verüben v.
Fundstelle: Lfg. 12 (1930), Bd. XII,I (1956), Sp. 2022, Z. 43
seit dem 17. jahrh. gebucht: Sattler phraseologey 348, 459; Reyher thes. u 5 rᵃ; Stieler stammb. 66. im 18. jahrh. allgem.; mundartlich wenig gebräuchlich: schwäb. Fischer 2, 1395.
1)
nur ganz vereinzelt zu üben, durch übung ausbilden, vervollkommnen, vgl. th. XI, abt. II, sp. 66. in positivem sinne: praecolere Reyher. negativ werthend, durch übung verderben: nur wenige haben ihr gehör an Griechen und Römern weise geübt, einige haben es sogar an ihnen gelehrt verübet Herder 27, 279 S.
2)
gleichfalls selten verfahren, handeln, durchweg in schlechtem sinne:
sie mördten männer, weib und kind,
auch was noch junge töchtern sind,
ganz grausam thätens verüben
schweiz. volkslieder 2, 142 Tobler (1712).
etwas öfter der substantivierte infinitiv, verfahren, handlungsweise: das gestrige verüben nochmal zu entschuldigen A. U. v. Braunschweig Octavia 3, 1089;
lasz dich dein bethört verüben
nicht betrüben
Dach 145 Ö.
3)
gewöhnlich ausführen, ausüben, begehen: committere, agitare, perpetrare Stieler 66. — dazu verüber patrator Steinbach 2, 890, (eine that) die ihrem verüber einen 'neuen namen' einträgt Ratzel völkerkunde 2, 226. — verübung delictum, factitatio, facinus, opus, actio, factum Stieler, Kramer, patratio Steinbach.
a)
überwiegend, aber nicht, wie Adelung angibt, ausschlieszlich in schlechtem sinne; gegenbeispiele sind häufig:
ein jeder sieht nach den planeten
und was die stern vom glücke reden;
man meynt es sey dort eingeschrieben,
was hier der mensch erst soll verüben
Freistadter narrenspiegel bei Brant narrenschiff 64 Zarncke;
ihren gottesdienst ... unturbiret und unbeirret frey und offentlich verüben acta publ. 1, 72 Palm; rechtliches gefecht verüben und treiben Schottel haubtspr. 632; meiner (des Mars) verübten tapferkeit friedens sieg 18 ndr.;
komm, verübe deine pflicht
Dach 724 Ö.;
... die berühmten thaten,
die deine diener angerathen
und ohne dich verübt
Ramler fabellese 3, 17;
du kannst nunmehr den tanz nach lust verüben
Göthe 15, 1, 77 W. (Faust 6341);
gnade, die liebende,
schonung verübende
15, 1, 343.
in älterer zeit auch lust, freude v.: was lust soltet ihr alsdann eure schäfere in eurem schos verüben sehen Birken fortsetz. d. Pegnitzschäferey 1;
kommt lasset uns lieben, freude verüben
Zesen verm. Helikon 1, 59.
in neuerer zeit zuweilen ironisch: meiner frau die heldenthat (eine wahlrede in ganz unbekannter umgebung) erzählend, welche ich verübt Laube 16, 116;
auch thät er oft, vom geist getrieben,
herrliche zeichen und wunder verüben
Busch heil. Antonius 39.
b)
das object bezeichnet eine that, handlung: es würden ... königliche städte aufgemahnet, die herrschaften eingenommen und derogleichen thätligkeiten mehr verübet acta publ. 1, 88 Palm; ein parr diebstück, ... die sie verübet Grimmelshausen 3, 46 lit. v.; alle mordthaten, die ich jemals im dienste der apostolischen kirche verübt hatte und noch verüben würde Göthe 43, 108 W.;
das meer, sagt man, verschlang den ungetreuen,
da er aufs neue weiberraub verübt
Schiller 15, 1, 32 G.;
er verübte einen spitzbubenstreich Hebel 2, 6 Behaghel.entsprechend verübung: v. aller hostiliteten v. Chemnitz schwed. krieg 1, 154; v. des verbrechens Haller restauration d. staatswiss. 1, 406.
