voll adj.
Fundstelle: Lfg. 4 (1932), Bd. XII,II (1951), Sp. 515, Z. 40

Unterbegriffe in diesem Artikel

vollachten · vollausschlagen · vollbaden · vollbauen · volbedenken · vollbepflanzen · vollbilden · vollbinden · vollbitten · vollblöken · vollblühen · vollbluten · vollbrassen · vollbrennen · vollbrocken · vollbüszen · volldanken · volldenken · volldrücken · volldrucken · volleinschenken · vollempfangen · vollempfinden · vollertheilen · vollfallen · vollfassen · vollfertigen · vollfolgen · vollfordern · vollfressen · vollfrätzen · vollfügen · vollfüllen · vollfüttern · vollgeben · vollgedeihen · vollgehen · vollgieszen · vollgupfen · vollhaben · vollhangen · vollhängen · vollharren · vollhärten · vollhocken · vollklauben · vollkleckern · vollklecksen · vollklicken · vollklingen · vollkommen · vollkramen · vollkriegen · vollkritzeln · vollkröpfen · vollladen · volllassen · volllaufen · volllegen · vollleisten · volllesen · vollmachen · vollmalen · vollmessen · vollnehmen · vollplaudern · vollpressen · vollpfrumpfen · vollpumpen · vollquackeln · vollquellen · vollräumen · vollreden · vollregnen · vollreiten · vollrichten · vollsacken · vollsauen · vollsaufen · vollsaugen · vollschaffen · vollschenken · vollschichten · vollschieben · vollschieszen · vollschimpfen · vollschlafen · vollschlagen · vollschlemmen · vollschleppen · vollschlingen · vollschmeiszen · vollschmieren · vollschöpfen · vollschreiben · vollschröten · vollschütten · vollschwächen · vollschwechen · vollschwatzen · vollschwätzen · vollschwechen · vollschwelgen · vollschwellen · vollsetzen · vollsitzen · vollspannen · vollspeichern · vollspicken · vollspinnen · vollspritzen · vollstänkern · vollstäuben · vollstecken · vollstellen · vollstenken · vollstopfen · vollstoszen · vollstrahlen · vollstreuen · vollstürzen · vollthun · volltragen · volltrichtern · volltrinken · volltröpfeln · vollversetzen · vollweinen · vollwerden · vollzahlen · vollzapfen · vollzechen
got. fulls; an. fullr; dän.-norw. fuld, schwed. full; ags. ful; afries. ful, fol; as. ful, fol; ahd. fol Graff 3, 477; mhd. vol mhd. wb. 3, 361ᵃ (volle 362ᵃ); Lexer 3, 432; plenus, folle, fol, ful, vul, vol, voll Diefenbach gl. 442ᵃ; mnd. vul Schiller-Lübben 5, 548ᵇ; mnld. vol Verwijs-Verdam 9, 787; voll Dasypodius 449ᵇ; Maaler 472ᵃ; Henisch 1352, 45; Stieler 2389; Steinbach 902; Frisch 2, 406ᵃ; Adelung; Campe. zum gebrauch in den mundarten vgl. Schmeller-Fr. 1, 838; Fischer schwäb. wb. 2, 1623; schweiz. idiot. 1, 779; Martin-Lienhart 1, 109; Ch. Schmidt 113ᵃ; Schöpf 790; Zingerle lusern. wb. 30ᵇ; Lexer kärnt.-wb. 100; Hügel Wiener dialekt 183ᵃ; Müller-Fraureuth 2, 625ᵃ; Albrecht Leipz. ma. 232; Spiess henneb. idiot. 271; Döring Sondershäuser ma. 86; Jecht Mansfelder ma. 119ᵇ; Knothe Nordböhmen 532; Cercelius 2, 884; Hönig Kölner ma. 196ᵃ; Christa Trierer ma. 2, 212; Follmann lothring. ma. 169ᵇ; wb. d. luxemb. ma. 471ᵇ; Leithäuser Barmer ma. 167ᵇ; d. richtige Berliner 148ᵃ; Frischbier 2, 447ᵃ; (vull-) brem. wb. 1, 464; Schütze holstein. idiot. 3, 325; ten Doornkaat-Koolman 1, 568ᵃ; Bauer-Collitz 36ᵃ; Danneil 241ᵇ; Dähnert 137ᵇ; Mi mecklenb.-vorpomm. ma. 104ᵃ. wenn voll im strengsten begriff genommen wird, ist eigentlich eine steigerung nicht möglich, doch braucht man ohne weiteres den comp. in der vergleichung: dein glas ist voller als meins, u. ä.; doch auch freier: das gefühl ist sicherer und voller Herder 5, 49 S.;
(mir wäre) besser gerathen,
wenn ich mit vollerer hand (πλειοτέρη σὺν χειρὶ) in mein liebes vaterland kehrte
Vosz Od. 11, 359 Bernays;
der, endlich vom namen Homeros
kühn uns befreiend, uns auch ruft in die vollere bahn
Göthe 1, 294 W.;
ein leises glöcklein stimmt so rein
zu einem lautern vollern ein
Uhland ged. 1, 313 Schm.-H.;
ebenso der superl.; neben im vollen sinne des worts auch im vollsten u. ä.; im vollsten glanze des glücks Lessing Minna 5, 5; der feinste (scherz) weisz sich sogar in den vollesten ernst zu verwandeln Herder 22, 158 S.; mit dem vollsten recht Fr. Schlegel w. 3, 76; von der schönsten, vollsten und eigenthümlichsten klangwirkung O. Jahn Mozart 4, 56;
denk unsrer tiefsten lieder, stimm an den vollsten ton
Uhland ged. 1, 307 Schm.-H.
umgelautete steigerungsformen sind im älteren nhd. sehr häufig: voll, völler, völlester Stieler 2389; compar. völler, superl. am völlesten Steinbach 2, 902; nach Adelung sind die normalen formen ohne umlaut, 'in einigen gemeinen mundarten, völler, völleste'; voll, voller (nicht völler), am vollsten Braun dtsch. orthogr. gramm. wb. (1793) 290ᵃ; die umgelauteten formen erhalten sich mundartlich schweiz, idiot. 1, 749; 781; Fischer schwäb. wb. 2, 1623; Martin-Lienhart 1, 109; trünckner und völler ... dann er ye mer gewesen war Arigo decamerone 425 (1860); alle wasser lauffen ins meer, noch wird das meer nicht völler pred. 1, 7; der geyger, der völler dann die andern alle geweszt Lindener rastbüchl. 20 L.; machen das masz ihrer sünden immer völler Schaller theol. herold (1604) 109; wenn ein mond were (im himmlischen Jerusalem), müste er völler seyn Meyfart himml. Jerusalem (1630) 1, 229; einen nicht wohl zu beschreibenden, völlern ... klang Bode Montaigne 3, 210; meinen beutel dadurch ... noch völler zu machen Hafner ges. lustsp. (1812) 1, 51;
fürwar, ich bin nie völler gsin
schweiz. schauspiele d. 16. jh. 1, 234 Bächtold;
meinst nicht, dasz das meer völler sey,
als es zuvor gewesen ist?
griech. dramen 2, 234 D.;
Kastalis, dein teurer flusz
soll durch mich auch sich ergieszen
und mit völlern ufern flieszen
Fleming ged. 1, 371 L.;
was aber kann auf erden
wohl völler von beschwerden
als junge männer seyn
Neukirch ged. (1744) 38;
(bäume) völler, als man sonst gesehn,
reich an unerzwungnen früchten
Hagedorn (1764) 2, 15;
umgelauteter superl.: unnd also ... unter die völleste statt Europa gerechnet werden mag Federman Niderlands beschr. (1580) 102;
so ruft der völlste bey dem haufen
Schwabe belustigungen 3, 224.
vereinzelt tritt in älterer sprache eine form des adj. mit anorganischer endung -e auf (mhd. wb. 3, 362ᵃ): wo mir ainicher volle wer des hails N. v. Wyle translationen 33 lit. ver.; die gancz stat Venedig diser abenteure vole was Arigo decamerone 263 lit. ver.; es ist die form des adverbiums.
1)
ohne angabe dessen, wovon etwas voll ist.
a)
von hohlräumen, gefäszen, behältern aller art, die etwas in sich aufnehmen, es umschlieszen, festhalten, bewahren: voller becher, topf, korb, kasten, schrank, sack, beutel, volle tasche: voller korb, volle schüssel, voller teller, voller löffel, volle schaufel, volles ei, voller mund, magen, bauch, und so in nicht zu erschöpfender anwendung im gegensatze zu leer; so viel in sich habend, als hineingeht; ebenso von umschlossenen räumen wie haus, kammer, scheune u. ä., von gefährten wie wagen, schiff: trinkgefäsze: der mönch war unterdessen zum schenktisch getreten, wo er ein volles weinglas ergriff Schiller 4, 247 G.; das volle glas stehen lassen Göthe 23, 140 W.; die zwei letzten gläser bis zum rand voll Bettine dies buch gehört dem könig 1, 231; indem er das volle glas mit einem zuge hinunter stürzte E. Th. A. Hoffmann 1, 13 Gr.
ein voll glas hab stehts hinder dir
Scheit Grobianus 802;
lärten volle gläser ausz
Spreng Ilias 93ᵇ;
bei vollen gläsern wollen wir
ein stündchen schön verträumen
Körner w. 2, 79 Hempel.
krug, humpen, römer: hinder die vollen krüg sitzen Fischart Eulenspiegel 13 H.; beym tanz und beym vollen krug Geszner schr. (1777) 1, 125; wir verachteten es, in becher einzuschenken; nein, aus dem vollen humpen selbst tranken wir groszherzigen das kühle ... nasz Tieck schr. 4, 29;
brüder fliegt von euren sitzen,
wenn der volle römer kraiszt
Schiller 4, 4 G.
becher klingt uns gewählt: schwenkte den vollen becher maler Müller w. (1811) 1, 125;
schenkt ein vollen becher ein
Scheit Grob. v. 3288 ndr.;
gib mir den becher, disen vollen
Klopstock oden 1, 22 M.-P.;
reichten draus (aus dem mischkessel)
die vollen becher überall herum
Bürger 147 Bohtz (Il. 1, 471: νώμησαν δ' ἄρα πᾶσιν ἐπαρξάμενοι δεπάεσσιν);
erneue
der volle becher unsern bund
Stolberg ges. w. 1, 112;
einen wohlgeschnitzten vollen becher
hielt ich drückend in den beiden händen
Göthe 2, 106 W.
voller kelch (im bilde):
sie hat
den vollen kelch der freuden ausgetrunken
Schiller Maria Stuart 2, 9;
antikisierend:
von dem glanz der vollen schale,
die ein schöner knabe trug
Göthe 1, 181 W.
übertragen:
denn der liebe volle schale
wird mir täglich dargebracht
Novalis 4, 131 Minor.
wein im schlauch:
hör Bacche mit dem groszen bauch,
lang mir dort her den vollen schlauch
Scheit Grobian. v. 105 ndr.
germanisch:
hornum fullum
drukku þeir hinn hreina mjǫđ
Sólarlj. 56.
im altnord. bezeichnet full, n., das volle horn, das bei der opfermahlzeit den göttern geweiht wurde (drekka full, Óđins full, helga full ásum at fornum siđ u. ä.). dem entspricht ags. ful im sinne des gefüllten trinkgefäszes:
onfóh þissum fulle,   frêodrihten, mín
Beowulf 1170.
ebenso as.:
het is thero gesteo   the at them gomun uuas
themo heroston   an hand geban,
ful mid folmun
Heliand 2047.
m. ohne bezeichnung des gefäszes von dem nordischen brauch: so trank man zuerst den vollen dem Odin für den siege des königs und sein reich Dahlmann Dänemark 2, 94. — während man jetzt sagt: einen ganzen trinken, zutrinken, vorkommen, nachkommen, brauchte man früher auch voll in solchen wendungen: sunder halve eder vullen to todrinkende eyn deme anderen quelle bei Schiller-Lübben 5, 548ᵇ; pringen im eins halb und voll Fischart Garg. 71 ndr.;
wir wöllen saufen zu halben und zu vollen
Uhland volksl. 576;
schleichen hin zu dem külen wein
zu halben, vollen, on geferd
bisz keiner heim zu gehn begert
Waldis d. päbstisch reych q q 2ᵃ;
wo man in dem weinhauss
sitzt, trinckt volle und gantze auss
H. Sachs 9, 419 lit. ver.
man sagt jetzt eine halbe, f., ein ganzer, m.; möglich, dasz auch volle, f. im gebrauch war Vilmar Kurhessen 432. ein voller topf, olla plena Steinbach 2, 902; bisz der hafen gleich schier voll würdt Gäbelkover artzneyb. (1595) 1, 102; bei tisch ist er mit seinem vollen teller immer am ersten fertig Miller briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 17; hob ihnen die volle schüssel entgegen Storm w. (1899) 1, 12;
framm setti hon
skutla fulla
Rigsþula 32;
lärn gros vol schüssl
und schmiern eure drüssel
altd. passionsspiele aus Tirol 195;
im bilde: wer hat je der lebensseligkeiten genug gehabt, wenn sie ihm mit vollen löffeln geboten werden Raabe Horacker (1876) 4. — wenn das weinfasz nur halber vol ist Thurneyszer magna alchymia (1583) 3; sprichw.: der frasz kriegt nie volls vasz sprichwörter (1548) 97ᵇ; volle vasz klingen nit, aber die lehren klingen sehr 50ᵇ;
dann (sagt man) von biertranck und wein
sollen nicht nasz die seyten sein,
sie werden sonst nicht meh erklingen,
dann volle fasz keyn thon meh bringen
Fischart 1, 374 H. (lob der lauten 710).
(flectiert in prädicativer stellung:)
nempt ein sack, der nit ist zu kluen,
und haist euch in do vollen geben
pfarrer von Kalenberg 79, 1645 ndr.;
sprichw.: (des geizigen) sack kan nicht voll werden Lehmann floril. polit. (1662) 1, 276; bettelsack ward nie voll sprichwörter (1548) 20ᵃ; pfaffensack ist nie voll Kramer teutsch.-it. (1702) 2, 192ᵃ; wann der sack zu voll ist, so fehrt er auff Eyering prov. copia 3, 379; als de sak vul is, so richtet he synen ort Tunnicius sprichw. nr. 139 Hoffmann; wenn der sack zu voll ist, platzt er, allzuviel ist ungesund. mit luft gefüllt: wann die sackpfeiff nit voll ist, so kirt sie nit sprichw. (1548) 20ᵇ; voller sack pfeifft Eyering prov. copia 3, 365 (gut essen und trinken macht beredt und unterhaltsam). behälter für geld und gut, körbe, karren und wagen, vorratskästen und -räume u. s. w.: es ist nicht stöltzers dann ein volle tasch sprichwörter (1548) 173ᵇ; men mot mit volen (l. vullen) wagen bytyden varen, mit schwer beladenem wagen musz man zeitig aufbrechen Tunnicius sprichwörter 758 (dort miszverstanden); wir aber sehen nur auff die follen taschen und beutel Luther 19, 313 W.; aber die vollen krätzen (tragkörbe) trucken den esel am allerminsten Fischart binenkorb (1588) 156ᵇ; (wird) mangel an vollen seckeln machen praktik 5 ndr.; sie hat die kasten voll A. Gryphius Horrib. 13 ndr.; durch ordentlich hausshalten werden alle cammern voll Schupp schr. (1663) 6;
wol in des wirtes haus
trag wir ein vollen seckel
und ein leren wider aus
Forster frische t. liedlein 201 ndr.;
ein voller beutel ist der blasbalg in dem rechten (im prozesz)
Grob dichter. versuchg. (1678) 52;
giebt für Amors pfeil und bogen
ihm seinen vollen beutel pfand
Lessing 1, 4 M.;
voll sind eure (der bienen) vorrathskammern
Chr. F. Weisze lieder für kinder (1767) 55;
nimm eine volle kasse mit
Schiller Wallensteins tod 1, 7;
voll sind die scheunen
Wilhelm Tell 1, 2;
immer ist Johanna Stegen
mit der vollen schürze nah
Rückert w. (1867ff.) 1, 60;
b)
mit menschen angefüllt oder besetzt: das haus, die stube, die kirche, das theater (oft als haus bezeichnet: das stück macht volle häuser), das schiff, der wagen, der zug (eisenbahn) ist voll; es ist so voll in dem saale, dasz kein apfel zur erde fallen kann; auch: die bank, der tisch ist voll, alle plätze am tisch sind besetzt, und so in mannigfaltigstem gebrauch: du sihest wol, er ist an allen enden vol (in der herberge) Arigo decamerone 69 lit. ver.; auch die kirche vol sey 55; auff das mein haus vol werde Luc. 14, 23; die losament sind noch nicht voll (im himmel) Lehmann floril. polit. (1662) 1, 417; die grosze hitze ... der volle salon Bauernfeld ges. schr. 2, 151;
kommt man in die volle schule
ist es doch noch eine lust
Brentano ges. schr. (1852ff.) 2, 458;
das theater wird heute sehr voll werden Deinhardstein ges. dram. w. (1848ff.) 1, 12; in diesem sinne haus: das haus war ungewöhnlich voll Börne ges. schr. 10, 16 (1829ff.); ein volles haus, lob und geld A. v. Droste-Hülshoff an Schücking (1893) 151;
was träumet ihr auf eurer dichterhöhe?
was macht ein volles haus euch froh?
Göthe 14, 12 (Faust 122);
stark besucht, belebt in freierer anwendung: so wird die nächste messe über die maszen voll und glänzend werden Göthe br. 12, 223 W.; Marienbad ist so voll, dasz kein unterkommen mehr zu finden ist br. 37, 126;
lasse stille die andern
breite, lichte, volle straszen wandern
Novalis 1, 69 Minor;
auf dem offnen vollen markte,
sollst du mir verbuhlet folgen
Brentano ges. schr. (1852) 3, 265;
voller tisch, die menschen umfassend:
dort spitzt ein voller tisch das ohr
und horcht, wie nachbars Hanns erzähle
Günther ged. (1751) 129.
die tafel ist voll (the table's full)
Schiller Macbeth 3, 8;
eine volle versammlung; in voller sitzung u. ä.; frei:
doch jetzt schon heiszt für voll (beschluszfähig) uns zu erachten
die dringende, die allgemeine not
Grillparzer (jüdin v. Toledo 4) 9, 185 S.
in besonderer wendung vom grabe: er schwur am vollen grabe noch einmal den testamentschwur Jean Paul 54, 54 R.
c)
beschriebene oder bedruckte fläche (vgl. 1, s): die bletter beginnen vol zu werden, und der buchdrucker fordert auch dieses wenige eylend unter die presse Prätorius saturnalia (1663) 25; noch eine kleine begebenheit, damit der bogen voll wird Gellert w. 9, 269; meine zwey bogen wären nun voll Göthe br. 1, 117 W. — voll wird hier öfters in dem sinne von ganz gebraucht, die bedeutung des gefülltseins tritt zurück: der artikel umfasst drei volle spalten, ich habe einen vollen bogen gebraucht;
zwölff zeilen solten erst zu dieser zuschrift sein,
iezt wird mir fast ein blat, ein volles blat, zu klein
Stieler geharnschte Venus 99 ndr.
anderes: das kerbholtz ist voll Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702), 1208ᵇ.
d)
volle tafel, reich mit speise und trank besetzte:
als nun die malzeit war vollbracht,
die volle tafflen leer gemacht
Spreng Äneis (1610) 19ᵃ;
denn die meisten menschen sind nur überbleibsel eines vollen gastmahls Novalis 4, 226 Minor; indessen brachte ein diener ein volles frühstück Klinger w. (1809ff.) 3, 92; gut stehende fruchtfelder: als ein geschmack eins vollen ackers erste d. bibel 3, 130 lit. ver.;
dasz man die äcker voll und lehr,
mocht underschidlich sehen gar
(late discriminat agros 11, 144) Spreng Äneis 223ᵃ;
ein volles land, ein reiches, fruchtbares Kramer teutschital. (1702) 2, 1208ᶜ; hüte dich, wenn du kömest in das gute volle land, das dich die fülle nicht betriege Luther 28, 659 W.; die knechte ... des langen stillligens, auch vollen und wolfeylen lägers halben ... unbändig wurden Kirchhof milit. disciplina (1602) 137; in das gegenüberligende volle land zu gehen, in welchem etliche steinalte leute die tag ihres lebens noch niemalen keine soldaten gesehen hatten Grimmelshausen Simpl. 3, 251, 16 Kurz. von einer stadt:
die hochgethürmte königsstadt
Ciliciens, die volle Theben (πόλιν Κιλίκων ἐὺ ναιετόωσαν, Θήβην ὑψίπυλον Il. 6, 415);
Bürger 174ᵃ Bohtz.
e)
in besonderer wendung: schmal allerdings sind diese bänder, nahe genug dem tritt, der auf ihnen eben vollen raum findet (d. h. das band ausfüllt, grade noch platz findet), der absturz nach der tiefe v. Barth Kalkalpen (1874) 32; Benno erhielt einen vollen platz in Olympiens herzen Gutzkow zauberer von Rom 8, 289; dreidimensionaler raum: die gantze tieffe zwischen den sternen und der erden ist voll und nichts leer Böhme schr. (1620) 2, 38.
f)
ein bach, ein flusz ist voll, wenn er angeschwellt ist: volle bächer, die voll sind und überlauffend Maaler 472ᵇ; freier: der Jordan aber war vol an allen seinen ufern Josua 3, 15; wie die thal, alldweil wasserbäch dreyn flieszen, vol sein Ambach vom zusauffen c 3ᵇ; der flusz gehet in vollem strom Kramer teutsch-ital. (1702) 1208ᶜ; den tief unter ihr mit vollen wogen sich wälzenden flusz Gutzkow ges. w. (1872ff.) 2, 310; in die Normandie tretend ... wird sie (die Seine) voller und voller Laube ges. schr. (1875ff.) 4, 172; der mond steht am himmel, das wasser geht voll Stifter w. (1901ff.) 1, 135. übertragen: der undank ist eine quelle, aus welcher viel unzählige laster mit vollem strudeln herflieszen Neumark poet. u. mus. lustwäldchen (1652) IVᵇ; (womit er ihm) seine wohlthat nicht eintröpfelte, sondern ihn mit derselbten vollem strome überschwemmete Lohenstein Arminius 2, 809ᵃ; den vollen strom der ideen des neuen Deutschlands Treitzschke deutsche gesch. (1897) 1, 269. voller strom des lichts, der abendsonne u. ä.:
der zorn ist eine volle bach
Logau sinnged. 288 E.;
nun läszt der himmel seine purpurgluten
in vollen strömen um die trümmer fluten
Geibel w. (1888) 1, 10;
heiszes lieben, das, wie ein goldner strom, in vollen ufern quoll Stifter w. (1901ff.) 3, 234. — wolken: wenn die wolcken vol sind, so geben sie regen pred. Sal. 11, 3;
entfaltet der donnrer die wolken, die vollen
Göthe 15, 167 W.
g)
volle blumen, blüten, knospen; volle blumen, multiplicati flores Nemnich; im eigentlichen sinne von blüten, die durch gärtnerkunst umgebildet sind, so dasz der ganze umfang mit blütenblättern ausgefüllt ist. der gegensatz gegen die natürliche, einfache blüte kann zurücktreten, bei volle rose z. b. wird er nicht mehr empfunden, voll wird dann typisches adj. in dem sinne fülle zeigend (vgl. 2): oder bezeichnet auch die aufgeblühte im gegensatz zur knospe oder der entblätterten. — die hier vollen narcissen wären dort nur hohl Lohenstein Arminius 2, 427ᵇ; (im bilde:) in einer vollen, wenn auch verspäteten blume des glückes Stifter (1901ff.) 3, 254; eine guirlande von vollen rothen centifolien Storm w. (1899) 1, 51;
ein prinz, in dessen wiegen
des hauses schmuck und trost in vollen knospen liegen
Gottsched neueste ged. (1750) 5;
wie grosz, wie voll bin ich! ich, ohne dorn geboren (spricht die Päonie)
Ramler fabellese (1783) 1, 41;
will ihnen küsse geben,
mehr als die vollsten nelken blätter haben
W. Müller ged. 249 H.;
die schon volle rose, die dem entblättern nahe ist Gutzkow ritter v. geiste 3, 424;
brecht volle zuckerrosen
und keusche lilgen ab
Fleming d. gedichte 1, 70 L.;
wie die volle ros im lentzen
kläglich thut nach deiner hand
Königsb. dichterkreis 167 ndr.;
blühn stolze, volle rosen lieblich duftend um Balsorens stirne
Wieland I 1, 349 ak. ausg.;
die volle rose streut, geschüttelt,
all ihre blätter vor meine füsze
Mörike w. 1, 49;
die knospe brach
mit einem mal zur vollen rose auf
216;
als symbol der verschwiegenheit:
verschwiegner eintracht volle rose
trägt er bedeutend in der hand
Novalis 4, 158 Minor.
voller kranz, dicht geflochtener, ohne leere stellen: sie wand sich einen vollen kranz und setzte ihn auf Göthe 21, 159 W.;
in den vollen kranz der rosen
Brentano ges. schr. (1852 ff.) 3, 232;
freier gewendet: den kranz mit seinen frischgrünen vollen blättern Eichendorf w. (1864) 2, 344. volle ähren, viele körner enthaltend: syben echer wachssen an eim halm vol und schöne erste d. bibel 3, 182 lit. ver.; und die sieben mager ehern verschlungen die sieben dicke und volle ehern 1. Mos. 41, 7; läre kornehrn stehen empor, die vollen sincken Lehmann floril. polit. (1662) 1, 426;
auf feldern, wo noch stolz die vollen aͤhren stehn
Rabener s. w. 6, 201;
(ein windhalm) sprach zu einem halm mit einer vollen ähre
Ramler fabellese (1783) 1, 24.
im bilde:
(wenn) die reiche ärndte
der missethat in vollen halmen steht
Schiller don Karlos 2, 6.
auf die menge des getreides bezogen: (dasz gott) auch für ihn das korn voll oder mager hat wachsen lassen W. H. Riehl deutsche arbeit (1861) 186; was habt ihr für nachricht vom hafer? — er steht voll und satt Klinger w. (1809 ff.) 1, 102. volle garben: ob sie volle waizengarben oder strohbündel einfahren Göthe br. 27, 150;
des goldnen korns
volle garben
waren ein göttliches geschenk
Novalis 1, 30 Minor.
volle frucht s. unter 2 b.
h)
volle bäume, büsche, zweige, ranken, dicht mit laub, oder nadeln besetzte; voll kann sich natürlich auf die menge der blüten oder früchte beziehen: eine rebe ... stiesz volle ranken überall maler Müller (1811) 1, 40; fichten, die von unten auf ihr volles gezweige behalten Auerbach schr. (1892 ff.) 1, 7;
und dann der baum ... die vollen zweige zu uns neigt
Becker mildh. liederb. (1799) 51;
volles laub, dichtes: das laub noch ziemlich voll Göthe III 1, 10 W.; eine buche lag quer über den pfad, in vollem laube A. v. Droste-Hülshoff w. (1879) 2, 273; im bilde:
da hab ich auch gefühlt zu diesem mal,
wie todesangst im vollen laube thut
2, 98.
i)
von bart (vgl. vollbart) und haar: den lieben vollen dunkelgelockten kopf Arnim w. (1839) 1, 3; auch hier wie bei volles laub mit leichter bedeutungsverschiebung: flechten ..., die voll und schwer um die stirn gingen Gutzkow zauberer von Rom 1, 33; das volle schwarze haar Mörike w. 3, 29 G.; der kopf aber im weiszen vollen haare des hauptes und bartes H. Grimm Michelangelo 1, 294. — der alte Isaak, seinen vollen bart streichelnd Holtei erz. schr. (1861) 1, 116.
k)
leib, magen, bauch, kropf u. ä. mit speise angefüllt, gesättigt: sein wanst kund nicht vol werden Hiob 20, 20; als de bûk vul is, so is dat hovet vrolik Tunnicius sprichw. nr. 16 H.; ain voler pawch faymt in fleischlicher gier Berth. v. Chiemsee t. theologey 251 R.; voller bauch studiert nit gern Franck sprüchw. (1545) 1, 19ᵃ; auff einem vollen bauch stehet ein tölpischer und unbesonnen kopff Petri d. Teutschen weiszheit (1604) 2, i 7ᵃ; der volle bauch lobt das fasten Schellhorn sprichw. (1797) 42; es würdt eim der bauch ehe voll dann die augen Franck sprüchw. (1541) 1, 118ᵇ; auff einem vollen magen stehet ein frölicher kragen Petri d. Teutschen weiszheit (1604) 2, i 7ᵃ; mit vollem wanst Harsdörfer t. secretarius 1, 106; voller kropff, doller kopff (hier ist der trunk gemeint) sprichw. (1548) 151ᵇ; wir haben ein grawen rock und ein vollen kropff Nas antipap. eins u. hundert (1567 ff.) 1, 83ᵇ; wann ir leib vol ist und hat was im gezimet als leibliche speis Berthold v. Chiemsee t. theologey 184 R. mit vollem munde, vollen backen (s. unter n), mit kauendem, speisegefüllten, reden; sprichw.: mit vollem munde ist schlecht blasen;
so red mit vollem mund daher
Scheit Grobian 3311 ndr.;
hals: pfaffenhuͦrn ... die haben vollen halsz und fasten nimmer Clemen reformationsflugschr. 2, 17. beim trinken:
denn wenn ich judiciren soll,
verlang ich auch das maul recht voll
Göthe 14, 107 W.
frei: wolten hie gerne (von den quellen gottes) mit vollem mund trincken Tauler sermones (1508) 38ᵇ; das sie Israel fressen mit vollem maul Jes. 9, 12.
l)
volle brust, brüste (anders unten 2 a) des säugenden weibes; die vollen brüste reichen; im bilde:
die erde regt sich, grünt und lebt,
des geistes voll ein jedes strebt
den heiland lieblich zu emphahn,
und beut die vollen brüst ihm an
Novalis 1, 81 Minor;
volle euter, mit milch gefüllte; volles ei im gegensatz zum hohlen, tauben, zum windei; volle adern, blutvolle: taube eyer schwimmen empor, die vollen sincken Lehmann floril. polit. (1662) 1, 426; sieh, wie meine kühe mit vollem euter gehn Geszner spr. (1777 ff.) 1, 20; voll und gespannen euter von milch Maaler 472ᵃ; volle dutten Stieler 2390; etliche gesunde leibichte pferde, die volle adern haben Walther pferde- u. viehzucht (1658) 154;
so lang das treue blut die vollen adern regt
Göthe 15, 286 W.
das feuer ist anhaltend, die poetische ader ist allezeit voll Ramler einl. in d. schönen wissensch. (1758) 3, 20. — schwämme: wenn der schwamm zu voll ist, so druckt man ihn ein mal ausz Petri d. Teutschen weiszheit 2, b b b 2ᵛ. — voller hering (vollhering) hering mit rogen oder milch.
m)
volle hand im gegensatz zur leeren ist die besitzende, reiche: sie wuszte aber, dasz ihr vater, der nichts besasz als büchsen und hunde, ihre leere hand nur einer vollen lasse Jean Paul 54, 64 R.; vor allem aber die gebende, helfende, freigebige: sein (gottes) hand zu helffen ist ungeschlossen (vgl.: offene hand) und ymmer voll Agricola sprichwörter (1534) 1, 7ᵇ;
darzu hat er mit voller handt
von seinen früchten auff dem landt ...
vil opffergaben dargebracht
Spreng Äneis (1610) 209ᵇ;
und nicht des höchsten immer volle hand
zu haben
Lessing Nathan 1, 3;
bestechung:
(dasz einer) oft mit voller hand des richters stimme lenket
Neukirch ged. (1744) 122.
häufiger im plural: das geld, wohlthaten mit vollen händen ausstreuen u. ä. das bild ist vom sämann genommen; streute er (Plautus) schertz und saltz mit vollen händen aus Ramler einl. in d. schönen wissensch. (1758) 2, 374; gab überall mit vollen händen Klinger w. (1809 ff.) 3, 96; Gackeleia streute mit vollen händen die brosamen aus Brentano ges. schr. 5, 36; den tadel werfen wir mit vollen händen hinaus und das lob wägen wir auf der goldwage S. Brunner erz. u. schr. 1, 241;
so haben Tantals enkel fluch auf fluch
mit vollen wilden händen ausgesät
Göthe 10, 42 W.
anders gewendet, so dasz die hände voll werden:
und darf ich dann in solchen reichen haaren
mit vollen händen hin und wieder fahren
6, 54;
in besonderer anwendung: die anzuschlagenden spielt man mit der octave auch wohl bei fortissimo mit beyden vollen händen (mit benutzung aller finger) Ph. E. Bach anl. d. clavier zu spielen (1759 ff.) 1, 5; ganze hand: bey dem andern (tempo wird) mit der rechten vollen hand hinter den hahn gefast Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 231; grobes zupacken: (der) nicht auff jedwedere note (des basses) mit vollen händen zufalle und selbigen als kraut hacke Königsberger dichterkreis 2 ndr.; eigenthümlich: ob ich gleich keine schrift mit gewaschnern und vollern händen angefangen habe Lessing 18, 330 M.im fries. recht: mith fulre, mith halvere hond zum erbe greifen, ganzen oder halben erbantheil bekommen Richthofen altfries. wb. 770ᵃ. die hände als die arbeitenden glieder in der wendung die hände, alle hände voll haben, voll zu thun haben: yhr habt zuschaffen alle hende vol Luther 18, 201 W.; die Römer haben ... ihre händ voll mit jhnen (den Galliern) zuͦ thuͦn gehabt Stumpf Schweizerchron. (1606) 169ᵃ; gleichwol hatte Stertinius alle hände voll zu thun Lohenstein Arminius 2, 285ᵇ; schneider, schuster, perückenmacher u. s. w., die ... alle hände voll zu thun haben Archenholz England u. Italien (1785) 1, 2, 333; schmale bissen, elenden lohn, und alle hände voll zu thun Tieck schr. 3, 24;
den ganzen tag hat man die hände voll
Göthe 14, 164 (Faust 3261) W.;
mit scherzhafter übertragung auf die beine: dem haushofmeister, der alle hände voll zu thun und alle beine voll zu laufen hatte Tieck schr. 4, 272.
n)
voller mund, volle backen, voller hals, volle kehle in anderem sinne als unter k. mit luft gefüllt zum blasen: (der nordwind) blihs mit follem munde di sägel an Zesen adriat. Rosemund 11 ndr.; huben sechs trompetter mit follem halse ... an ... zu blasen rosenmând (1651) 3;
es blast der faule sud ... mit vollen bakken her
Rompler v. Löwenhalt 1. gebüsch 74;
in des schornsteins engen lauf
bläst der wind mit vollen backen
Müllner die schuld 1, 2;
drum blies ich auch hinein mit vollen backen
Hebbel Nibelungen 3, 2, 6.
aus vollem munde rufen, schreien, lachen, sehr laut: die nymphe ... lachte hernach aus vollem munde maler Müller w. (1811) 1, 142;
... wenn der heiland ...
„die lieb ist das gesetz!“ aus vollem munde schrie
Neukirch ged. (1744) 115.
besonderer nachdruck, auch die übertreibung wird bezeichnet: das sag ich aber mit vollem mund, das der bau also verachtet ist und würt, daran hat niemans schuld dan die geistlichen und bischöff Murner an d. adel 23 ndr.; mit vollem maule loben Prätorius winterflucht d. sommervögel (1678) 378; s.den mund voll nehmen unter s. aussprache langer vokale: (Zesens anhänger) meynten ein jedes e, welches mit vollem munde ausgesprochen wird, als in segen ... müsste in ä ... verwandelt werden Gottsched d. sprachkunst (1748) 40. mit vollen backen loben u. ä., übertrieben: er hat mit vollen backen die vortreffliche tendenz ... gerühmt E. Th. A. Hoffmann w. 6, 99 Gr.;
so kannst du mit vollen
backen deine musik loben
Schiller 11, 126 G.
aus vollem halse schreyen, lachen Kramer teutsch-ital. (1702) 2, 1208ᶜ; oftmals fängt er aus vollem halse zu lachen an Gottsched d. schaubühne 3, 138; schrye aus vollem halse: räuber! räuber! Heinse w. 2, 51 Sch.; vivat, er lebe hoch! — ... schrie aus vollem halse der meister Raabe hungerpastor (1864) 1, 9;
in der sie (schar der bauern) manches lied aus vollem halse schreiet
Rist n. teutscher Parnasz (1652) 393;
ich musz und wolt ich nicht aus vollem halse lachen
Günther ged. (1735) 405;
wenn sie zu bette gingen, pfiffen sie aus vollem halse Bauernfeld ges. schr. 2, 118. ungewöhnlich übertragen: man musz sich das (lob) ebenso gefallen lassen, als wenn man aus vollem halse getadelt wird Göthe gespräche 1, 201 B. veraltet, früher häufig: mit vollem halse: mit vollem halse lachen Hulsius (1618) 2, 392ᵃ; du schreyst und leugist mit vollem halss ubir mich Luther 7, 636 W.; also lehrt Luther mit vollem halss Nas antipap. eins u. hundert (1567 ff.) 3, 138ᵃ; mit vollem halse ruft jeder seinem glükke zu Schottel friedenssieg 9 ndr.; so lachest du darüber mit vollem halse d. vernünft. tadlerinnen 2, 340;
(der) mit vollem halse schreyet:
da, da liegt der todte hund
Neukirch ged. (1744) 87.
eigenthümlich: die furcht und schrecken war bey ihnen so grosz, dasz sie mit vollen halse stehen bleibend und den mund offen haltend, sich nicht einen fusz fortzusetzen getrauen d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 105 (das schreien blieb ihnen im halse stecken). gröber: darnach laugnest du mit vollem rachen Nas d. antipap. eins u. hundert (1567 ff.) 4, 45ᵇ. volle kehle, vom singen der vögel: die vögel fiengen bald wieder aus voller kehle zu singen an Bräker schr. (1789 ff.) 2, 135; von menschen:
die lerchen schwirren hoch vor lust,
was sollt ich nicht mit ihnen singen
aus voller kehl und frischer brust?
