vorsicht f.
Fundstelle: Lfg. 10 (1938), Bd. XII,II (1951), Sp. 1568, Z. 36

Unterbegriffe in diesem Artikel

vgl. fürsicht th. 4, 1, 1, sp. 819, wo über die aufnahme von für- und vorsicht bei den älteren lexikographen und die allmähliche verdrängung des ersteren im 18. jh. berichtet ist; ahd. foresiht (Notker) Graff 6, 126; die mhd. wörterbücher verzeichnen weder vür- noch vorsiht (s. doch unten unter 1 b die stelle des md. Marco Polo), wohl aber vür-, vorsihtic und vür-, vorsihticheit; dieses subst. ist auch im älteren nhd. weit häufiger als für- und vorsiht, das nur ganz selten zu belegen ist und, wie es scheint, zunächst auf die bedeutung voraussicht, vorsehung beschränkt ist; den sinn von behutsamkeit, achtsamkeit hat es dann vom adj. vorsichtig angenommen. vor- ò fürsichtigkeit, vor- ò fürsicht, providenza Kramer t.-ital. dict. 2 (1702) 753ᶜ; praecaution vorsicht, behutsamkeit Wächtler (1714) 290; Spannutius (1720) 377; für-, vorsicht, providentia, cautio Steinbach 2, 569; vorsicht Adelung; Campe; vgl. Fischer schwäb. wb. 2, 1874; ten Doornkaat-Koolman 1, 544ᵃ; Mensing schlesw.-holst. wb. 5, 478; Verwijs-Verdam 9, 1073.
1)
im eigentlichen sinne, das sehen nach vorwärts, dann das sehen in die zukunft, voraussicht; damit verbindet sich leicht schon hier die vorstellung, dasz dieses voraussehen maszregeln und haltung des voraussehenden beeinfluszt.
a)
die vorsicht wurde besonders der Pallas beigelegt, daher gab man ihr auch den beinamen Πρόνοια, praescia, die vorhersehende Winckelmann (1825) 8, 6; wenn aber das läszige rückwärtssehen den blick der vorsicht schwächt Herder 18, 378 S.; die vorsicht ist einfach, die hinterdreinsicht vielfach Göthe 42, 2, 123 W.; es ist besser vorsehung (vorsicht) als nachsehung (nachsicht) Kramer t.-ital. dict. 2 (1702) 754ᵃ; vgl. luxemb. mundart 471; ten Doornkaat-Koolman 1, 544ᵃ. — ich bin sonst schon alt und schwach, aber ich habe denn doch die vorsicht eines vaters, und eine solche vorsicht sieht weit Tieck (1828) 5, 53;
wer gab dir vorsicht meines wegs und vorempfinden?
Spitteler olymp. frühling (1910) 2, 54.
b)
meistens aber mit der erwähnten nebenvorstellung der vorbereitung auf verschiedene möglichkeiten, der sorge oder fürsorge: Sophocles hat in diesem akt dreierlei vorsicht (drei absichten der vorbereitung) Herder 3, 49 S.; Epicur erläszt seinen weisen der sorgen und der vorsicht auf die zukunft Bode Montaigne (1793) 1, 19; so spottet der zufall — wie soll ichs nennen? der menschlichen vorsicht Klinger (1809) 4, 114; die wirkung der verzweiflung des schwächsten ist ... thierischer mangel an vorsicht Pestalozzi (1930) 9, 12; es werde vorsicht getroffen, dasz die streite der söhne Premysls nicht mehr entstehen Stifter s. w. 10, 34;
kein mensch, so weit sein witz auch langet,
langt hier mit seiner vorsicht zu.
wer trieb das werk, damit itzt Zion pranget,
o höchste weisheit! sonst als du?
Gottsched ged. (1751) 1, 297;
er (Georg) breitet über dich (die Georgia Augusta) der vorsicht festen schild
Haller ged. (1882) 199.
ganz wie fürsorge: von der vorsicht des kunigis, die er hot ... czu den provincien d. mitteldt. Marco Polo 27 Tscharner.
