versteinern verb.
Fundstelle: Lfg. 10 (1913), Bd. XII,I (1956), Sp. 1717, Z. 46
hat versteinen II aus der sprache des alltags völlig verdrängt. es erscheint schon gegen ende des 17. jhs. Adelung verzeichnet es als erster, hält aber die intrans. form noch für ungebräuchlich; erst Campe kennt es in dem heutigen umfange des gebrauchs. in der technischen sprache bürgert es sich selten ein, vgl. Jacobsson 4, 533ᵃ ᵇ; 8, 83ᵇ. in den mundarten ist es stellenweise heimisch geworden: luxemburg. verštèngeren, zu stein werden wb. 467ᵇ; mansfeld. varstännert, versteinert Jecht 119ᵃ; ostfries. ferstênern Doornkaat 1, 468ᵃ. bekannt ist es schwäb. Fischer 2, 1360 und preusz. Frischbier 2, 442ᵇ.
A.
wie bei versteinen ist die form des part. prät. am meisten verbreitet.
1)
sinnlich: versteinert, .. ein körper, der ursprünglich zum thier- oder pflanzenreich gehört, da er aber in der erde gelegen, von einem steinmachenden saft durchzogen worden und folglich die natur eines steins angenommen, und alle eigenschaften eines steins an demselben sich zeigen Jacobsson 4, 533ᵇ; versteinerte metalle nennen einige die durch verwitterung oder verrostung entstandenen ochern und kalke 8, 83ᵇ; versteinertes holz, welches entstehet, wenn das wasser die holztheilchen auflöset und dafür die bei sich führenden steintheilchen absetzt, welche denn die gestalt der ersteren annehmen; so auch versteinerte fische, knochen Adelung; zwischen der jetzigen erdoberfläche und jener, deren organisationen sich uns nur versteinert zeigen Schopenhauer 1, 309; oft sitzen auf versteinertem holze zwischen deutlicher kohle .. bergkrystalle Göthe II 9, 26 Weim.; wie man denn in dem reiche Huquang an dem berge Xeyen viel versteinerte schwalben findet Lohenstein Armin. 1, 626ᵃ; gleichwohl haben wir auch einen versteinerten fisch, der in Franken .. in einem weiszen steinschiefer gefunden worden anmuth. gelehrsamkeit 1, 83 Gottsched;
denn Itifalln hält keine furcht zurück,
und wenn er eine welt versteinert vor sich sähe
Wieland 7, 42 akad. ausg. (Idris 1, 98);
riesenhafte felsenblöcke ...
schaun mich an gleich ungetümen,
die versteinert, aus der urzeit
Heine 2, 385;
man bemerkte, dasz der körper des unglücklichen, der fälschlicherweise für versteinert gehalten, in staub zu zerfallen begann E. T. A. Hoffmann 6, 194; der versteinerte regen, die dichten, weiszen felsen .. waren artikel, von deren glaubwürdigkeit wir selbst sie nicht genugsam überzeugen konnten Forster 2, 57. freier: drauszen ... lag der garten mit seinen wunderlichen baumfiguren, statuen und vertrockneten bassins wie versteinert im jungen grün Eichendorff 3, 321; eine reiche lebendige natur, ein ganzer wald himmelanstrebender bäume wölbt sich über uns .. und steht versteinert da, um den geist der andacht zu begränzen Hoffmann v. Fallersleben 7, 84;
aber ein wirkliches bauwerk ist ein versteinerter rhythmus
Platen 1, 285;
für ernste wandrer liesz die urwelt liegen
in diesem thal versteinert ihre träume
Lenau 139.
'steinhart': seit fünf wochen hast du mit versteinertem zwieback und lebendigem wasser vorlieb nehmen müssen Kotzebue 4, 38. 'erstarrt', von flieszender bewegung: hiermit bückte sich Ariovist, räumete um den güldenen fusz vollends das versteinerte wasser weg Lohenstein Arminius 1, 419ᵃ; als sei es (der see) ein unheimlich naturauge, das mich hier ansehe .. drinn das wasser regungslos, wie eine versteinerte thräne Stifter 1, 214;
ihr rauschendes gewand
vergieng, und halb flosz es versteinert in den sand
Zachariae 1, 270.
