verschlingen verb
Fundstelle: Lfg. 6 (1895), Bd. XII,I (1956), Sp. 1111, Z. 73
schlingend verknüpfen. mhd. nicht nachgewiesen, denn die glosse ingurgitare verschlingen Dief. 155 gehört zum vorigen worte, nicht wie Müller-Zarncke 2, 2, 403 meint, hierher. mnd. ebenfalls nicht. aber wenn auch nicht die zusammensetzung, so ist das simplex schon in älterer zeit desto häufiger, slingen mit der ursprünglichen bedeutung 'schwingen, schwenken, schwingend befestigen' (s. theil 9, 730). diese letzte bedeutung ist nun für die zusammensetzung die maszgebende geworden und ver hat die bedeutung nur verstärkt.
1)
an einander knüpfen, mit etwas zusammenhangend machen:
wein flosz über den tisch, und sie mit zierlichem finger
zog auf dem hölzernen blatt kreise der feuchtigkeit hin;
meinen namen verschlang sie dem ihrigen, immer begierig
schaut ich dem fingerchen nach.
Göthe 1, 281;
gescheidte leute sie finden ihr brod,
tüchtige männer erhalten das land,
hübsche mädchen verschlingen das band.
3, 287;
part.: so verschlungen der bau unseres körpers ist, so ist offenbar, dasz die theile, die blos zur animalischen natur und fortpflanzung dienen, auch ihrer organisation nach mit nichten die herrschenden theile .. werden könnten. Herder phil. u. gesch. 3, 85 (1821); lebt wohl in eurem überirdischen elysium, ihr freunde und lehrer der kunst, Winckelmann und Mengs .. eure bildnisse stehen mir in der bekannten gruppe des Castor und Pollux da, .. brüderlich verschlungen, verschlungen theilen sie die unsterblichkeit eines hülfreichen lebens. lit. u. kunst 31, 360;
ich bau dir eine sanft gewölbte hütte,
verschlungen aus dem schatten dreier äste,
die drei sind treue, genügsamkeit und sitte.
Rückert 2, 101;
nicht weniger habe ich oft so krause, schäckige, verschlungene figuren in den wolken gesehen, dasz die bibliothek der schönen wissenschaften den maler, der es wagte, sie treu nachgebildet auf seine landschaft zu bringen, ohne widerrede für einen narren erklären würde. Thümmel 2, 169; genien sind eigentlich blos symbole der ruhe. als solche stehen sie da, sie mögen die fackel aufgerichtet oder gesenkt, die füsze gestellt oder verschlungen haben. Herder lit. u. kunst 11, 441 (1821); Vesta, Juno, Ceres und Pallas mit ihren unter sich verschlungenen, stark geneigten bahnen. Humboldt kosm. 1, 95; die in ihren bahnen eng verschlungenen asteroiden. 1, 97; zwischen bergwänden in verschlungenen wegen ereile ich dich. Bettina briefw. 1, 160; denn so wenig getreide und obst ihren platz hier finden, eben so wenig baumparthien .. oder abwechselnd reizende gebüsche und jene süsze schwärmerei und musikalische empfindung verschlungener haine und malerischer ansichten. Tieck 4, 124; bildlich:
diesz unglück, vorgesehen oder nicht,
bat mich und dich in gleiches netz verschlungen.
Göthe 9, 359;
wenn in dem labyrinth des lebens zwei
verschlungene seelen, die die liebe band,
ein widriges geschick mit wilder macht
zerreiszend trennt.
Herder 6, 5.
