unke f
Fundstelle: Lfg. 7 (1920), Bd. XI,III (1936), Sp. 1080, Z. 38
I.
zu grunde liegen:
a)
*unkvi ˃ ahd., mhd., mnl. unc 'schlange', urverwandt mit lat. anguis Fick-Torp 3, 30.
b)
*ûkôn 'kröte' ˃ ahd. ûcha, mhd. ûche, schweiz. ueche; mhd. ouche, ouke, nhd. auke, euke, nd. uike, oberhess. oikch; *ûkion ˃ ags. ŷce, mnd. ûtze, nhd. eutze, mundartlich ütze, ütsche Fick-Torp 3, 381, Falk-Torp 1296; urverwandt mit lat. uvidus.
c)
die lautmalende interjection unk.
II.
in folgender weise haben I a—c zur ausbildung des nhd. wortes beigetragen:
1)
in ä. spr. bezieht sich die bezeichnung unk, unke, unken, unker, m. (vgl. zu den formen auk, auke, auken; kröte, krotten, kroter) auf schlange und basilisk, mnl. unc auf die eidechse. im mnd. und bei Luther scheint unk zu fehlen.
a)
von thieren; bes.
α)
der hausschlange, tropidonotus natrix L.:
du (das alter) thust verzeren
dein zeit einsam geleich eym uncken,
der stäts ligt inn seiner speluncken
H. Sachs 4, 43, 34 Keller;
13, 463, 24 G.; Ayrer proc. 684; und vermeinte, es müsten hauszschlangen, welche man uncken heisset, darin sein J. Agricola chirurgia (1643) 465; E. Stockmann lob des landlebens 24; sei ohngefehr ein unck herbei gekrochen und habe mit geszen C. F. Paullini phil. feierabend (1700) 400. im 18. jh. aus der gemeinspr. zurückgedrängt; formen, geschlecht und begriff werden unsicher; s. 2; nur noch in wissenschaftlicher prosa: J. Grimm myth. 2⁴, 571; ringelnatter, schwimm- oder wassernatter, der unk oder hausunk, die wasser- oder hausschlange, der wurm (vgl.unkenwurm H. Watzlik phönix 9) Brehm tierleben 5⁴, 329. wenige mundarten haben geschlecht, wortkörper und begriff erhalten; z. b. der unk, onk 'alle schlangen bis auf die blindschleiche' Schmidt westerw. 284, 'hausotter' Reinwald 2, 131; die meisten nehmen an der mischung (s. 2) theil.
β)
veraltet 'basilisk': unker Diefenbach gl. 69ᵇ; Keisersberg bei Scherz-Oberlin 2, 1845 (zu den monstra gerechnet);
sie (die alchemisten) lont eyn sehen vor eyn prob,
so würt dann bald eyn uncken drusz
S. Brant narrenschiff 102, 55;
s. auch unkenbrenner Hämmerlin bei Zarncke 448, unkenkrämer V. Weigel glaubensbek. 3ᵇ (wil einer ein rechter alchimista sein, ich meine nicht einen unckenkrämer, der erkenne sich selbs und gott in Christo Jesu) und unkepunz; auf unken und ottern wirst du gehn Gamersfelder 96ᵇ (Notker 2, 49, 5 P., ps. 17, 10); man fliehet vor den schlangen, unkern und kröten: worüm nit auch vor dieser tabakotter, welche nit weniger gifft bei sich führet als jene? J. Balde truckene trunkenheit (1658) 128; nachzügler bei Sanders erg. wb. 585ᶜ.
γ)
von andern thieren: unk, hausunk iltis Oken lehrbuch (1816) 3, 2, 1268, 1027. vgl. 2.
b)
vom teufel: der basilisc und uncke Folz meisterl. 34, 205; mhd. wb. 3, 182ᵇ. veraltet.
c)
von menschen; als eigenname: urk. z. gesch. d. universität Tübingen (1476—1550) 594; Unkenbold u. a. oft im vergleich: Hätzlerin 250, 140 (pist du ain mördisch unck); Sachs oben a, α; Eyering 2, 422 (er schleicht doher wie ein unck);
thut einer ein frölichen trunck,
sitzt er (der murrkopf) dort hinden wie ein unck
Eyering 2, 201.
