verdienst m. n
Fundstelle: Lfg. 2 (1888), Bd. XII,I (1956), Sp. 229, Z. 75
quaestus, meritum, mhd. verdienst erst spät nachgewiesen, verdinst, vordenst, meritum Dief. 358ᵇ (aus dem 15. jahrh.), im mnd. ist der gebrauch früher und häufiger, geschlecht schwankt zwischen m. und n., Luther gebraucht beides (s. u.). Maaler und Stieler, die das wort nur in der bedeutung meritum kennen, setzen masc., ebenso Steinbach (1724) 53, der es nur in bedeutung quaestus aufführt. Frisch (mit ersterer bedeutung) neutrum. Adelung versuch 4, 1400 bringt beide geschlechter; heute gebraucht man für verdienst in der bedeutung 1 das masculinum, für die anderen bedeutungen das neutrum, doch nicht allgemein, z. b. Göthe mischt noch die formen, s. unten.
1)
im engen anschlusse an die bedeutungsentwickelung des zeitworts ist verdienst das durch dienstleistung erworbene, erlangte, lohnerwerb: mancher taglöhner hat einen guten verdienst; karger verdienst; was die verständige politici rahten, das man die treffliche ingenia auffzumuntern, spitzfindiger weisz praemia und verdienst suche, welche dem empfangenden ehrlich und der gemeinen cassa unschädlich sein. Schuppius 711; wer bekombt wegen guten studirens ein würdigen verdienst. 746; meinen sie aber, dasz ich diesen verdienst auch in Göttingen beibehalten könnte, so irren sie unmaszgeblich. Lessing 12, 19; wenn ihr mir nach und nach den verdienst der sämmtlichen gelegenheitsgedichte zuwendet, .. so will ich schon zu etwas kommen. Göthe 24, 277; ein jeder hatte vorher sein verdienst in geld angeschlagen und ich ersuchte sie mir auch zur fertigung meines etats behülflich zu sein. ebenda; ich fuhr fort der goldschmiedekunst mich zu ergeben und stand meinem vater mit meinem verdienste bei. 34, 31; sie liesz sich diesen verdienst an ihren beiden miethsherren nicht nehmen. Gutzkow ritter vom geiste 3, 158; bildlich: ich will mein schuld sagen, so wird er (gott) mein verdienst sagen. Luther 1, 24;
ja lieben ist ein grosz verdienst,
wer fände reicheren gewinnst,
du wirst nicht mächtig, wirst nicht reich,
jedoch den gröszten helden gleich.
Göthe 5, 48.
2)
das was jemandem nach seinen leistungen zukommt, der erworbene anspruch auf etwas; ursprünglich scheint man verdienst noch mehr als eine erworbene, wirkliche sache im anschlusse an die vorige bedeutung aufgefaszt zu haben, siehe z. b. Luther 6, 390 unter c, bald aber tritt diese mehr sinnliche auffassung des verdienten hinter der rein abstracten zurück.
a)
unbestimmt ob in gutem oder bösem sinne: darumb schüttet ich meinen zorn uber sie .. und gab jnen also jren verdienst auff jren kopf, spricht der herr. Hesekiel 22, 31; besonders gern nach verdienst: wann man mir und einem ietslichen pfaffen nach unsern verdiensten wölt geben, müszt man uns an den höchsten galgen henken. Schade sat. u. pasqu. 3, 168, 32; so thu du doch den andern auserweleten deine gnade, nicht nach irem verdienste, sondern nach deinem guten willen. Luther 3, 15ᵇ; dem saltzburgischen tyrannen, welcher euch so geplaget hat, gebe gott nach seinem verdienste. 5, 42ᵇ; (ich) ging in mich selbst ... aus sorge, dasz ich einmal ... erdappt und nach verdienst bezahlt werden mögte. Simplic. 1, 377, 5; wan der teuffel ... diese retscher und anbringer .. nach verdienst belohnen solte, wie würde es ihnen so wunderlichen ergehen. Philander 1, 32; wenn der herr mit mir hätte wollen ins gericht gehen und nach meinen verdiensten in seinem gerechten zorn wider mich verfahren. Schuppius 454; du gehst darauf aus, dasz ich dich nach verdienst behandeln soll. Göthe 34, 176;
darum ain schelm, der weibern schonet
und jnen nach verdinst nicht lonet.