übertragen auf dinge, die nicht die eigenschaft haben, äuszerlich vereinigt zu werden, verbinden, vereinigen: möge dieser vorzügliche junge mann in eurem kreis zu ununterbrochenem, bedeutendem wirken verschlungen werden, da, wie ich hoffe, sein inneres beruhigt ist. Göthe 22, 122; part.: bey den Griechen war die ganze sprache gesang ... in die verschlungensten gänge der poetischen erzählung erstreckte sich die eben so verschlungene kunst des rhythmus und der metrik. Herder lit. u. kunst 12, 178 (1821); ich war versunken, verschlungen in das wunderlichste verlangen, in eine unwiderstehliche begierde. Göthe 23, 44; ein merkwürdiges beispiel, wie einzeln der Deutsche in ästhetischen arbeiten dasteht, zeigt sich daran, dasz bei der gröszten, ja ungeheuersten gelegenheit, wo die ganze nation mit einem sinn und muth wirkte und mit verschlungenem bestreben, ohne irgend eine rücksicht, das höchste ziel erreichte, dasz in diesem augenblick die mehrzahl der deutschen dichtenden nur immer einzeln, mit persönlichem bezug, ja egoistisch auftrat. 45, 102; es ist das alles so wunderlich so — ich möchte sagen geheimniszvoll verschlungen. Spielhagen 17, 99; an der hand der tief in die geistige entwicklung der menschheit verschlungenen, sie von stufe zu stufe begleitenden sprache. Humboldt Kawisprache 3, 405;
und sieht das holde weib, mit einem liebesgotte
an ihrer brust vertieft, verschlungen in ihr glück.
Wieland Oberon 8, 79;
part. prät.: von der parabel, vom epigramm an ist dies der fall; wie denn nicht bei dem verschlungensten herzensgedichte, der ode der leidenschaft und ihrem kleinern abbilde, einem blumenstrausz der lyrischen phantasie und empfindung? Herder lit. u. kunst 11, 80 (1821).
2)
verschlingen mit der nebenbedeutung 'verwirren': herr, verschlinge und zertrenne jre zungen. Luther 4, 70; reflexiv sich verschlingen in sinnlicher bedeutung: sie verschlangen sich in wilden gruppen und stürmten wie meereswogen stumm durch den saal. Tieck 8, 148; übertragen: man könnte idyllen dieser art die männlichen, jene sanftere die weiblichen nennen ... in der natur verschlingen beide sich zu einem kranz. Herder lit. u. kunst 12, 130 (1821); bei behandlung einer mannichfaltig vorschreitenden lebensgeschichte .. kommen wir, um gewisse ereignisse faszlich und lesbar zu machen, in den fall, einiges was in der zeit sich verschlingt nothwendig zu trennen. Göthe 48, 3; ich werde sie sehen! und da habe ich für den ganzen tag keinen wunsch weiter. alles alles verschlingt sich in dieser aussicht. 16, 56; unmuth und unlust hatten .. sich fester unter einander verschlungen. 143.
verschlingen verb
Fundstelle: Lfg. 6 (1895), Bd. XII,I (1956), Sp. 1108, Z. 43
schlingend hinunterschlucken, mhd. in der früheren zeit nicht nachgewiesen, erst aus glossarien des 15. jahrh. aufgeführt. im voc. venez. ted. von 1424 verslink, verslunken, iniotire (it. inghiottire) Dief. goth. wb. 2, 271. Schm. 2, 530 Frommann; im älteren mnd. auch unnachgewiesen (auszer in Korner chron. 14. jahrh. bei Schiller-Lübben 5, 449), aber in späteren (15. 16. jahrh.) md. und mnd. glossarien. absorbere verschlingen Dief. gloss. 