würdigen vb.
Fundstelle: Lfg. 14 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2114, Z. 56
verbalableitung von würdig, doch in der bedeutung vielfach zu dessen grundwort würde stimmend, also 'mit würde versehen' (s. u. 1), vgl. auch Weisgerber verschiebungen i. d. sprachl. einschätzung v. menschen u. sachen [1958] 113; 117. mhd. wirdigen; mnd. mnl. werdigen, gelegentlich auch md., z. b. K. Stolle thür. chron. 78 lit. ver.; (1475) hist. volksl. 2, 18 Liliencron. wirdigen mehrfach noch im 17., vereinzelt im 18. jh.: gewirdigt Bodmer Noah (1752) 204. ohne umlautsbezeichnung wurdigen (15. jh.) Diefenbach gl. 181ᶜ; (1582) br. Friedr. d. frommen 1, 308 A. Kluckhohn u. ö.; vereinzelt wordigen (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 181ᶜ.
1)
'zu ehre und ansehen bringen, erhöhen, auszeichnen, ehren, verehren', weniger würdig C 1 und 2 als würde A entsprechend. mhd. und älternhd., in spuren bis ins 19. jh. nachlebend.
a)
im blick auf soziale stellung und gesellschaftliche funktion.
α)
allgemein und ohne konkrete beziehung:
wol mochte er (Nebukadnezar) von rechte
wirdigen swen er wolde,
ouch nidern so er solde
Daniel 4661 Hübner;
der künig begnadet jn vnd wirdiget jn (Esdra) hoch vnd eerlich nach allem seinem begären Zürcher bibel (1531) 8ᵃ (3. Esdra 8, 4); es ligt nit dran wie reich oder gewirdiget ein weib sei, es ist in gleichem fall ein unschamhafftigs thier Chr. Bruno de officio mariti (1566) 27ᵃ; jedes amt, das ein bürger übernimmt, würdiget ihn in seiner masze und ertheilt ihm einige demselben angemessene ... freiheiten (1767) J. Möser s. w. 1, 114 Abeken; so heben sie sie (die dichtung) ... innerlich, würdigen sie durch religiöse weihe, leiten ihren ursprung auf David zurück (die spruchdichter der nachhöfischen zeit) Gervinus gesch. d. dt. dicht. (1853) 2, 18.
β)
in ausdrücklichem bezug auf bestimmte ämter, ehrenstellungen, auszeichnungen u. dgl. in präpositionaler konstruktion: also ward sie frölich gewirdiget zuͦ ainer mechtigen kaiserin (nicht vor 1452) städtechron. 22, 324; ist ein schäffer zum richter vnnd vrtheiler der schönheit ... gewürdiget worden theatrum amoris (1626) 27; Ispahan, zur hauptstadt gewürdigt Göthe I 7, 193 W. an die konstruktion unter 2 a β angelehnt: im römischen reich haben ihn seine kayserliche majestät des reichsgrafen-standes gewürdiget Besser schr. (1732) 1, 142. älter speziell von der graduierung der rechtsgelehrten: ein jeder geistlicher chuͦrfürst (soll) einen, der rechten gelert, vnnd gewürdigt, wie obsteht ... ernemmen d. kayserl. maiestat cammerger. ordn. (1555) 1ᵇ; vgl. 3ᵇ; uber des vortreflichen poeten herren Enoch Gläsers, der rechte gewürdigten, wolgesetzte Elmen schäfferei Rist Parnasz (1652) 34.
b)
'ehre erweisen, mit auszeichnung behandeln, verehren', auszerhalb gesellschaftlicher rangordnung.
