vorwerk n.
Fundstelle: Lfg. 13 (1951), Bd. XII,II (1951), Sp. 1927, Z. 34
as. forewerk Wadstein kl. as. sprachdenkm. 241ᵃ; Gallée vorstud. z. and. wb. 79; mhd. vorwerc mhd. wb. 3, 590; Lexer 3, 484; vurwerc ebda 3, 617; vorwerk Jelinek mhd. wb. 888; in der übergangszeit zum nhd. vereinzelt furwerk, fürwerk, vgl. teil 4, 1, 1, 938, und ostmd. u. a. fürwiger (mit er-pl., s. u. A 1 b und 3, stammvokalerhöhung und konsonantenschwund, vgl. Gerbet Vogtland 273 und 287) Götze frühnhd. gl. 93; mnd. vorwerc Schiller-Lübben 5, 501; me. forework Murray 4, 447; mndl. vorewerc Verwijs-Verdam 9, 1, 1141; ndl. voorwerk Dale 2, 1934; aus dem mnd. oder mnl. entlehnt sind afries. forwerk Richthofen 754 und dän. fórværk ordbog over det danske sprog 5, 1115 (an. forverk 'heuarbeit', gera forverkom viđ e-n 'schlecht an jemd. handeln' ist ohne zusammenhang damit). in heutiger mundart: förwark Doornkaat-Koolman ostfries. 1, 546; vörwark Mensing schlesw.-holst. 5, 483; vorwark Schambach Göttingen 277; Böning Oldenburg 128; vollwârkh Fischer Samland 96; vollwerk Frischbier pr. wb. 2, 447; vorwerk Sprenger Quedlinburg in: jb. d. ver. f. nd. sprachforschg. 29 (1903) 153; fürwierk Bauer-Collitz waldeck. 37; fȳrwięrk Martin ma. v. Rhoden 217; forwrc Müller-Fraureuth obersächs. 2, 630 (ebda auch vorberg: im ostmd., wo mhd. w mitunter als b erscheint, fällt vorwerk vielfach mit vorberg zusammen, vgl. teil 12, 2, 895, Jelinek mhd. wb. 888 und Jungandreas besiedlung Schl. 80, sowie die ins obersorb. entlehnte form fórbark Bielfeldt d. dt. lehnw. i. obersorb. (1933) 131 und tschech. forberk, forberg, forperk, forbek (15. jh.) A. Mayer d. dt. lehnw. i. tschech. (1927) 43 und 52); vorwrich Knothe schl. ma. in Nordb. 540; vorwerk Fischer schwäb. 2, 1689; schweiz. id. 1, 961; s. auch die hist. belege bei Schmeller bair. 2, 984. — im wgerm. verbreitetes kompositum aus lokalem vor- und werk 'bauwerk' (ähnlich untarwerk maceria ahd. gl. 1, 771, 2 St.-S.), das vom 11. jh. an in urkunden und chroniken die lat. bezeichnungen des begriffs (praedium, allodium, fundus, villa, heredium, preurbium, porticus, s. Diefenbach gl.; grangia, s. pomm. urk.-b. 3, 726ᵃ) allmählich verdrängt.
A.
in der landwirtschaft. die geschichte des wortes in diesem verwendungsbereich ist eng an entwicklung und niedergang des groszgrundbesitzes geknüpft. ursprünglich bezeichnet hier vorwerk einen vor einem herrenhof gelegenen (dienst- oder zinspflichtigen) bäuerlichen kleinbetrieb, wie er als wirtschaftseinheit des mittelalterlichen grundherrschaftsverbandes aus den fränkischen landleihverhältnissen erwachsen war. mit aufkommen der intensiveren herrschaftlichen gutswirtschaft (domänen- und rittergutsbetrieb), besonders wohl im kolonisierten ostdeutschen raum, erhält vorwerk den bezug auf den vorgelegenen zweigbetrieb oder wirtschaftsstützpunkt eines groszen gutes, während die einschränkung und weitgehende aufgabe des gutsherrlichen eigenbetriebs (und damit des herrenhofes zugunsten herrschaftlicher wohnsitze in burg oder stadt) besonders in Westdeutschland, sowie die erweiterung der städtischen grundherrschaft (s. u. 2 a) vorwerk die bedeutung '(für einen herrn bewirtschaftetes) landgut vor der stadt (herrensitz)' gibt und es schlieszlich (soziale umwälzungen, die zur verselbständigung der vorwerke führten, mögen mitgewirkt haben) 'landgut' schlechthin bedeutet; die vorstellung der randlage und rechtlichen abhängigkeit von einem 'hauptwerk' ist verblaszt (vgl. die parallelentwicklung im ndl. Verwijs-Verdam 9, 1, 1141).
