tradition f.
Fundstelle: Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1022, Z. 34

Unterbegriffe in diesem Artikel

überlieferung, übertragung; seit dem 16. jh. im deutschen nachzuweisen.
A.
gewöhnlich passivisch: die überlieferung im hinblick auf ihren inhalt.
1)
zuerst und bis ins 18. jh. fast ausschlieszlich in der religiösen sphäre: im kampf der reformation gegen die katholische kirche ins deutsche aufgenommen; anfänglich meistens von der einzelnen religiösen vorschrift oder einrichtung, die in confessioneller polemik als zusatz zu dem göttlichen gebot hingestellt wird; öfter parallel mit satzung, ceremonie: dasz man die gewiszen mit so viel traditionibus beschweret (onerare conscientias huius modi observationibus) confessio Augustana in d. symbol. bücher d. ev.-luth. kirche 56 Müller; dasz alle satzungen und tr. (traditiones humanae) von menschen darzu gemacht, dasz man dadurch gott versöhne ..., dem evangelio ... entgegen seind; derhalben sein klostergelübde und andere tradition von unterscheid der speise, tag etc. ... wider das evangelium (vota et traditiones de cibis et diebus) ebda 42; vgl. 286; auch werden viel ceremonien und tr. gehalten als ordnung der messe und andere gesäng, feste etc. 58; vom behalt der scheyden, das ist von menschlicher wiszheit, tradition, ceremonie, angenommener heyligkeit (1521) Judas Nazarei vom alten u. neuen gott 2 ndr.; wir lassen es geschehen sein, das etliche kirchen nur drey wochen vor ostern gefastet haben, etliche meer oder weniger. die eltisten tr. halten wir mit unseren vorfaren Wicel vom beten (1535) nn 2ᵇ; vgl.tr. die menschensatzung, davon nichts in heiliger schrift enthalten noch gemeldet wird Sperander (1727) 748ᵃ; entsprechend: wa ein unflat oder schweinin fleysch auff eins Juden essen ongefär gefallen were, haben sye ein sollich tr., ist des Juden speisz sechtzig mal mer dann das darauff gefallen fleisch oder unflat, so ist es reyn S. Franck weltbuch (1534) 151ᵇ; auch allgemein: die lehrüberlieferung der katholischen kirche, die neben der biblischen offenbarung steht, vielleicht nur zufällig erst später bezeugt: dieweil ... zur zeit desz geschribnen gesatzes beyde schrifft und tr. mit und neben einander in gleichem wert gehalten und passiert worden Gutmar gemerck u. kennz. (1603) 180; da allein die orthodoxisch catholische christen ... ihren ... verstand ausz der unfehlbaren, uralten, ewigwerenden, von hand zu hand, von mund zu mund beschehenen tr. und überliiferung schöpfen könden: der gestalt, dasz zu gleicher weisz, wie die h. schrifft die christen von den unglaubigen heyden absündert, also die stäte tr. von den dollisierenden ketzern uns sichtigklichen underscheydet ebda 181; dasz sie (die theologen) ... mit rechter einhelligkeit die rechte, wahre, heilige und christliche religion der h. schrifft, der uhralten tr. und der probirten h. vätter meynung gemäsz schrifftlich verfassen sollen Grimmelshausen 1, 400 Keller; öfter mit kennzeichnenden beiworten: alles disz, so Christus hie auff erden gelehrt, ist groszes und guts theyls nit geschriben, ergo, so ist vonnöthen, wir solchen theyl und abgang ausz der apostolischen tr. erforschen Gutmar gemerck u. kennz. (1603) 177; päbstische traditionen Zedler 44 (1745) 1828 ff.; vgl. noch: du (Luther) hast uns von dem joche der tr. erlöset Lessing 13, 102 L.-M. die fachsprache der heutigen katholischen theologie gibt dem wort eine weitere verwendung: 'die lebendige, unfehlbare kirchliche glaubensverkündigung durch die apostel und ihre nachfolger'; ferner 'die denkmäler der kirchlichen lehrverkündigung', vgl. Deneffe der traditionsbegriff bes. 1 f., 160 f.; dort (bes. 102 ff.) auch speciellere bedeutungen. über den gebrauch in der protestantischen theologie: Tschackert in Haucks realenc. f. protest. theol. u. kirche 20 (1908) 8 ff.