Fischart dicht. 2, 40, 1441 Kurz;
und ich eilte nach hause, den eltern und freunden die fremde
rühmend nach ihrem verdienst.
Göthe 40, 308.
b)
verdienst wird, in bösem sinne genommen, sogar die schuld, so schon im mnd.: dat unse copman in velicheid sunder sin vordenst uns allen tho hone in den steen (gefängnis) gheʒat ward. hanseat. urk. (von 1379) bei Schiller-Lübben 5, 334; nhd. und auch das er nicht so jemerlich, unverhört und unüberzeugt, verurteilet und on verdienst und ursach sein leibs und guts unsicher sein müszte. Luther 3, 108ᵇ; das jr einen gram auff den pfarrherrn geworffen habt, on seinen verdienst. 8, 107; nach verdienst gestraafft werden, wolverdiente straaff oder schuld leiden, poenas meritas dare Maaler 416ᶜ; unbillige widerwärtigkeit, die ich ohne meinen verdienst tragen musz. Opitz poeterei vorrede 1ᵇ.
c)
meist in gutem sinne, das, wodurch man anspruch auf anerkennung verdient; dann überhaupt anspruch und anrecht auf anerkennung, belohnung in der älteren kirchensprache: für das drit: das Christi blut und verdienst der schatz ist, durch welchen die sünde bezalet ist; der verdienst Christi aber ist der schatz, denn es mus je ein schatz und edles pfand sein, dadurch die sünde aller welt bezahlt sein. Justus Jonas bei Luther 1, 390; das man den verdienst Christi hoch und thewer achte. Melanchthon Augsb. conf. 27 (corp. doctr. chr. 1560); wer hat euch befolhen .. das man auf jr (der heiligen) verdienst sich verlassen und vertröstet, mehr denn auff Christum selbs und auff alle sein blut und verdienst, den wir durch seiner mutter und aller heiligen verdienst und furbitt .. versünen .. müsten. Luther Hans Worst 23 neudruck; wo nicht gehorsam da ist kein verdienst. werke 1, 50ᵇ; das derselbige gleuben sol, das jm seine sünde nicht umb unseres verdiensts sondern umb Christus willen vergeben werde. 7, 4ᵇ; es ist gnug, das man sie unterrichte, das gott solche werke fodder und belobung gebe, dieweil ers verheiszen hat on unser verdienst. 7, 6; und ist solchs zu bedencken, das solch gros mirakel geschicht, nicht aus des priesters verdienst, sondern darumb das .. 7, 10; das ist kein christlich verdienst, so du etwas kauffest, erblich besitzest, oder sonst ehrlicher weise uberkomest, sintemalen die heiden, Türken und Juden dermaszen from sein mügen. 1, 194; es ist ja not, das ein jglicher ein wenig ein unterscheid wisse, unter der gnade und verdienst .... wo man gnade predigt, kann man warlich nicht verdienst predigen und was gnade ist, das kan nicht verdinst sein. 5, 458; meineten also die gute männer, es wäre ein opus meritorium, ein seligmachender verdienst, wo sie in solcher thorheit selten das leben lassen. Philander 1, 151; der geistliche der auf seinen verdienst so pranget. pers. baumgarten 4, 4; dieser verliesz sich auf nichts anderes als auf seinen verdienst und beten. ebenda; so würden seine verdienste viel schwerer sein, denn meine übelthaten. Schuppius 459;
ich bin allein
ein mensch gemacht durch gottes hand
mit so vernünfftigem verstand,
on allen verdienst gar umb sunst.
H. Sachs 1, 3 (1, 26, 23 Keller);
Christ empfangen in aller zucht,
der uns zu gnaden hat gebracht,
durch sein verdienst selig gemacht.