2)
bildlich. 'todesstarr':
mich schmerzt der süsze blumenduft
der lieblich athmet in die gruft,
was soll mir flüchtge frühlingsgabe?
ich lieg versteinert in dem grabe
Arnim kronenwächter 2, 248.
starr vor alter: von der leichtweinenden mutter Albine an bis zu händegebenden alten bedienten, die seinetwegen die versteinerten glieder behender bewegten Jean Paul 15, 280. starr infolge einer krankheit oder gemüthsbewegung: plötzlich erstarrte sie (die gestalt des grafen) an der wand des palastes in versteinerter stellung .. die starrsucht, seine alte krankheit, hatt' ihn ergriffen 15, 27; ich kümmerte mich wenig um die aufgesperrten mäuler, versteinerten nasen und glotzaugen, womit die leute auf der strasze .. diesem qualifizierten diebstahle zusahen Heine 3, 37; ich nahm ihr leise, ohne ein wort zu sagen, die reisetasche aus der hand und sah im nächsten augenblicke in ein von angst versteinertes gesicht Seidel Leberecht Hühnchen 282. in eine steinerne bildsäule verwandelt: (er) fand seinen bruder mit seiner begleitung versteinert, und zwang die frau, den zauber aufzuheben Grimm hausmärchen 1, 347. gleich einer bildsäule starr sein, stehen bleiben, vor schreck, angst, staunen, überraschung: da meine begleiter versteinert wie Loths weib zurückschaun Schiller 2, 92 (räuber 2, 3); Balacin aber stund unbeweglich vor ihr, und schiene, als ob er vor zorn, wehmuth und liebe gantz versteinert wäre Ziegler Banise 780; aber wie stehst du denn da, Lisette? bist du versteinert? rede doch! Lessing 2, 42 (misogyn 3, 6);
versteinert bleib' ich stehn, und sehe kaum,
und glaube nicht zu hören
Göthe 11, 220 Weim. (Klaudine 467);
versteinert blieb Holm an der stelle zurück,
mit bebenden lippen, mit starrendem blick,
als hätt' ihn der donner gelähmet
Bürger 1, 82ᵃ.
das gleichnisartige wird durch das wörtchen wie noch mehr hervorgehoben: ich stuhnd da wie versteinert Bräker 1, 67; Ferdinand (steht zuerst wie versteinert) Schiller 3, 386 (kabale 1, 7); da sie uns erblickten, blieben (sie) wie versteinert Göthe 27, 367 Weim.
3)
'innerlich verdorrt, verknöchert, abgestorben'; zunächst enge an das bild angeschlossen: allerlei versteinert zeug, das nicht keimen, nicht blühen mehr will Bettine Günderode 1, 183; der hagestolz ist .. eine versteinerte zeitlose Rosegger 3, 288; der geschickte baumeister Dieckhoff brachte in die versteinerte palmenwelt der christlichen architektur eine versöhnung mit dem nordischen klima Gutzkow 11, 211; seiner muttersprache, die selbst im Virgil noch oft wie versteinert scheint Platen 3, 227; Sparta, .. immer noch das gegenbild Athens .. in den versteinerten altfränkischen institutionen Mommsen röm. gesch. 5, 238; sie bezeichnen den bäuerlichen zug ... das starre versteinerte festhalten am gewohnten Kürnberger lit. herzenssachen 100. auf den menschen mit seinem fühlen und denken übertragen:
der eine
war ein versteinerter sünder, ein graugewordner verbrecher
Klopstock Messias 8, 306;
die stadtgeistlichen, welche mit ganz andern mitteln auf das versteinerte stadtvolk einzuflieszen haben Jean Paul 35, 106; die menschen behaupten, ich sey nun ganz und gar versteinert zurückgekehrt Göthe IV 30, 33 Weim. auch gesteigert: niemals sah man .. versteinertere lehrlinge Raabe leute aus dem walde 2, 100. empfindung: versteinert sind schon seine gefühle Gutzkow werke 5, 283; wiewol sie aus furcht ihr gegen die hoffnung versteinertes gesicht abdrehte Jean Paul 10, 304; die natur ist aber nur an sich die idee, daher sie Schelling eine versteinerte, andere sogar die gefrorne intelligenz nannten Hegel 7¹, 24; die worte selbst sind verhärtete und versteinerte gedanken Arndt an s. l. Deutschen 1, 405.