Eichendorf w. 1, 5 Kosch;
(eine hirtin) ruft aus voller kehle
die hülfe des Neptuns und aller nymphen an
Pfeffel poet. versuche (1802) 1, 43.
eigenthümlich:
er lachet recht von voller haut
(vgl.: sich die haut voll lachen 1, s)
Fischart Eulenspiegel 457 H.
o)
volles herz, an empfindungen, gefühlen reich; anderseits kann auch ein augenblicklicher oder vorübergehender zustand so bezeichnet werden: myn volles hertz mag es nit mer allein getragen d. ewigen wiszheit betbüchlein (1518) 4ᵃ; mein herz ist zu voll, meine sinnen haltens nicht aus Göthe 8, 135 W.; ja so musz der mann aussehen, dem sich dieses volle herz zu eigen ergeben soll Immermann 1, 56 B.; sein herz war so voll und gepresst Eichendorf w. 3, (1864) 137;
oft erfüllet er auch, was sich das zitternde
volle herz nicht zu wünschen wagt
Klopstock oden 1, 82 M.-P.;
kein wort entwand dem vollen
beklommnen herzen sich
Miller ged. (1783) 18;
ein volles herz und warme phantasie
Schiller 6, 1 G.;
ich kann nicht mehr singen, mein herz ist zu voll
W. Müller ged. 13.
man sagt: sich das volle herz erleichtern. — aus, mit vollem herzen, mit ganzer empfindung, hingebung: sprach us einem vollen herzen Seuse d. schr. 20 B.; ich wünsche ... mit vollem herzen Kretschmann w. (1784 ff.) 5, 95; sang stehend im strome aus vollem herzen zum schöpfer aller dinge empor maler Müller w. (1811) 1, 80; ich bin mit vollem herzen ihr gehorsamster sohn J. G. Forster schr. (1843) 7, 111; ich habe diesen verlust mit einem vollen herzen empfunden Göthe br. 1, 254 W. volle brust, atemvolle; dann aber auch auf gefühl bezogen; stimmen von der vollen brust weggehoben Athenäum 1, 175; da es doch nur stolz und adel ist, etwas bedenkliches nicht mit voller brust auszusprechen Gutzkow ges. w. 5, 220;
das vöglein in den lüften
singt dir in voller brust
Brentano ges. schr. 5, 177;
verblaszt: das ende deines briefes unterschreibe ich mit voller brust fürst Pückler briefw. u. tageb. 1, 194. voller busen (anders als unter 2), empfindungs-, gefühlsreich:
o lasz michs nie, geliebter, nie erfahren,
dasz ich den vollen busen legte an den deinen
und fänd ihn leer
Grillparzer w. 4, 144 S.
volle seele: die an ihm hinge mit voller seele maler Müller w. (1811) 1, 220; die töne löseten die drückenden thränen von der vollen seele los Jean Paul 8, 97 R.;
(der) die volle seele ganz zuströmet
Klopstock oden 1, 73 M.-P.;
dasz ich mit voller seele sie schaue die riesengebirge
Hölderlin ges. dicht. 1, 61 Litzmann.
im comparativ: ich komme und eile wo möglich mit vollerer seele zu dir zurück Göthe br. 7, 123 W. voller kopf, von gedanken, sorgen (s. aber auch k), so besonders in der wendung den kopf voll haben: diese tage her ist mir der kopf so voll und zugleich so wüste gewesen, dasz ich lieber keinen gehabt hätte Lessing 18, 286 M.; er hatte den kopf zu voll, um an das unpassende meiner begleitung zu denken Laube ges. schr. 1, 4;
man sieht, ihm ist der kopf so voll,
dasz er was andres will
Göthe 4, 40 W.;
den kopf so voll, den sinn so schwer
Arnim w. 22, 8.
p)
volles masz, auszerordentlich oft in bildlicher und übertragener anwendung (vgl.: das masz voll machen unter 1 s): ain guͦt masz und ain volle und eingedruckte und ain überflüszige masz wirtt euch gegeben in ewer schosz Tauler sermones (1508) 101ʳᵇ; dieses ist ein tröpfflein, von der vollen masz, dasz ihr künftig zu erwarten habt Harsdörfer teutscher secretarius 1, 82; das volle masz seiner thorheit Klinger w. (1809 ff.) 3, 130. besonders häufig: das masz ist voll, es ist ein höhepunet erreicht, so viel angehäuft, z. b. von verschuldungen, dasz eine entscheidende wendung eintreten musz: wenn die masze voll ist, so wird sie ausgeschüttet Rist d. friedewünschende Teutschland (1648) 20; aber das maasz ihrer sünden ward endlich voll Cramer Neseggab (1791 ff.) 4, 175; das masz meines jammers ist voll Klinger w. (1809 ff.) 8, 289; bis gott der gerechte richter sieht, dasz sein maasz voll ist: dann wird er ihn (Napoleon) zerbrechen Arndt schriften f. u. an s. l. Deutschen 1, 237;
sein maasz ist voll, er ist zur ärndte reif
Schiller jungfrau v. Orleans prolog.
feste wendung in vollem, vollstem masze reichlichst, durchaus, ganz und gar: mögest du jedes süszeste glück in vollem masze genieszen Geszner w. (1778) 2, 9; ein so guter christlicher herr, wie ihre gnaden doch in dem vollsten maasze sind Tieck schr. 6, 76; er sah die fehler seiner früheren jahre in vollstem maasze ein Kerner bilderbuch (1849) 14;
dardurch wuͦchs fraidig laub und grasz,
und alle frücht in voller masz
Scheit d. frölich heimfart 124 Str.;
durch seine herrschaft wächst in vollem maasze zu
dir selber lob und preisz
v. König ged. (1745) 132.
ungewöhnlich:
doch, da kamest du, freude!
volles maszes auf uns herab
Klopstock oden 1, 84 M.-P.;
q)
nachgestellt in vielen verbindungen, um ein bestimmtes masz, eine gewisse menge zu bezeichnen; so kann voll zu allen den substantiven treten, die voll im eigentlichen sinne zu sich nehmen (einen becher, ein glas, einen beutel, einen sack, einen schrank, einen bogen, einen tisch, eine grube voll u. s. w., einen wagen voll u. ä. Fischer 2, 1624), es heben sich aber einige besonders feste verbindungen heraus wie hand voll, mundvoll (s. oben hampfel th. 4, 2, sp. 322 und mumpfel th. 6, sp. 2668, andere verkürzungen z. b. bei Müller-Fraureuth 2, 626ᵃ), armvoll u. ä.; buccea, bucella, ein mund voll, ein bissen E. Alberus (1540) 62ᵃ; cupes, schläck, guͦte oder meisterlose bisszle, oder mündvolle Frisius (1558) 353ᵃ; manipulus, ein hand voll, oder arm voll Faber (1587) 481ᵃ; mündlein voll, buccella Stieler 2390; ein arm voll stroh, ein mund voll schwarzes brot Steinbach 2, 903; wir haben frücht gantze schüttenen voll Dentzler (1718) 335ᵃ; eine messerspitze voll. — und sy huben auf VII körb vol erste d. bibel 1, 61 K.; einen gantzen groszen backtrock voll Luther 33, 271 W.; es ist besser eine hand vol mit ruge denn beide feuste vol mit mühe und jamer pred. Sal. 4, 6; ein loffel vol, ein mund vol 19, 317; wer solch brigel oder bengel wil auffklauben, findet bald einn arm voll sprichwörter (1548) 121ᵃ; thue darzu weisz rosenwasser (holderwasser), weisz gilgenöl und rosenessig, jedes 1 löffel vol Gäbelkover artzneybuch (1595) 1, 2; mit säck voll soll man einnehmen, mit händ voll auszgeben Lehmann floril. polit. (1662) 1, 258; ich hab ein tisch voll (narren) 2, 549; indem ich den letzten löffel voll ins maul steckte Reuter Schelmuffsky 39 ndr. vollst. ausg.; du hund söffst wohl einen zober voll aus ehrliche frau 2, 7; ein schiff voll Sperling Nicodemus quaerens (1719) 2, 75; sollst kein maul voll mehr zu trinken bekommen maler Müller w. (1811) 1, 170; genug ist über einen sack voll teutsche sprichwörter (1790) 122; das ist ja nur eine hand voll Langbein schr. 31, 10;
der ist ein arme gansz fürwar,
der syn guͦt nit bruchen dar
und kein guͦtten mundt vol essen
Murner narrenbeschw. 64 ndr.;
auch störk, die ganze kröpf voll schluckten
Fischart 3, 165 H.;
ist diesz nicht scheffelvoll: so ist es löffelvoll
Bokemeyer bei Weichmann poesie d. Niedersachsen 1, 147;
gelöste verbindung:
giebt sie die eine hand uns voll,
so nimmt sie mit der andern
Blumauer ged. (1782) 70.
sprichw.: sechse sind kein galgen voll. bauchvoll bringt Bücher arbeit u. rhythmus⁴ 225. — sie haben mir ein grosz register voll überreichet A. Gryphius P. Squenz 14 ndr.
r)
voll nach grad, masz und art näher bestimmt: halb, dreiviertel voll, bis an den rand, gestrichen, gehäuft voll (z. b. masz mit körnern, salz, zucker); berlin.: voll mit'n haufen, gedrängt voll (saal, kutsche, boot); so voll, dasz kein apfel zur erde fallen kann. die volkssprache ist überreich an hierher gehörenden verbindungen, s. Fischer 2, 1623 schweiz. idiot. 1, 782; Martin-Lienhart 1, 110; Müller-Fraureuth 2, 625ᵇ; Spiesz 271; Wander d. sprichw. lex. 4, 1683; gesteckt voll, arctus Frisius (1558) 114ᵃ; gestoszen voll Maaler 472ᵇ; gehauft voll, gestrichen v., gantz-, schütt-, überv., gesteckt, gestopft, gestrotzt, dicht v., voll wie ein ey Kramer teutsch-ital. dict. (1702) 2, 1208ᵇ; die kirch ist drungenvoll leute 1209ᶜ; ein starrvoller bauch, una pancia piena à star distesa, cioè ripiena di cibo 911ᵇ; ain volle und eingedruckte und ain überflüszige masz Tauler sermones 101ʳᵇ; (herz,) das gesteckt voll guͦter gedäncken Hutten opera 1, 449 B.; ein vol getrückt, gerüttelt und überflüssig mas Luc. 6, 38; ain volle, yngetruckte, uffgehauffte masz Eberlin v. Günzburg 3, 245 ndr.; das haus war prächtig beleuchtet und zum erdrücken voll Eichendorf (1864) 2, 530; ihr aber sei das herz so zum zerspringen voll gewesen Fontane I 5, 52; kremser, der natürlich ... gepreszt voll war Seidel Leb. Hühnchen 37;
so schenck das gschirr gestrichen voll,
dasz uberlauff, das schickt sich wol,
dann setzest du in halb vol nider,
so must du in offt füllen wider
Scheit Grobian. v. 1734 ndr.;
sein lughaft maul ist stets mit verfluͦchuͦng,
mit falsch uͦnt truͦg geschopt vol angestekt
Melissus psalmen 40 ndr.
ungewöhnlich: die kirche war voll gedrängt Göthe br. 8, 65 W.
s)
es sind schon mehrfach wendungen angeführt worden, in denen voll prädicativ zum object eines verbums gesetzt wird. wenn auch die menge solcher verbindungen nicht erschöpft werden kann, wird im folgenden doch eine anzahl angeführt, besonders solche, die sich dem formelhaften nähern; andere beispiele s. unter 14. fülleten beide schiff vol Luc. 5, 7; einmal hatte einer schon den halben eimer vollgemolken Grimm d. sagen (1891) 1, 77; der den sack zu voll füllen thut, zerreist, fehrt auff und wird verschut Eyering prov. copia 3, 151; um das masz seiner verdamnisz ganz voll zu füllen (s. unten: das masz voll machen) Gerstenberg Ugolino 3;
wie sich jede schale
voll mit wasser füllt
Göthe 1, 216 W.;
diesz ist das hochste ergernisz, das augen, ohren und den mundt vol füllet Luther 33, 463 W. — voll schenken, gieszen, schütten, stopfen, propfen u. s. w.: dasz ich ein flaschenglas nam, solches voll füllete Grimmelshausen vogelnest 2, 419 Keller; hernach so liesz ers wieder eben so voll schencken Reuter Schelmuffsky 15 ndr. vollst. ausg.;
schenck in (den becher) gleich vol
Scheit Grobian v. 1835 ndr.;
sauff, so lang du athem hast,
lasz wider vol
v. 1501;
nun wollt voll den becher gieszen
Brentano ges. schr. (1852 ff.) 2, 38;
bei voll einschenken, auch ohne object, wird voll eher als adv. empfunden: (du) schenckest mir vol ein ps. 23, 5; so schenckte ich mir denn herzhaft ein bierglas voll ein Gaudy w. (1844) 2, 52;
ja wo man voll einschencket,
da lebt die beste lust
Hoffmannswaldau ged. 1, 100 N.;
auf den trinkenden bezogen (?): thet im gütlich, füllet in (im?) voll ein Lindener Katzipori 122 L. ein vasz voll lauffen lassen Kramer teutsch-ital. dict. (1702) 2, 1208ᶜ; sich voll essen, stopfen, trinken, saufen s. unten 7 ff.; sein ränzlein voll zu packen (den magen) Keller ges. w. 5, 18. von vögeln eigentlich, hier vom fuchs:
ir seit am guten ort gewesen
und habt ewrn kropff gar vol gelesen
B. Waldis Esopus 2, 30 Kurz.
voll haben (die hände voll haben s. oben unter m): den bauch (sack) voll haben Kramer teutsch-ital. dict. (1702) 2, 1208ᶜ; bisz du ein zinnine flaschen voll hast Gäbelkover artzneybuch (1595) 1, 245; wer küchen und keller voll hat, den helt man für fromb Lehmann florileg. polit. (1662) 1, 245; hatte beide backen voll und konnte weder gleich reden noch zugreifen Eichendorf w. (1864) 3, 385. — viel haben macht den marck und säckel voll Lehmann florileg. polit. (1662) 1, 264;
schande und laster kan ich wol,
dar mit mach ich die helle voll
Alsfelder passionssp. 11, 393 Gr.;
des bapsts lehr
gefelt mir wol,
macht die keller vol,
macht mir ein feyste kuchen
Forster frische teutsche liedlein 183 ndr.;
oft frei: um meinen ärger voll zu machen u. ä.man sagt: ich habe die nase voll, ich habe genug (von etwas unangenehmem), auch die schnauze, den kanal voll Mauszer soldatensprache 50. — bis sie das maul und nasen vol kriegen Luther 19, 43 W.; thut wer weisz wie schön mit mir, schmiert mir das maul voll (mit süszem, schmeichelt mir) Lessing 18, 80 M.;
warlich du darffst keins procuratorn,
du giebst eim voll das maul und ohrn
Gilhusius gramm. (1597) 117.
im eigentlichen sinn (s. oben n): wenn man einem das maul voll gibt, so kan er nicht blasen Lehmann florileg. polit. (1662) 1, 313. den mund voll nehmen, mit viel atem beim singen: wenn sich die töne nach der tiefe wenden, musz der sänger den mund immer voller nehmen Adelung (jetzt kaum so); verse sprechen: aber wenn ihr den mund so voll nehmt (if you mouth it) wie viele unsrer schauspieler Shakespeare Hamlet 3, 2 (auch anders übersetzt). gewöhnlich übertragen, grosze worte machen, übertreiben, auch prahlen: herr Basedow nimmt das maul voll, er mag schmähen, oder er mag loben Lessing 8, 228 M.; wie ich die backen jetzt voll nehmen will Schiller kabale u. liebe 5, 5; (ich will) wie man spricht, den mund recht voll nehmen Klinger w. (1809 ff.) 6, 270; was er die backen voll nimmt, und es ist doch lauter wind Tieck schr. (1828) 5, 244; glaubt nicht, beste herrn, dasz ich den mund zu voll nehme E. Th. A. Hoffmann 11, 107 Gr.; Winckelmann nimmt den mund ganz anders voll Justi Winckelmann 2, 1, 42;
sprache gab mir (der Spree) einst Ramler und stoff mein Cäsar, da nahm ich
meinen mund etwas voll
Schiller 11, 111 G.
das masz voll machen wird sehr oft in übertragenem sinne gebraucht (vgl. oben unter p), besonders in verengter und ungünstiger bedeutung: um ihme das masz recht voll zu machen A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 784; ich hoffs, mein vetter wird ein solcher thor sein und, um das maas voll zu machen, mit mir in sein vaterland zurückkehren Lenz 1, 223; vorerst halte ich dafür, dasz es besser sei, man läszt sie das masz voll machen Göthe br. 13, 366 W. bogen, bücher voll schreiben (s. oben c): Gregorius hat von sitlichen dingen geschriben so vil biecher voll Eberlin v. Günzburg 1, 202 ndr.; nun wollte ich ihnen noch gern diesen ganzen bogen voll schreiben A. v. Droste-Hülshoff br. 19 Sch.;
schon hätt ich ohne. dich zween bogen voll geschrieben
Cronegk schr. 1, 12 (1771).
jemanden den buckel, den hintern, die haut, die jacke voll hauen, schlagen, bläuen u. ä.: oder du must dir dein haut vol schlahen lassen Arigo decamerone 88 lit. ver.; gehe oder ich schlage dir den kopff voll schauspiele engl. comöd. 212 Creizenach; mancher hat nit fried, man schlägt ihm dann die haut voll Lehmann floril. polit. (1662) 1, 238; schlägt ihr der mann die jacke voll Bismarck ged. u. erinn. 1, 16 volksausgabe.
das sy einandren dgrind vol schlan
Manuel weinspiel v. 1504 ndr.
anders: sich den bauch voll schlagen, voll stopfen. einem die ohren, den kopf voll schwatzen, klatschen, schreien, klagen, winseln, weinen, singen, dudeln, zanken, orgeln, pauken, u. s. w.: einem die ohren voll waschen Corvinus fons lat. (1646) 112; uns die ohren reiben und vollplaren lassen Mathesius erkl. d. epistel an d. Corinther (1591) 1, 6ᵇ. einem die ohren, den kopf voll schreyen, klagen Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702), 1208ᶜ; einem die ohren mit geschwätze voll machen Steinbach 2, 902; gnurrt mir die ohren so voll Bürger br. 3, 166 Str.; (welche) denen richtern die ohren vollschriehe frauenz.-lex. (1715) 35ᵃ; habe nicht lust mir von dir die ohren vollschwögen zu lassen J. G. Müller die herren von Waldheim 1, 209 (1784 ff.); die narren schwätzen ... einem zum eckel die ohren voll Göthe br. 1, 117 W.; die auch da sitzen, pfeifen schneiden und ihm die ohren voll dudeln br. 10, 357 W.; schwadronirten mir die ohren voll Gaudy w. (1844) 2, 38; das hemmern schlegt im (dem schmied) die ohren vol Sir. 38, 30;
was blewet ihr mir die ohren voll
Hayneccius Hans Pfriem 63 ndr.;
so schnarcht es (das glück) mir die ohren voll
Weise d. grün. jugend überfl. gedanken 22 ndr.;
ein junger hund sah tausend mücken schwärmen,
die summten ihm die beyden ohren voll
d. neueste aus d. anm. gelehrs. 3, 560;
bald quälen mich die teuflischen soldaten,
und fluchen mir die ohren voll
Gellert schr. (1784) 1, 133;
so heult mir eine magd schon kopf und ohren voll
Henrici ged. (1727 ff.) 2, 405;
er gab mir nichts und lärmt mir noch die ohren voll
Göthe die mitschuldigen 1, 2.
das (mädchen) würde mir den kopf voll lärmen br. 1, 125 W.; den hals voll: das lügstu dein halsz fol Eulenspiegel 13 ndr.; so flucht er mir den hals voll Göthe br. 1, 211 W.; den rücken voll:
der ladet sie geschwind den ganzen rücken vol (mit geschwätz)
Rachel sat. gedichte 25 ndr.
besondere wendung: so sie doch alle wellt voll vollpredigen Luther 10, 2, 118 W. sich die haut, den buckel, die hucke, den bauch voll lachen u. ä.: seine haut voll lachen Frisch nouv. dict. (1730) 641; ich lache mir die haut nicht voll all, dann ich hab keine Abraham a s. Clara mercks Wien (1680) 129; der lacht sich de hucke voll, mags kommen wies will Hauptmann die weber (1892) 39; einem die jacke, den hintern, das leder voll hauen. — sich den kadaver voll hauen, sich satt essen Mauser soldatensprache 65. — einem die hucke v. lügen;
wo ich ihm nicht den bauch rechtschaffen vollgelogen
Eccard poet. nebenstunden (1721) 20;
eine stube voll speyen, kotzen, das heimliche gemach voll scheiszen Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702), 1208ᵇ; spyen der tebel hohlmer den burgemeister die hölle (hinterm ofen) geschissene voll Chr. Reuter Schelm. 50 ndr. vollst. ausg; speye der tebel holmer der braut den busen gantz voll 56. vereinzeltes: (er) greift, je mehr er greift, sich alle hände voll (pech) Gutzkow ges. w. 5, 9; indulgere choreis die haut voll dantzen Frisius dict. (1556) 685; nach gehabtem mahl schliefen sie sich die haut voll kinder- u. hausmärchen nr. 23.
t)
vereinzeltes; voll im gegensatz zu leer von einer person: vol zoch ich aus, aber leer hat mich der herr wider heim bracht Ruth 1, 21; o es ist schwer voll gebaren als sei man lehr sprichwörter (1548) 10ᵃ. — ein vers, dessen metrisches schema ganz ausgedrückt ist: ein ewiges ha! ah! wenn der vers nicht voll werden will Göthe br. 1, 197 W.im sinne von inhaltsreich in mannigfaltigen wendungen: volles leben:
es reiszt ihn fort vom vollen leben
Schiller 11, 398 G.;
greift nur hinein ins volle menschenleben!
Göthe Faust 167;
da lacht das volle leben
mir in das grab hinein
Brentano schr. (1852 ff.) 2, 371;
wie ich die ersten mitteilungen eures neuen vollen lebens gefühlt habe aus Schleiermachers leben 2, 5; je mehr fülle der strömung, je voller das leben des einzelnen Bettine dies buch gehört d. könig 1, 201; volles glühendes leben Gutzkow zauberer von Rom 3, 254; dagegen, ganzes leben:
eh er es lebte, ist ihm das volle leben gerechnet
Schiller 11, 269 G.
in älterer sprache für üppiges leben (vgl. unten 3 h): münch, pfaffen und nunnen, die ... ein voll faul leben füren Eberlin v. Günzburg 1, 72 ndr.von materieller fülle auch in folgenden verbindungen:
diese sachen,
die man im vollen herbst mit jauchzen gleichsam bricht
Rist n. teutscher parnasz (1652) 164;
nasse pfingsten, volle fette weihnachten Petri d. Teutschen weiszheit 2, q q 1ᵃ; freylich gabs seit dem jahr 1760 in unsern gegenden kein recht volles jahr mehr Bräker schr. (1789 ff.) 1,193.
darauff der rambock frölich bleckt,
in voller weid springet und leckt
Rollenhagen froschmeuseler (1595) a 3ᵇ;
im bilde:
(gott lasse uns) die frucht von deinem reisen
in voller erndte sehn und ziehn
Stoppe Parnasz (1735) 4;
dort singt ein volles gastgeboth,
hier ächzet einsam noth
Denis lieder Sineds (1772) 272;
voller wein, gehaltreicher, schwerer: der volle wein schwecht den gang und macht das gesichte krank Petri d. Teutschen weiszheit (1604 ff.) 2, p 3ᵇ. von der natur: was mich sonst in der ganzen vollen natur angezogen ... hatte Tieck schr. (1828) 4, 205;
du segnest herrlich
das frische feld
im blüthendampfe
die volle welt
Göthe 1, 72 W.;
wesenhaft, ächt, gediegen: giebt hiermit öffentlich sein klares und volles jawort von sich (ohne abzüge) Chr. Weise polit. redner (1677) 722; seine briefe haben etwas ruhiges, langsames, breites, volles Scherer kl. schriften 1, 61. — mit vollem leib (d. h. mit dem ganzen körper) sie sich uff die leich des ritters niderliesz Wickram w. 1, 367 B.
u)
auf die persönlichkeit bezogen (vgl. ein ganzer mann u. ä.): nachstehendes auge ist keines fleiszig ausarbeitenden, langsamgeduldigen, aber eines fruchtbaren, mächtigen, musikalischen genies Lavater physiognom. fragm. (1775 ff.) 1, 257; den helden einer biographie pflegen wir vor allem als einen vollen und ganzen menschen zu betrachten Strausz ges. schr. (1877) 3, 3; frau Ristori ist eine vollere natur, und dadurch eine vollere künstlerin Laube ges. schr. (1875 ff.) 1, 392; aber der tief verletzte hatte seinen vollen menschen (sich ganz) dahingegeben Gutzkow ges. w. (1872 ff.) 2, 38;
das leben ist kein lenzgesäusel,
will vollen mann in voller wehr
E. M. Arndt w. 5, 171 R.-M.
ein voller mann! er steht so fest,
ob gott ihn und natur verläszt
Lenau Faust 196 (1840).
anders: (der pfarrer) wird still und voll genug (voller gedanken und gefühle) Jean Paul w. 26, 29 R.;
da will ich ihm rufen von herzen voll
Eichendorf w. 3, 116 K.-S.
in alter sprache: du waira fullamma (εἰς ἄνδρα τέλειον) Ulphila Eph. 4, 13 (Luther: ein volkomen man); in animo uuerdent sie perfecti (folle) Notker ps. 88, 38; normal:
ein voller mensch vünf sinne hât
Reinmar von Zweter 164, 1;
voller mann in berufssprachen s. unter 13 c. — ausgewachsen, volljährig, s. 2 i α und 10. — von gott: also das gott vol in Cristo und vol in der gotheit und auch das vol und volkumener gott und volkumener mensch wurd auffaren zuͦ himel erste d. bibel 1, 193 lit. ver.; er ist eyn geporner gott und nit der geperende got, doch voller und gantzer gott Luther 10, 1, 1, 154 W.vom stande und der macht: se. majestät der könig ist nicht privatbesitzer sondern voller souverän und landesherr dieses deutschen herzogthums Bismarck polit. reden 3, 20 Kohl. von thieren:
viel sind noch volle hengst, und andere verschnitten
v. König ged. (1745) 230.
v)
voll im prägnanten sinne von beschmutzt, sich voll machen; sich beschmutzen, besonders auch mit dem eigenen dreck, so bei kindern: du hast dich voll gemacht, deine hosen voll gemacht, das bett voll machen;
doch zieh das kind erst an. huy schleppsack, geh doch fort.
die windlein sind fein vol
Rachel sat. gedichte 17 ndr.
s. Martin-Lienhart 1, 110ᵇ. er hat die hosen voll, er fürchtet sich; wer eines ander unflat gerne reget, der hat offt sein selbst beide hend voll Petri d. Teutschen weiszheit 2, f 3ᵇ.
2)
fülle habend, zeigend, in fülle vorhanden, körperlich und unsinnlich, zur gänze entwickelt, nach masz und zahl allen forderungen, dem begriff ganz entsprechend (vgl. völlig und vollkommen).
a)
vom körper und körpertheilen; in neuerer sprache gewöhnlich in günstigem sinne, doch volles gesicht z. b. kann auch ein übermasz bezeichnen, ebenso, wenn voll auf die erscheinung des ganzen körpers bezogen wird, besonders wirkt der zusatz etwas ungünstig. in älterer sprache dagegen öfter ohne die vorstellung des gefallens, dick, feist. — voller, vaister, torosus Diefenbach gl. 588ᶜ; crebres, dick werden, vol syn nov. gl. 118ᵃ; voll, obesus, pinguis Stieler 2390; eine volle figur, gestalt (s. aber unten 2 h ξ); sonderlich was junge, volle, starcke leut sind Luther 32, 431 W.; ob der mensch aines vollen leibes sey Braunschweig chirurgia (1539) 59ᵃ; an seiner gestalt ist er (der büffel) klein, voll, wol zuͦsamen gesetzt und dick Forer Geszners thierbuch (1563) 128ᵃ; wann aber ein rosz einen vollen fetten kopff hat M. Böhme roszartzney (1618) 18. ein jugendlich voller schöner mannjüngling Bettine Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 79; er war ein junger voller mensch mit strotzender gesundheit Eichendorf w. (1864) 2, 151; sie sieht ... blitzgesund aus und voll zum aufspringen 2, 70; herzogin Louise war eine volle stattliche frau Laube ges. schr. 2, 24 (1875 ff.); der fürst war voll und gedrungen geworden Auerbach schr. (1892 ff.) 17, 115;
es (das pferd) ist gebogen trefflich, voll und schlank
Tieck schr. (1828) 1, 356.
gesicht, wangen, mund, lippen, kinn: ein anderer mönch ... mit einem vollen runden gesichte Steffens was ich erlebte 4, 367; sein antlitz ... war voll, geröthet, beides fast im übermasz Gutzkow zauberer von Rom 1, 74; das etwas volle gesicht erlaubte kein lebendiges mienenspiel ges. w. 9, 338;
wie bebt vor deiner küsse menge
ihr busen und ihr voll gesicht
Göthe 1, 50 W.;
übertragen:
der rose frohes volles angesicht
16, 139.
ganz anders im gegensatz zu einem theil des gesichts: Apollonius ihr mit dem vollen, der bruder mit dem halben angesichte zugewandt Ludwig ges. schr. (1891 ff.) 1, 153; hier im sinne von ganz, s. die folgenden abschnitte. keine wange unter diesen wangen ist roth und voll Gerstenberg Ugolino 3; deine wange ist voll und glüht Meiszner skizzen (1778 ff.) 1, 114; seine groszen etwas verschlafenen augen und die vollen roten wangen gaben ihm das aussehen eines groszen gutgearteten jungen v. Polenz Büttnerbauer 1, 2;
die rosenblüthe voller wangen
Gottsched ged. (1751) 1, 117;
heller war sein blaues auge,
voller die gebräunte wange
Weber Dreizehnlinden (1907) 19.
der mund war vielleicht zu voll, die nase ein wenig zu scharf gerissen Storm w. (1899) 4, 107; die vollen lippen, die zum kusse bestimmt sind Laube ges. schr. (1875 ff.) 2, 143;
des nackens kräftig voller bau
A. v. Droste-Hülshoff w. (1878) 2, 79.
besonders häufig auf busen, brust, brüste des weiblichen körpers bezogen: gewölbt, schön gerundet. volle brust, brüste kann natürlich auch sich auf die muttermilch beziehen, s. 1 l. reiche kanten bedeckten nur halb den vollen busen E. Th. A. Hoffmann w. 12, 19 Gr.;
der volle busen wallt auf zarten wogen
Gerstenberg ged. eines skalden 361 (lit. dkm. 30);
wie der volle busen strebt
Overbeck ged. (1794) 14.
eine volle brust, welche hinter dem leichten palatin auf eroberungen lauerte Rabener w. 4, 195;
der Iris blühend volle brust
Lessing 1, 8 M.;
da tritt herein ein junges weib
mit voller brust und rundem leib
Göthe 1, 16 W.;
(wenn) aus den losen schlingen
halbkugeln einer bessern welt,
die vollen brüste springen
Schiller 1, 270 G.
voller bug, gerundeter, eines schiffes Campe. volle hände, runde, fleischige hände Adelung; sie hat kleine volle runde hände Gellert w. 3, 63; volle arme: arme, die nun nicht mehr so voll und glänzend waren Stifter w. (1901 ff.) 5, 1, 341; im sing. in fester verbindung:
in dem vollen arm der schönen
ruhet jetzt belohnte liebe
Göthe 5, 5 W.;
gemeint ist hier aber völlige umschlingung: er nahm mich in den vollen arm, und führete mich ... in sein inneres beizimmer Zesen adriat. Rosemund 64 ndr. volle waden:
stracks schielten ihro gnaden,
als. sie den schönen jüngling sahn,
nach seinen vollen waden
Hölty ged. 5 Halm.
sey lang von wuchs, beblecht, und voll von wade
Gökingk ged. (1781) 2, 207.
den schmalsten fusz, die schoͤnste volle wade
2, 212.
volles auge, eigentlich nach grösze und wölbung gut gebildet; hier aber mischt sich leicht die vorstellung des ganz auf ein object gerichteten blicks ein (s. unten 3 a), so schon in älterer sprache:
sô sehent si doch mit vollen ougen
herze wille und al der muot
Walther v. d. Vogelweide 99, 32.
gleych wie eyn erwegen ehbrecheryn die augen auffsperret und mit vollen augen umb sich wirfft Luther 10, 2, 117 W.; die augenhöhle wölbte sich erhabner; in ihr leuchtete ein volles ruhiges auge Herder 22, 293 S.; wenn sie ihn mit ihren vollen, reinen augen ansah Göthe 24, 134 W.;
und sicht nyeman
mit gantzen vollen ougen an
Brant narrenschiff 53, 18 Z;
auf den die grosze welt mit vollen augen sieht
A. Gryphius (1698) 1, 448.
sein volles auge glühte
von muth und hoffnung
Göthe Iphigenie 4, 4;
ganz entwickelt, ausgewachsen: während das tier, mit vollem geweih, ruhig an ihm vorüberging fürst Pückler briefw. u. tageb. 1, 138.
b)
volle frucht, volle traube; es kann der entwickelte umfang, die rundung des reifseins gemeint sein, allein, oder mit der vorstellung des inhaltes nach 1:
vor ihm musz Lachesis in vollen früchten stehn
mediz. maulaffe 2ᵃ;
um dich müsse mit vollen beeren der frischeste epheu
grünen
Herder 26, 15 S.;
voller keim blüh auf ...
und welkt die blüthenhülle weg,
dann steig aus deinem busen
die volle frucht
Göthe 2, 174 W.;
befiehl den letzten früchten voll zu sein
Rilke buch d. lieder ² 48.
oft volle traube:
ich bin es, der die vollen trauben brach
Stieler geharnschte Venus 141 ndr.;
der rosenknabe
Benno glüht wie die edle volle traube
Herder 27, 86 S.;
dort bot in einer bogenlaube
die volle purpurfarbne traube
dem trocknen gaum ihr süszes nasz
Pfeffel poet. versuche 4, 145.
c)
voller mond, die im ganzen umfange erhellte scheibe: in einzelnen wendungen ist weniger die erscheinung selbst als die zeit des vollwerdens gemeint: fullu tungli den norsk-isl. skjaldedigtning II b, 459, 70; also iêmer foller mâno Notker ps. 88, 38; der mon wirt voll oder wachszt Maaler 472ᵇ; so leuchtet er ... wie der volle mond Sir. 50, 6; den ersten oder andern tag des vollen mondes Eppendorf Plinius (1543) VII 10; bey neuem mon trauren, zuͦ vollem so freun sich die meerkatzen Forer Geszners thierbuch (1563) 6; ein bauholtz fellen die zimmerleut nicht im vollen mond Nigrinus von zäuberern, hexen (1592) 138; der volle mohn und das sternlicht seindt einander zuwider Albertinus zeitkürzer (1603) 2ᵇ; als wenn ein toller hund den vollen mond anbillt Lohenstein Arminius 1, 9ᵃ; der fast volle mond kam herauf Göthe br. 4, 95 W.; die wolken verhüllen den vollen mond Klinger w. (1809 ff.) 3, 13;
bis dann zuletzt des vollen mondes helle
so klar und deutlich mir ins finstre drang
Göthe 3, 47 W.;
nachbildung:
sie tragen auf bunten stangen ...
ein vollen mond, ein brennend herz
10, 49 W.
der mond wird, ist voll, halb voll, geht voll auf u. ä.: wenne der môn geleich gegen der sunnen über ist, sô ist er vol Konrad v. Megenberg 65, 7 Pf.; hab ich das liecht angesehen, wenn es helle leuchtet, und den mond, wenn er vol gieng? Hiob 31, 26; im mayen, wann der mond bald vol ist Gäbelkover artzneyb. (1595) 1, 423; wenn der mond ... rund und voll durch die nacht spaziert Hebel w. 1, 10 Behaghel;
bald wird er (der mond) wider voll und gantz
Schnurr der ameisen- u. muckenkrieg (1612) a 7ᵇ.
besondere wendung: fragte ihn, wann es voll würde Grimmelshausen Simpl. 4, 245 Kurz; vgl. unter 11.
d)
auf glanz, licht, schein u. ä. bezogen: zu ganzer stärke entwickelt, nicht durch schattendes, deckendes gehindert; beim monde mit der vorstellung 2 c verbunden: an beiden flosz das volle, stille, klare mondlicht nieder Stifter w. (1901 ff.) 2, 25;
und bey der nacht am klaren himmel stehet
der helle mohn mit seinem vollen scheine
griech. dramen 1, 101 D.;
nehmt froschlaich, krötenzungen, cohobirt,
im vollsten mondlicht sorglich distillirt
Göthe 15, 1, 76 (Faust 6326) W.;
o sähst du, voller mondenschein
zum letztenmal auf meine pein
14, 28 (Faust 386) W.
im vollen schein, bei vollmond Martin-Lienhart 1, 110ᵃ. — frei:
wenn in Sylvesternacht das mondlicht steigt in volle bahnen
A. v. Droste-Hülshoff w. (1878) 2, 8.
von der sonne und ihrem lichte: man denke sich ein haus, das in vollem sonnenlichte stünde Göthe II 2, 43 W.; hier gosz die sonne noch ihr volles licht über die ... gipfel der bäume herein Mörike w. 3, 77; warme volle abendbeleuchtung lag auf den spitzen der gebirge Scheffel ges. w. (1907) 3, 93. — man sagt: in voller sonne, im vollen sonnenlichte.sterne: (bildlich:)
ach wie hoch war ich gestiegen,
meine Venus schien mir voll
Weise der grünenden jugend überfl. gedanken 136 ndr.;
tritt in recht vollem klaren schein
frau Venus am abendhimmel herein
Göthe 3, 184 W.
licht im gegensatze zum schatten oder halbschatten: dieser blaue, reich begabte streifen nimmt sich auf der blaszgelben wand meiner zinne bey vollem licht gar herrlich aus Göthe br. 29, 46 W.; weder bei vollem, noch bei gedämpften lichte Grimm Michelangelo (1890) 1, 31. — im bilde:
bin ich in vollem lichte?
weisz ich alles?
Müllner die schuld 3, 2.
voller schatten: (bank, die) einen vollen schatten gewährte Fontane I 5, 102; im vollen abendschatten 54.
e)
volles licht, voller glanz werden sehr gern in übertragenem sinne gebraucht; besonders in fester verbindung mit verben: ins volle licht setzen, volles licht verbreiten, volles licht erhalten; sich im vollsten glanze zeigen (auch ironisch); mit gen.: der volle glanz des ruhmes, das volle licht der gnade u. ä.: dasz sein (Shakespeares) bild in ein volleres licht kommt Herder 5, 209 S.; (die) haupthandlung des stücks ... in ihr volles licht zu setzen Lenz ges. schr. 2, 336 Tieck; (über) die gesammte gothische baukunst ein volles licht zu verbreiten Fr. Schlegel w. 6, 199;
dasz das volle licht
seiner gnaden hier auf erden
dardurch könnt erlöschet werden
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel, kirchenlied 3, 300;
was man begriffen hat, ans volle licht zu stellen
Canitz gedichte (1765) 247.
