unschön adj. adv.
Fundstelle: Lfg. 9 (1923), Bd. XI,III (1936), Sp. 1341, Z. 65
gth. von schön, in mundarten (Staub-Tobler 8, 857; 1, 298; Fischer 6, 215) auch dessen steigerung 'sehr schön' (s.un IV D). ahd. as. unscôni; mhd. unschœne, -schône, ungeschône; mnl. onschone, nl. onschoon; dän. uskjøn, schwed. oskön aus dem deutschen. zu den formerscheinungen s.schön. in der ält. spr. nicht unhäufig und mit reich durchgebildeter bed. vertreten, wird u. im 16. und 17. jh. selten und auf bestimmte verbindungen beschränkt; Stieler, Adelung, Schwan lassen es aus, 'doch sagt man nicht u.' Breitinger crit. dichtkunst 2, 87; gegen ende des 18. jhs. wird es als mittelbegriff zwischen schön und häszlich ('nicht schön, aber nicht geradezu häszlich'; u., oft sogar häszlich Tieck dramaturgische blätter 2, 217), oft eulogisch, stark entwickelt; gelegentlich sind griech. μὴ καλόν, engl. unfair von einflusz gewesen.
1)
das gth. v. schön 1 b α ist in dem schweizerischen adj. unschonlich Staub-Tobler 8, 866 (th. 9, 1522) erhalten; wenn wir von unschönem wetter oder tage sprechen, ist bed. 5 a heranzuziehen; unschöne haut, hautfarbe sagen wir nach bedeutung 2, nicht im sinne des Heliand 153. vgl. M. Meyr aus d. Ries 3, 123. de win is unschon turbidum nd. jabrb. 35, 28ᵃ; siehe schön 1 b γ.
2)
gth. v. schön 2 a α/β; in der älteren stärkeren bed.: daher es kein wunder, dasz diese (männer) etwas wüster und unschöner sich erblicken lassen E. Francisci lusthaus (1676) 287; in der neueren abgeschwächten bed.: eine unschöne frau; sie ist u.; ein unschöner menschenschlag Gaudy 5, 19; Lenau 332 B. subst.: dieser abendländischen schönen und unschönen G. Keller 4, 40; unschön werden Bettine Günderode 1, 383. wie schön 2 a γ: u. in der haltung u. dgl. wie 2 a δ: den unschönsten gesichtern Lavater physiognom. fragmente 4, 211; von nase, mund u. s. w.; er hatte kein unschönes äuszere Seidel vorstadtgesch. 57; adv.: seine u. geformte mittelfigur H. Laube 3, 96. wie schön 2 a ζ ff. von thieren (Fischer 6, 215), pflanzen, edelsteinen u. dgl. gth. von schön 2 a ι 'ohne landschaftliche reize': ein gebiet nicht gerade unfruchtbar, aber u., nur an einem einzigen reitzenden punkte mit der see verbunden Dahlmann gesch. v. Dännemark 1, 443; ein unschöner (unschön gelegener) flecken Weinhold Boie 102. schön 2 b α ff. entsprechend: unschöne gebäude; u. gebaut Gutzkow 11, 67; unschönes gerät, schiebefenster Hoops waldbäume 570; von kleidung, schmuck; handschrift, umschrift handwb. der staatswiss. 5, 926; ein unschönes gemälde; unschöne riesenbilder J. H. Voss antisymbolik 28. schön 2 c entsprechend: unschöne umrisse Immermann 18, 98; ein unschöner anblick O. Ludwig 5, 42; eindruck G. Hauptmann bahnwärter Thiel 11; u. anzusehen Fouqué alts. bildersaal 2, 451; u. sei es, die stirn ... zu bedecken Justi Winckelmann 1, 441. prägnant und eulogisch für unreinlich, widerlich: das beste gericht erregt ekel ... sobald das auge ... etwas unschönes daran entdeckt Muspratt chemie 6, 6; finnig v. schweinen Staub-Tobler 8, 857; unrein von der seele (vgl. 5) mnl. wb. 5, 906.
3)
gth. v. schön 3 a u. b: eine unschöne tongebung, stimme; ein unschöner geschmack, geruch.
