tyrannei f.
Fundstelle: Lfg. 13 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1974, Z. 65
alleinherrschaft, despotische herrschaft, handlung, wesensart; denominativbildung zu tyrann (s. dort), dieformal an afrz. tyrannie anschlieszendin allen germ. dialekten als wiedergabe von griech.-lat. tyrannis üblich geworden ist (ndl. tirannie, engl. tyranny, dän.-norw.-schwed. tyrannie); im dt. zuerst auf nd. sprachgebiet nachweisbar (sîner tirannien nicht he kan vorgeten Gerhard v. Minden [ca. 1370] 25, 19 Leitzmann), seit ende des 15. jhs. im hd. heimisch und früh in die diphthongierung einbezogen (thiranney bereits 1495 bei Reuchlin übers. d. 1. olynth. rede d. Demosthenes 14 Poland). die undiphthongierte form hält sich vor allem im alem. (tyrannye [1500] Straszburger zunftverordn. 288 Brucker; tyrany Eberlin v. Günzburg s. u.B 2; tiranny P. Gengenbach 55 Goedeke; tyranni J. Nazarei vom alten u. neuen gott 37 ndr.; tyranny Zwingli dt. schr. 1, 336 Sch.; Wickram w. 1, 191 Bolte; schweiz. schausp. d. 16. jhs. s. u. B 4 b α; Tschudi chron. Helv. 1 [1734] 28ᵃ), gelegentlich wohl auch an bildungen wie demokratie, monarchie angelehnt (tyrannie Bodmer s. u.B 4 b β; Breitinger crit. dichtkunst 1 [1740] 105; Wieland s. u.A 1 u. B 1 c; Zimmermann nationalstolz [1758] 112; S. v. Laroche frl. v. Sternheim 1 [1771] 333f.; Schiller s. u.A 2); sie ist in neuerem sprachgebrauch jedoch von tyrannei völlig verdrängt. ält. orthographische varianten: tyranney Luther s. u.B 1 a; Chr. Weise s. ebda; Göthe s. u.B 1 c; Holtei vierzig jahre (1843) 1, 94; tirraney H. Sachs 1, 180 lit. ver.; tiranney Burkard Waldis Esopus 1, 45 Kurz; Weckherlin s. u.B 4 a; Schiller s. u.B 1 a α; thiranney H. Sachs 9, 208 lit. ver.; tirannei Boregk behmische chron. (1587) 13; Schiller 7, 137 G.; tyraney Moscherosch s. u.C 4. — die neutrale bedeutung 'alleinherrschaft (A)' findet sich vereinzelt in historischer darstellung; üblich wird tyrannei im dt.dem gebrauch des grundwortes tyrann (s. dort) gemäszlediglich im pejorativen sinne, despotische herrschaft (B), handlung (C) und wesensart (D) bezeichnend, s. auch dt. wortgesch. 2 (1943) 20 Maurer-Stroh.
A.
alleinherrschaft, zu tyrann A gebildet.
1)
'uneingeschränkte monarchie (als regierungsform)': es war also wuͤrklich ihr vorhaben, die tyrannie, oder was man zu unsern zeiten eine uneingeschraͤnkte monarchie nennt, aus dem ganzen Sicilien zu verbannen Wieland Agathon 2 (1767) 120.
2)
'absolutistisch regierter staat': von innerer zwietracht zerrissen, muszte der schwache staat (Sparta) die beute seiner kriegrischen nachbarn werden oder in mehrere kleinere tyrannien zerfallen Schiller s. w. 13 (1905) 68.
B.
gewaltherrschaft, despotismus.
1)
im eigentlichen sinne, zu tyrann B 1 gebildet.
a)
'herrschaft der willkür und unterdrückung, schreckensregiment, despotisches walten einer tyrannischen obrigkeit, vgl.tyrannisieren 1 a und 2 a.