Christus sey eyn gantzer scheyn, eyn voller glantz seyner ehren Luther 10, 1, 154 W.; Englands macht, ruhm, glück standen in vollestem glanze Herder 23, 35 S.
f)
volle flamme, brand, glut, in eigentlichem und übertragenem sinne: ich glaubte das haus stünde in vollem feuer sammlung von schauspielen (Wien 1764 ff.) 1, 43; ein bedeutsames lächeln setzten sein entzündbares wesen in volle flammen Musäus volksmärchen 1, 16 H.; man sieht das englische lager in vollen flammen stehen Schiller jungfrau von Orleans 2, 6; während das staatsgebäude in vollen flammen stand Mommsen röm. gesch. 2, 319;
hastu lust zu den gesagten künsten,
so mustu lauffen in vollen brünsten
M. Agricola musica instrum. (1896) 59;
die sonn in vollem brand
mit ihrem gülden wagen
thet uberfahren alle landt
Spee güld. tugendb. (1649) 277;
Hesperien steht allbereit
in vollen kriegesflammen
Gottsched ged. (1751) 1, 313.
g)
ein voller ton (s. unten 12 a), nicht ein lauter, sondern ein gesunder, kräftiger; auch prädicativ: sein ton ist edel und voll: man verwechsele auch eine starke oder volle stimme nicht mit einer gewaltsam herausgepressten Hiller anweisung zum gesang (1774) 8; er singt einen vollen bass. volle stimme kann aber auch die zur gröszten stärke entwickelte bezeichnen: mit voller stimme singen, rufen. — rufft mit voller stim Jerem. 4, 5; jetzt bricht sye (die nachtigall) gleich ab, ... darauff erholet sye sich mit voller stymm Eppendorf Plinius (1543) 155; sie hielten dabey die schilde vor den mund, damit die stimme durch den widerhall voller und tiefer würde Kretschmann w. (1784 ff.) 1, 8; hub die allmächtige musik in langsamen, vollen, gedehnten zügen an Wackenroder herzensergieszungen (1797) 187; mit vollen, anmuthig geregelten tönen Göthe 24, 125 W.; er hörte drauszen einige volle akkorde auf der laute anschlagen Eichendorf w. (1864) 2, 38; voller klang übertragen: sein name hat vollen klang im lande;
(Juno) brach herfür mit voller stim
Spreng Ilias (1610) 98ᵇ;
wie schnell, wie fertig, voll und schön
hört man die bunten fugen (des liedes) gehn
Gottsched ged. (1751) 1, 214;
dann brach der hundertstimmige chor
mit volleren liedern rasch hervor
Kretschmann w. (1784 ff.) 1, 51;
der sänger drückt die augen ein
und schlug in vollen tönen
Göthe 1, 162 W.;
(muse) die zu vollen himmelstönen deine lippen hat geweiht
Mörike w. 1, 173 Göschen;
in der heimat vollen klängen
hat er herrlich es gesungen
Weber Dreizehnlinden (1907) 241.
freier von dem was den vollen ton verursacht:
wenn seiner laute sonntagsklang
dein lob mit vollen griffen sang
Stoppe Parnasz (1735) 329;
indesz die volle harfe tönt
Kretschmann w. (1784 ff.) 1, 46.
voller chor, kräftig klingender oder in allen stimmen stark besetzter:
wolauf und nimm nu wieder
dein seitenspiel hervor,
o Deutschland! und sing lieder
im hohen, vollen chor
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 397ᵃ.
ein volles orchester, gut besetztes; mit bezug auf den klang und zugleich im sinne von ganz: das volle orchester setzt hier ein; das volle orchester fällt ... in die waldhornmelodie ein Brentano ges. schr. (1852 ff.) 6, 99. das volle werk (der orgel), alle stimmen; vom Kreuzberg her aber kam gerad ein infanteriebataillon mit voller musik Fontane I 5, 279. anders wiederum: mit voller musik (mit der ganzen) habe ich den ersten (act) noch nicht hören können Göthe br. 7, 100 W. laute der sprache, rede, stil, versmasz: wenn man die vocale in folgende ordnung stellt: a, o, e, u, i so ist der erste der vollste und der letzte der magerste (ton) Ramler einl. in d. schönen wiss. 4, 121; in der deutschen gr. werden auch dem e gegenüber die andern als volle vokale hingestellt: die vollen vokale der ahd. endungen. wo es (sch) in der aussprache der volle zischlaut ist Adelung umständl. lehrgebäude 2, 648; seine sprache ist zu voll, seine einbildungskraft zu hitzig Lessing 17, 163 M.; je ursprünglicher sie (die sprache) zum vollen unausgesonderten laute der natur hinaufsteigt Herder 5, 11 S.; wir haben von den alten die volle prächtige versification beybehalten Lessing 10, 30 M.; (Ossians) wohltönendes und volles, obgleich ungestüm daher brausendes silbenmaas Kretschmann w. (1784) 1, 10; die volle und helle aussprache der vokale Steffens was ich erlebte 9, 159;
doch wenn hernach aus seiner brust hervor,
dem winterlichen schneegestöber gleich
der hohe laut der vollen rede brach
(ὄπα μεγάλην Il. 3, 221); Bürger 153ᵇ Bohtz.
so ist auch seine sprache frei, edel, voll und reich
Göthe 41, 1, 206 W.;
wie gar mit vollen wortten preysset er die gnad gottis
Luther 10, 1, 112 W.;
hergegen in wichtigen sachen ... musz man ansehliche, volle und hefftige reden vorbringen
Opitz buch v. d. d. poeterei 35 ndr.
dann freier, stilart bezeichnend:
das volle in einer rede, oder eines gedichts, ist keine schwulst
Schönaich ästhetik in einer nusz (1754) 29.
besondere verbindung:
bei meinem meister in Schwäbisch Gemünd
bekam die meisterin ein kind;
die tochter zwei,
die hausmagd drei,
das gab ein volles hausgeschrei
Baumeister zimmermannsspr. 71.
volles ja, nein kann auf den klang gehen, gewöhnlich aber auf sinn und meinung: giebt hiermit öffentlich sein klares und volles jawort von sich Chr. Weise polit. redner (1677) 722.
h)
volle farbe, kräftige, gesättigte: eine satte volle farb die sich in dem anschauen nit verkleineret oder verleurt Maaler 472ᵇ; karmesin beschämt mit seiner vollen glutfarbe gleichsam den vollkommensten purpur Lohenstein Arminius 2, 188ᵇ; die vollen farben der schönen oder der wilden natur Kretschmann w. (1784 ff.) 1, 11; solche körper ..., welche die vollsten und lebhaftesten farben haben Göthe II 2, 277; vom maler: Rubens würde sicher in seiner färbung voller und üppiger gewesen sein Gutzkow ritter vom geiste 1, 37; man überträgt auch den vollen ton auf die farbe: (in dem) vollsten ton der farbe H. Meyer in schr. d. Götheges. 5, 147.
i)
verbunden mit der vorstellung des messens, zählens, abschätzens.
α)
so von der zeitvorstellung, wenn die ganze dauer des begriffs bezeichnet werden soll: eine volle stunde, ein voller tag, ein volles jahr, jahrhundert; volle fünf minuten, sechs monate. — zelt von dem andern sampstage ... vij voll wochen erste d. bibel 3, 439 lit. ver.; ein unvermutheter besuch ... hat mich um drey volle tage gebracht Lessing 18, 192 M.; denken sie nach, dasz der Sicilianer beinahe drei volle stunden zu seinen zurüstungen verbrauchte Schiller 4, 254 G.; sitze schon über eine stunde hier, eine volle stunde maler Müller w. (1811) 1, 171; drei volle himmlische tage Göthe 24, 365 W.; einen vollen, vollen tag hatte er ohne Paula sein können Gutzkow zauberer von Rom 5, 225; das währte länger als ein volles jahr A. v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 280; in nicht vollen 2 stunden hatte ich die Knorrhütte ... erreicht v. Barth nördl. Kalkalpen;
ein volles jahr (τελέσφορον εἰς ἐνιαυτόν) verweilt ich bei ihm in Fönike
Vosz Od. 14, 292 Bernays;
hier möcht ich volle stunden säumen
Göthe Faust 2710;
für deine sünden faste mir
den vollen langen tag
4, 335 W.;
es ist vorbei gegangen
fast jetzt ein volles jahr
Arnim w. 13, 130.
nachgestellt:
heut? ja funfzig jahre voll
zählts bis heut zum tag
Rückert w. (1867 ff.) 3, 27.
die stunde, das jahr ist voll, ist abgelaufen: wann der monat voll gewesen sey Schupp schr. (1663) 574; so würden 3000 jahr des neuen testaments voll Jung-Stilling w. 3, 366;
eh noch die helfte voll von einer viertelstund
v. König ged. (1745) 203;
ist die stunde denn noch nicht voll?
Göthe 1, 111 W.;
eine uhr schlägt die viertel-, halben und vollen stunden; die uhr, es schlägt voll, es ist gleich voll: es wird indem neun uhr voll schlagen Iffland theatral. w. (1827 ff.) 10, 18; während ... das zifferblatt bald den vollen schlag der fünften stunde voraus anzeigte Gutzkow ritter vom geiste 1, 17; bis der zeiger auf die volle stunde deutete Seidel vorstadtgesch. 71. — entfernung: marktflecken, nicht volle zwei tage von Wien nordwestlich entlegen Brunner erz. u. schr. (1864 ff.) 1, 2. ebenso von andern zeitbestimmungen: ein volles menschenalter nach der schlacht von Pydna Mommsen röm. gesch. 2, 69;
schon zwei volle geschlechter vernünftiger menschen
(δύο μὲν γενεαὶ μερόπων ἀνθρώπων Il. 1, 250) ...
schieden vor ihm hinweg
Bürger 188ᵇ Bohtz.
in anderem sinne mit tag, nacht, abend, morgen, den jahreszeiten verbunden bezeichnet voll das ganz entwickeltsein: liecht, das da fort gehet und leuchtet bis auff den vollen tag sprüche Sal. 4, 18; (wenn) die werme des vollen somers mit gantzer macht einher tringet Heyden Plinius (1565) 454; wann es im vollen mittag tonnert Sebiz feldbau (1579) 41; das beste licht ist gerade im vollen mittage Gleim briefw. 2, 410 K.; die volle nacht war hereingebrochen Gutzkow zauberer von Rom 8, 326; es ist voller abend geworden R. Wagner ges. schr. 3, 183.
die volle morgenzeit begunte sich zu zeigen
Fleming deutsche ged. 1, 99 L.
eine bestimmte anzahl jahre machen mündig (vgl. volljährig und oben 1 u): mündige jahre sind theils diejenigen jahre, welche nach dem rechten zur mündigkeit erfordert werden, und heiszen auch volle jahre, theils überhaupt die jahre, nach geendigter minderjährigkeit allg. haushalt. lex. (1749 ff.) 2, 371ᵇ; ob er ... unmindig noch were und nicht volle jar hette lehnsurk. Schlesiens (1881 ff.) 1, 511;
der herzog fleht ihn um sein mütterliches,
er habe seine jahre voll
Schiller Wilhelm Tell 2, 2.
allgemeiner: Josue der war alt und volles alters erste d. bibel 4, 294 lit. ver.; kompt er zu seinem vollen mannesalter, so gehen die rechten laster an Luther 30, 221 W.; (der mensch) bluͦt an der jungint und loubet und gruͦnet und brengit vrucht ... in vollim aldere Schönbach altd. pred. 1, 116;
er blüet noch in voller jugint
Spreng Ilias (1610) 178ᵃ.
β)
in dieser weise auch sonst von gezähltem, gerechnetem, zahlenmäszig bestimmtem, gemessenem, gewogenem und den zahlen selbst: voll, numerosus Diefenbach gloss. 385ᵃ; die volle summe zahlen; voller lohn, gehalt; die zahl ist voll; volle dreizehn meilen, volle hundert meter hoch, das volle gewicht u. s. w. in mannigfaltigstem gebrauch: die zahl voll machen Steinbach 2, 902; die summe ist noch nicht voll Frisch 2, 406ᵃ; das dy zal vol wart Marienb. treszlerb. 482 Joachim; wie viel mehr, wenn ir zal vol würde Röm. 10, 18; bisz ich das vierthelst hundert voll gemacht habe Stranitzky ollapatrida 372 Wien. ndr.; (ein buch, das) volle 990 enggedruckte seiten stark ist Gerstenberg Hamb. n. zeit. 57 lit. dkm.; bis ihre (der märtyrer) zahl voll wäre Jung-Stilling w. 3, 137; ich hatte eben die zahl der umgänge auf dem haspel voll Göthe 25, 115 W.; da hast du das dutzend voll Storm w. (1899) 2, 186; das volle drittheil der bisherigen dauer Moltke ges. schr. 7, 71; mit 'vollem gehalt' pensionirt Raabe Horacker (1876) 3; voll geld, bei versteigerungen die nächst höhere einheit, z. b. 100 thaler, nachdem 98 geboten waren (anders unter δ) Danneil 241ᵇ; Schütze 4, 325 (daneben vullgeld, grosze summe, s. auch brem. wb. 1, 464);
wann ist die anzahl voll
die ich dem dichtergott an versen zahlen soll
Dusch verm. w. 324;
wofür hier manche viel, das volle keine zahlen
Withof bei Kinderling reinigk. d. d. spr. (1795) 379;
wenn die dritte nun erscheinet,
ist das böse kleeblatt voll
Brentano ges. schr. 3, 420.
neben die volle summe zahlen auch die summe voll zahlen, den gehalt voll verbrauchen u. ä.:
wo gott, den rückstand endlich voll zu zahlen,
gerechtigkeit in allgemeinen schalen
mit unbestochner wage miszt
Seume ged. (1804) 97;
nur die sterbkunst stürzt die kasse
voll und wichtig aus vor gott
Brentano ges. schr. 1, 536.
die vorstellung des gezählten kann unbestimmter werden oder auch ganz schwinden, so besonders bei werth u. ä.: nach seinem vollen werthe beurteilen, den vollen werth erkennen. er hat den vollen schaden davon, den vollen schaden ersetzen; ein vollspanner oder colonus, so auf ein volles und auf ein halbes erbe zu wohnen kommt Möser w. (1842 ff.) 3, 169; theil, lohn in freiem sinne: an ihrem immer fortschreitenden wichtigen bemühen in guten heitern stunden vollen theil nehmen zu können Göthe br. 37, 270 W.; nun hatte er ein gutes volles theil davon (der arbeit) erlangt Raabe hungerpastor (1864) 3, 210. — voller lohn von der ewigen seligkeit: das wir einnemen vollen lon unnd himlische cron Berth. v. Chiemsee tewtsche theologey 27 R. mit begriffen, die eine menge bezeichnen, unbestimmter grösze: zu der zeit, da die leute mit vollen hauffen nach vollendetem gottesdienst auff denen gassen gehen J. G. Schmidt rockenphilos. (1706) 1, 31;
so dasz das volk mit vollem haufen
dir gleichsam selbst den weg verdringt
Stoppe Parnasz (1735) 2;
frei:
es fleuszet deines blutes bach
mit gantzen, vollen haufen
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 406ᵃ.
ein volles bataillon; volles gericht, vorschriftmäszig besetztes: an vollen gehegten gerichte weisth. 6, 22; volles heer, armata intiera Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702), 1208ᶜ. daselbst hat er das kriegsvolck voll zuͦ sich genommen Xylander Polybius (1574) 307; (heer) in voller guter ordnung Chemnitz schwed. krieg (1653) 2, 97; übertragen:
das volle heer der sterne
Mörike w. 1, 145 Göschen.
in verengtem sinne, allgemeines aufgebot: zwei modos bellandi oder colligendi militem ..., entweder per selectum oder den vollen und hellen haufen verhandl. d. schles. fürsten u. stände 6, 116; frei:
der reichthum zieht bey ihm mit vollen haufen ein
Neukirch gedichte (1744) 96;
gute thaten um sich in vollen schaaren
zu erblicken
Klopstock oden 1, 116 M.-P.
in unbestimmterer anwendung ganz allgemein: die volle aussaat (im bilde) habe überall gute früchte, und nirgend unkraut getragen Fr. Schlegel w. 2, 15; ich habe schon fünfundsechzig bücher. jetzt wird die zweite reihe voll Freytag ges. w. 5, 262; vorrath:
all ding im hausz mit vollem rath
H. Sachs 1, 434 K.;
die volle herde, die gedrängt
am kräuterreichen hügel hängt
R. Z. Becker mildheim. liederb. (1799) 13
voll im sinne von zahlreich schweiz. idiot. 1, 780.
γ)
gewogenes: volles gewicht, ein volles pfund: für volles gewicht giebts auch n' vollen lohn Hauptmann die weber (1892) 10. — volles gewicht sehr oft übertragen und frei: so erhalten diese worte erst volles gewicht; das volle gewicht seines ansehens, er legt hierauf volles gewicht u. ä.; um der ersten sendung meiner neuen ausgabe ein volles gewicht zu geben Göthe br. 41, 49 W.; ebenso volles gleichgewicht: die gräfin war nun wieder in vollem gleichgewichte Musäus volksmärchen 1, 59 Hempel. — eine volle dosis: caviar ... in voller dosis genossen Cramer Neseggab (1791 ff.) 2, xix. allgemein von last, ladung u. ä. dem sinne von ganz nahe kommend: das volle gepäck des infanteristen; volle ladung eines schiffes, wagens; übertragen: ich wünschte doch dasz das erste stück (der Horen) mit voller ladung erschiene Göthe br. 10, 211 W.; anders, volle ladung eines geschützes; scherzhaft: herrn Gockel, durch eine volle wasserladung ins gesicht, aus seinem versteck hervorzutreiben Brunner erz. u. schriften (1864 ff.) 1, 237. volle last: drei centner ..., welches ... die volle last eines saumthiers ausmacht Göthe 25, 108 W.;
das kind des glases volle last
mit beiden rothen händchen faszt
A. v. Droste-Hülshoff w. (1878) 2, 42
sehr oft in freier, übertragener anwendung: die volle last der verantwortung auf sich nehmen.
δ)
volles geld (s. oben unter β), das richtiges gewicht hat: nicht also, sondern von vol geld wil ichs keuffen 1. chron. 22, 24; das neue geld ist noch voll und ohne abnahme, aber sobald es aus der müntze ist, sobald fängt es auch an abzunehmen J. G. Schmidt rockenphilos. (1706) 2, 102; (wenn man) 4 oder 5 wochen vor dem angesetzten steuertermin (die steuer) baar und vor voll (vgl. unten für voll nehmen unter 10 ) zur steuer lassen einbringen und abgeben würde verhandl. d. schles. fürsten u. stände 4, 130; diese münze ist nicht voll, es fehlt etwas am gewicht; auch vom münzrand: hast du sie (die dukaten) noch alle, mit dem vollen hübschen rande? ich schwöre dir, ich nehme keine beschnittene Klinger w. 1, 148.
ε)
volle montur, volle rüstung, voller harnisch, volles ornat u. ä., alle zugehörigen einzelstücke enthaltend; auch hier dann freier, so dasz an theile nicht mehr gedacht wird: in voller rüstung, vollem harnisch Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702), 1208ᶜ; (eine braut bringt) ihrem gemahl ein joch ochsen, ein gesatteltes pferd und eine volle rüstung zu Lohenstein Arminius 2, 146ᵃ; den heiligen Georg in voller rüstung Fr. Schlegel w. 6, 130; man zählte ... 20 000 volle rüstungen Mommsen röm. gesch. 2, 26;
da er gott Martem an der stett
in voller rüstung sehen thet
Spreng Ilias (1610) 63ᵇ;
er sprang geschwind in vollem rüstgezeug (σὺν τεύχεσιν
vom wagen ab
Il. 5, 494)
Il. 5, 494)
Bürger 164ᵃ Bohtz;
in vollem kürisz schauspiele engl. comödiant. 43 Creizenach. — weszhalb er ... mit unterhabender soldatesca in vollem gewehr auff Ulm abgezogen Chemnitz schwed. krieg (1653) 2, 548;
Mars steht in vollen waffen
Hoffmannswaldau u. anderer Deutscher ged. 6, 194.
in seiner vollen montirung Bräker schr. (1789 ff.) 1, 165; im vollen ornat seiner würde Gutzkow zauberer von Rom 4, 115.
ζ)
voller kreis kann sein ein kreis, der ganz rund, d. h. dessen umfang überall gleich weit vom mittelpunkt entfernt ist, oder es wird die gesammte kreisfläche im gegensatz zu einzelnen abschnitten bezeichnet; oft in freier anwendung: kein abschnitt des lebens mehr, der ganze runde, volle kreis liegt vor uns Gutzkow ritter vom geiste 1, 8; grau mit schwarz vermischte augenbraunen zogen sich in einem vollen halbzirkel um ein paar kleine augen Klinger w. (1809 ff.) 5, 117 (s. auch unter 13 e); voller ring (an einem musikinstrument): der volle ring alle löcher zu thut M. Agricola musica instrumentalis (1896) 12. — volle länge, breite, höhe, voller umfang, ebenfalls sehr oft in freier und übertragener bedeutung; (haarbeutel,) der sich dann in voller breite dem rücken sanft anschmiegt E. Th. A. Hoffmann w. 14, 160 Gr.; etwas in voller breite erzählen; volle höhe eines baumes, wenn er ganz ausgewachsen ist; voller umfang, sehr oft in neuerer sprache: er begriff, wohl auch nicht in dem vollen umfang ... aber doch besser als seine partei Mommsen röm. gesch. 2, 336. — volle gestalt, figur, anders als unter 2 a, die ganze gestalt im gegensatz zu den einzelnen theilen: jemanden in ganzer figur malen, für die ganze gestalt modell stehen; darumb muste dieser Simeon ein allter man seyn, das er der allten propheten voll und eben figur were (ihnen ganz entspräche) Luther 10, 2, 386 W.; sehr oft in übertragener anwendung volle gestalt gewinnen u. ä.: (thema,) welches zuletzt hervortritt und volle gestalt gewinnt Jahn Mozart 4, 16. — volle figur, körper im gegensatz zur linie und fläche Harsdörfer frauenz. gesprächspiele 1, c 2ᵇ.
3)
der attributive gebrauch von voll, besonders in verbindung mit abstracten, läszt sich nicht erschöpfend darstellen. alle bisher bezeichneten färbungen treten dabei in erscheinung, die beziehung auf den inhalt des begriffs, seine stärke, seine steigerung, die aber immer unter der grenze des übermaszes, der ganzheit bleibt. zu beachten ist, dasz der prädicative gebrauch des wortes nicht so reich entwickelt ist. man sagt: das volk befand sich in voller empörung, aber nicht: die empörung des volkes war voll; in voller begeisterung rief er aus, nicht: seine begeisterung ist voll, wohl aber: um seine freude voll zu machen; liegt es vielleicht daran, dasz wir selber sie (die freude) nie so voll bekommen Jean Paul 3, 152 R.leichter steht überhaupt voll in freier anwendung im prädicat, wenn es durch ein zweites adj. gestützt ist: die strofe, die du mir schreibst ist so voll und lebendig Bürger br. 2, 210 Str.; wie concentrirt und voll und frisch ist die wirkung dieses büchleins Gervinus im briefwechsel mit Jac. u. W. Grimm u. Dahlmann 2, 265; darum ist sie (die liebe) allein voll und ganz Fr. Schlegel jugendschriften 1, 25 Minor (voll und ganz, adv. s. unter 12 b). — in älterer sprache: eischt und ir enpfacht, das ewer freude sey vol erste d. bibel 1, 404 lit. ver. im folgenden sind gruppen festerer verbindungen herausgestellt und der allgemeine gebrauch durch eine auswahl von beispielen belegt.
a)
voller blick, ganz zugewandter, offner, sich hingebender blick (s. 12 a): mit dem vollen blick der liebe Schiller 5, 122 G.; zum verlangen des vollen, liebreizenden blickes Mörike w. 3, 13 Göschen:
mit vollem
hingehefteten blick
Klopstock Messias 8, 60;
mit dem verweilenden
vollen blick, und der seele drin
oden 1, 111 M.-P.;
vgl. oben volles auge unter 2 a.
b)
von bewegungen: der hof war in voller bewegung Gutzkow zauberer von Rom 1, 181; in vollem gange, frei und übertragen: (dasz das) begräbnisz in vollem gange war 2, 48; die verhandlung war in vollem gange, als er eintrat; dasz der feldmarschalck ... in vollem anzuge nach Preuszen were Chemnitz schwed. krieg 1, 14; das die meisten davon in confusion und volle flucht geriethen 2, 203. in vollem lauf: (wo) das wasser mit vollem lauff rauschet weish. Sal. 17, 19; mit dem er in vollem lauff auff den Gandalis zurennet Amadis 1, 35 lit. ver.; in vollem lauff A. Gryphius Horrib. 24 ndr.; da eilte der hahn ... in vollem laufe ... in den wald Brentano ges. schr. (1852 ff.) 5, 32; in vollem laufe stürzte Hans nach dem laden des trödlers Raabe hungerpastor (1864) 1, 170;
der mond sitzt auff den wagen,
und thut mit vollem lauff desz himmels feld durchjagen
Kirchner bei Zinkgref auserl. ged. 29 ndr.;
die stunde, welche hilfft, ist schon in vollem lauff
Logau sinngedichte 198 E.;
da geht das glück in vollem lauff
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 433ᵃ;
ein eilbot sprengte
in vollem lauf voraus
Schiller Macbeth 1, 10;
da macht sichs bäumlein auf,
und kommt im vollen lauf
zum wald zurück gelaufen
Rückert w. (1867 ff.) 3, 9.
mit vollem laufen:
trafe er den gemsjägersknecht
mit vollem laufen also recht
Teuerdank (1878) 91.
vollen lauf lassen: nichtes ihme im weg stunde, selbigen den vollen lauf zu lassen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 335. eile, hast:
dort kommt ein mann in voller hast gelaufen
Schiller Wilhelm Tell 1, 1.
veraltet mit vollem schritte, vollen schritten: mit vollen schritten einher treten Steinbach 2, 902;
er lief mit vollen schritten
auf die vollkommenheit
Fleming deutsche ged. 1, 52 L.;
ich will für dir (gott), mit dir, durch dich, in deinen wegen
mit vollen schritten gehn
A. Gryphius (1698) 2, 127;
der seegen eilt mit vollem schritte
Stoppe Parnasz (1735) 17.
mit vollem rennen: worauf eine grosze menge ... wilder thiere mit vollem rennen zugelauffen kamen Lohenstein Arminius 2, 1157ᵃ. sprung, sprünge: (dasz) sie mit vollen sprungen darin (in den tod) lauffen wolten Spee cautio crimin. (1649) 61ᵃ; dasz es in vollem sprunge ohne ausholen uber 9. seiner schuch springen konte Prätorius philosophia colus (1662) 2; er gieng mit vollen springen der frühlingspriesterin zu Lohenstein Arminius 2, 199ᵃ;
so tantz ich mit der liebsten mein,
die geht in vollen sprüngen hrein
B. Krüger aktion v. d. anfang u. ende d. welt (1580) d 1ᵇ;
und dieser kam auch gleich mit vollen sprüngen wieder
Neukirch ged. (1744) 139.
von den gangarten des pferdes, die aber auch auf andere thiere und menschen bezogen werden können: in vollem trab, galopp Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702), 1208ᶜ; kaum biegen wir im volle trab um die eck Bettine dies buch gehört dem könig 1, 15;
Dolon kam her mit vollem trab
Spreng Ilias (1610) 131ᵇ;
ach zeumet auff den vollen trab!
Spee güldenes tugendbuch (1649) 412;
(der postillon) fuhr auf einem steinpflaster in vollem gallop los Bode Yoricks empfinds. reise 1, 109; in vollem galop stürzt eine grosze masse solcher edlen thiere (pferde) heran Göthe 25, 1, 1 W.; durch die im vollen galopp (von kindern) überbrachte aufforderung Gutzkow ritter v. geiste 3, 430. — ritte mit so einer artigen manier im vollen courier die treppe hinunter Reuter Schelmuffsky 108 vollst. ausg. ndr.seltenere verbindungen: lieffen in vollen sporenstreich wieder zurücke (reiter) A. Olearius persian. reisebeschr. (1696) 224. in vollen bügen s. th. 2, sp. 494. in vollem flug, vollen flugs (vgl.flugs, adv.): der habicht in vollem flug hinein rennet und fället Aitinger jagd- u. weidbüchl. (1681) a 2ᵃ; von gottes wundern stark ergriffen, stieg meine seele dann vollen flugs zum himmel maler Müller w. (1811) 1, 3. — vom schwärmen der bienen:
als wenn ein bienenflug in follem schwärmen wär
Rompler von Löwenhalt erstes gebüsch 80.
schwang, schwung: wie sawr wirdt mirs, dein euangelium mit vollem schwanck in das teutsche volck zubringen Vogelgesang-Cochläus v. d. trag. Joh. Hussen 14 ndr. — in vollem schwange gehen, in allgemeinem gebrauch, ganz verbreitet sein: das ghet in vollem schwang Luther 34, 2, 536 W.
gerechtigkeit wird dennoch stehn
und stets in vollem schwange gehn
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 360;
in vollem schwunge über den graben springen; im vollen schwunge seiner rede. voller streich, weit ausholender, wuchtiger schlag: demnach schlug der juncker mit vollem streich Amadis 1, 40 lit. ver.; da er nue einen vollen streich (d. h. die günstige gelegenheit dazu) zu haben vermeint, hat er auffgezuckt, und graffen H. einen solchen ungehewren streich in sein heubt gegeben Spangenberg mansfeldische chronica (1572) 246ᵇ. in vollem zuge: wie du in vollem zug mit allen guten winden fährst Mörike w. 3, 49 Göschen; besonders in freierem gebrauch: die sache ist in vollem zuge, geht vorwärts; bundesgenossonschaft war in vollem zug sich in eine unterthanenschaft zu verwandeln Mommsen röm. geschichte 2, 379. — beim trinken ist zug der edlere ausdruck neben schluck: einen vollen zug aus dem becher thun, in vollen zügen trinken:
dasz ich von neuem euren wein
in vollen zügen trinke
Miller ged. (1783) 71;
gern frei und übertragen: man schlingt die lüge, die uns schmeichelt, in vollen zügen hinab Göthe 45, 80 W.; er genosz die wiedergewonnene freiheit, das leben, Italien in vollen zügen u. ä.vom atmen:
lasz mich in vollen, in durstigen zügen
trinken die freie, die himmlische luft
Schiller Maria Stuart 3, 1.
vollen zugs:
vollen zuges
trinkt er ein ewiges meer der freude
Herder 27, 32 S.
c)
mit vollem winde, vor vollem winde fahren s. unter 13ᵃ; daneben auch freiere verbindungen: (wobei) cumuli in vollem sturme nah über die erde hinjagen Laistner nebelsagen 25; sein mantel, wie von einem vollen windstosze aufgebauscht Grimm Michelangelo 1, 293;
wenn deines grimmes loh in vollem sturme fährt
Fleming dsche ged. 6 L.
in diesem letzten von der vollen windsbraut der revolution durchrasten gebiet der litteratur Mommsen röm. gesch. 2, 462. — man sagt auch: im vollen brausen des sturms u. ä.besondere wendung, übertragen:
(zungen,) di hoches prachts reden mit vollem braus
Melissus psalmen 45 ndr.
d)
volle blüte, reife in eigentlichem und übertragnem sinne: die freien künste und sprachen stehen in voller blüte Reinicke fuchs (1650) 174; ein mann in seiner vollen blüthe Klinger w. (1809ff.) 3, 3; in der zeit der vollsten mannesblüthe Gutzkow ges. w. 9, 333; um die zeit, wenn das kartoffelfeld in voller blüte stand Keller ges. w. 4, 15;
was freude gibt,
dem hertzen liebt,
die augen füllt,
das sehnen stillt,
steht da in voller blüthe
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 442ᵇ;
und dasz der unterthan in vollem flore stund
A. Olearius vermehrte reisebeschr. (1696) vorbericht;
so verhindert man ine (den baum) an seinem vollen blüen Sebiz feldbau (1579) 344;
so prangt des lebens schönste farbe
ins volle blüthenthum gestellt
Th. Körner 2, 32 Hempel.
wenn erst diese prächtigen keime zur vollen reife erwachsen Schiller räuber 1, 1; der glanz einer zur vollsten reife erblühten schönheit Jahn Mozart 4, 130.
e)
innere zustände, bewusztsein, gefühl, verlangen, hingebung, willen: bei vollem bewusztsein; seiner ersten in volleren jünglingsbewusztsein verlebten jahre Gutzkow ges. w. 12, 263; in der vollen regung meines herzens Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 53;
(mich zu beschirmen)
mit leben, blut, leib, kraft und vollem muthe
Tieck schr. (1828) 1, 94;
im ersten vollen gefühl seines gesunden daseyns Herder 5, 95 S.; vollen, warmen herzensdank maler Müller w. (1811) 1, 320; das volle warme gefühl meines herzens an der lebendigen natur Göthe 19, 73 W.; (wenn ich) mit vollem gefühl beistimme Fr. Schlegel w. 2, 145. eine volle, herzliche, auf das verdienst des geliebten gegründete leidenschaft Göthe 41, 1, 153 W.; in voller ergebenheit gegen den könig Ranke s. w. 1, 112; mit so voller feindseligkeit 1, 9;
in voller, süszer liebe
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 375ᵃ;
und im seufzer, mit vollem verlangen, mit voller entzückung,
ausgedrückt, auf einem zitternden blühenden mund
Klopstock oden 1, 36 M.-P.;
der mund,
so stets in vollem eifer stund
Gottsched ged. (1751) 228.
dasz er in vollem zorne sein buch zuschlug maler Müller w. (1811) 1, 233;
in voller wuth treibt mich der Venus zorn
Schiller Phädra 1, 3;
mein bruder ist in voller freude Göthe 8, 46 W; alles war in vollem jubel Brentano schr. (1852ff.) 5, 113;
hör doch nit auff mit vollem lust
ihre stirn, mundt, halsz, wangen, brust
mit tausent küssen anzurennen
Zinkgref auserl. ged. 41 ndr.;
o volle wonne! — wonne kaum zu fassen
Denis lieder Sineds (1772) 81;
so last mich doch die maus nit vollen gelouben an dich haben Steinhöwel Äsop 123 lit. ver.; vor dem bilde Delaroches steht man mit vollem glauben Gutzkow ges. w. 7, 479; sein volles vertrauen besitzen, jemandem volles vertrauen schenken, volles vertrauen fassen, im vollen vertrauen auf. — der treibt und bewegt zu aller gutten handlung aus freyem vollen willen Eberlin v. Günzburg 2, 47 ndr. — zu keinem vollen entschlusz kommen; er hat immer nur entwürfe gehabt, nie einen vollen plan E. M. Arndt für u. an s. l. Deutschen 1, 495.
f)
volle kraft, gewalt, macht, wirkung u. ä.: mit vollem werck Paracelsus opera (1616) 2, 503 H.; dasz auch bey uns mannspersonen die thorheiten der jugend noch im alter ihre volle kraft unverändert behalten Rabener w. 4, 152; in voller kraft, in voller schönheit seiner männlichen jahre Meiszner Alcibiades 4, 142;
ihr könnt eur fürstenpar bey vollen kräften sehn
Weichmann poesie d. Niedersachsen 1, 70;
noch fühl ich volle kraft
(ἔτι μοι μένος ἔμπεδόν ἐστιν Il. 5, 254)
Bürger 161 Bohtz;
einer von den fällen,
wo des gesetzes volle kraft nicht statthaft
Z. Werner söhne des thales (1807) 1, 286;
von gesetz, vertrag, gerichtsurtheil, festgelegte meinung u. ä.: in voller kraft bleiben: das zuerst gesagte bleibt in voller kraft Göthe br. 32, 145 W.;
man lasse die sentenz,
die ihr das haupt abspricht, in voller kraft
bestehn
Schiller Maria Stuart 2, 3;
von der dampfkraft eines schiffes: mit voller kraft vorwärts. — volle gewalt geben, haben Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702), 1208ᶜ; hettend all und jeglich vollen und guͦten gewalt von irn herren mit briefen und och insigeln Richental Constanzer conzil 52 lit. ver.; daz ain ieclich burger vollen gewalt hat, daz er mac tuͦn und lazen mit sinem varnden guͦt ..., swaz er wil Nürnb. polizeiordn. 17 lit. ver.; desz alles habtt ewch vollen gewalt an leib und an guͦtt Fortunatus 64 ndr.; das er ihm zu dieser gruben oder zechen, vollen gewalt gebe Bech Agricolas bergwerckbuch (1621) 59;
(dasz) die fühlende seele
ganz die volle gewalt dieser empfindungen faszt
Klopstock oden 1, 35 M.-P.;
mit voller macht, à tutta forza, con tutto l'esercito Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702), 1208ᶜ; darinne er in volle macht geben hett, den krieg ab ze legen d. städtechron. (Nürnberg 1449) 2, 162; dasz er volle macht zu befehlen hätte Chr. Weise d. drey klügsten leute (1675) 7; beachte den eingeengten sinn von vollmacht; jem. seine volle macht, übermacht fühlen lassen; s. u. vollmacht. — heer: er stürzte sich mit seiner vollen macht auf den linken flügel des feindes.
g)
volles recht, volle gewalt Stieler 2390; volles recht ergehen lassen, im ganzen umfange wirken lassen Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702), 1208ᶜ; volle rechtsgültigkeit, volles bürgerrecht; er ist in seinem vollen rechte. auch sprechen sie und weisen das zu vollen rechten weisth. 6, 13. — mit vollem recht, ganz frei, die richtigkeit der auffassung bezeichnend: man nannte diese ... blumenverzierungen mit vollem recht agréments Brentano ges. schr. (1852ff.) 5, 8; zustehender anspruch: er verlangte diese würde mit vollem rechte für sich. voller ernst: voller ernst des lebens; mit vollem ernst an die arbeit gehen; in vollem ernste sprechen u. s. w.; dasz ihr der obliegenden pflicht ... mit vollem ernste nicht nachleben wollet Chr. Weise polit. redner (1677) 12; menschen, die so ekzentrisch sind, im vollen ernst tugendhaft zu seyn Athenäum 1, 2, 127; sollten sie wirklich im ernst gesprochen haben? — im vollen höchsten ernst, mein fräulein Schiller der neffe als onkel 2, 6;
nein doch, nein!
ich sprech im vollsten ernst
Hebbel w. 3, 258 W.
voller sinn; besonders in der festen verbindung im vollen, vollsten sinne (des wortes). — er versteht nicht den vollen sinn dieses satzes, dieser einrichtung; der volle sinn des gedichtes ist ihm nicht aufgegangen u. ä.: nach der überwindung des thiers aus dem abgrund werden erst in vollem sinn alle reiche der welt unserm herrn zugehören Jung-Stilling w. 3, 220; er musz zuerst sich in dem vollsten sinn des ausdrucks kennen W. v. Humboldt schr. 2, 16 ak. ausg.; sie wurde im vollsten sinne das enfant terrible des hauses Raabe hungerpastor (1864) 2, 121. — verstand: gnad und friede yn Christo sampt krefftigem vollem verstande (verstehen) dieses büchlins Luther 30, 2, 60 W.; mit rechtem vollen verstand und vernünftigen urtheil Reinicke fuchs (1650) 218. — er hat seinen vollen verstand nicht beisammen. — (ohne) den vollen geist (des stils) in sein eigenes wesen aufgenommen zu haben Göthe 46, 97 W.
h)
zustände, thätigkeit, verhalten:
wie offt in vollem schlaff, sag ich,
betruͦbet und erschrecket mich
meins allerliebsten vatters seel
Spreng Äneis (1610) 71ᵃ;
weckt mich aus dem vollen schlafe
Göthe 2, 96 W.;
zum schauplatze seines vollen glückes H. v. Kleist 3, 295 Schm.; ich bin in voller arbeit wider Klotzen Lessing 17, 256 M.; wir sind in voller arbeit — ich mit malen und er mit anordnungen Stifter w. (1901ff.) 1, 52. — Wilhelm ist schon im vollen druck (läszt schon drucken) Jac. Grimm in briefw. mit W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 1, 27. — in vollem lachen Gutzkow ges. w. 3, 286; alles (ist) in vollem essen, kaum ein wort wird gewechselt Allmers marschenb. 1, 225; er thut wieder vollen dienst, hat volle beschäftigung gefunden u. ä.
und erwürgt das unschuldig lamp
und het damit ein vollen schlamp
H. Sachs 5, 81 K.
do mit stercken ir iren (der bettelmönche) faulen vollen bettel Eberlin v. Günzburg 1, 60 ndr.
der stets gelebt in vollem luder
Neumarck fortgepfl. musik. poet. lustw. (1657) 151;
volle schlacht:
solt mich schon der feinden macht
umbringen rund mit voller schlacht
Weckherlin ged. 2, 97 F.;
sehr oft voller genusz: im vollen genusz der üppigen ... gegend Gutzkow zauberer von Rom 2, 32. — voller frieden, volle ruhe, volle sonntagsruhe u. ä.; es ist volle sonntagsstille um mich her Storm w. 1, 60 (1899). besondere verbindung: das volle drunter- und drüber von Jakobinern Göthe 29, 100 W.
i)
die sprache hat so gut wie unbeschränkte freiheit voll mit abstracten zu verbinden und damit den ganzen inhalt des begriffes zum ausdruck zu bringen oder ihm eine besondere energie zu geben. zahlreiche verbindungen sind im gebrauch fester (voller eindruck, ausdruck, reiz, voller aufschlusz, volle wahrheit, volle teilnahme, volle würde, voller beweis, volles verständnis, voller erfolg, voller besitz u. a.). die fülle der losen verbindungen ist unbegrenzt, besonders leicht verbindet sich voll mit den wörtern auf -heit und -ung. — di gotliche weishait muzze alle eur sache richten nach dem besten und zu eurem vollen trost privatbr. des mittelalters 1, 4 Steinhausen; er wird mich mit vollem troste von dir scheiden lassen Brentano ges. schr. (1852ff.) 4, 40; ich bin komen, das sie das leben und volle genüge haben sollen Joh. 10, 10; eines dings ein überflusz und volle gnüge haben Maaler 472ᶜ;
keines herzen gebrachs an der vollen genüge des mahles
(οὐδέ τι θυμὸς ἐδεύετο δαιτὸς ἐίσης Il. 1, 468)
Bürger 191ᵇ Bohtz;
zu deren vollem und leichtem verständnisz Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 1, 2; die wir nachmals an unsrem hof bei dem Nero in voller gnade gesehen haben A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 285; (einige sonaten) erwarben mir wieder seine volle gunst Schubart leben u. gesinnungen 1, 56; der volle wahre ausdruck (seiner augen) öffnete ihre brust maler Müller w. (1811) 1, 220; handwerker, der volle ursache hat, auf seiner hände werk sich etwas einzubilden Holtei erz. schr. 1, 36; um den streit zu vollem ausbruch zu bringen Ranke s. w. 8, 128; sie sollen in einigen minuten den vollsten aufschlusz haben Brunner erz. u. schriften 2, 74; ich hatte nun erst den vollen eindruck von dem anheimelnden des lokales Fontane ges. romane u. nov. (1890) 7, 75; einen vollen und ungestörten überblick über die lokalen verhältnisse v. Barth Kalkalpen 324; ungewöhnlich: würde das Gamskar den vollen zutritt nach meinem ziele mir verwehren 622; mit vollen ehren aus dem verwickelten handel herausgekommen Bismarck ged. u. erinn. 2, 32 volksausg.;
das grasze grünt in vollem pracht
Opitz poemata 51 ndr.;
und deiner weisheit schlusz den vollen zweck erreicht
Gottsched ged. (1751) 1, 303;
sein voller anblick, sein gespräch
Lessing Nathan 3, 3.
vgl. etwa: hier hat man endlich den vollen anblick des meeres.
er glaubt Dianen selbst ...