1)
nebengut vor einem haupthof.
a)
'lehen- (leih-), zins- oder pachtgut', vor einem herrenhof (adelsgut oder kloster) gelegen, von dem hofstelle und landnutzung gegen dienstleistung oder abgaben überlassen sind (z. sachgeschichte vgl. Kötzschke grundzüge d. dt. wirtschaftsgesch. bis z. 17. jh. (1923) 84ff., 143ff. und Schwerin german. rechtsgesch. (1944) 62 ff.): thit sint thie ofligeso (lebensmittelabgaben) uan then foreuuerkon (11. jh.) Wadstein kl. as. sprachdenkm. 40;
die sedelhove (herrenhöfe) mære
urbor (zinsgüter) unde vorwerch
(12. jh.) kaiserchronik 15372 Edw. Schröder;
daz ich ... von dem vorwerk ze Wipfelt gelegen ..., daz min vorgenanter herre mir ... verlihen hat, geben suͤllen ...
(1337) mon. boica 40, 136, s. auch ebda 41, 490f.;
Kungundis von Melern priorin und der convent bekennen, dasz sie ... ein vorwerk ... dem Henczil Stecher, Nickel Konczel ... und ihren erben vererbt und zu zins aufgelassen haben. ausgenommen werden die zu dem vorwerke gehörenden wiesen und hölzer, die das kloster behält
(modernisiertes regest von 1392) Freiberger urk.-b. 1, 420 Ermisch, s. auch ebda 3, 677 (gloss.);
wir rathmanne der stad B. bekennen ... das wir dem ersamen namhaftigen Stephano Hewgel ... und ... seiner elichen hausfrawen ... ein forwergk auf unserem dorffe unnd gute tzw Krampitz ... zugelossen habenn ... das sie ... tzw solchem forwergke habenn ... sollen 6 hubenn und ein viertel ackers tzusampt einem gartten ... und ... von yderer hubenn 42 groschenn ... jerlichen auf Michaelis erbtzins tzu entrichten schuldig sein sollen ... und ... das sie uns ... keine hofarbeit ... zu thun vorpflichtet sein sollen
(1547) urk. schl. dörfer 227f. Meitzen.
agrarwirtschaftliche veränderungen lassen v. in dieser verwendung früh gegenüber v. 2 a und 1 b (s. dort) zurücktreten; vgl. noch aus neuerer zeit:
wann ein mayer auf einem vorwercke das-viehe bestehet (pachtet), giebt er von einer jeden kuhe 2 thaler, nimmt vier kaͤlber jaͤhrlich ab, musz aber alles gesinde besolden und verkosten
Hohberg georg. cur. 2 (1682) 251ᵃ, s. auch ebda 247ᵃ (mayerhof oder vorwerck, wie es in Böhmen und Schlesien genannt wird);
vorwerck ... ein pachtgut, a mannor, a farm
Ludwig teutsch-engl. (1716) 2352;
es wäre dieses ein ihm gehöriges vorwerg, so er an einen bauer verpachtet
jungfer Robinsone (um 1730) 86;
jenes vorwerk im walde, das so schön zu liegen scheint und so wenig einträgt, dürfen wir nur veräuszern und das daraus gelös'te zu diesen anlagen verwenden ... der gegenwärtige pachter, der schon vorschläge gethan hatte, sollte es erhalten
Göthe I 20, 85 W.;
ich müszt' es auf dem vorwerk noch versuchen,
ob mir vielleicht der pächter —?
