vorsichtig adj.
Fundstelle: Lfg. 10 (1938), Bd. XII,II (1951), Sp. 1574, Z. 11
vgl. fürsichtig th. 4, 1, 1, sp. 821; ahd. fure-, foresihtig Graff 6, 126 (aus Notker); mhd. vür-, vorsihtic mhd. wb. 2, 2, 286ᵃ; Lexer 3, 608; Jelinek 911; providens, providus vorsichtig Diefenbach gloss. 468ᶜ; nov. gloss. 307ᵇ; vor- ò fürsichtig Kramer t.-ital. dict. 2 (1702) 753ᵇ; ebenso beide formen bei Ludwig t.-engl. lex. (1716) 2346 und Steinbach (1734) 2, 569; vorsichtig Adelung; Campe; hergegen die vorsichtigkeit und vorsichtig (cautus) sollten niemals fürsichtigkeit und fürsichtig geschrieben werden, weil ein behutsamer mensch vor sich hin, nicht aber für einen andern, d. i. ihm zu gut, sehen musz Gottsched beob. (1758) 243. — mnd. vorsichtich Schiller-Lübben 5, 444ᵇ; 6, 307ᵇ; mnld. voresichtich Verwijs-Verdam 9, 1073; dän. forsigtig ist lehnwort.
1)
wie bei vorsicht ist auch bei dem abgeleiteten adj. die bedeutung sehr eingeschränkt worden.die eigentliche bedeutung ist nach vorn, voraussehend, letzteres dann auf die zukunft bezogen: in foresihtigemo keiste, in prophetico spiritu Notker ps. 64, 1; veridicus (wahrsager) vorsichtig Diefenbach gloss. 612ᶜ; mit dem eigentlichen wortsinn spielt Grimmelshausen: was ist das vor ein närrisch wort, vorsichtig? welchem stehen dann die augen hinten im kopff? Simpl. 77 ndr.; vgl.: oculatus vorsichtig Diefenbach gloss. 393ᵃ.
2)
vorbedacht, um-, einsichtig, verständig. diese allgemeine bedeutung, jetzt veraltet, geht aus der vorstellung des voraussehens hervor und schlieszt die im nhd. übliche in sich, kann sie auch je nach dem zusammenhange hervorheben. diese allgemeine bedeutung erhält sich erstarrt als ehrenprädikat in titulaturen, s. unter 4: prudente, sagace, cognoscente weisz, verständig, vorsichtig, klug Hulsius (1618) 2, 314ᵇ; avertire con diligenza fleiszig auffmercken, vorsichtig seyn 2, 48ᵃ; di lute sint do in gewerre und in kywe gar vorsichtik unde bederbe in den wopin d. mitteldt. Marco Polo 12 Tscharner; die weysen juden sprechen, es sey geschechen mit vorsichtigem rat d. erste dt. bibel 3, 40 K.; wer he geldes, rades und vrunde nicht so vorsigtigh und so mechtich gewesen dt. städtechron. 7, 334 (Magdeburg); (Petrus,) der do kluger und vorsichtiger was den die andern Egranus ungedr. predigten 97 Buchwald; (Johannes sapiens, markgraf zu Brandenburg) sehr vorsichtig, bescheiden und ein ausbündiger hauswirth Wedel hausb. 43 lit. ver.; ich hett ihn vor weiser und vorsichtiger angesehen Zinkgref-Weidner t. nation weisheit 3 (1653) 93; ein geistlicher spielte fleiszig mit einem jungen kinde, worüber andere scheinheilige ihn auszspotteten ... disz kam endlich einem vorsichtigen mann zu ohren pers. baumgarten (1696) 78 Olearius;
wan Teutschland wolt witzig werden
und vorsichtig umb sich sehen,
nicht nach alamode gehn,
nicht nach farben und gebärden,
Wälschland müszt ohnmächtig wancken
Moscherosch ges. (1650) 2, 176.
im sinne von vorsetzlich belegt bei Schiller-Lübben 6, 307ᵇ.
