unterirdisch adj. adv.
Fundstelle: Lfg. 11 (1927), Bd. XI,III (1936), Sp. 1628, Z. 18
subterreus, subterraneus (zs. f. d. wortf. 4, 131), gs. zu ober-, überirdisch. älter untererdisch (undererdesch schelmen Österreicher Columella 1, 79; untererdisch A. Olearius reisebeschr. [1696] 351; P. Lauremberg acerra phil. [1643] 159; O. Behling verdeutschte waldlieder [1649] n 4ᵃ; K. F. Paullini zeitkürzende lust [1695] 399); unterirdisch, und nicht erdisch Schottel haubtspr. 323; nur noch in mundartlichen formen. mnd. undererdisch; mnl. ondererdsch; nl. onderaardsch; dän. schwed. underjordisk; engl. underearth, -ly.
I.
adjectiv.
1)
unter der erde befindlich.
a)
allgemein: ouch ettlich undererdesch schelmen ertötten die ietz uff gewachsen saͮmen H. Österreicher Columella 1, 79; durch heimliche untererdische örter O. Behling waldlieder (1649) N 4ᵃ; in unterirdschen klüfften A. Gryphius trauersp. 95 P.; hölen Lohenstein Sophonisbe 94, labyrinthe Herder 22, 131; Göthe II 5, 1, 76 W., gänge v. Alten handb. f. heer u. flotte 4, 26, schlünde Schiller 12, 155 G.; ausbrechen der unterirrdischen lufft Lohenstein Arm. 1, 185ᵃ; wasser K. F. Paullini zeitkürz. lust (1695) 399, schätze v. Fleming soldat (1726) 363, gold Schiller 5, 89 G., feuchtigkeit Winckelmann 2, 8; irdischer oder unterirdischer wiederforderung (von besitzern über oder unter der erde) Göthe 24, 61 W.; auf dem bekannten unterirdischen umwege (durchs kellerloch) H. v. Barth Kalkalpen 372; nach kurzem, unterirdischem laufe 222; finsternisz G. Freytag 18, 312; dem treulos unterirdischen wühlen der maulwürfe Scheffel (1907) 2, 44; leben Brehm thierleben (1890) 1, 24; wetter Arent-Conradi-Henckell dichtercharaktere (1885) 173; der maulwurf, ein unterirdischer wühler Wimmer gesch. d. d. bodens 333; troglodyte Triller betrachtungen (1750) 1, 64. subst. das unterirdische (ὑπόγεια) Schleiermacher Platon 2, 191.
b)
terminologisch. in der botanik hypogaeus Bischoff wb. d. beschr. bot. 97; subterraneus 200; Röhling-Mertens-Koch 1, 193; stengel Schlechtendal-Hallier 15, 8, flora Matthisson 3, 114. geologisch vom feuer Göthe 18, 379 W.; abflusz des sees H. v. Barth Kalkalpen 26. mineralogisch: unterirrdische dinge Ph. W. v. Horneck Österreich über alles (1684) 40; 'das unterirdische reich eine unbequeme benennung des mineralreiches' Adelung; von unterirrdschem segen Göthe III 1, 56 W; holz J. H. L. Pansner fr. d. mineralog. wb. (1802) 25. in der baukunst: das unterirdische theil der häuser Hohberg georgica 1, 25; das unterirdische Rom Kramer (1702) 2, 368; Abr. a S. Clara etwas f. alle 2, 251; kirche (crypta) Krünitz 201, 2; Herder 16, 52; Hegel I 10, 458; Mothes baulex. (1882) 2, 531. im tiefbau: canäle Göthe III 1, 252 W.; abzüge, wasserzuführung Karmarsch-Heeren 10³, 275; 704. im bergbau: grubenbau Veith bergwb. 1, hitze Schönberg berginformation (1693) 2, 109. kriegswissenschaftlich: sappiren, unterirdische gänge machen Kinderling (1795) 224; in dieser unterirrdischen wissenschafft schlesischer Robinson (1723) 1, 298; krieg Hoyer wb. d. artillerie (1804) 1, 95 (vgl. nl. wb. 10, 1242); zerstörungsversuche v. Alten handb. f. heer u. flotte 4, 103. in telegraphie u. elektrotechnik Hoyer-Kreuter 1, 746; Blaschke wb. d. elektrotechnik 131.
2)
der unterwelt angehörig.
a)
in antiker mythologie: die unterirdische götter Grimmelshausen 4, 877 Keller; Bettine v. Arnim d. Günderode 1, 100; Zeus Schiller 6, 416 G.; die unterirdischen mächte Göthe 48, 110 W.; der untererdische schiffer (Charon) P. Lauremberg acerra phil. 159; Kimmerier Stolberg 8, 83; zum unterirdschen schwefelsitz der schwarzen furjen Weichmann poesie der Niedersachsen 1, 89; Plutos unterirrdischschwarzes haus Herder 26, 161 S.; ins unterirdische dunkel J. H. Voss Odyssee 336 B. substantiviert: in dem unterirdischen apud inferos Amaranthes frauenzimmerlex. 1111; der unterirdische (Saturn) Schiller 12, 112 G.; νέρτεροι, inferi: bei den unterirdischen E. Francisci letzte rechenschaft (1681) 65; Herder 15, 444 S.; Göthe 22, 90 W.; H. Laube 3, 129.
