unfertig adj. adv.
Fundstelle: Lfg. 4 (1915), Bd. XI,III (1936), Sp. 538, Z. 75
im allgemeinen gegentheil vonfertig, das freilich nicht alle von unfertig entwickelten bedeutungen gleichmäszig ausgebildet hat. ahd. unvertig. mhd. unvertec, -ic. mnd. unverdich. mnl. onvaerdich. nl. onvaardig Kramer-Moerbeek 1, 332ᵃ. dän. ufærdig. schwed. ofärdig. Staub-Tobler 1, 1041. Schmeller 1, 761. unfaardig Dähnert 506ᵃ. nd. unverig (Schambach 244ᵇ) entspricht mnd. unverdich. vgl. abfertig (Schmeller 1, 748), ungefertig (s. u.); abfüerig, unfüerlich; unfährig. mhd. adv. unverteclîche; nhd. unfertiglich Schöpper syn. gvijᵃ, Stieler 406. unfertlich der ew. wiszheit betbüchlin (1518) 198ᵃ.
A.
zur fahrt ungeeignet, und zwar
I.
objectiv, von weg und strasze. unwegsam, inaccessus. Graff 3, 585. mhd. wb. 3, 258ᵃ. Haltaus 1930. gegentheil fertig (th. 3, 1548) 1. noch ins ältere nhd. und in die mundart reichend: wer wolt nit lieber weytte, ebene strassen mit guͦtten gesellen, dann unfertige steg mit geringer anzal zychen? Schwarzenberg vom zutrinken 39 neudr.; steyg der teutsch Cicero 90; wege theatrum diabolorum (1560) 331ᵃ. so bayrisch unfertige jagdrevier, dinges, boden; aussern holz is der weg unfertig Schmeller a. a. o. ungefährte, unfert unwegsamkeit ebd. vgl. unfährig nicht gut zu befahren Stalder 1, 351.
II.
subjectiv.
1)
eigentlich: non expeditus, impromptus. unfertig ze reisen, träffenlich übel auff die fart gerüst impeditissimus ad iter faciendum Maaler 461ᵃ. Frisius setzte unferig dafür; s.unfährig. verworrenlich unfertigklich implicite Frisius 666ᵇ: das sein heer (von beute beladen) dest unfertiger gewesen Xylander Plut. 22; disz schiff was unfertig 100; Carbach Livius 342ᵛ; ein wegunfertiger älterer curgast wurde gestern nacht von einem schutzmann nach haus gebracht Wiesbadener tagblatt, euphemismus für betrunken. sonst veraltet. wie fertig (th. 3, 1551) 9 e mit genitiv, wobei die sinnliche bedeutung im hintergrunde liegen mag: als seine kriegszleute sahen, dasz dieselbigen (gefangenen) .. der arbeit gantz unfertig waren Xylander Plut. 289ᵃ. Grimm gramm. 4, 681. inhabilis Schönsleder, Stieler, tardus langsam, spatfertig, unfertig Schöpper syn. dvjd: ein so unfertiger briefsteller wie ich Herder 15, 57; ein nicht unfertiger non inconcinnus Voss Hor. ep. 1, 17, 29. veraltet. diese alte bedeutung inhabilis, nach unbeholfen hinüberspielend, mischt sich in der neueren sprache mit bed. B: den langen, dummen, unfertigen jungen Frenssen Jörn Uhl 26; einen .. bauernbuben .. mit .. unfertigen, lümmelhaften gliedmaszen Hesse Peter Camenzind 47. auch der tadel es liegt etwas unfertiges in dir (Ebner-Eschenbach 3, 314) schlieszt, obwohl er im sinne der bed. B verstanden wird, im grunde etwas dieser verdunkelten bedeutung mit ein. wenn Frisius 654ᵃ impedita studia durch unfertige wiedergibt, sind es solche, die nicht vorwärts schreiten, nicht solche, die unabgeschlossen sind. Campe führt noch als allenfalls vorkommend zu etwas unfertig (nicht bereit) sein an. wie die hündin, vertig, läufisch (th. 3, 1549, 5) heiszt, nennt man hunde unfertig; doch scheint der weidmannssprache das gefühl für die sinnliche grundvorstellung abhanden gekommen zu sein, wenn erklärt wird: unfertig ist ein hund, der 1. noch nicht ganz ausgewachsen ist und dessen körperformen daher noch nicht ganz ausgebildet und vollkommen sind; 2. ein hund, der noch nicht ganz fertig dressiert ist aus wild und hund 1900, 159 zeitschr. f. d. wortf. 9, 62.