α)
in religiöser beziehung, soviel wie venerari: mit dem wirdiget diu sêle got, irn künic, nâch sînen êren dt. mystiker 2, 350 Pf.; vgl. 269; setzen ore hoffenunge zu gote vnd loben den vnde beten on vmb sine hulffe vnd gnade, eren vnd werdigen on Stolle thür. chron. 78 lit. ver.; er genueszt der heiligenn, die er im leben hat gewurdiget, unnd die bitten in zu gaste und sein frolich mit im S. Grunau pr. chron. 2, 324 P. auch in umgekehrter richtung, für eine von gott widerfahrene auszeichnung: von gottes wegen du (Maria) also gewúrdiget Seuse dt. schr. 547, 27 Bihlm.; wie gröszlich du von gott gewirdiget bist über alle creatur nach dem gaist, wann got hatt dich gemacht ain vernünfftige creatur, nach seiner bildung vnnd geleichait, er hat dich jm vermächelt im gelauben ... vnd begabt mit mangen tugenden vnd gnaden Keisersberg granatapfel (1510) G 6ᶜ; darumb hat der herr den feyertag gewürdiget und geheiliget Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 500;
gott würdigt, gott beruft mich (Mahomet)! diesen arm
hat er erwählt, ich soll ihm näher treten
Göthe I 9, 313 W.;
ein unmittelbares eingreifen des herrn der welt, womit er euch frühzeitig gewürdigt und gezeigt hat, dasz er ... euch seine eigenen strengen wege führen will G. Keller ges. w. (1889) 1, 212. mit doppeltem akkus. wohl entspr. lat. aliquem aliquid dignare: welchen Christus in dem ersten bapst ein hirten seiner schaff genent ... vnd ein felsen seiner kirchen gewirdigt hat Diettemberger wider ... Luth. v. d. miszbr. d. mess (1526) G 4ᵇ. 'weihen, heiligen': (Christus) hatt auch alle christen, zuͦ eusserlichen, sichtbarlichen, tauffs priestern, durch sein heiliges bluͦt gewirdiget Diettemberger wider ... Luth. v. d. miszbr. d. mess (1526) B 1ᵃ passim. auch für den vorgang kirchlicher weihung: die kirch die wirdig priesterschaft weyet und widmet und wirdigt bei Fischer schwäb. 6, 3443; wîrdijen = die priesterliche weihe geben, in dorfsmundarten, in den städten ist 'ordiniren' dafür stehender ausdruck Haltrich siebenb.-sächs. volksspr. 50ᵃ.
β)
allgemein 'mit auszeichnung behandeln, ehren': die in irm vaterlant versmæht sint ... und die man doch in fremden landen gar wert hât und si wirdigt und grœzleichen êret Konrad v. Megenberg buch d. natur 255, 14 Pf.; do was der wirt nicht doheme, der die gest wirdigen solde Chr. Falk elbing.-pr. chron. 69 Toeppen. geradezu 'loben, rühmen': Ctesibius wirt auch gewürdiget, dasz er die liebliche zuͦsammenstimmung der pfeiffen sampt den grossen orgelspilen erfunden hat Heyden Plinius (1565) 52. wohl den zu 2 gehörenden akt der einschätzung voraussetzend: der herr läst sich selten sehen, er würdiget uns nicht mehr Kramer t.-ital. 2 (1702) 1406ᵇ. oder die unter 3 begegnende vorstellung einschlieszend, dasz eine person oder sache auf ihren wert hin taxiert wird: jnn der biblien steen sy ye nit verzaichnet, es sol sy auch kainer wirdigen, als die biblische bücher Carlstadt welche bücher biblisch seind (1520) A 3ᵇ;
mein gnäd'ger herr, ihr würdigt mich zu hoch
so ernster sache euch bei mir befragend
Tieck schr. (1828) 3, 235.
c)
gelegentlich meint würdigen eine auszeichnende behandlung, die einen menschen zu etwas fähig macht oder eine sache in ihrem wert erhöht, der wertvorstellung würdig C 3 entsprechend: darum wöllest mich würdigen vnd geschickt machen, dich (Maria) zuloben Gebweiler beschirmung d. lobs Marie (1523) B 2ᵇ (oder zu 2 a α?); vgl.B 2ᵃ; in menschlicher natur hat got leib vnd geist zesamen gefueegt ... auf das leibliche creatur im menschen gewirdigt werde, domit sy koenne gottes puoech lesen Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 179 Reith.;
die freud (ihr süszer lohn) den väterlichen alten
und den geliebten mann in einem stand zu halten,
der von dem drückendsten der armuth sie befreyt,
veredelt, würdigt ihr des tagswerks nichtigkeit
Wieland s. w. (1794) 23, 97;
begünstige die muse jedes streben
und lieb und freundschaft würdige das leben
Göthe I 15, 345 W.