H. v. Kleist w. 1, 346 E. Schmidt.
b)
'landwirtschaftlicher zweigbetrieb einer domäne', 'vorgeschobener wirtschaftsstützpunkt eines ritterguts', dem die bewirtschaftung einer bestimmten landfläche oder die pflege eines besonderen wirtschaftszweiges übertragen ist. in dieser bedeutung findet sich vorwerk erst im frühen nhd. eindeutig belegt (s. auch bei Adelung 4 (1780) 1701; Campe 5 (1811) 521 und Krünitz encycl. 231 (1855) 496 s. v. vorwerk); vermutlich kommt diese in zusammenhang mit dem neuen herrschaftlichen gutsbetrieb in Ost- und Nordost-Deutschland auf (s. Conrad hwb. d. staatswiss. 2 (³1909) 541ff., ebda 1 (³1909) 197; Kötzschke grundzüge d. dt. wirtschaftsgesch. bis z. 17. jh. (1923) 188f. und Brockhaus 7 (1930) s. v. grundeigentum 719ᵇ, grundherrschaft 721ᵇ und gutsherrschaft 786ᵇ), als viele 'zins- und pachtgüter' in herrschaftliche eigenbewirtschaftung genommen wurden (s. u. Polenz 1, 220. — sachgeschichtliche parallelen jedoch scheinen bereits bei dem gutswirtschaftlichen betrieb der karolingischen krongüter vorzuliegen, s. Kötzschke studien z. verwaltungsgesch. d. groszgrundherrsch. Werden a. d. Ruhr, Leipziger hab.-schr. (1899) 11; ders., grundzüge d. dt. wirtschaftsgesch. 83 und Lütge die agrarverfassung des frühen mittelalters (Jena 1937) 163): zum anderen sol ein jeder amptmann nüchteren sein ... und nit dulden noch leiden, das das gesind im forwerge oder anderstwo hurerei, ehebruch oder andere grobe laster treibe qu. v. j. 1530 bei Lamprecht dt. wirtschaftsleben im mittelalter 3 (1885) 314; da einem vom adel der forwerge eins befohlen wirdet, soll ime gegeben werden fur sich und zur erhaltung des andern gesindes ... (1569/70) haushaltung in vorwerken 19 Ermisch- Wuttke; sie (domänen) bestehen aus landesherrlichen vorwerkern und einzelnen, theils in erb-, theils in zeitpacht ausgethanen domänenstücken allg. dt. bibl. 100 (1791) 336; und somit übergebe ich ihm ... das dominium Liebenau nebst den dazu gehörigen vorwerken, höfen und gesammtem inventarium Holtei erz. schr. 12 (1862) 187; die besitzung bestand aus dem hauptgut und drei vorwerken Freytag ges. w. 5 (1887) 20; der alte Sellenthin ... hat sechs güter, und die vorwerke mit eingerechnet, sind es sogar dreizehn Fontane ges. w. I 5 (1905) 170; das meiste bäuerliche land ringsum war bereits von seinen vorfahren zum rittergute eingezogen worden ... die gebäude wurden niedergerissen und die hofstätten in feld umgewandelt, einige günstig gelegene zu einem vorwerk vereinigt Polenz Grabenh. 1 (1898) 220; der hof (wurde) von einer hofstelle aus ohne vorwerke, d. h. ohne unselbständige nebenhofstellen bewirtschaftet qu. v. j. 1935.
2)
'landgut, wirtschaftshof vor der stadt'. in ähnlicher verwendung findet sich zuweilen auchvorhof, vgl. schweiz. id. 2, 1026 u. Lexer 3, 600.
