verworfen adj.
Fundstelle: Lfg. 14 (1954), Bd. XII,I (1956), Sp. 2337, Z. 20
weggeworfen, wertlos; verstoszen; verdammt. adjektivisch gebrauchtes part. prät. von verwerfen (s. sp. 2217), das im übertragenen gebrauch (verwerfen IV) gegenüber den anderen verbformen eine gewisse selbständigkeit erlangt hat, z. t. wohl unter einwirkung von lat. abiectus im sinne von 'verzagt, kleinmütig' (s.A 4), 'niedrig, verachtet' (s.B 1). die ältesten mit sicherheit hierher gehörigen zeugnisse lassen nicht erkennen, in welchem anwendungsbereich von verwerfen das part. prät. zuerst adjektivisch gebraucht wurde; wechselseitige beeinflussung der verschiedenen gebrauchsweisen und neuanknüpfung an das verbum ist bis in neuere sprache möglich.
A.
weggeworfen, wertlos, geringgeschätzt. vorwiegend unter dem gesichtspunkt des nutzens und der brauchbarkeit, meist im sachlichen bereich; anknüpfend an verwerfen III 5 a und IV B. in diesem sinne besonders in älterer sprache.
1)
'wertlos, unbrauchbar': sed quis non spernat atque abiciat corporis seruum rei uilissimae et fragilissimae uuemo nesol aber unuuert sîn des lîchamen scalh? tes feruuorfenôsten dinges unde des prôdesten Notker 1, 175 Sehrt-Starck. in der bergmannssprache verworfen erz, 'taubes gestein': weil Jeremie am 6. der bösen oder falschen bergarten vnd des thummen oder verworffen ertzs oder verbrandten witterung gedacht wird Mathesius Sarepta (1571) 109ᵃ; am bösen ertz vnd thummen oder verworffen metall ist alles schmeltzen verloren Petri d. Teutschen weiszh. (1605) j 2ᵃ. entsprechend vom salz: die äffer (geiszler) salzent mit verworfem salz, das zuo nihtiu nütz ist, denn daz man ez hin werf und daz es die läut under die füez treten Konrad v. Megenberg buch der natur 218 Pf. abschätziger:
wie ekel, schaal und flach und unerspriesslich
scheint mir das ganze treiben dieser welt!
pfui! pfui darüber! 's ist ein wüster garten,
der auf in samen schiesst; verworfnes unkraut
erfüllt ihn gänzlich (things rank, and gross in nature)
Shakespeare 3 (1798) 155 (Hamlet).
2)
in gleichnishaft-bildlicher ausdrucksweise vom (eck-, bau-) stein, der miszachtet, für wertlos gehalten wird; in anlehnung an psalm 118, 22; Matth. 21, 42; 1. Petr. 2, 7: λίθον ὃν ἀπεδοκίμασαν; lapidem quem reprobaverunt aedificantes (ältere übersetzungen: uuidarcurun Tatian 124, 5 S.; ferchuren Notker 2, 496 P.; versprachen erste dt. bibel 1, 82 Kurr. [Zainer: verwurffen]; Luther: verworffen haben). jüngere sprache verbindet mit verworfen nachträglich wieder die sinnliche anschauung des fortwerfens: vorbedeitung des verworfenen eckstains Fischart bibl. hist. 293 Kurz; der verworfne stein ward zum eckstein Herder 19, 20 S.; ich werde nicht ruhen, als bis alle zerstreuten edelsteine wieder gesammelt sind um den verworfenen eckstein des tempels, den auch ich von mir gestoszen Brentano ges. schr. (1852) 4, 123; da sprach er vom zustand der sündhaftigkeit und der zerknirschung, vom wunderbaren finger der providenz, dann wieder von auserwählten rüstzeugen und verworfnen bausteinen Gaudy s. w. (1844) 2, 114; weiteres s. verwerfen III 5 a.
3)
'geringwertig, armselig', z. t. vom mittelalterlichen armutsideal her gesehen. von der bekleidung 'häszlich, unansehnlich':
nicht me volget im zu grabe
synes schatzes, syner habe
wan eyn alt verworfen tuch
Hiob v. 10495 Karsten;
und hettent gar demüetige arme verworfene kleider an Nicolaus v. Basel 229 Schmidt;
nu truc der gotes holde
gar verworfene kleit,
darinne er mit andachtekeit
der armen was ein arme knecht
passional 193ᵃ Köpke;
vnd bin zum letsten darzu kan,
das ich ein alt verworffen kleid
von grosser armut han angleit
schweiz. schauspiele d. 16. jhs. 1, 267 Bächtold.