2)
in der bedeutung des voraussehens, vorausbestimmens und der allgütigen lenkung der dinge und fürsorge auf gott übertragen wie vorsehung, auch wie dieses für gott selbst gesetzt. schon Adelung weist vorsicht besonders der 'dichterischen schreibart' zu. im 19. jh. tritt vorsicht gegenüber vorsehung mehr und mehr zurück, in gehobener sprache hält es sich aber noch lange. — die vorsicht hat meines wissens Günther zuerst in seinen gedichten gebraucht: weil das sylbenmaasz die fürsehung nicht verstattete. das vor daran ist fehlerhaft, weil es fürsicht heiszen sollte Gottsched beob. (1758) 243. im folgenden ist vorsicht aus dem 17. jh. mehrfach belegt; Adelung weist darauf hin, dasz schon bei Notker foresiht als die providentia gottes erscheint. richtig dagegen ist, dasz Günther eine besondere vorliebe für vorsicht hat.
a)
im christlichen sinne vom walten gottes und als eine eigenschaft seines wesens: vorsicht gottes Prätorius winterflucht d. sommervögel (1678) vortrab a 5ᵃ; Schubart br. 1, 128 Strausz; die göttliche vorsicht Stieler zeitungs lust u. nutz (1697) 81; Liscow sat. u. ernsth. schr. (1739) 359; ob- und vorsicht des höchsten Klinger (1809) 3, 14;
durch deine vorsicht sie auch führst
und segnest sie in ihrem stand
bei Fischer-Tümpel d. dt. ev. kirchenlied 4, 248ᵇ;
herrlich gottes vorsicht preisen kan viel trotz der welt besüszen
Logau sinnged. 619, 29 E.;
die vorsicht seiner gütigkeit
ist gar nicht zu ergründen
Günther 2, 293 Kr.;
deck ihn für aller noth
durch deiner vorsicht gnadenflügel
Schmolcke trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 1044.
vorsicht des himmels:
auch darin war des himmels vorsicht wach
(even in that was heaven ordinant)
Shakespeare Hamlet 5, 2.
b)
auszerordentlich oft wird dann vorsicht für sich gebraucht, die voraussicht und das walten gottes oder den waltenden selbst bezeichnend: lassen sie uns der vorsicht trauen Gottschedin br. (1771) 1, 2; was noch kommen soll, habe ich der vorsicht überlassen Lessing 17, 41 M.; die vorsicht geb es Jean Paul I 8, 161 ak.-ausg.; ich thor murrte mit der vorsicht Kotzebue dram. w. (1827) 1, 4; (denker) glauben ... an eine waltende vorsicht Holtei erz. schr. (1861) 36, 282; schreyende sünde gegen die vorsicht Stifter s. w. 17, 24;
was uns zeit und vorsicht nehmen,
bringt die hofnung stündlich ein
Günther 2, 151 Krämer;
wir hören dann aus seinem eignen munde,
wie wunderbar die vorsicht ihn geführt
Göthe 16, 176 W.;
wie wunderbar der vorsicht wege sind
Rückert (1867) 10, 360.
c)
persönlich gedacht, wenn sie angeredet wird, wenn man bitten an sie richtet: ich maszte mich an, o vorsicht, die scharten deines schwerds auszuwezen Schiller räuber 5, 2;
o vorsicht! straf ihn dann
Cronegk (1771) 1, 5;
(ich) flehe die vorsicht um die ununterbrochene fortdauer ew. königl. maj. hohen wohlseyns Lessing 18, 372 M. — sohn der vorsicht:
der Zimbern teurer held,
der vorsicht werter sohn
Fleming dt. ged. 1, 186 L.
hand, finger, auge, ohr der vorsicht: in süszer beruhigung die hand der vorsicht küssen Schubart br. 2, 200 Strausz;
drei güter hat die milde hand
der vorsicht mir gegeben
Schenkendorf ged. (1815) 123.
vgl. vorsichtshand unter 4. — seh einmal ein mensch den finger der vorsicht A. G. Meissner skizzen (1778) 1, 35. — am quell des lichts erwärmt dünk ich mich hier dem auge der vorsicht mehr genaht zu sein Thümmel reise 2, 5; vgl. vorsichtsauge unter 4;
ja, wenn diesz erdenvolk, so zahllos als der sand
am meer, der vorsicht vor den augen schwebte?
Gotter (1787) 1, 240;
doch klagen sollen nicht mehr auf meinen lippen
das ohr der gütigen vorsicht entweihn
Giseke poet. w. (1767) 175.
vgl. auch vorsichtsbuch unter 4.
d)
einige typische epitheta verbinden sich mit vorsicht, sehr oft ewig: ewige vorsicht Hippel lebensl. (1778) 2, 22; Schiller Fiesko 1, 12; Fichte (1845) 6, 339; Holtei erz. schr. (1861) 22, 23; Ranke (1867) 1, 155; Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 35.
verzeih dem freudetrunknen,
erhabne vorsicht, diese lästerung
Schiller don Karlos 1, 2;
ha, du gerechte vorsehung! so bald begann
der sturm, so bald?
