unstet, unstät adj. adv.
Fundstelle: Lfg. 9 (1923), Bd. XI,III (1936), Sp. 1428, Z. 4
gth. v. stet, stät. ahd. unstâti, mhd. unstæte; mnd. unstêde, -steide; mnl. nl. on(ge)stade. vgl.urstet Schmeller 2, 797; unbestät, unbeständig, unstandhaft, unständig. zu den formen s. zunächst stet; die alte dreisilbige form erhält sich vereinzelt bis ins 17. jh. (unstäte Arigo decamerone 143, 22 K.; unstete Albr. v. Eyb d. schr. 1, 37, 28; Luther 19, 601 W.; 23, 76 W.; 28, 76 W.; Petri k k 8ᵇ; l 6ᵃ; p p 5ᵃ; unstedte W. Bütner epitome hist. 308ᵇ9; onstät, onstett J. v. Watt 3, 81; S. Münster cosmogr. 108; unsted Er. Alberus praecepta vitae et morum h 2ᵇ; die schreibungen unstät und unstet halten sich ungefähr die wage (in ein und demselben drucke stehen oft beide neben einander, Göthe schreibt: mein unstetes leben IV 1, 240, 6 W.; ein etwas unstätes leben IV 28, 307 W.; in der Weim. ausg. liest man: flüchtig und unstät 22, 12 W.; den unsteten blick 24, 318 W.), stets, stetig, stetigkeit, unstetig, unstetigkeit begünstigen die schreibung unstet. auch die aussprache ist nicht ganz einheitlich (Paul gramm. 1, 185). normale länge der stammsilbe wird nicht selten durch ee oder eh angedeutet (unsteet gemma 1508 m 4ᵃ; J. Schenck ein schone cronica [1522] 2ᵃ; unsteht Keisersberg baum d. seligkeit 13ᶜ; H. Sachs 14, 101, 16 G.; Fronsperger kriegsb. 2, f 2ᵃ; Fischart Dominici leben 126, 114 K.; Weckherlin 1, 372, 131; J. Fayser hippokomike [1623] 71; Spee tugendb. 720; Lehmann florileg. 3, 50), anderseits beweisen schreibungen wie unstette, unstett, unstätt (erste d. bibel 2, 70, 31; 3, 404, 26; N. v. Wyle transl. 53, 35 K.; J. v. Watt d. schr. 3, 400; S. Franck sprichw. [1541] 2, 99ᵃ; Lehmann florileg. 2, 616; mediz. maulaffe 158; Laroche frl. v. Sternheim 1, 326) nicht ohne weiteres kürzung, aber diese ist doch auch, z. b. in nwestd. aussprache gewisser verbindungen, nicht ungewöhnlich: ein unstätter blick, etwas unstättes (vgl.unstätt: hett Hätzlerin 114 (II 1, 63); etwas unstättes Stifter 5, 1, 170); steigerungsformen unbedenklich (S. Brant narrenschiff 15, 24 Z.; E. Th. A. Hoffmann 7, 28 Gr.; Zwingli d. schr. 1, 156).