ähnlich: ... sprach der aff: nun sol mir mein arms verworffens fell köstlich vnd achtbar sein S. Franck sprüchw. (1541) 1, 136ᵃ. auch von der arbeit als erzeugnis und tätigkeit: vnd die andern die manicherley ubung haben in hauszraut vnd verworffne geringe arbeit schmident erste dt. bibel 3, 16 Kurr.; die selben soͤllen sich frischlichen angrifen, in übung, demütiger verworffner arbeit, vnnd guttwillig sein Keisersberg seelenparadies (1510) 14ᵈ.
4)
unter dem gesichtspunkt des vermögens und der lebenstüchtigkeit, bes. von menschen; 'schwankend, schwächlich, ängstlich': der hât ainen weibischen muot, der ungedultig ist und niht wol geleiden mag und der schier verkêrt mag werden und bekêrt und der schier zürnt und auch schier ablaezt. wann in allen tiern daz maist tail habent diu weib ainen verworfenen muot von nâtûr Konrad v. Megenberg buch d. natur 52 Pf.; darumb er zuzeiten in glücklichen sachen fürnem, und dargegen in widerwertigen dingen gantz zaghafft und verworffen gewesen, vnd hat keinerley änderung mit gleichem gemüt tragen mögen Xylander Plutarch (1580) 362ᵃ. 'unvermögend, geringgeschätzt' (doch nicht im moralischen sinne wie unter C 5): reprobus verworffen (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 493ᵇ; reprobus, no̰n probus, inutilis ein verworffner unnützer mensch Calepinus XI ling. (1598) 1255ᵇ; damit haben sie eyn solch szonderung tzwischen sich unnd dem gemeynen christenman gemacht, das sie fast alleyn fur christen geachtet sind, die andern als die untüchtigen, furwurffen asschenprodel gehalten Luther 10, 1, 1, 496 W. 'machtlos, unbedeutend, ohne ansehen' (substantivisch): aber das ist gewis, das allezeit das also verordnet, das bey einem gewaltigen ein verworffener ist, bey dem weisen ein narr, bey dem fromen ein unfromer, bey dem heiligen ein unheiliger Luther 1, 267 W.
5)
ungewöhnlich in der bedeutung 'verboten, untersagt': so durch christliche ordnung verworffen vnnd verboͤtten ist, hand an sich selber anzulegen Carbach Livius (1551) 22ᵃ.
6)
aus aberglauben und astrologischen vorstellungen stammt die wendung verworfener tag 'schwarzer, unglückbringender tag', vgl. handwb. d. dt. aberglaubens 8, 1659: dies atri quos nunc egiptiacos dicimus, infortunati verworffen tag Pinicianus prompt. (1516) O 4ᵈ; dies infamis, ater, religiosus, infaustus, communis, aegyptiacus ein verworffen tag, vnglückselig Alberus dict. (1540) d 4ᵇ; ein verworffener tag giorno riprovato cioè infelice, infausto, nefasto Kramer teutsch-it. 2 (1702) 1333ᵇ; von herzengrunde sei geschriren vber das verwassen jar, vber den verworfen tag vnd vber die leidigen stunde, darin mein steter, herter diamant ist zerbrochen ackermann a. Böhmen 5 Hübner;
und vil die wellent nicht wandern
an den verworfnen tagen
H. Vintler pluemen d. tugent 7768 Zingerle;
welcher mensch do gelaubt an vogel geschrey
das sterben beteüt oder solicherley
...
vnd glauben hat an verworffen tag
...
gancz vnselig der yn die helle wird geiagt
fastnachtsp. a. d. 15. jh. 1372 Keller;
dar vmb gloubt der nit recht jnn got,
der vff das gstirn sollch glouben hat,
das eyn stund, monet, tag vnd jor
so glücklich sy, das man dar vor
vnd nach, sol grosszs anfohen nüt
...
dann es sy eyn verworffen tag
S. Brant narrenschiff 64 Zarncke;
gleichwol muszt deszfalls alles nach des frawenzimmers bedenken geschehen, dann die wissen planetenmäszlich wol, welche verworffene tag ein farb gut ist Fischart Garg. 452 ndr.;
darneben sitzt ein ander geck,
der kan vil seltzam wunder sagen,
von guten vnd verworffnen tagen
Scheit Grobianus v. 2288 ndr.;
der that's an einem schwarzen, verworfnen tag
Mastalier ged. (1774) 129.
prädikativ: wente mannich is, de menet, dat eyn dach meer sy vorworpen, wan alze de ander Reinke de vos 42 Leitzmann; aus astrologischem aberglauben halten sie sieben tage in jeglichem monath verworffen Olearius reisebeschr. (1696) 330. entsprechend vom jahr: jn diesem jar (welches ein recht verworffenes jar gewesen) ist Leupold hertzog in Österreich ... erschlagen worden W. Hartmann augspurg. chron. (1595) 132.