... in vollem reiz zu sehn
Pfeffel poet. versuche 1, 42;
schwelgend in der blüthe vollem prangen
Lenau w. 278 L.;
in älterer sprache; mit vollem werck, durchaus, stark wirkend (vgl. mit voller wirkung): die euszern gestirn wircken im menschen, also auch die innern gestirn dess menschen wircken auch in den euszern, wircklich und mit thaten: das ist, mit vollem werck jhe eins gegen dem andern Paracelsus opera (1610) 2, 50; in vollem werck, wirklich, thatsächlich:
ein böser traum sehr trawrigklich
in vollem werck erzeiget sich
Spreng Ilias (1610) 135ᵃ;
vgl.:
all sein wort und weiser rath
steht für mir in voller that
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 355ᵇ.
einige beispiele für die beliebte verbindung von voll mit wörtern auf -heit und -ung: bis dahin in voller sicherheit auf seinem throne gesessen Bodmer samml. crit. poet. schr. 1, 40; in voller schönheit Herder 22, 77 S.; gott ist die volle einheit Schleiermacher III 4, 2, 166; die ehe in ihrer vollen heiligkeit A. v. Droste-Hülshoff br. an Schücking 224; in voller ernsthaftigkeit Bismarck ged. u. erinn. 1, 100 volksausg.;
seinem zepter ehre geben,
heiszt in voller freyheit leben
Gottsched ged. (1751) 1, 107;
wenn die volle gewiszheit zeugt
Klopstock oden 2, 94 M.-P.;
brod und wein, die zwei gestalten,
sind nur zeichen, sie enthalten
gottes volle wesenheit
Brentano ges. schr. 1, 155.
vgl. als beispiele häufigerer verbindungen: volle thätigkeit, deutlichkeit, aufrichtigkeit, selbständigkeit, unabhängigkeit, gegenseitigkeit. — Gervinus braucht volle mannigfaltige neuheit (gesch. d. d. dichtung 5, 17); gewöhnlicher: völlige neuheit. folgends pflaster leg hernach uber disz zu voller heilung Wirsung artzneybuch (1588) 59ᵈ; ich habe leider so volle erfahrung Göthe 39, 31 W.; dieser findet auf den Aristophanes volle anwendung Fr. Schlegel w. 1, 41; eine volle tragische wirkung Athenäum 1, 174; meine vollste billigung Gutzkow ritter v. geiste 6, 178; um die vollere zustimmung ... zu gewinnen zauberer von Rom 9, 285; eine späte aber volle beantwortung (der frage) Lotze mikrokosmus 1, vii; (das) in voller auflösung begriffene ... heer Mommsen röm. gesch. 2, 15; eine volle entzweiung Ranke s. w. 40/41, 379; wo die noch halb getrennten elemente ihrer liebe ... in volle süsze gärung überschlugen Mörike w. 3, 149 Göschen; in voller erinnerung Scheffel w. (1907) 3, 21. — vgl. noch von häufigeren verbindungen: volle bedeutung, entfaltung, entwicklung, erscheinung (in volle erscheinung treten), empörung, überzeugung.
4)
voll näher bestimmt durch die bezeichnung eines inhaltes.
a)
gemeingermanisch ist die anwendung des genitivs, vor- oder nachgestellt gramm. 4, 729; tainjons fullos gabruko Marc. 8, 19; ahmins weihis fulls Luc. 4, 1;
tak viđ hrímkalki
fullom forns mjađar
Skírnism. 37;
sē (grab) wæs innan full wrǣtta ond wīra Beow. 2412;
idis enstio fol
Hel. 261;
fol bistu gotes ensti
Otfrid 1, 5, 18;
die ältere sprache bewegt sich freier als das nhd.; sie setzt den gen. auch zu flectierten formen des adj.:
manege scilde volle   man dar scatzes truoc
Nibl. 317, 1 B.;
mangen dûhte daz daz wîte velt
vollez frouwen wære
Parz. 671, 19.
gott grüz dich, du volle gnaden Zwingli deutsche schr. (1828ff.) 1, 92. noh tu nemaht nieht follen munt haben melues unde doh blasen Notker 1, 595 P. von anfang an verbindet sich voll ohne jeden zwang mit dem genitiv eines abstractums. Luther hat bekanntlich bei der übersetzung von Luc. 1, 28 sich von dem durch die vulgata (gratia plena) im gebet herkömmlichen vol der gnaden, vol gnaden abgewendet und begründet das im sendbrief vom dolmetschen aus sprachlichen bedenken: wo redet der deutsch man also: du bist vol gnaden? und welcher Deutscher verstehet, was gsagt sey, vol gnaden? 30, 2, 638 W. (vgl. K. L. Schmidt theolog. blätter jg. 11 nr. 2 sp. 33). — Luthers bedenken kann sich nicht auf die verbindung mit einem abstractum an sich beziehen, denn dafür bietet er selbst zahlreiche beispiele, von denen einige in den folgenden abschnitten angeführt werden; die schwierigkeit liegt für ihn in der verbindung gerade mit diesem wort gnade; es ist doch schlieszlich der theologe, der hier urtheilt. voll der gnade kann vom sprachlichen standpuncte aus auch im 16. jh. nicht beanstandet werden. Luther liebt es, vol des nachdrucks wegen zu verdoppeln: und was der gleychen spruch das euangelium vol vol ist 15, 698 W.; das du voll voll gottes werdest 17, 1, 438. auch dreifaches voll findet sich: und dyser lere ist die gantze schrift voll, voll, voll 2, 107; lesterung, der sye voll, voll, voll stecken 8, 682. im entwickelten nhd. tritt die verbindung mit dem genitiv vor andern zurück, soweit die umgangssprache befragt wird; dagegen ist sie in der literatursprache durchaus lebendig. Adelung bemerkt, dasz es gewählter klingt, wenn der genitiv vorausgeht. der älteren sprache ist diese stellung natürlicher, wenn auch die andere nicht selten ist, in der neueren ist sie seltener (s. die belege). das zum genitiv, mag er vor oder nach stehen, tretende adj. wird beim m. und n. sing. schwach gebildet süszen weines voll, becher frischen wassers voll, voll süszen weines, voll frischen wassers, doch kommen auch starke formen vor (z. b. bei Klopstock). — im entwickelten nhd. wird der genitiv bei voll mit vorliebe dann gebraucht, wenn das subst. nachsteht und eine adjectivische bestimmung bei sich hat. diese zusätze (oder der artikel) lassen eben in vielen fällen erst den genitiv erkennen.
α)
die angabe des inhaltes geht voraus: die wirkung der verbindung ist verschieden, je nachdem ein oder mehrere genitive zu voll gehören, je nachdem der bestimmte artikel verwendet wird, besonders aber je nachdem der genitiv mit einem attribut versehen ist. die verbindung mit einem attribut erleichtert im entwickelten nhd. die anwendung des genitivs bei voll. ein genitiv mit artikel oder pronomen geht voraus: denn ich bin der rede so vol, das mich der odem in meinem bauch engstet Hiob 32, 18; das gantz griechisch land ist der meinung voll worden Frisius dict. (1558) 920ᵇ; dan du hast deynes selben beyde hendt vol Luther 2, 122 W.; eim ieden gefellt sein weise wol, drumb ists land der narren voll sprichwörter (1548) 58ᵃ; des schalcks vol sein 37ᵃ; er ist diser leer ganz voll (praeceptorum plenust istorum ille Ad. 412) Boltz Terenz (1539) 95ᵃ;
syt wenn sindt ir der kunst so vol
Murner narrenbeschw. 2, 4 ndr.;
bezechet und des weines voll
Spreng Äneis (1610) 145ᵃ;
es ist nichts der schwierigkeit so voll,
daz es mein vornehmen hemmen sol
Neumark fortgepfl. mus.-poet. lustw. (1657) 1, 272;
läszt, des giftes voll zu seyn,
sich noch die zweyte (flasche) reichen
Hagedorn poet. w. (1764) 3, 33;
so wandert er, an leichtem stabe,
aus Rhegium, des gottes voll
Schiller 11, 240 G.;
ein rudel hirsche,
der weide voll (full of the pasture)
Shakespeare, wie es euch gefällt 2, 1;
die augen sehn den heiland wohl
und doch sind sie des heilands voll
Novalis schr. 1, 82 Minor
also das er vil wiszt und der sprüch und gsatz voll und fertig war S. Franck weltb. 118ᵃ. attribut beim genit.: Elisabeth ward des heiligen geists vol Luc. 1, 41; wenn doch euer Jesus schon von mutterleib an des heiligen geistes voll war Strausz ges. w. 4, 88; des schönsten, wärmsten lobes voll Stifter w. (1904ff.) 14, 29;
Venus lag ohn sorg und zagen
gantz desz sanfften schlaffes vol
Opitz poemata 106 ndr.;
denn der wunderlichsten richter
ist die liebe welt so voll
Göthe 3, 164 W.
kühn mit auslassung des grammatischen subjects:
des wassers ist hüben und drüben voll
2, 37 W.
β)
vorausgestellter genitiv ohne artikel: innerlich gottes vol Eberlin v. Günzburg 2, 49 ndr.;
das unser schiff schier ist wassers voll
schweiz. spiele d. 16. jh. 3, 31 Bächtold;
waren weines vol
Sachs 8, 529 K.;
mein hertz ist zu im willens vol
Forster fr. teutsche liedlein 43 ndr.;
also ein mensch verstandes vol
sich nicht der welt befleiszen sol
Ringwaldt lauter warheit 15;
der wäre neides voll Rist d. friedewünschende Teutschl. (1648) 32;
doch werden sie verwunders voll
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 341ᵃ;
verdrusses voll (full of vexation) erschein ich
Shakespeare sommernachtstraum 1, 1.
mehrere genitive: myn göttlichen oren wurden spottes und lasters voll d. ewigen wiszheit betbüchl. (1518) 8ᵃ;
sagt, wie ist das land zu nennen, welches kunst und reichthums
voll
Grob dicht. versuchg. (1678) 46.
zum genit. tritt eine adjectivische bestimmung: züchtig von loblichen syten und guͦter gewonheyt vol Arigo decamerone 277 lit. ver.; ihr seyt mehr dan aller maledeyung vol Luther 6, 621 W.; süszen weines voll Mommsen röm. gesch. 1, 204 (nach ap.-gesch. 2, 13);
dort wirstu ewigs jamers vol
Schwarzenberg teutsch Cicero (1535) 135;
o muse tieffer weiszheit vol
Spreng Ilias (1610) 22ᵃ;
die (lippen) nichts als manna sind und süszen zuckers voll
Opitz poemata 186 ndr.;
lustigen leichtsinns voll,
voll verwegener schalkheit,
schnell verlodernder flamme voll
Ramler lyr. ged. (1772) 94;
männer traten hervor, hoher erkenntnisz voll
Denis lieder Sineds (1772) 128;
zwo goldne schalen,
heiliges räuchwerks voll
Klopstock Messias 1, 340;
die zeit stellt, heiszen drangs voll, die gemüter
auf eine schwere prob
H. v. Kleist Hermannsschlacht 1, 3.
b)
häufiger ist die nachstellung des genit.
α)
mit artikel: gegrüszt seistu vol der genaden erste d. bibel 1, 197 lit. ver.; vergangens alters und vol der tage 3, 121; din gemüt voll der schulden Niclas v. Wyle translationen 29 lit. ver.; die erde ist vol der güte des herrn ps. 33, 5; der brauchte allein ein schiffvoll des Brasilienholtzes Sperling Nicodemus quaerens; der jünger wandte sich von ihm ab, voll des entsetzens Aurbacher ein volksbüchlein 6;
voll des gesichtes im auge,
voll des entschlusses im herzen
Denis lieder Sineds (1772) 89.
wurden alle vol des heiligen geists ap.-gesch. 2, 4; voll der groszen hornuseln und wespen Kirchhof wendunm. 1, 298 lit. ver.
β)
gewöhnlich ohne bestimmten artikel: exosus vol hasszis Diefenbach gl. 217ᶜ; flagitiosus vol quaets 237ᶜ; fraudulentus vol betrugs 246ᵇ; sensuosus vol syns 527ᵃ; ventosus, vol windes nov. gl. 378ᵇ; voll weyns Maaler 472ᵃ; die stadt ist voll weinens, voll traurens Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702), 1209ᶜ; denn wird unser mund vol lachens und unser zunge vol rhümens sein ps. 126, 2; des herrn schwert ist vol bluts Jes. 34, 6; ire augen waren vol schlaffs Matth. 26, 43; ein gefesze vol essiges Joh. 19, 29; augen vol ehebruchs 2. Petri 2, 14; etliche ort, die voll luffts seind Herr feldbau (1551) 31ᵇ; man kan einem die nasen nicht abschneiden, das maul und gesicht wird voll bluts Lehmann floril. polit. (1662) 1, 231; mein herz war voll jammers Zimmermann über die einsamkeit 1, vi; ich bin voll schlafs Schiller br. 1, 122 J.; ich bin voll willens an die arbeit gegangen Hölderlin 2, 68 Litzmann; eine welt voll frühlingsonnenlichtes Storm w. (1899) 1, 51;
do sie vol gnaden wart genant
von dem engel Gabriele
Heinrich v. Hesler apokalypse 15270;
du bist weis und voll verstandes
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 311;
und endlich nicht besasz auch einer hand voll erden
Hoffmannswaldau u. anderer Deutschen gedichte 1, 227;
wo alle augen voll wunders auf ihn starrten
Wieland d. neue Amadis 2, 20.
ungewöhnlich:
also magst du, mein sohn,
voll meiner unterhin zu deinem vatter dringen
Opitz Trojanerinnen 949.
mehrere genitive: voll kumbers und jamers Maaler 492ᵃ; das leben ist sonst voll elends, kranckheit und unglücks Lehmann florileg. polit. (1662) 1, 233;
gegen eine welt
voll kriegs und truges
Schiller 14, 29 G.
adjectivische bestimmungen auszerordentlich beliebt: eine welt voll böser buben Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702), 1209ᵃ; (insel) vol alter gemeuer Arigo decamerone 91 lit. ver.; sie sind voll süszes weins ap.-gesch. 2, 13; welches gesatz vol ist aller billichen, heylsamen, nützlichen und eerlichen gebotten Eberlin v. Günzburg 1, 145 ndr.; eine gutsche voll reisender leute Grimmelshausen 2, 346 Keller; seine Uranias ist voll trefflicher stellen Lessing 8, 17 M.; einen groszen korb voll schmutziger wäsche Gerstenberg schlesw. lit. br. 145 lit. dkm.; ein endloses geschwätz ... voll leerer worte, voll widersprüche und tautologieen Herder 22, 102 S.; die lippen voll süszen gebets maler Müller w. (1811) 1, 40; eine stube voll artiger enkelchen Schiller neffe als onkel 1, 4; voll stiller andacht Novalis schr. 4, 13 M.; sie war ... voll witziger einfälle Mörike w. 3, 31 Göschen;
ein tieffen korb vol schöner eyer
Scheit Grob. 13, 65 ndr.;
der sich vorhin so prächtig trug,
ist nun ein sack voll dürrer beine
Königsb. dichterkreis 45 ndr.;
immer voll heiszes durstes nach troste
Klopstock Messias 9, 126;
voll sichres stolzes
oden 1, 11 M.-P.;
einen ziegenschlauch
voll fröhlichenden weins (οἶνον ἐύφρονα Il. 3, 246)
Bürger 153 Bohtz;
darum schick ich dir eilig die frucht voll irdischer süsze
Göthe 2, 130 W.;
ein lockres lied voll frecher liebesbitte
A. v. Droste-Hülshoff 2, 230 (1879).
c)
einige besondere wendungen: wes das hertz vol ist, des gehet der mund uber Matth. 12, 34;
denn wes die hertzen voll, des gehn die augen über
Henrici ernst-. scherzh. u. sat. ged. (1727ff.) 1, 170;
vgl.: von der feuchte, welcher der hof im winter voll ist Sebiz feldbau (1579) 28;
zu meinem vater, dem ich gleich
den traum erzählte, desz so voll ich war
Stolberg ges. werke 5, 15.
in der folgenden stelle vertritt so den genitiv eines relativums: ist euch daz geschrey, so nun zuͦmal gantz Britanien voll ist, auch zuͦ wissen Wickram 1, 122 lit. ver. in der älteren sprache werden verben wie vol haben, vol machen gern mit dem genitiv verbunden, die neuere sprache ist unfreier: welche die sieben schalen vol hatten der letzten sieben plagen offenb. 21, 9;
gwis must deins preies ain maul voll haben
und dan zur schelmenzunft fortraben
Fischart glückh. schiff kehrab v. 55;
ein ehman, der sein hausz voll hab der zweygelein,
in den desz vaters kunst gantz abgemahlt erschein
Zinkgref auserl. ged. 46 ndr.;
solche trachten ... machen den magen nur voll bloszer dünste Moscherosch insomnis cura parentum 49 ndr.; bereite eine lampe und giesze sie voll öls Klinger w. (1809) 4, 17; gewählt, für das gewöhnliche giesze sie voll öl. andere wendungen: (die leute) iczund sy aller er und tugend vol sahen Arigo decam. 660 lit. ver.; da befand sich der junckherr vom meer aller freuden voll Amadis 1, 55 lit. ver.;
das er (der acker) der narren wachszt so fol
Murner narrenbeschw. 1, 119 ndr.;
du und jener wilde teufel
säen das gefilde voll
edler leichen
Tieck schr. (1828) 1, 378.
sich voll trinken, essen mit gen. s. unter 9.
d)
im ags. kommt ful mit dem dativ, der hier den instrum. vertritt, verbunden vor:
geseah unrihte   eorđan fulle
ags. genesis 1292;
im ahd. und mhd. scheint diese verbindung nicht vorzukommen, im nhd. findet sie sich gelegentlich, s. Kehrein gr. d. d. sprache 3 § 220; 'diese art ist die seltenste, und gehöret mit zu den dichterischen freiheiten' Adelung (er meint, dasz hier von ausgefallen sei!); er belegt sie aus Klopstock und Weisze. — wäld und gestend voll vöglen Maaler 472ᵇ; ein husz zuͦ aller zyt foll erber gesten Niclas v. Wyle translat. 18 lit. ver.; vol groszen leide Fierrabras g 1; ein kavalier vom ersten hause — voll talenten und kopf Schiller Fiesko 2, 4; mit einem gesicht voll liebe, voll zurückhaltendem heldenmuthe Herder 3, 14 S.; ein buch soll unsinn und sinn, voll scherz und voll ernst, voll eignem und fremden Cramer Neseggab (1791ff.) 1, 13; mit seinem küchenwagen voll eiern Brentano ges. schr. (1852ff.) 5, 111; die welt ist voll prophetischem feuer Bettine dies buch gehört d. könig 1, 293; den kopf voll eigensinnigem verstand Kerner kleksographien 33; Pest in völlig ebener reizloser gegend, aber voll leben und regem treiben Moltke ges. schr. 1, 108;
ein reugeängster geist, ein sinn voll wahrem schmertze
Fleming dsche. ged. 9 L.;
ihr offnes blaues aug, voll sicherm selbstvertrauen
Wieland d. neue Amadis 3, 14;
von pomeranzenschalen
voll versuckertem anis
Brentano ges. schr. 2, 467.
dieses matte, welkende gesicht,
voll zügen tiefes schmerzens
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 1, 321 Cotta;
euer glück
voll heimlichem behagen
Gerok auf einsamen gängen 7.
e)
sehr selten mit dem gekennzeichneten accusativ: mit einer groszen pfannen voll starcken haberbrey Grimmelshausen Simpl. 3, 362 Keller;
du lassest mich dan, herr, von dir voll härtigkeit
und voll gerechten zorn, an dich voll güttigkeit,
lieb und gnad, appellieren
Weckherlin ged. 2, 190 F.;
du kommst aus rosengebüschen
in meine schatten, voll glanz und majestätischen liebreiz
E. v. Kleist 1, 189 Sauer.
diese entgleisung erklärt sich aus der verbindung mit unflectierten formen.
f)
wenn mit voll der genitiv ohne artikel oder sonst einen den casus kennzeichnenden zusatz verbunden wurde, so konnte die vorstellung entstehen, dasz der nom.-accus. vorliege, vor allem beim plur., aber auch beim gen. sing. eines fem.: voll läme, articularius Maaler 472ᵃ; darnach setzte man auch im sing. den nom.-acc.: die liebe ist voll honig und gal Maaler 472ᵇ, und den plur. nom.-acc., wo der genitiv hätte bezeichnet werden können: voll junge, tragend Maaler 472ᵇ; voll irrtum erroris plenus; voll bley plumbosus Stieler 2389, 2390; eine nacht voll furcht, das meer ist voll seeräuber, ein flusz voll fische, ein mensch voll hertze, du bist voll liebe. Adelung bezeichnet das als den gewöhnlichen sprachgebrauch: ein beutel voll geld, eine scheuer voll getreide, der hafen war ganz voll schiffe; voll erwartung sasz ich da. Adelung meint wunderlicher weise, dasz auch hier ein von ausgelassen sei, obgleich er wohl bemerkt, dasz der genitiv wieder eintritt, so bald das subst. mit einem attribut verbunden ist (teller voll suppe, teller voll warmer suppe). Campe sagt, dasz dieser gebrauch sich 'nur für das gemeine leben und für die vertrauliche schreibart' eigne.
α)
der nom.-acc. kann nicht vorausgestellt werden (die scheune ist getreide voll), natürlich aber in älterer sprache, so lange der genitiv noch gefühlt wurde; dann aber auch, wo die nom.-acc.-form zweifelhaft ist, in anlehnung an zusammensetzungen wie kummervoll. beispiele finden sich noch im 18. jh.:
ich weisz ein apt, ist wiszheit vol
Gengenbach 41 G.;
ich thu ein rose loben,
ein rose tugent vol
Melissus bei Zinkgref auserl. ged. 8 ndr.;
ich bin begierde voll
zue schreiben
Opitz poeterei 21 ndr.;
wir sind hier furcht, sie (die verstorb.) friede voll
Fleming dtsche ged. 257 L.;
dem der wanst zerschwüllt, dieweil er hoffart voll
Logau sinngedichte 164 E.;
weisz nicht, wo ich leben sol,
denn mein hertz ist trawren voll
n. Venusgärtlein 7 ndr.;
o herr! hier bleib ich oft erstaunt und wunder voll
Neukirch ged. (1744) 99;
auf ros und lilien vollen wangen
Chr. F. Weisze lieder für kinder (1767) 30;
einsam wandelt er oft, sterbegedanken voll
Hölty ged. 114 Halm.
β)
unflectierte form des subst. stellt sich besonders nach ausdrücken wie hand voll, arm voll ein (s. oben 1, q), entsprechend dem gebrauch nach maszen und gewichten (ein masz bier, ein pfund speck); gelegenheitswendungen schlieszen sich an; hier ist auch in moderner sprache der brauch fest, wenn der begriff des maszes betont wird. es wird unterschieden zwischen ein korb voll (korb betont, voll unbetont) eier und ein korb voller eier, voll von eiern; eine hand voll leute, nicht eine hand voller leute. — ein arm voll holtz, eine hand voll mehl, ähren, ein mund ò maul voll brod, ein leffel voll brühe, ein kübel, zuber, butte voll wasser, ein fasz voll brandewein, ein korb voll wäsche, ein sack voll korn, eine schürtze voll äpfel, eine stube, ein hausz voll kinder, ein tisch voll leute, ein galgen voll diebe Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 1209ᵃ; wilch fuder voll alfentzerey sind da Luther 8, 296 W.; einer wannen voll flöh hüten sprichwörter (1548) 144ᵃ; in einem löffel voll schwartz kirschenwasser Gäbelkover artzneyb. (1596) 1, 45; eine schnur voll zahlperlen Grimmelshausen Simpl. 3, 32 Keller; (kühn:) nimm drey gute hände voll das grüne von den welschen nüssen Walther pferde- u. viehzucht (1658) 150; wer glück und ein nuszschal voll hirn im kopff hat Lehmann floril. polit. (1662) 1, 367; hundert kärch voll gedancken bezahlen nit ein hand voll schuld 1, 263; es möchten die fürsten die leiche noch mit einer hand voll erde beehren Lohenstein Arminius 1, 28ᵇ; so bald man mit einem beutel voll geld klirrte Rabener w. 4, 164; er und wir wären eine hand voll esel Göthe 43, 220 W.; giebt ihm eine hand voll kupfermünze Nestroy ges. w. (1890ff.) 1, 9; mit einem ganzen doktorbuche voll krankheiten O. Ludwig schr. 2, 17; einen ganzen sack voll neuigkeiten Fontane I 6, 19; uns zu einem bauchvoll magerfleisch zu verhelfen Bücher arbeit u. rhythmus² 225;
wie es (das thier) zerschmisz gantz wäld voll buchen
Fischart Garg. 10 ndr.;
ein andrer speiset sich mit einer hand voll wind
Hoffmannswaldau u. anderer Deutschen ged. 6, 133;
weit unerschöpflicher als so ein grab
voll mammon
Lessing Nathan 2, 3;
vorausgestellt: gottes armut ein secklein voll Eyering prov. copia (1601) 2, 674.
γ)
voll mit substantiven verbunden, die an sich als genitive gefaszt werden könnten; plurale: frondosus vol zwige Diefenbach gl. 248ᶜ; exnodosus vul knope nov. gl. 261ᵇ; es war vol ehbrecher Alberus (1540) 71ᵃ; die kirch ist drungenvoll leute Kramer teutsch-ital. dict. 2, 1209ᶜ; das haus aber war vol menner und weiber richter 16, 27; du machest das land vol früchte ps. 104, 13; hättest du nur deinen wanst voll steine maler Müller w. (1811) 1, 167; er ist so voll geschichtchen Klinger theater 3, 183; ihre reichen wiesen sind voll klösterbrüder und einsiedler Ritter erdkunde 1, 216; (geschichtserzählung) voll irrthümer Niebuhr röm. gesch. 1, 2;
ein hof voll hühner sah ihn leiden
Lichtwer Äsop. fabeln (1748) 14;
voll künste deine (Berlins) thore, felsen deine häuser
Ramler lyr. ged. (1772) 99.
in allen diesen fällen ist jetzt das erstarrte voller (s. unter 4 i) gebräuchlicher. der comparativ:
ich mein, du syest völler narren
dann der summer mugken
N. Manuel 227 Bächtold.
δ)
ebenso könnte an sich die form des subst. auch als genitiv gelten in der sehr beliebten verbindung von voll mit einem f., besonders mit abstracten: facinorosus, vol boszheit Diefenbach gl. 222ᵃ; wir sind seer vol verachtung ps. 123, 3; ihre brüste waren voll milch Prätorius Anthropodemus pluton. (1666) 2, 94; aus fettem erdreiche blühend und voll farbe geboren Kretschmann w. (1784ff.) 1, 2; gemüth voll tugend und voll unschuld Geszner schr. (1777ff.) 1, 14; meine kinder voll hoffnung Schiller räuber 5, 2 schauspiel; diese tage waren wir voll unruhe Göthe br. 21, 422 W.; augen, voll milde und duldung Steffens was ich erlebte 1, 31;
wie ist min herz vol angst und pin
N. Manuel todtentanz 41 Bächtold;
vol unzucht schamloser boszheit
Sachs 2, 83 K.;
herr, heile, heile mich,
weil ich voll schwachheit bin
Fleming deutsche ged. 1, 4 L.;
so voll sehnsucht, und so suchet voll zärtlichkeit
seinen Cäsar das vaterland
Ramler lyr. ged. (1772) 192;
Jupiters adler wacht,
beym lied vom Herman, schon vol entzückung auf
Klopstock oden 1, 12 M.-P.;
schön wie engel voll Walhallas wonne
Schiller 11, 9 G.;
dieser blick voll treu und güte
Göthe w. 1, 70 W.;
wer ist der, des gram
so voll emphase (emphasis) tönt
Shakespeare, Hamlet 5, 1.
neben voll mit dem gen.: voll andacht oder voll aberglaubens Kästner verm. schr. (1755) 1, 9. — neben voller:
o tag voll angst! o stunde voller wehe
Neukirch ged. (1744) 68.
voll im comp.: dann unser gemüte stäte voller ist betrigung dann liebe oder treue Arigo decamerone 176 lit. ver.
ε)
mit dem nom.-acc. verbunden, das subst. kann kein attribut bei sich haben: grex ein schar vol vich Diefenbach gl. 269ᶜ; opulentus vol richstum nov. gloss. 272ᵇ; wenn der bauch voll speiss und tranck ist, so ist das maul auch voll wort Luther 10, 1, 1, 32 W.; den meyen voll wind begert das baurengesind Fischart aller prakt. groszm. 18 ndr.; sachen und geschäfft, die ein schön angesicht haben, sind offt dahinden voll wust und gestanck Lehmann floril. polit. (1662) 1, 300; (wenn) Macbeth voll königsmord den blutigen dolch vor sich sieht Herder 6, 10 S.; seine hände und kleider voll blut Iffland theatral. werke (1827ff.) 2, 158; griff voll eifer zu feuer und schwert Göthe 21, 119 W.; (land) sehr goldreich, voll korn, voll städte an flüssen Ritter erdkunde 1, 149; eine seestadt voll verkehr Niebuhr röm. gesch. 1, 21; dampfschiffladungen voll mastvieh W. H. Riehl deutsche arbeit 79;
ich gelaub, ier seyt al vol wein
passionsspiele aus Tirol 241 Wackernell;
darzu denn königlichen thron
seh ich leer und vol staub da stohn
griech. dramen 1, 143 D.;
o haupt voll blut und wunden
voll schmertz und voller hon
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 413ᵃ;
ihr loos voll herrlichkeit
und voll tumult
Gotter ged. (1787) 1, 12;
wie bin ich, gnädigster, voll unmuth und verdrusz
Göthe 16, 21 W.;
ach gott! du weiszt nicht, wie voll brand mein hirn
A. v. Droste-Hülshoff 2, 116 Cotta.
der nom.-acc. ist durch einen zusatz deutlich gekennzeichnet: voll rietgras, wegrich ... und andere kräuter Sebiz feldbau (1579) 14; die schachtel ist von tannenholz gemacht, und voll dünne stäbgen Claudius 3, 98; wiese voll gelbes gras Jean Paul 2, 10 R.; tranken sich voll kaltes wasser Keller w. (1892) 4, 255. — nom.-acc. vorstehend und getrennt: ein sölches (gerede) ... die gancze stat vol was Arigo decamerone 348 lit. ver.
g)
voll mit von verbunden.so schon ahd.:
thu findest fol den salmon   fon thesen selben thingon
Otfrid 4, 28, 23;
mhd. belege verzeichnet Lexer 3, 433; mnd.:
ick kenne Brunen schalck unde quaet
unde vul van groter overdat
Reinke de vos 2220;
voll und gespannen uter von milch tenta ubera Maaler 472ᵃ; von einem geträncke voll, i. e. betruncken Steinbach 2, 903; in beiden fällen bezeichnet von deutlich den grund des zustandes. Stieler bringt keine beispiele. das glas ist voll von bier. das haus war voll von menschen. voll von hochmüthigen gedanken Adelung; diese form, sagt er, werde jetzt selten mehr gebraucht, auszer 'wenn die ganze redensart elliptisch oder in gestalt eines mittelwortes stehet: voll von unaussprechlicher freude kamen wir auf unser zimmer oder, wenn das voll hinter das nennwort gesetzt wird, welches besonders in der höheren und dichterischen schreibart üblich ist: von wein und liebe voll'. ferner dann, wenn in einer relativconstruction voll nachgestellt wird: die erzählung dieser begebenheiten, von welchen ich ganz voll war. — Campe bemerkt nur, dasz die verbindung mit dem genitiv kürzer und kräftiger sei.
α)
die von Adelung als selten bezeichnete nachstellung des mit von angeknüpften satzgliedes ist in neuerer sprache ganz gewöhnlich; unmittelbar folgend: dise bluͦmen sind vol von disem edlen geschmacke Tauler sermones (1508) 27; summa de heele schrifft ys vul unde vul darvan Rotmann restitution 102 ndr.; eine hand voll von den kleinen brennnesseln Grimmelshausen Simpl. 3, 366 Keller; denn es ist alles voll von lächerlichen fehlern Rabener w. 1, 180; die ältesten morgenländischen sprachen sind voll von ausrüffen Herder 5, 10 S.; die andere (schale) voll vom blut der versöhnung Schiller räuber 5, 1 schauspiel; ein bursch von unendlichem humor, voll von den herrlichsten einfällen (of most excellent fancy) Shakespeare Hamlet 5, 1; den koffer voll von manuskripten, das herz voll von hoffnungen O. Ludwig ges. schr. 2, 399; ein mann voll von geist Ranke reform. 1, 191;
paide steyg und stege
wurden von den leutten vol
Heinrich v. Neustadt Apoll. 11194;
wann einen Bacchusknecht ich voll von weine schau
Logau sinnged. 337 E.;
mein wammes ist rundt umb nicht voll von rosen
Voigtländer oden u. lieder (1642) 77;
immer dunkler wird die nacht um dich
und voller von segen
Klopstock oden 1, 136 M.-P.;
horcht auf bardenlieder
voll von der väter that
Kretschmann w. (1784ff.) 1, 62;
wie soll ich denn dein freund nun sein,
du Franzmann, voll von list
Rückert w. (1867ff.) 1, 54;
jetz is heunt wieder 's ganze haus
ganz voll von fremde leut
Stieler ged. 4, 43 Reclam.
getrennt: voll war ihre seele noch von hohen, trunknen bildern maler Müller w. (1811) 1, 60; aber voll ist dieses kleine stück von echt komischen zügen Solger nachgel. schr. (1826) 1, 4. die ganze gruppe als bestimmung zu einem verbum (so ist voll von nach Adelung zulässig): voll von diesem unwiderstehlichen, was allein brüder macht, ... umarmten sie sich Lenz schr. 3, 293 Tieck.
β)
von mit dem subst. vorausgestellt, nach Adelung der gehobenen sprache eigen: das ist so von manicherley yrthum vol Luther 8, 271 W.; dieser hut, von gold gestrichen voll Schiller Fiesko 3, 7; ein volles, ganz von einer empfindung volles herz Göthe Götz I schausp.; brachte von den schlechten kleidern, die drauszen lagen, einen arm voll herein Stifter w. (1901ff.) 3, 28;
nider aber truckt mich der sack
welcher von lusten voll gepackt
Gilhusius gramm. (1597) prol. 13;
ist doch selber wohl
von grimm und bittren hasz gestopft, gepfropffet voll
Rachel satyr. ged. 103 ndr.;
es sind von gottes werken
und seiner majestät der himmel himmel voll
Brockes ird. vergnügen 2, 2;
wenn von wein und liebe voll,
ein gast zu viel begehret
Ramler lyr. ged. (1772) 109;
dein von zärtlichkeit volles auge
Klopstock oden 1, 22 M.-P.;
vor- und nachstellung:
sein auge voll feuer, von göttlichem grimm voll,
tödtete
Messias 4, 71.
davon vorausgestellt:
darvon man findt die bücher vol
Scheit Grobian. v. 2272;
von mit dem relat.: von welchem der schnitter seine hand nicht füllet, noch der garbenbinder seinen arm voll ps. 129, 7; von hingekleckten characteren, von denen alle unsere bärtige und unbärtige schulübungen so v. Lenz schr. 2, 212 Tieck.