'leutscheuer mensch, der nicht über die hausschwelle kömmt, stubenhüter' Reinwald 2, 131. unke, betrübte hausunke, schelte der greise J. Grimm kl. schr. 1, 202.
d)
individuell unker penis Rosenplüt im mhd. wb. 3, 189ᵇ.
e)
zusammensetzungen bewahren die verdunkelte vorstellung der schlange mehr oder weniger undeutlich bis in die spr. der gegenwart, z. b. unkenbisz Halm 7, 158 (doch auch krötenbisz Wimmer d. boden 427), -fresser falco buteo Naumann vögel (1822) 1, 346, -kammer Musäus volksm. 2, 104, -könig Vilmar idiot. 424, -königin Freiligrath 1, 38, -kopf eigenthümliche bildung des schiefers, wodurch sich derselbe nicht regelmäszig (in platten) ablösen läszt Kehrein Nassau 417.
2)
im 17. jh. hört im zusammenhange mit dem seltenwerden der schlange (Spiesz Henneb. 263; sie flüchtet vor der cultur Wimmer d. boden 426) unk, unke auf ausschlieszlich schlange und schlangenartiges zu bezeichnen; die vorstellung der kröte dringt ein, für die sonst ûche u. s. w. (I b) vorhanden war. das diesem zukommende f. nimmt immermehr von unk, unke besitz, wobei der geschlechtswechsel von auke, kröte, otter, schlange zu hilfe kam, während die formen des schw. m. unke (1) nur wenig widerstand leisteten. ersichtlich geht das bestreben dahin, den lautkörper von I a mit dem von I b zu verschmelzen und die bed. von I a auszuschlieszen. für schweiz. ueche ˃ unke nimmt Staub in Frommanns ma. 7, 351 ff. lautgesetzlichen übergang, für namen von amphibien und schlangen Schwarz zs. f. volksk. 5, 248 begriffsübertragung an, von Lessiak zs. f. d. altert. 53, 127 durch mythische verwandtschaft erläutert. bis ans ende des 18. jhs. hindert die eingerissene zwiespältigkeit und unsicherheit den schriftsprachlichen gebrauch, und so lassen sich denn die eingetretenen veränderungen für diese zeit fast nur in den wörterbüchern verfolgen. a) noch Stieler 2386 kennt nur unk, unke als m., wasserunke coluber, unken sonum edere instar boarum, sibilare, unker, m., sibilans, desgl. unkicht, adj.; doch fügt er schon hinzu: 'alicubi bufo'. in der janua des Comenius § 213, 212 werden die uncke boa und kröte bufo getrennt; Schottel hauptspr. 276 scheint der erste grammatiker gewesen zu sein, der die unk vorschreibt und 'bufo' voranstellt (1438). Castelli, Wachter und Frisch ziehen es vor, kein genus anzusetzen; als bed. geben sie 'schlange'. Zedlers univ.-lex. 49, 1167 stellt uncke 'schlange', abgeleitet von dem angeblichen wort unken 'latere' voran und fügt 1169 hinzu, dasz u. auch kröte heisze. das allg. haushaltungslex. (1748 ff.) 3, 605 etymologisiert: das alte teutsche wort unken heiszt verborgen oder tief verstecket sein; weil nun diese art von schlangen sich selten sehen lassen, sondern immer unter den zimmern, kellern, ställen u. a. o. ihren auffenthalt haben, so mögen sie wol deswegen den namen uncken bekommen haben, zumal auch in Sachsen von demjenigen, der beständig zu hause bleibt und nicht mehr unter die leute kömmt, gesagt wird: er stecket daheim wie eine uncke. gegen ende des jhs. hat sich das f. auch zur bezeichnung der schlange durchgesetzt (Kramer-Moerbeek, Adelung, Schwan, Campe), soweit diese bed. überhaupt bekannt bleibt; Adelung nennt u. ein altes, aber nur in einigen gegenden übliches wort. b) das gleiche bild der uneinheitlichen neueren entwicklung zeigen die mundarten: güll-üngge, f., feuerkröte Staub-Tobler 1, 345; lattueche eidechse, wassermolch 346; unge, unke, m., kröte Buck flurnamenb. 285; unk, m., auch f., jedes schlangenartige thier Ruckert 187; unke, f., grosze kröte, obers. wb. 2, 599ᵃ; ounk, m., neben unke, f. Hertel Thüring. 250; unke, f., ringelnatter Spiesz Henneberg. 263; zs. f. volksk. 10, 211; unke, f., coluber natrix Vilmar 424; Rode Vitruv. anh. 6; die unke, unge schlange, ringelnatter, kupferschlange Crecelius 846; unk, onk, f., m. Kehrein 417; unke, f., eine schlangenart Schmitz Eifel 238; zs. f. rhein. u. westf. volksk. 6, 272 f.; onk, f., ringelnatter, feuerkröte, lux. 317ᵃ; unke, f., gröszere schlange, natter Woeste 281ᵃ, kröte Bauer-Collitz 108ᵃ; zur heutigen verbreitung in Norddeutschland Schwarz a. a. o. 260 ff. c) das begriffliche schwanken greift noch weiter: neben tropidonotus natrix wird coronella laevis gemeint (klèng onk jachschlange, lux. 317ᵃ), neben der feuerkröte die kreuzkröte, rana portentosa Nemnich wb. d. naturgesch. 610; sogar mustela putorius (Nemnich ebda; vgl. II 1 a γ und hausunke), gryllus domesticus (Behlen forst- u. jagdkunde 3, 500; hausgrille vertritt die hausschlange Kühnau schles. sagen 2, 42), die spinne Frischbier 2, 422ᵇ, der frosch Kindleben 201 heiszen vereinzelt unke.
