unsanft adj. adv.
Fundstelle: Lfg. 9 (1923), Bd. XI,III (1936), Sp. 1302, Z. 54
gth. v. sanft. ahd. unsamft, -semfti, -semfte, -senfte; adv. unsamfto, -sanfto. ags. adv. unsôfte, mengl. unsofte, engl. veraltet unsoft. mhd. unsamft, -sanft, -semfte, -senfte; adv. unsamfte, -sanfte. für das nd. und nl. s.unsacht. ungsanfft Fischart Eulenspiegel 392; ungesanft th. 4¹, 3796; ungsaft Staub-Tobler 7, 1173. unsaft hessisch Götze gl.² 220ᵃ; Agyrtas grillenvertreiber (1670) 275; E. M. Arndt sämtl. werke (1892) 1, 51. umgelautet: unsänfft das Petrus gen Rom nicht kommen E 4ᵃ; im comparativ: J. Thalman amor crucifixus (1629) 151; veraltet. adv. unsanfte Buchholtz Herkuliskus 94; Ziegler Banise 141; Chr. Thomasius leben Socratis x 4ᵃ; Bodmer Noah 59; Leipziger aventurier (1756) 1, 95; adj. V. Weigel kirchen- oder hauspostill (1618) 103; veraltet. von syn. vgl. bes. un(ge)linde.
1)
gth. v. sanft II 1 a α: Phormionis thorus, ein unsanfft bett, als wann einer uff der banck ligt Alberus; Valvassor ehre d. h. Crain 1, 103; von hartem, unsanfftem liegen W. H. Ryff spiegel d. gesundheit (1544) 80ᵇ; auf knospen mag sich es auch unsanft schlafen Schönaich ästhet. 337; unsanft sitzen Krünitz 199, 233. gth. v. sanft II 1 a β: mit unsemftem griffe mhd. wb. 2², 51ᵇ; unsanfte arme, fäuste Gutzkow ritter v. geiste 1, 215; Scheffel 1, 177; stösze, dachtel, fall, tritt v. Loen der redliche mann am hofe 241; Silv. Jordan wanderungen 18; Hunold d. europ. höfe liebes- u. heldengesch. 850; V. Herberger trawrbinden 1, 236; berührung S. Brunner erzählungen 2, 61; behandlung Niebergall dram. werke 296; augenblick Thümmel reise 2, 235; prädicativ: Schönaich Hermann 12; der fall (war) sehr u. G. Forster 7, 260. besonders als adverb (Stieler setzt nur dieses an): den leib zu grob, starck und zuvil u. bearbeyten W. H. Ryff spiegel d. gesundheit 17ᵇ; u. niedersetzen Rollenhagen froschmeuseler (1595) r r 5ᵃ; Göthe 25, 147, 23 W.; wen eyner einen bis gegen Rom getragen hette und seczet yhn eyn mal unsanfft nider, szo ists vorgessen alle guttat Luther 29, 409, 31 W.; 555, 23 W.; Agricola sprichwörter (1534) g 2ᵃ; S. Franck sprichw. (1541) 2, 118ᵃ; Tappius (1545) a a 4ᵃ; B. Waldis Esopus 1, 286 K.; Fr. Wilhelm sprichw. reg. 2 y β; Eyering 1, 252; Petri b b b 7ᵃ; Dannhawer catechism. 2, 113; Lehmann florileg. 2, 830; Scriver andachten (1721) 123; Schellhorn (1797) 24; u. sitzen, niedersitzen Scheit Grobianus 2627; Kirchhof wendunmuth 2, 71; fallen discourse d. mahlern 3, 135; der chirurgus berührte ihn eben unsanfter Göthe 22, 46, 1 W.; klopfen Schubart briefe 2, 157; aus dem wagen reiszen Gaudy 13, 121; Holtei erz. schr. 10, 208; in dem sie die thür um ein gutes unsanfter zumachte als gewöhnlich M. Meyr aus d. Ries 1, 44; u. tragen (vom pferde) J. Fr. W. Zachariä poet. schr. 2, 197 (unsanfte postpferde Canitz gedichte 67); u. aufrütteln, anfassen Herder 17, 292; Eichendorff 2, 259 u. s. w. gth. v. sanft II 1 b: in einem etwas unsanften tone Hegel 13, 51; einer u. tönenden sprache Ayrenhoff 2, 81; unsanfte donnerschläge Herder 23, 223.
