tragbahre f.
Fundstelle: Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1028, Z. 7
ferculum, gerula, vectatorium.
form. mhd. tragebâre (jg. Titurel 6049 s. u.), spätmhd., frühnhd. mit abschwächung des zweiten compositionsgliedes trageber s. Lexer 2, 1489, mnd. dragebere: op einer drageberen a. d. j. 1502 urkdb. Dortmund 1, 346 Fahne. die a-form (im frühnhd. schrifttum selten: tragbar n. sg. Luther 2, 753 W.) gewinnt seit dem ende des 16. jh.s die oberhand: zuerst mit -aa-, z. b. tragbaar Frischlin nomencl. (1591) 257; Comenius jan. aurea quat. ling. (1643) § 415; Robinson Crusoe (1720) 1, 330; dann -ah-: tragbahr Duez nomencl. (1652) 92; M. Kramer (1702) 2, 1104ᶜ u. ö. vorher überwiegt tragber(e): Diefenbach 112ᵃ; 261ᵇ; 592ᵃ; 608ᵇ; 641ᵇ; nov. gloss. 191ᵇ (14. bis anfang 16. jh.); Fries Würzb. chron. (1546) 83; Fronsperger kriegsb. (1578) 1, n 2ᵃ; Wickram 1, 209 B.; auch tragbaeren Reutter v. Speir (1594) 143; nach dem 16. jh. nur noch selten: tragbere A. Müller denkw. reisen (1678) 82ᵃ; tragbähre Weismann lex. bipart. (1725) 2, 410ᵇ; heute nur dialektisch: tragbäre Hertel Thür. 64; traakpeea Lenz Handschuhsheim 8ᵇ; traggbäre Seiler Basel 82ᵇ; tragbäre Fischer schwäb. 2, 303; dragberie Doornkaat-Koolman ostfries. 1, 325ᵇ; mit contraction des ersten compositionsgliedes: drôbier wb. d. luxemb. ma. 72ᵇ; draabär Schmidt Straszbg. 27ᵃ; drabber arch. d. ver. f. siebenbg. landeskd. n. f. 27, 628; siebenbg.-sächs. wb. 2, 66. auch trabel, f., Schmidt westerw. 261; Kehrein Nassau 406; drabbel rhein. wb. 1, 1428 gehören hierher, wenn -l- auf -r- zurückzuführen ist (Wilmanns dtsche gramm. I² § 114). das zweite compositionsglied ist besonders im 17. jh. und zu anfang des 18. jh.s einsilbig: tragbaar Frischlin nomencl. (1591) 251; Hulsius-Ravellus (1616) 326ᵃ; tragbahr Duez nomencl. (1652) 92; tragbaar Robinson Crusoe (1720) 1, 330; jetzt mundartlich: dragbǫhr Hönig Köln 36ᵃ; traakpaa Meisinger Rappenau 203ᵇ; auch holländ.: draagbaar wb. d. ned. taal 3, 2, 3186. schwache flexion ist bis ins 16. jh. bezeugt: dat. sg. drageberen urkdb. Dortmd. s. o.; tragberen Fries Würzbg. chron. 83; Xylander Polyb. 376; acc. sg. buch d. liebe 232, 3; Wickram 1, 209 B.; später noch tragbahren d. sg. Pestalozzi (1819) 2, 205. der n. sg. tragbärn bei Hulsius (1618) 249ᵃ und -bern bei Frisch (1741) 2, 379ᶜ, vgl. 1, 45ᵃ, zeigt übertragung der schwachen flexionsendung aus den obliquen casus. seit dem 17. jh. setzt sich die flexionsweise der gemischten declin. reinlicher durch.