1)
der sinnlichen grundbedeutung des stehens nahe; instabilis (fast nur dessen activer bed. entsprechend; passiv: weil ... kessel hoher bergseen durch die ergieszung ihrer gewaltigen wasser alle niederungen ... in unstäten sumpf verwandelten J. v. Müller 1, 5, ungewöhnlich); was aber nicht feste stehet, sondern wackelt oder gar ausfället, das hat seine bleibende stätte oder ruhe verlohren und ist unstät oder unruhig worden J. G. Schmidt rockenphilosoph. (1706) 2, 386; 'faren wie eine schatten' ist so viel als unstete sein, hyn und her faren, wie der wind die wolcken treibt, das die schatte keinen gewissen, sichern, eygen ort hat Luther 19, 611 W.; vgl. 24, 33, 26; 29; 34, 14 W. a) von fusz, tritt, hand; mnl. wb. 5, 694, 3: solche messigkeit ... macht die fuͦesz nit unstete A. v. Eyb d. schr. 1, 37, 28; unstette, unleidliche fiess Hedio chron. Germ. (1530) 187ᵇ; unstete sind ire (der huren) tritt sprüche Salom. 5, 6; in dem die pferd under den zuͦ geworffnen stein mit unstaͤten fuͦszdritten strauchten und fallen muͦsten Boner Herodian (1532) 8ᵇ; dann es nicht zu zweiflen, dieweil die handt also in die höhe unsteth und schranckent gehet Fayser hippokomike (1623) 191. in n. spr. meist zugleich ausdruck seelischer zustände; s. unten 5 c. b) von auge und blick: unde unstede sint sie (augen) Breslauer arzneibuch 33; oculi lubrici unstete augen Alberus; welch stechend unstet (vgl. 2) auge! O. Ludwig 3, 161; die augen (der hyäne) funkeln u. Brehm tierleben (1890 ff.) 2, 3; den unsteten blick Göthe 24, 318 W.; seine blauen augen hatten etwas unstättes, als blickten sie immer hin und her Stifter 5, 1, 170; O. Jahn Mozart 3, 465; unstäter blick regard perdu dans l'espace (?), papillotage, regard inquiet Sachs-Villatte. c) von menschen; vgl. urstet flüchtig Schmeller 2, 797; circumcellio, discolus (discors a schola, diversas scholas visitans), fluctivagus, fluctuosus, vagus Diefenbach gloss. 122ᵃ; 184ᶜ; 240ᵇ; 605ᵇ; vagabundus; syn. umbschweyffend, verloffen, strichling, vagant Frisius 1343ᵃ, wyld Diefenbach gloss. 605ᵇ: unstet und flüchtig soltu (Kain) sein auff erden 1. Mos. 4, 12; 14 (vluchtig ende ongestade mnl. wb. 5, 694, 3); Liscow (1739) vorr. 31; Göthe 22, 12, 7 W.; wie sie (die juden) sint der zeit yhrer verstörung unstete sind, hie und da ausgetrieben werden und nirgent gewis sitzen Luther 19, 601 W.; ein zigeunerartiges volk, das ... unstät umherzieht, ohne grundeigenthum ist Ritter erdkunde 1, 479; M. ist unstät (wollte nicht bleiben), ich hätte ihn so gern hier behalten Gleim briefwechsel 2, 211 Körte; C. Herder im Göthejahrb. 8, 29 G. übertragen: da derselbe sogar in der rechtswissenschaftlichen welt noch so unstät ist, wie der schatten der dinge vor einer wandelnden nachtwächterlaterne Müllner 8, 111. unstede kuhirt Diefenbach gl. 77ᵇ, landstreicher Schiller 2, 133, sänger Scherer literaturgesch. 59, gesellschaft (wandernde theatergesellschaft) Zschokke 1, 13, horden J. v. Müller 1, 390; der unstätschweifende K. O. Müller Dorier 1, 84; M. Hartmann erzählungen eines unstäten (1858); seit ich zu dem unstät ward ges. werke (1874) 2, 480; der unstäte und umher irrende geist (ein gespenst) Ayrenhoff 4, 194; vereinzelt: der unstete (nicht standhaltende) feind J. v. Besser schr. (1732) 1, 36 K.; veraltet: nicht mach dich unstet in eim yegklichen wind (non ventiles te in omnem ventum) Nürnb. bibel (1483) 320ᵇ, Sirach 5, 11. mundartlich: unstet 'das den leib im wasser und sonst sich nicht halten kan, auch sich unrein macht' J. G. Estor d. teutschen rechtsgelahrheit 3. teil (1767) 1421 (gth. fest hartleibig, verstopft Höfler 885ᵇ; vgl.stät, ↗stätig, stätisch). d) von thieren: der pirol ist ein scheuer ... unstäter (den ort oft wechselnder) vogel J. A. Naumann naturgesch. der vögel (1822) 2, 176; Vischer ästhetik 2, 140; schmetterling; meist nicht ohne beziehung auf wesenseigenschaften: Mynsinger v. falken 9; J. T. Hermes für töchter edler herkunft 3, 96. e) von pflanzen: ein unstetes (hin und her schwankendes) rohr; im bilde:
die zeit ist unsted wie ein rhor,
wer ihr vertrawt, der ist ein thor
E. Alberus praecepta vitae et morum (1536) h 2ᵇ;
du kannst dich
auf dieses unstet schwanke rohr (des volksurtheils) nicht lehnen
Schiller 12, 455.