5ᵇ, glutire vorslingen, verschlingen 266ᶜ; ingurgitare vorschlingen 298ᶜ (mitteld. glossarien). da das wort somit erst am anfange der nhd. periode auftritt und seine bedeutung sich mit der alten von verschlingen 'verknüpfen, verflechten' nicht vermitteln läszt, so scheint die bisherige ableitung, die schlingen in der bedeutung 'hinunterschlucken' nur als lautliche entartung von verschlinden auffaszt, nicht zurückzuweisen zu sein. aus den heutigen mundarten lassen sich mancherlei gleiche lautübergänge nachweisen, so besonders im md; aus bewährten quellen sei z. b. aufgeführt: im ruhlaischen findet der übergang des nd und nt in ng vor weggefallenen oder erhaltenen endsilben statt, wo wir sonst 'verschleifung' zu nn gefunden haben, mit der dieses ng ohne deutlich nachweisbaren grund in der weise abwechselt, dasz manche wörter die eine oder die andere lautform gewählt haben, z. b. keng, plur. kinder, weng, plur. winde, renger, die rinder, beng, binden, ä bengt, er bindet, se bengen, benglôn, binderlohn, buchbenger, buchbinder u. s. w. (Regel 75), benge, binden, kenger, kinder, schenger, schinder, feng, (ich) finde, lenge, linde u. s. w. (Pasch das altenb. bauernd. 1878 s. 36); leser der Rudolstädter klänge von Sommer werden sich an onger, dronger, altrudolstädtisch gefong für gefunden 4, 104, und aus den Erfurter schnozeln ebenfalls an formen wie onger (unter) erinnern. hierzu vergleiche man die weiteren belege bei Weigand wb. 2, 592. Dief. goth. wb. 2, 272. wenn nun Diefenbach umgekehrt übergänge von ng zu nd nachweist (slunt, schlinge, oberd. schlinden für schlingen, schlendern für schlenkern), so beweist das wol nur eine verwirrung, die eben durch dieses zeitweilige eindringen von ng statt nd eingetreten ist.
1)
sinnlich: dazu wil er dich wol verteidingen an leib und seel, das niemand dich fresse. er habe jn denn zuvor verschlungen. Luther 7, 108; (die frösche) sprungen mit gantzem hauffen und eylends ins wasser; waren eben da mehr denn ein hecht, empfiengen und verschlungen die grösten frösche. Kirchhof wendunm. 4, 354; geschwind wischte ich mit meinem löffel wieder aus dem sack, gab dem kalbskopff den andern fang und wiese kurtz und gut, was man von mir wissen wolte, maszen ich das ander aug gleichwie das erste in einem huy verschlang. Simpl. 1, 99, 29; (sie) banden eine eszgabel an einen langen stecken und angelten damit alle kuttelflecke heraus, welche sie alsobald und halbgekocht in groszer eile verschlangen. 1, 350, 3; der gottgleiche mensch wird hier von schlangen, dort von ungeziefer verfolgt; hier vom tiger, dort vom hayfisch verschlungen. Herder phil. u. gesch. 3, 67 (1821); sprichwörtliche redensart: ist das nicht ein hessige .. bosheit und schalckheit an dem allerheiligsten stuel! der einen leffel erhelt und verschlingt das haus. Luther 2, 58ᵇ; denn wie gerne sie das ledder fressen wolten (wenn sie könden), zeigen sie offentlich damit an, dasz sie die leplin so girig verschlingen. 6, 16; unter des sahe ein weih .. die mausz auff dem wasser schwimmen, war er baldt da und langte sie, dieweil aber der frosch an die mausz gebunden, zog er denselbigen auch herbey und verschlang ihn lebendig. Kirchhof 4, 292 Österley;
wer grosze leut zusammenhengt
und sich unter die kleinen mengt,
gewisz ein saw ihn mit verschlingt.
4, 265;
wann hat ein pantherthier je seine frucht verschlungen?
Lohenstein Agripp. 1, 3, 168;
die kohle doch muszt du sogleich verschlingen.
Göthe 41, 86.
bildlich: warumb ziehest du denn zu den verechtern, und schweigest, das der gottlose verschlinget den, der frömmer denn er ist? Habacuc 1, 13;
auff uns ist so zornig jhr sinn,
wo gott hett das zugeben,
verschlungen hetten sie uns hyn
mit gantzem leyb und leben.
Wackernagel 3, 17, nr. 87, 2;
nu aber dieser dein son komen ist, der sein gut mit huren verschlungen hat, hastu jm ein gemestet kalb geschlachtet. Luc. 15, 30;
.. du begehrst von mir
dasz ich um dich sein angedenken schände,
mit dir das erbe meines sohns verschlinge.