vergleichbar in vereinzeltem reflexivgebrauch, 'sich eines anderen wert und würdig machen': do sie (Penthesilea) mit den sterkisten fynden manlich und lang fachte und mer wann zevil, daz sie ierem so starken buͦlen (Hektor) sich wirdigen möchte Steinhöwel de claris mul. 114, 7 Drescher. am ersten hier anzuschlieszen die älter vereinzelt mögliche bedeutung 'festlich begehen, feiern', vgl. solempnisare w'digen (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 540ᶜ: das er den tag seczt, wenn er die hochzeit wolt wirdigen Albrecht v. Eyb in: zs. f. dt. altertum 29, 397. hier jmd. oder etwas mit einer sache würdigen: (die seele,) die er mit sîn selbes bilde gewirdiget hât dt. mystiker 2, 99, 36 Pf.; vgl. 350, 14; 211, 23; darnach hat got ... selbs personlich die hochzeit geeret, gebenedeyet vnd gewirdigt mit seinem götlichen zaichen Albrecht v. Eyb dt. schr. 1, 68 Herrmann; Calmer ist die fürnehmste stadt in Schmaland ... und ist vorm jahre mit einer königlichen schwedis. solennität gewürdiget worden Olearius persian. reisebeschr. (1696) 34ᵇ;
vater, Israel, mit dem namen vom höchsten gewürdigt
Bodmer Kalliope (1767) 1, 124.
2)
'für würdig befinden, für würdig achten, halten'; im unterschied zu 1 ein auf urteil und einschätzung gegründetes verhalten und handeln bezeichnend, dies immer (doch s. δ) in bestimmter beziehung und in der relativen bedeutung von würdig A 'passend, angemessen, etwas verdienend'. charakteristisch für diesen seit dem späten 15. jh. bezeugten hauptgebrauch des wortes ist es, dasz fast durchweg (doch s. b α) der würdigende als tatsächlich oder vermeintlich überlegen und sich herablassend, der oder das gewürdigte als von ihm ausgezeichnet gedacht ist, so dasz hier die bedeutungen 'jmdem die ehre antun' (a) und 'geruhen' (b) im vordergrund stehen.
a)
jmden oder etwas würdigen in einem durch nähere bestimmungen ausgedrückten sinne.
α)
mit abhängigem infinitiv- oder dasz-satz, der ausdrückt, was der gewürdigte zu empfangen verdient oder was er tun darf: eüer diemütikeit mich in meiner armuͦt gewirdiget hat zuͦ mir ze komen Arigo decameron 367 Keller; damit der liebreiche gott ... dich mit seinen auserwählten des himmlischen reichs zu geniessen würdige Grimmelshausen 2, 476 Keller;
welchen gott gewürdiget hat, ihn ewig zu schaffen
Klopstock Messias (1780) 151;
würdigt mein haus, euch darin aufzuhalten
Tieck schr. (1828) 1, 167;
dazu füllte ihn empörung gegen den Varro, der ihn nicht einmal würdigte, ihm mitzuteilen, was er mit ihm vorhatte Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 137; vgl. 140. vereinzelt mit dativischem objekt: dasz sie ihm nicht einmahl würdigen wollen, die kleinodien anzulegen, die er auf ihrem nacht-tisch hingelegt A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 5, 28. ungewöhnlich mit bloszem infinitiv: ein alter fast schielender hofmarschall würdigte mich zu sagen, er wäre seinem hofe ... unentbehrlich Jean Paul ausw. a. d. teufels papieren (1789) 2, 51. mit abhängigem dasz-satz seltener:
ob schon der feind besessen
Ischarioth, den dieb, so würdigt er (Christus) ihn doch,
dasz er ihm reichte zu den letzten bissen noch
Fleming dt. ged. 19 lit. ver.;
wenn es dem menschen wohl gehet, ... so würdiget er kaum den rechten himmel, dasz er hinauf sehen ... sollt Scriver seelenschatz (1737) 4, 12ᵃ. hierher die älter gelegentlich parataktische satzfügung:
ich bitt, so dir es nicht miszfellt,
wirdige vns, vnd geh mit ein
(1613) Martin Rinckhart d. eiszleb. christl. ritter 22 ndr.; vgl. dr. Faust ²67 ndr.
β)
mit abhängigem genitiv jmden oder etwas einer sache würdigen, d. h. einer bestimmten behandlung; ganz vereinzelt (s. u.δδ ende) mit akk. an stelle des gen.; mit z. t. festen substantiven verbalen gehalts seit etwa 1600.