α)
allgemein: und die Denen newlich haben yhren koͤnig verjagt, zeigen beyde ursache an die untregliche tyranney, so die unterthanen haben mussen leyden Luther 19, 635 W.; Tarquinius ist ein tyran, darum̄ trängt er die Rhömer inn vyl wäg meer dann jämerlich: ... es würt ouch syn tyranny zum theyl mit der schwechung Lucretiæ (im schauspiel) anzeygt, vnd zum theyl mit dem wuͦlen vnd prassen schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 107 Bächtold; unter einem könige ..., dessen tyranney dem volcke unertraͤglich ... war Chr. Weise polit. redner (1677) 53; die erste festung waͤre von den tyrannen Nimrod erbauet worden, als welcher Babylon und andere staͤdte befestiget, damit er seine tyranney desto besser ausuͤben, und die armen leute desto eher in seine sclaverei haͤtte fuͤhren koͤnnen Fleming teutscher soldat (1726) 385; eine tiranney (Philipps II.) ohne beispiel greift leben und eigenthum (d. niederl. volkes) an Schiller 7, 10 G.; da liegt also das mit blut und thränen so vieler millionen gekittete, durch die tollste und verruchteste tyrannei (Napoleons) aufgerichtete ungeheure gebäude am boden Stein bei Meinecke Boyen 1 (1896) 342; trotz aller machtmittel und trotz aller noch so rücksichtslosen tyrannei (würde sich Hitler nicht halten können); es musz glaube von ihm ausgehen Klemperer l. t. i. (1949) 116; auf irgendeine weise muszte die tyrannei des zaren ... mit der politischen macht des groszgrundbesitzes verbunden sein A. Zweig einsetzg. e. königs (1950) 288. personifiziert: setze dich immer fester, maͤchtige tyrannei (great tyranny, lay thou thy basis sure Macbeth 4, 3 [bzw. 6]) Bürger s. w. 307 Bohtz; ebenso H. L. Wagner theaterst. (1779) 118.
β)
auf die unterjochung eines besonderen bereiches bezogen: seine (Philipps) absicht war, die furchtbare gewalt, die er schon besasz, durch eine geistliche monarchie zu verstärken, ... man hätte sich (dann) gegen den monarchen vergangen, sobald man sich von der formel seines glaubens entfernte; eine solche tirannei des gewissens — die schlimmste aller regierungsformen — wollte Philipp in seinen staaten errichten Schiller 4, 89 G.; Uli wuszte ... nicht, dasz alle, die etwas appartiges wollen, glaubensfreiheit, gewissensfreiheit nur so lange fordern wollen, bis sie in dieser duldsamkeit zur macht erwachsen sind, dann despotisch und gewaltsam zwang und tyranney des gewissens und des glaubens einführen, ... siehe exempel an der französischen revolution Gotthelf Uli, der knecht (1846) 158; vgl. auch: es ist keine groͤssere tyranney, als uͤber die gewissen herrschen Hoffmann polit. Jesus Syrach (1740) 39.
b)
'zwingherrschaft, despotische fremdherrschaft', zu tyrann B 1 b: des hertzogen lande von der vnmenschlichen gewalt und tyranney der keyserlichen zubefreyen Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 286;
hier steht die gottgesendete, die euch
den angestammten könig wieder gab,
das joch der fremden tyrannei zerbrochen!
Schiller 13, 304 G. (vgl. ebda 8, 55);
Napoleon, deine stricke und arge tirannei,
die hauen wir in tausend, in tausend stück entzwei!
Ditfurth volksl. d. pr. heeres (1869) 87.
c)
auf den despotismus als regierungsform bezogen; hierher gehört vielleicht schon: demnach fürbildet diszes spil, wie man die erobert fryheit behalten moͤg wider alle tyranny vnd oligarchi (das ist wider ein soͤlchen gwallt, do wenig lüdt herren vnd meyster sind) schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 107 Bächtold; beide (Platon u. Dion) waren gleich erklärte feinde der tyrannie und der demokratie Wieland s. w. 2 (1794) 284; man schilt mit gleichem recht auf anarchie und tyranney (16. 3. 1814) Göthe IV 24, 201 W.; da ein unbegreifliches gluͤck die tyranney von Athen entfernt hielt Niebuhr röm. gesch. 1 (1811) 251; in jenem systeme (in welchem der sklave kein rechtliches selbst hat) wird die zwangsherrschaft ein besitz: dies nun ist die tyrannei Fichte s. w. (1845) 7, 564. als herrschaftsprinzip: die zwei prinzipen, welche die welt beherrschen, freiheit und tyrannei, ständen sich feindlich einander gegenüber, und an eine friedliche ausgleichung wäre nicht zu denken; denn nie würden absolute fürsten ihren völkern gutwillig liberale institutionen geben Börne ges. schr. 10 (1832) 104.
