehlichen unverfangenen stands Fischart ehzuchtb. 206 Hauffen; den dunkeln trieb ... welcher ihn von der grünen weide hinweg dem gestaltenden leben der städte zugeführt hatte G. Keller 1, 20; früh auch 'bewegungsfreiheit':
arme und ahsel beide
die heten breite weide
Tristan 6704;
vor allem aber 'gang, fahrt': (der herr entläszt den knecht:)
ginc und var din weide
Seifried Helbling 9, 135;
stet uff, ir gotes boten beyde,
ich sal uch ryszlich uwir weide
vuͤren an eyne stat
altd. schausp. 1, 1306.
hieran schlieszt, wie bei fahrt, gang, kehre, die bed. 'mal':
zu dem dritten weide
vorkund hern in daz gevelle
der grundelosen helle
H. v. Hesler apokal. 4236 Helm;
dorumb Jhesus grisgrampt ander waid in im selber erste d. bibel, Joh. 11, 38 (var.: aber); vgl. anderweit th. 1, 314.
B.
weide des menschen kann 'befriedigung' sein auch über nahrungserwerb und körperliche sättigung hinaus.
1)
zu geistlichem gebrauch gibt die bibel das vorbild mit Joh. 10, 9: ich bin die thür, so jemand durch mich eingehet der wird selig werden, und wird ein und aus gehen und weide finden. die worte pascua inveniat der vulgata sind schon längst vor Luther mit hilfe von weide widergegeben worden: sol weide vinden Tauler pred. 110, 21 Vetter; waid vint er codex Teplensis 1, 138 Huttler. auch auszerdem hat das kirchenlatein diesen wortgebrauch belebt: anne mir uindent ouh sie die uueida des êuuegen lîbes Williram 55, 17 Seemüller; entspr. 59, 11. 115, 9; in pascuis uberrimis (Hesek. 34, 14) mit ainer vaiʒter waide d. pred. d. 13. jahrh. 1, 7 Grieshaber. von den mystikern wird dann das ganze bild vom weidenden schaf ins geistliche umgesetzt: uf den bergen von Israhel sol ich sú fuͦren an die grünen krúter an der vetterlichen weide Tauler pred. 114, 2. die reformation bildet den gebrauch so fest aus, dasz Luther weid schlechthin gleich predigampt und doctrina setzen kann 34 i 329, 11. 333, 4 Weim.
a)
die neutest. parabel leitet dazu an, unter weide die labe der christenseele im diesseitigen leben zu verstehen. so ist der wortgebrauch alt und gut entwickelt:
(der engel zu Maria:) gnade, froude und weide
wolte got mit ihr geben und daʒ ewige leben
Wernher Maria, fundgr. 2, 176;
man beget húte drier leige geburt in der heilgen cristenheit, in der ein ieglich cristen mensche so grosse weide und wunne solte nemen Tauler pred. 7, 13, nam. Luther pflegt ihn: darümb ist es (das sacrament) gegeben zur teglichen weide und futerung, das sich der glaube erhole 30 i 225 Weim.; entspr. 6, 320; 10 i 1, 19; 10 iii 174. von der reformation bleibt neben der bez. auf das abendmahl die auf gottes wort:
mit deinem wort und geistes krafft,
dadurch uns weide wird verschafft
Gg. Werner bei Fischer-Tümpel 3, 34;
Jesu ... lasz ... deine worte meine weide ... seyn Schmolcke 1, 8, während spätere katholiken und pietisten die auf Jesus selbst ausbilden:
ernähr mich, wie du andren thust,
mit der fetten weide deiner brust
Scheffler seelenlust 71 neudr.;
Jesu, meiner seelen weide,
meine höchste lieblichkeit
Zinzendorf t. ged. 51.
b)
mehrfach kann hier weide als 'labe' gemeint sein, als 'ort der labe' verstanden werden: da ist die rechte weyde und wonung aller geyster Luther 7, 651 Weim.; soll man darumb den geistarmen schäflein die weid nehmen? Dannhawer cat.-milch 1, 390, von hier aus breitet sich, wie bei der irdischen weide, räumlicher gebrauch seit der reformation bei den protestanten rasch aus. der gebrauch bedarf zunächst der erläuterung: dye schaff müssen noch den hirten die weide, das ist das euangelium, weisen flugschr. a. d. ersten jahren d. ref. 1, 27; damit sy von im als ainem guͦtem hirten in die waid gottes worts gefuͦrt ... werden Kessler sabbata 90 Egli, nachmals wird er selbstverständlich: (die schäflein) giengen irre, oder auff einer ungesunden weide Pape bettelteufel E 6ᵇ; wan disz schäfflein Christi sind, ihr aber dessen bestellter hirt, so wil euch gebühren, sie auff eine bessere wäide zuführen Simpl. 75 neudr.; ein guter hirte ist damit noch nicht zufrieden, dasz er seine schaafe nur auf eine gute und gesunde weide führe J. M. Miller pred. 2, 25. wesentlich unterstützt wird dieser räumliche gebrauch durch ps. 74, 1: gott warumb verstöszestu uns so gar? und bist so grimmig zornig uber die schafe deiner weide? angeführt von Dürer tageb. 82; Sachs 18, 314 Keller-Götze; Weckherlin 1, 350 Fischer; P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 301; Günther ged. 26; Wieland I 2, 379.
