vertraglich neu gebildetes adv
Fundstelle: Lfg. 11 (1914), Bd. XII,I (1956), Sp. 1939, Z. 62
zu vertrag in dem sinne 'vertragmäszig, durch vertrag festgesetzt': vertraglich gebundene unternehmer Alten heer u. flotte 1, 32.
verträglich einziges noch übliches adj. und adv
Fundstelle: Lfg. 11 (1914), Bd. XII,I (1956), Sp. 1939, Z. 65
zu vertragen. eine nebenform verträgig erlischt im 16. jh.: mhd. wb. 3, 77ᵇ; Lexer 3, 274; Fischer 2, 1383; wis in als gote gehôrsam, verträgic, undertänic d. mystiker 1, 338, 36. ahd. unfartragantlih, unfertragenlich 'unerträglich' erscheint schon in den glossen 2, 655ᵇ Steinmeyer-Sievers und bei Notker vgl. Graff 5, 499; mhd. und frühnhd. noch vereinzelt vertragenlich, indulgenter Frisius 685, Maaler 435ᵃ; sonst in der kürzeren form vertregelich, verträgelich mhd. wb. 3, 76ᵇ; Lexer 3, 274; vertragelich, verdrechlich, tollerabilis Diefenbach gloss. 586ᶜ; seit dem 17. jh. in anderer bedeutung (lexicalische nachweise s. unter 3). mundartlich obd.: schwäb. verträglich Fischer 2, 1383; österr. vertraglich bei Anzengruber (s. unten). mnd. vordrachlik Lübben-Walther 497ᵇ; mnl. verdrachlijc Verdam 619ᵃ; verdraghelijk, tolerabilis, patiens, aequanimus Kilian 585ᵃ; nl. verdragelijk; ostfries. ferdragelk Doornkaat 1, 444ᵃ. ins dän. übernommen fordragelig.
1)
'zuträglich, förderlich, bekömmlich' (vgl. vertragen I 6): es wird dem gesambten hausze Weymar nicht wenig vorträglich seyn Weim. urkunde v. 1685 bei Diefenbach-Wülcker 570; der brand ist allezeit der frucht mehr schädlich als vorträglich Hohberg georgica 3, 137ᵇ; so hat es (Europa) auch zu meisten orten und zeiten ein getemperierte, gesunde und vertregliche lufft Quad enchiridion cosmographicum (1604) 3; daʒ eʒ den blœden ougen deste verträgelicher sî biʒ sie geheilen d. mystiker 1, 324, 37. eine schwäb. quelle von 1790 bei Fischer. dem sinne nach schlieszt sich das heute übliche verträglich an, das wir von speisen und getränken gebrauchen (vgl. vertragen II 1): eine leicht verträgliche speise Heyne. literarische belege fehlen.
2)
im anschlusz an vertragen II 2 ist es vor erträglich gewichen. 'leicht zu ertragen':
die (sünde) wæren sô vertregelich,
daʒ got lîhte erbarmte sich
über sô getâne schulde
Fleck Flore 7959;
ob schon die weltlichen .. dem gemein man mer abgenommen haben denn in von recht gebürt, so ists aber verträglicher denn von den falschen geistlichen satiren 3, 186, 24 Schade; und ernstlich wurden verkaufft in knecht und in dirnen, und wer in ein vertregliches (var. leydlicher) ubel, und ich schweyg seufzende erste d. bibel (Esther 7, 4); das sie umb einen vertreglichen pfenning bessere wartung und tracterung in ihrem eigenen hause nicht hetten haben kunnen Quad teutscher nation herligkeit (1609) 16.