γ)
voll von etwas sein, den kopf, das herz voll von etwas haben ist besonders häufig in dem sinne von innerlich beschäftigt sein mit etwas, stark eingenommen sein von etwas; besonders tritt dieser sinn hervor, wenn von mit einer person verbunden ist. der sinn kann auch sein, dasz man von etwas spricht, etwas lebhaft bespricht (die ganze stadt ist voll von der geschichte). — so geht es, wenn ein genie von seiner materie voll ist Lessing 8, 44 M.; Heinrich war zu voll von demjenigen, was ihm in Deutschland begegnet M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778ff.) 2, 288; noch voll von Wien Hamann br. 1, 240; war der gute prediger so v. von seiner abhandlung Hippel lebensläufe (1778ff.) 3, 1, 6; er war so v. von seinem traume, dasz er sich entschlosz, seine frau zu wecken Brentano ges. schr. (1852) 5, 91; meine frau ist ganz v. davon (von einem aufsatz) Dahlmann im briefw. mit Jac. u. W. Grimm u. Gervinus 2, 323;
(des menschen hirn) ist doch manchmal auch
so plötzlich voll! von einer kleinigkeit
so plötzlich voll
Lessing Nathan 3, 10.
voll haben: so voll habe ich den kopf, und so v. von den verdrieszlichsten dingen Lessing 18, 80 M.; der von bergmännischen unternehmungen ... den sinn v. hatte Göthe 24, 52 W. von mit einer person verbunden: keine versammlung, wo er nicht durch freudige und entzückte gebärden ausbreitet, wie voll er von dir ist J. E. Schlegel w. 3, 479; ich hatte, voll von ihm, nicht daran gedacht, ihn von neuen um seinen namen zu befragen Heinse 4, 24 Sch.;
ihr hertz war voll von gott
Opitz teutsche poemata 177 ndr.;
denn mein herz
ist voll von Joseph
Denis lieder Sineds (1772) 149;
er war gewisz schon voll von ihr
Hebbel werke 4, 108 W.
die ganze gegend ist voll von dir spricht von dir Schiller 4, 76 G.; aber das gerede, herr major! stadt und land ist v. davon Lenz 1, 272 Tieck; ein verhältnis unsers helden mit der jüngsten tochter des vetters, von dem die vaterstadt v. sei O. Ludwig ges. schr. (1891ff.) 1, 164; nach ein paar stunden war die umgegend v. von dem miszgeschick eines oder mehrerer forstbeamten A. v. Droste-Hülshoff w. 2, 263 Cotta.
δ)
ein davon ausgelassen:
darzuͦ sen all propheten vol,
das Christus kürtzlich kumen sol
Schwarzenberg kummertrost (1515) 154;
dann wie man tugent lernen soll,
sind alt und newe bücher voll
Scheit Grobian. 2 ndr.;
nun war die gantze stadt voll, was der verstorbene vor ein böser mensch gewesen Chr. Weise erznarren 114 ndr.
h)
seltener werden statt von andere präpositionen verwendet. im älteren nhd. findet sich besonders mit; so auch mundartlich Fischer 2, 1525: darumb Ysai der nam ein esel v. mit broten erste d. bibel 5, 70 lit. ver.; eyn alte edle stat ... v. mit groszem reichtumb Arigo decamerone 266 lit. ver. (bei ihm sehr oft); ain vas ist gewesen v. mit wasser Berthold v. Chiemsee theologey (1852) 445;
und dir so wol, mit frewden voll,
ein schönes liedlein singe
Ringwaldt handbüchl. a 9ᵃ;
die gläser voll mit weine,
die speisen vielerley
Voigtländer oden u. lieder (1642) 105;
so schon ags.: gratia plena, mid gefea full (nordhumbr.) Luc. 1, 28. an:
weil sie beyd (Phyllis und der rosenstrauch) an schönheit voll
Logau sinngedichte 11 E.;
(Tantulus) stets ist am durste voll und an dem hunger satt
Fleming deutsche ged. 1, 77 L.
i)
voller einem subst., auch einem f. oder neutr. nachgestellt (wiese voller blumen, haus voller menschen) oder prädicat. (die wiese ist voller blumen; voller zorn sprach er). — Steinbach nimmt an, dasz voller für voll der stehe: quasi articuli terminationem e. g. ein leib voller wunden, dann übertragen auch: eine stadt voller reichthum 2, 902; Adelung sieht in voller eine bezeichnung des genitivs des folgenden subst., daher dürfe dieses selbst nicht den genitiv aufweisen (nicht: voller betrugs), ebenso wenig ein attribut im genitiv bei sich haben, nicht: voller russischer truppen, sondern voll russischer truppen; er behauptet, auch für seine zeit mit unrecht: 'indessen ist dieser ganze gebrauch des voller mehr der gemeinen und vertraulichen sprechart eigen, als der edlern, in welcher man denselben am sichersten vermeidet; ähnlich schon Frisch 2, 406ᵃ. — Jac. Grimm gramm. 4, 499 (vgl. Paul deutsche gramm. 3, § 78) leitet den gebrauch her von der nachwirkung der ursprünglich flectierten prädicativen formen, vgl.: die göttin, welche war triefnasser, die schwang aus ihrem haar das wasser (Sachs) bei Grimm a. a. o. 498; andere beispiele bei Kehrein gr. d. d. sprache 3, § 148; magst du warten, bisz ich den bart vollen abschir (oder adv.?) Wickram rollw. 34, 9 Kurz; beispiele aus den mundarten bei Behaghel gesch. d. d. sprache (1916) 360; der tupp ist vuller Müller-Fraureuth 2, 625ᵃ. no son wir merchen, daz diu welte ist volliu erbermde und daz iungest gerihte vollez rehtechait und der himel voller fröude und diu helle voller marter und wize Grieshaber pred. 1, 27. das letzte glied zeigt schon die erstarrte form voller. andere belege der älteren sprache s. bei Schmeller-Fr. 1, 838; mhd. wb. 3, 361ᵇ; gleiche erstarrung findet sich bei aller (th. 1, sp. 208), halber (th. 4, 2, sp. 184) und selber (th. 10, 1, sp. 430).
α)
schon Kramer (teutsch-ital. dict. 2 (1702, 1209ᵃ) hielt die anwendung von voller für 'eleganter' als die von voll. es ist kein zufall, dasz in moderner sprache voller gern da gesetzt wird, wo es formal als gen. plur. oder gen. s. fem. aufgefaszt werden kann; man sagt lieber das haus ist voller blumen als voll blumen, lieber voller erwartung blickte er her als voll erwartung; in unklarem sprachgefühl meint man, voll habe sich dem folgenden genitiv angeglichen, oder denkt sich voller sei aus voll der entstanden; man verwirft deshalb auch verbindungen, wo das nicht möglich ist: voller, das ist, voll der z. b. voller freuden, voller angst ..., aber nicht, voller schlaf, voller volk, als zu welchen sich 'der' nicht schicket Weitenauer orthogr. wörterb. (1764) 154. — dafür, dasz in voller eine form des artikels stecke, schien der umstand zu sprechen, dasz vor dem von voller abhängigen subst. niemals der artikel steht. wenn man in herz voller güte zwei genitive annahm, so konnte man bei einem m. oder n. die gleiche construction wagen: ob ein vaz volles goldes were Leyser pred. 13, 18; awswendig ist sy (die irdische freude) suusz, innwendig volles gifts Berth. v. Chiemsee 341 R.; sy seyn ane sorge und volles trostes Luther 9, 397 W.; do wir voll hasses, voller forcht, volles unglaubens gestickt sind 17, 1, 309; stund sie noch gantz volles schlaffs auff Amadis 1, 281 lit. ver.; s. Schmeller-Fr. 1, 838. nahm man aber voller als eine art von nebenform zu voll, konnte man auch einen genitiv s. m. oder n. damit verbinden: ein guldin rauchvasz wegent X sickel voller wairauchs erste d. bibel 4, 27 lit. ver.; etlich waren voller schreckens Steinhöwel Äsop 111 lit. ver.; von einer kamrerin alle voller schlaffes Arigo decamerone 173 lit. ver.; ein vasz voller weyns klingt nicht sehre Agricola sprichw. (1534) a 2ᵇ; ist er (der darm) voller wusts Forer Geszners thierbuch (1563) 13;
er schlegt dir heyrath für,
die voller glückes ist
Opitz Trojanerinnen 1060;
mit dem dativ: voller bittrem schmertzen anm. weisheit lustgarten 526.
säcke voller goldes
Logau 3, 34, 67 E.
zwei abhängige glieder, eins flectiert: aber inwendig sind sie (gräber) voller todtenbein und alles unflats Matth 23, 27;
leben
voller mangel und ungemachs
Sachs fabeln u. schwänke 2, 158 ndr.
Adelung tadelt in der folgenden stelle. dasz zu sorgen nach voller ein attribut gesetzt ist:
o Brutus! voller tiefen sorgen
seh ich dein herz für Rom zertheilt
Lessing 1, 93 M.
(correct ist in der jetzigen sprache voll tiefer sorgen.) hier ist deutlich voller als genitiv gefaszt, daher das zweite adj. in schwacher flexion; vgl. noch: das wunderbarliche vogelnest voller abentheuerlichen, doch lehrreichen geschichten Grimmelshausen Simpl. 3, 325 Keller; voller ungemessenen freude Bodmer samml. crit. poet. schriften (1741ff.) 1, 8; Deutschland, als ein bekanntes, liebwerthes, voller freundlichen einheimischen aussichten Göthe 48, 132; voller unnützen zweifel Tieck schr. 6, 119; das attribut in starker flexion:
die gelinden lauen lüffte,
voller balsamreicher düffte
Brockes ird. vergnügen 4, 9.
seine wort sein voller reicher synn erste d. bibel 3, 21 lit. ver.; sein haus war voller schöner studien Göthe 43, 39 W. voller als präd. im relativsatz, das rel. im genit. davon abhängig: das sie (die weiber) ihres unnützen geschwetz und bösen gedancken vergessen, der sie doch voller wären Lindener rastbüchl. 163 lit. ver. vereinzelt erstarrtes vollen: die hüser, so dahin gesehen mochten, die waren vollen lüt v. Richental chron. d. Constanz. conzils 107 lit. ver. s. Fischer 2, 1625; schweiz. idiot. 1, 780;
gwüsz ist Fritz aber vollen wyn
Manuel weinspiel 1622 ndr.
β)
voller auf ein subst. bezogen, als prädicatives attribut; im nom. oder accus.: gegrüszet seyst du (Maria) voller gnade Kramer teutsch-ital. dict. (1702) 2, 1209ᵇ; eine herrligkeit, als des eingeboren sons vom vater; voller gnade und warheit Joh. 1, 14; gott ist ein glüender backofen voller liebe Luther 10, 3, 56 W.; solche deine wort machen unser hertz voller freuden engl. comedien u. trag. (1624) b 6ᵃ; dasz in unsern vier selblautern a, e, u, o, und in ihren vier mitgehülfen b, d, l, s ein unerschöpfliches meer voller verborgenheiten ... lebet Zesen rosenmând (1651) a 6ᵇ; mein schwerdt ... sol mir in der rückreise einen watsack voller duplonen erworben haben Chr. Weise polit. redner (1677) 311; ein edelmann von bedeutung, ein freund des pabstes und voller verdienste Göthe 43, 164 W.; er öffnet den beutel und findet ihn voller goldstücke Kotzebue dram. w. 2, 15;
schau, hie hab ich dir zugericht
den aller wunsamlichsten garten
gantz voller frücht
H. Sachs 1, 25 K.;
ein leben voller ehr, ein leben voller leben
Dietrich v. d. Werder buszpsalmen (1632) c 4ᵃ;
aber als er sah des sterbenden antlitz, den blick sah
voller gefühl des gerichts
Klopstock Messias 5, 759;
in die seligen gefilde
voller wohlgeruch und pracht
Bürger 38ᵇ Bohtz;
andere casus: in einem keller voller kröten und eidexen Wieland (1795) 12, 19;
zur erinnerung trüber tage
voll bemühen, voller plage
Göthe 4, 48 W.;
neben arm voll, hand voll auch arm voller holz, hand voller sand; besondere wendungen in älterer sprache: steck ihn (laib brot) voller frischer lorbeer Gäbelkover artzneyb. (1595) 1, 131; das man die pferde im lentzen an örthern, da es schön fett grasz hat, gar wol voller grasz essen lassen (soll) Walther pferde- u. viehzucht (1658) 146;
seele, siehe, wie die welt gottes wunderwerck (das pfingstwunder)
verlachet,
und die voller weines hält, die er voller geistes machet
Schmolcke schr. (1740ff.) 1, 1077.
— sich voller weins trinken s. unten unter 9.
γ)
prädicat nach sein, werden: worte, so voller krafft und safft seynd Kramer teutsch-ital. dict. (1702) 2, 1209ᵇ; dei kind is voller ausschlag Hügel Wiener dial. 183. — hausz und hoffe alles voller söldner waz Arigo decam. 331 lit. ver.; mein andlitz ist voller schande ps. 44, 16; wie ist dann dise deine? ... einer rechten farb: eins gesetzten leibs voller feuchte (color verus, corpus solidum et suci plenum eunuch. 318) Boltz Terenz 38ᵃ (1539); wa die berg am rauhesten und voller bäum seind Herr feldbau (1551) 30ᵇ; ihr kopf ist gleichsamb voller vogelnester Albertinus hirnschleifer (1664) 60; unsere staats- und heldenactionen waren voller unsinn, bombast, schmutz und pöbelwitz Lessing 8, 42 M.; wir haben gesehen, wie die ältesten sprachen voller synonyme haben werden müssen Herder 5, 125 S.; was hilft es mir, gutes eisen zu fabriciren, wenn mein eigenes inneres voller schlacken ist Göthe 22, 148 W.; das leben ist voller plagen und hudeleien Schopenhauer 1, 136 Gr.;
ir tât ist voller sûchen
Frauenlob 55, 6;
voller wunder, voller kunst,
voller weisheit, voller kraft,
voller hulde, gnad und gunst,
voller labsal, trost und saft,
voller wunder, sag ich noch,
ist der keuschen liebe joch
P. Gerhard 339 Ebeling;
die haut ist voller wust
Fleming dtsche ged. 6 L.;
in dieser holden frühlingszeit,
da alles voller glanz und neuer herrlichkeit
Brockes ird. vergnügen 2, 45;
du bist gesund und reich und dennoch voller klagen
Hagedorn poet. w. (1764) 1, 111;
was haben die da? sind voller gift
Schiller 12, 43 G.
δ)
sehr oft voller mit abhängigem subst. als bestimmung auf ein verbum bezogen: er aber habe sich ... voller entsetzung spornstreichs davon gemacht Lohenstein Arminius 1, 94ᵇ; (der löwe) gehet zuerst langsam und voller verachtung seinen weg Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 38; so ging er ohne hoffnung, voller liebe und grimm, auf seine stube Klinger w. (1809ff.) 3, 13; nun sasz ich eben voller gedanken und wuszte nicht aus noch ein Eichendorf w. (1864) 3, 47;
wer seinen schatz, das geld, zur reise mit sich träget,
wie geht er voller angst
Rachel satyr. ged. 60 ndr.;
ich bin wie Ätna, feuerheisz,
und brenne voller flammen
Neukirch ged. (1744) 26;
voller gefühl des jünglings, weil ich tage
auf dem rosz
Klopstock w. (1823) 2, 94;
dasz die waldgöttinnen ...
nach dem jüngling schielen voller lüsternheit
Hölty ged. 126 Halm;
als die frau diesz harte wort vernommen,
stand die treue starr und voller schmerzen
Göthe 2, 49 W.;
die schafe hören voller freude
den ruf des hornes auf die weide
Pfeffel poet. versuche 1, 55.
5)
das verbum, das eigentlich sich auf das von voll, voller abhängige subst. bezieht, kann mit dem subst. verbunden werden, zu dem voll, voller gehört; einige wendungen sind sehr beliebt (s. Lexer 3, 433). —stecken: bene nummatus, er stäckt voll gält Frisius dict. (1558) 161ᵃ; er steckt voller schulden Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 1209ᵇ; gleich als wenn ein strosack vol stro stecket Luther 26, 339 W.; ire gebirg stäcken voll metall Stumpf Schweizerchron. (1606) 290ᵃ; mancher steckt so voller geschicklichkeit, wenn er sich reuspet, so speyet er weiszheit Lehmann floril. polit. (1662) 1, 325; Göthe steckt voll lieder Karol. Flachsland in Göthes gesprächen 1, 19 B.; in den ungeheuren wald, der voller mörder und wilder thiere steckt Tieck schr. 1, 99; der voller schwänke und whims steckende schwiegersohn Holtei erz. schr. 1, 28; ich gestehe ein, dasz ich voller vorurtheile stecke Bismarck polit. reden 1, 25 Kohl;
sie (die liebe) steckt vol gfer, forcht, angst und sorgen
H. Sachs 2, 38 K.;
es (haar) steckt vol maden, leusz und niesz
Scheit Grobian. 80 ndr.;
Amor steckt von schalkheit voll (Cupid is a knavish lad)
Shakespeare, sommern. 3, 2;
trans.: auch seine finger steckte ich voll ringe Göthe 43, 79 W.hängen: der galgen hängt voller leichen — die statscammern hangen foller larven, mänteln und vorhängen Butschky Pathmos (1677) 18;
die sporen stricte er umb den vuoz,
die hiengen voller schellen
minnes. 3, 236ᵇ Hagen;
dann deiner grobheit wol anstat
so beides (gesicht und hände) hangt vol wust und kat
Scheit Grobian. 172 ndr.;
die zäune hangen voller leute
Stoppe parnasz (1735) 3;
der neuen blume, die voll tropfen hing
Göthe 1, 3 W.
sprichwörtlich: dunckt euch, der hymel henge vol geygen Luther 23, 133 W.; von vielen plafonds kann man ... sagen, dasz der himmel vol geigen hängt Athenäum 1, 2, 46;
da sich tausend straffen zeigen,
hängt der himmel nicht voll geigen,
und die erd ist jammervoll
Schmolcke schr. (1740ff.) 2, 367.
mancher meynt, der himmel hang voller geygen, so seinds kaum nuszschalen Lehmann floril. polit. (1662) 1, 184. — er vermaynet, der himel hieng voller lauten Nas antipap. eins u. hundert 2, f 7ᵇ. —stehen: wie mit eynem schonen bawm, der voller bluett steht Luther 8, 368 W.; die beete standen voll der buntesten blumen Novalis schr. 4, 190 Minor; obgleich der ganze tisch voll voller weinflaschen stand Hoffmann v. Fallersleben m. leben 3, 92;
da stehet von schönen blumen
die ganze wiese so voll
Göthe 1, 85 W.
allhier stehen mir die augen voller wasser Abraham a s. Clara mercks Wien (1680) 42; dasz ihm ... die augen voll von freudenthränen stunden Schnabel insel Felsenburg 20 U.;
ihr seyd
gerührt und euer auge steht voll wasser
Lessing Nathan 4, 7.
liegen: licht dat al vul rudzen seebuch 34; ire gassen liegen voller todten Hesek. 11, 6; funden den groszen platz für dem schlosz gantz voller stein ligen Münster cosmogr. 203;
wann mir nit wär mit toten wol,
so läg nit mencher acker voll
N. Manuel v. pabst u. s. priesterschaft 112 Bächtold.
auch ohne angabe dessen, was liegt: wenn nur nicht auf dem fuszboden alles v. gelegen hätte Eichendorf w. (1864) 3, 67. —sitzen: es sasze ein gantzer tisch voll bauren dort Grimmelshausen Simpl. 3, 353 Keller; mundartlich: der ganze tisch sosz voller (s. oben 4 i) und hörte zu Müller-Fraureuth 2, 625ᵃ. — denn der junge sasz v. von diesem seegift, wie sie es nannte Gorch Fock seefahrt ist not (1917) 265. vereinzeltes: darumb ward er gestraffet, dasz sein gantzer leib voller würm kroch sprichw. (1548) 116ᵇ; sein scham und heimlich ort wiblet voller würm Hedio chron. germ. (1530) a 5ᵃ; allwo der hof voller hüner, tauben ... und hanen liffe Grimmelshausen Simpl. 3, 370 Keller; an ihrem voll staub und kanckergespinne klebenden manne polit. maulaffe (1679) 5. — man sagt auch: das fasz läuft voll; der mund lief ihm voller wasser Adelung.
6)
voll in prägnanter bedeutung für schwanger (veraltet): fetus perhaffter vel voller Diefenbach gl. 232ᵇ; voll, voll junge, tragend Maaler 472ᵇ; voll pro gravida, et praegnante ponitur: sie hat einen vollen bauch Stieler 2390; voll werden, sagt man von stuten concipere Frisch 2, 406ᵃ; de märe is voll die stute ist trächtig brem. wb. 1, 337; dan das ist gewisz, dasz das weiblin gleich ... widerum voll würd, sobald es nun ire jungen geworffen hat Sebiz feldbau (1579) 536; ein volles weib, ein garstiger leib Petri d. Teutschen weiszheit (1604ff.) 2 y 8ᵇ; im bilde:
bald läst der himmel blikken
sein hitzigs angesicht, dasz wiedrum wird erquikken
den schwangern erdenklosz, der blumen laub und grasz
ausz seinem schosze treibt, wen nur ein warmes nasz
die volle mutter bricht
Rist neuer teutscher parnasz (1652) 246.
7)
mit speise gefüllt, satt, oft mit satt verbunden, auf die person bezogen oder auch auf den leib, bauch, magen; es kann natürlich gleichzeitig auch vom trinken gelten.replere ful vel sat machen Diefenbach gl. 493ᵃ; satur vol nov. gl. 327ᵇ; voll bisz an den halsz confertus cibo Maaler 472ᵃ; ich bin voll wie ein ey Duez le vray guidon (1657) 669; sprichwörter: alle tage voll und sath macht ein lehr hoffstatt Fr. Wilhelm sprichw. register (1577) a a 27; vol man, faul man S. Franck sprüchw. (1541) 1, 139ᵃ; satietas ferociam parit voll macht toll: wenn man satt ist, so wird man muthwillig Corvinus fons lat. (1646) 342 (bezieht sich aber eher auf das trinken, s. unter 9); der volle musz so wol sterben als der hungerige Petri d. Teutschen weiszh. (1604ff.) 1 b 3ᵇ; de volle söge endenket nicht der hungergen Tunnicius sprichw. nr. 237 H.; wenn die mausz voll ist, so ist ihr das mehl bitter Spanutius (1720) 540; wann das pferd v. ist, so ists faul Eyering prov. copia (1601ff.) 3, 375; aber auch: voller gaul springt 3, 365. ein iglicher wiehert nach seines nehesten weib wie die vollen müszigen hengste Jerem. 5, 8; weh euch, die ir vol seid, denn euch wird hungern Luc. 6, 25; der tolle pöffel und baur, wenn er satt und v. ist Luther 18, 391 W.; in gutem sinne: alszo soll ein christen mensch, wie Christus, seyn heubt, v. und satt, yhm auch benugen lassen an seynem glauben 7, 35; übertragen, von einem geizigen: du wirst ein mal v. werden, wenn man mit schauffeln dir nach schleht (dich begräbt) 19, 399; noch sind wir nicht voll: dirn noch drey tutzend regelpiren hol Fischart Garg. 144 ndr.; und solten all arm leut hungers sterben, so müssen ihr (der priester) huren v. sein Paracelsus opera (1616) 2, 579 H.;
di sind zu allen zeytten vol (gesättigt an speise und trank)
Heinrich v. Neustadt Apoll. 4574;
sag an du wolff, wan bistu voll?
Hutten op. 3, 535 Böcking;
ich, wiewol satt und voll (hier vom trinken), gieng wiederumb hinein
Rachel satyr. ged. 90 ndr.;
nimio cibo se ingurgitare, sich gar zu v. fressen nomencl. lat. germ. in usum schol. hamb. (1634) 401; zunächst von thieren, dann in derber sprache auch von menschen (auch sich den bauch, den magen voll fressen): wann es (das thier vielfrasz) sich schon so v. gefressen, das im der wanst wie ein trumm strotzet und spannet Fischart 3, 250 H.; auf stillen gewässern ruht sie (die möve) ..., besonders wenn sie sich recht v. gefressen hat Naumann vögel 10, 478; (leute gehen darauf aus,) sich den magen v. zu fressen Holtei erz. schr. 35, 18;
den wolff, der da nimermehr wird satt
wenn er den bauch schon vol gefressen hat
Lobwasser calumnia b 8.
(der hase) asze sich so voll, dasz er auch da entschlief
Fleming deutsche gedichte 1, 59 L.
in besonderer wendung sich voll lecken (von honig):
und schmeckt ihn disz süsz hong so wol,
dasz sie sich bede leckten vol
Eyering prov. copia 1, 72.
auff einem vollen bauch stehet ein frölich haupt Petri d. Teutschen weiszh. (1604ff.) 2 i 7ᵃ; auff einem vollen bauch ist gut ligen ibid. — eine volle seele zutrittet wol honigseim, aber einer hungerigen seel ist alles bitter süsze sprüche Sal. 27, 9; ein voller bauch studiert nicht gern; vgl. Fischer 2, 1624. in gebildeter sprache ist voll als gesättigt nicht mehr gebräuchlich, doch kann es natürlich nach seinem eigentlichen sinne verwendung finden: an den tagen, an welchen er ... sich zu voll fühlte (durch übermäsziges essen) Raabe hungerpastor (1864) 2, 125; von thieren, vollgefressen, aufgebläht Martin-Lienhart 1, 110ᵃ. — voll im gegensatz zu satt: man läszt sich freilich mitunter eine homilie gefallen, doch: 'sie macht v., aber nicht satt' Kl. Harms pastoraltheologie 1, 92.
8)
wie satt (vgl. schweiz. idiot. 1, 780) kann auch voll mit dem genitiv verbunden in älterer sprache in die bedeutung von überdrüssig übergehen. zunächst noch den starken genusz bezeichnend: also reucht auch der den gestank des knoblauchs nicht, der sich des satt und foll gefressen Barth weiberspiegel (1565) p 4ᵇ. — dann im sinne von überdrüssig: er ist seines weybs v. oder maszleidig worden Maaler 473ᵃ; leichtfertige geister, die des göttlichen worts vol und sat waren, gaben sich allein drauff, das sie viel allegorien suchten Luther 16, 69 W.;
stirbt ab der sterblichkeit, ist seines lebens voll
Opitz (1690) 1, 65.
weniger scharf: alsobald, wann ich der alten zeit v. genug bin, geht mein trachten auf den zweyten theil Gleim briefw. 2, 126 Körte.mit dem accus.: man ist ob der sach verdrüssig worden, ... man ist sy voll worden Frisius (1556) 31ᵇ; vgl.: ich bin es satt.
9)
voll im sinne von betrunken ist auch jetzt wenigstens im derben ausdruck und in der umgangssprache allgemein gebräuchlich.
a)
in älterer sprache zeigt voll neben der bedeutung von betrunken auch die von trunksüchtig, dem trunk ergeben, nicht immer trennbar. — voll seyn bene potum esse; voll machen ebrium facere Stieler 2390; voll, vom wein oder bier, voll getrunken, betrunken Frisch 2, 406ᵃ; ein voller kerl; volle weiber Steinbach 2, 903; Adelung 'nur in den harten und niedrigen sprecharten'. — sprichwörter und redensarten: de vulle slâpt, stamert, kift unde dwelet Tunnicius n. 140 H.; zu v. schläft auch sprichwörter (1548) 95ᵃ; der mit einem vollen zu har ligt, der zanckt mit einem der nit da ist 153ᵇ; der v. kan nichts verschweigen; kinder, narren und volle leut sagen gern die warheit 18ᵃ; was einer nüchtern darff dencken, das darff er v. reden und thuͦn; der voll nimpt keyn blat fürn mund 9ᵇ, 10ᵃ; eim vollen mann sol ein fuͦder hew (ein geladener wagen 89ᵇ) weichen 26ᵇ; bei vollen lert man sauffen, bei krämern kauffen 22ᵇ; wo volle gläser sind, da werden auch gern volle leut Scheit Grobian. s. 56 ndr.; wer zu grosze tränck thut, der wird bald voll Eyering prov. copia (1601ff.) 3, 456; sind alle nüchtern, so sind sie blöde: sind sie v., so sind sie faul Petri d. Teutschen weiszh. (1604ff.) 2 S s 2ᵇ; der weinbold ... ist alle tag v., der mond in vier wochen nur einmahl Lehmann floril. polit. 2, 779; volle leut erkennet man am angesicht oder augen 3, 451; im monat zweimal voll bekommt dem magen wohl Körte sprichw. (1837) 310 s. auch Wander 4, 1682. — in Berlin sagt man im scherz: zum voll sein, statt zum wohl sein Meyer d. richtige Berliner 148ᵃ. — der antchrist von Rom hat wol durch sine vollen pfaffen geredt Zwingli d. schr. (1828ff.) 1, 323; ein ieder werde in der rüstung und affect, wie er entschlaffen ist, wider ersteen, ein voller mit seiner flaschen Franck zeytb. 449; das ir glouben geben den vollen, büchigen predigern Eberlin v. Günzburg 1, 16 ndr.; vol und säwisch sein, heyst bey disen frölich, besteubt, wolbeschenckt und guͦter ding sein Ambach vom zusauffen a 2ᵃ; der was schon v., und was doch erst dsun uffgangen Th. Platter 29 Boos; abends oder morgens, sie waren v. oder nüchtern, beteten sie fleiszig, alles im latein v. Schweinichen 16 Ö.; ein voller mänsch, der seiner sinne und verstands nicht kan gebrouchen Moscherosch insomnis cura parentum 61 ndr.; wann keyser Karl einen vollen im feld erwüschte, so muste er darnach wasser trincken gesichte (1650) 2, 558; dasz sie (die frauen) zu keinem unzüchtigen spiel und vollen zeche gezogen werden Reinicke fuchs (1650) 127; etliche hatten halbe räusch, ander waren gantz voll Grimmelshausen Simpl. 3, 417 Keller; dasz macht mich wie voll, so schwach bin ich noch El. Charl. v. Orleans br. 4, 79 H.; eine antwort, die man von einem vollen menschen vergebens erwarten würde Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 209; dem kahlköpfigen Silen ..., als er v. unter seinem esel lag maler Müller w. (1811) 1, 163;
wâfen, ich singe, daz wir alle werden vol
minnes. 2, 154ᵃ v. d. H.;
ie eyner drinckt dem andren zuͦ,
ich bring dir eins, ich kützel dich,
das gbürt dir, der spricht, so wart ich,
und wer mich, bisz wir beid sint vol
Brant narrensch. 16, 71 Z.;
er wird schier völler dann die gest
H. R. Manuel d. weinspiel 1382 ndr.;
ich bin der voll Epicurus
H. Sachs 7, 11 K.;
eim vollen man,
zimpt alles was er treiben kan
Scheit Grobian. 3874 ndr.;
besser ist es tod als voll
Logau sinnged. 90 E.;
so ehrlich bey dem glasz als offenhertzig voll
Wernecke poet. versuch (1704) 13;
ja rief ein voller greisz, der fast in wein zerflosz
Lichtwer äsopische fabeln (1748) 33;
voll wie Anakreon, stark wie Ovid zu seyn
Rost verm. ged. (1769) 3;
voll, voll, voll!
freunde, macht euch voll
Lessing 1, 87 M.
b)
formelhaft mit trunken: bacchanal, vel bacchanale, das ort, da man dem truncknen und vollen Baccho, einfäst haltet und begaat Frisius 150ᵇ; nach alter gewonheit was er trunken und voll Sigm. Meisterlin in d. städtechron. 3, 170; einem trunkenen vollen unsinigen artzet Strausz beychtpüchlin (1523) e 1ᵃ; werden so vol und truncken Luther 34, 2, 516 W.; wirdt ein trunckener und voller geschlagen, so lasz ihn wol ernüchtern Paracelsus chirurg. bücher u. schr. (1618) 19ᵃ; mnd. full und gedruncken quelle bei Schiller-Lübben 5, 548ᵇ;
ich pin auch geren trunckhen und vol
altd. passionsspiele aus Tirol 273 Wackernell;
da warend ir allsamend
trunken voll, früsch und fri
N. Manuel Bicoccalied str. 4 Bächtold;
bin erst nechten gantz vol und trunchen
an wänden und an zäun heim ghuncken
H. Sachs 21, 44 G.;
hierausz getruncken macht nit voll oder betruncken Forer Geszners thierb. (1563) 38. andere synonyme: ein voller und versoffener kautz Hertzog schildwache 65; was volle und besoffene leute vor narren seind Zend. á Zendoriis teutsche winternächte (1632) 90; ein voller bezechter mensch kan nicht bürg werden v. Hohberg georgica cur. 3, 27ᵃ (1715).
c)
sehr häufig, besonders in älterer sprache im reimspiel mit toll. — voll wirt man doll sprichwörter (1548) 37ᵃ; biszweilen ein räuschlein ist so ungesund nicht. allzeit voll macht endlich doll Moscherosch gesichte 2, 220 (1650); wer zu gast geht, der vertauscht gemeiniglich einen nüchtern, vernünfftigen menschen umb ein vollen und tollen Lehmann floril. polit. (1662) 1, 257; narren trincken sich ausz ihren eygenen flaschen toll und v. 3, 239; den ersten mäszig, den andern fräszig, den dritten tag toll und v., so bekömmt uns das aderlassen wohl Pistorius thes. paroem. (1715 ff.) 147; lüb. chron. bei Schiller-Lübben 5, 548ᵇ; vgl. brem. wb. 1, 464; Bauer-Collitz 36ᵃ; nd. korr. bl. 21, 8; 37. — einen verwegnen dollen, vollen kriegszmann Franck chron. Germ. (1538) 18ᵃ; Venus würt nackend gemalt, Bachus voll und doll sprichwörter (1548) 94ᵇ; etlich von wegen der weinsucht köndten nicht schlaffen, sie seyen dann v. und toll Xylander Polybius (1574) 170; wie es aber widerumb zuͦ gast auszgeladen und in die herberg toll und v. heym kam Lindener katzipori 130 lit. ver.; ein zech voller und toller bauren beym wein oder bier Dannhauer catechismusmilch 1, 130; (dasz die brauer) solche kräuter und saamen in ihre bräuen brauchen, dadurch die leut toll und v. vor der zeit werden v. Hohberg georg. curios. 2, 90 (1682); immer mehr zu trincken, bisz er endlich gantz v. und toll wird Scriver seelenschatz (1737) 1, 85ᵇ; ihr seid wohl toll und v., dasz ihr vor mir herein geht Tieck schr. 5, 516; der bursche ist schon toll und v. Pocci lustiges komödienbüchl. 3, 27 (1869);
die hell ist heisz, das weisz man wol,
drumb seufft man sich hie toll und voll
was trucken ist, wird bald verbrent (ja wenns auch helffen wolt)
Petri d. Teutschen weiszheit 2, q 5ᵃ;
es torkelt Bibulus, ist stündlich toll und voll;
der weg zur höll ist breit; er weisz, er trifft ihn wol
Logau sinnged. 46 E.;
man trinkt, vergnügt zu seyn,
nicht, dasz man toll und voll,
und sinnlos werden soll
Triller poet. betr. (1750) 4, 175.
d)
voll im sinne von betrunken wird in mannigfaltiger weise verstärkt, besonders die mundartliche sprache bietet eine grosze fülle von ausdrücken. der saasz alein bey dem tisch und was stikend v. win Th. Platter 71 Boos; nicht ehe dann, wann sie stickende v. sein Barth weiberspiegel (1565) i 8ᵇ; ich bin sticke wicke voll A. Gryphius Horrib. 62 ndr. — blind-, stern-, stich-, blitz-, sturm-, sau-, spey-, scheiszvoll Kramer teutsch-ital. dict. 2, 1208ᵇ (1702); hagelvoll Adelung; stern-, sternhagel-, blindhagel-, himmelhagel-, katzhagel-, spundvoll u. s. w. s. Grimm gr. 2, 560; kanonenvoll oder voll wie eine kanone, strandkanone. — s. Fischer 2, 1623; Martin-Lienhart 1, 110ᵃ; schweiz. idiot. 1, 780; 782; Follmann 169ᵇ; Wander sprichw. 4, 1683.
e)
voll im sinne von betrunken oder trunksüchtig verbindet sich gern in älterer sprache mit bestimmten subst.: euch vollen brüdern Mathesius Sarepta (1571) 24ᵃ; sehet ihr nicht, dasz sie stillstehen und einen vollen bruder gefunden haben Harsdörfer frauenz. gesprächsspiele 2, 100; garausz, so wird ein voller bruder drausz Lehmann floril. polit. (1662) 3, 132;
voll brüder, knebel und weinschleuch
Scheit Grobian. v. 1944 ndr.;
gute nacht, ihr vollen brüder
Königsb. dichterkreis 24 ndr.;
und schnell drang dies geschrey von Raufbolds vollen brüdern
bis zur Galanterie
Zachariä poet. schr. (1763 ff.) 1, 40.
voller zapf, appotus probe Stieler 2390; by eim vollen zapffen, dem der wein auszricht Vogelsang-Cochläus trag. Joh. Hussen 27 ndr.; der vol zapff, so noch nit gar ermundert was, im auch der wein noch in dem kopf stackt Wickram rollwagenb. 146, 4 Kurz; ein voller zapff ist zu allen dingen ungeschickt Petri d. Teutschen weiszh. (1604 ff.) 2 y 8ᵇ; die vollen zapfen hatten gegen den morgen ihren rausch auch verdäuet Bucholtz Herkuliskus (1665) 5;
der kerner ist ein voller zapff
H. Sachs 9, 14 K.
die volle rott redt mehr von narrheit dann von gott Scheit Grobian. s. 61 ndr.
ich (Bacchus) aber kan nit gnug erbawen
der vollen rot, met, bier und wein
H. Sachs 7, 44 K.;
homines Epicuraei, gottlose und volle unfletige sewe Faber thesaurus (1587) 284ᵃ; volle schweine ebriosi Stieler 2390; meine lieben Deutschen, die vollen sewe Luther 30, 2, 160 W.; wie die dicken wänste und tollen auch vollen mastsäue Reinicke fuchs (1650) 126; mit solchen ceremonien schafften sie auch die volle sau (den betrunkenen) von sich Chr. Weise erznarren 26 ndr.;
und kombt mein volle saw zu nacht,
ich wird die sieben wort im sagen
H. Sachs 17, 145 K.-G.
ey! so saufft nun ihr vollen sew
W. Spangenberg ausgew. dicht. 280 M.;
dann bleib für dich, du volles schwein!
besoffen kömmt er stets nach hause
Tieck schr. 1, 189.