c)
wird weide auf das leben der christen im jenseits bezogen, so musz das zunächst ausdrücklich gesagt werden:
wen ir von hinnen sult scheiden
czuͤ der engil weyden
altd. schausp. 1, 1154;
ich (Maria) sal von deser werlde scheide
an dem dritten tage zcuͤ der ewigen weide
1, 1078.
fest wird auch dieser wortgebrauch durch die mystiker: in die úberweseliche gotheit, do alle volkomene weide ist Tauler pred. 142, 19 Vetter, von da wird er, durch die reformation nicht unterstützt, nachmals neu belebt: der herr ... führet sie ein in seine weyde J. Böhme 5, 205, und namentlich im kirchenlied (P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 428ᵇ; Hippel lebensl. 1, 274; Mittler d. volksl. 363) sowie zu schonender tröstung gern gepflegt: ist es ein kind, so spreche ich, es wäre von dem liebreichen hirten auff eine andere weyde geführet worden Ch. Weise pol. redner 538.
2)
von geistigem genusz des menschen kann weide gleichfalls schon auf der höhe des mittelalters gebraucht werden:
daʒ ouge daz hanget
vil gerne an sîner weide
Tristan 17827.
damit hat Gottfried sogleich den ton angeschlagen, der fortan bei den dichtern am hellsten klingt:
welchs bildt dann was seinr augen weyd
Wickram 8, 58 Bolte;
schöne hand, meiner augen waid,
lasz dich meinen zorn nicht betrüben
Weckherlin 1, 173 Fischer;
wie desz frülings erste kinder
der masirten felder schein
unsrer augen weide sein
Tscherning (1642) 329.
bis in die gegenwart wird in gehobener sprache das compos. augenweide (th. 1, 813) gern aufgelöst:
du hast vor uns die rührende weide der augen genossen
Bodmer Noah 3, 587;
jede nymfe, jede göttin, bleibet meine lust und freude,
jedes antlitz, jede brüste, werden meiner augen weide
Ziegler Banise 842;
hier ist der sitz der zärtlichkeit,
der sinnen lust, der augen weide
Hagedorn versuch 19, 22 neudr.;
hände, meiner augen weide,
o wie drück' und küss' ich sie
Göthe I 16, 357 Weim.;
wie lachte da auch Herzeleide,
als ihren schmerzen
zujauchzte ihrer augen weide
R. Wagner 10, 356.
die auflösung erlaubt ein attribut anzubringen: das geld ... seiner augen neue weide Eschenburg beispielsamml. 1, 203; auch ohne die hofnung eines schönen tags, ist dieser anblick dem aug eine rechte weide Göthe IV 4, 134 Weim.;
dieser schmerz, den mein gefolge zeigt,
ich weisz, ist eurem auge süsze weide
Schiller 13, 479.
mit alledem bleibt die fügung beweglich genug, um in immer wechselnder gestalt in sätze eingebaut zu werden: (so haben) meine stunden und augen ihre weide in gutten büchern gesucht Butschky Pathmos einf. 4ᵃ; unmüglich war es dasselbe (das auge) von dar abzulenken, dahin es, seine weide zu hohlen, unnachläslich gerichtet blieb Zesen Simson 288; ich ... wolte meine vorwitzige augen auff die wäyd führen Abr. a S. Clara Judas 1, 41; ich gestattete also meinen neugierigen augen die nicht verwehrte freyheit, welche auch ... die angenehmste weyde suchten Leipz. aventurier 1, 208; so hübsch und bescheiden, dasz es eine weide zu sehen ist Varnhagen Rahel 1, 80. im gebiete keines andern sinnes entwickelt sich ein ausdruck, der der augenweide vergleichbar wäre, da nasen- und ohrenweide (Sanders erg.-wb. 621ᵃ; th. 7 1260) kaum eine rolle spielen, dagegen wird sinnenweide (th. 10 i 1173) von der gesamtheit der sinne gebraucht, dazu:
unbillichkeit ist seine frewd,
und seiner sinnen süsze wayd
Weckherlin 2, 16 Fischer;
niedriger sinnen verächtliche weide
Weichmann poesie d. Nieders. 6, 116.