Hölderlin 1, 87 Litzmann;
(beherrscher,) den ihnen die gnädige vorsicht geschenkt hat Haller Alfred (1773) 5ᵃ; die gütige vorsicht d. neueste aus d. anm. gelehrs. (1751) 1, 421.
wie? ist dein gott
denn schon gestorben, seine heilge vorsicht
ein bloszes uhrwerk
Geibel 3, 28 Cotta;
der weisen vorsicht schlusz ist hier dein augenmerk
Gottsched ged. (1751) 1, 85;
o allweise vorsicht, sey gedankt Bürger 293ᵇ Bohtz.
e)
übertragen auf nicht christliche vorstellungen; schicksal, verhängnis werden mit vorsicht verbunden oder einander entgegengesetzt: was vorher schicksal hiesz, heiszt nun vorsicht Lessing 8, 53 M.; düsteres grübeln ... über vorsicht, schicksal und letzten grund aller dinge Stifter s. w. 3, 7;
denn das verhängnüsz hat dich, eh du noch gebohren,
durch seine vorsicht schon zu meiner braut erkohren
Günther 1, 51 Kr.;
andere bahnen verhängt uns Kronions waltende vorsicht
(οὕτω που Ζεὺς ἤθελε μητίσασθαι)
Voss Od. 9, 262 B.;
still wandelte von Thespis wagen
die vorsicht in den weltenlauf
Schiller 6, 271 G.
3)
dann aber wird das wort in der fortschreitenden entwicklung der neueren sprache meist eingeschränkt auf die auf eine voraussicht oder überhaupt auf erkenntnis der lage begründete acht- und behutsamkeit: 'das bemühen, sein gegenwärtiges verhalten nach den folgen desselben einzurichten und alles schädliche auf das möglichste zu vermeiden ... da es denn auch oft von der fertigkeit dieser bemühung, d. i. für vorsichtigkeit gebraucht wird' Adelung; letzteren gebrauch bezeichnet Campe als 'nicht gut', während jetzt eher vorsichtigkeit vermieden wird.bei der entwicklung der bedeutung ist zu beachten, dasz die vorstellung eines wirklichen voraussehens zurücktreten und ganz schwinden kann, so dasz nur der gedanke an möglicherweise eintretendes wirksam ist. ferner handelt es sich nicht immer um eigene gefahr oder schädigung, sondern eben so oft um fremde, einer person oder sache (den verband eines verwundeten mit vorsicht ablösen; etwas mit vorsicht ausgraben). es kann überhaupt eine abschwächung der bedeutung eintreten, indem es sich um die vermeidung eines versehens, eines irrtums, eines anstoszes, einer beschämung u. ä. handelt (mit vorsicht eine theorie aufstellen; man beachte auch die in der umgangssprache häufige wendung jemand ist nur mit vorsicht zu genieszen). die verwendungsmöglichkeiten des wortes sind unbegrenzt, es können nur einige beispiele gegeben werden.
a)
ist nicht ... misztrauen zur vorsicht nöthig? Möser (1842) 1, 197; was ist vorsicht? die gefahr läszt sich nicht auslernen Göthe 19, 65 W.; mein rath war vorsicht, und nur da ihr wollt, bin ich für die schlacht Klinger (1809) 1, 287; vorsicht ist immer gut W. Alexis hosen d. herrn v. Bredow (1846) 1, 233; vorsicht macht einen brief kalt Hans Grimm volk ohne raum (1928) 1, 584;
ein frommes weib gibt gott, die vorsicht thut es nicht
Logau sinnged. 122 E.;
dasz vorsicht ohne falsch nie ihren zweck verfehlet
Lohenstein Sophonisbe (1680) widmung;
und besser, zu viel vorsicht, als zu wenig
Schiller Wallensteins tod 2, 4.