αα)
unter deutlicher voraussetzung sozialer oder sonstiger überlegenheit des würdigenden: warumb würdiget mich die helleuchtende sonne jhrer güldenen stralen schausp. engl. comöd. 211, 8 Creizenach; also werde auch e. f. g. das werklein selbst ... eines wolgeneigten anblickes würdigen Schottel friedenssieg 7 ndr.; wenn euch diejenige, welche bereits viel stürme der liebe abgeschlagen, ihrer huld würdiget Ziegler asiat. Banise (1689) 165; vgl. 40; wenn ewr. durchlaucht diese kleinigkeit einer zweyten überlegung würdigen ... wollen Lessing 18, 273 L.-M.; dasz sie meine abhandlung aus dem calender ihrer aufmercksamkeit gewürdigt haben Lichtenberg br. 2, 61 Leitzmann-Sch.; da majestät mich solcher frage würdigen, entgegnete Rolf Lembeck, ich bin ein Holste Th. Storm s. w. (1900) 6, 251; sie war gelehrig von natur und empfänglich dafür, dasz ein mann vom geistigen stande Unrats sie erzieherischer eingriffe würdigte H. Mann ausgew. w. (1950) 1, 515. ironisierend, wenn die überlegenheit des würdigenden angemaszt ist: die jeremiade eines deutschen autors, ... den die zeitungen anerkennender rezensionen 'würdigen' und dem der verleger sagt, dasz das buch 'gut geht' — das höchste lob, was ein verleger glaubt, einem autor spenden zu können (1852) F. Wehl zeit u. menschen (1889) 1, 204.
ββ)
verneinende aussageform macht die voraussetzung einer superiorität des würdigenden oder seiner bewuszt verächtlichen haltung besonders deutlich. bis heute geläufig jmden keiner antwort würdigen: sie würdigten auch diesen gesandten durchaus keiner antwort Albertinus ürstl. lustgarten (1619) 1, 121; wie nun der tartarische könig sahe, dasz er verachtet, und wie gerecht auch seine sache war, keiner antwort gewürdiget wurde, fiel er vor zorn in unsinnigkeit orient. reisebeschr. (1696) anhang 9 Olearius; mein buchhändler würdigte mich auf zwei briefe aus Rom ... nicht einmal einer antwort Hebbel tageb. 3, 147 Werner; man würdigte ihn keiner antwort Renn adel im untergang (1947) 387. ebenso jmden keines blickes, älter anblickes würdigen: sie aber würdigte ihn hingegen keines anblicks Grimmelshausen 2, 560 Keller; M. Kramer t.-ital. 2 (1702) 1406ᵇ; zehenmal hab ich mich ihnen zu fusz in den weg gestellt, sie haben mich auch nicht einmal eines blicks gewürdigt Schiller 3, 556 G.; irgendwelche kaiserliche hoheiten, die ihn keines blickes würdigten Carossa d. tag d. jungen arztes (1955) 69. selten: augen, die einen schriftsteller vorhin mit keinem blicke würdigten Zimmermann einsamkeit (1784) 1, 112. okkasionell: wie ein ungesaltzener stockfisch, den man auch keiner fernerer versuchung würdigt Grimmelshausen 2, 10 Keller; wenn man solchen leuten den mund stopfen will, die man keiner ernsthaften widerlegung würdiget Ramler einl. in d. schönen wissensch. (1758) 1, 129; könig Leopold würdigte dieselben (einwendungen) jedoch keiner besonderen beachtung Ranke s. w. (1867) 31/32, 426. das überlegen-verächtliche kommt am stärksten dort zum ausdruck, wo jmd. nicht einmal einer bösen, strafenden behandlung für würdig befunden wird, vgl. würdig A 1 a γ ende: es ist offt kein schmertzlicher rach, als wann man einen der rach nit würdiget Lehman floril. polit. (1662) 1, 610; die wenigen Engländer, die ihn lasen, ... würdigten ihn nicht einmal einer zurechtweisung Archenholz England u. Italien (1785) 1, 1, 198.
γγ)
sehr viel seltener begegnet würdigen ohne den beisinn des herablassenden: es würde ihrer herrschaft sehr angenehme seyn, dasz einer aus frembden landen sie einiges zuspruchs würdigte Chr. Reuter Schelmuffsky 64 ndr.; man würdigte den kirchenstil nur weniger aufmerksamkeit Schubart leben 1 (1791) 214; keiner von beiden hatte bis jetzt Hasenbert's tochter besonderer aufmerksamkeit gewürdiget Holtei erz. schr. (1861) 18, 40.