2)
der mannigfach verbreitete jüngere gebrauch von tradition beginnt etwa in der mitte des 18. jh.s; sicherlich an frz. tradition angelehnt (vgl. das etwas später aufkommende traditionell) oder daraus neu entlehnt; doch vgl. eine andere frage, deren bejahung sich auf verdächtige neuere traditiones gründet Keyszler reisen durch Deutschld. (1776) 737.
a)
reich entfaltet in einer verwendung, die das profane gegenstück zu 1 darstellt: die mündlich und schriftlich überlieferte kunde von geschichtlichen begebenheiten: tr. 'ein bericht und erzählung' Sperander (1727) 748ᵃ; seit der klassischen periode häufig bezeugt: die quelle aller geschichte ist tr., und das organ der tr. ist die sprache Schiller 9, 93 G.; ich ... habe mich ... nicht genug über die confusion und die widersprüche der fünf bücher Mosis verwundern können, die denn freylich wie bekannt aus hunderterley schriftlichen und mündlichen traditionen zusammengestellt sein mögen Göthe IV 12, 86 W.; oft mit stärkerer betonung des sagenhaften: diese graue tr. (von der gründung des klosters Einsiedeln) ... gewährt in der that ein wahrhaft romantisches interesse Matthisson schr. 2, 183; vielleicht sahen die physiker im monde ... jener groszen überschwemmung, von der wir nur dunkle traditionen haben, ruhig zu F. Th. v. Schubert verm. schr. 2, 144; Plinius führt zwar eine sage an ... dieses alles verdient nun eben als blosze tr. ohne zeitangabe kein groszes zutrauen H. Meyer gesch. d. bild. künste 1 (1824) 39; ohne zweifel hat der künstler (der Laokoongruppe) die mythische oder poetische tr. vor augen gehabt ... weil es (das werk) in allen wesentlichen umständen mit der fabel übereinstimmt Welcker alte denkm. 1 (1849) 323; gern in der fügung nach der tr.: (anm. zu 'venedisches glas') nach der tr. ein glas, das den trank vergiftete Herder 25, 133 S.; einen merkwürdigen alten ring, der der tr. nach der trauring doktor Martin Luthers gewesen sein soll Kahlenberg Eva Sehring (1901) 15; auch concreter im hinblick auf litterarische werke: waren die Griechen und Römer ... nicht abergläubig und blödsinnig, dasz sie aus einer tr. vergangener unmenschlichkeiten (wie Homers epen) so viel wesens machten Herder 17, 162 S.; dasz uns in den traditionen des altertums eine notiz erhalten ist H. Brunn kl. schr. 3, 62; das erste wird immer sein, die biographische tr. zu verfolgen U. v. Wilamowitz-Möllendorf Platon 2, 1. in der geschichtswissenschaftlichen methodologie terminologisch gebraucht: die quellen werden in tradition und überreste eingeteilt, d. h. in die überlieferten berichte von begebenheiten und die noch übriggebliebenen spuren der geschehnisse; bei der tradition unterscheidet man drei arten, die bildliche, mündliche und schriftliche, s. Bernheim lehrb. d. histor. methode 255 ff.; vgl. W. Bauer einführg. in d. stud. d. gesch. (1928) 328 f.
b)
allgemeiner: das herkömmliche in haltung und handlung, das sich in socialen und geistigen gemeinschaften, in culturellen überlieferungszusammenhängen aller art fortpflanzt; der jüngste, erst im 19. jh. vollentwickelte gebrauch; am ausgeprägtesten in anwendung auf ständische, zumal aristokratische wesens- und lebenshaltungen: alles ruht (bei aristokratischen regierungen) auf dem gedanken einer ererbten herrschaft, und auch die traditionen der familie werden darum hier mit besonderer pietät gepflegt Treitschke politik 2, 210; 'wir sind einfach die nichten eines alten generals' — 'des generals von Poggenpuhl. ich wenigstens stehe in der alten, guten tr.' Fontane II 2, 103; die zähe tr. des landadels und des bauern Röthe dtsche reden 415. früh und gern auch vom erbgut künstlerischer überlieferung: er (der künstler) hängt an der tr. und hat einen blick hinüber in die natur Göthe 44, 304 W.; der fahrende sänger allein wahrt die tr. der echten kunst Scherer litt.-gesch. 74; etwas anders, concreter: zerstörte idealität der kunst, weil der liebhaber, der sich nicht durch aneignung der kunstbegriffe und traditionen (in der schauspielkunst) erheben kann, alles durch eine pathologische wirklichkeit erreichen musz Göthe 47, 316 W.; gelegentlich ganz verstofflicht:
unsere maler malen ...
immer traditionen,
bibel und mythologie,
fremdes aus allen zonen,
selbstempfundenes nie
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. 4 (1891) 158.