ein voller narr ist ein teufel auff der gassen Scheit Grobian. s. 112 ndr.;
der volle narr, der wüste fratz,
so wol besoffen als geschossen,
hat als ein stinckend nasser ratz
sein abenthewer nu beschlossen
Weckherlin ged. 1, 517 F.;
vielleicht möcht es meine junckherrn, die vollen zechbrüder, verdrieszen Wirsung artzneybuch (1588) 734ᶜ.
der war ein junger frecher
spiller und voller zecher
H. Sachs 22, 205 K.-G.;
du foller flegel,
ey du weinschlauch, du voller kegel
Scheit Grobian. 4002 ndr.
besonders werden die bauern als trunksüchtig gescholten: voll baurn soll man zu dorff lassen sprichwörter (1548) 40ᵇ; als der follen, unsinnigen bawren gewonheyt ist Luther 18, 238 W.; mit schreyen wird man lange nicht antworten ..., sonst wurden die gense odder esel odder volle bauren auch wol theologen sein 26, 338 W.; gleich wie die vollen bauwren im krug theatrum diabol. (1569) 149ᵃ; er juchtzet und sang under wegen, wie ein voller bawer Ayrer histor. proc. juris (1600) 329. — trunksucht der Deutschen überhaupt: so seind auch under den vollen Deutschen nicht so vil grewlicher, unnaturlicher sunde, als in andern nationen Agricola sprichw. (1534) f 6ᵇ; wie die truncken, vollen Deutschen thun Luther 6, 287 W.; dasz wir auch deszhalben von andern nationen gar adeliche, subtile und höfliche namen, als porco tedesco, inebriaco, aleman yurongne und andere mehr schöne tittel erworben, das ist teutsche volle sew und grobe volle Teutschen ... genant werden Scheit Grobian. s. 4 ndr.; und heyszen uns nur also die vollen Teutschen V. Schumann nachtb. 192 B.;
unt gbräst uns nüt, wer nit der wyn
und das wir Tütschen voll wennt syn
Brant narrensch. 92, 32 Z.
f)
von körpertheilen, die vom rausch betroffen werden: ausz einem vollen haupt und satten bauch kompt selten ein subtiler gedancken Petri d. Teutschen weiszh. (1604 ff.) 2 k 1ᵇ; voller mund sagt des hertzens grund Franck sprüchw. (1541) 2, 21ᵃ; die flaschen wurden leerer und die köpfe voller Heine 3, 62 E.vom ganzen leib:
hieb ihm (Holofernes) seinen kopf vom rumpfe, liesz den tollen, vollen leib
im gezelte liegen
Neumarck fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 2, 14.
freier, die kopfhaut des betrunkenen:
wischt herausz
mit einer guͦten hellenparten,
und schlüg dirs auff die vollen schwarten
Scheit Grobian. 3889 ndr.
seele: ein nuchtern seel hat viel zuschaffen, dasz sie den engen weg zum himmel treffen kan, wie wolt ihn ein volle finden, sie taumele dann darauff Lehmann floril. polit. (1662) 2, 780. — zustand: in diesem vollen schlaff dunckt sie, sie seyen hauptleut uber viel heerhauffen Ambach vom zusauffen c 1ᵇ. — kühn: we vulle wort des morghens wil vortellen, de blive to husz unde ga nicht mangk gude gesellen quelle bei Schiller-Lübben 548ᵇ. sehr häufig ist in älterer sprache die verbindung volle weise, trunkener zustand, trunkenheit: in einer vollen oder truncknen weisz Maaler 472ᶜ; voller weis temulenter Dentzler clavis linguae latinae (1716) 335ᵇ; vgl. Bauer-Collitz 140; in dieser vollen weisz und überflusz gehet das guͦt auch an galgen dahin sprichwörter (1548) 178ᵇ; das erfehrt man ja täglich, wie man voller weis so leichtfertig den hals abfellt Fischart Garg. 60 ndr.; so ehr etwas in foller weisz stiftet, soll im gemessen werden, als wer ehr nüchtern gewesen Reutter v. Speir kriegsordn. 15; dieser vornehmer edelmann ward hernach bei voller weise jämmerlich erschossen Rist d. friedewünschende Teutschland (1648) 24; welche prediger sind und gehen auf die kantzel voller weyse, mit rauher stimme, mit dunkelen augen, mit verfinstertem verstande Reinicke fuchs (1650) 269;
das ist in voller weisz gethon,
und weisz man morgen nichts darvon
Scheit Grobian. 3155 ndr.
g)
einen, sich voll trinken, saufen, zechen, auch mit angabe des getränks: sich vollsauffen, ebriari Maaler 472ᵈ; einen voll machen, einen voll sauffen Kramer teutsch-ital. dict. 2, 1208ᵇ (1702); sich voll trincken Steinbach 2, 903; sauffet euch nicht vol weins Ephes. 5, 18; wie aimm truncken der sich aws aigner poszhait vol antrinckht Berth. v. Chiemsee theologey 231 R.; drumb souff er sich alle tag voll Th. Platter 71 Boos; tranck sich gar voller weins (s. 4 k α) Wickram rollwagenbüchl. 167, 13 Kurz; sich mit den heyden toll und voll soffen Moscherosch gesichte 2, 3 (1650); ihrer etliche sich toll und voll zechen Harsdörfer frauenz. gesprächspiele 1 m 7ᵃ; wilt du wissen, was einer sey, trinck ihn voll und mercks dabey Kern sprichw. (1718) 65; wo sich in dem dreiszigjährigen kriege Hannibal so voll soff, dasz er nicht vor Rom gehen konnte Lessing 2, 158 M.; lebe wohl und saufe dich bald wieder voll Hafner ges. lustsp. (1812) 1, 27. — weitere beispiele s. unter 14.
ein priester hett sich voll getruncken,
war in der beicht in schlaff gesuncken
Sandrub histor. u. poet. kurzweil 24 ndr.;
in neuerer sprache kann natürlich sich voll trinken auch in veredeltem übertragenen sinne gebraucht werden:
sein auge trinkt sich voll von sprühndem golde
Mörike w. 1, 140 Göschen.
10)
für voll wird mit einer reihe von verben verbunden: für voll nehmen, halten, achten, rechnen, ansehen, gelten u. a. vür vol hân Jellinek mhd. wb. 879. — der gebrauch geht aus von der bedeutung von voll bei geld und gewicht (s. oben 2 h γ δ): eine münze für voll nehmen, sie als nach gewicht und metall dem gesetz entsprechend gelten lassen. darnach übertragen im weitesten sinne, besonders gern auf personen bezogen; für voll bezeichnet im entwickelten nhd. die allgemeingültige norm, den eigentlich anzuwendenden maszstab. während jetzt dieses für voll nur mit einer kleinen gruppe von verben verbunden wird, ist die ältere sprache beweglicher, besonders ist zu beachten, dasz für voll hier in einem allgemeineren sinne angewendet werden kann. im engeren sinne zahlung und annahme: wissintlichen sey, das wir desse vorgeschrebin czinse geannamet haben vor eyme gehegitten dinge vor voll unde vor eyn vorgenügen handelsrechnungen d. deutschen ordens 244 S.; (dasz diese gulden) nicht mer für vol und werung auszgegeben, sunder vor andern unbeschnitten unvermynderten guldin ires genoszen unterschiedlich erkanth werden mogen Nürnberg. polizeiordn. 145 lit. ver.; wer geld einnimmt, der thue erstlich ... die augen recht auff, dasz nicht zwey- vor viergroschenstücken ... oder sonst falsch geld vor voll und gut mit eingezählet werde J. G. Schmidt d. gestriegelte rockenphilos. (1706) 1, 13; eine müntze für voll annehmen freier: einen für voll bezahlen Kramer teutsch-ital. dict. 2, 1208ᶜ (1702). übertragen:
ich spræche ir gerne, kunde ich, wol:
den willen habe sie vür vol
minnes. 1, 107ᵇ v. d. H.;
aver wer nicht in der hant
phening hat oder in geleich,
wo der chumpt auf erdreich,
in hat niem recht fur vol
Teichner in zeitschr. f. d. alt. 48, 19, 13;
einen, etwas für voll nehmen, so schon mhd.:
sô nim ich allez daz vür vol,
daz ir mir habt gesagt (d. h.: ich will alles für wahr halten)
Stricker Amis 196.
daneben auch freier, sich mit etwas zufrieden geben, s. mhd. wb. 3, 362ᵃ. — einen für voll ansehen Kramer teutschital. dict. 2, 1208ᶜ (1702) (anders: man sieht euch noch nicht vor voll an, man erkennt euch noch nicht für voll, they think you not yet of full age teutsch-engl. lex. (1716) 2317, vgl. oben 1 u und 2 i α); aber ein kleiner spürhund, der wird von niemand vor voll angesehen Chr. Weise d. drei klügsten leute (1675) 51; der gewesene hofmeister, den mein gewesener untergebener nicht mehr vor v. ansahe Hippel lebensläufe (1778 ff.) 2, 23; wenn sie mich in metaphysischen gesprächen nicht für v. ansahen Göthe 32, 112 W.; sie halten die daheimgebliebenen immer nicht für v. 24, 110 W.; woran liegt es denn bei diesen werken, dasz sie nicht für voll gelten können Jung-Stilling w. 3, 74;
ich bin verliebt, man hält mich nicht für voll
Göthe 15, 1, 77 (Faust 6359) W.
in älterer sprache in allgemeinerem sinne, s. 12 d. — dem geht alles für voll naus, es geht ihm alles durch, er kommt immer gut durch Müller-Fraureuth 2, 625ᵇ. auch in neuerer sprache gelegentlich freier:
wer kennt euch? wessen name klingt für voll (hat vollen klang),
nicht selbst den nachbarn neu durch seine fremdheit?
Grillparzer 2, 144 S.
11)
substantiviert: um das volle in der materie ... beyzubehalten Schwabe belustigungen 3, 502; alles dies beweiset das volle, das langtönende unserer sprache Bürger 180 Bohtz; er ist ein abyssus von individualität, das einzige unendliche volle Fr. Schlegel jugendschr. 2, 289 Minor; warum sollen nicht die begriffe des vollen und leeren ... blosz relativ sein? Fr. A. Lange materialismus (1866) 367; mit ganz verbunden: im ganzen und vollen Jhering geist d. röm. rechts 2, 2, 530; um im ganzen und vollen 'resolut zu leben' Nietzsche w. (1895 ff.) 1, 129. besonders häufig in neuerer sprache aus dem vollen: aus dem vollen leben schöpfen, wirtschaften u. ä.; auch: hier gehts aus dem vollen, unter aufwendung reicher mittel, verschwenderisch. — und solche mildtätigkeit, wisse man, ward keineswegs aus dem vollen geschöpft Vosz antisymbol. (1824 ff.) 2, 206; (Napoleon) der in dieser art auch die menschheit im groszen und ganzen und aus dem vollen fasste Gutzkow ges. w. (1872 ff.) 7, 377; soll ich mein alter ... nicht aus dem vollen genieszen Holtei erz. schr. 1, 88; aber Feige wirtschaftet aus dem vollen v. Polenz Grabenhäger 1, 177;
dort lösche deinen brennenden durst,
dort aus dem vollen dich letze
Grillparzer 3, 115 S.
ins volle: ich greife — da euch die geduld fehlt, zusammenhängendes zu hören — ins volle und sage nur Vischer dicht. w. 4, 223; vom kegelspiel: den ich ... so manchen schönen wurf ins volle (wenn alle kegel stehen) und nur selten einen 'pudel' schieben sah v. Scheffel ges. w. 3, 204. seltener in neuerer sprache im vollen leben: er liebte im vollen zu leben, und sie rechnete nie Gutzkow ritter v. geiste 4, 402. — in älterer sprache:
da wolt ich leben in dem vollen
H. Sachs 17, 219 K.-G.;
dasz er abnimbt in seinem vollen (seinem reichen besitz)
16, 482;
eigenthümlich:
wie ein schaf in allem vollen (mit seiner reichen wolle)
mit schön zarter, schneeweiszer wollen
seinem hirten in wald entran
9, 210 K.;
das volle, vollmond, zeit des vollmondes: demnach im nechsten viertheil so lasz dieselbigen adern schlahen an schinbeinen under den knyen, im vollen auff dem ruckengrad Paracelsus opera (1616) 1, 725 H.; das voll: bisz auff das nechst voll 2, 553; vgl. oben 2 c. — in der wendung zu halben und vollen trinken ist das geschlecht unsicher, s. 1 a.
12)
das ahd. adv. follo (Graff 3, 480) hat in den andern germanischen sprachen keine entsprechung. mhd. volle mhd. wb. 3, 362ᵃ. Lexer 3, 433; Fischer 2, 1625. ha volle wol, wir bedancken uns des urtheils Fischart Garg. 141 ndr.; volle, beinah Autenrieth 148.
a)
das unflectierte n. wird wie im ags. auch im deutschen als adv. gebraucht, s. mhd. wb. und Lexer a. a. o.; die verwendung des adv. ist aber in der neueren sprache beschränkter, so kann es im allgemeinen nicht mehr vor adj. oder adv. stehen, wenn auch vereinzelte fälle vorkommen; mundartlich dagegen wie in alter sprache Fischer 2, 1625;
to ful monegum dæge   men synt forlædde
ags. gen. 725;
ful oft ic for lǣssan   lean teohhode
Beow. 951;
er lebte als ein vol karger man
ungiudeclîchen
Hartmann Erec 2381;
unz daz er vol hin quam,
dâ sîn vreude ein ende nam
Gregor. 2367;
vol welck werden Keisersberg bilg. 182; voll so arg ists nicht Claudius 4, 83; nicht voll so still war es drinnen im hause Fontane I 6, 39;
als man bald voll oben war,
zeigt sich eine neue schar
Vischer dicht. w. 5, 320;
vor ortsbestimmungen: der schlag traf ihn voll ins gesicht. — vor adv. zeitbestimmungen:
voll neun tage beflogen das heer die pfeile des gottes
(ἐννῆμαρ Il. 1, 53)
Bürger 186ᵃ Bohtz.
vor verben im sinne von ganz, in ganzem masze, umfang, vollständig, bis zu ende; voll und uberaus ergetzen Stieler 896; etwas voll erfassen, sich voll aufrichten, voll wirken, etwas voll auskosten, voll ermessen, verschmerzen, voll ausgewachsen u. s. w. in mannigfaltiger anwendung. doch auch vor dem verbum kann voll nicht im nhd. mit gleicher freiheit gebraucht werden wie in der älteren sprache, z. b. nicht im sinne 'bis zu ende'.
dô man vol gesanc (die messe)
Kudrun 181, 2;
vgl.:
sein schläflein war nicht voll gethan
Mörike w. 1, 65 Göschen.
voll vor einem verb im eigentlichsten sinne: und schenckest mir vol ein ps. 23, 5; und überhaupt kann in älterer sprache überall voll stehen, wo später lieber ganz oder vollends gebraucht wird: ich wil mein brot vol essen Pauli schimpf u. ernst 190; der hencker den buben voll hinaufffürt, im den strick an sein halsz leget Wickram 1, 127 B.; vollends: da erschrak er voll und gedahte: du bist verraten Seuse schr. 78 Bihlmeyer; nd. dat is et full to, so viel ist gewisz; nu is he vull hen, er ist an ort und stelle, oder: es ist ganz aus mit ihm Dähnert plattd. wb. 138ᵃ. zu beachten ist, dasz im nhd. die anwendung des adv. erleichtert wird, wenn man es durch ein anderes adv. stützt (vgl. besonders unten voll und ganz): du wilt aber ... nachts nit einig ligen, als dinem stat vol zuͦstuͦnd, sunder pflägest schön fröwlin umb dich zehaben Riederer rhetor. (1493) t 1ᵇ; in mit seiner magt ein tag oder zwen vol halten (vollständig zu ernähren) und uff das gütlichst thuͦn Eulenspiegel (1515) 105 ndr.; ein jeglichs fest drey tag vol zu feyren (voll gehört zum verbum), daran geprediget sol werden auff den morgen vormittags, nachmittags und auff den abendt Bugenhagen braunschweig. kirchenordn. x 4; der rechte liebhaber, der lebhaft und v. genösse Göthe 47, 323 W.; das rad, das mich nicht v. treffen sollte Arndt 1, 21 R.-M.; dieser ärger war noch nicht v. überwunden Fontane I 6, 39; verstand sich v. darauf Scherer poetik 199;
wer kan vol loben dich
H. Sachs 1, 66 K.;
einen ball voll nehmen, ihn in der mitte treffen (billard); doch kann hier voll auch prädicativisch aufgefaszt werden. der sinnesgehalt des adv. kann durch das verbum, mit dem es verbunden wird, in besonderer weise bestimmt werden, so bei verben des tönens (s. oben 2 g): so müssen wir ihn (den hexameter) ... so voll klingend zu machen suchen, als es nur irgend möglich ist briefe d. neueste litt. betreffend 18, 129; und diese stimme klang so v. und tief aus der brust herauf O. Ludwig schr. (1891 ff.) 2, 17; greis, dein wort klingt v. und schwer Raabe d. leute aus d. walde 1, 61; sie (kirchenglocken) klangen laut und v. in dem klaren wetter Fontane I 1, 38;
wie schnell, wie fertig, voll und schön
hört man die bunten fugen gehn
Gottsched (1751) 1, 214.
nun flötets immer voll
Göthe 6, 19 W.;
und am Rheine voll erklungen
ist der deutsche siegsgesang
Brentano ges. schr. 2, 39.
kannst deine eigene ketten brechen? (voll und befehlend) geh Schiller Fiesko 2, 17; Streckmann lacht voll und affektiert G. Hauptmann Rose Bernd (1904) 19. andere beispiele besonderer sinnesfärbung: schaute dem jungen mann tief und v. in die leuchtenden augen Spielhagen 1, 41; schaut ihn v. an Halbe jugend (1901) 62 (vgl. oben 3 a). — der alten frau leuchtet der warme hauch v. über gesicht, hals und brust G. Hauptmann d. weber (1892) 25. das alle philosophi der natürlichen ding gleich als wol in einem artzt v. und überflüssig lig, als die art microcosmi Paracelsus chirurg. bücher u. schriften (1618) 375 b; (raum,) welcher jetzt zu voll gedrängt ist Göthe br. 35, 136 W.;
die finger sind so voll mit ringen angethan,
dasz man biszweilen kaum dieselben zehlen kan
Rachel satyr. ged. 129 ndr.
ein bawm blühet wol schön und voll, aber es felt viel ab (s. 1 h) Petri d. Teutschen weiszh. (1604 ff.) 2, 7ᵃ. sihe, das heyst frey und voll von der gnade gottis predigt Luther 10, 1, 1, 115 W.; die groszen bäume sind voll und kräftig hingeworfen (auf dem bilde) Athenäum 2, 68; sich voll und bündig ausdrücken zu lernen Bettine Brentanos frühlingskranz 6;
doch die breite brust der Sachsen
athmen will sie voll und kräftig
Weber Dreizehnlinden (1907) 126.
b)
voll und ganz ist in der zweiten hälfte des 19. jh. neben unentwegt in leitartikeln und politischen reden zum schlagwort geworden und der verachtung anheimgefallen R. M. Meyer vierhundert schlagworte nr. 90; zeitschr. f. d. wortforschung 2, 313; 5, 124. — adjectivisch voll und ganz s. oben unter 3. — denn voll und ganz müssen die beiden wesen, mann und weib, sich vereinen Bluntsli denkw. 1, 108 (aus d. jahre 1830); wie er zuerst als jüngling, und zwar v. und ganz, in den räubern aufgetreten war Wienbarg zur neuesten litt. 71; Wagner strebt rastlos danach, sich v. und ganz auszusprechen P. Cornelius liter. w. 1, 605; summen, welche v. und ganz in den städten verausgabt werden Moltke ges. schr. 7, 88; das kann ich nur v. und ganz unterschreiben Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 212;
was wir wollen voll und ganz
Arndt 5, 213 R.-M.;
dem einen bin ich hingegeben:
dies leben voll und ganz zu leben
moderne dichtercharactere (1885) 229.
ganz und voll ist selten: erwägungen, die den ruhm ... ganz und v. an Marius namen knüpften Mommsen röm. gesch. 2, 187; um sie ganz und v. ins auge fassen zu können Storm w. (1899) 1, 34.
c)
compar. und superl. — voller als adv. ist häufig in neuerer sprache: allein leerheit klingt voller, macht einen spondeus Kinderling reinigk. d. deutschen sprache (1795) 55; damals begann das fragen nach den voller strömenden urquellen der poesie Justi Winckelmann 1, 238;
voller trägt aufs jahr der wipfel
und der weizen färbt sich gelber
Weber Dreizehnlinden (1907) 75.
eigenartig: man wird (in Italien) voller und voller gezwungen etwas zu machen Göthe 32, 103 W. superl.: dô in der vater vollost ersach Grieshaber pred. 2, 78; darumb trinck es vollest ausz Münster cosmogr. 195; s. Fischer 2, 1626. — in neuerer sprache dafür präp. mit dem superl. des adj.: wo der trieb des wachsthums am vollsten war Grimm Michelangelo 1, 5.
d)
für voll (s. oben 10) wird in älterer sprache im sinne von in ganzem umfange, in vollem masze, vollständig, in fülle, ganz und gar gebraucht: prädikativisch:
ein richtiger context, der, wann er ist für voll,
kan sagen alsdann selbst, wie man ihn nennen soll
Logau sinnged. 99 E.;
er liegt für voll im bett, von einem kranken, darf nicht aufstehen Fischer 2, 1625; so muste er für fol teidingen weisth. 6, 78; derer nicht für voll dreytausend waren Lohenstein Arminius 2, 255ᵇ;
das man die thewren zeit für vol
so unnützlich verzeren soll
H. Sachs 6, 144 K.;
drumb ich für vol
gantz lob dein farb für allen schein
Forster frische teutsche liedlein 135 ndr.;
die kunst der trukkerey, die letzlich erst für voll ...
alle witz und kunst uns mänschen auszgetheilt
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch s. reimged. 50.
Bautzen wollt sich bedenken,
ob es sich geben soll,
man liesz ihnen einschenken
pech, blei und feuer vor voll
Opel-Cohn dreiszigj. krieg 77.
e)
der älteren sprache gehören an zu vollem, zu vollen, zu voll im sinne von ganz und gar, vollends (s. schweiz. idiot. 1, 781): sich der ritter anderwert verdinget, zuͦ vollem in Portugal zuͦ faren Wickram 1, 343 B.; plünderten zuͦ vollem, was noch da zuͦ erpeuten war Wurstisen historien (1572) 2, 358; dasz ... das zerfallen hausz zu voll verbran Stumpf Schweizerchron. (1606) 502ᵇ; kaufft ihm damit zuͦvollen ab die eigenschafft uber die herrschafft Grüningen 460ᵇ; im übermasz: prassen und zu vollen sauffen Hennenberger preusz. landtaffel (1595) 47; s. unter g.
die nû ze vollen bœse sint
Walther v. d. Vogelweide 23, 14.
f)
volles, in gleicher bedeutung, vgl. Schmidt Straszburger mundart 113ᵃ: er will dir den kopff vols an die erd stoszen Geiler v. Keisersberg bilg. 131ᵃ; damit sie aber irem bruͤder volsz herauszhalff Wickram 1, 358 B.; juncker, wölt ir nit volls abscheren 3, 25 B.
g)
das im mhd. viel gebrauchte adv. vollen (Lexer mhd. handwb. 3, 434) erscheint im ahd. als follon und follun Graff 3, 480, 481; Otfrid hat ausschlieszlich follon. Grimm erklärte follon als acc. s. eines schwachen m. follo, follun als acc. s. zu folla, f. (got. fullo), s. gr. 3, 142; Kelle Otfrid 2, 378 sieht in follon den dat. pl. schwacher flexion des adj. zweifellos wird mhd. vollen zum subst. volle, m. in beziehung gesetzt, das beweist das neben vollen vorkommende adv. den vollen; vollen wird unverändert mit präp. verbunden, mit, ze, in bî vollen (envollen, bevollen), s. die belege im mhd. wb. 3, 363ᵇ; Lexer 3, 434. — logen dar vor nicht vollen vier wochen Stolle thür. chron. 45 lit. ver.; do nomen sy en voln, was sy hatten 15; allain beger ich den vollen mit dir zereden Niclas von Wyle translat. 33 lit. ver.; item 51⁄2 m. Herman Doring und synen conpan vollen vor ir lon gegeben Marienburg. treszlerbuch 219 Joachim; magst du warten, bisz ich den bart vollen abschir (oder prädicativ zu bart?) Wickram rollwagenbüchl. 34, 9 Kurz. — das sie sich alle lagerten bey tisch vollen Marc. 6, 39 (συμπόσια συμπόσια), der sinn ist wohl: durchweg nach tischen.
13)
voll in technischer sprache, vereinzeltes.
a)
das grosze meer, das hohe volle meer Kramer teutsch-ital. dict. 2, 35ᵇ (1702); das rathsamste were, sich auff vollem hohem meer zu halten theatrum amoris (1626 ff.) 2, 367; volle see: wir hieben das ankerseil ab, und begaben uns in volle see Pinto wunderlige reisen (1671) 374. — in technischer sprache ist volle see das hochwasser beim höchsten stand der flut: setten uppe 10 vadem myd vul see unde myt legem water up 7 vadem seebuch vii 14 Br. voller wind, der die ausnützung der ganzen segelfläche gestattet: navigare plenissimis velis, mit vollem winde siegeln Faber thesaur. (1587) 539ᵃ; dat geit mit vullem wind, das geht flott von statten; überhaupt von starkem winde: er (ein fisch) hat ein schiff in vollem wynd stellig gemacht Eppendorf Plinius (1543) 116;
das land, so starcker voller wind,
die sich darinnen halten auff
Spreng Äneis 3ᵃ.
volle segel sind eigentlich die vom winde geblähten, so gespannten, dasz der grösztmögliche druck auf das schiff ausgeübt wird: mit vollen segeln fahren kann zugleich bedeuten, dasz alle segel gebraucht werden: voll halten, to keep clear full, so steuern, dasz die segelkraft nicht vermindert wird. das gleiche bezweckt das an den rudergast gerichtete kommando: voll und bei! mit vollen segeln fahren, andare à piene à tutte vela Kramer teutsch-ital. dict. 2, 1208ᶜ (1702); fuͦren mit vollem segel hinweg Schaidenreiszer Odyssea (1537) 36ᵃ; ein kauffmansschiff ... mit auszgespanten vollen segeln Albertinus hirnschleiffer (1664) 230; Tyridates seumte nicht, zu schiff zu gehen, und lage schon unter vollem segel A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 2, 1173; (im bilde:) gleichsam mit halbem winde ... dahin zu gelangen, wozu man recto cursu, mit vollen segeln, ... nicht kommen kann Leibnitz dtsche schr. (1838 ff.) 1, 160; als Juno die flotte des Äneas mit vollen segeln laufen sahe Ramler einl. in d. schönen wissensch. (1758) 2, 121; immer zahlreicher begegneten uns die schiffe, mit vollen segeln an uns vorübergleitend Moltke ges. schr. 6, 21;
hochauf wölbte der wind das volle segel
Vosz Od. 2, 428 (ἔπρησεν δ' ἄνεμος μέσον ἱστίον) B.
mit vollen segeln als bild unaufhaltsamen strebens, auch hochgespannter hoffnung, vorschneller erwartung: wenn sie in ihrer hoffnung gleich mit vollen segeln fahren d. vernünftigen tadlerinnen (1725 ff.) 1, 226; man sieht wohl, diese generation fährt mit vollen segeln Göthe br. 38, 202 W.; sie gehen mit vollen segeln auf dem ozean der liebe H. v. Kleist Kätchen v. Heilbronn 3, 3; der berg (die partei) steuerte mit vollen segeln auf die republik ... zu Dahlmann franz. revol. 401. — voll und bei, so nahe am winde zu steuern, dasz die segel straff bleiben Kluge seemannssprache 810; voll und back treiben, beim backbrassen der segel, die dann von vorn auf den mast drücken.
b)
volle örter, diejenigen schläge im forst, die nicht angehauen, sondern wohlbestanden sind Jacobsson technol. wb. 8, 109ᵇ; voll in haaren, heiszt es, wenn ein berg annoch gut mit holz bestanden ist Heppe wohlred. jäger (1763) 315ᵃ; voller schrank (s. th. 9, 1632), voller mann, die fährte des ausgewachsenen hirsches. — voll ausgereckt, das hirschgeweih, dessen enden alle spitz sind Hartig lex. für jäger (1861) 573.
c)
volle gesellen, wochengesellen, werden zum unterschied der halbgesellen von dem gesellstande, den sie nunmehr erworben, also genannt Jacobsson technol. wb. 8, 109ᵇ. — ein voller mann ist ein vollmatrose, der den ganzen dienst eines matrosen versieht und den entsprechenden lohn erhält. — wenn man aber alle arten von vieh hüten liesz, so nante man es volle hütung Anton gesch. d. teutschen landwirtsch. (1799) 1, 465. — in entsprechendem sinne volle mast Adelung. die volle marter, 'in den gerichten, die ganze tortur, wo der inquisit auf der leiter ausgespannet wird' Adelung. — volle deckung nehmen bezeichnet diejenige, die den ganzen körper gegen sicht und schusz schützt; scherzhaft: volle deckung nehmen, schlafen gehen.
d)
ein voller eid (vgl. volleid), unter den gesetzmäszigen formen geschworen und deshalb unbedingt gültig Fritzner 1, 503ᵃ. — volle geburt, abstammung aus derselben ehe (s. vollbürtig): seine brüder und schwestern von voller geburt der stadt Breszlau neue statuta (1578) 5; dy (grewa) schel wessa fulre bertha boren fries. rechtsquellen 387, 24 Richthofen.
e)
volle bollwerke (kriegsbaukunst) bollwerke an einer vestung, wo die wallgänge der zwischenwälle zusammenstoszen, so dasz in der mitte des bollwerks kein platz frei bleibt Jacobsson 4, 549ᵇ; volle mauer, ohne öffnung oder höhlung ebenda; ein fasz voll binden, so dasz reifen an reifen sitzt ebenda.einen deich in voller erde, in unverändertem profil unterhalten 8, 109ᵇ. — volle kuppel, die im halbkreisbogen gewölbte im gegensatze zur flachen oder spitzen kuppel. so nennt man auch den halbkreisbogen einen vollen bogen: der volle oder halbkreisbogen äuszert den geringsten horizontalschub gegen die widerlager (an einer brücke) Karmarsch-Heeren 2, 75. — in der volkssprache kann voll die bedeutung von gewölbt, convex haben Schmeller-Fr. 1, 838; die volle seite, die convexe Fischer 2, 1623.
f)
volle lage, auf dem alten kriegsschiffe die salve aller auf einer bordseite befindlichen geschütze; redensart: hij geeft hem de volle laag, er sagt ihm ordentlich die wahrheit Lüpkes seemannssprüche s. 45, nr. 117.
g)
volles korn (vgl. vollkorn) nehmen, so zielen, dasz das ganze korn in der kimme des visiers sichtbar ist.
h)
voller zwirn, der eine bestimmte anzahl fäden, unvoller, der weniger enthält Müller-Fraureuth 2, 625ᵇ.
14)
-fulls als zweiter bestandtheil eines comp. ist aus dem got. nicht zu belegen; in der sprache der altnord. und ags. dichtung sind die mit -voll zusammengesetzten adj. auszerordentlich häufig (Finnur Jonsson lex. poet. ²158ᵃ; Grein-Köhler 231ᵇ), der erste bestandtheil wird fast ausschlieszlich durch abstracta gebildet. wenige ahd. beispiele sind bei Graff 3, 481 ff. zusammengestellt, zu beachten sind die, deren erster bestandtheil concreten inhalts ist: loubvol, frondosus, lûsvol, pediculosus, gallenvol, biliosus; vgl. ferner mhd. wb. 3, 362ᵃ. erst im nhd. wird diese wortgruppe wieder sehr stark, wobei wiederum wie im altgermanischen der erste bestandtheil zustände oder vorgänge, selten stoffliches bezeichnet, s. die zusammenstellung bei Paul deutsches wb. ²618ᵇ; zu compositionen nach alter art wie leid-, geist-, prunk-, werthvoll tritt nun die grosze masse von zusammenschiebungen des genitivs mit voll: vorwurfs-, lebens- (darnach weisheits-, entsagungsvoll), ränke-, gnadenvoll, s. Grimm gr. 2, 621. — Kramer teutsch-ital. dict. (1702) 2, 1209ᶜ verzeichnet bier-, brandewein-, meht-, weinvoll, kaum aus lebendigem gebrauch. Gottsched tadelt diese sprachbewegung: wenn man anstatt geistreich, trostreich, sinnreich, setzen wollte geistvoll, trostvoll, sinnvoll, so klänge es widerlich sprachkunst 428 (1762). von den zusammensetzungen mit voll- als erstem bestandtheil bedürfen die verben einer bemerkung (Grimm gr. 2, 670; Wilmanns d. gramm. 2, § 98, der aber das got. fullafraþjan, zweifellos eine unmittelbare zusammensetzung mit fulls, in aufl. 1 übersah). zahlreiche zusammensetzungen bieten das altnord. und ags. das nhd. hat nur wenige wirkliche composita erhalten: vollbringen, vollenden, vollführen, vollstrecken, vollziehen und das part. vollkommen. im älteren nhd. begegnen natürlich alte compositionen noch öfters. hierzu tritt eine gruppe von jungen verbalverbindungen, die man insofern als halbcomposita empfunden hat, indem man voll mit dem verbum, wenn auch ohne consequenz zusammenschrieb, nur diese mehr zufälligen schreibungen der trennbaren sind im folgenden abschnitt verzeichnet; die zahl der beispiele kann leicht vermehrt werden. voll ist hier nicht wie bei den echten zusammensetzungen unbetont und kann sich vom verbum trennen (vollmachen, er macht das masz voll; sich vollsaufen); bei verben, die voll im eigentlichen sinne neben sich haben, ist die trennung ohne weiteres möglich, bei andern nicht so leicht (voll ermessen; er ermiszt voll wird man nicht so gern sagen wie er schöpft voll); neue bildungen nach der art der alten untrennbaren sind selten, s.vollertheilen. jetzt trennt man voll in der schrift stets vom verbum. dagegen hat sich der gebrauch festgesetzt die mit voll- zusammengesetzten part. als ein wort zu schreiben (volltönend, vollbelaubt); die bildungen mit be- in der form eines part. präs. sind für die neuere zeit characteristisch. sie stehen meist in unmittelbarer beziehung zum subst., und das der form nach dazu gehörende verb verbindet sich nicht ohne weiteres ebenso mit voll, s. z. b. unten vollbesegelt, wo besegeln eine ganz anders gerichtete bedeutung hat. voll- vor den alten verben verstärkt den verbalbegriff oder enthält den des vollständigen erfüllens, des zu ende führens, zu ende gehens. bei den meisten trennbaren verben gehört voll prädicativ zu einem object; will man diese verben als halbcomposita ansetzen, ist ihre zahl so gut wie unbegrenzt; es können nur beispiele gegeben werden.
vollachten
ganz abschätzen mhd. wb. 1, 17ᵃ; Lexer 3, 434; Verwijs-Verdam 9, 792;
dein (Maria) wirdikait
kan nyemant gantz volachten
Muskatblüt bei Hätzlerin 1, 131, 149;
dy (barmherzigkeit) ist so groz und so breyt,
daz sy nymant kan volachten
noch vol schriben noch vol trachten
Mone altd. schauspiele s. 147, 93.
volläugeln, ganz mit augen besetzen: die vier heiligen tiere, die do seint gewest vol geeugelt vorn und hinden erste d. bibel 5 lit. ver.
vollausschlagen
von der uhr, s.voll 2, i α: mit recht sagt Lichtenberg, dasz der ruf bei dem dritten viertel: du bist ein — lebhaften anlasz gebe, bis zum vollausschlagen darüber nachzudenken, was man eigentlich ist E. Th. A. Hoffmann 4, 41 Gr.
vollbaden
(s. unten vollbad): durch das schwitzen, vollbaden, schröpffen Guarinonius greuel d. verwüstung (1610) 909. —
vollbauen
zu ende bauen, mhd. vollebûwen Lexer 3, 437; Schiller-Lübben 5, 550ᵇ; er paut auch hernach Kiemsee und volpaut Nideraltach Füetrer bayer. chronik 48 Sp.
volbedenken
reiflich und ganz bedenken Lexer 3, 434;
ich wæne ieman künne   volbedenken daz
minnes. frühl. 120, 15.
vollbeiszen: für uns andere war kaum so viel geblieben, dasz wir uns die hohlen zähne v. konnten Sehr a. d. Mandelhause 151 (1913). —
vollbepflanzen verb.
wie er denn (Apollo) schon angekommen,
und in deinem fetten land einen platz hat eingenommen,
und mit palmen volbepflanzet
Neumark d. neuspross. teutsche palmbaum (1668) 351.
vollbereiten, ganz zubereiten: derselbige wird euch, die ir eine kleine zeit leidet, volbereiten (καταρτίσει), stercken, krefftigen, gründen 1. Petri 5, 10 (darnach bei Campe verzeichnet); öfters unter dem einflusz dieser stelle:
gottes geist uns ferner leite
und uns alle vollbereite
Fischer-Tümpel kirchenl. 4, 280ᵇ;
herr, du wollst sie vollbereiten
zu deines males seligkeiten
Klopstock (1823) 7, 155, vgl. 228.
doch auch sonst: der pfeffer ist guͦt und volbereit Niclas v. Wyle translat. 113 lit. ver.; der menschliche saam sei nicht einerlei: denn einer vollbereite die frucht im siebenden monat Francisci das eröffnete lusthaus (1676) 145ᵇ (vgl. unten vollbereitung). —
vollbilden
Campe bringt unter voll einen beleg; volpilden mit geschrift und mit getiht, vollkommen zur darstellung bringen Konrad v. Megenberg buch d. natur 246, 4. —
vollbinden
s. voll 13 e. —
vollbitten
perorare Diefenbach glossar 428ᶜ. —
vollblöken
man musz ... sich noch dazu den ganzen tag die ohren v. lassen Gretschel sat. blätter (1798) 293. —
vollblühen
schwer geht das erstarken der staaten, flüchtig ihr v., ekellangsam ihr niederfaulen Jean Paul 36, 9 H.