a)
für einen städt. besitzer (vorwerksherr s. u.) bewirtschaftet, d. h. der wirtschaftshof liegt vor dem herrensitz (kulturgesch. grundlage der neuen bedeutung ist wohl die aufgabe des grundherrlichen eigenbetriebs und damit des herrenhofes zugunsten neuer wohnsitze und wirkungskreise in burg oder stadt; vgl. dazu Steinhausen gesch. d. dt. kultur 1 (1913) 272ff., 148, 267, sowie Kötzschke grundzüge 140 ff. und Schwerin germ. rechtsgesch. 65 f. von einflusz war wohl auch die zeitweilig bedeutende grundherrschaft der stadt und städtischer klöster): got si gelobet, daz die stat zuͤ Erforte da keinen schaden nam, ane (allein) etteliche buͤrgere nomen etwaz schaden in iren vorwerken (um 1250) sächs. weltchron. 306 Weiland; (klosterfrowen zcu Friberg) haben alle dise nachgeschriben gut ... zcu Friberg vor der stad ein vorwerk (1360) Freiberger urk.-b. 1, 406 Ermisch; (die versiegelung der urkunde ist verhindert) van pestilencie wegen, also dat de genne, de den breff vorsegelen sulden, nicht inheymisch, sunder wp eren vorwerken seyn gewesen qu. v. j. 1442 bei Schiller-Lübben 5, 502; vnd da seind ... alle vorwerck vmb die stad abgebrand, und viel viehes weggetrieben Schütz hist. rer. prussic. (1592) m 4ᵇ (buch 7); wegbrennung der Cöllnischen vorstädte, vorwerke, scheunen (1641) urk. u. aktenst. 1, 417 Erdmannsdörffer; wer klopfft so unverschämt? halt, was soll ich sagen? dasz er in dem forwerck sey ... er ist auf seinem landgut Gryphius lustsp. 467 lit. ver.; wurde täglich zu denen vornehmsten sowohl in ihre häuser in der stadt als in ihre plaisanten gärten in der vorstadt und auf ihre forwerke ein bis anderthalb meilen weit eingeladen Leipziger avanturieur (1756) 1, 104; ein erschrecklicher zufall verwüstet deine vorwerke am gestade des meers, o Seneca! E. v. Kleist s. w. 1 (1760) 190. auch ein unmittelbar vor dem herrensitz liegender wirtschaftshof wird vereinzelt als vorwerk bezeichnet: hofordnung herzog Heinrichs des mittleren v. Braunschweig-Lüneburg: ... cantzly ... 5 personen ... reysig hoifgesinde ... 20 personen ... gemein hofgesinde ... 22 personen ... in der kuchen ... 8 personen ... in den kelner ... 4 personen ... backhusz ... 4 personen ... huszman ... 3 personen ... das furewergk ... 14 personen (1510-20) dt. hofordnungen 2, 4 Kern; beym schlosz ist ein schönes vorwerk, der graf hat noch zehn andere güter im lande, die er durch voigte bewirthschaften läszt Göthe III 2, 34 W.; dieser garten, der palast, das vorwerk, die stallungen und düngerhaufen dahinter sind unser schauplatz Eichendorff s. w. 3 (1864) 169.
b)
selbständiger wirtschaftshof vor der stadt und zugleich herrensitz (vgl. dazu Kötzschke grundzüge 188): do begereten sie ferner, so bischoff Tunge je des bisthumbs entsetzet werden solte, das er doch möchte eine stad, ein schlosz oder ein vorwerck in dem bistumb zu seinem leben behalten (zum jahre 1478) Schütz hist. rer. prussic. (1592) z 5ᵃ (buch 8); hat doch einen hauptman und burggrafen ... über sich, wiewol kein schloss, sondern ... nur ein volwerk (!) oder hoff, geringes gebeudes, zunahe an dem flecken (städtlein Tolkemit) auf einem hügel liegende, welches dennoch die residenz des hauptmans oder starosten ... geachtet wurde (zum jahre 1626) Hoppe gesch. d. 1. schwed.-poln. krieges 59 Toeppen; ich selbst kann wol sagen, dasz ich auf meinem vorwerke jederzeit meine gröszte lust gefunden, und dasz mich nichts so empfindlich gerühret habe, als der verlust dieses vergnügens, welcher durch meine reise auf universitäten verursachet worden vernünftige tadlerinnen (1725) 2, 346 Gottsched; nun fiel das gespräch auf mein vorwerk, ich muszte ihm seine lage, seine bestandtheile ... beschreiben ... mein schlöszgen, mein garten, meine aecker und wiesen, mein forellenbach und mein rebhügel, alles muszte meinem pinsel herhalten ... und dieses schöne gut, sagte er zuletzt, haben sie (anrede) als ein eremit bewohnt Pfeffel pros. vers. 5 (1811) 102. damit hat sich vorwerk der bedeutung 'landgut schlechthin' genähert. der bezug auf ein 'hauptwerk' ist verblaszt und weicht im sprachgefühl dem gegensatz zu 'stadt' (zwischenstufe: städt. herrensitz 2 a): vorwerck, heiszt vielleicht daher ein gut vor der stadt, weil es vor dem groszen wercke d. i. vor der stadt liegt, praedium, villa, suburbanum. auf dem vorwercke seyn in suburbano esse; ein groszes vorwerck latifundium Steinbach wb. (1734) 2, 978; ebenso: allg. haushalt.-lex. 3 (1751) 624ᵇ; sie (kurpfuscher) entstanden immer wieder in den winkeln und hinterhöfen und einsamen vorwerken vor den thoren Gutzkow ges. w. (1872) 1, 99; so verbrachten wir in der guten jahreszeit manchen sonntagnachmittag auf dem vorwerk (bauerngut Buchel), wo denn die städter sich der herzhaften gaben des landes ... dankbar erfreuten Th. Mann Faustus (1948) 22; vereinzelt schon im 17. jh.:
du (der mit städtischen ämtern beladene) darfst nicht vor das thor, so stark sind deine ketten.