d)
vereinzelt mit bezug auf die macht des despotischen staates gebraucht: er (Napoleon) war von vier französischen königs-dynastien und allen revolutionsherrschern der letzte kopf, dem die zusammengehäufte tyrannei als eine tontine allein zugefallen Börne ges. schr. 6 (1829) 95.
2)
in erweiterung des anwendungsbereiches für jedes despotische 'regime' im gesellschaftlichen und privaten leben, vgl. die entsprechenden bedeutungsgruppen von tyrann B 2, sowie tyrannisieren 1 c und 2 c.
a)
seit der reformation insbesondere auf das intolerante despotische regiment geistlicher gewalten bezogen: denn das bapstum gewislich das recht endchristisschs regiment odder die rechte widderchristissche tyranney ist, die ym tempel gottes sitzt und regiert mit menschen gebot Luther 26, 507 W.; der baͤtteloͤrden vnd ires roͤmischen abgots tyrany Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 83 ndr.; man urtheile aus den krallen, welche die geistliche tyranney in einem ihrer grimmigsten, zum glück noch gefesselten tyger bereits zu entblössen wagt! Lessing 13, 165 L.-M.; auch der atheismus des achtzehnten jahrhunderts war grösztentheils nur ein durch die kirchliche tyrannei hervorgerufener kampf gegen die in der glaubenslehre versteinerten anthropopathischen vorstellungen Schleiermacher s. w. I 3 (²1830) 190; tyrannei des römischen bischofes Ranke w. 14 (1870) 168.
b)
für das despotische walten weltlicher machthaber, welche die auf grund ihrer sozialen stellung, ihres besitzes oder amtes ihnen zufallende macht miszbräuchlich ausüben: weil sie (die als hexe angeklagte) fuͤrcht die grewligkeit vnd tyranney desz richters, welcher also zuwuͤten gewohnete gegen vnschuͤldigen menschen Nigrinus v. zäuberern (1592) 407;
... desz leichten pöfel-volcks verwirrte policey
... übt freche tyranney
Logau sinnged. 269 lit. ver.;
der zweykampf war ein letztes verzweifeltes mittel des unschuldig unterdruͤckten gegen ... die unredlichkeit der richter oder die tyranney der maͤchtigen Schubert verm. schr. (1823) 2, 312; feudalische tyrannei Forster s. schr. (1843) 5, 244; eine die tyrannei der römischen vögte weit überbietende zwingherrschaft Mommsen röm. gesch. 2 (⁶1874) 294; die erregung über die tyrannei der offiziale, die schon öfters zur ermordung dieser beamten geführt hat, wird sofort nachlassen Boehmer d. junge Luther (1939) 187. auch für die durch revolutionäre massen errichtete gewaltherrschaft: es gibt eine tyrannei ganzer massen, die höchst gewaltsam und unwiderstehlich ist Göthe II 3, 133 W.; die zügellosigkeit, womit losgerissener pöbel die verfassungen umstürzt und tyranney ausübt Niebuhr röm. gesch. 1 (1811) 81.