f) von den planeten, dem monde (gs. stête sterne fixsterne Lexer 2, 1145): die planeten ... werden unstaͤt sein Fischart practic 7 ndr.; so man sonst dem unstaͤten mon kein kleid anmachen kann Garg. 208 ndr. g) von naturgegenständen aller art, luft, wind, wetter u. s. w.: was ist aber das gegenwürtig leben: nur als das wasser beweglich und unstet offenb. d. h. Brigitte (1502) 129; welle Fichte 8, 286; J. H. Voss antisymbolik 1, 302; adv. Schiller 14, 29; Mörike 1, 92; das quecksilber, welches allezeit unstet Abr. a St. Clara etwas f. alle 2, 408; unstetter dann der wetterhan S. Franck sprichw. (1541) 2, 99ᵃ; die südwind ... sind unstaͤt Sebiz feldbau (1579) 7; wenns trüb hergett, die luft unstet Thierbach diarium herrenhuthianum (1751) 2, 373; wind und wetter sind unstät Göthe IV 37, 114 W.; Schmeller 2, 797; Parac. 2, 650 H.; Lohenstein Arm. 1, 146ᵃ; mitten im october fähet es an winterich und unstät zu werden Kepler opera omnia 1, 405; der tag darauff unstett .. ist mediz. maulaffe (1719) 158; von d. morgenröte, schlechtes wetter verkündend, in dem wortspiel kurfürst Friedrichs zu Sachsen th. 6, 2577, 1 ende. h) vom menschlichen thun und dessen ergebnis: dieser unstäte aufenthalt der einwohner J. D. Heilmann gesch. des peloponn. krieges (1760) 3, tapferkeit (auf unsteten ritterfahrten bald hier, bald dort geübt) Adelung magazin 2, 4, 23, herumziehen Br. Grimm sagen (1891) 2, 11, treiben G. Freytag 18, 73, wanderfahrten Treitschke hist. und polit. aufsätze 1, 80, soldatenleben Mommsen röm. gesch. 1, 300, wandergewerbe Luschin v. Ebengreuth münzkunde 78, feuerstelle Mommsen röm. gesch. 1, 20, haushalt G. Freytag 11, 294 u. dgl.
2)
die zeitliche vorstellung mangelnder dauer, ruhe, beständigkeit, beharrlichkeit kann hervortreten, ohne dasz die bed. sich immer ganz von 3 scheiden läszt: Notker ps. 41, 7; 101, 13; 88, 30; der selbe geist (der thiere) ist unstete, da von stirbet er mit dem fleische Lucidarius 30, 13 H.; vom menschlichen leben Lexer 2, 1940; etwas, was, wenn gleich auch noch an dem unstäten und unruhigen theilnehmend, doch auf das wahre sein bezogen werden kann Schleiermacher Platon 6, 40; alles ist unstet, nur im tod ewige eherne ruhe Scheffel 2, 22. als eigenschaft von naturvölkern und kindern 'der beharrlichkeit und längeren ausdauer ermangelnd': sie (die eingeborenen) waren so unstät (vgl. 1), dasz sie von unserm tische nach dem steuerraum hinabliefen G. Forster 1, 178; einige (von den indianern) ermüdeten zu rasch, andere waren zu unstät v. d. Steinen naturvölker Zentral-Brasiliens 77; ein unstetes kind; mit einschlag von bed. 5: Göthe 24, 130, 21 W.; bed. 4 und 5 mischen sich ein:
unstet wie der aprill
bin ich in liebes sachen
G. Voigtländer oden (1642) 26, 9.
'nur zeitweilig auftretend, unregelmäszig, errativus, recurrens, intermittens', bisweilen terminologisch: ehr ist unsteet bey den seinen (Johannis 16, 16) Erasmus von walfart (1524) l l 1ᵃ; unsteter regen, sturm u. dgl. die miselsucht die ist fliegent (s. fliegend 9) und unstett erste d. bibel 3, 404, 26; einer unstäten gichtmaterie (vgl. fliegende gicht Höfler 158ᵇ) Jean Paul 7/10, 38; hitze (vgl. 5) Schiller 6, 65; athem (der trinker) Ambach vom zusaufen 102ᵃ; puls Herr schachtafeln der gesundheit (1533) c i 4ᵃ. von lichterscheinungen 'zeitweilig aufzuckend': ein unstetes irrlicht Scheffel 2, 47; 1, 160; schein Arent-Conradi-Henckell dichtercharakt. (1885) 197.
3)
unfest von richtung, bewegung, erscheinung, wechsel, regelmäszigkeit, ordnung, wiederkehr, zahl: eine unstäte richtung Göthe 21, 257 W.; unstätes bewegen G. A. Agricola-Bech (1621) 303; eine unstete bewegung kann ohne feste richtung oder dauer (bed. 2), unregelmäszig einsetzend oder verlaufend, wechselnd, unbestimmt, unberechenbar sein; dieses unstete schwanken (in der bildung der nagethiere) Göthe II 8, 248 W.; die ursach dieser unsteten (vgl. unbeständig 4) farb Amadis 258 Keller; Mörike 1, 31; gebärden Bode Tristram Schandi 6, 16; gehn und kommen Platen 1, 33; gewölk Scheffel 2, 160; mit bezug auf steuerung: unstetes fahrzeug embarcation volage Mozin; wenn wir nun das gewöhnliche unstäte betrachten, wie der traum erscheint, und die verflüchtigung von allem fixen, so fehlt dem traum gerade der begriff der welt, zusammenhang, ordnung und maasz Schleiermacher III 7, 83. in anerkennendem sinne von Lessings untersuchungsart Herder 3, 12, von der polonaise Böhme gesch. d. tanzes 211. von beweglichen festen, feiertagen, terminen: conceptivae feriae unstaͤt feyrtag, so nit auff gewüsse tag wiederumb kommend, sunder nach guͦtduncken der oberkeit hin und wider verruckt oder verenderet wurdend oder hindersich oder fürsich gelegt Frisius 551ᵇ; Golius 30; Kramer (1702) 2, 967ᶜ; veraltet. von einkommen, gefällen, zinsen, erträgen, wobei wir heute unständig vorziehen: alle des gotzhaus rent, zinss ... landtgarben, stet und unstet quelle (1534) bei Fischer schwäb. wb. 6, 222; nutzung ebda; einkommen J. v. Müller 2, 199; vermögen Göthe 25, 9 W. von wechselnder menge, zahl: unstät zugvieh habern Fischer a. a. o.; die unstete zahl der consulartribunen Mommsen staatsrecht 1, 173; vgl. unstetig 3.
4)
ohne bestand, trügerisch, falsch, unzuverlässig, unsicher, ungültig u. dgl. von nichtpersönlichem; vgl.unbeständig 1—3, unständig 2 c: unstâtemo guote Graff 6, 645;
buͦlschafft ist licht zuͦ aller frist,
nüt unstaͤtters uff erden ist
S. Brant narrenschiff 13, 24 Z.;
die ungewissen, unstete rychtum Keisersberg bilgerschaft (1512) 20ᵃ; das unstete und flüchtige gut der weiblichen schönheit stet und fest zu machen Musäus volksm. (1826 ff.) 3, 67; desz rych ist allerbest und festest, der allein mit gott herrschet, und desz allerbösest und unstätest, der us sinem gemüt Zwingli d. schr. 1, 156; das regiment ward unstet und unsicher Mommsen röm. gesch. 2, 57; wenn aber ein gelehrter donner aus dem teutschen munde loszbricht ... musz ein gedichtetes und unstetes geläut verzischen und taub werden Schottel haubtspr. 64; die liebe der creatur ist lügenhafft und unstet J. Arnd nachfolge Christi (1631) 49; irritus Graff 6, 645; rechtlich ungültig: mnd. wb. 5, 79ᵃ; Frisch 2, 333ᵃ;
wie darf ich so unstetem eide trauen?