3)
im voraus sorgend, vor-, fürsorglich. diese bedeutung verbindet sich allerdings auch zwanglos mit dem eingeengten sinne der behutsamkeit: dem heuszlichen und vorsichtigen ameiszlein Mathesius Sarepta (1571) 26ᵃ; (gott) ist der aller vorsichtigste vatter Nigrinus von zäuberern, hexen (1592) 123; dahero ist auch die Wiennstadt jederzeit auf das vorsichtigst mit einer auserlesenen guarnison versehen gewest Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 131; sich vorsichtig in vorrath ... setzen Göthe 21, 52 W.;
gleich erregte die göttin die stets vorsichtigen männer,
welche die goldene frucht der erde reichlich bewahrend
sie dem streitenden mann zu reichen immer bereit sind
50, 293.
4)
erhalten hat sich bis ins 18. jh. die allgemeinere bedeutung als ehrenprädikat bei titulaturen, auch als wohlvorsichtig, vgl. Schiller-Lübben 5, 444ᵇ; fürsichtig 3 th. 4, 1, 1, sp. 821; 'vorsichtig als titel ist veraltet' Heynatz antibarb. (1796) 2, 603: dem erbern, vorsichtigen hern Caspar Kress, burger zu Norenberg Steinhausen privatbr. d. mittelalters 2, 121; wolgeborne, gestrenge, hochgelehrte, edle, veste, vorsichtige, ersame, erbare, weise, gnedigst, gnedig gepietendt, günstige, liebe herren und freundt Paracelsus op. (1616) 1, 248 Huser; die erbaren, wolwaisen und vorsichtigen N. N. bürgermeister, raht und ganze gemeinden der städte Teschen ... verh. d. schles. fürsten u. stände 1, 72 Palm.
5)
Adelung spricht nur von der eingeschränkten bedeutung des adj. wie bei vorsicht (s. dieses unter 3) ist auch hier eine engere und eine weitere zu unterscheiden; vorsichtig bezeichnet nicht nur eine auf voraussicht oder vorhergehender überlegung beruhende behutsamkeit zur vermeidung eigenen unfalls oder schadens, sondern die behutsamkeit kann ebenso einer andern person oder sache gelten. vor allem aber kann die vorstellung des voraussehens ganz schwinden, so dasz das adj. sich der bedeutung von achtsam nähert. oft handelt es sich um eine geringere eigene schädigung, um vermeidung eines anstoszes, eines irrtums, eines fehlers in der ausführung, einer allzugroszen offenheit der rede u. ä.in der folgenden stelle verhüllend für feige: vom batt. 13. hat ein off. sich etwas vorsichtig bewiesen, ich habe ihn arest gesetzt Dohna landwehrbr. (1813) 136.
a)
als attribut von personen: in des vorsichtigen Erasmus schriften Herder 16, 280 anm. S.; man hielt ihn für einen ... bis zur bedenklichkeit vorsichtigen herren G. Forster (1843) 1, 39; ein so vorsichtiger künstler Göthe 49, 215 W.;
wir vorsichtige neutralisten,
man thut uns schön vor andre fristen
Opel-Cohn dreiszigj. krieg 180.
substantiviert: noch im jahre 1267 hatte der vorsichtige (Rudolf v. Habsburg) sich ... das zweifelhafte recht ... bestätigen lassen Freytag (1886) 18, 83.
b)
vorsichtig sein kann sich sowohl auf allgemeines verhalten wie auf das in einer besonderen lage beziehen: Reynhart was gar vorsichtig und wolt groszen schaden vermeiden Aymont (1535) c 3; wie mutig er ware, so ware er doch darbey auch vorsichtig S. v. Birken ostländ. lorbeerhäyn (1657) 188; sey nur vorsichtig in allen deinen reden, damit du dich nicht verschnappest Grimmelshausen Simpl. 3, 334 Keller; ich habe von jeher einigen werth auf meine freundschaft gelegt; ich bin vorsichtig, ich bin karg damit gewesen Lessing 2, 52 M.; es ist dein erster ritt. sei vorsichtig, knabe Göthe 8, 62 W.; wer so vorsichtig war, einen regenschirm mitzutragen O. Ludwig (1891) 2, 14; du bist immer so schrecklich vorsichtig Fontane I 5, 254.
c)
mit andern eigenschaften verbunden: erfahrener und vorsichtiger jäger v. Fleming d. vollk. t. soldat (1726) 28; er ist nur zu altklug, zu vorsichtig Cronegk (1771) 1, 27; es ist kein mädgen so listig, so vorsichtig Göthe 37, 24 S.; im gesellschaftlichen verkehr vorsichtig und zurückhaltend G. Keller (1889) 3, 31;
das nit ausz rhum ihm schand erwachs,
fromb und vorsichtig, lobt Hans Sachs
H. Sachs 9, 143 K.
gegensätze: tuckisch ist er, nicht klug, feig, nicht vorsichtig Göthe 13, 1, 255 W.
