vielfrasz m.
Fundstelle: Lfg. 2 (1919), Bd. XII,II (1951), Sp. 228, Z. 33
ahd. vilifrâz, edax Steinmeyer-Sievers glossen 3, 141, 48; Graff 1, 531; vilfros, degulator Diefenbach nov. gloss. 129ᵃ; vilfrasz, hiena 203ᵇ; grabthier (das) oder vilfrasz, hyena Maaler 190ᵈ; un goulu ..., ein vielfrasz, fresser, verfressener kerles Duez nomenclator (1652) 99; vielfrasz, ingordo, vorace, mangione Krämer deutsch-ital. dict. (1678) 1137, vielfrasz, lurco insatiabilis, it. hyœna, belbus, animal in Africa, magnitudine lupi, cadaveribus mortuorum vivens Stieler 899; vielfrasz, homo vorax, ein vierfüszig thier, hyœna, belbus Steinbach 1, 495; vielfrasz, einer der viel frist poliphagus, vorax; vielfrasz, unter den vierfüszigen raubthieren, eine art von wölfen, deren fell zu kaufe sind, gulo, nährt sich vom luder, hat einen kopf als eine katz, wird in den nordländern gefunden; vielfrasz nennen einige die kropf-gans mit dem schnabel-kropf onocrotalus maximus Frisch 2, 400ᶜ; in diesen drei be deutungen auch bei Adelung, bei Campe auszerdem noch als namen zweier käfer. ausführlich hat über dieses wort Böhtlingk gehandelt (berichte über die verhandl. d. sächs. ges. d. wiss., philol.-hist. klasse 1901 36 ff.). er wendet sich gegen die bis dahin geltende ansicht (Wilmanns deutsche gr. 2, 548; Andresen volkset. ⁵247), dasz vielfrasz als bezeichnung des in den nordischen ge genden heimischen tieres eine umdeutung von norw. fjeld fross sei (-fross ist die norw. form, -fress ist schwedisch) Böhtlingk weist nach, dasz dieser name viel früher in Deutschland als im nordischen vorkomme, nämlich schon im Reinke vos (s. unten), im norden dagegen erst in der zweiten hälfte des 16. jh., wobei besonders zu beachten ist. dasz Olaus Magnus (1555) den namen vielfrass aus drücklich als deutsch bezeichnet und als den heimischen namen jerff angiebt, wie auch Peder Claussön Friis (1599) erff als den norwegischen, fellefraadtzer als den deutschen namen bezeugt. der name jerv ist dagegen seit alter zeit belegt (erfskinn Fritzner ordbog 1, 351ᵃ). Böhtlingk kommt zu dem schlusz, dasz norw. fjeldfross 'bergkater', eine volksetymologische umdeutung von viel frass ist. deutsche pelzhändler haben diesen namen nach dem norden gebracht und 'die eingebornen adoptierten ihn, um den käufern entgegen zu kommen' (a. a. o. 41). man würde, wenn man sich dieser erklärung anschlieszt, an zunehmen haben, dasz die deutschen händler durch die ihnen zugetragenen phantastischen erzählungen von der gefräszigkeit des tieres veranlaszt worden sind, ihm den namen vielfrasz beizulegen. Kluge zeitschr. f. d. wf. 2, 341 erklärt die beweisführung Böhtlingks für einwandfrei und vollständig. dagegen hält Torp (norw.-dän. etymol. wb. 1, 224 Heidelb. 1910) an der alten erklärung fest, nimmt also an, dasz fjeldfross ein einheimisch norw. name und von den deutschen zu vielfrasz umgebildet sei. dieses vielfrasz habe dann wieder den norw. namen beeinfluszt, so sei fjeldfras entstanden, auch die entstellungen fillfranz, fillefrans, fellfrans weisen auf den deutschen namen hin. schwed. filfras ist ebenfalls dem deutschen nachgebildet, deutlicher noch felfraads im älteren dänisch. Torps ansicht, dasz fjeldfross heimisch, deutsch vielfrasz eine volksetymologische umbildung sei, die dann wieder auf den norw. namen zurückgewirkt hat, dürfte das richtige treffen; sehr