Immermann 16, 394;
ein unstätt leeren J. v. Watt d. schr. 3, 400; abendrethe in dem wortspiel kurfürst Friedrichs th. 6, 2577, 1; meinungen Butschky Pathmos 356; das auskünsteln flüchtiger, zarter und unsteter begriffe Gottsched das neueste 4, 536; im epigramm gelten keine unstäten züge einer verwirrten prose Herder 15, 390; gern vom glück: das glück ist unstaͤt A. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) e 2ᵃ;
ach du waltzent unstetes glück
H. Sachs 17, 9, 33 G.;
di mit inen zweiflichs und unsteets fals (instabili fortuna) gestritten J. Schenck ein schone cronica (1522) i iᵃ; die unstäte gunst Mastalier ged. (1774) 151;
die freud ist unstet auf der erde
Gökingk gedichte (1780) 1, 148.
5)
im geistig-sittlichen sinne ist u. schon in ä. spr., im ahd., mhd., mnd., mnl. am stärksten entwickelt. a) von menschen. im mittelpunct des begriffes steht der mangel an beharren; Bezzenberger zu Freidank 68, 24; der schwere sittliche tadel der ä. spr. hat sich später ganz abgeschwächt. mit genitiv: macho sie (die feinde) unstâte iro râtes also rad Notker ps. 82, 14; veraltet. mit präpositionsbestimmungen: unstæte an Lexer 2, 1940, veraltet; der unstaͤt ist in seinem leben Keisersberg granatapfel (1510) g 2ᵈ; Heyden Plinius 249; solche scribenten, die keine gemessene und deutliche begriffe von den dingen haben, sind in ihren ausdrücken gantz unstet (vgl. 4) und ungewisz Bodmer crit. poet. schr. (1741) 1, 103; ich habe mich oft gewundert, wie ein so scharfsinniger geist in seinen meinungen so unstät, so unzusammenhangend seyn konnte Herder 16, 413; u. in liebe und hasz;
unstät in meinen schritten,
herr, hab ich oft gefehlt
Brentano 1, 97;
die unsteten (wankelmüthigen, untreuen, abtrünnig gewordenen) Sachsen städtechron. 3, 62; weil sie (die schwärmer) schlipfferig und unstete sind Luther 23, 76, 2 W.; do hin sind wir gebracht ..., das wir untrewer, lugenhafftiger, unstaͤter ... sind dann hayden und Türcken Eberlin v. Günzburg 1, 147 ndr.; wer kan des leichtgläubigen, unstätten gemeinen mannes abergläubliche thorheit sattsam beschreiben? Reinicke Fuchs (1650) 77; wer unzuverlässig und unstät ist, .. der ist des todes Fontane I 2, 201; unstäte und flatterhafte köpfe Schopenhauer 2, 152 Gr.; syn.: zerfahren M. Greif nachgel. schr. 385; Pansner schimpfwb. 74ᵃ; stehender tadel der frauen: die frawen sein unstet und wanckel A. v. Eyb d. schr. 1, 9, 35; Petri V v 5ᵃ; viel enger ist der begriff effeminatus: wann sy waren auch unstet in dem lande erste d. bibel 5, 308, 18 (3. könige 14, 24); besonders: unstæteʒ wîp meretrix Lexer 2, 1940; Fischer 6, 222; Schmeller 2, 797; ambubaya Diefenbach gl. 29ᵇ; ehebrecherisch:
da sy (die juden) prachten das fräwlin zart
und sprachen, sy wär unstätt
Hätzlerin liederbuch 114 (II 1, 63);