Gotter 2, 203;
kanst dise nagen, tringen, zwingen,
dern almusen du thust verschlingen,
kanst ausz andrer leut schweysz und blut
treiben die hofpracht und hochmut.
Fischart dicht. 2, 247, 225 Kurz;
die jugend verschlingt nur, dann sauset sie fort,
ich liebe zu tafeln am lustigen ort,
ich koste und schmecke beim essen.
Göthe 1, 137.
die fähigkeit des schluckens wird auf personificierte dinge übertragen: der könig mit seinen tyrannen, die Abrams blut haben verschlingen wollen und verzehren. Luther 4, 93; wir sehen unsere schüler als schwimmer an, welche mit verwunderung im elemente, das sie zu verschlingen droht, sich leichter fühlen. Göthe 22, 156; denen dieselbe eigentlich nicht zukommt. weil jn nu keine sünde schüldigen, kein teufel verdammen, kein tod fressen, keine helle verschlingen kan, so sollen sie mich auch so ... unverdampt und ungefressen lassen. Luther 7, 101; gewis ist sie der hellen schlund, der zu forderst den bapst selbs und alle welt verschlinget in abgrund der helle durch des teufels rachen. Hans Worst 25 neudruck; es solt uns wol die erde verschlingen oder der Türcke fressen, wo wir solch gros blut und mord nicht mit ernstem groszem zettergeschrey von uns weiseten auff den Heintzen. 69; dadurch jr die getaufften und erlöseten seelen mit euch verfüret und durch den hellischen rachen in abgrund der hellen verschlinget. 28; und als er dise wort hatte alle ausgeredt, zureis die erden unter jnen und thet jren mund auff und verschlang sie mit jren heusern. 4 Mos. 16, 31; und gantz Israel, das umb sie her war, floh fur jrem geschrey, denn sie sprachen, das uns die erde nicht auch verschlinge. 34; o erde thu dich uff und verschlinge diesen verzweifelten Cora. Alberus widder Witzeln B 2ᵃ; alle flamme verschlingt immer viele luft .. die versuche beweisen, dasz allezeit (vom feuer) mehr luft verschlungen als erzeugt wird. Kant 8, 337; diejenigen, die sich keine mühe nehmen, auf die fallbreter acht zu haben, die einen nach dem andern neben ihnen in die tiefe herabsinken lassen .. wovon sie selbst endlich ... verschlungen werden. 10, 461;
und wenn die welt vol teuffel wer
und wolt uns gar verschlingen.
Wackernagel kirchenl. 3, 19, nr. 32, 3 (Luther);
bedeck o erde mich, nim zu dir meine ziel,
verschling sie oder lasz sich meinen leib verkehren
in etwas, welches mich kan der gewalt erwehren.
Opitz 1, 8;
o wie werden wir da den hügeln flehen: bedeckt uns!
und den bergen: fallt auf uns her! und den meeren: verschlingt
uns!
Klopstock Mess. 4, 494;
ihre lieder, die auf allen zungen
damals schwebten, hat die zeit verschlungen.
Göckingk 3, 106;
wenn sie und mich vorlängst das grab verschlungen.
3, 116;
wer wird künftig deinen kleinen lehren
speere werfen und die götter ehren,
wenn der finstre Orkus dich verschlingt?
Schiller hist.-krit. ausg. 11, 8;
ihr werdet dieses kampfes ende nimmer
erblicken! dieser krieg verschlingt uns alle.
12, 302 (Wallenst. tod 3, 15);
ha! jetzt wälzt er sich heulend im staube —
flehet den blitzen, ihn zu zerschmettern,
flehet zum abgrund, ihn zu verschlingen.
Gotter 2, 498;
doch diesen traum verschlang die gruft.
1, 218;
auf klippen, wo den pfad die furcht verschlingt,
wohin verzweifelnd nur die gemse springt.