einleuchtend ist der hinweis auf die ähnlichen fälle rødskjær (2, 933) und bergfisk (1, 70), dasz einheimische fischnamen, die von den deutschen kaufleuten umgedeutet wurden, unter dem einflusz der deutschen umdeutung sich verändern. das natürliche ist, dasz die händler die namen verwenden, die ihnen von den eingeborenen entgegengebracht werden; dasz nun fjeldfross in Norwegen zufällig später belegt ist als vielfrasz in Deutschland, kann bei der entscheidung der frage nicht ins gewicht fallen, ebenso wenig ist die thatsache, dasz Olaus Magnus und Peder Claussön Friis die norw., dem deutschen vielfrass entsprechende namensform nicht kennen, ein durchaus sicherer beweis dafür, dasz sie nicht vorhanden gewesen und einheimisch ist. zweifellos ist, dasz vielfrasz als name des nordischen thieres durch den hanseatischen pelzhandel aufkam und verbreitet wurde; und zwar musz gegen ende des 15. jh. in Lübeck mindestens thier und name schon allgemein bekannt gewesen sein, sonst würde der bearbeiter des Reinke den namen nicht eingeführt haben:
alle de veelvratzen unde de dassen,
beyde van Dorringen unde van Sassen,
desse hadden al myt em ghesworen
Reinke de vos 2331.
ende die vosse metten dassen,
van Doringhen ende van Sassen.
dese hadden alle ghesworen
Reinaert 2475 Muller.
Reinke erzählt hier von der angeblichen verschwörung gegen den könig. dasz der bearbeiter die vielfrasze an stelle der füchse einsetzt, läszt sich vielleicht so erklären, dasz es natürlicher schien, wenn der erzähler andere thiere als die füchse mit dieser schuld belastete; freilich soll ja die verschwörung durch einen fuchs, Reinkes vater, angestiftet sein. ein umstand, den Böhtlingk gar nicht berücksichtigt, scheint mir nun für die beurtheilung des verhältnisses von fjeldfross und vielfrasz entscheidend zu sein, das ist der auslautende consonant im ältesten deutschen beleg und den norw. formen. wenn der name von den niederd. kaufleuten gebildet worden wäre, müszten wir im norw. einen auf nd. t zurückgehenden auslaut erwarten, aber alle norw. formen weisen s auf (fjeldfross, -fras, -fraas, fillefrans, fillfrans, felefrans). andererseits ist doch bezeichnend, dasz im Reinke eine compromiszform zwischen hoch- und nd. überliefert ist und dasz bei Schiller-Lübben 5, 252ᵇ aus ungefähr gleichzeitiger, ebenfalls lübscher quelle villefras als handelswort belegt ist: noch heft he van my 1 foder van wolfen unde van villefras. da hochdeutsche herkunft nicht wohl vermutet werden kann, so bleibt nur die annahme übrig, dasz die norw. auf ss auslautenden formen einheimisch und ursprünglich, die formen fillefras und veelvratz nachbildungen mit beginnender umdeutung sind. diese umdeutung wurde dadurch ermöglicht, dasz im deutschen ein vielfrasz, homo vorax, seit alter zeit vorhanden war. freilich ist es nur im ahd. bezeugt, aber das fehlen eines wortes dieser art in der mhd. litteratursprache ist nicht auffallend; das mnd. wb. belegt das wort aus Tunnicius: wâr sach men einen velevrât dicke unde vet, helluo, multibibo semper macer atque catillo (228 Hoffmann). an sich wäre ja denkbar, dasz hier eine übertragung des thiernamens vorläge, es ist aber angesichts der hochdeutschen zeugnisse sehr unwahrscheinlich. die benennung der hyäne als vielfrasz scheint nicht unabhängig von der bezeichnung des nordischen thieres vorgenommen zu sein, s. unten 4.