der hett ein unstaͤt weib, die bate einen graven, das er sie leiblich erkennet und beschlieff S. Franck chron. Germ. (1538) 91ᵇ; Br. Grimm sagen (1891) 2, 97; unstete lieb H. Sachs 21, 198, 22 G.; beilag J. Behm artzneibuch 333; veraltet. b) von herz, sinn, gemüth, geist, seele, gedanken, stimmung, leidenschaften, wesen, charakter: dyn unstetes gemuͤt d. ewigen wiszheit betbüchlin (1518) 13ᵃ; Suso d. schr. 215, 17 B.; Scheffel 1, 128; etliche menschen hond so unstethe hertzen, das sie so leichtlich umb ein clein ding bewegt werden zuͦ lieb und zuͦ leid Keisersberg baum d. seligkeit (1518) 13ᶜ; wie oft lull ich mein empörtes blut zur ruhe, denn so ungleich (vgl. sp. 971), so unstät hast du nichts gesehn als dieses herz Göthe 19, 10, 9 W. (in der jubil. ausg. 16, xix zu weit gefaszt); das unsere sinn und gedancken so ungewis, schlipfferig und unstete sind Luther 28, 76, 23 W.; ein feuriger mann von groszen geistesgaben, aber sehr unstetem sinne F. H. Jacobi 1, 3; mit unstetem gewissen Luther 10, 3, 24, 18 W.; seele Ranke 38, 56; wenn mich mein wildes, unstätes wesen in der gegend umhertrieb Göthe 27, 19 W.; der französische karakter ist leichtsinnig, unstät, unruhig E. M. Arndt (1845 ff.) 2, 34; unstäte schwermuht Dusch verm. werke (1754) 396, begier Platen 2, 217, stimmung Laube 3, 189, leidenschaft C. F. Meyer Jürg Jenatsch (1901) 102 u. s. w. c) von menschlichen lebensäuszerungen, bethätigungen, eigenschaften, zuständen; an bedd. 1—4 ist oft sichtlich angeknüpft, indem der ausdruck eines geistig - sittlichen, seelischen hinzutritt; z. b.: seit gestern bin ich unstätt (meine leidenschaft läszt mir keine ruhe mehr) d. erzähler d. 18. jhs. 22 Fürst; zum unstäten leben eines derwisch bestimmt Göthe 7, 61 W.; ein etwas unstätes und planloses leben G. Keller 6, 198; Göthe 9, 383 W.; Schiller 12, 262; wie unstät macht die eigenliebe den gang unserer tugend! Laroche frl. v. Sternheim (1771) 2, 213; der mensch kann nichts anders von ihr (der menschheit) verlangen, als dasz sich die kraft ihres wesens weder durch widerspruch mit sich selbst zerstöre, noch durch unstätes übergehn von einer äuszerung zur andern zerstreue W. v. Humboldt (1903 ff.) 2, 37: fides clauda, ein hinckender glaub, das ist unstaͤt, halb ausz, halb inn, wie man spricht Frisius 235ᵃ; unstete verliebung Kramer (1702) 2, 967ᶜ; liebe J. M. Miller briefwechsel (1778) 1, 178; Gotter 1, 112; Müllner 4, 71; die hervorbringende kraft ist rastlos und unstät F. Schlegel 5, 24; aus dem unstäten geschwäz über Homers flügelgötter (vgl. 4) J. H. Voss antisymbolik 2, 40; unstetes und einseitiges verfolgen verschiedenartiger richtungen O. Jahn Mozart 2, 5; Czartoryskis unstäte politik Treitschke d. gesch. 1, 243; substantiviert: das unstäte seiner politik v. Roon denkwürdigkeiten 2, 197; so manches zweideutige, unstäte ihrer reden Bettine d. buch gehört d. könig 1, 235; er hat etwas unstetes Auerbach (1892 ff.) 7, 89; adverbial: unstaͤt oder erschrockenlich geredt Riederer rhetoric (1493) d 3ᵃ; das unstet hin und wieder springende gespräch Mörike 3, 76; dasz wir unstät und ohne mittelpunkt des urtheils hin und her schwanken Nitzsch d. studien 306; Schiller würde der frauen 9; unstätbang Matthison 1, 163. d) auf sinnesart von thieren übertragen: einem schweren pferdt eines unstethen, wiederwertigen kopffs Fayser hippokomike (1623) 71; vgl. 1 d. —
Zitationshilfe
„unstet“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/unstet>, abgerufen am 22.10.2019.

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