unterscheidung f.
Fundstelle: Lfg. 11 (1927), Bd. XI,III (1936), Sp. 1755, Z. 20

Unterbegriffe in diesem Artikel

zum v. unterscheiden. ahd. untarskeidunga, -skidunga; mhd. underscheidunge, -schidunge; mnd. underschêdinge; mnl. onderscheidinge; nl. onderscheiding; afries. underskedinge. vgl. unterschied. die alte volle form unterscheidunge noch gelegentlich im frühnhd. (z. b. Luther 18, 177 W.). das mhd. underschidunge, -schiedunge setzt sich veraltet und mundartlich in unterschiedung (Ayrer processus juris [1600] 101; Albertinus hauspolizei [1602] 1, 47ᵇ; unterschiedungszeichen Nestroy 12, 76) fort. vgl. underschiednis, -schidigung.
1)
unterscheiden I 1 entsprechend; distantia, ein ferre, underscheidung, die wite, die ferre vocab. predicantium (1486) H 7ᵃ; diremptio absünderung, zertrennung, u. Frisius 422ᵃ; nl. wb. 10, 1453, 1: er sol ouch nit liden in dem acker werden weg und nuw underschidungen (limites) H. Österreicher Columella 1, 47 F.; darumb ist diese pruck und dünne des wassers ein underscheidung des underen und oberen Zurichsees Stumpf Schweizerchron. (1606) 475ᵇ; unterscheidungen, zwischenwände im taubenschlage, viehbüchlein (1667) 120; diafragma, u. zwischen dem oberen eingeweide und zwischen den nieren Rädlein (1711) 994ᵃ; die mauer unterscheidet beide häuser, wenn nämlich eine mauer zwischen zwei häusern die u. bildet Krünitz 199, 625. der durch abtheilung entstehende raum: seinen samen bringts auch im herbst in schoͤtlin, welche drey oder vier underscheidung haben, kleiner dann die linsen Lonicerus kräuterbuch (1577) 73ᵃ. veraltet.
2)
unterscheiden II 3/4 entsprechend: underscheidunge der doͤne erste d. bibel 2, 97, 43; wie wol sie in eren und kleydung von den andern u. haben, so ... Arigo decam. 41, 11 K.; sinnliche unterscheidungen Gerstenberg recens. 336, 24 lit. dkm.; ihre sinne sind ... sehr geübt und einer uns unbegreiflichen zartheit der u. fähig G. Forster 4, 173; das getümmel machte es unmöglich ... mit sicherer u. umherzuschauen Tieck (1828 ff.) 18, 23; im frieden legt die rote partei zur u. einen roten streifen um die kopfbedeckung v. Alten handb. f. heer u. flotte 4, 724. zusammensetzung: unterscheidungslos, adj. adv.: die schwarze, unterscheidungslose nacht Hebbel 11, 356 W.; F. Dahn kampf um Rom 1, 3. adv.: einem u. wirbelnden schwarzen klumpen Fr. Th Vischer altes u. neues 1, 91; F. Dahn gedichte (1908) 114. vgl. 8 e und unterschiedslos.
3)
unterscheiden II 1 entsprechend: Bodmer gab die manessische hs. ohne u. der lieder heraus Herder 16, 214 S.
4)
nach unterscheiden II 2: undirscheidunge der cit K. v. Heinrichau vocab. 397ᵃ G.; zu tadeln ist, dasz die belege ohne u. der zeit der verfasser unter einander gemischt werden W. v. Humboldt an Welcker 84; unterscheidende beobachtung: underscheidung der festtagen Fischart bienenkorb (1588) 166ᵇ; der sorgfältigen u. der weichen und harten buchstaben Adelung lehrgebäude 3, 685.