bedeutung und gebrauch. tragbahre ist eine tautologische bildung. bahre scheint schon früh die specialbedeutung todtenbahre angenommen zu haben, s. th. 1, 1079; Weigand synon. (1852) 3, 796. tragbahre, zur unterscheidung vom simplex geschaffen, hat dessen umfassendere bedeutung übernommen: gerula trageber Diefenbach 641ᵇ; gerula trageber, mysber nov. gloss. 191ᵇ; vectatorium tragbor, -beer Diefenbach 608ᵇ; traha eyn misttragebere 592ᵃ; cenovectorium tragper 112ᵃ;
mit besemen, tragebâren, rechen, gabelen,
damit siu dann ze hûfen
kunnen kêren, trîben unde schabelen
jüng. Titurel 6049;
etliche wägen mit multen, bütten, körben, tragbaeren Reutter v. Speir kriegsordn. (1594) 143. den gegensatz dazu bildet radbahre (= schubkarre), ein jetzt noch in Thür. gebräuchliches wort, s. Adelung 1, 616, Hertel Salzung. 36 (doch vgl. gerula rad- vel tragper Diefenbach 261ᵇ) und schubkarre: tragbahren zum vertragen der rasen auf solchen wiesen, welche ... den gebrauch des schiebkarrens nicht wohl zulassen v. Schwerz prakt. ackerbau 212; das tragen ... ist im orient auch heute noch üblich, und werden ... tragbahren von den arbeitern den schubkarren vorgezogen Lueger 1, 544. insbesondere ist tragbahre
1)
ein traggerät, das von einer person getragen wird: Philomenum ..., welcher das schwein auff einen tragberen hett Xylander Polybius (1574) 376; sye im zuͦhandt ein tragberen, darauff sie dann zuͦ zeiten irem mann die fischergarn auff das wasser tragen halff, bringen thet Wickram 1, 209, 37 B.; buch d. liebe 232, 3; der wandernde krämer, der seine tr. auf der bank vor dem hause niederstellt A. Meiszner am stein (1853) 1; mancher krämer kam mit einer tr. und hatte fläschchen mit dingen und säften A. Stifter 2, 193. heute nicht mehr gebräuchlich.
2)
ein offenes, mit zwei tragstangen versehenes traggestell, das von zwei personen getragen wird: weiter kommen zween jünglinge, eine tragbere mit einem sehr groszen käse und brodt ... tragende A. Müller denkwürd. reisen (1678) 82ᵃ; einen schönen, fetten rehbock niederlegend, den sie auf einer tr. von grünen zweigen mit grünem laub geschmückt dahertrugen G. v. Arnim heimelchen (1848) 53; im walde wurde schnell eine tragbahre ... gefügt ... (sie) schleppten jauchzend die last des tieres (erlegtes wisent) ins pfahldorf F. Th. Vischer auch einer (1879) 1, 251. gewöhnlich zum transport von kranken oder verwundeten menschen: das si ... dieselben (die armen) uf irem rucken oder tragberen in das gemelt spital tragen Fries Würzb. chron. (1546) 83; (ich) machte geschwind ein tragbaar, und wir trugen sie (die kranken) weg Robinson Crusoe (1720) 1, 330; da brachte man den alten herrn auf einer tr. heim J. M. Miller Siegwart (1777) 718; wurden die gesunden zu pferde, die kranken und verwundeten auf tragebahren abgeführt Ritter erdk. 4, 605; eilig wurden aus zweigen tragbahren verfertigt, und die Korsen trugen ihren blutenden ... helden nach dem gebirge zu Steffens novellen 4, 231. in stilistischer variation auch für sänfte: andre sänften, deren eine jegliche ellenhoch, mit thüren und fenstern, gantz verguldt ... werden ... nur von den fürnehmsten der stadt ... gebraucht, denen zu gefallen die träger solche tragbaaren immer in bereitschaft halten Chr. Arnold wahrh. berichte (1672) 451. speciell das fabrikmäszig hergestellte sanitätsgerät: die ... tragbahren für den transport von verwundeten faul und morsch zusammenbrachen, sobald die unteroffiziere zur probe sich darauf legten E. Richter jugenderinn. 16. gelegentlich als leichen-, todtenbahre: in der ersten kammer (des grabes) lagen nur schlechte todtengeräthe, wie lampen, tr. u. a. m. Ritter erdk. 9, 125; (Hero) tritt zu den füszen der tr., den toten immerfort betrachtend (regiebemerkung; später tragbett genannt) Grillparzer (1892) 7, 98 Sauer; war das grab der ahnfrau eröffnet und stand neben demselben ihr irdisches kleid im sarg auf einer tr. Brentano 5, 215; auch die tr. hatte man wieder mitgebracht, um die leiche transportieren zu können G. Hauptmann bahnw. Thiel (1892) 58.
Zitationshilfe
„tragbahre“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/tragbahre>, abgerufen am 13.11.2019.

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