c)
ebenso bezeichnet das object einen allgemeineren begriff, der sich in der handlung verwirklicht: in erzehlung der veruͦbten hurerey und unzucht Sandrub hist. u. poet. kurzweil 26 ndr.; die allerschröcklichste abgötterey ..., so die heyden jemals verübet Grimmelshausen 4, 693 lit. v.; dasz man auch ihm seinen verübten muthwillen und begangene bubenstükke vergebe Reinicke fuchs (1650) 154; jede unbill, welche innerhalb dieser mauern von seiten der jetzigen besatzung verübt werden könnte Moltke schr. u. denkw. 1, 60; in älterer zeit mehrfach rache v. Kramer 1171ᵃ; Ludwig 2183; laster v. J. G. Schmidt rockenphil. 1, 91; Schwan nouv. dict. 2, 939ᵃ.
d)
ungewöhnlicher ist die verbindung mit einem object, das nicht neben dem allgemeineren begriff auch die einzelne handlung bedeutet, sondern lediglich eine wertung der handlung oder eine eigenschaft, die sich in der handlung ausdrückt (in diesem falle gewöhnlich ausüben): sie nie keine schande verübet Morhof unterricht 1, 534; vgl. dazu 3 a: lust (Birken), freude (Zesen) verüben;
was kann die feder nicht, die den das leben gibt,
an welchen todt und zeit hat ihre macht verübt
Gryphius trauersp. 22 Palm;
die eitelkeit, so ihr verübt
Dach 178 Ö.;
die natur verübt auch hierin die ihr eigene gerechtigkeit J. G. Forster 3, 165. ganz vereinzelt ist: einen schädlichen einflusz verüben Göthe 7, 115 W.
e)
ebenso statt gewöhnlicherem ausüben mit objecten, die pflicht, amt, gewohnheit bedeuten: sein geistliches amt auch mit wohlwollen verübend Göthe 42, 2, 61 W.;
ich habe noch nicht vergessen,
den ihr verübtet, den brauch,
die hütte mir, wo ich gesessen,
zu wandeln in feuer und rauch
Rückert 1, 227;
vgl. oben 3 a: den tanz (Göthe), pflicht (Dach), gottesdienst verüben (acta publ.); — dazu vorubung der evangelischen religion acta publ. 2, 319 Palm.
f)
die von der handlung betroffene person oder sache wird meist durch eine verbindung mit an ausgedrückt: ehe ich solche untreu an meinem herrn verüben wollte schausp. d. engl. comöd. 114 Creizenach; alle deine an mir verübte betriegereyen Lessing 2, 144 M.;
die freunde, die ich geküszt und geliebt,
die haben das schlimmste an mir verübt
Heine 2, 103 E.
seltener ist gegen: ob nicht hernach die verfallenen ordentlichen lehrer ... gegen die zeugen der warheit etwas anderes verübet, als wieder die vermeinten kätzer ... gebräuchlich ist? Arnold kirchen- u. ketzerhist. (1699) 4ᵃ; die gräuel ..., die seine Spanier gegen die eingebohrnen Indiens verübten Herder 18, 238 S.; vereinzelt mit: es musz ... ein dummer junge ... einen jux mit uns verübt haben Immermann 1, 35 H.
4)
das object bezeichnet das ergebnis einer handlung; v. bedeutet dann anrichten:
liebe kaufte neulich tuch, ihren mantel zu erstrecken,
weil sie, was durch dreiszig jahr krieg verübt, soll alles decken
Logau sinnged. 384 lit. v.;
der Schweden prahlen
und muth zerflattert in der luft;
was er verübt, musz er bezahlen
einhundert hist. volksl. 26 Ditfurth;
nur durch ihre aufrichtigkeit kann es (ein frauenzimmer) dem schaden vorbauen, den seine schönheit verüben würde Lessing 2, 22 M. (misogyn 2, 2); so werden sie in der stadt selbst gar vielerlei unheil verüben Schleiermacher Platons werke 6, 453.
5)
ganz vereinzelt ist das part. prät. verübt, üblich: solchen gewalt, entsetzung unserer possesz und verübten spolii Ayrer hist. proc. juris 25.
Zitationshilfe
„verüben“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/ver%C3%BCben>, abgerufen am 18.08.2019.

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