c)
für das strenge, unduldsame regiment im häuslichen kreise: endlich hat eine gewisse erbschaft den herr von Lylienfeld in den stand gesetzt, sich der tyranney seines oncles zu entziehen Knigge roman m. lebens (1781) 2, 145; er (der schneider) seufzte nämlich trotz seiner dreiszig jahre noch unter der tyrannei einer baumlangen stiefmutter Ludwig ges. schr. (1891) 2, 11; ich (Eva Dornbluth, zeitweise gesellschafterin der baronin v. Poppen) ... benutzte ihn (baron v. Poppen), die apathische tyrannei seiner mutter so bald als möglich abzuwerfen W. Raabe s. w. I 5, 113 Klemm; sie (Klara, die junge herrin von Grabenhagen) sah, dasz unter ihrer (der wirtschafterin) tyrannei das ganze hauswesen litt Polenz Grabenhäger 1 (1898) 94; die sache war die, dasz ihm die liebevolle tyrannei (des vaters) schon längst lästig geworden war Wassermann fall Maurizius (1928) 78; nach der hochzeit ist es bald anders geworden, und herr Kräutlein schmachtet in furchtbarer tyrannei (in einem geknechteten zustand) H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 116. in freierer anwendung: was weibliche sorgfalt mit liebender tyrannei gebietet Holtei erz. schr. 4 (1861) 104.
d)
für das herrschsüchtige benehmen eines kindes (vgl.tyrann B 2 e) oder das rücksichtslose gebaren der schuljugend:
da muszten seine (d. hl. Hippolytus) tyranney
die kleineren geschwister fühlen
J. G. Jacobi s. w. (1807) 1, 62;
unter meinen männlichen lesern wird wohl niemand sein, der nicht weisz, was für eine tyrannei in einer schule von schulknaben ausgeübt werden kann und (vom lehrer) ertragen wird; ... nicht immer hat der lehrer die bessere hand im kampf gegen den rücksichtslosen feind W. Raabe hungerpastor (1864) 1, 54.
e)
gelegentlich auch allgemein für unduldsamkeit den mitmenschen gegenüber: unter den pfahlbuͤrgern und pfahlbuͤrgerinnen von jeder sehr kleinen stadt herrschet ... uneinigkeit, rangstreit, hochmuth, ... intrigue, rache, machtgeitz, plauderey und tyranney Zimmermann einsamkeit 2 (1784) 248;
jedermann trauen ist eine thorheit,
niemand trauen ist eine tyranney
Kirchhofer schweiz. sprichw. (1824) 179;
(Walsing:) ... nur betrage dich so, dasz du fordern darfst, der humor zunehmender jahre moͤge nicht in tyranney ausarten Iffland theatral. w. 3 (1827) 280.
3)
grausam wütendes treiben schlechthin, überleitend zu tyrannei despotische handlung, gewalttat (C): (die Türken) verhergeten drumb, was sie ankamen, mit grewlicher tyrannei Seb. Franck Germ. chron. (1538) 82; die kriegsleute trieben grosse schande und tyrannei daselbst H. Kellner chronica (1574) 113ᵇ; grimmige, verwuͤstende tyranney Guarinonius grewel der verwüstung (1610) (b) 1ᵃ;
und heltest nun davor, dasz stelen, rauben, fressen,
dasz neid, betrug und mord, dasz wuͤste tyranney
nicht sauer sehenswehrt und lauter kurtzweil sey
Rachel satyr. ged. 56 ndr.;
in neuerem sprachgebrauch nur vereinzelt nachweisbar: viel könnte ich sagen von den schrecklichen einfällen und der grausamen tyrannei der Hunnen (bei Holzminden) W. Raabe s. w. I 3, 16 Klemm.
4)
metaphorisch in verschiedener, an B 1 bzw. 2 anschlieszender anwendung, vgl.tyrann B 4 u. tyrannisieren 1 d und 2 d.