nun mich ergötzt das feld, hier wo mein vorwerk steht,
... hier lern ich müszig sein ...
lern ich der aecker ruh in süszer arbeit pflügen
Dan. v. Czepko in: arch. f. d. gesch. dt. spr. u. dichtg. 1, 202 Wagner.
dem bezug auf ein 'hauptwerk' wird auch immer mehr der sachliche boden entzogen, wo umwälzungen sozialer und wirtschaftlicher art zur verselbständigung der vor-werke führen. die bezeichnung bleibt, nun mit dem beiklang des latenten gegensatzes zu 'stadt' (s. o.), tritt aber in neuerem sprachgebrauch vor hof und gut zurück.vereinzelt haftet sie auch als eigenname an einem gehöft, einem acker oder einer sippe, frühere abhängigkeit kündend, s. Kohls die orts- und flurnamen des kreises Grimmen (Vorpommern) (1930) 184, Müller gr. dt. ortsbuch (1949) 906 f. (hier u. a. auch als gemeindebezeichnung, vgl. dazu 3) und Brechenmacher dt. sippennamen, abl. wb. d. dt. familiennamen 5 (1936) 1338. — in den restgebieten des groszgrundbesitzes allein, d. h. jüngst noch im nordostdeutschen raum, hält sich die ursprünglich mit dem worte verknüpfte vorstellung unverblaszt, finden sich also noch die bedeutungen A 1 a und b (s. o.).
c)
in poetischer einzelanwendung zum inbegriff des vorstädtischen, ländlichen bereichs überhaupt geworden:
... wie einer, der lange
in dem kerker der stadt sich eingeschlossen gesehen,
wo er schwerere luft in dumpfichten häusern geathmet;
wenn er nunmehr am morgen einmal des sommers herausgeht,
auf das heitere land, da, auf dem ruhigen vorwerk,
frischere lüfte zu trinken
Zachariae poet. schr. (1763) 8, 193;
ähnlich: der herr gebot durch die hant Moyses, das vns wurden geben stet ze entwelen vnd ire vorwerck ze weyden die vich (Straszburg 1466) erste dt. bibel 4, 321 Kurr.