2)
gth. v. sanft II 2 a α: ein unsanfter wind Kramer (1702) 2, 425ᵇ; auf solchen erdhöhen, wo der wind die gewächse u. beweget Herder 13, 56; die stirne ... scheint die unsanfteste zu seyn (am wenigsten sanft anzusteigen, vgl. sanfte steigung, erhöhung, krümmung, linie u. dgl.) Lavater physiogn. fragm. 1, 254. gth. v. sanft 2 b α: ein unsanftes wetter (vgl.unsacht ende), klima; das rauhe, unsanfte bergleben hat auch die weiblichen züge hart gemacht Laube 8, 198; unsanfte mittel, gewalt vgl. 4. gth. v. sanft II 2 b β: nach einer unsanften ruhe Bodmer v. d. wunderbaren 328; im grab hetten wir alle unruglich und unsanfft geschlaffen Mathesius leichenreden (bibl. d. schr. a. Böhmen 4) 115, 21; u. schlaffen legen (ums leben bringen) Grimmelshausen 4, 677, 31 Keller. gth. v. sanft II 2 b α: berespet die unsenften (ἀτάκτους 1 Thessal. 5, 14, var. unruͤbigen, unreynen) erste d. bibel 2, 203, 39; die storrigen unsanffte menschen Luther 10³, 405, 20 W.; ist kein unleidlicher, unsanffter und bitterer volck den solche werckheiligen 24, 441, 26 W.; vgl. 3. mein zwar unsanftes, aber getreues weib Bräker 1, 216; Deinhardstein 2, 7; vgl. 3/ 4. gth. v. sanft II 2 b ε: dessen empfindung nicht anders als u. und unangenehm sein kann Chr. Fr. Richter ursprung u. adel der seelen (1739) 112; ein unsanftes gefühl Zimmermann einsamkeit 1, 104. gth. v. sanft II 2 b η: unsanfte antwort Kramer (1702) 2, 425ᵇ; ausdruck K. v. Eckhartshausen Aglais 107; dasz man die Arminianer sich ... zu einer besondern secte gestalten liesz, das können sie nicht unduldsam und unsanft finden Schleiermacher I 5, 346. adv. u. erwecken Hätzlerin 23, 19, 20; in n. spr. nach 4: Göthe IV 10, 61, 15 W.; Knigge umgang 2, 71; die Neugriechen werden euch mitunter u. in euren träumen stören Immermann 5, 6 H.; Treitschke aufsätze 1, 411; u. aus seinen träumen erwachen Fr. v. Gentz 2, 99; u. abweisen Nicolai Nothanker 2, 105, dazwischenfahren Arnim 15, 179, behandeln Schopenhauer 2, 373. gth. v. sanft II 2 d (mnl. wb. 5, 895): Hätzlerin 275, 106; ob sie (trübsal u. plagen) uns gleich trücken und u. thun werden P. Eber postilla (1578) 1, 11ᵇ; die erste kält thut u. Petri q 3ᵃ; veraltet.
