tupf m.
Fundstelle: Lfg. 12 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1814, Z. 56
punctum, macula. ahd. topho; mhd. topfe. verwandt mit dem synon. stupf (s. teil 10, 4, 552 u. tupfen sp. 1823), ahd. stopho, stupf, mit dem es auf eine gemeinsame idg. wurzel *(s)teu 'stoszen, schlagen' zurückgeht, vgl. Walde-Pokorny 2, 619. nahe steht nd. topp, s. teil 11, 1, 866; 817; ebda 2 a weitere hierher gehörige formen. ursprüngliche verwandtschaft mit tupfen besteht trotz Kluge ¹¹635; Kluge-Götze ¹⁵814 nicht, wohl aber sekundäre annäherung. im nhd. hat sich der stammvokal an tupfen, vb., angeglichen; topf noch mundartl. bei Tobler Appenzell 141. umgelautete und entrundete formen: tüpff Blümml Leipz. liederhs. d. 17. jhs. 112; tipff Czepko geistl. schr. 279 Milch; tipf W. Scherffer ged. (1652) 549. der auslautende vokal ist obd.-md. noch erhalten: tupfe Fischer schwäb. 2, 472; Halter Hagenau 148; Hunziker Aargau 65; Seiler Basel 91; Hertel Thür. 249; dupfa Kuen oberschwäb. wb. 13; tuppa Sartorius Würzburg 128; die pluralendung der schwachen dekl. dringt bisweilen in den nom. sg., ohne sich jedoch durchzusetzen: tupfen Martin-Lienhart 2, 703; Frisch (1741) 395ᵃ; tuppen wb. d. Elberf. ma. 166; Leithäuser Barmen 161; Follmann Lothr. 112; bis ins 18. jh. schriftsprachlich auch dupff: S. v. Birken ostl. lorbeerhayn (1657) 330; Volkamer Nürnb. hesp. (1708) 49; Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 1913; Pomey (1720) 315. vereinzeltes femin. bezeugen Fischer schwäb. 2, 472; Seiler Basel 91; Hertel Thür. 249. die aus dem ursprung des wortes herzuleitende grundbedeutung 'durch stosz, stich oder berührung überhaupt entstandener punkt' hat sich früh differenziert. in den ahd. Prudentiusglossen des 11. jhs. als glossierung zu lat. nota, punctum in den bedeutungen 'schriftzeichen, punkt, funken': tophun (Eulalia enumerante) notas ahd. gl. 2, 444, 26; 27; notas (vepribus inpositas) ebda 2, 438, 21; tophin, t(r)ophun punctis (stridulis sparsim per artus figitur) ebda 2, 428, 53; 476, 61 St.-S.; vgl. auch den beleg aus dem frühmhd. (s. u. 3). in neuerer zeit bezeichnet das wort vorwiegend den für das auge wahrnehmbaren fleck; der vorgang der berührung tritt deutlich nur in einem vereinzelten beleg des 16. jhs. hervor: damit die iungen verstendig ... werden, so will jch jnen den punckten als ein gemel mit eym tupff einer federn fürsetzen Dürer underweys. d. messung (1525) A 11ᵃ.
1)
der einzelne, durch bestimmte lage ausgezeichnete punkt; 'geom. punkt, mittelpunkt, scheitelpunkt'; in dieser bedeutung schriftsprachlich nur bis in das 18. jh.: punctum, apex Weismann lex. bipart. (1698) 383ᵃ; centrum der mittelpunct oder dupff Pomey (1720) 315: es ist aber mit dem dreiyeck also beschaffen, dasz er aus einem eintzigen tipff seinen ursprung nihmt, welcher sich in 2 andere auswirfft, dasz zwar 3 tipff offenbar werden, aber alle drey ... dem eintzigen und ersten alle gleich sind und an sich selbst ein eintziger tipff verbleiben Czepko geistl. schr. 279 Milch; also verursachen die so vielerley zenith, oder scheitel-tupffe desz himmels, dasz hiesige körper, welche allhie schier einander berühren, dem himmlischen einflusz nach dennoch, auf viel meilen, von einander geschieden seien Francisci d. eröffn. lusthaus (1676) 1354; bildlich:
die scheibe warest du in angestellter wahl
nach welcher hat gezielt so vieler stimmen zahl.
auf dich, den mitteldupff, die striche traffen alle
Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 330;
mundartlich: er trifft alle tur de 'tupfe' (mittelpunkt der scheibe) Martin-Lienhart 2, 703. vereinzelt auch 'punkt über dem i', wofür sonst allgemein tüpfel (s. d.): tupfen ein punct, als einer insgemein über das i gemacht wird Frisch (1741) 2, 395ᵃ.
2)
punkt, farbfleck, der durch künstliche färbung entstanden ist; vorwiegend pluralisch:
a)
flüchtig und regellos hingeworfene flecken, die auf verschiedenartigem untergrund gemalt oder gezeichnet sind: mit den wenigen weiszen, wohlangebrachten strichen und tupfen auf dem roten grunde (die ein maler mit einem pinsel auf das tuch warf) G. Keller ges. w. (1889) 1, 109; eigene zeichner, deren aufgabe es ist, ... nach herzenslust blumen, sterne, ranken, tupfen und linien durcheinander zu werfen ebda 1, 225; Kulekule hatte gesicht und oberkörper mit orangeroten strichen und tupfen verziert v. d. Steinen Zentralbrasilien (1894) 86.
b)
ohne die ausgesprochene vorstellung einer manuellen tätigkeit im sinne von 2 a; punkte des stickmusters, punktartiges muster von stoffen: strich-oderstrick-nahd, (i. e.) eine kunst ... mit weissen zwirn in ein gestrick entweder nach alter art nach dem so genannten dupff mit lauter vollen und wiefel oder nach der neuen mode nach dem risz ... der zeichnung nach ... umzulegen, zu vollen, zu wiefeln Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 1913; die tupfen sind schön, rund und voll zu sticken Dillmont encycl. d. weibl. handarb. 53; es ist reizend hellblauer tüll mit eingestickten tupfen E. Georgy d. Berliner range (1900) 1, 185; die angewendeten farben (für den polynesischen rindenstoff) sind nur schwarz, weisz und rotbraun, die muster ebenso geradlinig, mit ausnahme der selten vorkommenden tupfen Ratzel völkerkunde (1885) 2, 173; grauweiszes gewand mit braunen tupfen Hiller v. Gärtringen Thera (1903) 2, 25; das gewöhnliche braune kleid mit den roten tupfen Rosegger wildlinge (1905) 359.