b)
mit anderen substantiven verbunden: also trauet er der otterzunge mehr zu als seiner eigenen vor- und aufsicht J. G. Schmidt rockenphil. (1706) 1, 340; vorsicht und behutsamkeit Gerstenberg schlesw. lit.-br. 145 lit.-denkm.; mit vorsicht und kritik Göthe 41, 2, 324 W.; mit groszer sorge und vorsicht Bettine Cl. Brentanos frühlingskr. (1844) 267; mit gewohnter vorsicht und geschicklichkeit Hebbel w. 12, 136 W.; mit besonderer langsamkeit und vorsicht Fontane I 6, 346;
vorsicht und fürsicht ist des schiffes steur und mast
Rückert (1867) 11, 520.
c)
wie vorgesehen! wird vorsicht! als anruf gebraucht.häufige verbindungen mit präpositionen sind mit, aus, zur vorsicht, nachgestellt der vorsicht wegen, halber: alles sollte mit vorsicht geschehen Göthe 33, 23 W.;
ging ich auf socken hinaus und schlosz den drücker mit vorsicht
Voss ged. (1802) 1, 80;
kleidet euch aus vorsicht
in diese kutten
Z. Werner d. söhne d. thales 1, 206.
zu mehrerer vorsicht Mörike 1, 262 Göschen; es ist das alles nur zur vorsicht Stifter s. w. 5, 1, 128. — ich wünsche der vorsicht wegen auszusteigen Raabe Horacker (1876) 131; vgl. vorsichtshalber. — ohne vorsicht: hertz und muth ohne vorsicht fahrt oben ausz Lehman floril. polit. (1662) 2, 900; ohne weitere vorsicht G. Keller 4, 71.
d)
mit näheren bestimmungen: mit etwas, einiger, der nöthigen, groszer, der gröszten, kluger, weiser, besonderer, der äuszerten, höchster, vieler, aller vorsicht u. s. w.: der den jüdischen und gelehrten griechischen ton mit einerlei vorsicht vermeidet Herder 1, 223 S.; kalte vorsicht Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 114; diätetische Göthe 22, 310 W.; mit liebender vorsicht Hölderlin 2, 172 Litzmann; unnütze vorsicht Raumer gesch. d. Hohenstaufen (1823) 4, 420; mistrauische J. Grimm kl. schr. 1, 238; die einfache vorsicht erfordert Bismarck polit. reden 4, 240 K.; zurückhaltende vorsicht W. v. Polenz Grabenhäger (1897) 1, 194;
wenn du stürme fliehst, aus allzu schüchterner vorsicht
hart an dem tückischen ufer dahinstreifst
J. A. Schlegel ged. (1787) 1, 258;
feigherzge vorsicht, fahre hin
Schiller Wilh. Tell 1, 4.
e)
unter den in unbegrenzter fülle möglichen verbalverbindungen sind einige besonders häufig und mehr oder weniger fest geworden: mit vieler vorsicht zu werke gehen. alle vorsicht bey einer sache anwenden, gebrauchen Adelung; so müsse man beim fassen (des diamanten) mit vieler vorsicht zu werke gehn Göthe 43, 267 W.; geht mit vorsicht zu werke Geibel 7, 136 Cotta. — er habe bei seinen verrichtungen die gröszte vorsicht gebraucht Göthe II 2, 107 W.;
ich kann der vorsicht nicht zu viel gebrauchen
Schiller Maria Stuart 2, 8.
(misztrauen) vermehrt sich durch die vorsicht, die jeder den anderen anwenden sieht Fichte (1845) 3, 140. — einige andere beachtenswerte wendungen: (du) brauchtest nur die vorsicht zu haben, deine briefe ... abschreiben zu lassen Bettine Günderode (1840) 2, 62; halte vorsicht auf das geld und auf die empfehlungsbriefe, welche dir der vormund gab Stifter s. w. 3, 299; häufiger dagegen ist vorsicht üben;
nutzt dir sorge, so meide sie nicht und pflege der vorsicht
Herder 26, 91 S.
man sagt, etwas gebietet vorsicht, anderseits die vorsicht gebietet: ihr finger am mund gebietet vorsicht Herder 23, 22 S.; dasz es (das regieren) vorsicht erheischte W. v. Humboldt 1, 83 akad.-ausg. — nur vorsicht ist vonnöthen H. v. Barth Kalkalpen (1874) 254;
dennoch
bedarfs der vorsicht
Schiller jungfrau v. Orleans 2, 1.