δδ)
manchmal musz der verbale sinn des genitivs, weil er dem substantiv selbst fehlt, dem zusammenhang entnommen werden; die vorstellung eines vorgangs ist unentbehrlich: ich bitte, jhr wollet ewers rechten namens mich würdigen Moscherosch gesichte (1650) 1, 264; dasz der sultan sie seines bettes würdige Lohenstein Ibrahim sultan (1701) H 8ᵃ, anm. z. v. 378; allein, es ist eine grosse frage, ob sie ihn dessen gewürdiget (der auszahlung einer geldsumme) M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 3, 608; seltsam genug, dasz gerade er allein (der pfaffenkönig Rudolf v. Schwaben) unter allen deutschen königen bis herab auf Rudolf v. Habsburg eines bildnisgrabes gewürdigt worden ist Dehio gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 182. vereinzelt mit doppeltem akkus., wohl nach lat. muster: jmden den seinigen würdigen ihn für würdig befinden, der seinige zu sein: dise meine pflicht und gebühr wird des herrn gemüt ermahnen, mich den seinigen ferner zu würdigen (muster eines briefes) Butschky hochdt. kanz. (1660) 10.
γ)
in passivischer umkehrung der konstruktionen α und β tritt der gesichtspunkt des auszeichnenden, das dem gewürdigten zuteil wird, besonders deutlich zutage; s. auch würdig A 5 b γ: wöllen wir bitten, dass wir durch die göttliche genad vnd barmhertzigkeit gewirdigt werden, in vnser vätterlich heimath ... genomen werden Scheit frölich heimfart (o. j.) A 3ᵇ; gegrüsset seystu keyser, der je so gewürdiget, dasz ich dein Mahomet vor dir erscheine volksb. dr. Faust ²67 ndr.; damit du ... das angesicht gottes in jenem leben ewiglich anzuschauen gewürdiget werdest Grimmelshausen Simpl. 34 Scholte;
und pries den herrn, dasz er gewürdigt sey,
um seinetwillen schmach zu leiden
Schubart sämtl. ged. (1825) 2, 43;
heute war für mich ein glücklicher tag, da ich ihro majestät den könig bey mir zu verehren gewürdiget ward Göthe IV 32, 231 W.; menschenkind ... die du Wiborads schmerzen zu sehen gewürdigt bist Scheffel ges. w. (1907) 1, 135; alles erleben ist voller werte; aber nicht jeder steht auf der höhe dessen, was zu erleben er gewürdigt ist N. Hartmann ethik (1935) 367. in heute nicht mehr möglichem subjektswechsel zwischen regierendem und abhängigem satz, s. dazu würdig A 5 b ε, doch liegt hier vielleicht in einem einzelfall unpersönliche passivkonstruktion vor: indem sie dieses feuer ... bey dunckeln nächten schon zu mehrern mahlen gesehen, ... so wäre es von ihnen nicht gewürdiget worden, selbiges anzuzeigen Schnabel insel Felsenburg 4 (1743) 311. vereinzelt scheint hier ein gewürdigt im sinne von 'berechtigt' möglich: die männlichsten darunter tragen ... einen eisernen ring am finger ... als ein band, bisz er (der krieger) dasselbe in erlegung eines feindes auffzulösen gewürdiget ist Prätorius bericht v. Katzenveite (1665) A 7ᵇ.
δ)
ganz ungewöhnlich ohne ausgesprochene beziehung, 'jmd. für würdig befinden', vielleicht in anlehnung an den gebrauch würdig B, bei dem die relation erschlossen werden musz: werd ich ihn sehen? kann er (der grosz-kophta) mich (den domherrn) würdigen? kann er mich aufnehmen? Göthe I 17, 134 W.
b)
in gewissen hierher gehörigen gebrauchsweisen nimmt würdigen, im sinne von lat. dignari, frz. daigner, die intransitive bedeutung 'geruhen, sich herablassen' an.