3)
die vorgeschobene, gesonderte lage, und (wenn auch relative) wirtschaftliche eigenständigkeit stellen vorwerk (1 und 2) als 'ländliche wirtschaftseinheit' parallel zu dorf: ist, daz derselbe richter kumit uz disem wicbilde uf daz velt oder in ein dorf oder in ein vorwerc ..., so ... (1305) Freiberger urk.-b. 3, 122 Ermisch; gebin wir ... Elizabeth unsir liben gemahel das slosz, lande und stete Legnicz und Goltperg, mit allen unde iczlichen eren czugehorungen, mit allen eren hirschafften, manschafften, lehen, czugefellen, leensangefellen, mit allen dorffern, vorwercken, ackern, welden(!) (1421) urk.-b. d. stadt Liegnitz 325 Schirrmacher; diese haben des feindes lande und guͤtere vmb Stargart, Lawenburg, Butaw und Putzig zum grewlichsten verheeret, alle dörffer und vorwerck abgebrand bis gen Putzig Schütz hist. rer. prussic. (1592) m 4ᵇ (buch 7); was oben von den vorwergen gemeldet, ist auch zu verstehen von einem dorffe ..., dasz nemblich von iedtwedem derselben ein rosz auszgerüstet werden soll (1618-29) acta publica 2, 121 Palm; wir finden uns im stande diesen satz ... zu unterstützen, da ein noch gesundes dorf von der seuche an eben dem tage angefallen wurde, als die einwohner eines benachbarten vorwerks im ersten frühling anfiengen den dünger von ihrem ... bereits gestorbenen vieh auf den acker zu bringen allg. dt. bibl. 2, 1 (1766) 290; fürchterlich leuchteten in der nacht die brennenden dörfer, vorwerke und mühlen, bey denen das heer vorüberzog Becker weltgesch. (1801) 8, 140. analog zu dem parallelwort dorf erhält wohl vorwerk zuweilen auch die pluralendung -er: auf jedem seiner dörfer und vorwerker war eine dergleichen schmucke person, die er begnadigte Hippel lebensläufe (1778) 2, 474; der rheingraf fordert ... den wiederkauf eurer herrschaft Stauffen; jener drei städtlein und siebzehn dörfer und vorwerker, eurem vorfahren Otto, von Peter, dem ihrigen, unter der besagten klausel, käuflich abgetreten H. v. Kleist w. 2, 214 E. Schmidt; (auf dem berge) liegen die trümmer eines alten raubnestes, aus dessen steinen nun viele dörfer und vorwerke in den tälern aufgerichtet sind W. Raabe s. w. I 3, 376 Klemm.über das rechtliche verhältnis zwischen dorf und vorwerk vergleiche Stüve wesen und verfassung der landgemeinden (1851): dörfer wurden in vorwerke, diese wieder in dörfer verwandelt 37; wenn ein einzelner gutsherr ein vorwerk in ein dorf verwandelte, mochte er diesem die bisher benutzte zahl von echtworten ('nutzungsrechten', s. dt. rechtswb. 2, 1186) in der gemeinheit insgesamt beilegen, sich die ansetzung neuer gemeindegenossen zu gleichen rechten vorbehalten 40. in diesen verwendungsweisen (A 1-3) berührt sich vorwerk mit meierei und meiergut (-hof) (vgl. teil 6, 1904f., Krünitz 87 (1802) 620ff.), bildungen, denen jedoch eine andere sehweise des sprechers zugrundeliegt. im gegensatz zu vorwerk, welches das räumliche und rechtliche verhältnis zu einem 'hauptwerk' faszt, gehen meierei und meiergut auf die art der bewirtschaftung (durch einen 'meier').
B.
im befestigungswesen. die relative 'neutralität' des simplex werk 'bauwerk, bau', die vorwerk nicht auf einen bestimmten verwendungsbereich festlegte, gestattete schon früh, vorwerk auch im aufkommenden befestigungswesen als sachbezeichnung zu verwenden. hier erhält es die allgemeine bedeutung 'vorgeschobener schutzbau'.
1)
in älterer zeit.
a)
schutzbau vor dem stadttor, torbefestigung: zum ersten so süllen die nachgeschriben mit namen ... ir ieder ein wochen des nachtz in dem vorwerck des vorgenanten tors sein und ligen (1449) städtechron. 2, 275; 276 (Nürnberg); vorwergk oder wighawsze (s. weichhaus teil 14, 1, 512) oder holwig, polwergk, ercker oder schranck phala voc. theut. (Nürnberg 1482) mm 2ᵃ; so auch bezeugt bei Gustav Freytag: die stärksten wachen aber waren um die thore (der stadt); dort standen auszerhalb des grabens an stelle der alten dicken steingebäude, welche vorwerke oder wighäuser hieszen, seit dem 15. jahrhundert die bollwerke, aus bohlen und erdwerk aufgeführte befestigungen ges. w. 18 (1888) 288 (krieg und fehde im 14. u. 15. jh.); in historischer erzählung (30 jähr. krieg) bei Laube: unter diesen worten ritten sie um die „Palanka“, ein aus starken palissaden gebildetes vorwerk unmittelbar vor dem Rothenthurmthore, welches auf der abendseite zwei, wiederum mit schlagbäumen versehene eingänge hatte. erst in diesem befestigungswerke selbst angelangt, sahen sie das thor ges. schr. 10 (1878) 26.