f)
zahlreiche redensarten handeln von der vorsicht, s. Wander dt. sprichw.-lex. 4, 1700; norddt. ist: vorsicht ist die mutter der weisheit (Holtei erz. schr. 1, 8); scherzhaft: vorsicht ist die mutter der porzellankiste Meyer d. richtige Berliner 148ᵇ; der glaskünste Müller-Fraureuth 2, 629ᵇ.
g)
vorsicht kann sich auch deutlicher auf das verhalten in einem einzelnen falle beziehen: nach dieser vorsicht bereiteten wir uns (zur landung) G. Forster (1843) 2, 208; noch eine vorsicht! Göthe 11, 107 W.; ging sie, ohne eine vorsicht zu brauchen, nach dem gespensterhause A. v. Arnim 1, 141 Gr.; die vorsicht eines förmlichen vertrages Müllner dram. w. (1828) 8, 62.
h)
entsprechend dem unter g behandelten gebrauche kann auch der plural gebildet werden: man weisz ... schon durch kluge anstalten und vorsichten vorzubeugen v. Fleming d. vollk. soldat (1726) 88; man nimmt seine vorsichten Iffland theatr. w. (1827) 1, 5; noch andere vorsichten der ersten anlage würden es unendlich erleichtern, Venedig zur reinsten stadt zu machen Göthe in: schr. d. Götheges. 2, 130; die vorsichten, welche man im weiterziehen ... anwendete Stifter s. w. 3, 66; (es) sind manche vorsichten zu beobachten, um sich von störenden fehlern frei zu halten Luschin v. Ebengreuth münzkunde (1904) 41.
4)
als erstes glied von zusammensetzungen im entwickelten nhd. gewöhnlich im sinne von behutsamkeit, achtsamkeit (3), was bei den einzelnen wörtern nicht besonders bemerkt wird, seltener und mehr in älterer sprache in der bedeutung von vorsehung (2); meistens mit fugen-s:
vorsichtsanstalt f.
im plur. wie vorsichtsmasznahmen: militärische vorsichtsanstalten waren in allen provinzen genommen Dahlmann gesch. d. frz. revol. (1845) 128. —
vorsichtsapostel m.
es gibt ja karge vorsichtsapostel, die sich in guten jahren jede freude des lebens versagen G. Ebers gesch. meines lebens 21 (ges. w. Bd. 25); vgl. vorsichtsmeier. —
vorsichtsauge n.
auge der vorsehung, vgl. 2 c:
ach vater, lasz denn über diese beyde
dein vorsichtsauge gnädig walten
bei Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 4, 246.
ohne fugen-s, hier von menschlichem inneren sinn (vgl. 1): Bela II. der blinde ... von dem allsehenden auge gottes mit innerlichen vorsichtaugen begabet Birken d. verm. Donaustrand (1684) 138. —
vorsichtsbefehl m.
zur vorsicht, fürsorge gegeben: die Valencianer selbst scheinen ihre (der regierung) vorsichtsbefehle nur wenig zu achten Chr. O. Fischer reise (1799) 446. —
vorsichtsbuch n.
nach vorsicht 2:
an ihrer stirn stand der verborgne schlusz,
den in dem vorsichtsbuch mit fremden characteren
die allmacht aufgezeichnet hat
Löwen (1765) 3, 179.
vorsichtsgrenze f.
die professoren (waren) wohlüberwacht und angewiesen, innerhalb gewisser vorsichtsgrenzen ihre vorträge zu halten Jos. Rank erinn. (1896) 195 (bibl. d. schriftst. aus Böhmen). —
vorsichtshalber adv.
zur vorsicht: (wir) schlossen uns vorsichtshalber an die soldaten G. Forster (1843) 2, 169; (Cécile) trug, halb vorsichts-, halb eitelkeitshalber, ein mit pelz besetztes jackett Fontane I 4, 356. —
vorsichtshand f.
s. oben 2 c: alles aber (hat mich) vom dasein der lenkenden vorsichtshand aufs lebhafteste überzeugt Scheffner mein leben (1821) 472. —
vorsichtskunst f.
allein mit list und schlauen vorsichtskünsten wehrt
dem tode Hagia
Spitteler olymp. frühling (1922) 2, 157.
vorsichtslos adj.
unvorsichtig:
so vorsichtslos ist nicht
Aegist, zu leiden, dasz für ihn zum fluch
mit neuen keimen sprosse unser stamm
grafen zu Stolberg (1820) 13, 57;
des birkhahns vorsichtsloser reigen
gibt keckes ziel dem feuerrohr
Greif ged.⁵ 17.
vorsichtsmasznahme f.
gewöhnlich im plur.: trotz aller vorsichtsmasznahmen. —
vorsichtsmaszregel f.