α)
so reflexives sich würdigen, hier mit umgekehrter perspektive, soviel wie 'sich herabwürdigen, etwas zu tun', im sinne von 'sich nicht für zu gut, es nicht unter seiner würde halten, etwas zu tun', vgl. M. Kramer t.-ital. 2 (1702) 1406ᵇ und zs. f. dt. wortf. 12, 66 mit belegen des späten 18. jhs. zunächst auch als sich gewürdigen: ob er villeicht sich gewirdig im zeentpfahen den halben teyl von allen den dingen die do sein bracht (var wirdige) erste dt. bibel 7, 30 Kurr. (Tobias 12, 4); du scholt bidden, dat god sik werdige dy to hulpe to komen (1489) bei Schiller-Lübben 5, 676ᵇ; gnädiges fräulein, das dieselbe sich würdiget, mir einige schönheit zu zulegen ..., dessen hab ich mich ... zu bedancken schausp. engl. comöd. 115 Creizenach; nenne mir einen grossen componisten, der sich würdiget einen solchen niederträchtigen schritt zu thun? (1778) L. Mozart in: br. W. A. Mozarts 3, 358 Schied.;
doch regt sich auch der stolz in dieser brust
ausweichen den zu sehn, den ich begrüszt,
den zu bemerken nur ich mich gewürdigt
Grillparzer s. w. I 6, 96 Sauer.
archaisierend: erhöre herr unsere bitten und würdige dich, diesen deinen diener ... zu segnen Blunck Wolter v. Plettenberg (1938) 139.
β)
mit objektlosem oder solchem infinitiv, dessen objekt auf würdigen nicht bezogen werden kann: würdigen, (etwas) zu tun 'geruhen, (etwas) zu tun', seit dem späten 16. jh., erst im 19. jh. ungebräuchlich werdend:
heut hat der höchst monarch, der fürst himmels und erden,
gewürdiget, wie wir, geborner mensch zu werden
Weckherlin ged. 1, 406 Fischer; vgl. 108; 359 u. ö.;
(wenn er) sein haupt einst würdiget, — entzückung, das zu denken! —
von meinem kusz berauscht, in meinen schoosz zu senken
Dusch bei Gerstenberg recensionen 129 lit.-denkm.;
diese (Odysseus' mutter) sizet still ..., und würdigt dem sohne
weder ein wort zu sagen, noch grad ins antliz zu schauen
οὐδ' ἑὸν υἱὸν ἔτλη ἐσάντα ἰδεῖν οὐδὲ προτιμυθήσασθαι)
J. H. Voss Odyssee 197 Bernays (11. ges., v. 142);
groszer herrlicher geist, der du mir zu erscheinen würdigtest Göthe I 14, 226 W.; irgend wer leugnet, dasz die götter hinzusehn würdigten Droysen Äschylus (1841) 55.
γ)
von den vom 17. jh. bis etwa 1800 zahlreichen fällen, in denen ein akkusativobjekt des abhängigen infinitivs zugleich auf das würdigen des regierenden satzes bezogen werden kann, gehören die älteren vielleicht noch zu oben a α (s. die vergleichbare ältere konstruktion unter würdig A 5 b ε), die jüngeren sicher hierher, obwohl die grenze nicht festzulegen ist: der pater würdigt keinen einzigen (der zettel) zu lesen Grimmelshausen 2, 697 Keller;
wann dich selbst in das paradiesz
der schöpfer würdigte zu setzen
Brockes ird. vergnügen in gott (1721) 4, 148;
und was kann man mehr zu ihrem lobe sagen, als dasz Leibnitz sie zu verbessern würdigte Lessing 8, 17 L.-M.; vgl. 3, 44;
wenn sie
mich anzustellen würdigen
Schiller 5, 304 G.;
so würdiget es doch nur einmal durchzulesen
Göthe I 37, 3 W.; vgl. 22, 70.
3)
'taxieren, schätzen, werten, den wert bestimmen', auf materielles, geistiges und persönliches bezogen, durchweg in der aussageform etwas (oder jmden) würdigen.