Wackernagel kirchenl. 2, 933 (vom j. 1567);
gott sieht nicht auf die that allein,
er sieht auf deinen willen.
ein göttliches verdienst ist dein,
diesz musz dein herze stillen.
Gellert 2, 92.
in nichtkirchlicher bedeutung: was sehet jr auff uns als hetten wir diesen wandeln gemacht, durch unser eigen krafft odder verdienst? apostelgesch. 3, 12; drei gelehrte poeten ... neben mir, der ich mehr den namen als das verdienst habe. Opitz 2, 244; er vergasz, der langen abwesenheit, der neuen bekanntschaft und des zuwachses eigner verdienste ungeachtet, seine alten wohlthäter niemals. Lessing 4, 172; der neid würde sich lächerlich machen, wann er entschiedene verdienste verkleinern wollte. 4, 7; (ein dichter) dessen groszes ... verdienst in dem war, was wir das mechanische in der poesie nennen. 6, 3; so würde ihm das verdienst, welches wir bei diesem bilde .. für das gröszere halten, fehlen. 6, 447; (die schauspielerin gab) der stelle eine schönheit, von der sich der dichter nicht das geringste verdienst beimessen kann. 7, 23; um das poetische verdienst des letztern gehörig zu schätzen, müssen wir vor allen dingen einen blick auf die historischen facta werfen. 7, 165; unschuld, tugend und verdienste schützen weder zu Athen noch irgendwo vor dem hasse der bösen. Wieland 33, 120; so manche morgen- und abendstunden wurden zwischen ihm, Sofranorn und einigen andern .. männern von nicht gemeinem verdienste mit lehrreichen unterhaltungen zugebracht. 38, 76; eine bescheidenheit, die zuweilen an schüchternheit grenzte, warf auf seine ohnehin nicht schimmernde verdienste einen schatten. 38, 137; machen sie sich die verdienste eines jeden dieser dichter, in seiner art ... genau bekannt. 42, 249; dasz der Deutsche (Gleim) nicht durch seine lieder eben dasselbe verdienst ... hat erlangen können, liegt nicht an seinen gesängen. Herder 2, 124; in Deutschland hat Luther in diesem gesichtspunkte groszes verdienst. 2, 168; Zinzendorfs und seiner mitarbeiter verdienst sind seine einrichtuugen. phil. u. gesch. (1820) 10, 62; wir wollen die gestorbenen als lebende betrachten ... und eben deszhalb ihr bleibendes verdienst dankbar für die nachwelt aufzeichnen. 10, 276; man gewöhnet sich glück und unglück, reichthum und armuth, verdienst und trägheit natürlich anzusehen. 10, 267; solche neue verhältnisse können fruchtbar sein an glück und an unglück, ohne dasz wir uns dabei verdienst oder schuld sonderlich zurechnen dürfen. Göthe 17, 26; sie (die vornehmen) erlauben jedem seinen titel, seinen rang, seine kleider und equipage, nur nicht seine verdienste geltend zu machen. diesen worten gab die gesellschaft einen unmäszigen beifall; man fand abscheulich, dasz der mann von verdienst immer zurückstehen müsse. 19, 17; man konnte zweifelhaft sein, ob mehr verstand oder güte, mehr neigung oder freundschaft, mehr anerkennung des verdienstes oder leises verschämtes vorurtheil darin ausgesprochen sei. 22, 145; wenn er verdienst und sonst ein gutes zeugnis hat, so will ich ihm um seinet und deinet willen günstig sein. 24, 281; indessen hatte sich der ruf seiner verdienste immer mehr ausgebreitet. 37, 220; Newtons verdienste, die ihm schon als jüngling eine bedeutende lehrstelle verschafft, wurden durchaus höchlich geachtet. 54, 42; aber eben darum wehe dem verdientesten bürger, wenn er die kunst nicht verstand, täglich neu zu sein und sein verdienst zu verjüngen. Schiller hist.-krit. ausg. 9, 179; Timoleon wurde ohngeachtet der verdienste, die er um die freiheit von Syracus hatte, einstmals vor gericht gefordert. Kant 8, 8; sein beispiel öfnete auch den grafen von Hoorne .. den mund, die sich mit leidenschaftlicher heftigkeit über ihre eigenen verdienste und den undank des königs verbreiteten. Schiller hist.-krit. ausg. 7, 190; meine eigenen versuche befähigen mich mehr als jeden anderen, die metrischen verdienste des grafen zu würdigen. H. Heine 2, 281;
dasz in jeglicher kunst, welche zur menschenwürd'
aufschwingt, deutsches verdienst leuchtete.