b)
schutzbau vor dem burgtor, vorburg (vgl. teil 12, 2, 941f.). in ähnlicher verwendung findet sich zuweilen auch vorhof (vgl. Fischer schwäb. 2, 1658; Lexer mhd. 3, 469) u. zwinger (vgl. teil 16, 1269ff.): ok schulle we dat blek twisschen den muren ... to eynem vorwerke maken vnde buwen ...; we scholet ok eyne porten hebben vth vnsem houe dorch de muren in vnse vorwerk, efft we willet, also dat vnses heren tochbrucge vnse vorwerk vnde porten beslute qu. v. j. 1316 bei Schiller-Lübben 6, 311; leten se komen wol in dat vorwerk unde bi des slotes muren qu. a. d. 15. jh. bei Schiller-Lübben 5, 502; immittelst lies der feldmarschalck das schlos Lichteneck, so an sich selbsten feste vnd auf einem fels gelegen, durch den obristen Hubald wieder angreiffen, welcher die vorwercke bald eingenommen vnd darauff die gvarnison auch das schlos selbst auf gnad und vngnad übergeben Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 254ᵇ; in neuerem sprachgebrauch nur noch in historischer darstellung: Gaillard, festes schlosz in der nähe von Andelys ..., wurde von Richard Löwenherz ... am rechten ufer der Seine ... erbaut ... das hauptwerk ist durch einen graben von dem fünfseitigen vorwerk geschieden v. Alten handb. 4 (1912) 7ᵇ. vereinzelt im sinne von 'vorbau', 'portal': er gieng gantz vnerschrocken zu der pforten vnd sahe vnter einem vorwerck zween gewapneter ritter schlaffen ligend, bey denen hieng schildt, helm, schwerdt und andere wehr buch der liebe (1587) 391ᵇ; die Platonici und Stoici (haben) in den vorwercken der tempel (gewohnt) A. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) 133ᵃ; hierher gehört wohl auch Diefenbach gl. 448ᶜ: porticus ... vorwerck.
2)
in neuerer zeit 'schutzbau vor einer festung als zugangssperre und verstärkung', 'fort' (vgl. vorfeste teil 12, 2, 1034): die festungswerke auszerhalb dem hauptwalle benennet er mit vorwerke, auszenwerke ... vorwerke liegen im hauptgraben vor dem hauptwalle. auszenwerke zwischen dem hauptgraben und bedecktem wege allg. dt. bibl. (1766ff.) anh. z. bd. 25-36, 2181; die herren kennen Wallenburg. vor anno dreizehn war das ding eine festung mit wällen und gräben, vorwerken und bedeckten wegen, kurz allem zubehör Raabe s. w. II 1, 224 Klemm; man konnte glauben, es ginge schon zum sturm auf die vorwerke von Metz Gutzkow ges. w. (1872) 7, 461; ... als Bernhard von Galen ... die stadt (Meppen) gegen die Holländer befestigte und noch davor im moor ein starkes vorwerk baute: das fort Burtange Josef Winckler der tolle Bomberg (1924) 323.
3)
in der fachsprache des deichbaus als bezeichnung eines vorbaus zum schutze der ufer und zur fluszregulierung, gleichbedeutend mit 'buhne, deckwerk': vorwerke, am ausflusse der Elbe in Süder-Dithmarschen soviel als alle arten von vor- oder einbaue in den strom, um denselben dadurch von den nothleidenden ufern abzulenken Benzler deichbau (1792) 2, 255; vorwerk ... s. v. w. einbau, s. uferbau Mothes ill. baulex. 4 (1877) 325ᵇ; vorwerk ... einbauten in flüsse Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 7, 818.