7)
im sinne von 'abgelehnt, verschmäht'; zu verwerfen IV B 3. von ergebnissen geistigen und künstlerischen schaffens, gedankensystemen u. dgl.; erst in neuerer zeit: allein ich bin es (sc. verlegen) so wenig, dasz ich herz genug besitzen würde, vor meinen lesern die verworfene vier eingänge ... in den vorigen stand zu setzen Hippel über die ehe (1774) 209; in dem von Kant verworfenen kosmotheologischen beweise Fichte s. w. (1845) 1, 24; dieses stück ist hier, weil es nicht gefiel, unter die verworfenen stücke, welche nicht mehr aufgeführt werden (gesetzt) O. Jahn Mozart (1856) 2, 383 anm. in älterer zeit vielleicht noch im sinne von 'unbrauchbar' (vgl. 1): sihe du nu zu: das buch ist verworfen und ungewis, der text sagt nichts vom fegfeuer (1530) Luther 30, 2, 372 W.; 370.
B.
ausgestoszen; verachtet. vorwiegend unter dem gesichtspunkt menschlicher beziehungen; anknüpfend an verwerfen IV A 1 b. wie A vor allem in älterer sprache.
1)
'aus der menschlichen gemeinschaft ausgestoszen, elend, verachtet': nam si eo abiectior est quisque quo magis a pluribus contemnitur ube mannolîh so ueruuorfenero ist sô er îo fone manigorên ferchoren uuirt Notker 1, 158 Sehrt-Starck. ähnlich noch in neuerer sprache (substantivisch): was soll ich verworfener und elender verbannter in Rinteln dazu beytragen? Abbt verm. w. (1768) 3, 300; ich bin ein elender, ein verworfner, der kein brod, keine hütte und kein vaterland mehr hat Miller briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 434. von kindern, die von ihren eltern ausgesetzt bzw. verstoszen sind: dasz die armen waisen, verworffene und elende kinder so in den spital erzogen werden (1411) bei Haltaus gloss. (1758) 1916; vnd wie der könig Acris den Lyon (desz keisers Octauiani verworffnen son) zu einem obersten fenrich macht buch der liebe (1587) 27ᶜ; sie sage es dem könige ..., dasz sie ... der verworffene Zeno sey; ... die erhaltung ihres (der königin) verstossenen sohnes könne mit dem titel eines lasters nicht verunehret werden Lohenstein Arminius (1689) 1, 284ᵇ. auch hier bisweilen in abschätzigem sinne: das schandtragende, verschmähte, ausgesetzte, verschlagne, verworffne ... hurenkind Treuer dt. Dädalus (1675) 884. ähnlich von frauen (s. auch C 6): gedenkent, daz ir got niene me trúwen mugent geleisten ..., denn an einer verworfenen súnderin ...; wie wend ir denn mir armen hingeworfnen súnderin erbermd versagen Seuse dt. schr. 72 Bihlm.
2)
anknüpfend an A 3, doch hier mehr in hinsicht auf die gesellschaftliche stellung des menschen: 'arm, niedrig', und daher 'geringgeschätzt, verachtet' (ohne deutliche moralische wertung wie unter C 5):
der rîche man ist edele ...
unt in den landen lobesam.
allenthalben ist verworfen der armman
Heinrich v. Melk erinnerung 408 H.;
es ist nit grosz zu achten so der mensch in niderm und verworfem stand ist demütig Albrecht v. Eyb spiegel der sitten (1511) B 4ᵃ; man sihet ..., dasz ... alle die jhenigen, so des golts vnd gelts mangeln, vnwerdt vnd verworffen sind, vnd vor den grossen Hansen, die all vmb das fewr sitzen, sich nicht wermen können Scheit Grobianus 4 ndr.; mustu arm, veracht, verworffen als ein aschenbrötel stehn Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 701;
was aller klugen witz verwirrte,
das machet uns ein armer hirte,
und ein verworfner fischer kund
Drollinger ged. (1743) 14;
zur strafe sollst du ein verworfner sklave werden
Nestroy ges. w. (1890) 11, 63.
auf ein untertanenverhältnis bezogen (subst.):
wir sind die verworfnen
der königin, und müssen schon gehorchen
Shakespeare 9 (1810) 12.