5)
nach unterscheiden II 3: untarsceidunge comma, einschnitt, cäsur Graff 6, 437; clausula mnl. wb. 5, 398, 1; das der schreiber fleisziglich behalt die u., die geteilt seien durch die gelider erste d. bibel 4, 247, 16; sectio u. des capittels Orsäus nomenclator (1623) 133; vgl. unterscheidungszeichen (im alten recitativ) Scheibe crit. musicus 306; veraltet. hab hie nicht alleyn solche ordentliche underscheydung dreyer theyl des gantzen leibs anzeigen wöllen Ryff anatomi (1541) D 4ᵇ; u. verschiedener perioden u. dgl.; die u. als lokal-, heimat- und auslandsfunde Luschin v. Ebengreuth münzkunde 110.
6)
nach unterscheiden II 4, interpunction: die u. ist eine sonderung der wörter wegen besseren verstandes Gueintz sprachlehre (1641) 118; Lessing 9, 10 L.; veraltet, doch noch in zss. wie
unterscheidungsstrichlein
Edelmann Moses (1740) 1, 18,
unterscheidungszeichen
Butschky Pathmos (1677) einführung x 4ᵇ; Leser fachwörter 38; de la Motte Guion das leben, vorber. 113ᵃ; Gottsched beiträge (1732) 2, 29; von den orthographischen unterscheidungszeichen sprachkunst (1748) 55; allg. d. bibl. 9, 2, 7; Göthe IV 38, 183 W.; gespräche 4, 184 B.; Krünitz 199, 629 ff.; die tiefsten bemerkungen über die sprache lieszen sich an die u. knüpfen Hebbel 11, 76 W.
7)
unterscheiden III 1 entsprechend: die sinnen entstehen durch die natur mit der bewegung in der u. der kräfte J. Böhme (1620) 2, 15; sie essen von diesem allem ohne complimente und zärtlicher u. discourse d. mahlern 2, 141; die u. von vorstellung und darstellung M. Mendelssohn 1, 91; was macht das kleine rothe meer für u.! Herder 13, 39 S.
8)
auszeichnung (unterscheiden III 3; nl. wb. 10, 1454 anm.): welches bei einem desgleichen groszen befehlshaber eine besondere u. war Kleemann reisen (1771) 96; Merkel die Letten (1797) 40; ich habe nichts gethan, diese u. zu verdienen Klinger 5, 184; Sonnenfels 2, 3. veraltet.
9)
unterscheiden III 4 entsprechend.
a)
handlung, thätigkeit des unterscheidens: das ir derkennt die underschidung der reinen und des unreinen erste d. bib. 3, 396, 53; die underscheidung der geist (discretio spirituum 1. Cor. 12, 10) 2, 92, 8; so noch heute mit erweiterung des biblischen sinnes die u. der geister; so bleybts nu, das diese unterscheydunge soll geschehen ym essen und trincken Luther 18, 177 W.; und wenn iemand über etwas ihm einen zweifel erregte, wuste er durch spitzige unterscheidungen seine sätze ... meisterlich herum zu drehen Lohenstein Arm. 1, 455ᵇ; sich in spitzfindige unterscheidungen einlassen Solger nachgel. schr. 2, 25; diese u. der fälle ist unumgänglich Wolf v. d. menschen thun u. lassen (1720) 93; ob ... gleich über die poesie der morgenländer mit mancher u. gesprochen werden musz (obgleich man dabei manche unterschiede machen musz) ... Herder 16, 17 S.; in der morphologie Göthe II 6, 73 W.; unterscheidungen vornehmen Fichte 3, 27; Schopenhauer 1, 218 Gr.; bei associationsvorgängen Windelband gesch. d. n. philos. 1², 258; juristische: handwb. d. staatswiss. 5², 292; synonyme: auch dieses hat zu mehrerer deutlichkeit in u. der wörter anlasz gegeben Gottsched sprachkunst (1748) 56; unterscheidungen gleichgeltender wörter Kinderling (1795) 99; Weigand syn. 1², VI. ein ausnehmender meister in unterscheidungen Herder 15, 230 S.; die persönlichen unterscheidungen Ranke 8, 20.