vollbluten
der bäume: das vollbluten (gegensatz: ringbluten), welches leicht die ganze rinde überfluthet Ratzeburg waldverderbnis 2, 112. — ein tuch vollbluten, es mit blut tränken, s.vollweinen. —
vollbrassen
'die segel so stellen, dasz sie vollen wind erhalten' Krünitz 231, 251; genauer, die leebrassen weit einholen v. Alten handb. für heer u. flotte 2, 485. —
vollbrennen
bei der herstellung des porzellans: dieser brand (das v.) hat den zweck ..., die glasur zu schmelzen Karmarsch-Heeren 9, 424. —
vollbrocken
so ist dort die suppe vollgebrockt Lenau an Sophie Löwenthal 300 C.vollbrüllen: ihre kindereien und schelmereien zu heldenthaten stempeln und die welt v. damit Gotthelf ges. schr. (1855 ff.) 4, 21. —
vollbüszen
trennbar, ganze strafe für etwas erleiden; in älterer sprache, untrennbar, vollen schadenersatz leisten: so was de stad also arm, dat se nicht vulbuten konden d. städtechron. 7, 210 (Magdeburg). — vgl. ags. fullbētan. —
volldanken
ganz danken, wie es der gabe oder wohlthat entspricht mhd. wb. 1, 359ᵃ; Lexer 3, 438; Verwijs - Verdam 9, 804; wie kan ich dir yemer voldancken des übergüldens alles guͦttes der ewigen weisheit betbüchlein (1518) 12ᵇ;
wie mag ich des volldancken,
so sy mich grüszen tuͦt
Hätzlerin 1, 94, 22;
manch treflich that hat er gethan,
der man ihm nicht vollndancken kan
Alberus fabeln 197 ndr.
volldeisten, kundensprache: die finne volldeisten, die flasche füllen Thomas unter kunden 82; vgl. Ostwald rinnsteinsprache 164. —
volldenken
zu ende denken, ganz ausdenken mhd. wb. 1, 350ᵇ; Lexer 3, 438; Verwijs-Verdam 9, 805;
es mag nyemants volldencken,
wie laid lieb kan krencken
Hätzlerin 1, 119, 165.
volldichten, zu ende dichten mhd. wb. 3, 36ᵃ; Lexer 3, 453;
nyemant kan sy (deine würde) voltichten
Hätzlerin 1, 126, 5.
volldienen, ganz, bis zum ende dienen mhd. wb. 1, 371ᵃ; Lexer 3, 438; Schiller-Lübben 5, 551ᵃ; Verwijs-Verdam 9, 806. siu volledienôte der frouwun Marthun quelle bei Lexer a. a. o.
volldrücken, volldrucken
mit aller kraft drücken mhd. wb. 1, 401ᵃ; Lexer 3, 438; das sie vermeinten ... ir boszhaftig, grimmig und unchristlich vorhaben zu voltrucken (mit gewalt durchzusetzen) Schlusser peurisch krieg 89 (1573). vollgedrucktes masz, gepresst volles, gedrängt voll, übertragen:
ein vollgedrucktes maas von neuer gunst
Stieff samml. von leichen- u. a. ged. 1, 4;
das vollgedruckte feld war einer schauburg gleich
A. Gryphius trauersp. 798 P.
ein anderes vollgedruckt s. unten.
volleinschenken
doppelt trennbar: du salbest mein haubt mit öle und schenckest mir vol ein ps. 23, 5; im starcken zutrincken und volleinschencken von dem stärcksten wein Harsdörfer frauenz. gesprächssp. 2, 116; einen volleingeschenkten becher Wieland Lucian 2, 215. — volleingeschankt bei Schwabe tintenfäszl (1745) soll das oberdeutsche charakterisieren.
vollempfangen
s. unter vollgeben. —
vollempfinden
neuere bildung, trennbar:
das tiefste vollempfinden
der schönheit wird geweckt,
wenn sie, urplötzlich nahend,
uns fast das herz erschreckt
Saar w. (1908) 2, 32.
part. prät.:
der vollempfundnen liebe ganze wonne
Baggesen im Göthejahrb. 2, 12.
vollentfalten, trennbar: auf der stufe der vollentfalteten kraft G. Keller 2, 70. —
vollertheilen
ganz zutheilen, man beachte die ungetrennte form:
über die vollen glieder
vollertheilen sie gleiches recht
Göthe 15, 215 W.
vollfahren, zum ziel kommen, mhd. vol-, volle-, vollenvarn, mit reicher bedeutungsentwicklung mhd. wb. 3, 249ᵃ; Lexer 3, 454; Fischer 2, 1627; Verwijs-Verdam 9, 893; prosequi, volvaren, folle farn Diefenbach gl. 467ᵇ; vollfahren Schottel gr. 652ᵇ; Haltaus 1985; vollfahren, 'nach der rechtsordnung bis zu ende verfahren' Campe; abgesehen von dieser rechtlichen bedeutung erscheint das wort im älteren nhd. auch in allgemeiner anwendung: wo du in der lernung der geschrift ..., wie du angefangen hǎst, füro tust vol faren Niclas v. Wyle translationen 206 lit. ver.; dann du volferst nach dinen gesinnen buch d. beispiele 68 lit. ver.; und er ist wyter dann sin vordern in guͦten sagen volfaren Riederer rhetoric (1493) g 2ᵃ; (es wird) im rechte volfaren und procedirt urkunden z. gesch. Maximilians 40 lit. ver.; als vor entscheiden ist von dem gemeinen lehenrecht, darumb wil das recht nun v., und will setzen ein unterscheid zwischen burglehen und lehen allein Zobel sächsisch lehenrecht 176ᵃ; auch die obgemelten von Franckfurt darauff für und für im rechten, als sich gebührt, vollfahren und procediren mögen Ayrer histor. proc. juris (1600) 501. —
vollfallen
Schottel gr. 652ᵇ (ohne angabe der bedeutung). bei den seeleuten von den segeln, wenn sie sich füllen: immer scharf am winde, so dasz die segel eben zwischen klappern und v. standen Gorch Fock seefahrt ist not 244; trennbar: dann schwoite das fahrzeug herum, die lappen fielen voll 141. —
vollfassen
so fassen, dasz etwas gefüllt ist, trennbar: (dasz man) mit theils vollgefaszten salzschif über die gebührliche zeit darauf warten ... musz Lori baier. bergrecht (1764) 501;
greifft zu, halt auff, faszt alles voll,
pfrumpt ermel, schos und bosem voll
Hayneccius Hans Pfriem 79 ndr.;
wann die ehleut häuslich seyn,
können sie in freuden schweben,
und in kästen hinterlassen
darvon beutel vollzufassen
Harsdörfer frauenz. gesprächsp. 8, 104.
vollfernen, ganz entfernen, entfremden: abalienare, vol verren Diefenbach gl. 1ᵃ. —
vollfertigen
ganz fertig machen, ausführen, zu ende bringen, vgl. Fischer 2, 1627; von einem bau: hiesz anfangen die stadt zubemauren, aber sie ward nicht vollfertigt Dreszer sächs. chron. (1596) 112; einen vertrag abschlieszen und ausfertigen: die erstreckung des punts zu volfertigen und die verschreibungen besigelt gegeneinander überzugeben und zu nemen urkunden d. schwäb. bundes 189 lit. ver. in besonderer wendung: (capitel,) welche ausz ursachen gemacht seind, desz bads kräffte zu volfertigen (ganz darzustellen) Paracelsus opera (1616) 1, 1116 c. —
vollfolgen
ganz befolgen, nachfolgen: und geloben wir auch gleichergestalt zu halten und zu vollfolgen polit. korrespondenz Moritz von Sachsen 2, 32; vgl. Haltaus 1985; ahd. follafolgôn Graff 3, 511. —
vollfordern
eine klage vor gericht rechtmäszig erheben und ganz zu ende führen: scriet aver he dat gerüchte, dat mut he vulvorderen mit rechte, wende dat gerüchte is der klage begin Sachsensp. 1, 62, 1; kumit der kleger nicht zu dinge unde volvorderet (führt die klage durch) urkundenb. d. stadt Freiberg 3, 27; bezogen auf den gegenstand der klage: derselbe muz ouch volvorderen die wunde 91; vgl. mhd. wb. 3, 382ᵃ; Lexer 3, 454; Verwijs-Verdam 9, 895; Haltaus 1985. —
vollfressen sich
von thieren, und in derber sprache von menschen (s. voll 7): so es (wasserpferd) von stettem volfressen zuͦ feist ... werden wil Heyden Plinius (1565) 149. — das part. prät. activisch: ein vollgefressener gourmand Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. 7, 280. —
vollfrätzen
distentus venter, wann sich einer voll gefrätzt hat Corvinus fons lat. (1646) 879; intensivbildung zum vorhergehenden worte, s. mhd. veretzen, vretzen mhd. wb. 1, 760ᵃ; Lexer 3, 107. —
vollfügen
ganz passend gestalten: was sy (die weisheit) thuͦt oder gedenckt, daz volfüegt sy nach der regel der vernunfft Albrecht v. Eyb spiegel der sitten (1511) a 6ᵃ. —
vollfüllen
verstärktes füllen, durchaus mit trennung der beiden bestandtheile, in eigentlicher bedeutung und mannigfaltiger übertragung: die wege werden mit groszen steinen voll- sive zuegefüllet Stieler 2391; vollgefüllt, präs. ich fülle voll, compleo, impleo Steinbach 1, 522; einander stikend voll füllen ist kein schand Th. Platter 82 Boos; freygebiger, groszthätiger und vollfüllender herr Dannhauer catech.-milch 5, 1093; das beste mittel ... ist, dasz man die möst von geringer gattung nicht vollfüllt Hohberg georg. cur. (1682) 1, 373. wer ein fass vollfüllt, der musz wieder einen haben, der es abzapfft Winckler 2000 gutte gedancken (1685) b 10; (stein) mit einer griechisch scheinenden schrift vollgefüllt Lessing 11, 46 M.; so überlasse ich jedem meinem leser diese lücke in seinen gedanken vollzufüllen Herder 1, 46 S.; seine augen glühten wie vollgefüllte sturmwolken Klinger w. (1809) ff. 3, 290; jeder hat seine schüssel aufgestellt, und zu weihnachten hat sie ihm die dichtung vollgefüllt Görres ges. br. 2, 247;
wo man ihn aber nicht thut geben
und ihn volfüllet iren schlund
H. Sachs 15, 251 K.-G.;
dasz er füelt kistn und kastn vol
21, 170 K.-G.;
(sehe ich) hier einen todtenkopff mit aschen volgefüllt
Opitz teutsche poemata 228 ndr.;
wiltu wissen, wer einer sey,
so füll ihn voll (mache ihn betrunken), und mercks dabey
Lehmann floril. polit. (1662) 3, 476;
ordentlich hauszhalten soll
füllen alle winckel voll
J. G. Schmidt rockenphilos. (1706) 2, 74;
ein hamster ... hat
die backen vollgefüllt
O. Ludwig ges. schr. (1891 ff.) 3, 389.
ags. fullfyllan dagegen untrennbar, zu ende bringen, leisten.
vollfüttern
trennbares verb: (vornehme jünglinge) von ihren philanthropischen lehrern anfangs mit den früchten der erkenntnisz vollgefüttert Jean Paul 22, 123 R.
vollgeben
trennbares verb: gestellet aus volgegebner macht des Jupiters Fischart dichtungen 2, 67 Kurz; (sprache) vollempfangenden und vollgebenden gefühls Lavater physiognom. fragm. (1775 ff.) 3, 207. —
vollgedeihen
trennbares verb:
keiner möge drum verschweigen, was im busen vollgedieh
Platen w. 1, 626 Hempel.
vollgedenken, vgl. oben volldenken: wanne nie kein zunge enmochte noch enmach volsprechen noch daz herze volgedenken die vröude Schönbach altd. pred. 1, 56, 35. —
vollgehen
alte, untrennbare composition: ahd. follegân, -gangan Graff 4, 74; mhd. vol-, volle-, vollengân, -gên, bis zum ziele gehen; dann übertragen, bis zum ende sich entwickeln, in erfüllung gehen, sich vollziehen mhd. wb. 1, 474ᵃ; Lexer 3, 440 u. nachtr. 397; mnd. vul-, vullengân Schiller-Lübben 5, 552ᵃ; mnld. vol-, vul-, vollegaen Verwijs-Verdam 9, 818; vgl. alts. fulgangan, ags. fullgān, -gongan. —
sprich, ir wille musz volngehen
Alsfelder passionssp. 2138.
anders, getrennt und voll betont: hab ich das licht angesehen, wenn es helle leuchtet, und den mond, wenn er vol gieng? Hiob 31, 26. —
vollgieszen
trennbares verb: sie hatten keulen mannes lang mit bley vollgegossen Schütz hist. rerum prussic. a 4ᵃ; in vollgegossnen trinkhörnern d. neueste aus d. anmuth. gelehrsamkeit 4, 220; unter dem vollgieszen deines bittern krankenkelches Jean Paul 3, 140 H.; dasz keine tasse kaffee ... vollgegossen und leergeschlürft worden sei Holtei erz. schr. 8, 116; er griff nach der kelle und gosz die gläser voll Freytag ges. w. 4, 206;
helfft mir nausz tragen den kessel wol,
den geusz ich denn der millich vol
H. Sachs 21, 126 K.-G.;
und wenn der vater dir die kehle vollgegossen
Neukirch ged. (1744) 135.
vollgraben, vollständig ausgraben:
do dat loch volgraven wart
Hagen reimchronik von Cöln 5384.
vollgründen, vollständig ergründen mhd. wb. 1, 582ᵇ. Lexer 3, 442; Fischer 2, 1628. —
vollgupfen
in menge aufhäufen: dasz inwendig was hohl gewesen ist und auswendig so schön vollgegupft Rosegger wildlinge (1905) 272; s. Schmeller-Fr. 1, 928. —
vollhaben
ganz haben, in fülle haben: daz iz (das herz) follehabe sîna reini Notker ps. 25, 6; mhd. wb. 1, 601ᵃ; Lexer mhd. handwb. 3, 443; mnld. volhebben Verwijs-Verdam 9, 836.
diu gîtekeit ist marner, ouch daz schif volhât
haz unde nît
Frauenlob 339, 9.
das trennbare nhd. verb. hat damit nichts zu thun:
du hast ja küch und keller voll
Schiller 11, 214 G.
vollhalten, trennbares verb.: die segel vollhalten, sie so halten, dasz der wind sie füllt. ein beständiges vollhalten des fasses mit wasser allgem. haushaltslex. (1749 ff.) 3, 67. — dagegen untrennbar, ganz festhalten: follehalt mih in dînen preceptis Notker ps. 16, 5. —
vollhangen, vollhängen
trennbare verben (s. voll 5): durch die mit couleurten thonglaskügelchen vollgehangenen, gekräuselten kohlbeete Jean Paul 3, 59 H.; jeder hof mit einer grosen vollhangenden laube Göthe br. 4, 65 W.; die wände sind vollgehangen mit grauenhaft geschnitzten ... statuen Rosegger II 11, 247. — die (romane) hängen dir den kopf voll Lenz 1, 158 T.; der wenigstens den meisten andern die schnäbel vollzuhängen versteht Arndt schr. für u. an s. lieben Deutschen 1, 110. —
vollharren
bis zu ende aushalten Lexer 3, 443; Fischer 2, 1628; ir wollend noch also ... daselbst in dem bebstlichen hofe volharren d. städtechron. 5, 367, 22 (Augsburg 1422). —
vollhärten
ausdauern, aushalten, trans. und intrans., auch ausdauernd machen mhd. wb. 1, 639ᵇ; Lexer 3, 443; Fischer 2, 1628; mnd. vulherden, -harden Schiller-Lübben 5, 552ᵇ; vgl. Verwijs-Verdam 9, 838. —
vollhocken
wie vollsitzen, trennbar:
alls is scho vollghockt neben meina (der wagen sasz voll)
Stieler ged. 2, 23 Reclam.
vollkeilen, etwas füllen und durch einen stöszel fest stampfen, trennbar:
ein kirchenschlüssel ...
wird fest mit pulver vollgekeilt
Busch maler Klecksel 11.
vollklagen, in älterer sprache untrennbar, zu ende, nach vollem werthe beklagen; dann in der rechtssprache, eine klage bis zum ende durchführen mhd. wb. 1, 834ᵃ; Lexer 3, 444; vgl. Verwijs - Verdam 9, 845. — anders im nhd. und trennbar: hätten sie nur ihm allein die ohren vollgeklagt Alexis Isegrim (1854) 1, 266; s. voll 1 s. —
vollklauben
trennbar, füllen durch einzeln aufnehmen:
ich wil gehn hienausz an den bach
und vol klauben den busen mein
grosz wacken und der kisselstein
H. Sachs 14, 272 K.-G.
s. voll 1, s. —
vollkleckern
trennbar, beschmutzen, s.voll 1 s und v: ihre schwinsledernen jacken ... vollkleckern Holtei erz. schr. 14, 74. —
vollklecksen
auch wie das vorhergehende wort, gewöhnlich vollschmieren, von schlechtem schreiben oder malen: einen langen mit jahreszahlen vollgeklexten papierstreifen Holtei vierzig jahre (1843 ff.) 1, 167; während andere mit ihrem platten und gemeinen pinsel ... kirchen vollklecksten Justi Winckelmann 2, 1, 330. —
vollklicken
wie das vorhergehende wort: solcher schendlicher lügenfabel haben die münch und pfaffen so viel bücher vol geklickt Luther 30, 3, 313 W.
vollklingen
trennbar: vollklingende stimme. — trans. (s. voll 1 s): nicht nur die Franzosen ... hatten ... uns die ohren vollgeklungen Arndt 1, 241 R.-M.
vollkommen
im nhd. untergegangen, während das part. prät. in der alten form ohne ge- als adj. erhalten blieb (s. dieses), eigentlich: zum ziele, zum ende kommen, s. Graff 4, 670; mhd. wb. 1, 906ᵃ; Lexer 3, 444; Schiller-Lübben 5, 553ᵇ; Verwijs-Verdam 9, 846; aus dem reich entwickelten gebrauch der älteren sprache ist die rechtliche verwendung des wortes hervorzuheben, es bezeichnet die durchführung eines rechtsgeschäftes: die dat ordel schilt, ne vulkumt hes nicht Sachsenspiegel 2, 12, 5; tüges sal man over ses weken vulkomen 1, 62, 6; beweis führen: unde ne vulkumt he's nicht mit getüge 3, 18, 1. — nur vereinzelt im älteren nhd.: und volkummen (perveniant) zuͦ mittag untz zuͦ cadesbarne erste d. bibel num. 34, 4 lit. ver.das part. präs. wie das part. prät.: apprehensio, eyne volkomende beschauwunge Diefenbach gl. 43ᵃ. —
vollkramen
mit allerlei zeug füllen, trennbar: eine kleine, schmutzige, von kleinen briefen und übel conditionierten billet-doux vollgekramte brieftasche Bode Yoricks empfindsame reise (1768) 1, 124. —
vollkriegen
trennbar: er kann den bauch nicht voll kriegen von einem fresser; den hals voll kriegen, genug bekommen von etwas (übertragen). —
vollkritzeln
trennbar, verächtlich vom schreiben oder zeichnen, besonders wenn das geschriebene oder gezeichnete sinnlos ist: nichts thut er lieber als das er mit der feder ein blatt papier voll kritzelt Rabener w. 4, 170; aber die wände dürfen sie nicht vollkritzeln Spielhagen w. 1, 338. —
vollkröpfen
trennbar, von vögeln, die ihren kropf füllen.
vollladen
trennbar, den verschiedenen bedeutungen von laden folgend: die glasscheibe ..., die unsern aus leiter und nichtleiter gebauten jüngling vollud Jean Paul 21, 18 R.; (wagen,) die statt mit kornfrucht heut mit menschen vollgeladen waren Storm w. (1899) 3, 274; ich bin ordentlich vollgeladen mit sprechlust Rosegger schr. (1895 ff.) 5, 172. —
volllassen
trennbar, von räumen, gefäszen, die flüssigkeit enthalten können, sie füllen: lasz sie (die teiche) wieder voll und setze fische darein fischbüchlein 122; ein zober auff einmal unter gesetzet, voll gelassen, und weg getragen Hondorff saltzwerk zu Halle (1670) 37. — anderes untrennbares mhd. vollelâzen, ganz unterlassen mhd. wb. 1, 952ᵃ. —
volllaufen
trennbar: volllaufen, currendo implere Schottel 165; das subject ist aber der raum, das gefäsz, das sich mit flüssigkeit füllt (s. voll 5): der teich ist voll gelaufen Stieler 1087; die bergungsdampfer dienen ... zum auspumpen vollgelaufener schiffe v. Alten hdb. für heer u. flotte 2, 167; im bilde: ich habe seither das masz ihrer schande ganz ruhig volllaufen lassen Görres ges. br. 1, 211. — in alter sprache ein anderes untrennbares verb., bis zum ende, zum ziele laufen: doch vollief ich und vant den ammanmeister d. städtechron. (Straszburg 14. jh.) 9, 1043, s. Lexer 3, 450; Verwijs-Verdam 9, 870;
der ot volloufet an daz zil
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 2552;
vom ablauf der zeit:
wan sich vollifen ebene
gantz sechs und drizegtusent jar
Hiob 5500 K.
volllauten, trennbar, vollen klang haben (s. voll 2 g): vollautende formen Jac. Grimm kl. schr. 1, 344. —
volllegen
trennbar, füllen durch hinlegen: du hast nunmehr mit höflicher hand die wagschale unsrer gepflognen freundschafft gantz vollgeleget Harsdörfer teutsche secretarius (1656) 1, 28; hinter einem langen, mit protokollen vollgelegten budentisch Castelli w. 10, 34 (1844). —
vollleisten
s. unten in allgemeiner alphabetischer ordnung.
volllesen
untrennbar in alter sprache, bis zu ende lesen:
sîn güete nie vollobet wart,
volschriben noch vollesen
minnes. 3, 33ᵇ Hagen;
s. mhd. wb. 1, 1009ᵃ; Lexer 3, 449; Verwijs-Verdam 9, 866. — getrennt im nhd., auflesend füllen: tasche aus birkenrinde, die er zur hälfte mit erdbeeren voll las Stifter (1901 ff.) 4, 1, 61. —
vollmachen
untrennbar, fertig machen, vollenden, vollkommen machen Lexer 3, 450; mnd. vulmaken Schiller-Lübben 5, 557ᵃ; vgl. Verwijs-Verdam 9, 875; fulle machen, patrare Diefenbach gl. 416ᶜ; volmachen, perpetrare 429ᵃ; er selb volmachtz und vestents und sterckts erste d. bibel 2, 438 lit. ver.; wann du hast volmacht das lob 1, 79; mit der forme, die alle formen in ir tregt und volmacht Tauler sermones (1508) 89ᵇ; synt in Christo volmacketh, vorgantzet Rotmann restitution 10 ndr.; fliese sich die gebeu ... zu volmachen Gholtz lebendige bilder b 6ᵇ (1557). — das part. praet. (ohne ge-) erscheint im sinne von perfectus, vollkommen: vollmacht, perfettionato Kramer t.-it. dict. 2, 8ᵃ (1702);
umb yr zo helpen volbrengen yre sachen,
want sij der alleyne neit en kan volmachen
pilgerfahrt d. träum. mönchs 8401 M.
ein anderes im nhd. aufkommendes trennbares verbum: wulmaken, implere Diefenbach nov. gl. 211ᵇ; vollmachen, complere; gestoszen vollmachen, gantz auszfüllen, refercire Maaler 472ᵈ; vollmachen Schottel 652; vollgemacht, suppletus Steinbach 2, 6. — im eigentlichen sinne: füllen ... ist so viel als vollmachen Gueintz rechtschreibung (1666) 63; vermeinet ich, ich käme über das scheiszhaus, gerieth aber ... über das butterfasz, und habe also wieder vollgemacht was zuvor herausgenommen schausp. engl. comöd. 95 Cr.; eh als sie unser fleisz kaum hatte vollgemacht (die scheuern) Lohenstein Arminius 2, 135; rauben, stehlen, das macht den beutel voll Hartmann volksschausp. in Bayern 386. — in besonderer wendung: derhalben auff du rebendroll, es gilt dir voll ein boll, so würst zeitlich doll, und machst den huͦt voll (speiend) Fischart praktik 21 ndr. — das masz voll machen, oft in übertragener anwendung (s. voll 1 p): (die kinder Israel sollen) nur plage zu lohn haben, bisz sie ihr maasz vollmachten Böhme schr. (1620) 2, 344; sünden, welche sich von zeit zu zeiten sträflich gehäuffet, und endlich mit dieser mrodthat derselben masz vollgemachet Harsdörfer secretarius 1, 119; damit es das maasz seiner greuel voll machen möge Jung-Stilling 3, 264 Gr.auf eine fläche bezogen: darumb das sie mein land mit den leichen irer abgötterey verunreinigt und mein erbe mit iren greweln volgemacht haben Jerem. 16, 18;
dies (d. meer) macht, wo schiff und mast die bahn durchschneiden
soll,
den fast versetzten weg mit sand und steinen voll
Pietsch geb. schr. (1740) 174.
mond:
jetzt hat Latona (!) gleich das zweymahl sechste mahl
ihr silber vollgemacht
Treuer deutscher Dädalus (1675) 1, 890;
gott gebe, wann der mond sich zehnmal vollgemacht,
dasz dann dein ebenbild in einer wiege lacht
Mayer bei Weichmann poesie der Niedersachsen (1721 ff.) 2, 101.
papier, geschriebenes (vgl. voll 1 c): also dasz sie (reden) ... gar gantze blätter v. Chr. Weise polit. redner (1677) 60; ich stoppele aus allen ecken etwas zusammen, mein blatt vollzumachen Schwabe belustigungen (1741) 1, 256; man müszte sehr unfruchtbar seyn, wenn man nicht ohne alle episoden, fünf aufzüge darnach v. könnte Lessing 17, 39 M.; um mein register über weibliche narrheiten vollzumachen S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 2, 198. — gezähltes (vgl. voll i β): die sechs füsze des hexameters vollzumachen Th. v. Schubert verm. schr. 2, 90; früher machte er nur die zahl voll Gutzkow ges. w. 12, 46;
drey kinder hatte sie ihm höchst vergnügt gebracht
und die gesetzte zahl der liebe vollgemacht
H. v. Hoffmannswaldau u. anderer Deutschen ged. 2, 243 (1697 ff.);
und um das kleeblatt vollzumachen,
hab ich auch euch, herr graf, hierher beschieden
Heine 2, 333 E.
auf einen zeitbegriff bezogen:
und du — machst diesen tag von gräul und abscheu voll
Ayrenhoff w. (1814) 1, 90.
person:
mach mich deines geistes voll
S. Dach 594 Ö.;
das herz voll machen (s. voll 1 o): sieh, ich hab eine quelle gefunden, die mein herze vollmacht und seegnet Schiller 1, 60 G. — voll machen, ebrium facere Stieler 2390 (s. voll 9); er seufft zu seer und macht sich zu vol Luther 19, 398 W.; er war nicht eigentlich ein saufbold, vielleicht nur, weil er nicht soviel bezahlen konnte als dazu gehört hätte, ihn vollzumachen H. v. Chezy erinnerungen 2, 220;
sie hetten mich schier gemachet voll (auf der kirchweih)
Eyering prov. copia (1601 ff.) 3, 331.
häufig in der umgangssprache voll machen, schmutzig machen, sich voll machen, besonders von kindern (s. voll 1 v). —
vollmalen
trennbar, durch malen anfüllen, bedecken: der Clemens hat ihm schon ein paar wände mit abentheuerlichen figuren vollgemalt Bettine d. Günderode (1840) 1, 38; freier:
sie mögen sich wohl mit kuriosen idealen,
gar trefflich die phantasie vollmahlen
Tieck schr. 13, 284.
vollmästen, trennbar (s. voll 7): die kaldaunenschlucker, die fleischfresser, die sich v. an andrer leute fett Viebig d. schlafende heer 2, 392. —
vollmessen
in älterer sprache untrennbares verbum, völlig zumessen, ausmessen:
swer dir fluoche, sî verfluochet
mit fluoche volmezzen (beachte die betonung)
Walther v. d. Vogelweide 11, 15;
s. mhd. wb. 2, 215ᵇ; Lexer 3, 450; vgl. Verwijs-Verdam 9, 876. — im nhd. trennbar:
des übels maasz das ward dem bösen vollgemessen
Gleim schr. (1798 ff.) 2, 351.
vollnageln, trennbar, in ungewöhnlicher übertragung: (Flamin) nagelte den staatbucentauro mit rudersklaven voll, um ihn schneller gegen winde anzutreiben Jean Paul w. 10, 146 R.; s.voll 1 s. —
vollnehmen
trennbares verbum: den mund, die backen voll nehmen, s. oben voll 1 n und 1 s; der seine rede damit (gerüchten) vollnahm v. Hoffensthal Hildegard Ruhs haus (1910) 198; anders gewendet:
so nimmt er den accord (auf der orgel) mit beyden händen voll
Henrici ged. (1727 ff.) 1, 304.
vollpacken, trennbar, mit gegenständen oder auch mit lebenden wesen dicht anfüllen (vgl. voll 1 s): kisten vollgepackt und zugeschlagen Göthe tageb. 8, 229 W.; da finde ich einen mantelsack, vollgepackt mit wäsche Kotzebue dram. w. 10, 200; und hiermit packte er ruhig seine taschen voll Eichendorf w. (1864) 2, 350; unten ... hielt ein vollgepackter karren Alexis hosen d. herrn v. Bredow (1846 ff.) 1, 234; der wag'n wird doch weiter net vollgepackt werd'n Nestroy ges. w. (1890 ff.) 8, 115; H. hatte die koffer ... mit gröszerem vergnügen wieder ausgepackt, als er sie ... vollgepackt hatte Spielhagen w. 2, 329. — man sagt auch: sich die backen vollpacken (beim essen). — schwed. fullpacka. —vollpflanzen, trennbar:
wie er denn schon angekommen,
und in deinem fetten land einen platz hat eingenommen,
und mit palmen vollgepflantzet
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 2, 119;
der garten, vollgepflanzt mit matten freuden,
von scharfen reuethränen bald ertränkt
Immermann w. 16, 351 B.;
vollpfropfen, trennbar, mit der vorstellung des dicht und eng zusammenpressens, besonders das part. prät. ist häufig, dän. fuldproppet: einen reichen, von waren aller art vollgepfropften kramladen Miller briefw. dreier ak. freunde (1778) 1, 17; das ganze Eichsfeld ist vollgepfropft von edelleuten, die sich unaufhörlich besuchen und beschmausen Knigge roman meines lebens (1781) 2, 100; die einzige kleine stube des hauses war von menschen vollgepfropft Göthe 22, 48 W.; alle postwagen sind mit deinen anbetern vollgepfropft Kotzebue dram. werke (1828) 24, 140; mit lächerlich vollgepfropften taschen Eichendorf w. (1864) 3, 247; alltagsköpfen, von denen die welt vollgepfropft ist Schopenhauer w. 5, 74 Grisebach; vollgepfropft ..., wie eine holländische heeringstonne Hebbel br. 7, 72 W.; (man) fuhr in vollgepfropften nachen auf den seen und flüssen G. Keller ges. w. 1, 16;
und pfropft ihm seinen doppelranzen voll
Vosz gedichte (1802) 2, 147;
mit instrumenten vollgepfropft,
urväter hausrath drein gestopft
Göthe 14, 29 (Faust 407) W.
sich vollpfropfen, sich voll essen; sich den bauch, die backen voll pfropfen: (wenn) jeder sich den magen vollpfropfen soll Möser w. (1842) 5, 30. freiere anwendung: der ganze brast, mit dem ich diesen brief vollgepfropfet habe Lessing 10, 398 M.; dasz man einen lebhaften jüngling in diesen jahren der fröhlichkeit nur beständig mit wissenschaften vollpfropfte Knigge roman m. lebens (1781) 1, 187; die gehäuften beiwörter, von denen seine verse oft vollgepfropft sind Cramer v. d. barden (1770) vorr. 4; ein mit gefährlichem stoff vollgepfropftes herz beruhigen Wagner theaterstücke (1779) 143; hat den kopf vollgepfropft und kann sich damit weder regen noch bewegen Heinse 7, 329 Sch.; (ein billet,) das von den zärtlichen ausdrücken ... ganz voll gepfropft war Ayrenhoff w. (1814) 4, 17;
denn öfters hört ich sagen über ein trauerspiel,
es wäre mit begebenheiten vollgepfropft
Platen w. 2, 407 R.
das verb. kann sich naturgemäsz nur auf den angefüllten raum beziehen; in der folgenden stelle ganz ungewöhnlich:
jeder eilet, jeder läuft, und die vollgepfropfte menge
mehret durch die blasse furcht das zerdrückende gedränge
Schönaich Hermann (1751) 123 (s. v. vollpressen).
dän. fuldproppe, schwed. fullproppa. —
vollplaudern
trennbar, s.voll 1 s: dem hatte ein schwätzer etliche stunden nacheinander die ohren vollgeplaudert Chr. Weise die drey klügsten leute (1675) 297. —
vollpressen
trennbar: einen kasten mit kleidern vollpressen, einen saal mit menschen. — aber ganz ungewöhnlich:
man übersiehet kaum die vollgepreszte menge
v. König gedichte (1745) 129.
vgl. vollpfropfen zu ende.
vollpfrumpfen
trennbar, wie das vorhergehende wort (s. th. 7, sp. 1799):
greifft zu, halt auff, fasst alles voll,
pfrumpt ermel, schos und bosem voll
Hayneccius Hans Pfriem s. 79 ndr.
vgl. vollprumpsen Brendicke Berliner wortschatz 190. —
vollpumpen
trennbar, eigentlich durch bethätigung einer pumpe anfüllen, dann überhaupt mit flüssigkeit anfüllen: in gewässern mit konstantem wasserstande ... werden die hebeprähme durch vollpumpen ... gesenkt v. Alten hdb. f. heer u. flotte 2, 176. — übertragen: dann kann man vielleicht in reiferen jahren einmal von weisheit triefen. — dann hergeben, jetzt noch vollpumpen P. Cornelius liter. w. 2, 435; ich will meine ohren wieder nicht blosz mit melodien, sondern mit glanzvoll gesungenen melodien vollpumpen Jac. Burckhardt br. an einen architekten (1877) 42; vgl. voll 1 s. — in derber sprache: einen vollpumpen, ihn betrunken machen; sich vollpumpen, sich betrinken.
vollquackeln
trennbares verbum: ich habe alles so vollgequackelt (das ganze briefpapier, s.voll 1 s), dasz ich dir kaum noch sagen kann, wie unmenschlich lieb ich dich habe A. v. Droste-Hülshoff an L. Schücking 82 (1893); quackeln, schwatzen (s. th. 7, sp. 2290) frei bezogen.
vollquellen
gelegenheitsbildung: sah den weiszmousselinen ärmel mit ihrem blute vollgequollen Jean Paul 3, 102 H.
vollräumen
trennbar; räumen bezeichnet eigentlich leer machen (das land, den platz räumen), in um-, wegräumen tritt schon gegen die vorstellung, dasz ein platz leer gemacht wird, stärker die andere des bewegens der sachen hervor, in vollräumen (ein zimmer vollräumen) ist die ursprüngliche bedeutung von räumen ganz geschwunden, doch scheint diese anwendung auf Süddeutschland beschränkt zu sein: die leute räumten beinahe die ganze stube mit den sachen voll, die sie in dem wagen fanden Stifter w. (1901 ff.) 4, 1, 26; (zimmer) mit vasen krügen und jardinieren vollgeräumt Schaukal Mimi Lynx (1904) 17; der doppelt und dreifach buch führt im vollgeräumten schädel kapellmeister Kreisler 97. —
vollreden
in älterer sprache untrennbar, zu ende reden, ausreden, s. Graff 2, 450; mhd. wb. 2, 606ᵇ; Lexer 3, 451; sie het das kaum vollret, si wüschten all hin usz Neidhart Terenz 105 lit. ver.;
ê daz gebot wær volreit,
sô wâren sie dâzuo bereit
Lamprecht v. Regensburg Franciscus 1629.
in neuerer sprache trennbar: einem die ohren, den kopf voll reden. —
vollregnen
trennbar: im vollgeregneten chausseegraben Gaudy w. (1844) 2, 48; übertragen: (wald, der) mit wonneschauern einem das herz voll regnet Heinse 3, 387 Sch.
vollreiten
ältere sprache, untrennbar, einen ritt zu ende führen, reitend ans ziel kommen, auch übertragen mhd. wb. 2, 1, 738ᵃ; Lexer 3, 452; Fischer 2, 1630. vgl. Verwijs-Verdam 9, 880. —
vollrichten
untrennbar, in älterer sprache, ganz ausrichten, zu ende führen, vollenden mhd. wb. 2, 1, 653ᵃ; Lexer 3, 452; Fischer 2, 1631.
und alsdann, wann nun alls vollricht,
sein gsind zu tisch sich setzen sicht
Fischart dicht. 3, 316 Kurz.;
auch im engeren sinne, ein endurtheil fällen: svar ime de richtere nicht ne richtet, oder nicht vulrichten ne mach, dar sal ime die koning richten Sachsensp. 2, 25, 2; s. Schiller-Lübben 5, 558ᵃ. —
vollsacken
trennbar, vollstopfen wie einen gefüllten sack: vollsakken Schottel teutsche haubtsprache 652; ausz seinem vollgesackten lästerschlunde Scheffler ecclesiologia 1, 583ᵇ; alles eingemacht, vollgesackt, geschlachtet und gepökelt für herbst und winter Tieck 17, 260;
wann jedermann den wanst recht vollgesackte
Opitz (1690) 1, 104;
es (fröschlein) quakt empor zum baume,
von odem vollgesackt
Herloszsohn scherben 73.
vollsäen, trennbar: in einem fort einen acker mit samen auf samen voll säen Jean Paul 45/47, 55 H.;
er spannt sie vor den pflug, umackert, wie er soll,
das feld, und säet es mit drachenzähnen voll
v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 78.
vollsammeln, trennbar: hier, er wohnt im werk- und arbeitshaus, läszt man ihn eine kiste (steine) v. Liliencron w. (1896 ff.) 2, 4; s. voll 1 s. —
vollsauen
trennbar, beschmutzen (s. voll 1 s und v), in derber sprache: mein kollege hatte auch noch den käfig so voll gesaut Göhre denkw. u. erinn. eines arbeiters (1903) 156. —
vollsaufen
trennbares verbum, s.voll 9 g, scheinbar mit persönlichem object, vgl. sich müde laufen u. ä., derb: einen vollsauffen, ihn betrunken machen Kramer teutsch-ital. dict. 2, 434ᶜ (1702); wenn fürsten und herren wissen wollen, was an einem sey, so sauffen sie ihn voll Corvinus fons lat. (1646) 1003; so musz unser hoffmeister seiner alten gurgel zusprechen und musz den creditoren (acc.) tag und nacht voll sauffen Schupp schr. (1663) 26. — sich voll saufen, sich betrinken: wer sich stets vollsäufft Steinbach 2, 597; ein arbeiter, der sich gern voll seufft, der wird nicht reich Sirach 19, 1; könig Belsazar machte ein herrlich malh seinen gewaltigen und heubtleuten und soff sich voll mit inen Daniel 5, 1; wer sich nicht vollsauffen darff, hat endweder ein bösz stuck gethan oder wills begehn Fischart Garg. 151 ndr.; dasz ich mich, meines wissens, im wein noch niemals vollgesoffen hatte Schweinichen denkw. 32 Ö.; wie er sich aber einmal an einem aposteltage stick und wick (s. voll 9 d) vollgesoffen, ... das er nicht gehen kundte Hertzog die schiltwache g 5⁰; sich nicht nur einen rausch trincken ... sondern gar vollsauffen Moscherosch ges. (1650) 1, 406; seyther die räusch auffkommen sind, saufft sich keiner mehr voll Lehmann floril. polit. (1662) 3, 323; hat mer auch wol ein sprichwörtl, dasz mer sagt, er ruefft den St. Ulrich (speit), wan sich ainer vollgsoffen hat Schwabe tintenfäszl (1745) 20; auch nicht in die (zeit hätte ich getaugt), wo man sich für einen pfennig vollsaufen konnte Bräker schr. (1789 ff.) 2, 80;
nu wil ich mich baldt legen in
die herwerg, mich volsauffen denn
H. Sachs 11, 229 K.;
und meinst du habests wolgetroffen,
wann du dich also volgesoffen
Frischlin deutsche dicht. 115 lit. ver.;
bin ich zu toll,
sauff ich mich voll?