d)
von tieren: es ist kein pferd so gut oder so vorsichtig, wann man es nicht stets im zaum hält, es ist gefahr dabey Zinkgref apophthegm. (1628) 1, 222; es sind scheue und vorsichtige vögel Naumann naturgesch. d. vögel (1822) 2, 1, 303; der listigen und vorsichtigen maus F. Th. v. Schubert (1823) 2, 222; unter dem schüchternen tritt vorsichtigen geflügels Holtei erz. schr. (1861) 5, 32.
e)
auf unpersönliches bezogen: in einer vorsichtigen zurückziehung (des heeres) von der Lippe Lohenstein Armin. (1689) 1, 73ᵃ; mit einer bescheidnen, vorsichtigen, redlichen weisheit Herder 15, 31 S.; nach einem orientalisch klugen, vorsichtigen zaudern Göthe 7, 194 W.; vorsichtige zulassung also eines trochäischen taktes ... im deutschen hexameter Voss zeitm. d. dt. spr. (1802) 182; mit vorsichtigem ohr aufnehmen Häuszer dt. gesch. (1854) 1, 202; mit vorsichtigen tritten Mörike 3, 80 Göschen; mit vorsichtiger hand Storm (1899) 1, 194; (unterredung, die) meinerseits stets in vorsichtigen formen geführt werden muszte Bismarck ged. u. erinn. 2, 10 volksausg.;
er leitet
mit vorsichtigem steuer die arche dahinwerts
Bodmer d. Noah (1752) 361.
vorsichtiger weise, adv., wird auch zusammengeschrieben Ranke (1867) 14, 184; W. Scherer kl. schr. 2, 30.
f)
ebenso häufig ist vorsichtig als adv.: caute, vorsichtig Egranus ungedr. pred. 103 Buchwald; feste wendungen sind vorsichtig zu werke gehen, vorsichtig mit etwas umgehen: beide liebhaber sind schon gewohnt, heimlich und vorsichtig zu werke zu gehen Göthe 21, 65 W.; freilich ging man nicht mit allen theilen dieser ... sammlung gleich vorsichtig um 46, 50. — andere wendungen in unerschöpflicher fülle: auf den alten kayser, doch vorsichtig und listig genug, hinein stehlen Grimmelshausen Simpl. 3, 177 Kurz; ein potentat oder republic musz in erwehlung ihrer vornehmsten capitaine sehr vorsichtig gehen v. Fleming d. vollk. t. soldat (1726) 261; der vorsichtig-aufgehobne fusz des elephanten Herder 16, 364 S.; (diener,) der es (ein bild) vorsichtiger tragen möchte als mein junge Göthe IV 30, 206 W.; der grosze, begeisterte und doch so vorsichtig forschende mann A. v. Humboldt kosmos (1845) 1, 90; die amtsbrüder hielten sich ihm gegenüber vorsichtig zurück W. v. Polenz Grabenhäger (1897) 1, 235; ich wurde vorsichtiger angefaszt als eine nessel Carossa verwandl. einer jugend (1928) 143;
in windeln eingehüllt, vorsichtig zugedecket
König ged. (1745) 50;
vorsichtig, bedächtig
versteht sie zu schöpfen
Göthe 3, 209 W.;
den nagel, woran Zeus den ring
der welt, die sonst in scherben gieng,
vorsichtig aufgehangen
Schiller 11, 65 G.
g)
zahlreiche redensarten s. bei Wander dt. sprichw.-lex. 4, 1702; le corti, le dame e' l' mare fauno gli huomini accorti die höfe, damen und das meer machen kluge und vorsichtige leute Castelli ital.-t. wb. (1741) 1, 12ᵇ; freundeshaus musz man vorsichtig besuchen Düringsfeld sprichw. (1875) 1, 262ᵇ; er ist vorsichtig gewesen in der wahl seiner eltern Rother d. schles. sprichw. 320ᵇ.
Zitationshilfe
„vorsichtig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/vorsichtig>, abgerufen am 13.10.2019.

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