unausstehlich
Fundstelle: Lfg. 2 (1913), Bd. XI,III (1936), Sp. 237, Z. 24
seit mitte des 18. jhs. literarisch bezeugtes verbaladj. adv., gegentheil des selteneren und als rückbildung zu betrachtenden ausstehlich erträglich, ferendus. selten unausstehbar Herder 4, 280; Ritter erdk. 10, 38. obgleich unausstehlich Adelung wohlbekannt war (mag. 2, 2, 148; lehrgeb. 2, 27. 211), hat er es aus seinem wb. noch ausgeschlossen, vermuthlich wegen des stark sinnlichen untertones; vgl.ausstehen th. 1, 985. Kinderling 432 führt es aus Weisse an, und zwar, der niedersächs. heutigen aussprache gemäsz, in der form unau-stehlich. Siebs bühnenspr. 59; unausstehlig allg. d. bibl. 8, 2, 107; ein unausstehliger mensch Bahrdt gesch. s. lebens 1, 39; vgl. adelig und adelich. erst Campe nimmt das von den classikern viel gebrauchte wort auf. sinnverwandtschaft erörtert Jahn werke 1, 33. unter den in frage kommenden unaushaltbar, unerträglich, unleidlich ist unausstehlich das stärkste, höchsten grad des widerwillens, abscheus, der abneigung anzeigend, odiosus, ἀλεγεινός (Voss Od. 3, 206), οὐκ ἐπιεικτός (8, 307). es wird als steigerung gefühlt: hätte er (Homer) blosz gesagt Θερσιτης μουνος ἐκολωα, so hätte man ihn noch eben nicht verabscheut; wenn er uns aber überdem auch noch sagt, dasz er von scheuszlicher gestalt gewesen, so wird ... dieser mensch uns alsdenn unausstehlich allg. d. bibl. 1, 1, 201; unwiderstehlich unausstehlich Bettine dies buch geh. d. könig 1, 214; ungenieszbar und unausstehlich J. Grimm kl. schr. 5, 176. verstärkungen wie in den tod, fürs leben unausstehlich sind volksläufig. dän. uudstaaelig ordb. 7, 452ᵇ; nl. onuitstaanbaar nl. wb. 10, 2078; westflandr. onuitstaanlijk nl. wb. 10, 2079.
I.
das adj.
1)
von sachen und sächlichen begriffen: das ist doch unausstehlich theater der Deutschen 6, 404; Caroline Schlegel 1, 305; Holtei erz. schr. 18, 13; da ist's mir unausstehlich Bräker 2, 97; Göttingen .., wo es jetzt unausstehlich ist J. Grimm kl. schr. 1, 182;
ein jungg'sell lebt selig;
wär's nicht unausstehlich
Nestroy 4, 61;
ganz unausstehlich .. und barbiergesellenhaft ist es in der anatomie Schopenhauer 2, 142; 'unausstehlich! unser Karl geht nicht drauf!' Laube 1, 62; es wäre mir unausstehlich, mit einem der edelsten charaktere nicht freundschaft zu halten Gleim br. 1, 30; unausstehliche trockenheit des mundes Gottsched d. neueste 4, 349; marter Cramer nord. aufs. 1, 183; brief Lessing 17, 87; dem die welt .. unausstehlich war Zimmermann eins. 1, 168; einen unausstehlichen eingriff Schmidt gesch. d. D. 4, 240; kitzeln ist .. unausstehlich Vieth enc. 1, 142; prickeln Bode Montaigne 1, 174; anblick Herder 3, 46; geruch maler Müller 2, 96; hitze Forster 2, 425; originale .., an denen alles unausstehlich ist Göthe 19, 14, 4 Weim.; ruhe Körner 4, 209; plage Grimm sag. 1, 171; hundegeheul Vischer ästh. 3, 853;
du ewig lied vom unterschied,
du altes unausstehlich lied
Hoffmann v. Fallersleben 4, 77;
charakter H. Grimm Michelangelo 1, 365; mit einem unausstehlichen anstarren Storm 6, 206.
2)
gern von personen: sie sind mir unausstehlich F. Weisse lustsp. 1, 145; ein unausstehlicher mensch 1, 353; um fremden leuten ganz unausstehlich vorzukommen Lessing 17, 388; solche nachbarn muszten .. unausstehlich werden Schmidt gesch. d. D. 1, 402; er .. gefällt 14 tage und wird dann unausstehlich Lichtenberg 2, 133; unausstehlicher laffe Holtei erz. schr. 10, 47; alles-anzweifler Gutzkow ges. w. 8, 67; bursch Pocci kom. 2, 143; die alten unausstehlichen tanten Gutzkow ges. w. 1, 105.
II.
steigerungsformen: nirgends ist herr P. unausstehlicher, als wenn Nicolai lit.-br. 10, 239; die hitze wurde immer unausstehlicher Castelli 10, 111; gelübde, deren jedes .. der natur das unausstehlichste scheint Göthe 8, 14 Weim.;
wie geht's der allerschönsten frau?
und wie dem unausstehlichsten der junker?
Schnitzler grün. kakadu 13.
III.
adv.: wie sie (d. strophe) in späterer zeit bei den meistersängern sich fast unausstehlich schleppte Herder 16, 216. besonders mit negativen begriffen: unausstehlich unhöflich Beck schachmasch. 10; so unausstehlich waschweibermäszig medisant C. Schlegel 1, 26; zerstreut Brentano 7, 47; weise Meinecke Boyen 1, 20; aufmerksam 7, 104. auch ironisch: Hans ist unausstehlich glücklich Bismarck br. a. s. braut 270. zu höchster steigerung verwendet:
du bist
so unausstehlich hurtig nie gewesen
Schiller 5, 103 (Dom Karlos 2, 8);
unausstehlich viel verbindungen C. Schlegel 1, 85; worte Solger nachg. schr. 1, 111.
IV.
substantiviert: es ist ja nicht die rede von einem solchen leeren schliffel und musje Unausstehlich Hauff 3, 96; als ob ein reiches mädchen allemal ein jammerlappen und ein Unausstehlich sein müsse Speck zwei seelen 72. —
Zitationshilfe
„unausstehlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/unausstehlich>, abgerufen am 21.10.2019.

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