2)
eingeschränkt und übertragen
a)
auf das körperliche befinden und die natürliche beschaffenheit. vgl. die entwicklung von unartig. gegenstück das mhd. vertec (Lexer 3, 266). den übergang von 1 zu 2 zeigt: unvertec als die kranken sint passional 614, 47 Köpke: wem die leber unvertig ist; wer im leib unvertig ist (aber vertig werden leibesöffnung bekommen, vertig im leib, den leib vertig und waich machen Lexer a. a. o.); wen ain fraw unvertig ist in ir krankheit von ubriger weyplicher natur wegen (menstruation) aus einer hs. des 14. jhs. bei Schönbach stud. z. gesch. der altd. predigt 2, 139 f.; rosenbletter in wein gesotten und einer frauwen, so an heimlichen orten unfertig ist, ... macht sie fertig Lonicerus kreuterbuch 62ᵃ; vgl. gesund und fertig Fischer 2, 1377; mittel zu der unfertigen haimblichkait Schmeller 1, 761; von der milz Schiller-Lübben 5, 85ᵃ; welcker jemand ein oge uth stickt effte hauet em ein hand effte voet aff edder deith hem schaden, lehmniss effte seringe, wodurch he sin dage unfehrdig blifft ... ebd.;
eyne wunde, de dar is gantz unverdych,
de kan me in ener stunde nicht helen
koker 352;
mnd. unverdinge krankheit; vgl.unfertigkeit. nd. unverig, unværig was nicht leicht heilt, entzündlich, in beziehung auf wunden und geschwüre; ne unværige hûd hem Schambach 244ᵇ (das hier herangezogene schwed. varig eiternd gehört zu ahd. mhd. warah, warch, nhd. wark Falk-Torp 1392); wan der hals und zunge unfertig wird Bökel pestordnung der stadt Hamburg (1597) 76ᵇ;
dein schultern werden starck und jung,
doch schwach und unfertig dein zung
griech. dramen 2, 215 Dähnhardt;
von wegen der unfertigen speisz ist ein pestilentzische kranckheit entstanden Xylander Plut. 41; der wein ist fertig (th. 3, 1549, 7) oder unfertig (s. unfertigkeit); schwerlich mit recht th. 3, 1549 'wol hinunter laufend' erklärt. mnl. onvaerdich, onverdich schwach, gebrechlich. schwed. ofärdig gebrechlich, lahm, krüppelig. dieselbe entwicklung der bed. in dän. før, ufør (schwach, lahm, gelähmt), schwed. oför Falk-Torp 291. vgl.unfuhr. bis zu dem nach b) überleitenden begriff gescholten, verachtet, unglücklich scheint diese entwicklung vorgedrungen zu sein: mach mich unfertig, wie du wilt, habeo aeternam gratiam Luther 20, 404, 11 Weim.