3)
von der natürlichen färbung 'punkt, farbfleck, sprenkel'; schon frühmhd.:
der x. stain ist sus
gehaizen, crisophîrus ...
dâ stênt ane tophen,
sam dî golttrophen
darane sîn gemâlôt
beschr. d. himml. Jerusalems v. 375 Waag.
a)
gesprenkelte färbung des tier- oder pflanzenkleides: da hingegen diejenige (blüten), welche nur lauter dünne fadenähnliche zasern mit gelben dupffen zeigen, leer sein, und keine früchte bringen Volkamer nürnberg. hesperides (1706) 49; ein leopardenfell, das mir wegen seiner schönen zeichnung auffiel: fast rein weiszer grund mit ziemlich genau quadratischen schwarzen tupfen Soyaux aus Westafrika (1879) 2, 14; ein herrlicher schmetterling mit seinen blutroten tupfen auf den flügeln qu. v. j. 1930; neben grau und weisz (als farben des fisches) kommen alle farben in streifen, flecken, tupfen ... vor Vischer ästhetik (1846) 2, 130; von vogeleiern: die eier sind ... mit ... ölbraunen tupfen ... gezeichnet Brehm tierl. 4, 497 P.-L.
b)
in z. t. deutlicher anlehnung an das tierkleid auch von der färbung der menschlichen haut und von gegenständen:
nehmt froschlaich, krötenzungen, cohobirt,
im vollsten mondlicht sorglich distillirt;
und, wenn er abnimmt, reinlich aufgestrichen,
der frühling kommt, die tupfen (sommersprossen) sind entwichen
Göthe I 15, 76 W.;
die (messer-)klinge ... sah aus wie der leib einer forelle, silbern mit roten tupfen (von rost) bestreut Alverdes Reinhold (1931) 104. im vergleich: ihr gesicht hatten luft und sonne so dunkelbraun gemacht, dasz die groszen sommersprossen sich als helle tupfen daraus abhoben; sie wurde daher im ganzen dorf die forelle genannt Carossa eine kindheit (1922) 12; mundartl.: fleck auf der haut, sommersprosse, blatternarbe Fischer schwäb. 2, 472.
c)
zur wiedergabe von fleckenartigen licht- und schattenwirkungen (s.tupfen, vb., 2 c): sein verzaubertes ansehen ward heute noch dadurch vermehrt, dasz es bei dem schein der astrallampe ... auf der rechten seite glänzend silberweisz, auf der linken schwarz mit rothen tupfen ... erschien Pückler südöstl. bildersaal (1840) 1, 117; blau war er (der himmel) nicht mehr, sondern nach und nach aschgrau mit gelben und feuerroten tupfen über den bergen Federer berge u. menschen (1911) 56; (der) abend ... der dazu einen schön blauen himmel mit goldnen tupfen über ihnen ausspannte W. Speck Ursula (1906) 357; die nachmittagssonne fiel schräg durch die bäume, unter welchen ihr freund sie erwartete, und malte zitternde kringel und tupfen auf ihr hübsches, erhitztes gesicht Langgässer d. unauslöschl. siegel (1946) 285.
4)
zur bezeichnung des kleinen, winzigen in verschiedener hinsicht, vgl.punkt 7, teil 7, 2236; geldstück geringen werts: 7 tupf 7 kreuzer Jacob Wien 198; tupf 1 pfennig Ostwald rinnsteinspr. (1906) 157;
man darff nur auff die neustadt gehn,
so sieht man auff der gassen stehn
und auff der gassen lauffen,
die ihren alabasterleib
dem teutschen volck zum zeitvertreib
um einen tüpff verkauffen
bei Blümml zwei Leipz. liederhandschr. d. 17. jhs. 112;
kleckschen: in eine gefettete springform streut man eine lage brot, gibt darauf tupfen von dem apfelmus daheim 71. jahrg., nr. 7, 17ᵇ. von den emporsprudelnden teilchen kohlensäurehaltiger getränke:
zwar gibt es lust zutrinken,
wenn man den edlen safft
im glaase siehet blinken
und dessen innre krafft
aufwallen und aufhüpfen
in zart-subtilen tipfen
W. Scherffer ged. (1652) 549.
von menschen: tupf kleine person Martin-Lienhart 2, 703.
5)
mundartlich auch synonym mit punkt in anderer hinsicht; 'pünktlich; auf den punkt genau': tupf 2 uhr punkt 2 uhr Fischer schwäb. 2, 472; er ist auf den tupf gekommen auf denselben augenblick, wie er sagte Stalder Schweiz 1, 327; er het's uff der dupfe errote Seiler Basel 91; ken topf dezue ond ken devo beim erzählen, auf den punkt genau Tobler Appenzell 141; of de dube auf den punkt, genau Hertel Thür. 249; om tuppen brengen auf den wesentlichen punkt wb. d. Elberf. ma. 166.
Zitationshilfe
„tupf“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/tupf>, abgerufen am 23.05.2019.

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