Campe; wie das vorhergehende wort, aber bei weitem häufiger: dasz mit der vorsichtsmaszregel gegen die kriegsgefangenen alles besorgt sey Iffland theatr. w. (1827) 1, 58; diese feige vorsichtsmaszregel Nestroy (1890) 12, 11; keine kriegserklärung! nur eine vorsichtsmaszregel Winnig d. weite weg (1932) 326. — gern im plur.: mich dünkt eure vorsichtsmaszregeln sind hinreichend G. Forster (1843) 9, 54; bei solchen vorsichtsmaszregeln kann daher jeder ... sicher ins lotto setzen Jean Paul 45/47, 401 H.; so war die nacht allen unter mancherlei vorsichtsmaszregeln schlaflos vergangen Eichendorff (1864) 3, 344; eine halbe mit clauseln und vorsichtsmaszregeln umstellte freiheit Freytag (1886) 15, 10. — feste verbalverbindungen: er wird jede vorsichtsmaszregel ergreifen Hebbel w. 8, 158 W.; neue vorsichtsmaszregeln zu ergreifen Treitschke dt. gesch. im 19. jh. (1897) 4, 123. — unter den vorsichtsmaszregeln, welche Neptunus ... traf Winckelmann (1825) 8, 54; sie schickten sich an, grosze vorsichtsmaszregeln zu treffen Stifter s. w. 5, 1, 357; für die sicherheit der minister wurden mannigfache vorsichtsmaszregeln getroffen Bismarck ged. u. erinn. 1, 70 volksausg.seltenere verbindung: die vorsichtsmaszregeln, die er ... nahm Ranke (1867) 27, 114. —
vorsichtsmeier m.
in lässiger sprache, einer der die vorsicht übertreibt; vgl.vorsichtsapostel. —
vorsichtsmittel n
Campe, wie vorsichtsmasznahme, -maszregel, aber selten; ohne fugen-s in der folgenden stelle im sinne von fürsorge (1 b): die verpflegung derselben (der wachsenden bevölkerung) nöthigte zur erfindung vieler neuer vorsichtmittel Zschokke (1824) 30, 360. —
vorsichtsprobe f.
erprobung der vorsicht:
und als nach mancherlei gedulds- und vorsichtsproben
sie glücklich kamen an des ganges ende oben
Spitteler olymp. frühling (1922) 2, 165.
vorsichtsregel f.
'regel, welche die vorsicht vorschreibt' Campe: das bedürfnisz der sache selbst giebt dem dichter sowohl als dem tonkünstler manche vorsichtsregeln an die hand Eschenburg entwurf einer theorie d. schön. wiss. (1783) 160; klugheitsregeln, die auf vorsichtsregeln gegen die schurken und bösewichter hinauslaufen Klinger (1809) 11, 182; cautel, eine vorsichtsregel, die bey rechtlichen handlungen zu beobachten ist Voigt handwb. f. d. geschäftsführung (1807) 1, 93. — wie vorsichtsmaszregel:
hast du vorsichtsregeln
getroffen wider aufstand und gefahr?
Grabbe 2, 359 Bl.
vorsichtsschlusz m.
beschlusz der vorsehung (s. oben 2):
gefällt es deinen (gottes) vorsichtsschlüssen,
so gieb mir einen treuen freund
Günther 2, 231 Kr.
vorsichtsschritt m.
jugend geht
geht einmal den vorsichtsschritt des alters nicht
Robe d. verlorene kind (1842) 92.
vorsichtssieg m.
gelegenheitsbildung, sieg durch vorsicht; ohne fugen-s:
und einen schnellen vorsichtsieg
erkämpften die giganten
Spitteler olymp. frühling (1922) 2, 37.
vorsichtsvoll adj.
sein vorsichtsvoller raht war stets zu unserm heil
bei Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 3, 212.
vorsichtszauber m.
gelegenheitsbildung:
als dieser so gesummt die luftzerstörungsweise,
sprach so der andere den vorsichtszauber leise
Rückert (1867) 3, 249.
vorsichtszeichen n.
das warnungs- und vorsichtszeichen Klinger (1809) 9, 53.
Zitationshilfe
„vorsicht“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/vorsicht>, abgerufen am 17.07.2019.

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