B.
trans. gebrauch.
1)
'zu stein machen, in stein verwandeln': manche wasser versteinern die körper, welche darein gerathen Adelung; doch ist die allgemeine volksmeinung hier, das fluszwasser versteinere die bäume, weil man auch auf den fluszinseln häufig die trümmer des hinabgeschwemmten diluviums findet Ritter erdkunde 5, 205. 'unbeweglich wie stein machen': dasz .. die steinichten und kalkichten (wasser) das geblüte versteinern Lohenstein Arminius 2, 738ᵇ. 'mit einer steinrinde überziehen, fest und hart wie stein machen' Campe; dasz sich der mensch noch behaupten kann, wo ein neunmonatlicher winter das land versteinert Peschel völkerkunde 421;
o! wie werden deine freunde
traurig nach den wolken blicken,
wenn des winters zaubergürtel
deinen zarten leib versteinert!
Götz ged. 2, 46;
zu mumien, arzt, verstein're diese leiber
Müllner 4, 219.
2)
'durch zauberkraft in stein verwandeln', bisweilen mit zu ergänzendem object: diesen anblick (einer medusenmaske), der keineswegs versteinerte, sondern den kunstsinn höchlich und herrlich belebte, entbehrte ich nun seit vierzig jahren Göthe IV 40, 256 Weim.;
ein zauberbild wie noch vor keinem auge schwam,
das statuen belebt, und lebende versteinert
Schiller 1, 320.
seltener 'bezaubern, begeistern': wenn er nicht die begleitenden stimmen um ihn, wie die zuhörer versteinern kann Schubart ästhetik der tonkunst 295; dero angenehmen geist, welcher mich durch anmuthigste geberden versteinerte Ziegler Banise 91. unbeweglich machen durch heftige gemüthsbewegungen Campe; versteinert werden vor schrecken und staunen, unbeweglich da stehen Adelung; o könig! — das schrecken hat ihn versteinert! — könig! Lessing 2, 375 (Philotas 8); dieses „nun?“ in einem zwar erwartungsvollen, aber vollkommen ruhigen tone gesprochen versteinerte Ernst Moltke 1, 94; in jener angenehmen verfassung, welche informatoren und jungen gelehrten nichts neues ist, die ihnen die glieder verknöchert und das herz zersetzt und die zunge versteinert Jean Paul 7, 227;
mit haaren, silberweis, doch lang und voll,
mit zügen, die der grimm versteinert hat
Hebbel 5, 195.
3)
'hart und unempfindlich machen' Campe; 'verstocken, verhärten, verknöchern': weil es .. unmöglich war, diesen vom medusenkopf der vernunft, nämlich von seinem eignen hellen kopf, versteinerten alten zu beugen Jean Paul 6, 16; er möchte sein väterliches hertz gegen der nicht versteinern, welche .. niemahls was ihrem geschlechte verkleinerliches begangen hätte Lohenstein Arminius 1, 1278ᵃ; es gehört eine eigne beredsamkeit dazu, bey einigen das vermögen zu schaden zu versteinern, bey andern hingegen den willen zu helfen zu erwecken Hamann 3, 221; wer aber die geschichte der sprache studiert, der wird die serbische sprache so wenig, als irgend eine andere fortlebende aus der geschichte heraussetzen und sie gleichsam versteinern wollen J. Grimm kl. schriften 4, 104.
4)
auch adj. in der form des part. präs.: versteinernder erdsaft (bergwerk), eine flüssigkeit, welche die unterirdischen körper zusammensintert und theils weiche verhärtet, theils fremde durchdringet und ihnen die natur eines steines mittheilet Jacobsson 4, 533ᵃ; er beschreibt eine siedenheisze, versteinernde schwefelquelle, die den boden 100 fusz umher zu kalk verbrannt, und viele gänge, kanäle, und gestalten gebildet hat Herder 1, 83; sein früheres .. verhalten war ein .. von der welt ihm äuszerlich angefärbtes, eine kruste im versteinernden wasser des lebensflusses, des weltlaufs Ludwig 5, 290; Panthea athme flammen aus, oder erkälte gleich der Gorgone, mit ihrem versteinernden anblick zu marmor Wieland 3, 35 akad. ausg.;
schleicht, wie vom haupt der gräszlichen Gorgone,
versteinernd dir ein zauber durch die glieder
Göthe 10, 50 Weim. (Iphigenie 1162).