b)
unterscheidungsfähigkeit, -vermögen, -kraft, vernunft, urtheil: daz hirne ist geteilt in die cameren, die eine camere pfliget des wistuͦmes (verstand), die andere der gehugede (gedächtnis), die dritte der underscheidunge (vernunft) Lucidarius 29, 24 H.; mnd. Lübben - Walther 432ᵇ; nach den sprüchen der altväter ist die schwerste tugend und die höchste geistesgabe δοκιμάζειν, prüfende u. Herder 16, 310 S.; dasz er noch nicht einmal so viel u. hatte, zu sehen ... Lichtenberg briefe (1901) 1, 123; die jahre der u. das unterscheidungsjahr, oder -alter, annus discretionis Campe verd. wb. (1813) 112ᵇ; Meyer conv. lex. 2⁵, 238ᵇ; engl. years (age) of discretion Murray 3, 1, 435ᵇ, 6 b: butter und honig ... wird er genieszen, bis er die jahre der u. erreicht hat (Jesaias 7, 15) Jung-Stilling 3, 430 Gr.; vgl. die vernünftigen jahre th. 4, 2, 2234; was soll ich erst von knaben sagen, die noch keine u. haben, und dennoch mit beneficien überhäuft sind? M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778 ff) 4, 568; das verlangen des kindes nach u. wuchs mit jedem tage Göthe 23, 138 W.
c)
unterschied: auch die Samaritan schreyben die 5 búcher Moysi mit also vil buͦchstaben, iedoch haben sy underscheydunge an der gestalt und an den virgeln erste d. bibel 5, 1, 15; die bein des leibs nemen underscheidung nach der zal und forme der matery Gersdorf wundarznei (1517) 2ᵃ; auch nach dem grad der farben (sind die metalle) nicht gleich, sondern in aller u. von einandern Paracelsus (1616) 2, 35 A H.; die u., die du da machtest zwischen einer realität an sich und einer für uns ... muszt du mir erst demonstrieren Fichte 2, 343; die u. der präsentation und der wahl Savigny gesch. d. röm. rechts 1, 20; träge klötze, die sich vor ansehen und reichthum, vor allen unterscheidungen der menschen sklavisch beugen Klinger 3, 36; vgl. standesunterscheidungen Ranke 38, 91; überall musz man sich hüten, bei den farben zu zarte unterscheidungen und bestimmungen zu machen Göthe gespräche 7, 73 B.; Ritter erdkunde 3, 231; vgl. unterscheidungszoll unter e; übrigens wird u. heute näher aufs verbum bezogen als unterschied (so schon in einigen der obigen beispiele); z. b. in die anfangsgründe der grammatik drangen dialektische unterscheidungen ein Ranke 1, 161; H. v. Barth Kalkalpen 286; Treitschke hist. u. polit. aufsätze 2⁵, 547; ist ein avantageur vom offizierkorps gewählt und eingetreten, so schlieszt die kameradschaft jede weitere u. aus Moltke ges. schr. 7, 81.
d)
unterscheidendes merkmal, zeichen u. ä.; mnd. wb. 5, 34ᵃ, 1: dorumb die gantz zierung des tabernackels durch besundre gestalt ist ein underscheidung der gegenwertigen kirchen und der zuͦkúnftigen erste d. bibel 5, 7, 15; Hippocrates erklärt solche underscheidung der landsart vil eygentlicher Ryff spiegel d. gesundheit (1544) 8ᵇ; dasz die accente der ältesten spracben nicht accente unsrer art, sondern höhere, notenähnliche unterscheidungen waren, ist ausgemacht Herder 12, 31 S.
nimm an, dasz aller unterscheidung bar,
sie mir erschien als königin der weiber
Grillparzer 3, 186 S.
e)
zusammensetzungen zahlreich; z. b.