3)
unserer n. schriftspr. ist der umfang und der nachdruck, mit denen in ä. spr. und in der mundart unser wort entwickelt worden ist, fremd geworden; der gefühlston hat sich völlig verschoben (s. 4). aus dem älteren gebrauch, der noch gelegentlich nachwirkt, sei erwähnt: a) ist denn got u. (difficile) kein ding? erste d. bibel 3, 94, 44; 4, 134, 14; 4, 188, 61; das der reich u. (aegre) einget in das reich der himel 1, 73, 45; der Frankf. druck des Renners ändert u. in schwerlich, nicht wol, übel Warlies 73ᵃ; nachklang: man fället nicht übel, man stehet aber u. (mit schwierigkeit, unbequem, schmerzhaft) auff Lehmann florileg. 3, 229; Schmeller 2, 310. b) ohne gelingen, schmählich, schändlich: das mein hoffen u. versaur Garg. 187 ndr.; ir yedes preis (im kampf) gelag u. Füeterer Lanzelot 132; wer in sein eygen nest scheiszt, der ligt u. und ist nit ehren werdt Tappius (1545) f 7ᵇ; klugreden (1548) 116ᵇ; Fr. Wilhelm sprichw. reg. 2 y β. c) asper, durus, immitis, dolorosus, penalis, lesivus: das ist die aller unsanfftest brunst, do ainer on hoffnung lieb hat Neidhart Eunuchus 198 f. (insanus, glosse; vgl. d); umb irer unreinigkeit willen müssen sie unsanfft zerstöret werden Micha 2, 10 (corrumpetur putredine pessima; 'mit heftigkeit, muth' versteht Adelung, 'mit gewalt' Campe; vgl. mnl. onsachte); was ist von auszen unsänffter, als wenn sich der mensch auff den todtenkarn setzen und ausz dem leben fahren soll? J. Thalman amor crucifixus (1629) 151; unsanft schelten Morhof unterricht 1, 354; man kaufft nichts so ungern oder u. als wort Petri u u 8ᵃ; ung'sāft unerfreulich, ungut, abstoszend, widerlich Staub - Tobler 7, 1173. d) bloszer intension dienend: ung'sāft faren rasend schnell fahren Staub-Tobler a. a. o.; ebenso mnl. onsachte, mnl. wb. 5, 890, 3; 892, 1, 2 ende, nl. wb. 10, 2224 II 4.
4)
während nun die n. spr. auf solchen gebrauch (3) verzichtet, hat sie einen starken zug zum euphemismus ausgebildet. 'u. bezeichnet jetzt nur noch die abwesenheit des sanften u. wird vornehmlich alsdann gebraucht, wenn man hart, stark, heftig und andere harte ausdrücke vermeiden will' Adelung;
der kein anbringen hört,
das etwas unsanfft ist, der ohrenbläser ehrt
A. Gryphius trauersp. 31, 294 P.;
wogegen jedermann doch gewisz den spitzen witz, die unlogische verwirrung oder das abgeschnittene geistwesen andrer schriftsteller u. (vgl. 3 c) empfindet Herder 11, 59; etwas u. auffallen J. M. Miller briefw. 1, 120; mit diesem unsanften schlag das schöne leben zu endigen, das uns verband! Göthe 21, 133, 23 W.; u. vom tage berührt werden IV 41, 33 W.; Varnhagen v. Ense tagebücher 1, 193; dieser stand der ritter ... berührte vielfältig sich u. mit dem ... senat Mommsen röm. gesch. 2, 109; sich u. im kampfe begegnen Voss Ilias 8, 400; jemand u. mitnehmen J. v. Müller 6, 24, angreifen Krünitz 199, 233, u. mit jem. umgehen, mit den köpfen u. an einander gerathen u. dgl.; unsanfter laune sein G. v. Arnim dram. werke 2, 12; u. empfangen Ruge briefw. 2, 237; unsanfter empfang Bauernfeld 5, 131; wenn ruinirte reiche leute ... das publikum sehr u. (durch entsetzliche vorkommnisse jäh) daran erinnern, dasz aus dem eleganten bordell der übergang zu der räuberhöhle sehr leicht gefunden ist Mommsen röm. gesch. 2, 396. fast wie 3 d: wenn nicht die ... behandlung von seiten ihres vaters sie nur zu u. von der wirklichkeit ihrer lage überzeugt hätte O. Ludwig 2, 597. —
Zitationshilfe
„unsanft“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/unsanft>, abgerufen am 16.10.2019.

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