1)
von einem menschen, besonders auch als schimpfwort, vgl. Fischer schwäb. 2, 1497; schweiz. idiot. 1, 1317; Martin - Lienhart 1, 183ᵃ; Milo war ein .. starcker vilfrasz, (er frasz) den gantzen ochsen uber einen mal auff Heyden Plinius (1565) 238; die speise füllet den vielfrass Schupp schriften (1663) 406; zanket mit dem harlequin, der einen kapaun entwendet; Pantalon befiehlt diesem vielfrasse Lessing 6, 389 Muncker; weil ihr ein nichtswürdiger, ein vielfrasz, ein niederträchtiger seid, eine kothseele Göthe 45, 154 Weim. ausg.; nu da hast du ihn (den gugelhupf), du vielfrass Raimund 1, 50 Glossy-Sauer;
ein weit berüchtigter vielfrasz (μετὰ δ' ἔπρεπε γάστερι μάργη)
stets nach speis' und getränk heiszhungerig
Voss Od. 18, 2.
J. Paul nennt das publicum einen viel- und allesfrasz zeitschr. für d. wortf. 10, 25; sprichwörtliches: der täglich vilfrass kriegt kein voll fass; ein vielfrass hat mancherley plag; ein vielfrass wenig gesund was; kein vielfrass wird geboren, sondern erzogen Wander sprichw. lex. 4, 1639; auf thiere bezogen: ein solcher frasz (ein storch, in dessen kropf sieben schock bien funden wurden) Hohberg georgica curiosa (1682) 2, 376. der plural wird gewöhnlich ohne umlaut gebildet: vielfrasz ... die vielfrasze Braun orthogr.-gramm. wb. (1793) 289ᵃ; im löwen werden die vielfrasze gebohren und die herrschsüchtigen Heinse werke 2, 81 Schüddekopf; mit umlaut: an den .. räubern, vielfräszen, üppigen geistlichen und ruchlosen vorüber Gervinus gesch. d. d. dichtung (1853) 1, 175; ebenso auch bei thieren: hadden dann de jiäggers kenne flinten, datt sei de vielfrötze dautscheiten konnten (von wildschweinen) Bauer - Collitz waldeck. 207ᵃ.
2)
unpersönlich als bezeichnung der freszkrankheit (vielfrasz, freszfieber, phagedaena Corvinus fons. lat. 626) oder des lasters des fraszes: sie sollten zweyen kostgängern urlaub geben, nemblich dem vilfrasz, und dem ehrgeitz Zinkgref apophthegm. (1628) 217.
3)
als name der hyäne in verwechslung mit dem gulo borealis, s. unter 4): vilfrasz hiena Diefenbach nov. gloss. 203ᵇ; grabthier (das) oder vielfrasz, hyena Maaler 190ᵈ; vielfrasz, hyœna, belbus, animal in Africa, magnitudine lupi, cadaveribus mortuorum vivens Stieler 899; vielfrasz, ein vierfüszig thier, hyœna, belbus Steinbach 1, 495; von dem vilfrasz, hyœna, grabthier Gesner thier buch (1583) 156ᵇ; wenn jemand mit der haut von der hyæna, das ist, von einem vielfrasz, bedeckt, mitten in die feinde fiele, könnte er doch nicht verletzt werden: daher auch die Egypter, zur ausbildung eines mannes, der keine lebensgefahr scheuet, eine vielfrasz-haut gemahlt Widmann Fausts leben 705 lit. ver.