a)
bildlich, insbesondere vom walten des teufels: ihr (menschen) seyd biszhero des teuffels gefangne gewest, der hat euch plagt mit wasser, feuͤr, pestilentz. und wer wil doch das ungluͤck alles erzelen? da ligt jr armen menschen unter seiner tyranney Luther 52, 45 W. (vgl. ebda 515); aus des teuffels gebiet vnd tyranney errettet sind Dedekind christl. ritter (1590) b 3ᵇ; tyranney der hoͤllischen geister Prätorius anthropodemus pluton. (1666) 3, 143; dasz ... die tyranney des antichristen geschehen wuͤrde, wenn die zerstreuung des ... jüdischen volks ein ende hätte Jung-Stilling s. schr. 3 (1835) 485; des todes:
o gott, der todt mit not
durch tyranney sich uͤbet
Wolfhart Spangenberg u. Isaac Fröreisen gr. dramen 1, 123 lit. ver.;
und des unwiderstehlichen liebesgottes:
... Amors tyranney vnd brand
Weckherlin 1, 176 (la.) lit. ver.;
uns soll Amors tiranney
... mit verdrusz und angst beleben
ebda 1, 254;
kann ich denn Amorn nichts, sonst nichts entgegenhalten,
so klag' ich, und mein reim flucht seiner tyranney
Bode Montaigne (1793) 2, 79;
gelegentlich aber auch sonst in poetischem stil:
stuͤrmt, reiszt und raszt ihr ungluͤcks-winde,
zeigt eure gantze tyranney!
Günther ged. (⁴1746) 297;
nicht wehnend, wie so leicht der wellen tyranney,
durch einer bülge stosz, dem schiffmann tödtlich sey
Weichmann poesie d. Niedersachsen 1 (1725) 58;
... der verse tyranney
ist allzu schwaͤr
Drollinger ged. (1743) 296;
... möglich, dasz der vater nun
die tyranney des einen rings nicht länger
in seinem hause dulden wollen!
Lessing 3, 94 L.-M.
b)
übertragen.
α)
vom zwang überindividueller, geistiger wesenheiten, dem der mensch unterliegt: geystlich recht ..., das doch on yhm selb ein lautter tyranney, geytzerey und zeytlicher pracht ist, mehr dann ein recht Luther 6, 418 W.;
yedoch wo jr (römische bürger) noch waͤrend fry
vnd nit verhafft mit tyranny
des nüwen eyds (kein geld zu nehmen), der üch vergrabt,
so wurdend jr gar rychlich bgabt
schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 145 Bächtold;
das ... gerade nur der mohr die stumpfnase für schön hält, und sonst niemand, ... zeigt ja klar, dasz das nur die tyranney eines hochhinabgeerbten nationalvorurtheils war, die das natürliche gefühl des schönen in solchen fällen zu tilgen oder zu krümmen vermochte Lavater physiognom. fragm. (1775) 1, 60;
mit murren trägt's (Böhmen) des glaubens tyranney,
...
und kann's der sohn vergessen dasz der vater
mit hunden in die messe ward gehetzt?
Schiller 12, 221 G.;
(Antonio:) die wahre freundschaft zeigt sich im versagen ...
(Tasso:) schon lange kenn' ich diese tyrannei
der freundschaft, die von allen tyranneien
die unerträglichste mir scheint ...
Göthe I 10, 213 W.;
die tyrannei der willkühr war mir nie so verhasst, wie die der gesetze Börne ges. schr. (1829) 13, 13; wir sind im begriffe, von allen tyranneien uns zu emancipiren, ja von allem, was auf alleingültigkeit anspruch macht; nur immer tiefer verfallen wir in die tyrannei der mode, und keine ist so furchtbar in ihren folgen als die der prüderie W. Alexis hosen 1 (1846) xix; tyrannei der öffentlichen meinung Storm s. w. 4 (1899) 22; die tyrannei der werte Nic. Hartmann ethik (²1935) 523; insbesondere auch vom despotischen walten des glücks und des schicksals:
mit dem schilde in der linken er des gluͤckes tyranney
unverletzt ersteht und traͤgt was die menschen tragen muͤssen
Sigm. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 266;
des schicksals tyranney
Pfeffel poet. vers. 1 (1816) 124;
wodurch verdienten sie (anrede) das? tyrannei des geschicks Grabbe s. w. 4, 488 Blumenthal.