b)
auf urtheil und sittliches gefühl bezogen, erhält unfertig die bedeutungen unrecht, falsch, lasterhaft, leichtfertig. gegensatz rechtfertig. vgl.bös-, leicht-, nach-, ring-, -übelfertig. distemperatus Sachses gloss. 443ᵃ. unvertige liute verbrecher, vrouwen dirnen mhd. wb. 3, 258ᵃ; Lexer 2, 1969; Schmeller 1, 761; vitiosissimus: ich hab abgehauen die manigfeltikeit viler unfertiger und ungerechter búcher erste d. bibel 7, 37, 20; ane unfertige nachsagunge lehnsurk. Schlesiens 1, 430; die unfertigen under irem hantwerk ... strafen th. 5, 627; was sie (die vom rath) aber metzen, vierling, diethewffel oder elen ungerecht finden, das sollen sie zerprechen oder abthun und ein yeglich unvertig ding mitsampt der puss ordenlich beschreiben lassen Nürnberger polizeiordn. 184 Baader; unfertig stuck nachgemachter edelstein ebd. 140; krêmerei .. vertig oder unvertig Prager stadtrecht 39, 58; so auch unvertigeʒ guot Barlaam 135, 19; Keisersberg schiff der penitenz 111; Dannhawer catechismusmilch 4, 120. vgl. unrechtfertig. diese bedeutung folgt schon aus der allgemeinen entwicklung; es ist also nicht nötig, unfertiges gut als nicht amtlich zugefertigtes (Staub-Tobler 1, 1041) zu erklären. unfertiglich injuste appelliern Schöpper syn. g 7ᵃ. in amts- und geschäftssprache hat sich unfertig für unrechtmäszig, ungerecht bis zum 18. jh. gehalten: rebellen ... die sich ... empöhrt und allerhand unfertige beschwerlichkeiten verursacht v. Fleming d. v. teutsche soldat 312, 16. unfertig ungerecht, strafbar Frisch 1, 261ᵃ; wegen unfertiger händel verstrickt werden ob animadvertenda facinora in vincula conjici ebd. wie geringfertig abgeschwächt, unbedeutend: Terentia ... nicht eines unfertigen verstands Xylander Plut. 349ᵃ; unwirksam: die lehr on die natur unfaͤrtig Fischart ehzuchtb. 278, 9; schwach: seine unfertige lippen überführen ihn der verdrieszlichen ausrede Harsdörffer gesprechspiele 4, 463. von leichtfertig im engern sinne (th. 6, 643, 4): dasz er sich ... in ein unfertig muͦssiggehends, reichs, wolluͦstigs leben begeben hat Xylander Plut. 306ᵇ; unfertige händel Chr. Weise liebesalliance 95; nur im oberdeutschen und in einigen hochdeutschen kanzelleyen für leichtfertig, muthwillig gebraucht (leichtfertige händel anfangen) Adelung; unfertige streiche machen Campe; durch ein unfertiges betragen hatte sich Günther das glück verscherzt, an dem hofe ... angestellt zu werden Göthe 27, 81 Weim.;
kein leicht unfertig wort wird von der welt vertheidigt
38, 51, 104 Weim.;
auch leicht und fertig werden, natürlich in andrer bedeutung, verbunden (th. 3, 1551, 10 a); im wortspiel: besonders lassen in der stadt die unfertigen, immer fertigen dienstbaren knaben das recht nicht nehmen, dringend ... alte besen ... zu heischen Göthe 42, 2, 458, 29 Weim. sonst wohl nur noch in schriften, die der mundart näher stehen: du darfst mir auch etwas unfertiges sagen Auerbach 6, 162; was weisz ich unfertiger mensch mit der schirmmacherei anzufangen? Rosegger 10, 29. vgl. abfertiges gelasz sonderbares betragen Schmeller 1, 748.
B.
die heutige bedeutung der schriftsprache 'nicht vollendet, beendet, unabgeschlossen' gelangte erst nach dem veralten der unter A behandelten verwendungen im 19. jh. zur herrschaft. die kleider sind noch unfertig führt Campe als nur selten gehört an. natürlich ist diese bed. an sich älter: dieser ... fand ... die fortificationswercke ... gantz unfertig, die garnison sehr schwach Chemnitz schwed. krieg 2, 823, wenn hier nicht imparatus oder nullius momenti vorliegt. unfertig onvolmaakt, niet afgedaan Kramer-Moerbeek; unfaardig unvollendet Dähnert 506ᵃ. die romantik mit ihrer werthschätzung des primitiven gab dann dem begriff auch einen positiven inhalt.