d)
auch die literaturspr. spiegelt wie die spr. des gewöhnlichen lebens das schwanken zwischen 'schlange' u. 'kröte' wieder; z. b. ist eigentlich 'schlange' gemeint:
so sollst du tief in's burgverliesz,
wo molch und unke nistet
Bürger 52ᵇ;
Hebbel 8, 46; in dem kerker ... unter kröten und unken Ch. v. Schmidt 7, 33; doch überwiegt in diesen fällen die unbestimmte vorstellung des grauenhaft-abscheulichen. die ra. wie eine unke leben, sehr einsam, eingezogen Wander 4, 1461 weist auf II 1 a und c. anderseits käme 'bufo', unzertrennlich von ihrem nassen element, in betracht: Grimm märchen 2, 113; wie eine unke im sumpfe stecken Droste-Hülshoff 2, 366, saufen wie eine u., betrunken, bezecht, besoffen wie eine u. Genthe slang 65, Brendicke 187ᵃ, Kindleben 201, Brentano 2, 115, vgl. krötenvoll Fischer schwäb. wb. 4, 787. unke (wie wanze) branntweinflasche Ostwald rinnsteinspr. 159, unke la montre René Delcourt 169ᵇ von der gleichsam plattgedrückten form. unentschieden bleiben vergleichungen wie ich erwachte wie eine unke, der ein sonnenstrahl in den rücken fällt Thümmel reise 9, 187, weil nattern wie lurche winterschlaf halten. e) die vorstellungen des aberglaubens sind noch verschwommener: unke als verzauberte princessin A. Grün 4, 16; Dähnhardt natursagen 3, 1, 20; 399 (schlange); th. 5, 2417, 2 f (kröte); unke im keller glückbringend, zs. f. volksk. 10, 211; macht nur die weisze u. todt, die unter dem bett (der kranken princessin) versteckt ist Grimm märchen 1, 128; vgl. mühmlein 2, Schwebel tod u. ewiges leben 14, Lessiak 128; v. der nachtfrau, die kinder erschreckt, vom alp, der die pferdemähnen in unentwirrbare flechten flicht Schambach 243ᵇ, Höfler 763ᵃ; wollen sich kinder das haar nicht kämmen lassen, so schreckt sie die mutter damit, dasz dann die 'böse unke' sich in dieses einnistet und es verwirrt (Nordthüringen) zs. f. volksk. 10, 211; von einer krötenartig muggelnden, watschelnd gehenden, kleinen, breitbeinigen, plattfüszigen person, abkömmling der dämonen Höfler a. a. o. zu den schönunken (ebda) s. Schönhoff jb. f. nd. sprachf. 33, 48. 50. schelte: olle unke (hexe) Brendicke 187ᵃ; alte unk! obers. 2, 599ᵃ; Pansner 73ᵇ. th. 5, 2417. vgl. den unkenruf.