Lenau Faust 9;
wa würd die gerechtigkait da schweben,
wann ides frevel und arglist
gedult würd und nicht bald verbüst,
wenn mutwill, raub und freche macht
würd für ain billichait geacht?
da würd dises lid bald gesungen:
die billichait hats schaf verschlungen.
Fischart dicht. 2, 72, 2660 Kurz;
siehe, sie stürzen in deinen verschlingenden feurigen athem
wie ins unermeszliche meer, die rollenden ströme.
Herder phil. u. gesch. 1, 46 (1820);
mit blicken verschlingen: er fand sie auf einer stelle, wo der weg weniger abhängig war und verschlang mit den augen die wunderlichen bilder, die seine aufmerksamkeit so sehr an sich gezogen hatten. Göthe 21, 6; zum unglück ging sie zufällig als Werthers Lotte gekleidet, in die heutige redoute, und die pracht ihrer despotischen reize wurde von lauter dunkelglühenden augen hinter larven verschlungen und umblitzt. J. Paul 21, 111;
der königssohn, anstatt die hand vors aug zu heben,
verschlingt das schöne weib mit seinen blicken schier.
Wieland 18, 289;
weit eher entflöhst du dem ehrnen geschick,
als diesem durchbohrend verschlingenden blick.
Göthe 40, 397;
auf die unschuld schielt der verrath mit verschlingendem blicke,
mit vergiftendem bisz tödtet des lästerers zahn.
Schiller spaziergang;
wie voller reize
sie war! mit welchem verschlingenden geize
ich an ihr hing.
Wieland 18, 260.
bücher verschlingen: nun erschien Wielands übersetzung. sie ward verschlungen, freunden und bekannten mitgetheilt und empfohlen. Göthe 26, 73; der gröszte vortheil dabei war, dasz wenn wir ein solches heft zerlesen oder sonst beschädigt hatten, es bald wieder angeschafft und aufs neue verschlungen werden konnte. 24, 51; das abentheuerlichste gespenstermährchen verschlingen wir mit begierde. Schiller 10, 17; er .. verschlang alle legenden, alle zauber- und hexengeschichten, erhitzte, verwilderte seine leere einbildungskraft. Klinger 3, 153; wenns (das buch) erscheint, verschlingen wir es alle, weil er uns selber darin verschlungen. J. Paul 1, 182; ähnlich: erst nach und nach von dem überzeugt, was man machen soll, .. immer wieder irre gemacht durch ein groszes publicum ohne geschmack, das das schlechte nach dem guten mit eben demselben vergnügen verschlingt. Göthe 45, 131. übertragen, an das vorige anknüpfend, von bildlichem beginnend und allmählich zum wirklich übertragenen fortschreitend (indem die bedeutung 'in sich aufnehmen' zurücktritt), findet sich verschlingen wol in den zahlreichsten fällen. entkleidet von allem was sich auf hinunterschlucken bezieht, bleibt die bedeutung 'verdrängen, wegschaffen': das ist aber uber alle wunderwerck, das uns gott solche krafft gibt, dadurch alle unser sünd vergebn und vertilget, der tod, teufel und die helle uberwunden und verschlungen wird, das wir ein unerschrocken gewissen und frölich hertz haben. Luther 2, 398; so sihet man, was es für eine krafft ist, das kein teuffel so stark ist, das ers umbstosze, ob ers wol beiszet und wils verschlingen, ist ihm aber ein glüender feuriger spies. 4, 181ᵇ; je niedriger sie (geringe leute) seyn, je mehr und eher wird eine böse nachrede von ihrer niedrigkeit verschlungen. Butschky Patmos 168; das ichs selbs bin und jr alles in mir habt, was jr bedürffet, als der für euch stirbt, den vater versünet, die sünde tilget, den tod verschlinget. Luther 7, 55; ich wil den tod in mir selbs erseuffen, und in meinem leben verschlingen und den teufel durch meine krafft uberwinden. 7, 98ᵇ; das ein christen mit allen schanden dahin stirbt, durch den tod verschlungen, da alle welt nichts sihet noch weisz, denn das er unter der erden verfaulet. 7, 61; von licht und finsternisz gesagt: nein so lange die menschen menschen bleiben, wird das licht die finsternisz völlig verschlingen! nie wird die vernunft einer kleinen anzahl über die unwissenheit, den stumpfsinn, die taumliche imaginazion, die armuth des geistes und die schwäche des herzens der gröszeren anzahl die oberhand gewinnen. Wieland 29, 12; wer ist es, der .. der kuh die milch in dem euter vertrocknet, dem jäger das verwundete wild entführt und den hellen mond verschlingt, der auf unsern zügen uns leuchtet? Klinger 2, 252;
aber lasz uns nunmehr hinab durch weinberg und garten
steigen; denn sieh', es rückt das schwere gewitter herüber,
wetterleuchtend und bald verschlingend den lieblichen vollmond.