die seelenweide ist im 17. jahrh. zum festen ausdruck geprägt (th. 10 i 40), daneben bleibt auch hier freier gebrauch der wortglieder lebendig:
alles war für unsre seelen weide,
jeder pulsschlag ein genusz der freude
Heinse Daphne bei Kl. Schmidt elegien d. Deutschen (1776) 179;
dasz es eine wahre weide für seine seele war Lenz 3, 118 Tieck, wider mit dem erfolg, dasz es möglich bleibt, attribute einzuschieben: eine süsze weide für bekümmerte seelen Justi Winckelmann 1, 298. älter ist weide des gemüts: (leiden) ist irme gemüte ein weide Tauler pred. 109, 11; ein monarch, dessen ganze felicität in der gloire und weide des gemüths, nachdem dem leibe ohnedas nichts mangelt, bestehet Leibniz d. schr. 1, 213, jünger ist weide des geistes: (das ländchen) liegt, wo dein geist, dein herz auf die weide geht Cl. Brentano 5, 14; doch sollte ich ... meinen geist auf die weide treiben, (du nennst es bildung meiner seele) B. v. Arnim Brentanos frühlingskr. 318; einer andern freiheit ... wodurch auch die geister ihre weide haben Arndt 1, 265 Rösch. verwandte ausdrücke schlieszen leicht einen tadel ein: deswegen gieng er auch gern in die schule, weil er dort in der vollen weide seines muthwillens war Schummel Spitzbart (1779) 55; sein dünkel fand eine stattliche weide Wieland Lucian 3, 84; es soll die sinnlichkeit nicht den geist verkuppeln, durch allerlei weide das herz verstricken Jahn volksthum 354; (die sinnlichen) wählen das thal Sodoms, um der fetten weide willen Jung-Stilling 4, 212; seina wai naugäihn 'seinen gelüsten leben' Neubauer egerl. 106ᵇ. in der dichtung wiegt auch hier der edle klang vor: ich soll in meinen kindern langsam sterben, eine volle weide an eurer marter nehmen Gerstenberg Ugolino 244 Hamel; die bekanntschaft von Lavatern ist für ... mich ... eine weide an himmelsbrod, wovon man lange gute folgen spüren wird Göthe IV 4, 140 Weim.;
du gewährtest mir ...
was die weide meiner stillen stunden,
und der lieblingstraum des knaben war
Kosegarten rhaps. 2, 5;
das dritte, deutscher männer weide!
am hellsten soll's geklungen sein!
die freiheit heiszet deutsche freude
Arndt ged. (1860) 294.
III.
auszer thier und mensch können sich auf einer weide wesen laben, die mit beiden verglichen werden. in den sternen sieht der Deutsche weidende schafe, die sich auf der himmelsaue ergehen:
die wogen fliegen auf bisz an der sternen wayd
Weckherlin 2, 43 Fischer;
mond des himmels, treib zur weide
deine schäflein gülden gelb
Spee trutznacht. 211;
auf einer groszen weide gehen
viel tausend schaafe silberweisz
Schiller 11, 355;
gottes schäflein gehn zur weide
Hebel 2, 49 Behaghel,
seltener und später gilt das gleiche bild für die wolken (s.lämmerwolken th. 6, 86): eine heerde lämmerwolken, die tief gegen süden auf der blauen weide gingen Stifter 1, 14. aus griech. mythologie schlieszen sich die herden des Helios an: worauf er (Odysseus) an der thrinakischen weide des sonnengottes zu übernachten genöthiget wird J. H. Voss krit. bl. 2, 311. allegorische gestalten, anthropomorph gedacht, laben sich nach menschenweise: früh findet frau Minne in einem frauenantlitz die weide, in der sie sich mit lust ergeht:
doch zeiget wol diu minn ir weide
an ir, swie sî in trûren wære
U. v. d. Türlin Willeh. 71, 12 Singer,
aber auch in neuer dichtung erscheint die welt als tummelplatz allegorischer gestalten:
(unschuld und friede harren,)
um dann zu kehren beide
hinaus zu freier weide
Rückert 1 (1867) 131.
der persönlich gedachte tod sättigt sich mit sterbenden menschen: sie müssen nur des todes weide seyn Schottel haubtspr. 121; die menschen sämtlich sind des todes fette weide disc. d. mahlern 3, 186, der teufel mit sünde und sündern: dann spilen ist des teuffels weid Th. Birck doppelsp. 23; bawersleut seynd eine weyde der tyrannen und der soldaten: die tyrannen aber und soldaten seyen eine weyde desz leidigen teuffels Lehman flor. pol. 3, 413.
IV.
zusammensetzungen: acker-, alp-, an-, anger-, augen-, auszen-, bauern-, berg-, binnen-, brach-, bruch-, busch-, distel-, dreesch-, faul-, feld-, fett-, fisch-, fohlen-, frei-, frühlings-, gänse-, garten-, geisz-, gemein-, gemeinde-, götter-, gras-, haber-, harz-, haus-, hege-, heide-, herbst-, herren-, herzens-, holz-, hühner-, hut-, jahr-, johannis-, kälber-, koppel-, küh-, lachs-, lehden-, mast-, mein-, mit-, moor-, nach-, nacht-, nasen-, ohren-, pacht-, pferde-, pfingst-, rinder-, rosz-, saat-, schaf-, schau-, schnabel-, schneeflucht-, seelen-, sinnen-, sommer-, sonnen-, stoppel-, sumpf-, tag-, thal-, ur-, vieh-, vogel-, vor-, voralp-, wald-, walpurgis-, wetter-, wiesen-, winter-, zeidel-, ziegenweide.
Zitationshilfe
„weide“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/weide>, abgerufen am 21.08.2019.

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