β)
vom joch menschlicher triebe, affekte und schwächen: es ist nitt gnug, das uns Christus erlosset von der tyranney und hirschafft der sund Luther 10, 1, 2, 31 W.; so ist der eiffer ein grausame betruͤbung vnd gar ein vnguͤtig vngehaltene tyranney vnd wuͤten Barth weiberspiegel (1565) x 8ᵇ;
wer aber macht uns also frey
von der begierden tyranney?
Sim. Dach 928 Österley;
(ein glück,) bey dem er (der wunsch) nicht mehr ... der tyranney seiner affecten ... unterworfen seyn ... wird Kaestner verm. schr. 1 (1755) 14; jener, die als grosze männer nicht frei ausgingen von der tyrannei sünde Bettine Günderode (1840) 2, 96; häufig auch vom walten der phantasie, des verstandes, der vernunft u. ä. seelenbeherrschender kräfte: je mehr ihn (Magny) sein naturell, das zu abgezogenen wahrheiten gewoͤhnt war, vor der tyrannie und dem betrug der phantasie bewahret hat Bodmer abhandl. v. d. wunderbaren (1740) 45;
mit dir (aberglaube) kam auf die erde des wahnes tyranney,
der wilde ketzereifer, der hasz, die barbarei
Dusch verm. w. (1754) 18;
da nun doch phantasie und empfindung noch nicht so geschwächt waren, diese tyrannei (des verstandes bei dichterischer gestaltung) schweigend zu erdulden ... fühlte ich ... je mehr der verstand sich befriedigte, eine unbefriedigung des ganzen menschen O. Ludwig ges. schr. (1891) 6, 222; und o wie lieb ist mir noch der schmerz, der die tyrannei des raisonnements so schnell zerstoͤrte! J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 230.
C.
gewalttat, despotische handlung, vgl.tyrannisieren 1 e.
1)
grausamer willkürakt eines tyrannen (s. d. B 1): dafür behüte mich gott (einen wehrlosen haufen von frauen, kindern u. schwachen anzufallen)! ich (Alphonsus v. Arragonien) wollt nicht das ganze königreich Neapolis nehmen und solche tyranney und wütherey üben Joh. Mathesius bei Luther tischr. 5, 32 W.; der kais. Nero noch viel groͤssere tiranneyen veruͤbt Harsdörffer teutsch secret. (1656) 1 I i 4ᵃ; diese tyranney (aburteilung und einziehung des vermögens der böhmischen rebellen durch kaiser Ferdinand) war zu ertragen, weil sie nur einzelne privatpersonen traf Schiller 8, 93 G.; nicht sowohl durch seine siege erscheint Karl grosz, als vielmehr durch seine beförderung der wissenschaften und schulen ..., am gröszten aber dadurch, dasz seine macht und geistige überlegenheit ihn nur selten zu willkür und tyrannei verführten Raumer Hohenstaufen 1 (1823) 12; und durch die wissenschaftliche, vielmehr pseudowissenschaftliche rassenlehre begründet und rechtfertigt man ... jede eroberung, jede tyrannei, jede grausamkeit und jeden massenmord Klemperer l. t. i. (1949) 142.
2)
vom miszbrauch geistlicher gewalt; so besonders im sprachgebrauch der reformationszeit: es ist ein lauter tyranney, das man ubir felt szo weyt fur (das über den bann entscheidende) gericht ladet Luther 6, 75 W.; die seelen mit bann und tyranneyen morden ebda 10, 2, 114 (vgl. 6, 457: on romisch tyranneyen);
ein grauer münch, hat hölzen schuh,
derselbig gleiszner hat mandat
zu greiffen mich (Hutten) in jeder stadt,
...
seind nit, die diese tyrannei
beweg, dasz sie mir wohnen bei
Ulr. v. Hutten op. 5, 87 Münch;
vereinzelt auch aus neuerer zeit bezeugt: wir hätten nimmermehr geglaubt, dasz ein protestantischer theologe einer solchen päbstischen tyranney (einen schauspieler von der communion auszuschlieszen) fähig sein könnte Lessing 4, 269 L.-M.