4)
schön 4 entsprechend: einen unschönen vers Immermann 1, 30; Treitschke aufsätze 1, 52; häufung Scherer litgesch. 70; seine (des heidentums) rohen, nicht unschönen bruchstücke rühren uns J. Grimm kl. schr. 2, 27; einer u. gewordenen sprache Döllinger vorträge 1, 43. 'unästhetisch' (vgl.schön 4 b): ihren werken (der nachahmer Raphaels) sieht man es an, in wie kalter, unschöner stimmung sie entworfen sind Ranke 37, 319; diese geistreichen empfindler nennen die gesinnung u. Gutzkow ritter vom geiste 3, 44; O. Ludwig 5, 326; Mommsen röm. gesch. 1, 458; adv.: was mir grade schön oder u. vorkommt S. Hensel familie Mendelssohn 2, 193; Justi Winckelmann 2¹, 285; wortspielend: die damalige unschöne literatur Kerner bilderbuch 285. gth. von Schillers schönem charakter (vgl.schön 4 c): Kreon ... als unschöner charakter Vischer ästhetik 1, 317. schön 4 d entsprechend (vgl. 5): eine unschöne handlungsweise; u. handeln; o schöne entschlieszungen, o unschöne nichthaltungen S. Brunner erz. 2, 40; besonders äuszert sich in den frauen das adlige selbstgefühl auf unschönste art Gutzkow 11, 186; Mommsen staatsrecht 1, 289. schön 4 f entsprechend: auf diesem wege wird ... manches ungewöhnliche, ja das unschöne selbst gefordert Göthe 49, 42, 6 W.; E. Th. A. Hoffmann 1, 5 Gr.; Hegel II 10, 133; etwas unschönes Fouqué gefühle 2, 26; unschönes und schönes in einklang zwingend Platen (1863) 2, 235.
5)
gth. von schön 5, insbesondere 'unerfreulich, abstoszend, widerwärtig': ein unschöner abend, unschönes wetter (vgl. 1); eine unschöne absicht Schleiermacher I 5, 720; ein unschöner traum, gedanke u. ä.; zwitterwesen werden ... uns wohl auffallen, aber u. (vgl. 4) erscheinen Hegel I 10, 169; G. Freytag 16, 166; unsere fahrt, anfangs so reizvoll, gestaltete sich vou Hamm aus einigermaszen beschwerlich und u. Fontane I 5, 267. 'unfair': Bismarck gedanken u. erinn. 1, 300 unter undankbarkeit 2, sp. 432: vgl. 4. unschöne worte (vgl.schöne worte geben, schön 5 c), in ä. zeit 'ungehörige, unanständige, schändliche, ehrenrührige' (mnl. wb. 5, 907; es saget auch der teter im gefengnis von sich, das in W. sein leben lang kein unschon wort gesaget [1526] acten zur kirchenpolitik Georgs v. Sachsen 2, 644), dann abgeschwächt wie unrecht, adj., 3 e ζ ('quidquid displicet' Frisch 2, 219ᵃ; Fischer 6, 215; Schmeller 2, 428; obers. wb. 2, 600): so wahr ich eine ehrliche frau bin, wenn ich einem ein unschöne wort mein lebetage grosz gesaget habe Chr. Reuter Schlamp. krankheit u. tod 1, 93; das geringste unschön wort, das ich zu ihm sage, so hab ich ihn gleich am halse Kramer (1700) 1, 598ᶜ; es sind leute zu zwanzig jahren bei dem grafen, die noch kein unschön oder zorniges wort gehört haben Gellert 9, 260; jemand ein unschönes wort geben Petrasch lustspiele 2, 386; Hauff 3, 86, 6; Auerbach 2, 150; schriftsprachlich ungewöhnlich. der ä. spr. gehören an: die unschonen 'unbarmherzigen, rohen' buch der Maccabäer 49 Helm (vgl. schœniu huote), unschon empfangen werden hist. volksl. 1, 298, 155 L. (vgl.schön 5 d β), unschone varen th. 9, 1483 (vgl. mnl. wb. 5, 907), unschone ('ekel spürend und verbreitend') ropzen Breslauer arzneib. 137. die n. schriftspr. verallgemeinert den geistig-sittlichen begriff (vgl. unfair, μὴ καλόν): keine schmeichelei, viel weniger etwas unschönes hätte sich an sie heranwagen dürfen Ranke 26, 459; Rückert 12, 63; u. sind dabei nur die selten den tänzen fehlenden unanständigkeiten Ratzel völkerkunde 2, 133; auf 4 zurückweisend: derbes verletzt mich nicht, aber unschönes Auerbach 4, 40; das unangemessene ist das innerlich unschöne 7, 92; 5, 108. —
Zitationshilfe
„unschön“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/unsch%C3%B6n>, abgerufen am 25.06.2019.

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