Voigtländer oden u. lieder (1642) 28;
hast du dich schon toll und voll gesoffen
eh ein gast noch an die taffel sitzt?
A. Gryphius lustsp. 228 P.
voll mit dem gen.:
und soffen sich des weins so voll,
das sie schrien, als wern sie toll
Alberus fabeln s. 147 ndr.
von thieren, sich völlig satt trinken: wann sie (die blutegel) anfangen zu saugen, lässet man sie, bis sie sich vollgesoffen haben Hohberg georgica curiosa (1682) 1, 262; aber mit der vorstellung des berauschtseins: ich dachte damal, ob die fische auch zuweilen an ihrem natürlichangenehmsten elemente sich vol saufen könten, oder ob er (ein fisch) sonst den swindel im kopffe hätte Lindenborn Diogenes (1742) 1, 608. — dasz in älterer sprache der ausdruck nicht so derb erschien wie jetzt, zeigt sich in der übertragung:
nachdem er aber sich an blutschuld vollgesoffen
Gloger bei Fleming deutsche ged. 2, 673 L.
das part. prät.: ein vollgesoffener ò gesoffener kerl, un huomo ubbriaco Kramer teutsch-ital. dict. 2, 435ᵃ (1702); ein schlimmer pflugbengel oder ein anderer unnützer vollgesoffener esel Böhme gesch. d. tanzes 84;
ein vollgesoffner hochzeitgast
Henrici ged. (1727 ff.) 1, 463.
das refl. kann in älterer sprache fehlen, man denkt hier wohl auch an das trinken von vollen (gläsern), s. voll 1 a und unten die stellen aus Ambach und Grimmelshausen:
ein bursch von dem verlornen hauffen,
die sich nur samlen vollzusauffen
Scheit Grobian. 1493 ndr.;
übertragen:
wie durch den starcken regengusz,
biszweilen auch durch einen flusz
das erdreich sich vollsauffend segnet
Weckherlin ged. 1, 502 F.
vollsaufen, scatere vino Stieler 1685; vollsauffen, trinken bis zum rausch Kramer teutsch-ital. dict. 2, 434ᶜ (1702); kompt her, lasset uns wein holen und v. Jes. 56, 12; des gleichen ists auch mit dem zuͦ- und v. Ambach von tantzen (1543) a 4ᵃ; gott hat weintrincken zimlich nicht verbotten, aber v. das ist wider sein gebott Montanus schwankbücher 165 B.; euch hüten vor spielen, v., balgen, schelten Fronsperger kriegsbuch 1, 99ᵇ; mit teglichem v. und schlampampen Mathesius Sarepta (1571) 24ᵃ; v. aber, sagte ich, dasz ist schon eine kranckheit an sich selbsten Moscherosch ges. 2, 220 (1650). (dasz) diese gasterey eine bestimte zeit und gelegenheit seyn solte, sich gegen einander mit v. zu rächen Grimmelshausen Simpl. 86 ndr.; in fall nun einige officier in steten viehischen v. befunden würden Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 97; ich habe meiner lebtag gehört, die gröszten schelmen hüten sich vor dem v. Pestalozzi schr. (1819 ff.) 3, 298;
vollsauffen leibes krafft zubricht
Ringwaldt die lauter warheit (1597) 57;
jucken, buln, borgen, sauffen voll,
thut gar ein kleines weilchen wol
Eyering prov. copia (1601 ff.) 3, 109.
vollsäufen, schwaches verb., trennbar: vollgeseufft, präs.: ich seuffe voll, inebrio, ebrium jacio Steinbach 2, 598; hat ... die wechter mit bier und wein alle vollgeseufft Älurius Glaziographia (1625) 94; daher säuffte er seine kriegsleute mit dem stärcksten weine voll Lohenstein Arminius 2, 63ᵃ. —
vollsaugen
sich, flüssiges bis zur anfüllung in sich ziehen, trennbares verb; in neuerer sprache oft in bildlicher und übertragener anwendung: dasz er (der epheu) andere bäume ersticke, ihnen allen safft entwende, sich hingegen vollsauge Francisci trauersaal 3, 293 (1672); die übrigen (körner) würden ewig oben schwimmen, ohne sich vollzusaugen d. neueste aus d. anmuth. gelehrs. 4, 291; der grimm eines schmähsüchtigen, der wie ein blutegel sich v. musz Vosz antisymb. 2, 83; summ und brumm und saug dein rüsselchen voll Bettine dies buch gehört d. könig 1, 125; der zufall ist die muttermilch, an dem sich jeder plan vollsaugen musz Nestroy ges. w. (1890 ff.) 11, 228; dem ganzen klüngel von juden und judengenossen, die sich an den kranken brüsten der österreichischen finanz vollsaugen Bismarck im briefw. mit Gerlach 264; ich habe mich wie ein schwamm vollgesogen Moltke ges. schr. 6, 222; (man) gibt ihnen (den lungen) beim nachlassen gelegenheit, sich wieder mit luft vollzusaugen v. Alten hdb. f. heer u. flotte 1, 602;
vollsaugen sollen meine augen sich
O. Ludwig ges. schr. 3, 766;
schwach flectiert: und nahm ihnen das ihrige wieder, wenn sie sich voll gesaugt hatten M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778 ff.) 3, 114. — mit dem gen.: (ich will) mich des neides v. Immermann 15, 24 B. vollsaugen allein (vgl. vollsaufen): so die stuͦten vast ein gantz jar die jungen vollsaugen lassen Eppendorf Plinius (1543) 222 f. (hier vielleicht untrennbar, bis zu ende saugen, s. mhd. vollesûgen); einhängen des gegenstandes in ... kalkwasser, trocknen nach dem v. Muspratt chemie 2, 375. das st. part. prät. activisch: vollgesogen sind sie (zecken) ... dick Oken naturgesch. 5, 665; und du liebste, reine, vollgesogene schwärmerin fürst Pückler briefw. u. tageb. 1, 103. (die sonne) ging unter wie eine grosze vollgesogene blutblase D. v. Liliencron w. 1, 109. vgl. mhd. vollesûgen, untrennbar, bis zu ende saugen, zu saugen aufhören, s. Lexer 3, 453. —
vollschaffen
in älterer sprache zu ende bringen, beendigen mhd. wb. 2, 2, 73ᵃ; Lexer 3, 452. — in neuerer sprache trennbar: etwas voll schaffen, es anfüllen.
vollschenken
trennbar: und so einer das glasz ausgedruncken und wider voll zuschencken darreichet Pape bettel- u. garteteuffel (1586) m 5ʳ; (ich leerte) ein voll geschenktes glas wein aus Scheibe d. critische musicus (1745) 300; (als die alte) den stöpsel springen liesz und die drei gläser vollschenkte Göthe 23, 92 W.; während er seinen jagdbecher vollschenkte Eichendorf w. (1864) 3, 91;
wanns gschirr dann lehr ist, steht gar wol,
las du es wider schencken vol
Scheit Grobian. 3771 ndr.;
bis oben an mein kelch ist volgeschenket
Melissus psalmen 85 ndr.
(wie die folgende stelle nach ps. 23, 5);
du salbst mein haupt mit öle
und füllest meine seele,
die leer und durstig sasze
mit vollgeschenktem masze
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 357;
die tasse steht vor jedem vollgeschenket
Rückert w. (1867 ff.) 3, 122.
in voll einschenken ist voll adv., doch denkt man auch an vollschenken; und schenckest mir voll ein ps. 23, 5; Schwabe volleingeschancktes tintenfäszl. —
vollschichten
trennbar, über einander legend füllen: seine gehirnkammern sind bis an die decke mit marschreglements vollgeschichtet Jean Paul 3, 186 H.; mit einem vollgeschichteten futterkorb am rücken Rosegger wildlinge (1905) 211. —
vollschieben
trennbar, durch einschieben füllen: wie hat er doch seine backen vollgeschoben Harsdörfer frauenz. gesprächsspiele 2, 107; der himmel war vollgeschoben (verdeckt) mit wolkenballen Rosegger II 14, 405. —
vollschieszen
trennbar, in besonderer wendung: er, der wie sein namensvetter, der heilige Sebastian, ganz mit (Amors) pfeilen vollgeschossen aussah Jean Paul 7/10, 321 H.
vollschimpfen
trennbar: wenn er sich von mir die jacke nicht will v. lassen Gökingk an Bürger br. 2, 41 Str.; ungewöhnlich: da sie ihn vollgeschimpft hatte Endt sagen u. schwänke aus d. Erzgebirge 47. —
vollschlafen
trennbar: da wird mir der baur kein arbeit mehr schaffen, sondern ich kan mir den rantzen voll schlafen Stranitzky lustige reiszbeschr. 13 Wiener ndr.
vollschlagen
in älterer sprache untrennbar, bis zum ende, zur völligen genüge schlagen Lexer 3, 453; in eigenthümlicher bedeutungsentwicklung das part. prät. mnld. volslegen, s. Verwijs-Verdam 9, 883. — im nhd. trennbar; die haut, die jacke voll schlagen u. ä., jemanden prügeln: einem die haut vollschlagen Kramer teutsch-ital. dict. 2, 540ᵇ (1702); ich wil bald bey dir sein, und dir die haut darzu vollschlagen Pape bettel u. garteteuffel (1586) p 6ᵇ; rofften im die hore aus und di haut vollschlugen Grunau preusz. chron. 1, 373; wohl weil ich dem schurken habe das leder vollschlagen wollen samml. v. schauspielen (Wien 1764 ff.) 3, 48;
eim soltus dürr mit worten sagen,
dem andern wol die haut vol schlagen
Scheit Grobian. 3960 ndr.;
und geb gott, dasz ein jungr hernach
dir deinen balg al tag volschlag!
Ayrer 4, 2705 K.;
einem die ohren vollschlagen (mit lärm); sich den bauch, den leib vollschlagen Frischbier preusz. wb. 2, 447ᵇ: da mag er sich seinen hungerigen leib vollschlagen Holtei erz. schr. 18, 115. eine karre vollschlagen, sie ganz mit erde füllen Jacobsson 4, 549ᵇ; wenn die brandröhre ... bisz auf ein zoll mit guter composition vollgeschlagen, so nimmt man zwey enden stoppinen und schläget solchen ledigen zoll vollends mit feinem mehlpulver voll v. Fleming vollkomm. teutsche soldat (1726) 68. — in besonderer wendung: bis wolken und erde einander mit einem gleichen masz von blitzmaterie vollgeschlagen haben Jean Paul 7/10, 343 H.man sagt: das boot schlägt voll, füllt sich mit wasser; vollgeschlagene boote. — vollschlagen der segel, beim backbrassen, wenn der wind von vorn auf die segel fällt und sie gegen den mast drückt Kluge seemannssprache 811. — vom schlagen der uhr (s. voll 2 i α): nicht etwa der pünktlichkeit wegen, sondern des vollschlagens halber (that sie alles nach dem schlagen der uhr) Hippel lebensl. (1778 ff.) 2, 134. —
vollschlemmen
trennbares verb., mit schlamm anfüllen: ein solches ein oder zwei fusz tief ausgestochenes quadrat ist indessen oft schon in einem kurzen zeitraum wieder vollgeschlemmt Allmers marschenb. 23; auch übertragen: (der teufel,) der sie durch bapstsgesetz und menschenlere vollgeschlemmt, das es ubir und ubir gehet Luther 10, 1, 1, 472 W.
vollschleppen
durch herangetragenes füllen, trennbar: (wintermagazine,) welche die ... sorglichen thiere immer wieder vollschleppen Ritter erdkunde 2, 1090. —
vollschlingen
sich, trennbar, sich voll fressen (s. schlingen 2 th. 9, sp. 739), übertragen: in dieser unverrückten sitzenden verfassung muszt er sich ganz natürlich mit so viel kenntnissen vollschlingen Jean Paul 4, 67 H.
vollschmeiszen
trennbar: hucet uber den hoffen (topf) und smeisz in vol Till Eulenspiegel 14 ndr.; schmeiszen für scheiszen, s. schmeiszen 4 b th. 9, sp. 1006. —
vollschmieren
trennbar, über und über beschmutzen: kinder schmieren sich hände und gesicht voll. — besonders -schmieren humoristisch oder verächtlich für schreiben, auch für zeichnen, malen: dasz ich wol sechs bogen vollschmieren könnte, so ich alle ... possen erzehlen wollte Zend. a Zendoriis teutsche winternächte (1682) 227: haben gantze bücher davon voll geschmieret Carpzov auserlesene trost- u. leichensprüche (1698) 559; ich habe mir fest vorgenommen, auch diesen zweyten bogen noch voll zu schmieren Lessing 17, 85 M.; manches blatt papier, welches man in 'guter stunde' vollgeschmiert G. Keller nachgel. schr. (1893) 124;
dort stehn drey bogen vollgeschmieret
Hagedorn bei Weichmann poesie d. Niedersachsen 4, 396.
-schmieren im sinne von prügeln (schmieren 4 f, th. 9, sp. 1085):
ich will dir deine haut vollschmieren
griech. dramen 2, 210 D.
vollschneien, trennbar, mit schnee füllen, ganz bedecken: der arzt verschrieb einen ganzen schneehimmel, um damit diesen krater (des fiebernden) vollzuschneien Jean Paul w. 24, 36 R.schwed. fullsnöad, vollgeschneit.
vollschöpfen
trennbar, schöpfend anfüllen; (in mitteldeutscher form:) wie nun das ehrliche jungfrewlein zum brunnen kompt, sihet es sich nicht lang umb und helt kein stenderling, gewint auch niemand rede an, sondern schöppt iren krug vol Mathesius 2, 55 bibl. d. schriftst. a. Böhmen; und nun die eimer her. vollgeschöpft! Gutzkow ritter v. geiste 1, 163. — in älterer sprache untrennbar, in der entgegengesetzten bedeutung, zu ende schöpfen, ganz ausschöpfen:
den brun und syner wisheit smac
nymant werlich volscheppfen mac
Hiob 10248 K.
vollschoppen, confercio, zuͦschoppen oder vollschoppen und stoszen Frisius dict. 287ᵇ (1556); voll schoppen, voll stoszen Dentzler clavis linguae lat. 335ᵇ (1718), trennbares verb., s.schoppen, verb. th. 9, sp. 1565. —
vollschreiben
in älterer sprache untrennbar, zu ende schreiben, ganz durchschreiben, darstellen mhd. wb. 2, 2, 208ᵃ; Lexer 3, 452; Fischer 2, 1631; vgl. Verwijs-Verdam 9, 881.
gar alle schrîbær künden   nimêr volschrîben dîn art noch dîn ahte
Wolfram Tit. 49, 7.
wann nyemant kan volschreiben,
was zucht, scham, er und wirdikait
ligt an der stoltzen maid
Hätzlerin 236ᵇ, 215;
des deiles wil ik beginnen und de na mi komen, de mogen dat vul schriven d. städtechron. (Magdeburg 15. jh.) 7, 2; wer git mir des himels breit permit, des mers tieffi ze tinkten, lob und gras ze vedren, daz ich volschribe min herzleid Seuse deutsche schr. 212 B.; das kein meister als weisz nie was, der sein schöne möchte v. eine hübsche histori von d. küniglichen statt Troia (1499) 60ᵃ; (gott gebe,) dasz ich dies buch möge vollschreiben Schweinichen denkw. 210 Ö. in neuerer sprache, mit schrift ausfüllen, bedecken (vgl. voll 1 c): vollgeschrieben, literis oppletus Steinbach 2, 509; wohin auch gehört das auszwendig und inwendig vollgeschribene versigelte buch Dannhauer catechismusmilch 4, 491; aber was thut man nicht, zween bogen vollzuschreiben Mayr päckchen satiren (1769) 70; so wollen wir in die wette reimen und sehen, wer in einer stunde mehr papier vollschreiben wird v. Petrasch sämtl. lustsp. (1765) 1, 233; dasz diese rolle auswendig und inwendig vollgeschrieben war Jung-Stilling w. 3, 113 Gr.; doch mache ich mir vorwürfe, dasz ich nicht die früheren blätter, die ich vollschrieb, abschickte Göthe br. 19, 203 W.; eine jugend, die zuletzt unter ihren büchern und vollzuschreibenden heften verschmachtet Gutzkow ges. w. (1872 ff.) 1, 244; um eine fähigkeit beneide ich die frauenzimmer, um die, dasz sie über nichts ganze bogen v. können Hebbel br. 2, 83 W.; (papier, das) bis an den äuszersten rand vollgeschrieben ist Ranke s. w. 27, 132;
dies wort, es gräbt sich wie ein schlusz
des schicksals noch zuletzt am ehrnen rand
der vollgeschriebnen qualentafel ein
Göthe 10, 219 W.;
reflexiv im sinne des pass.:
nichts schreibt sich leichter voll
als ein kalender
3, 287.
in freier anwendung: in die von den jahren vollgeschriebenen gesichter Jean Paul w. 20, 152 R.; in unsern vollgeschriebenen zeiten Hegel theol. jugendschr. 16. —
vollschröten
das salz mit schauffeln in die körbe thun Frisch 2, 229ᵇ (aus Mathesius). —
vollschütten
trennbar: vollschütten, versare, buttare piene ò colmo, colmare Kramer teutsch-ital. dict. 2, 689ᶜ (1702); ein glas gestrichen vollschütten, einen metzen gehäuft vollschütten ebenda; vollschütten ist, wenn ... salz genug in der pfanne, wird solches mit vollschüttschaufeln herausgenommen und in die körbe gethan Jacobsson 8, 110ᵃ; die bollwercke, welche kegen der höhen liegen, schuttet man voll Freitag architectura milit. (1631) 120. —
vollschwächen, vollschwechen
sich, trennbar, sich vollfressen oder trinken (gaunersprache), s. oben vollsacken und schwächen 7 b th. 9, sp. 2160. —
vollschwatzen, vollschwätzen
trennbar: einen vollschwätzen, die oren mit geschwätz erfüllen und täuben Maaler 472ᵈ; dasz sie mir die ohren mit solchem gewäsch vollschwätzt Bode gesch. d. Thomas Jones (1686 ff.) 2, 515; schwetzt ihnen den kopf voll von freiheit Bauernfeld ges. schr. 3, 183. —
vollschwechen
s. vollschwächen. —
vollschwelgen
sich, trennbar: (flaschen cyperwein,) in denen dieser schaamlos undankbare sich an meiner tafel so oft vollschwelgte Schink das theater zu Abdera (1787 ff.) 2, 115. —
vollschwellen
trennbar, bis zur fülle schwellen machen:
eine riesenbeule,
die krankhaft vollgeschwellt sich nun entzündet
Hamerling Ahasver in Rom 3, 110.
vollsein, gelegentlich zusammengeschrieben: von dessen und eurer holdschafft gantz Rom bishero vollgewesen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 4, 156; bestimmungen des voll- oder leerseyns Schopenhauer 3, 147 Gr.
wer sich recht vor vollsein (s. voll 9) hüten kan
Gloger bei Fleming deutsche ged. 2, 673 L.
vollsetzen
trennbar:
verewigt seinen ruhm durch vollgesetzte bogen
Semper ged. (1761) 331.
vollsieden, in salzwerken, wann so viel salz gesotten wird, als in einer pfanne ordentlich kann gesotten werden Frisch 2, 406ᶜ. —
vollsitzen
dasz glaubwirdige leute ... für uns in unsern volsitzenden (vollbesetzten) rath komen seind Hüttel chron. d. stadt Trautenau 4. — die stube sitzt voll s. oben unter 5. —
vollspannen
trennbar: die vollgespannte ballonform Lueger (1894 ff.) 2, 3. —
vollspeichern
trennbar, ganz mit vorräthen füllen: das nest ist reich und gerade jetzt vollgespeichert Alexis d. falsche Waldemar (1842) 2, 251. —
vollspicken
trennbar, derber als vollstecken: die fenster des hotels ... sind vollgespickt mit menschenköpfen Rosegger III 1, 295;
auch so dir etwas wol thuͦt schmecken,
soltu das halb in d' ermel stecken.
und spick die ermel vol mit lust
Scheit Grobian. 846 ndr.;
durch die vollgespückten beutel der freimüthige (1751) 95; spicken, eigentlich, mit speck durchstechen.
vollspinnen
trennbar: wer die spindel vollspinnt, wickele sie ab v. Düringsfeld sprichw. (1875) 1, 224ᵃ; diesen (spinnen) gebot der könig, das sie solten die mittellufft, zwischen dem mohn und morgenstern, vollspinnen Gabr. Rollenhagen indian. reysen (1603) 76. —
vollspritzen
trennbar: die pfütze gab ihm die gröste ergötzlichkeit, da er ... mit beyden händen hineinpatschte und uns alle tüchtig vollspritzte v. Loen ges. kl. schr. (1749) 1, 72; der stier blutet aus dem maul, und da hat er mich vollgespritzt Auerbach schr. (1892 ff.) 15, 6;
so soltu dich versaumen nicht,
und spritz in (den jungfrauen) vol ir angesicht
Scheit Grobian. 3609 ndr.
vollspürzen, trennbar, zu spürzen, spucken, s. Schmeller-Fr. 2, 685:
sie kreist und feist, echtzet und kracht
und spürtzet mir all ecken vol
Sachs 5, 268 K.
vollstampfen, durch festes treten füllen: eine grube vollstampfen; in nd. form: sol man den grund recht und fest in teutscher sprache setzen, musz man das grundbrüchige ausfesten, das löcherichte vollstampen Schottel haubtsprache 137. —
vollstänkern
mit gestank erfüllen, vgl.vollstenken. —
vollstäuben
mit staub ganz bedecken:
und dirnen kehrten itzt die vollgestäubten stufen
Löwen schr. (1765) 3 42.
sieh nur, sagt er, eine blume, deren laub vollgestäubt ist Hippel lebensl. 3, 1, 438 (1781). —
vollstecken
trennbar, trans. oder intrans.: ein kissen mit nadeln, eine vase mit blumen voll stecken. — mundum bonis omnibus explevit deus, gott hat die welt vollgesteckt und gefüllet mit allerley gütern Faber thesaurus (1587); ein kilch (kirche) vollgsteckt von leuten Frisius dict. (1556) 584ᵃ; konnten uns nicht enthalten, die taschen vollzustecken von granit, porphyr und marmortäfelchen Göthe 30, 218 W.; kirche, die überall mit maien vollgesteckt war Schiller br. 1, 123 J.; (strümpfe) vollgesteckt mit ducaten Rosegger schr. (1895 ff.) 13, 244;
der Hymen steckt den saal
mit liechten fackeln voll
Fleming deutsche ged. 1, 73 L.
intrans.: (dasz er) aller boszheit volsteck Riederer spiegel d. waren rhetor. (1493) g 2ᵇ; (die pfaffen) fasten gar nicht, kain tag, sy stecken voll (sind gefüllt) als die zecka Clemen reformationsflugschriften 2, 13; und solcher apostützlerey stecken ewer köpff voll Paracelsus chirurg. schr. (1618) 253ᶜ;
ir kasten und keller stecken voll,
sie trincken, das sy werden doll
K. Kern bei Wackernagel d. kirchenlied 3, 421;
dann er steckt gschwinder griffe vol
H. Sachs 8, 308 K.;
ir augen stacken grieben vol
22, 337 K.-G.
vollstehen, in älterer sprache untrennbar, bis zu ende stehen, beharren, beharren bei etwas, dafür einstehen, treu bleiben Graff 6, 593; mhd. wb. 2, 2, 589ᵇ; Lexer 3, 453; Schiller-Lübben 5, 558ᵇ; Verwijs-Verdam 9, 884. — die sich so nefreuuent, die nefollestânt in iro freuui Notker ps. 88, 17;
swaz ich dich gelêret hân,
dar an solt dû vollestân
Rudolf v. Ems Barl. u. Jos. 396, 8;
aber hertzog Albrecht, des hertzogen Bernhartes sun, der vollestunt ime (blieb ihm treu) alleine bisz an sinen dot Fritsche Closener in d. städtechron. 8, 144; persistere, wol stan, foln sten Diefenbach gl. 429ᶜ; perstare, vol-, wol-stan, wol-steen 430ᵃ; warandizare, vulstan 632ᵃ; perseverare, volstaen Diefenbach nov. gl. 289ᵃ; wie soltent do die menschen han gekindet, ob sie volle gestanden werent in dem paradiso Lucidarius 7, 26. in neuerer sprache trennbar, mit etwas gefüllt, reichlich versehen sein: ein tisch, der von flaschen voll steht; der vorraum stand voll von menschen; — von segeln, die vom winde gefüllt sind: die brassen fahren alle nach hinten, damit sie den druck der vollstehenden segel tragen helfen v. Alten hdb. f. heer u. flotte 2, 484. —
vollstellen
trennbar. durch hinstellen anfüllen: klöster und priestersitze ..., die vollgestellt sind mit idolen Ritter erdkunde 2, 207. —
vollstenken
trennbar, mit gestank erfüllen (vgl. mhd. stenken, erstenken, stinken machen): das es (das heimlich gemach) ubir und ubir gehet und die welt voll stenckt Luther 10, 1, 1, 472 W.
vollstopfen
trennbar, pressend, drückend ganz füllen: ausbuffen, confercire, effarcire et refarcire, alias anfüllen, voll stopfen Stieler 259; einen sack, ein fasz etc. mit etwas anstopfen, vollstopfen Kramer teutsch-ital. dict. 2, 984ᵇ (1702); den raum mit groszen steinen vollstopfen; einen sack mit gewürtze voll stopfen Steinbach 2, 722; farctus, ausgefüllt, ausgestopft, vollgestopft, wenn hohle theile, welche in andern fällen auch leer vorkommen, mit irgend einer pflanzlichen substanz angefüllt sind Bischoff wb. d. beschr. botanik (1839) 74. — im eigentlichen sinne auf hohlräume wie sack, beutel, kissen u. ä. bezogen, so dicht durch pressung anfüllen, dasz die wandung prall wird, so auch: die backen vollstopfen, dann allgemeiner: unter dem lincken arm trug sie einen ... vollgestopfften ledernen sack Lohenstein Arminius 2, 1566ᵇ; ein vollgestopfftes küssen von gänsefedern Schnabel Felsenburg 104 U.; vollgestopfte geldsäcke, die ich nicht brauche J. E. Schlegel w. 5, 389; (im bilde:) wenn Swift mit vollgestopften sandsäcken still aber kräftig sein werk treibet Herder 23, 185 S.; ein groszer mantelsack, vollgestopft mit den auswendigen leibeszierathen Bode Thomas Jones (1786 ff.) 4, 124; gab dem andern die vollgestopfte weidtasche Immermann 1, 145 B.;
jener beuget sein knie vor dem altar des gelds;
stopfet beutel auf beutel voll
Hölty ged. 110.
die kapelle übrigens ist ganz mit nischen vollgestopft Heinse w. 7, 177 Sch.; wenn wir die wunde immer damit v. Göthe 43, 287 W.; (dasz sie eiserne kessel) mit eben so viel zobel oder schwarzen fuchsbälgen bezahlten, als jene mit diesen sich v. lieszen Ritter erdkunde 2, 577; und wenn er (der keller) mit geldsäcken vollgestopft wäre Holtei erz. schr. 24, 78; daher war sein haus von unten bis oben vollgestopft mit allen erdenklichen dingen G. Keller ges. w. 4, 273; Franz stopfte sich den nasenwärmer (pfeife) voll Pichler neue marksteine (1890) 147;
den einen (kasten) stopffet er gantz voll
mit kleidern, gelt und hauszgeret
Waldis Esopus 2, 147 Kurz.;
doch ihre stimme hört er keinesfalls;
denn vollgestopft hatt er die ohren gut
Gries Bojardos verl. Roland (1835) 2, 376.
besonders mit futter, speise bis zum äuszersten anfüllen, auch prägnant: einen, sich vollstopfen: stopfen sie sich nicht ... mit speisen voll Wieland Lucian 1, 42 (1788); ob ich gleich in den täglich immer mehr und mehr zunehmenden bequemlichkeiten des guten lebens meinen leib vollgestopft hatte Heinse 2, 239 Sch.; des mittags stopft er ... sich mit ordinärer kost den magen voll Nestroy ges. w. (1890 ff.) 1, 149; man musz alle tage frisch essen, man kann nicht auf einmal sich v. für sein leben lang Auerbach schr. (1892 ff.) 1, 207; Ludwig hatte ... sie (pferde) mit hafer vollgestopft Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893 ff.) 4, 63. mit menschen eng gefüllt: die kirche war vollgestopft (neben: gestopft voll, s. oben 1 r): feldlazarethe, welche alle ... vollgestopft waren Laukhard leben u. schicksale 3, 244; das verderben der welt, da die kaffees sich vollstopften, die moscheen aber leer wurden Ritter erdkunde 13, 580; die straszen waren förmlich mit truppen ... vollgestopft Gentz schr. 2, 309 Schl.leichen: das loch ward endlich von todten leichnamben der feinde vollgestopfet Bucholtz Herkuliskus (1665) 31. übertragen: verse mit dergleichen zusammengebettelten beywörtern voll stopfen Breitinger crit. dichtkunst (1740) 2, 283; (stil,) wo die perioden nicht gedehnt und durch prächtige wörter vollgestopft werden Nicolai literaturbriefe 9, 127; (er) hatte sich auch an ihren büchern vollgestopft Herder 15, 60 S.; der kapellan ... stopfte ihm das gehirn voll legenden Klinger w. (1809 ff.) 3, 153; wenn man die schauspiele mit duellen, entführungen, ehebrüchen, spielverlusten, lottogewinnsten aller art vollstopfte Castelli w. (1844) 10, 290; (einen) mit bibelsprüchen vollgestopften subsenior Holtei vierzig jahre 1, 62;
die tödtung zu beschöngen,
kommen abgesandte nach Pavia,
ausgerüstet, vollgestopft mit märchen
Immermann w. 14, 116 B.
schwed. fullstoppa. —
vollstoszen
wie das vorhergehende wort: einen mörser mit pulver vollstoszen. — voll schoppen, voll stoszen, refercire, farcire Dentzler clavis linguae lat. (1718) 335ᵇ; übertragen: was zierlicher, wohl geschlossener und vollgestoszener reime von ihnen (den schildbürgern) vorgebracht wurden Simrock deutsche volksbücher 1, 58. —
vollstrahlen
ganz, in aller fülle strahlen: ein vollstrahlender mond Jean Paul w. 15/18, 511 H.; das vollstrahlende himmelslicht der liebe Gaudy w. (1844) 10, 100. trans.: über welcher ein vollgestrahltes wölkchen stand Jean Paul w. 15/18, 144 H.
vollstreuen
trennbar: einen weg mit sand vollstreuen; freier: (gallerie,) die überall limonienbäume mit düften und kleinen, regen, vom monde silbern geränderten schatten vollstreueten Jean Paul 21, 34 R.
vollstürzen
trennbar, in technischer sprache: einen ofen mit kohlen vollstürzen. —
vollthun
in alter sprache untrennbares verbum, zunächst bis zu ende thun, vollbringen, vollenden: alliu guotiu uuerch unmuodendo zefolletuonne Notker ps. 17, 35, s. Graff 5, 322; mhd. wb. 3, 146ᵃ; Lexer 3, 454; Haltaus 1987; dann besonders in dem sinne von einem genüge thun, ihn befriedigen, entschädigung leisten: satisfacere, voltun, voldoen Diefenbach gl. 514ᵃ. s. Schiller-Lübben 5, 551ᵃ. Verwijs-Verdam 9, 806. ags. fuldǒn. — voll-thun, sodisfare Kramer teutsch-ital. dict. 2, 1084ᵃ (1702); am tolle vulldoon, beim zoll nichts unterschlagen Dähnert plattd. wb. 138ᵃ. worüber meinem fürwitz volltahn wurde Müller denkw. reisen (1678) 70ᵇ. — peragere, vollthun; peractus, volgedaen Diefenbach gl. 424ᵇ; sonst möchte ihm an tagwercken, die nicht vollgetahn würden, viel mehr abgehn Sebiz feldbau (1579) 38. das part. prät. in der bedeutung ganz gethan, ausgeführt ist auch jetzt noch verwendbar: nach vollgethaner arbeit. —
volltragen
in älterer sprache untrennbar, bis zu ende tragen, im eigentlichen und uneigentlichen sinne mhd. wb. 3, 75ᵇ;
disse not
muoz Daniel voltragen
Daniel 7943 H.
in neuerer sprache trennbar, herantragend füllen: bienen tragen den stock voll; ist der ofen (brennofen) vollgetragen, dann wird die eintragthüre verschlossen Karmarsch-Heeren (1876 ff.) 9, 392. auch frei: sie trägt uns das haus mit neuigkeiten voll. — -tragen, prägnant, frucht bringen von bäumen und nutzpflanzen, feldern, weinbergen: volltragende obstbäume; die reben haben heuer nicht voll getragen. —
volltrichtern
trennbar, mit dem trichter füllen, übertragen: was für ein eingebildeter, ungebildeter, von stichworten ohne verstand vollgetrichterter Ruge briefw. u. tageb. 2, 370 (1886). —
volltrinken
in alter sprache untrennbar, zu ende trinken, ganz austrinken, s. Graff 5, 540. — in neuerer sprache trennbar, gewöhnlich in dem prägnanten sinne von voll 9, s. besonders 9 g; einige beispiele zur ergänzung: volltrincken (sich), empirsi di vino etc, ubbriacarsi Kramer teutsch-ital. dict. 2, 1147ᵃ (1702); einen volltrinken, ihn berauscht machen. — im jahr Christi 1517 an einem sonnabend, hat sich ein knecht zu Groszglogau in Schlesien vollgetruncken Widmann Fausts leben 337 lit. ver.; wann sich Noah folltrünket, so kommt Cham Butschky Pathmos (1677) 109; (die persischen könige,) welche sich des jahres nur einmal an dem feyer ihres gottes Mithra voll trincken dorften Lohenstein Arminius 1, 581ᵇ; ich will mich auch dafür heute auf deine gesundheit volltrinken Gottsched deutsche schaubühne 6, 105; wenn einer sich vollgetrunken bis zum übergeben M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778 ff.) 2, 166; er trinkt auch gern sich etwas voll Bauernfeld ges. schr. 5, 59;
dann als ich mich tranck lauter vol
Manuel weinspiel 2826 ndr.
in edlem sinne:
die wunde, die mein gott für mich ins hertz empfängt,
verursacht, dasz er mir sein blutt und wasser schenkt:
trink ich mich dessen voll, so haben meine wunden,
ihr wahres balsamöl und besten heyltrank funden
A. Silesius cherubin. wandersm. 68 ndr.
der infin. volltrinken, substant., ohne sich; in verbindung mit zutrinken ist wohl zugleich an das trinken von vollen (= ganzen) gedacht, vgl. vollsaufen in gleichem gebrauch: so sollen sie sich des schendtlichen lasters, zu und voltrinckens, auch alles unördentlichen zechens ... gentzlich enthalten kirchenordnung für Braunschweig (1569) 384; das zu- undt voltrincken sol dermaszen verbotten sein, wo einer den andern wieder seinen willen nötigen würde, der sol darumb am leibe gestrafft werden verhandl. d. schles. fürsten u. stände 1, 125; hat hiemit vermeinet, dasz ihnen solche ungestalt desz angesichts (eines betrunkenen) einen abschew unnd grewel desz volltrinckens machen würde Lehmann floril. polit. (1662) 3, 390; vgl. Schiller-Lübben 5, 551ᵇ. — part. prät.: warum ... der vom bier vollgetrunken gemeiniglich hinter sich fällt Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 81; s. volltrunken. —
volltröpfeln
trennbar, tröpfelnd füllen oder sich füllen: bis ihre kessel (am brunnen) vollgetröpfelt waren Gaudy w. (1844) 13, 90. —
vollversetzen
andre mit frischen blümlein
myrten, gilgen und röselein
volversetzte (dichtgeflochtene) sträusz und kräntz binden
Weckherlin ged. 1, 103 F.
vollwehen, trennbar: sand weht die wege voll; der schnee liegt oft bis zwanzig, dreiszig fusz hoch, alle tiefen sind vollgeweht Mügge Erich Randal 292. —
vollweinen
trennbar, mit tränen füllen, tränken: das weisze tuch ..., das er nachts, statt vollzuweinen, vollgeblutet hatte Jean Paul 7/10, 191 H.;
sie werfen mit vergnügtem sinn
das vollgeweinte schnupftuch hin
Stoppe parnasz (1735) 322;
(er) weint den krug fast voll Fr. H. v. d. Hagen briefe in d. heimath 3, 110. —
vollwerden
wird gelegentlich zusammengeschrieben: vom ersten sichtbarwerden der sichel bis zum vollwerden der mondscheibe Peschel völkerkunde (1874) 266; siebenzig jahre nach dem erscheinen der kritik der reinen vernunft, und nachdem die welt ihres ruhmes vollgeworden Schopenhauer w. 3, 191 Gr.entstellt für vollborten: astipulare, volwerden vel helfen Diefenbach gl. 56ᵇ. —
vollzahlen
trennbar, ganz zahlen: vollgezahlte schuld u. ä.zu vollzählen ist das part. prät. im gebrauch: vollgezählte 100 stück, s. voll 2 i β. —
vollzapfen
trennbar, eigentlich durch einen zapfen füllen: sich aus dem fasz einen krug vollzapfen, dann überhaupt voll einschenken: ich solte (den krug) wieder vollzapfen, wenn ich ihn ausgetrunken hätte d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 157. — im salzwerk: die träger müssen die zöber selbst vollzapfen Hondorf salzwerk zu Halle (1670) 40. — sich vollzapfen, derb, sich betrinken (s. vollzapf). —
vollzechen
sich, trennbar, wie volltrinken, -saufen, sich betrinken: in Wien hat er sich vollgezecht auf meine kosten Nestroy ges. w. (1890 ff.) 1, 118.
du hast die kue verkauffet wol,
nun wöl wir uns hie zechen vol
H. Sachs 14, 119 K.-G.
vollzeichnen, trennbar, durch zeichnung ganz bedecken, füllen: zu anfang des werkes findet man drei vollgezeichnete blätter Göthe 42, 1, 11 W.andere beispiele trennbarer verbalcompositionen s. in der allgemeinen alphabetischen ordnung, bes. in den häufiger gebrauchten formen des part. präs. und des part. prät.
Zitationshilfe
„voll“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/voll>, abgerufen am 26.06.2019.

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