4)
mit vielfrasz wird gewöhnlich eine in den nordischen ländern Europas, Asiens und Amerikas lebende marder art bezeichnet (gulo borealis, der name gulo ist erst nach vielfrasz gebildet), vgl. Oken naturgesch. 7, 1518; Brehm thierleben (1890 ff.) 1, 634; die ersten beschreibungen finden sich bei Mathias Mechovius (de Sarmatia Asiana et europaea) und Olaus Magnus, s. Oken a. a. o. 1519; hier auch die erzählung, die zur erläuterung des namens immer und immer wieder erzählt wird; bei Gesner lautet sie, mit entsprechendem holzschnitt versehen: ein so mercklich frässig thier ist dises, das es nit zuͦ glauben ist, hat ein sonderlich grosz begird und lust ab dem menschenfleisch, von welchem es sich so vol friszt, dasz im sein leyb davon gespannen wirdt: zuͦ welcher zeyt es sich zwüschend zwen enge bäume durchstreifft sein gefur oder kad auszzuͦtrucken, nach welchem es sich widerumb vol friszt, und wider ausz truckt so lang bisz es nicht mer hat, andere menschen cörper zuͦ suͦchen gezwungen wirdt thierbuch (1583) 158. nach Brehm a. a. o. 638 behaupten die Samojeden, dasz der vielfrasz menschenleichen aus der erde scharrt. wahrscheinlich beruht es auf diesen vorstellungen, dasz man die hyäne, das leichenfressende thier, mit dem vielfrasz zusammenwarf und daher den namen auf die hyäne übertrug. Gesner im thierbuch scheidet die beiden gleichnamigen thiere deutlich, er nennt die hyäne vielfrasz und grabthier. Fischart im ehezuchtbüchlein (werke 3, 250 Hauffen) spricht von dem scheuszlichen, unersätlichen grabthier, dem vilfrasz oder prasserwolf, meint aber den nordischen marder, denn er erzählt die geschichte von den zwei bäumen, die auch im holzschnitt dargestellt ist. vielfrasz: ist ein thier, so aus Moscau und Littauen gefunden wird ... es ist begierig nach menschen-fleische, so dasz es die todten cörper ausgräbet. es überfüllet sich dergestalt, dasz sich der bauch wie eine trommel ausdehnet, da es dann durch 2 enge beysammenstehende bäume sich zwinget, und dadurch den koth auspresset allgem. haushalt.-lex. (1749 ff.) 3, 599; die alte sage vom vielfrasz, der vorne hineinschlingt und hinten hinauszwängt Jahn werke (1884 ff.) 1, 245; der nordische vielfrasz wurde seines hochgeschätzten pelzwerks wegen gejagt, und durch den pelzhandel der hanseatischen kaufleute ist (vgl. oben zu anfang) der aus fjeldfross umgeformte name nach deutschland gekommen; übrigens behauptet Brehm a. a. o. 640, dasz sich die thiere wirklich durch auszerordentliche freszgier auszeichnen. vielfrasz, das fell von einem thiere gleichen namens, so schwarz, fein und glänzend ist, wie ein damast spielendes haar hat, und ein zierliches pelzwerk giebt, so man fast den zobeln gleich schätzt Jacobson technol. wb. 4, 542ᵃ; in Schweden und in der Litawe werden thier, vilfrasz mit namen funden Heyden Plinius (1565) 130; von der art der vielfrasz, welcher magen viel gröszer ist, als andrer thiere Harsdörffer gesprechspiele 8, 523; die andern pelzsorten sind ... wölfe, vielfrasze Forster sämtl. schriften (1843) 4, 105;
am Belt stiesz einem nimmersatt
ein vielfrasz auf
Pfeffel poet. versuche 9, 138.
Oken naturgesch. 7, 1514 bezeichnet noch andere verwandte thiere, die in der heiszen zone leben, als vielfrasze.
5)
übertragen auf andere thiere, denen groszer appetit zugeschrieben wird:
a)
pelecanus onocrotalus, der pelikan, auch wasservielfrasz Nemnich; halieus cormoranus, vielfrasz Naumann naturgeschichte d. vögel 11, 52; vielfrasz nennen einige die kropfgans mit dem schnabel-kropf Frisch 2, 400ᶜ.
b)
zwei gefräszige käfer: dermestes lardarius, speckkäfer Nemnich; cantharis fusca, der schwarzbraune warzenkäfer ebenda; eine schnecke: auf dieselbe weise (verschleppung durch italienische reben) ist wahrscheinlich auch eine vielfraszart (bulinnus detritus) zu uns gelangt Wimmer gesch. d. deutschen bodens (1905) 425.
Zitationshilfe
„vielfrasz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/vielfrasz>, abgerufen am 18.08.2019.

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