a)
den geld- oder sachwert materieller güter und waren, auch eingetretener verluste, zugefügter schäden u. ä. abschätzen und festlegen, vom 15. bis 17. jh., bes. im nd. und omd. gebiet, jünger nachklingend; s. auchwürden, ↗würdern, ↗wertigen und Schiller-Lübben 5, 676ᵃ s. v. werdigen: de perde de me der stad holden schal de schal de rad werdeghen jowelk perd vmme syn gelt (spätestens 1380) Braunschw. urk.-buch 1, 122 Hänselmann; vgl. (ca. 1408) urkundenb. d. st. Lübeck 5, 185; salcz pherd, wagen unnd ander habe, des meyne armen lute wirdigin of LXXX β (1469) urkundenb. d. st. Freiberg i. Sa. 1, 260 Ermisch; wirdiget daz gelt gegen der war als ein kauffman thuͦt Keisersberg brösamlin (1517) 1, 92ᵇ; ob der cleger seine schmertzen zu hoch wirdigen wolt (1543) bei Michelsen rechtsdenkm. a. Thür. 42; vgl. 51; diesen auf fünfhundert talent gewürdigten weinstock Lohenstein Sophonisbe (1680) 170, anm. z. v. 248 ff. vielleicht noch hierher: ich habe die steine freilich nur bey kerzen-grubenlicht gesehen, wo sie nicht zu würdigen waren Göthe IV 28, 174 W. im bilde: hierauff hat sie (die römische kirche) fortan alle jre verdienst vnd satisfactionen gewürdiget, vnnd eyn jegliche nach seinem preisz auff den äussersten pfennigs werd geschätzet Fischart binenkorb (1588) 112ᵃ. den wert einer münze festlegen oder untersuchen: es ist altes sterlinggewicht, wornach die kurrentmünze gewürdigt werden kan Sturz schr. (1779) 1, 3; noch bei Campe 5 (1811) 791ᵇ.
b)
seit dem späten 18. jh. auf die bestimmung immaterieller oder nicht nach ihrem preis eingeschätzter werte überwechselnd und hier weit gebräuchlicher als in seinem ursprünglichen anwendungsbereich.
α)
noch unmittelbar von a her, den wert, die qualität oder beschaffenheit irgendwelcher gegebenheiten nach gewissen maszstäben in neutraler prüfung bestimmen, nicht sehr häufig:
er (der arzt) würdiget der kräuter säfte,
der brunnen geist, der salze kräfte
genau nach innerem gehalt
J. A. Schlegel verm. ged. (1787) 2, 368;
Cicero würdigt die philosophieen nach ihrer tauglichkeit für den redner Fr. Schlegel in: Athenäum (1798) 1, 2, 43; doch ein starkes glas! dachte er erschreckend und nahm das bild, um mit einem flüchtigen blick die stärke des glases zu würdigen Gutzkow ritter v. geiste (1850) 3, 368; die verschiedenen arten des honigs wurden verschieden gewürdigt (nach ihrem geschmack höher oder niedriger geschätzt) v. d. Steinen naturvölker Zentralbrasiliens (1894) 83. bereits β nahe: damit es die herren ... caszirer, rendanten und ... zöllner ... wissen, ich, und kein anderer hat dieses buch geschrieben. wer von den herren sich aufs würdigen versteht, wird es schwerlich ... für contreband und auswärtiges gut ... halten Hippel lebensläufe (1778) 1, 9. in der beurteilung von personen noch ungebräuchlicher:
ob du der gnade werth, ob nicht, kömmt nicht
zu prüfen dir zu. du wirst über dich,
wie er (der gott) dich würdiget, ergehen lassen
H. v. Kleist w. 1, 263 E. Schmidt;
das gericht werde auch die zeugen würdigen müssen; aus gründen der objektivität müsse er auf den (schlechten) leumund der zeugen verweisen A. Winnig d. weite weg (1932) 97.
β)
eine sache, eine leistung, einen tatbestand, seltener eine person auf wert, gehalt, gewicht und bedeutung hin kritisch prüfen, abschätzen, beurteilen, berücksichtigen. auf gröszen bezogen, deren wert, wertgrad oder (seltener) unwert untersucht wird, gern in verbindungen wie streng, gehörig, richtig, unbefangen würdigen: nur der kunstliebhaber liebt ... die kunst, ... der auch das liebste noch streng würdigen mag (1798) Fr. Schlegel in: Athenäum (1798) 1, 2, 18; unsre leser, welche einsehen, wie es mit den prämissen (Newtons) steht, werden die schluszfolge von selbst würdigen können Göthe II 2, 208 W.; (Metternich) liesz sich ... gleich anfangs zwei unersetzliche fehler zuschulden kommen. beide betreffen die inneren verhältnisse Österreichs und sind daher bei der abschätzung des ruhmes unseres mannes von ausländern nie gehörig gewürdigt worden Grillparzer s. w. 14, 155 Sauer; nüchtern genug, um die stimmung des landes richtig zu würdigen Treitschke dt. gesch. (1897) 3, 62; das (die schwierigkeiten) wird nicht überall gebührend gewürdigt Mackensen br. u. aufzeichn. (1938) 255; ein fliegender überblick über bisher nicht gewürdigte umstände machte ihn atemlos H. Mann ausgew. w. (1950) 1, 551; am fremdvölkischen zeitgenossen ist es sogar leichter das typische zu sehen und moralisch zu würdigen (sei es ablehnend oder anerkennend) als das individuelle und das allgemein-menschliche N. Hartmann ethik (1935) 289.