3)
im sinne mittelalterlicher weltentsagung (s. o. A 3 und verworfenheit 1); hierzu vgl. die übersetzung von ps. 83, 11 (anknüpfend an 1): elegi abiectus esse in domo dei mei ih uuile gernor uuesen feruuorfener in demo gotes hûs ... danne guôllih uuesen ûzzenan in dero sundigon herebergon Notker 2, 349 Piper; ähnlich meister Eckhart in: dt. mystiker 2, 27 Pf.; erste dt. bibel 7, 368 Kurr. (Luther: ich will lieber der thür hüten in meines gottes hause ps. 84, 11). in der sprache der mystik ohne den ursprünglich negativen wertakzent auch von der haltung des menschen vor gott 'unterworfen, demütig': der mensche sol zuͦmole unvermenget sin mit allen dingen, er sol oͮch kleine sin in verworfener demuͤtikeit ... die minne ist ein muͦter der lutern demuͤtikeit, verkleinunge dez menschen selber in einer underworffenheit under gottes willen Tauler pred. 15 Vetter; das ist ein tieffe verworffene demuͤtekeit, daz der mensche von ime selber zuͦmole nút enthalte und kúnne sich in lidender wisen gedrucken under got ebda 35.
C.
von gott verstoszen, verdammt; sündig; verrucht, verkommen; vorwiegend im religiösen bereich oder (erst in neuerer zeit) unter dem gesichtspunkt moralischer wertung; anknüpfend an verwerfen IV A 1 a.
1)
die ablösung von verbal bestimmtem sinngehalt erfolgt zunächst in zusammenhang mit eschatologischen und dämonologischen vorstellungen; den ausgangspunkt bilden bibelstellen wie z. b. Matth. 8, 11: kind thesses rihhes sint furuuorphan (eicientur) in thiu uzarun finstarnessi (noch verbal) Tatian 47, 7 Sievers. adjektivisch gebraucht: nec conueniebat captare me presidia uilissimorum spirituum uuîo solti ih tero ueruuorfenôn tîeuelo folleist forderôn Notker 1, 39 Sehrt-Starck. so noch in neuerem sprachgebrauch von den gefallenen engeln: den fäustenschlägen des satans und allen seiner verworfenen engel in ewigkeit frey gegeben Rambach betracht. üb. d. leiden Christi (1732) 296; vgl.: auch irrende, selbst verworfene menschen sind nur gefallene engel Börne ges. schr. (1829) 1, 144.
2)
in anwendung auf den menschen in seinem irdischen dasein, 'der sünde und dem tode verfallen' (im gegensatz zu 'begnadet, erwählt'), z. t. in deutlicher anlehnung an 1: in his, quae relinquis, id est in cupiditatibus regni terreni, praeparabis tibi ad passionem impudentiam eorum vnder ueruuorfenen (subst.) sparest du iro scamelôsi ze dînero passione Notker 3, 1, 104 Sehrt-Starck. seit der reformation gewinnt dieser wortgebrauch durch die rechtfertigungslehre weitere verbreitung und verdrängt ältere gebrauchsarten (vgl. bes.B 3); von gott verworffen seyn essere reprovato, ributtato da dio Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1333ᵇ: nachdem yeglicher sorg truͤeg er waͤr aus der schar verworffener menschen, denen got seine gepote vergebens vmbsonst vnd spotlich awfgesetzt hiet Berthold v. Chiemsee tewtsche theol. 288 Reithm.; rechne mich, mein gott, doch nicht unter die verkehrten sünder, ... unter deines zorns gefässe, welche gantz verworffen seyn Schmolck trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 2; du bist heilig, o gott, und ich bin ein verworfener sünder Cronegk schr. (1761) 2, 146; kein sünder ist so verworfen, dasz er nicht durch seine reue die gnade unseres vaters im himmel erwerben kann G. Freytag ges. w. 11 (1887) 145;
die unschuld blickt, und selbst der wüstling schweiget
und sein verworfnes herz wird rein,
als kert ein got zu seiner rettung ein
Seume ged. (1804) 72.
als substantiv: soll ... ein unwürdiger mensch ein verworfener vor gott ... seyn? Haller Usong (1771) 315; pfuy des wahnsinns, dass ein edles geschöpf sich mit einem von ewigkeit verworfnen abgiebt Klinger w. (1809) 3, 57; und leider zeigt sich, dasz die zahl der verworfenen die der erwählten ganz unendlich übersteigt D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 6, 22; der könig ... sei kein von gott verworfener Ranke s. w. (1867) 40/41, 285.
