unfuhre, unfuhr f. m.
Fundstelle: Lfg. 4 (1915), Bd. XI,III (1936), Sp. 605, Z. 42
gegenstück zu einigen verwendungen von fuhre, fuhr; mhd. unvuore, unfuor, unfuer, unfur; mnl. unvoere, unvoer. (ahd. uberfuora luxus; mnd. ungevore, s.ungefuhr.) vgl.unfahrt, ↗unfertig (ob. sp. 540 a), ungefährte. die zweisilbige kürzere form tritt im 16. jh. an die stelle der längeren; noch Westenrieder 601 setzt unführe an; 'unfür oder unfur' Frisch 1, 308ᵇ. umlaut sonst mundartlich (vgl., auszer Westenrieders form, schwäb. für), in der älteren schriftsprache (Neidhart Fuchs 2677; Haltaus 1930; Franck zeitb. 200ᵇ u. dgl.) aus typographischen gründen meist unsicher (unfür d. texte des ma.s 14, 81. 534, 31 beweist nichts; vgl. 534, 5), später unüblich. plur. nicht häufig: unfurn Lori bergrecht 90 v. j. 1469; unfuͦren Manuel weinsp. 963. 2211; unfuhren Germania 17, 320. wie bei unart, unbild, unform u. s. w. steht ein m. (vil unfurs Haltaus 1931 v. j. 1429; Riederer c 6ᵇ; Boltz Terenz 51ᵃ; 157ᵇ; Franck chron. Germ. 157ᵇ; Schütz Preuszen 1, H 2ᵇ u. ä.) neben häufigerem f. das mhd. weit verbreitete wort veraltet für die schriftspr. im 17. jh.; nicht mehr bei Stieler; als veraltet bei Frisch a. a. o.; Rückert zieht es alterthümelnd wieder hervor. in maa. und bei schriftstellern, die der ma. nahestehen (Aurbacher), erhalten Schmeller 1, 748; Schöpf 27; Egger gl. 937ᵇ; Frommanns zeitschr. 5, 336; Staub-Tobler 1, 971; Fischer 2, 1848; Schmidt schwäb. 181; Birlinger 421ᵃ; Martin-Lienhart 1, 136ᵇ; Drechsler Scherffer 105; welcher bürger oder bürgers sohn sein gut mit unfuhr (ohnnütz 1732, liederlich und verschwenderischer weise 1783) zubringet Danziger willkür 1597. un kann in manchen fällen improbativ oder intensiv aufgefaszt werden.
1)
gegenstück zu mhd. vuore gedeihen, rettung, heil, vortheil (vgl. gut, schlecht fahren und geführ): weder unvuor noch gevüer mhd. wb. 3, 264ᵃ; unheilvolles: (er muszte) aufmerkung haben, ob er keinerlei unfur, feur etc. vermerckte städtechron. 2, 325; damnum Schöpper d viijᵇ; Fischart flöhhatz 249 th. 6, 2712; dasz die bäuerinnen mit hasenschartigen kindern niederkommen und dergleichen unfuhren mehr treiben Germ. 17, 320. vgl.ungeführ der augen Höfler 172ᵃ; fuhr spielverlust Fischer 2, 1849, 4.
2)
gegenstück zu fuhr (th. 4, 1, 1, 429, 15) art und weise.
a)
frevel, ungesetzlichkeit, unrecht, verbrechen, roheit: frevelich unzucht und unfur treiben und üben Nürnb. polizeiordn. 56 Baader; eur zorn .. sich mer von unfuͦr (dafür unform Montanus 117; s.unform I 2 a) dann von gerechtikeit begibt Arigo 634, 25 Keller; Haltaus 1931; unmenschlich unfur Sachs bei Ph. Wackernagel kirchenl. 3, 71; mit u. 19, 297, 11 Götze; unzucht Schütz Preuszen 61; todschlag, raub, diebstal, brand, balgen und andere unfur Fischart podagr. Lᵃ (1591), unfug (1604); Schöpf 27; unführe unrecht Westenrieder 601.
b)
üble lebensführung und gewohnheit, unsitte, verstosz gegen gute lebensart und sitte, unordnung, ungebühr (Martin-Lienhart a. a. o.; Staub-Tobler a. a. o. 1): unfuoge und unfuore diu wilde minnes. 2, 29ᵇ v. d. Hagen; reise unfuor renner 6772; die unfuͦre tribent mit essende und trinkende und mit vorzernde städtechr. 8, 342, 1 f.; Haltaus 1930; Schmeller 748; Danz. willkür ob.; Münster cosm. 379; unfuor und unwort Staub-Tobler 971; alle u. einfüren Franck weltb. 6ᵇ; übermäsziges, unzeitiges purgieren Paracelsus chir. 256 c; ungefür für ungebühr Frisch 308ᶜ; dagegen ehr und führ der ganze moralische charakter Fischer a. a. o. 3.
c)
wüstes treiben, streit, spektakel, skandal. vgl.unfug 1 e. 2 d: geschrey, romor und unfuͦre Arigo 427, 13;
der mensch treybt mancherley unfur,
der mensch macht aufflauff und auffrur
Sachs 3, 452, 37 Keller;
kein unfuor noch fuor stiften Staub-Tobler 971; welcher sonst ein unlust oder unfuhr anfehet oder die leut iniuriert oder schilt Fronsperger kriegsb. 3, 148ᵃ; u. beilegen Fischart ausschreiben c 4ᵇ; dies spektakel dauerte eine ziemliche weile, und die wiedhöpfe auf dem zaun lugten der unfuhr zu Aurbacher volksbüchlein 235;
darfst du kleines dinges wegen
also groszer unfuhr pflegen?
Rückert 4, 235;
lärm, tumult Frommann zeitschr. 5, 336. dafür einfaches fuhr (th. 4, 1, 1, 429; Staub-Tobler 1, 970, 5; Fischer 2, 1849, 2; Schmeller 1, 747), nach d übergreifend, und gugelfur, erzfur, heidenfur, höllenfuer u. s. w., gefährt (th. 4, 1, 1, 2092 f.).
d)
possen, ineptiae Schönsleder; absurda Aler. vgl.unfug 1 d. 2 d, fuhr, gefährt: narren unfuor renner 16476;
do (in der kirche) muͦsz man richten usz all sachen
und schnyp schnap mit den holzschuͦh machen
und sunst vil unfuͦr mancher hand
Brant narrenschiff 46, 11 Zarncke;
etliche ... herum ziehen, bei ehrlichen leuten einzukehren und daselbsten aus lauter muthwillen allerhand unfuhr vor sich und ihr gesindlein zu treiben acta publ. 5, 334 Palm;
wozu treibst du die unfuhr
und den nächtlichen unfug
Rückert 2, 204;
übertriebene lustbarkeit Staub-Tobler 1, 971, 2; Schmidt 181.
e)
maszbestimmung für einen unförmlich groszen, ungeschlachten gegenstand: en unfuer vom-ene brocken Staub-Tobler a. a. o. 3. vgl.fuhr groszer schub beim essen Fischer 2, 1849 1 b δ; frâz und unfuor renner 11704.
f)
ein spiel: spielt er .. der unfur Garg. 259 neudr.; vgl.des fures spiln Schmeller 748. —
Zitationshilfe
„unfuhr“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/unfuhr>, abgerufen am 14.10.2019.

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