γ)
anders den in einer sache oder person liegenden wert zu schätzen wissen, etwas in seiner bedeutung erkennen und anerkennen, im unterschied zu β nur auf gröszen tatsächlichen, wenn auch nicht allgemein erkannten wertes bezogen; gern in verbindungen wie (voll, ganz, richtig) zu würdigen wissen, verstehen u. ä.: (Hamlet) hatte ... das gute und schöne erkennen und würdigen gelernt (1795/96) Göthe I 22, 28 W.; vgl. 46, 68; es gehört mehr genie dazu, ein mittelmäsziges kunstwerk zu würdigen, als ein vortreffliches H. v. Kleist w. 4, 147 E. Schmidt; es ist ein schönes und ein gewürdigtes geschenk Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 90; denn es sei nicht möglich, dasz irgendein lebendiger sie (die geliebte) so zu kennen und zu würdigen vermöge, wie er G. Keller ges. w. (1889) 2, 223: leider haben wir noch keinen klaren himmel gehabt, um die schönheit dieses blickes zu würdigen Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 6, 245; Diederich erwiderte: ich weisz ihr korrektes verhalten voll und ganz zu würdigen H. Mann d. untertan (1949) 267. soviel wie 'noch etwas abgewinnen': (er) weisz selbst eine geradlinige pappelallee an einem trüben, nebeligen herbstnachmittage zu würdigen W. Raabe s. w. II 5, 17 Klemm. die dem werturteil entsprechende behandlung des gewürdigten objekts, seine auswertung und ausnutzung, können mitgemeint sein: jetzt, da ich sie (antike bildwerke) auf einen gewissen grad zu würdigen verstehe, bin ich getrennt von ihnen (1826) Göthe IV 40, 257 W.; (sie) lieszen sich jeder eine masz geben, würdigten den schäumenden trank ... mit tiefem zuge M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 1, 242; die aufopfernde tätigkeit seines herrn ehrenvorsitzenden wird das komitee entsprechend zu würdigen wissen H. Mann d. untertan (1949) 343. speziell, und eher hierher als zu β, im sinne von 'etwas gelten lassen, es (voll oder in gewissen grenzen) als berechtigt anerkennen, es berücksichtigen': so streng ich darauf halte, dasz niemand das seinige genommen werde, so sehr weisz ich auch die ansprüche des herzens und des wohlwollens zu würdigen Haller restaur. d. staatswiss. (1816) 1, LIV; was man für die bestehende leihbibliothek sagen kann, habe ich (dem referenten) gesagt, und er hat es auch gewürdigt (1864) Stifter briefw. 4 (1925) 195; ich wiederhole dir, ich kann all das (standesvorurteile) würdigen, wenn meine eigenen empfindungen auch andre wege gehen Fontane ges. w. (1905) I 1, 144; ich habe ihnen gezeigt, ... dasz ich ihre gründe zu würdigen weisz Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 153.
δ)
das würdigen im sinne von β und namentlich γ kann als eine in bestimmtem rahmen erfolgende mündliche oder schriftlich fixierte darlegung gedacht sein; so wohl zunehmend in modernem gebrauch, wenn auch bei würdigung (s. dort 3 b δ) noch ausgeprägter: Linné's leistungen sind früher in diesen heften ... treffend gewürdigt (1828) Göthe II 7, 79 W.; vgl.I 49, 16; (dasz) sie ... (in der allgemeinen übersicht) die schriften in mehr oder weniger zeilen nach werth und wichtigkeit würdigten Görres ges. br. (1858) 3, 153; sie haben meine neue auflage gewürdigt, wie ich es nur wünschen kann Gervinus an W. Grimm 2, 41 Ippel; seine beschäftigung mit Kant ist an dieser stelle eingehend zu würdigen Meinecke Boyen (1896) 1, 77.
Zitationshilfe
„würdigen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/w%C3%BCrdigen>, abgerufen am 24.04.2019.

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