1)
nicht fertig gemacht oder geworden: an der befestigung von Kastel hatte man ... gemauert; wir fanden .. eine unfertige stelle Göthe 33, 322 Weim.; vom Kölner dom: wo eben dieses unfertige uns an die unzulänglichkeit des menschen erinnert 49, 1, 65 Weim.; doch ist das bild selber unbedeutend und sieht wie ganz neu und unfertig aus Solger nachg. schr. 1, 765, 12; in solcher unfertigen gestalt Heine 2, 351; in unfertigem zustande Peschel völkerkunde 413; das reich ist geschaffen ...; aber vieles ist unfertig Mommsen reden und aufs. 183; die pferde arbeiteten noch auf der unfertigen strasze Freytag verl. handschr. 3, 307, also in ganz anderem sinne als A I; neubauten hypotheken-bankgesetz v. 13. juli 1899 § 28; eben darum ist das testament stets ... ein schwebendes, unfertiges geschäft Jhering geist 3, 1, 161; um nichts unfertiges oder unordentliches mit in das neue jahr hinüberzunehmen Fontane I 1, 334. ungewöhnlicher: Kindlingers eigne schriften ... namentlich ist die über hörigkeit ein muster von verworrener, mit sich selbst unfertiger darstellung J. Grimm rechtsalterth. 1, vi.
2)
für primitiv, rudimentär: die deutsche mahlerkunst aber ist ... noch um eine stufe weiter unfertig geblieben F. Schlegel 6, 88; der ausdruck einer unbefriedigten und unfertigen bildung Gervinus gesch. d. d. dichtung 4, 515; unfertige ansätze Mommsen röm. gesch. 2, 164; ein unfertiges staatsleben Freytag 18, 242; wie unfertig die politische tüchtigkeit des volkes auch sei 15, 243; auf unfertiger oder unsicherer grundlage 14, 3. von personen unreif, unentwickelt, infantil u. dgl.: sie war viel zu jung, als sie das handwerk (einer lehrerin) begann .. so blieb sie unfertig und intriguant in allen ihren manieren Gutzkow 8, 246; ein so unfertiger halbmensch ritter vom geist 1, 391; dem gastspiel der unfertigen anfängerin jahrb. d. Grillparzerges. 8, 185; sie sind beide noch unfertig, sind weder kinder noch erwachsene Frenssen Jörn Uhl 147; herr Braun ist ja noch so unfertig in jeder beziehung Hauptmann eins. menschen 56; unfertig im denken, im ausdruck, in der darstellung. vgl.A II 1 inhabilis.
3)
das unfertige kann aber auch höher gestellt werden als das fertige, insofern jede verwirklichung bereits einen abfall von der idee darstellt und die verheiszung gröszer ist als die erfüllung: selbst das unfertige schien als solches von hoher geheimer bedeutung Steffens was ich erlebte 7, 362;
unfertiges ward in die welt gewirkt;
drum dauert sie
Immermann 15, 346;
dieser mangel gab in seinen augen ihrem gesichte etwas reizend kindliches, lieblich unfertiges 3, 31; jenen kindlich erhabenen und, wenn ich so sagen darf, rührend unfertigen zug v. Saar 7, 36. kennerhafte kunstheuchelei und wissenschaftliche geziertheit zieht das bruchstück dem ganzen, das unfertige dem fertigen vor.
4)
ein neuer begriff ergiebt sich aus der gegenüberstellung des fertigen und des werdenden (unfertigen) im sinne Göthes (Faust 182; Boucke 37. 168. 304. 312). der unfertige ist der strebende. von Hebbel aufgenommen (Boucke 313): jedes unfertige wesen leidet tageb. 4, 222; einen unfertigen, planlos strebenden Holtei erz. schr. 2, 182; jener thatsachen .., dasz wir zur zeit noch im unfertigen (im werden) leben Gutzkow 10, 284; ach das kind! erwiderte er, den kinder als unfertige, immerfort fordernde wesen gar nicht interessirten Laube 2, 211; mein dichterisches schaffen war zu jener zeit noch gar sehr unfertig (im werden, reifen, streben begriffen) Rosegger II 15, 150; der ewig unfertige Friedrich Schlegel Minor Schlegels pros. jugendschr. vorr. ix.
Zitationshilfe
„unfertig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/unfertig>, abgerufen am 23.05.2019.

Weitere Informationen …