3)
zu vertragen II 5 gehört verträglich, 'nachsichtig': indulgenter Frisius, Maaler, Dentzler; so gloubst dem aller gerechtesten, dem aller barmhertzigesten, verträgelichesten Riederer spiegel t ivᵇ; also war er auch vertreglich und gütig den, die im nach gaben und entwichen Carbach Tit. Liv. 323ʳ. am ausgedehntesten ist der gebrauch von verträglich meist im anschlusz an reflex. vertragen III 4 ff.: pacificus, friedfertig oder verträglich Zehner (1645) 75; placabilis Reyher u 5 vᵇ; comportable, verträglich Wächtler 110; placabilis, versühnlich; concors, einig Dentzler 315ᵇ, 314ᵇ; placabilis, lenis, mitis Frisch 2, 380ᶜ; verträglich sein, leben miteinander Kramer 2, 1112ᵃ; geneigt und fertigkeit besitzend, sich mit andern zu vertragen, friedlich mit ihnen zu leben Adelung; vertragsam (s. d.) drückt diese eigenschaft in höherem grade aus, indem es eine fertigkeit darin einschlieszt Campe;
wis niht an pentekeit müelîch,
wis hüfsch unde vertregelîch
Thomasin wälscher gast 8174;
wenn die arbeiter fleiszig, die vorsteher treu, und die gewercken richtig und vertreglich sein Mathesius Sarepta 37ᵇ; haltet euch .. fleiszig im studiern, verträglich in compagnie Schoch studentenleben B 8ᵃ;
(er war) verträglich in der welt, klug und verschmitzt im rathe
Lohenstein hyacinthen 2, 53;
(so) leben und sterben sie still und verträglich, gleichgültig-vergnügt Herder 13, 210; die menschen sind nicht mehr so gesellig und verträglich maler Müller 2, 116; na, könnt'st du nit leicht a frumm und vertraglich sein? Anzengruber 6, 37. mit präpos. zusatz: der verträglich, schiedlich und friedlich gegen männiglich sich erzeige Dannhawer catechismusmilch 3, 90;
verträglich, tugendhaft, voll ehrfurcht gegen gott
Brockes irdisches vergnügen 4, 340;
wenn nur die treue braut
das elend in der zeit mit uns verträglich baut
Günther ged. 784;
darum sollen sie auch freundlich und verträglich seyn mit einander Arndt an s. l. Deutschen 1, 267; (sie) verhielt .. sich so bescheiden und verträglich zur truppe, ... dasz niemand mehr klage führte über sie Holtei erz. schriften 35, 165. gesteigert: sie werden in mir den verträglichsten ehemann finden Schröder dram. werke 2, 90. subst.: der verträgliche, name eines mitgliedes der fruchtbringenden gesellschaft vgl. Neumark palmbaum 237. von nicht menschlichen lebewesen: im fal sich einiger garstiger neidhammel unter die verträglichen schafe mit einmischen ... solte Zesen Helikon 31; sehr gesellige vögel, die immer verträglich unter sich leben Naumann naturgeschichte der vögel 2, 149; mit sich selbst verträgliche gewächse Schwerz ackerbau 888;
noch manches kraut, manch dunkel-kräft'ger stein,
der ihr entsprangt, der erde geb' ich euch.
so, ruhet hier verträglich und auf immer!
Grillparzer 5, 127 (Medea).
von sächlichen dingen:
daʒ diu werlt sô gar ahte gevie
eines mannes durch sîn güete
unt umb verträglîch gemüete
die warnung 852 Haupt;
inzwischen ist sein verträglicher umgang mit allen denen .. gewisz nicht vergeblich gewesen Spangenberg leben Zinzendorfs (1773) 945; bei ihrem gutherzigen und verträglichen charakter Forster 2, 145; wodurch ihr geschmack verträglicher und ihre beurtheilungskraft unpartheylicher werden muszte allg. d. bibliothek 1², 16. bisweilen läszt sich verträglich zugleich als 'versöhnlich' und 'erträglich' auffassen: versuche, mit dieser macht in ein verträgliches verhältnisz zu kommen Ranke 30, 286; zu einem verträglichen ende führen Bismarck polit. reden 4, 209.
4)
seit dem 18. jh. ist 'vereinbar, harmonisch' im anschlusz an vertragen III 7 zu belegen: harmonisch, compatibel Moritz gramm. wb. 4, 285; compossibel, zusammen möglich, nicht ausschlieszend Eisler philos. wb. 3, 1673; 1, 650; lebensthätigkeit und tüchtigkeit ist mit auslangendem unterricht weit verträglicher als man denkt Göthe 25, 6 Weim.; dasz feigheit uns mit einem edlen charakter nicht wohl verträglich scheint Schopenhauer 5, 209; deshalb sollte die menge der selbstgebauten rüben nicht gröszer sein als mit einer geordneten fruchtfolge des gutes verträglich war Freytag werke 1, 92; weil das, was zu recht und ordnung bestehn kann, schon unsern vorvordern bekannt war, und was dö nit kennt hab'n, a nit mit recht und ordnung vertraglich is Anzengruber 6, 221. mit nebensatz: es scheint mir mit der würde eines priesters nicht recht verträglich, blut zu vergieszen Holtei erz. schriften 27, 80. attributive stellung ist selten: dasz Preuszen ohne krieg und in einer mit legitimistischen vorstellungen verträglichen weise das vorgewicht in Deutschland zufallen würde Bismarck erinnerungen 1, 74. die anwendung auf verträgliche ('harmonische') farben ist nicht mehr üblich: alle tapeten sind helle, von sanften, verträglichen farben Sturz schriften 1, 8; in absicht der festigkeit und des guten geschmacks in verbindung der verträglichsten farben Lessing 10, 361.
Zitationshilfe
„vertraglich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/vertraglich>, abgerufen am 21.09.2019.

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