unterscheidungsalter
s. oben unter b,
unterscheidungsbegriff
J. P. Weise ungezwungene heimleuchtung (1747) 154,
unterscheidungsbuch
(der kirche) allg. d. bibl. 38, 584,
unterscheidungscharakter
Herder 5, 47 S.,
unterscheidungsendung
(flexionsendung) allg. d. bibl. 24, 521,
unterscheidungsfähigkeit
G. Forster 5, 178,
unterscheidungsgabe
Gotter 2, XV; Göthe 46, 82 W.; Naumann naturgesch. d. vögel (1822 ff.) 11, 324,
unterscheidungsgefühl
W. v. Humboldt 5, 118,
unterscheidungsgeist
allg. d. bibl. anh. 25/36, 389,
unterscheidungsglied
Bode Montaigne 2, 353,
unterscheidungsgrund
Dusch (1758) 139; Schopenhauer 2, 131 Gr.,
unterscheidungsjahr
(annus decretorius, a. discretionis) Campe verd. wb. (1813) 112ᵇ,
unterscheidungskennzeichen
allg. d. bibl. 5, 2, 257,
unterscheidungskraft
(die erkenntnisz oder die u.) Schottel ethica (1669) 90; Lessing 9, 63; Kant 3, 430 ak. ausg.;
unterscheidungskunst
allg. d. bibl. 117, 389,
unterscheidungslehre
100, 343; für diagnostic Campe verd. wb. (1813) 260ᵇ,
unterscheidungslinie
(zwischen schwärmerei u. enthusiasmus) Schiller 6, 79 G.,
unterscheidungslos
(hierauf aber ist allerdings festzuhalten, dasz das gefühl u. ist) Fr. Th. Vischer ästhetik 1, 163; vgl. oben 2;
unterscheidungslosigkeit
Jhering geist d. röm. rechts 2, 1, 51,
unterscheidungsmacher
Herder 8, 232 S.,
unterscheidungsmarke
32, 81 S.,
unterscheidungsmerkmal
Kant 3, 324 ak. ausg.; Röhling - Mertens - Koch 1, 434; bgb. 798, 1,
unterscheidungsmethode
Muspratt chemie (1888) 2, 48,
unterscheidungsmittel
(1900) 7, 1791,
unterscheidungsname
Herder 6, 109,
unterscheidungsregel
allg. d. bibl. 2, 2, 99,
unterscheidungssatz
114, 2, 34,
unterscheidungssiegel
10, 2, 78,
unterscheidungssinn
G. Forster 4, 111,
unterscheidungsstück
Herder 32, 146 S.,
unterscheidungstrieb
Scherer kl. schr. 1, 254,
unterscheidungsvermögen
(discernement Kinderling [1795] 252) Kant 3, 432 ak. ausg.,
unterscheidungswort
Lessing 5, 248 M.; Herder 19, 129 S.; allg. d. bibl. 28, 264,
unterscheidungszeichen
Göthe IV 16, 173 W.; II 93 W.; Schleiermacher 5, 305; Zappe miner. handlex. 1, 467; Schedel waarenlex- (1834) 1, 523,
unterscheidungszoll
(surtaxe d'entrepôt) Mosle der u. (1880); handwb. d. staatswiss. 3², 169; 5², 360 (vgl. oben c),
unterscheidungszug
allg. d. bibl. 115, 143.
10)
nach unterscheiden III 5: zu u. der streitenden, zur entscheidung zwischen den str. Lohenstein Arm. 2, 546ᵃ. veraltet.
11)
unterscheiden III 6 entsprechend, bestimmung, bedingung, anordnung, festsetzung; Lexer 2, 1797; Staub-Tobler 8, 241; Fischer schwäb. wb. 6, 246; mnd. wb. 5, 34ᵃ, 2; mnl. wb. 5, 398, 3. nhd. veraltet. zufällig taucht diese bed. noch einmal bei Ranke auf: dem damaligen (vaticanischen) concil machten viele den vorwurf, dasz es sich nicht eigne, das gesammtbewusztsein der kirche zur u. (fesstellung) zu bringen 39, 204.
Zitationshilfe
„unterscheidung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/unterscheidung>, abgerufen am 24.10.2019.

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