Göthe 40, 319;
mit regen, sturm und blitz verfolgt ein ungewitter
die fliehenden; die fürchterlichste nacht
verschlingt den mond.
Wieland Oberon 2, 30;
die ganze burg erschallt davon und kracht:
und stracks verschlingt den tag die fürchterlichste nacht.
5, 67;
indem sie dieses spricht,
schlägt sie mit ihrem zauberstabe
dreimal den boden, — und plötzliche nacht
verschlingt den tag.
18, 267;
der kerzen zauberglanz verschlingt des tages schein!
Gotter 2, 387;
wir blickten hinunter in das von der tiefe und der nacht verschlungene thal. J. Paul 40, 77; er sah ihr wenig sehend nach, bis sie der wald verschlungen hatte. 54, 71;
aber in freieren schlangen durchkreuzt die geregelten felder
jetzt verschlungen vom wald, jetzt an den bergen hinauf
klimmend, ein schlimmernder streif die länder verknüpfende strasze.
Schiller spaziergang;
hinter ihm schlagen
die sträuche zusammen,
das gras steht wieder auf,
die öde verschlingt ihn.
Göthe 30, 222;
edler Brankas, deine handlung verschlingt die rache, die diese bosheit fordert. Klinger 2, 87; kämpfst du dich durch den schauder, oder verschlingen düstere bilder den muth? 2, 112; fest verschlingt sie (Andromache) den gram, nähert sich der wange des mannes, forschet furchtsam .. Sturz 1, 35; die dynastie wird von den Gaznewiden verschlungen. Göthe 6, 50; die empfindung an ihr verschlingt alles, ich habe so viel und ohne sie wird mir alles zu nichts. 16, 29; Lydia kam nicht vom bette hinweg, ihre sorgfalt für den verwundeten verschlang alle ihre übrige aufmerksamkeit. 20, 18; Ottiliens gegenwart verschlingt ihm alles, er ist ganz in ihr versunken. 17, 145; ist denn das bürgerliche leben so viel werth oder verschlingen die bedürfnisse des tages den menschen so ganz, dasz er jede schöne forderung von sich ablehnen soll? 26, 27; das naturrecht, das ich nicht vermisse, weil unser tribunal gerecht und unsre polizei thätig ist, verschlingt seine nächsten forschungen. 38, 73; genug dasz ich alle meine übrigen fähigkeiten auf meine wissenschaft, auf ihre ausübung verwendete, dasz meine praxis fast meine ganze thätigkeit verschlang. 38, 78; die menge .. bringt unendlich einzelnes zurück, indessen zu hause neue pläne, neue thätigkeiten, ansiedelungen die bürger beschäftigen und die aufmerksamkeit verschlingen. 53, 151;
des bratenwenders knarren und der klang
der mörserkeulen, das gezische
der pfannen, sonst des hungers lust, verschlang
mir meinen hunger schon vor tische.
Göckingk 3, 160.
Zitationshilfe
„verschlingen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/verschlingen>, abgerufen am 22.10.2019.

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