3)
allgemein von jedem akt ungerechtfertigter härte: gleich wie aber die eltern an jhren kindern sie zur ehe zuzwingen, keinen gewalt vnd tyranney vben sollen: also sollen auch ... L. Sandrub hist. u. poet. kurzweil 13 ndr.;
... gesetzt, dasz ihr (der mutter) gebluͤte
so sehr unversoͤhnlich bleibt,
und ihr zorniges gemuͤhte
solche tyranney (verstoszung ihres kindes) betreibt
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 89.
im sinne von 'quälerei, schikane':
ei lieber (schulmeister) lasz einmal von deinen tyranneien
Grob dichter. versuchgabe (1678) 50;
und das miszhandelte vieh entflieht den tyranneien der menschen Schiller 1, 176 G.; nein, es ist eine quälerei, eine tyrannei meines mannes Pocci lust. komödienbüchl. (1859) 172; ich ... erfuhr, dasz Römer ... das opfer unerhörter tyranneien und miszhandlungen war Keller ges. w. 2 (1899) 53; so auch bildlich gebraucht: so soltu wissen, dasz so bald der verstossene engel in fall kam, ist er gott vnnd allen menschen feind worden, vnd sich, wie noch, vnterstanden, allerley tyranney am menschen zu vben volksb. v. doktor Faust 32 ndr.; die natur hat oft diesen tyranneyen (der gartenkunst) so sehr weichen müssen, dasz kaum noch eine spur von ihr übrig geblieben Hirschfeld anm. üb. d. landhäuser u. d. gartenkunst (1773) 137.
4)
im sinne von 'untat' schlechthin: was kuͤnte aber fuͤrn groͤsser mutwil, schrecklichere suͤnde vnd greulicher tyranney auff der welt schier geschehen, als ... Pape bettel- vnd garte-teuffel (1586) n 5ᵇ;
hat nit vor jahren Pallas grim
...
auch dem Ajaci eingetrenckt
sein tyranney und missethat,
die er schantlich begangen hat
an der jungkfraw Cassandra zart
Spreng Aeneis (1610) 3ᵃ;
diese lose tropffen, ihre tyraney zu veruͤben, dachten an nichts anders, als wie sie einem maͤnschen die zaͤhne ... herausz reissen ... moͤchten Moscherosch gesichte (1650) 1, 178; er (gott) ist eben so gros in deinen (Franz Moors) tyranneyen, als irgend in einem lächeln der siegenden tugend Schiller 2, 182 G.; gelegentlich auch im sinne von 'freveltat': solche vnerhoͤrte tyranney wider gott ... hat der allmechtig nachmals ... gestraft Joh. Nas eins vnd hundert 1 (1567), 63ᵃ.
D.
als bezeichnung der wesensart.
1)
im sinne von 'gewalttätigkeit, grausamkeit, brutalität': crudelitas ... tyrannei Alberus dict. (1540) D d 3ᵃ;
die, deren gaist und hertz von frechem übermuth
und hochfart auffgeblasen
(als meine tod-feind) mich mit tyranney und wuht
zu tödten, rasen
Weckherlin ged. 1, 346 lit. ver.;
seid mir doch samt (bei all) eurer (der seeräuber) tyrannei so gnädig und nehmt mich auch mit ihr (dem geraubten eheweib) Abr. a s. Clara w. 2, 167 Strigl.
2)
im sinne von 'rücksichtslose, eigenwillige strenge':
geiz, eifersucht und tyrannei (des ehemanns),
diesz waren fehler haͤrter zu verdauen;
und die bewiesen ihr (der neuvermählten), wie selten für die frauen
zufriedenheit die frucht der ehe sei
Eschenburg beispielslg. (1788) 1, 229;
doch zeichneten diesen regenten (Friedrich Wilhelm I.) trotz aller seiner brutalität und tyrannei zwei grosze eigenschaften aus: energie und beharrlichkeit Pückler briefw. u. tageb. 2, 1 (1873) 332.
Zitationshilfe
„tyrannei“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/tyrannei>, abgerufen am 19.07.2019.

Weitere Informationen …