3)
eine neue richtung in der entwicklung nimmt unser wort im letzten drittel des 18. jhs. dadurch, dasz es rationalistisch als schallwort angesprochen wird; Adelung leitet es aus dem ruf der 'wasserunke' ab; vgl.unken, verb., unkenruf, -schrei, -ton u. dgl. das verbreitungsgebiet dieser vorstellung scheint sich zunächst mit dem der tieflandunke ungefähr zu decken. bei Stieler bedeutete unken noch sibilare, bei Zedler unken latere; s. o. 2. in Brehms tierl. 4⁴, 185 ist darauf hingewiesen, dasz dem durch Bürgers Lenore 21, 8 berühmt gewordenen unkenruf (s. u.) keine wissenschaftliche beobachtung, sondern aberglaube zu grunde liegt; der unkenton klingt nicht unangenehm, dem klange von glasglocken nicht unähnlich (eine vermittelung versucht Landois thierstimmen 207: 'findet sich später, nachdem die laichzeit beendet, die unken zerstreut, etwa eine einzeln unter einem treppensteine, so hat der laut etwas melancholisches, ja für einige etwas unheimlichesspielt ja doch der unkenruf in schauerromanen und gedichten eine nicht geringe rolle') Brehm 187; ebda wird der laut durch u-uh, bei Oken naturgesch. 6, 480 (lehrbuch 3, 2, 207) durch puch, puch oder unk, unk wiedergegeben, welches sich wie ein trauriges geläute von glocken ausnimmt, bei Landois durch öng, ong, ung, üng; vgl. Haacke-Kuhnert thierleben d. erde 1, 459, der unken glockenklang Kinkel 475, geläute Droste-Hülshoff 1, 63; sie läuten th. 6, 377, O. Ludwig 2, 183, klingen Fontane ged. 233; unk, unk, einmal war ich jung Dähnhardt natursagen 3, 1, 399; Bechstein sagen 584; Hoffmann v. Fallersleben bei Wurm 861ᵃ. Oken lehrb. (1816) 3, 2, 207, 209 bildet neben unke (calamita) auch die bezeichnung puche (bombina); Merrem benennt die u. nach der schallvorstellung bombinator (gelbbauchige u. oder bergu., rotbauchige u. oder tieflandunke bombinator igneus Laur. Brehm 185 ff. niederungsunke Haacke-Kuhnert 1, 457). die annahme, dasz u. als schallwort auf der interjection beruht, bleibt zweifelhaft (übrigens malt W. Scherffer, th. 5, 1537 unter koaxgewäsche, den froschton durch tulunk), vielleicht ist die interjection umgekehrt erst nach dem namen der u. gemodelt und durch den reim verankert. das so entstandene, unsern classikern anscheinend noch abgehende wort wird nun seit dem ende des 18. jhs. gemeingut.
a)
beide machen ein geheul zusammen wie die unken oder zwei ungeschmierte thüren Fr. L. Schröder 2, 354 (stille wasser sind tief 3, 1); wie unken ächzen, jammern, wimmern, stöhnen Novalis 1, 156; so musz ich wohl dem rufe der unken im schloszteiche folgen, mich ertränken Arnim 9, 179;
und die frösche und die unken
singen bei Johannisfunken
ihre metten ganz betrunken
Brentano 2, 115; 3, 396;
Tieck 17, 203; Gaudy 18, 155; Arndt 5, 285; Rückert 2, 428; Holtei erz. schr. 4, 163; 12, 166; Freytag 9, 183; Geibel nachl. 6; Fr. Reuter 7, 70; Binder 200; Erlach volkslieder 5, 253.
b)
auf personen übertragen (vgl.kröte; unglücksrabe, -prophet u. dgl.): unsere politischen unken Laukhard leben 4, 466; Görres 2, 424; 1, 288; E. M. Arndt 5, 285; der Krickwitzer gärtner ist eine unke! wo sollen die fröste herkommen bei solcher frühlingswärme? Holtei erz. schr. 13, 218; olle unke, altes böses prophezeiendes weib Brendicke 187ᵃ; mit II 1 vermischt: der reaktionäre unke quelle bei Sanders erg. wb. 585ᶜ. c) zusammensetzungen beliebt und zahlreich: unkenartig, -gleich (Gaudy 19, 68), -haft, -mäszig u. dgl.; -füszchen kleiner steiszfusz, lux. 317ᵃ, -geheul Th. H. Friedrich dritter satyr. feldzug 26, -gelaut Kosegarten Ewalds rosenmonde 284, -gesang Platen 2, 401, -geschrei Knebel nachlasz 2, 374, -gestade Bürger 62ᵃ, -gestöhne Geibel 3, 154, -gezücht (zu II 1 a) Fr. v. Heyden br. eines flüchtlings 2, 10, -gras, tausendblatt, lux. 317ᵃ, -kuhle, onkekaul, pfütze ebda, -laich (verächtlich v. personen) Fr. L. Jahn 2, 96, -larve Brehm-Pechuel-Lösche 7, 730, -lied Laube 8, 160, -loch, schlupfwinkel der unke und schlechte wohnung, lux. 317ᵃ, -moor Alexis ruhe 3, 148 (vgl.moorunke Schm. 1, 1643), -pfuhl lux. 317ᵃ, -reigen Seeger Aristophanes 3, 77. —
Zitationshilfe
„unke“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/unke>, abgerufen am 13.11.2019.

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