C.
der intrans. gebrauch wird noch von Adelung gemiszbilligt, von Campe an die spitze gestellt.
1)
'zu stein werden; mit einer steinrinde überzogen, steinhart werden' Campe; der gemeine glaube ist, dasz die eichen hier versteinerten Arnim 10, 38.
2)
'zu stein erstarren', besonders infolge heftiger gemüthserregung: er zieht ein gesicht, als solle er versteinern und von der nachwelt als antike ausgegraben werden Büchner 143; endlich, als das tigerthier aus Armidens lippen sprang, versteinerte er, so zu sagen Immermann 18, 142; die freude habe ich doch noch zu sehen, wie er versteinern wird, wenn er mich wird unvermuthet singen hören Hermes bei Adelung;
bis du, unselig weib, zuletzt in deinem weh
einsam versteinertest, wie jene Niobe
Geibel 2, 112.
3)
'verharten, unempfindlich, verstockt werden' Campe; 'verknöchern': wie im alter der innere und äuszere mensch .. mit einander versanden und versteinern und gemeinschaftlich, gleich metallgüssen, langsam erkalten und zuletzt gemeinschaftlich erstarren Jean Paul 39, 41; (der häusliche mensch) thut verzicht auf den thörichten wunsch sich frey zu bewegen, bis er endlich versteinert F. Schlegel im Athenäum 2, 16; wie denn schon im sprichwort „er ist nicht weit her“ dieser grundsatz zur stereotype versteinerte Grabbe 4, 155; doch soll vor einem Teutschland sich .. hüten, .. dasz es nicht das erwachte leben wieder versteinern und verholzen lasse Görres schriften 2, 388.
4)
auch adj. in der form des part. präs.: wie die eben versteinernde Niobe ihr jüngstes, umfaszte sie den zerknirschten Hennig Raabe Schüdderump 2, 34; mich freut es, wenn Hedwigs versteinernde lebenspflanze wieder ausgrünt, ich gönne ihr nach dem freudlosen leben .. das glück Bismarck an braut u. gattin 308.
5)
subst. inf.: erhaltung (der pflanze), verkohlen, versteinern Göthe III 4, 347 Weim.
D.
der reflex. gebrauch, wie der von versteinen (D) noch Campe nicht geläufig, findet sich in doppeltem sinne schon bei Lohenstein: am siebenden pfeiler sahe man, wie ein korallen-gewächse .. sich versteinerte Arminius 1, 1178ᵇ; daher wird sie zwar meine .. seele nimmermehr durch eine widrige regung sich versteinern sehen 2, 17ᵇ. gewöhnlich 'erstarren, verknöchern': die ganze natur versteinerte sich ihm, und er kannte .. nur fossilien und mumien Heine 6, 115; alles verhärtete und versteinerte sich mehr in ihm, selbst gott und die religion Arndt an s. l. Deutschen 1, 184; (dasz er) etwas rappelich im gehirn geworden ist, und sich einige fixe ideen hineingetragen hat, die dann dort sich allmälig zu häresien versteinert haben Görres briefe 1, 457; wahnsinn und verzweiflung hingegen dürfen (in einer dichtung) .. als die wenig zu handlung geeigneten sich auf ihrem wege nicht versteinern, sondern müssen vorüberblitzen Jean Paul 52, 97. am üblichsten vom herzen: es verzeih mir der allerbarmherzigste gott mein steinernes herz, das ich in sein hausz mitnahm, das sich noch mehr versteinerte, verfelsete! Hippel lebensläufe 2, 362. 'sich in etwas verstocken, hartnäckig festrennen': sie haben sich versteinert in den mineralien dort Immermann 1, 136; hier kann sie sich in dem angenommenen fehler noch immer mehr versteinern Pückler briefwechsel 2, 464.
Zitationshilfe
„versteinern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/versteinern>, abgerufen am 22.07.2019.

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