4)
vereinzelt übertragen gebraucht, in verschiedener anwendung:
und stach mit argem willen
den edeln Marzillen ...
durch den schilt und durch den halsperc
und dur al des lîbes vorwerc
(1230) Stricker Karl 5350 Bartsch;
wir vor allen, die wir wohnen auf dem groszen vorwerk Teutschlands gegen Frankreich ..., wir müssen sorge tragen, dasz wir unser land ... befestigen Görres ges. schr. 2 (1854) 137; es war schon bedenklich, wenn sie (die römische regierung) in den griechischen ansiedlungen und reichen am Euphrat und Tigris die vorwerke ihrer herrschaft opferte Mommsen röm. gesch. 3 (⁴1866) 49; unmittelbar jenseits der scharte zeigen in diesen vorwerken des gipfels sich einige plattenlagen Barth nördl. Kalkalpen (1874) 506; im religiösen bereich: als die irdischen bürge und feste, die man zu raubhüsern machet und stiftet ... sin ein vorbuͦ und ein vorwerg des hellischen kerkers qu. v. j. 1324 bei Fischer schwäb. 2, 1689; gott hat seine drei vorwerke in der welt. im predigtamt ist das obervorwerk, in der regierung ist das mittelvorwerk, im hauswesen ist das niedervorwerk (1613) Val. Herberger herzpostille 565ᵇ Tauscher; als sie (die mönche) den himmlischen gärten die irdischen vorwerke bauten qu. v. j. 1923.
C.
komposita. vereinzelt im spätmhd., häufiger im frühnhd. und nhd. findet sich vorwerk (A) als bestimmungswort vor bezeichnungen von lebewesen, dingen und sachverhalten, die damit dem bereich des vorwerks zugeordnet werden. als verbreitetster kompositionstyp tritt vorwerks-, zuweilen (in älterer zeit) vorwerk- auf. vorwerksarbeit, f., 'frondienst für ein vorwerk (A 1 b)': die männer dreschen jetzt nach beendigung der dringenden vorwerksarbeiten ihr eigenes getreide Goltz jugendleben (1852) 3, 335. —
vorwerk n.
Fundstelle: Lfg. 13 (1951), Bd. XII,II (1951), Sp. 1934, Z. 46
kompositum mit temporalem vor-.
a)
zu werk 'handlung', vereinzelt im theologischen sprachgebrauch des frühnhd., '(vorher vollbrachtes) gutes werk' (nach Keisersberg durch selbstbezwingung vollbracht, bevor wiederholte tugendübung eine neigung zu guten werken, naigtugend, erzeugt hat, durch die dann nachwerck mühelos vollbracht werden): wann (denn) wie die vorwerk sind, also werden die naigtugenden ... übt er (der mensch) tugentreich werk, so gebern sy in jm naigtugenden Keisersberg predigen teütsch (1508) 126ᵇ, s. ebda 122ᵈ (ain vorwerck der tugent) und s. u. vorwerktugend; in ähnlichem sinne wohl (vielleicht mit dem beisinn des vorrangs oder vorzugs, zu vor teil 12, 2, 791): es seyn, was vorwerck sein, ab sie auch ausz menschlichen gesetz, tzuuoran (besonders) dy werck dy do thuen mönche, pfaffen, nunnen F. Matheus Hisolid sermon von dem recht christl. leben (1522) a 2ᵇ.
b)
zu werk 'schöpfung', neuere gelegenheitsbildung, 'vorangegangene schöpfung': als hätte sich seine dichterische kraft schon in einer reihe von vorwerken zu prägnanter einfachheit ... emporgerungen H. Stehr stundenglas (1936) 62.
c)
kompositum zu a: vorwerktugend, f., 'tugend, die sich in vorwerken offenbart, bevor sie sich zu naigtugend, zur allg. neigung zu guten werken, entwickelt': wil ain mensch behalten naigtugenden, die er überkommen hat mit (durch) vorwercktugenden, so muͦsz er sy behalten mit nachwercktugenden. wann hört er auf (gute werke zu tun), so kommpt er von tag zu tag och vmb die naigtugenden Keisersberg predigen teütsch (1508) 126ᶜ.
Zitationshilfe
„vorwerk“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/vorwerk>, abgerufen am 16.09.2019.

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