vergehung f
Fundstelle: Lfg. 3 (1889), Bd. XII,I (1956), Sp. 403, Z. 69
untergang, verstosz, substantivbildung aus dem zeitwort vergehen, an dessen bedeutungen es sich anschlieszt. mhd. vergêunge, in der ältern sinnlichen bedeutung nhd. vergehung fast nur noch in übertragener anwendung und heute überhaupt nur selten, durch verirrung u. ähnl. ersetzt.
1)
das vorüber-, vergehen: vergeunge, interitus Dief. 304ᵇ (15. jahrh.), nov. gl. 219ᵃ; nhd. nach vergehung der jetzigen welt. wegkürzer 68ᵇ.
2)
nhd. meist nur in übertragener bedeutung (im anschlusz an das zeitwort nr. 5, b), verirrung, irrthum, misgriff: Montfaucon hat ... nach kupfern und zeichnungen geurtheilet, die ihn zu groszen vergehungen verleitet haben. Winkelmann 3, 7; gewisse vergehungen der scribenten über die alterthümer. 3, 8; die mehresten vergehungen der gelehrten in sachen der alterthümer. ebenda; er hat mitunter fehler gesehen, solche verbessern wollen, und neue begangen, einige stellen auf eine läppische art verändert, andrer vergehungen zu geschweigen. Lichtwer (1775) vi; die Leibnitzianer haben ursache, über diese wichtige vergehung der Cartesianer mit nicht geringer befriedigung zu triumphiren. Kant 8, 202; es war der fehler eines zärtlichen mädchens und ihre flucht war die wirkung ihrer reue. solche vergehungen sind besser, als erzwungene tugenden — doch ich fühle es, Waitwell, ich fühle es; wenn diese vergehungen auch wahre verbrechen, wenn es auch vorsätzliche laster wären: ach! ich würde ihr doch vergeben. Lessing 2, 2; entweder man betrachtet das laster als etwas, das unsrer unanständig ist, das uns geringer macht, das uns in unzählige widersinnische vergehungen fallen läszt, oder man betrachtet es als etwas, das wider unsre pflicht ist. 3, 12; dazu kam noch das gefühl, dasz ich itzt meine jugendlichen vergehungen durch bessere dinge gut machen und endlich wohl gar in vergessenheit bringen könnte. 5, 356; er bekennt, sein leben sei nicht von groszen vergehungen frei geblieben. Wieland suppl. 5, 87; man sucht (im zustande des neides) dann immer dem anderen eine vergehung anzudichten, denn wäre der nicht da, so könnte man auch nicht mit ihm verglichen werden. Kant 10, 441; ist es .. nothwendig, dasz vergehungen dasjenige umstoszen, was vertrauen und liebe zu gott aufgebaut haben? Schiller hist.-krit. ausg. 1, 25; dennoch giebt es eine art von fehlern, begehungen oder unterlassungen scheinbar ganz unbedeutender und harmloser art, welche ihrer folgen wegen zehnmal schwerer im gedächtnisse haften, als die gröberen vergehungen und versäumnisse. Keller sinnged. 219;
gott! mit welcher vergehung hab ichs, mit welchem verbrechen
hats mein geschlecht verdient, dasz ich aus dem thale des todes
kommen .. musz?
Klopstock Mess. 3, 584;
mitunter auch nicht von menschen, aber personificierten dingen: die vergehungen (vitia) der einbildungskraft sind: dasz ihre dichtungen entweder blos zügellos oder gar regellos sind. Kant 10, 188.
Zitationshilfe
„vergehung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/vergehung>, abgerufen am 21.09.2019.

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