3)
von glaubensinhalten, vom kult und der kultstätte 'unheilig, heidnisch'; meist im allgemeineren sinne ohne bindung an bestimmte religiöse vorstellungen: der feynd menschlichs geschlechts hat ... für gehalten ein verworffnen diennst der götter vnd göttin, da mitt er abtilget des waren gottes erkantnusz Münster cosmogr. (1550) vorr. a 4ᵃ; deszgleichen sahe er viel heydnische verworffene tempel volksb. v. dr. Faust 60 Petsch;
berühret nichts, was sie geweiht (Babel);
es ist der afterheiligkeit
verworfne frucht und misgeburt zu nennen,
des aberglaubens blinde brut
Gottsched ged. (1751) 1, 294;
dieser verworfne hexenplunder fordert also für die geschichte der mythologie und des aberglaubens seine rücksicht J. Grimm kl. schr. (1864) 2, 23. von der sprache: auszer der griechischen ... vereinigte sich die religion der juden mit andern landessprachen, die ihnen allgemein verworfene, unheilige sprachen dünkten, gar nicht Herder 19, 8 S. von der wesensart:
ergrimmte taube! lamm mit wolfesgier!
verworfne (despised) art in göttlichster gestalt!
Shakespeare 1 (1797) 96.
auch vom orte eines verbrechens (im gegensatz zur geheiligten opferstätte):
besser hier vor dem altar,
als im verworfnen winkel, wo die netze
der nahverwandte meuchelmörder stellt
Göthe I 10, 26 W. (Iphigenie).
im sinne von 'fluchbeladen': 'was soll ich auf diesen teppichen ..., mein verworfenes geschick besudelt sie ...'; mutter und tochter standen erstarrt, sie hatten Orest gesehen von furien verfolgt Göthe I 24, 317 W.
4)
dem religiösen sprachgebrauch neuerer zeit stehen bestimmte verwendungen im sinne von 'abgelehnt, verschmäht' nahe (vgl. aber A 7); vom angebotenen opfer: es (das opfer) wirt jm auch nit zugerechnet werden, sunter es wird verworffen sein Zürcher bibel (1531) 1, 51ᵃ (Luther: es wird ein grewel sein 3. Mose 7, 18); dero angebohrne leitseligkeit giebt mir die hoffnung, es werde auch dieses wenige danckopffer nicht allerdings verworffen seyn Chr. Weise polit. redner (1677) 217. ähnlich in hinsicht auf die dargebrachte liebe oder den liebenden selbst:
wohin, verworffnes hertz, wohin wirstu dich fügen?
Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 2, 42 Neukirch;
denn bey dem triebe
verworffner liebe
stirbt jeder mit vermehrter quaal
Günther ged. (1735) 247;
ich aber bleibe und ringe mit allen qualen der sehnsucht und der verworfenen liebe Schubart br. in: Strausz w. 9, 74.
5)
seit dem 18. jh. mehr in moralischem sinne aufgefaszt, 'sündig, verkommen, verrucht, charakterlos'; allgemein von zeitläuften und dem getriebe der welt: Cäsar unterlag der verführung eines verworfenen zeitalters Niebuhr röm. gesch. (1811) 2, 318;
da sitzt auf ihrem throne die geschichte,
...