b)
in neuerer mythologie: man hält sie (kobolde) für eine mittelgattung zwischen engeln und teufeln, d. i. für unterirdische berg- oder erdgeister Gottsched beobachtungen (1758) 297; von riesen Dahlmann gesch. v. Dänemark 1, 35, zwergen Grimm d. sagen (1891) 1, 20; zur mitternacht sind zwei unterirdische weiber gekommen 1, 75. bes. in substantivierung die unterirdischen dasselbe wie die untern; s. ²unter A II 2; Frisch (1741) 1, 490ᶜ; E. H. Meyer d. volkskunde 345; zeitschr. d. vereins f. volkskunde 2, 409; 12, 70: allhier haben wir mit zweyerley geschlechtern solcher unterirdischen zu thun J. Prätorius anthropodemus plut. (1666) 1, 44; und freilich konnte man so leicht nicht errathen, dasz allein die frommen wünsche und einlenkungen der unterirdischen dies haus so glücklich machten. diese unterirdischen hatten ihre wohnung in das schlosz verlegt ... den schwergläubigen unter meinen lesern zu nutz und frommen bemerk ich, dasz die unterirdischen angeblich kleine, fingerlange menschlein seyn sollen, die mit einer unbeschreiblichen leichtigkeit in ihre unterirdische wohnung hinab und zu uns herauf kommen und, wenn sie um uns sind, sich mit der leichtesten mühe und fast natürlich unsichtbar machen können Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 17; von den unterirdischen im Mittelsee W. Alexis hosen (1846) 1, 266; E. Ziehen geschichten u. bilder 1, 9; die unterirdischen das sind gute und freundliche leute G. Frenssen Jörn Uhl (1903) 28; 31; 7. uennereerschen Schütze holst. id. 4, 314; ünnereerdsche Schumann Lübeck 69; undereerdsche Dähnert 505ᵃ; auf Rügen zeitschr. f. d. mythologie 2, 142; untererdschken, unterêrsken, unterêrdschen, -herdschken (unter dem herde ihren sitz habend), underêtschken, -hätschken, -hötschken Frischbier 2, 423ᵇ; dann auch ein kleiner mensch überhaupt: er ist ein underêtschke ebda 424ᵃ, mit verhochdeutschung des unterêrsken: unterärschchen (he is man son unnerärschken, Pommern Wander 4, 1477) und als schelte: du unterarsch knirps, dreikäsehoch (Stettin) Wander a. a. o.; Klenz scheltenwb. 86. die holdichen heiszen in Quedlinburger hexenacten die unternsen kleine J. Grimm d. myth. 3⁴, 502. the underearth spirits Murray 10, 130ᶜ.
3)
übertragen. heimlich, geheim: die gleichsam unterirdische reise hierher Göthe IV 8, 40 W.; ein weg von innen zum wesen der dinge ... gleichsam ein unterirdischer gang, eine geheime verbindung Schopenhauer 2, 226 Gr.; lichtscheu: in dem hochgesitteten Europa giebt es noch immer eine gleichsam unterirdische gesellschaft neben jener, die am lichte lebt W. H. Riehl d. d. arbeit 245; ohne gleichsam, aber in anführungszeichen: von der 'unterirdischen' thätigkeit der österreichischen politik L. Häusser d. gesch. 1, 592; dann in vollendeter übertragung: überall ... trieben die geheimbünde ihre unterirdische arbeit Treitschke d. gesch. 3, 141; in der neigung zu unterirdischen verbindungen nahm er (Usedom) ... einen angeblichen Mazzinisten, in der that österreichischen spitzel, als privatsekretär an Bismarck gedanken u. errinn. 1, 229 volksausg.; in solchem gefangenhause herrscht immerwährender unterirdischer krieg H. Laube 1, 259; unterirdischer weltkrieg d. literaturzeitg 1925, 926. heimtückisch: ich heisze das christenthum den einen groszen fluch, ... den einen groszen instinkt der rache, dem kein mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist Nietzsche 8, 313. dumpf: der unterirdische, trübe geist Bettine v. Arnim d. Günderode 1, 6; vgl. unterirdisch-dumpf Hebbel I 5, 22; nl. wb. 10, 1241, 1 a α. furienartig, teuflisch: wie von unterirdischer gewalt getrieben E. Th. A. Hoffmann 6, 207 Gr. im wortspielenden gs. zu überhimmlischen meinungen: unterirdische sitten J. J. Chr. Bode Montaigne 6, 363.
II.
adverb.: wenn wir ... über der erde alles besprochen haben, wollen wir zusammen einfahren und uns auch u. überzeugen und unterrichten Göthe IV 5, 163 W.; der u. entdeckte palmenwald III 7, 167 W.; die stadt ist u. ausgehöhlt Raumer Hohenstaufen 4, 97; der see flieszt u. ab Laistner nebelsagen 254; die elektrische telegraphie ist ... an erhöhten stützpunkten oder u. ... angelegt worden handwb. d. staatswiss. 7², 64. übertragen: in der hölle
und was unterirdisch kreiste,
nannte ihn (Lucifer) den mächtgen herrn
Brentano 3, 145;
das licht (einer höheren erkenntnis) wird u. (im geheimen) glimmen H. Laube 15, 403.
Zitationshilfe
„unterirdisch“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/unterirdisch>, abgerufen am 14.11.2019.

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