Voss 3, 31;
dan dein verdienst selbs, der schon lang
die götter und die welt erquicket,
hat die neun schwestern selbs beglicket
mit einem wahren lobgesang.
Weckherlin 370 (od. 1, 6);
schon schmeichelt bruder Lutz sich selbst den St. Antonen
und Paulen an verdienst beinahe gleich zu sein.
Wieland 18, 72;
ist nicht mein ganzer fehler ein verdienst?
Göthe 9, 193;
(Buttler) thät die welt mit seinem kriegsruhm füllen,
doch meine verdienste die blieben im stillen.
Schiller hist.-krit. ausg. 12, 32 (Wallenst. lager 7);
zum verdienste anrechnen: dasz er sich zu einigen andern lebensarten zu gut fühlte, wollen wir ihm zu keinem groszen verdienste anrechnen. Wieland 35, 58; das verdienstliche im infinitiv mit zu beigefügt: meine freundschaft bedeutet so wenig, dasz das blosze verlangen darnach ein genugsames verdienst ist, sie zu erhalten. Lessing 1, 313; das grosze verdienst der welt einen tüchtigen mann zugefördert zu haben. Göthe 37, 28; mit abhängigem satze und dasz: Gessners grösztes verdienst ist, dasz er die schranken der veredelung so genau zu treffen gewust. Herder 2, 134; mitunter von sachen: doch macht es (das bild) im ersten anblick immer eine grelle wirkung, bis man sich mit ihm wegen seiner verdienste versöhnt. Göthe 43, 88; erst in der nähe erkennt man das verdienst des gebäudes. 27, 61. — dasjenige, zu dessen nutzen das verdienst erworben ist, wird mit einer präposition beigefügt: hier hast du eine gelegenheit deine verdienste gegen ihn vollkommen zu machen. Lessing 3, 48; das weisz man, dasz die von Medicis unsterbliche verdienste um die erweckung der literatur haben. Herder 2, 166; als ein geschickter mann erwarb er sich verdienste um die akademie. Göthe 37, 287; um diesen herrlichen sieg .. hatte Egmont das doppelte verdienst, dasz er zur schlacht gerathen und dasz er sie grösztentheils selbst gewonnen hatte. Schiller hist.-krit. ausg. 9, 5; der widerwille gegen die inquisition, um die er sich nicht gern ein verdienst machen wollte. 7, 188; gern wird verdienst personificiert für verdienstvoller mann: er zog das verdienst aus dem dunkel;
(der könig) winkt dem stummen verdienst, das in der ferne steht!
Klopstock 1, 75;
wenn undank triumphirt, verdienst mit mangel ringt.
Gotter 1, 415;
dem verdienste seine kronen, untergang der lügenbrut.
Schiller lied an die freude.
in zahlreichen zusammensetzungen vorkommend: wir maszen uns über dieses sein hauptverdienst kein urtheil an. Göthe 54, 98; die residentin zog seine scheuen talente heute mehr als sonst ans licht und beschönigte den antheil, den sie an ihm nahm, leicht mit seinen theaterverdiensten um sie. J. Paul 3, 17; nebenverdienst, wo verdienst sowol erwerb als auch anerkennenswerte handlung sein kann.
Zitationshilfe
„verdienst“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/verdienst>, abgerufen am 19.07.2019.

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