über diese anwendungskreise hinaus auch mannigfach sonst; dabei im 18. jh. öfter bedeutungen, die mit a verschwistert sind; überlieferte meinung, urteil: einige leser ... schreiben den werth, den man ihnen (Pindar, Horaz) beilegt, auf die rechnung alter traditionen Herder 27, 163 S.; ich will ... nicht mehr ruhen, bis mir nichts mehr wort und tr., sondern lebendiger begriff ist Göthe 32, 7 W.; auf den ersten sichern blick kommt alles an ... durch schrifft und tr. hat man keinen sichern blick IV 8, 106 W.; im 19. jh. mehr im hinblick auf die socialen gemeinschaften: die intimen politischen beziehungen, in welchen Östreich vermöge der deutschen traditionen und entwicklung zu uns stand Bismarck ged. u. erinn. 3 (1921) 153; in folge der rücksichtsvollen behandlung, die im russischen höhern dienste verdienten staatsmännern gegenüber tr. ist ebda 2, 128; dieser unterschied zwischen dem könig und seinem ersten diener ist ... gegen die preuszische tr. Fontane I 1, 370; hier habe ich wie oft mit ihrem (anr.) seligen vater gesessen ... er trank auch diesen (wein) hier. das gehört nun mal zu den guten, alten traditionen, und die wollen wir alle festhalten. die tr. über alles! Polenz Grabenhäger 2 (1898) 8; so auch mit abschätzigem klang: ich will brechen mit tr. und konvention, will rang und namen von mir werfen und mit dem mann meiner wahl in süszer verborgenheit leben R. Baumbach aus d. jugendzeit (1895) 151. hierzu auch compositionen: familientradition Holtei d. letzte komöd. 1 (1863) 77; künstlertradition G. Keller s. w. 4, 52 Fränkel; ähnlich handwerksburschentradition Göthe 32, 293 W.; traditionscompagnie d. i. eine c. in der deutschen reichswehr, die die erinnerung an eine jetzt nicht mehr bestehende formation fortführt.
B.
weniger entwickelt ist der activische gebrauch: überlieferung als weitergabe.
1)
haben sie solchen bevelch und praeceptum ... per manus traditum, das ist, durch stäte tr. und von hand zu hand beschehene uberlifferung in löblichem gebrauch ... erhalten Gutmar gemerck u. kennz. (1603) 163; mit vorliebe vom fortpflanzen von kenntnissen und künsten: die edle kochkunst nach regel und vorschrift oder auf dem sichern wege der tr. zu lehren G. Forster s. schr. 5, 174; die einzelnen erfahrungen giengen durch tr. vom groszvater zum urenkel über und wurden erweitert Schiller 1, 155 G.; das gute war, dasz die tr. der sprachkenntnisse nicht ganz unterbrochen wurde Justi Winckelmann 1 (1866) 33; ähnlich: freilich hat die mündliche tr. (bei den alten volksliedern) oft manches hinzugethan und weggenommen Bürger w. 1, 320 Bohtz; jener alten dichtungen, die ihm wie gesänge des Homer dünkten, weil sie nur durch lebendige tr. von mund zu mund forterbten Holtei erz. schr. 12, 43.
2)
seit alters juristischer fachausdruck für eine bestimmte art der eigentumsübertragung; vereinzelt seit dem 16. jh. bezeugt: tr. ubergab, uberantworttung, zuͦstellung Roth (1572) q 3ᵃ; tr. 'übergabe, überantwortung, zueignung, zustellung' Zedler 44 (1745) 1823; der vorliegende vertrag ist der eigentumsübertragungsvertrag, die tr., dargestellt in angebot und annahme der sache mit der wirkung der eigentumsübertragung Krückmann institutionen d. bürgerl. rechts (1929) 536; auch der vollbesitz kann unter umständen durch bloszen vertrag ohne tr., ja ohne sonstigen erwerb leiblichen besitzes übergehen Schreuer dtsch. privatrecht (1921) 111; dazu composita:
traditionsbuch
(O. Redlich urkundenlehre 3 (1911) 79);
traditionspapier
(Schreuer dtsch. privatrecht 124).
Zitationshilfe
„tradition“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/tradition>, abgerufen am 18.06.2019.

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