unflätigkeit f.
Fundstelle: Lfg. 4 (1915), Bd. XI,III (1936), Sp. 563, Z. 54
gegentheil des selteneren flätigkeit. mhd. unvlætecheit. mnd. unvlêdicheit. seiner bildung gemäsz bezeichnet unflätigkeit eigentlich mehr die eigenschaft und den zustand, unfläterei mehr die betätigung; das concret gebrauchte unflätigkeit kommt unflat nahe.
I.
abstract.
A.
an die grundvorstellung unflätig ungespült, ungewaschen erinnert die erläuterung in Corvini fons latinitatis (1646) 501: illuvies, unflätigkeit, qualis est rerum non lotarum; vgl. corporis illuvies unter II.
B.
nach unflätig II, und zwar
1)
zunächst auf den gesichtssinn bezogen. deformitas, foeditas Frisius. Maaler. gegentheil mhd. vlætecheit. s. unflätig II 1: sin roͤselechten wangen, die da brunnen als die rosen, sint nu von unfletikeit entschöpfet Suso d. schr. 551, 25; in klaidung und zierden sichstu an jm weder zu vil zierd noch zu vil unfletigkait ... man sol sy all baid fliehen, zierd und unfletikait Keisersberg schiff d. penit. (1512) 30ᵈ; sie wissen nicht, was ungestalt und unfletigkeit under der ... falschen farben verborgen ist Wimpheling bei Schmidt els. wb. 377ᵃ; er mochte aber von unflätigkeit (entstellung durch) desz gerunnenen bluts, uber sein haupt und antlitz gangen, von jrer wenigen kaum erkennt werden Xylander Plut. 98ᵃ.
2)
nach unflätig II 2 d: unvledicheit der suke Schiller-Lübben 5, 85ᵇ; wegen ihrer natürlichen unflätigkeit sind sie (die schweine) den Hebräern ... verbotten gewesen Hohberg 2, 304. veraltet nach unflätig II 2 d ζ: nuhn seindt do vorhanden im terpentin etlich immundities, ausz der saturnischen, martialischen unflättigkeit, die alle gutte tugendt ... hinderen Paracelsus 1, 1025 A. ebenso nach unflätig II 2 d λ: sein armuͦtseligkeit und unflätigkeit Keisersberg postill 4, 22.
3)
nach unflätig II 3 a: die unfletigkeit der sünd Keisersberg schiff d. penit. 29ᶜ; renner 18202; germ. abh. 25, 515; in der unflätikait der laster Keisersberg pred. (1508) 115ᵃ. nach unflätig II 3 b: das man icht gesehen mocht die unflätikeit des werks, des si mit unkeusch pflagen Muglein Valer. Maxim. 28ᵇ; bosse unkuscheyt unde unfledickeyt Wig. Gerstenberg chron. 109; unzucht und unfletigkeit theatr. diabolorum 1, 33ᵇ; die weiber werden ... in unkeuscher unflätigkeit ertrincken Prätorius anthrop. plut. 3, 370; musiker leute, welche mit einem bösen gerücht behaftet und der unflätigkeit (liederlichkeit) unterworfen sind Böhme gesch. des tanzes 283. nach unflätig II 3 d: was Rachels satiren betrifft, so wird sie nur der den Laurembergschen vorziehen, der regelmäszigkeit und feinheit vor natur, wahrheit und unflätigkeit schätzt Gervinus gesch. d. d. dichtung 3, 318; im übrigen müssen wir diese streitigkeiten ... schon ihrer unflätigkeit wegen bei seite liegen lassen Chrysander Händel 1, 110; unflätigkeit vilainie Frisch (1730) 621; vilainie die unflätigkeit, schande, filtzigkeit Spanutius (1720) 487. an unflätig II 3 e erinnert: weil sie (die eltern) .. aus unfläthigkeit vergassen .., diese (kinder) .. gott wiederzugeben Herder 31, 430.
II.
concret mit plural.
1)
nach unflat, unflätig II 2 b. immunditia Reyher thes. o rᵃ: es (das bad) nimpt hinweg .. alle verborgen kranckheiten als .. schuͤpen, kretzi und alle dergleichen onfletigkeit Münster cosm. 471; grind und andere unflätigkeit Agyrtas grillenvertreiber (1670) 3, 112.
2)
wie unflat, unflätig II 2 d β: alle unflättigkeit des haupts Toxites horn des heils y 5ʳ; also wirfft die matrix ausz jhre unflätigkeit zun monaten Paracelsus 1, 125 A.
3)
wie unflat, unflätig II 2 d γ. mhd. unvlætecheit stercus: so auch iemant were, der sölich unfledigkeit auszschüttet der stat Worms reformation (1515) 77ᵃ; des magens Gengenbach 175 Gödeke. ekelhafte speise, die zur anpreisung seines mittels der tyriaksmann verschlingt Kirchhof wendunmuth 2, 167.
4)
unflat, unflätig II 2 d δ entsprechend: die schweine weltzen sich nach der schwemme in den koth, die tauben aber finden ihre vergnügung in keiner unflätigkeit Zinzendorf kl. schr. 388.
5)
wie unflat, unflätig II 2 d ε: die unfletigkeit abwischen Apherdiani methodus discendi 192.
6)
nach unflat, unflätig II 2 d η. vgl.ε: sie findet ein wenig staub in ihrem zimmer oder ein fäschen auf ihrer kleidung; sogleich beklagt sie sich, dasz sie in einer säuischen unflätigkeit leben müsse vern. tadlerinnen 2, 363. während alle diese concreten verwendungen heute veraltet sind, gilt noch die folgende:
7)
unflat, unflätig II 3 a, unfläterei II 3 entsprechend: das ist eine unflätigkeit (unfläterei) von dir; unflätigkeiten an sich haben, sagen Campe. bes. gern im plur.: schwänke voll unflätigkeiten Gervinus gesch. d. d. dichtung 3, 106; die freude an gemeinheiten und unflätigkeiten ist auch hier die beste würze 2, 313; unfläthigkeiten brachte er vor Gotthelf 1, 154. obscoenitas Dentzler 324ᵃ. —
Zitationshilfe
„unflätigkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/unfl%C3%A4tigkeit>, abgerufen am 25.04.2019.

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