sie richtet die verworfne welt
Tiedge w. (1823) 2 190;
sie bildeten sich, der verworfenen welt zum trotze, schöpferisch in ihrem innern eine eigene bessere welt aus Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 147; immer mehr verbitterte sich der geist des einsamen puritaners inmitten der verworfnen zeit Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 51. in hinsicht auf menschen und menschengruppen, wobei sich mit der moralischen wertung ein bestimmtes standesurteil verbinden kann (vgl.B 2); verworfen in hohem grade lasterhaft, niederträchtig und deszhalb höchst verachtenswert Hübner zeitungslex. (1824) 4, 806ᵇ: bey den Persianern waren keine leut mehrers verschreyt, verspottet ... und verworffen als die lügner und schuldenmacher ollapatrida 308 Wiener ndr.; wären die karaktere dieses stücks nicht aus der verworfensten menschenklasse — profeszionierten spielern — genommen Schiller 3, 585 G.;
erkenn an diesem blatt das merkmaal meiner schande;
kenn den verworfnen theil von unserm vaterlande
Ayrenhoff s. w. (1814) 1, 124;
ein so verworfenes ministerium hat die sonne noch nie beschienen Gentz schr. (1838) 4, 73; hätte ich doch selbst kaum gedacht, dass der mensch so verworfen ist Alexis ruhe (1852) 1, 249; die sich als verworfene menschen auch äuszerlich auszeichnen, durch gemeine unsittlichkeiten den wohlstand verlezen Schleiermacher s. w. (1834) 1, 5, 134; ein fortschritt ... ist auf diesem wege, bei dieser lebensart, und durch diesen verderblichen verkehr mit den verworfensten menschen unserer europäischen race nicht möglich J. G. Forster s. schr. (1843) 4, 178; der bruder ein spieler von handwerk, ein roher, gemeiner, verworfener mensch Kürnberger nov. (1861) 1, 8; dasz die verworfenste klasse, der hefen der gesellschaft ans ruder kommt Schopenhauer w. 4, 204 Gr. als substantiv: jedem verworfenen ist ein siegel der ruchlosigkeit auf das gesicht gedrückt H. v. Chézy erz. u. nov. (1822) 2, 40; die wucht des wortes, mit welcher hier das verworfene verworfen wurde, verkündigte die abkehr von allem moralischen zweifelssinn (1911) Th. Mann ausgew. erz. (1953) 403.
6)
von sittenlosen, liederlichen weibern: ist mir's nicht kummer genug, dasz meine einzige tochter ein verworfenes geschöpf ist? Göthe I 8, 197 W.; die fahnjunger ... suchten verworfne soldatenweiber Voss gesch. m. milit. laufbahn (1808) 249; nie hat ein erhabenerer mann vor einem verworfnern weibe gestanden Klinger w. (1809) 4, 122; er möge seiner rittertreue und ritterehre gedenken, und nicht im bunde mit einem so verworfenen weibe ein reines, edelbürtiges fräulein gewaltsam entführen Fouqué zauberring (1812) 3, 8; wie konnte diese frauensperson so wenig scham haben? ein ganz verworfenes geschöpf! Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 171. substantiviert: da das kloster, der dunkle kerker, dich nicht zu halten vermochten, so stirb, verworfene! W. Raabe s. w. I 3, 82; da sie ihn ansahen, errötete er und stiess drohend aus: sie ist eine verworfene! H. Mann d. untertan (1949) 267.
7)
in affektvoller rede oder in verbindung mit kraftausdrücken im sinne von 'verflucht, verdammt': so treffe der blitz des allmächtigen statt der krone mein haupt, und schmettere mich in den staub neben dieses verworfene aas! Bürger s. w. 314 Bohtz;
verworfne schmeichler, die der himmel uns
in seinem zorn zu freunden hat gegeben
Schiller 15, 1, 71 G.;
du lügst, verworfener
tyrann!
ebda 13, 154;
schweig, du verworfener verläumder! rief Salomon zornig dt. volksbücher 1, 36 Simrock. substantiviert: o Ruggieri! verworfener! nur einmal dich so unter meiner hand zu wissen Gerstenberg Ugolino 225 H. oft wird der herabsetzende sinn durch die verwendung des superlativs verstärkt, wobei jedoch der ursprüngliche sinngehalt mehr und mehr verblaszt: wer ein menschliches herz hat, und die seinigen mit ihrer tugend darben siehet, zu einer zeit, da die verworfensten buben in ihrem überflusse fast ersticken Abbt verm. w. (1768) 3, 33; der ... knabe, der ... in seinen handlungen aber ... der verworfensten metze gleicht Meiszner Alcibiades (1781) 1, 88; du sagtest mir das vor vierzehn tagen, als ich dich im elend, in der verworfensten schande antraf Gutzkow ritter v. geiste (1850) 4, 384; wir wollen den verworfensten aller vagabunden, diesen umherziehenden spielern vom handwerk, ... in diesem büchlein den raum nicht gönnen Holtei erz. schr. (1861) 11, 239; seit es ihn in die gefahr gebracht hatte, mit den verworfensten vagabunden verwechselt zu werden Storm s. w. (1898) 4, 87.
Zitationshilfe
„verworfen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/verworfen>, abgerufen am 24.04.2019.

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