taumeln verb
Fundstelle: Lfg. 2 (1890), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 205, Z. 24
titubare, früher auch daumeln und umgelautet deumelen, precipitare vocab. opt. (Leipzig 1501) X 5ᵃ, s.täumeln bei 4, c; ahd. tûmilôn, mhd. tûmeln, iterativbildung zu tûmôn tûmen, circumire, rotari (Graff 5, 424. zeitschrift für deutsches alterthum 15, 70ᵇ, 1221), worüber schon theil 2, 1516f. gehandelt ist. wahrscheinlich kam das wort mit der sache, dem springer- und gauklerwesen aus dem romanischen (Schade² 969ᵇ) und nicht umgekehrt die romanische wortsippe (ital. tomare, altfranz. tumer u. s. w.) aus dem deutschen, vgl. gramm. 1², 155. Diez⁴ 321 und tummeln.
1)
mhd. mit heftigkeit sich bewegen, springen oder tanzen (wie ein gaukler):
der (betrunkene) wart sô gelenke,
daʒ er tûmelt' unde spranc
von der tavel ûf die banc.
der Wiener mervart 153;
md. dit springen und dit tûmelin .. und lîchtvertige gebêrde. mystiker 1, 189, 30.
2)
nhd. intransitiv im oder wie im betäubten zustande (im schwindel, im rausche) sich unsicher bewegen, hin und her wanken (den oberdeutschen mundarten ist das wort nicht geläufig; s. turmeln, türmeln).
a)
von personen oder lebenden wesen:
würd er aber taumeln und hinken.
fastn. sp. 686, 25;
daumeln als ein trunkenbold. Luther 3, 83ᵃ; bis ich davon trunken ward und daumelte bei mir selbs. 332ᵇ; du hast uns einen trunk weins geben, das wir daumelten. ps. 60, 5; so sauffe, .. das du daumelst. Habak. 2, 16; die trunkenen, .. die vom wein daumeln. Jes. 28, 1. 7. 29, 9; sie seind von wein doll worden und daumeln (dörmeln) von starkem getrank. Ambach vom zusauffen (1544) A 4ᵃ; schlägt der herzogin eine gute maulschelle, davon die fürstin auch taumelt. Schweinichen 1, 124;
dasz einer taumeln musz, so trinkt den flusz Lyncest,
und dasz ein anderer den wein durchaus verläszt u. s. w.
Opitz 1, 46;
dasz aus dem taumeln man nicht unsern trunk erkiest.
Hofmannswaldau heldenbr. 111;
wie das alte rabenas stehet und taumelt, sie hat sich schon voll gesoffen. maulaffe 204; dasz er .. von wenig wein taumeln müssen. polit. stockfisch 157; mein begleiter fieng schon an zu taumeln, weil er .. ziemlich betrunken war. Felsenburg 1, 13;
gott der taumelnden mänade.
Ramler 1, 9;
ein schwindel fing mein haupt mit sausen an zu drehn ...
ich taumelte.
Pyra u. Lange 90 neudr.;
ich taumle noch als wie im traume.
Weisze kom. opern 3, 133;
deine Cherusker taumeln
heute vor stolz!
Klopstock 8, 231;
jeder von seiner götterschaft taumelnd (1748: jeder ein gott).
Mess. 2, 641;
lasz denn ein wenig mich taumeln beim wollustmale der freiheit.
od., krit. ausg. 2, 73;
wenn man nicht taumeln will, so musz man gar nicht trinken!
Göthe 7, 47;
(pokal,) der die zungen der taumelnden näszte.
Körner 37ᵇ;
mord! mord! er taumelt, sinkt!
Schiller 14, 399 (Tell 4, 3);
lasz mich, zwischen fliegenden blüten und schmetterlingen taumelnd, .. sterben. J. Paul Hesp. 1, 149;
er stöszt den fusz mit voller leibesstärke
dem bäre vor den kopf ...
er taumelt nur, anstatt zu fallen,
und fasset schnell mit seinen krallen
des wandrers fusz, der nach ihm stiesz.
Lessing 1, 125.
Mit angabe der richtung durch adverbia oder präpositionen (s.herauf-, herum-, hintaumeln): dasz er über port hinunter in die see taumelte. polit. stockf. 234; wütender gaul, welcher ganz ungestum den berg herunter daumelte. Jucundiss. 9;
viel andre jauchzeten mit trunkenem geschrei,
sie taumeln hin und her.
Pyra u. Lange 98 neudruck;
entschlossen .., dem verderben in einem rausch von sinnloser betäubung entgegen zu taumeln. Wieland 7, 75; unterdessen taumelte die regentin in einem lieblichen wahne ... dahin. Schiller 7, 142; ich taumelte (halb betrunken) in mein zimmer. Thümmel reise 9 (1803), 270; weines voll, sei er unvorsichtig in sein schwert getaumelt. F. Dahn Attila 215;
(sie) zuckten ihr schwert auf einander, und beide
taumelten hin in ihr blut.
Klopstock Mess. 16, 366;
ob er ihn schlüge mit macht, dasz er gleich hin taumelte (s. hintaumeln) seellos.
Voss Od. 18, 91;
übergewälzt mit dem tische
taumelt er schwindelnd hinab.
22, 85;
sie (die getroffenen) taumelten über einander.
22, 118;
da sie beiderseits ein wenig berauscht waren, so taumelten sie gegen einander. Münchhausens reise 111; alle diesz überspannte schreckliche hatte ihn gleichsam berauscht — er taumelte in dieser trunkenheit über berg und thal. Moritz A. Reiser 348, 13 neudruck;
so tauml' ich von begierde zu genusz.
Göthe 12, 171 (Faust 3249 Weim.);
ha, Bachus! hab' ich jemals auch getaumelt
um deinen wagen, höre mich!
Schubart ged. (1839) 2, 80.
b)
von personificationen und abstractionen:
die runden zeiten
desz taumelnden gelücks.
Logau 2, 2, 54 v. 19;
hörtest der völker geschrei, .. den taumelnden jubel.
Klopstock Mess. 7, 102;
wenn rache, wie sie vollbracht ist;
darf sich taumelnd die freude freun.
od., krit. ausg. 2, 98;
dann thut dem taumelnden herzen das zittern und schweigen und die unendliche liebe zu weh. J. Paul Hesp. 3, 121; auf dem logischen wege wandelt und taumelt die naturphilosophie, nämlich durch setzen, entgegen- und gleichsetzen. kl. bücherschau 1, 201.
c)
von sachen, die in eine derartige bewegung gebracht sind: ein taumelnd schiff, 'ein schiff das unten leichte und oben schwere waaren eingeladen hat, und deswegen auf der see immer von einer seite zur andern fällt'. Ludwig 1948;
(Orpheus' leyer,) die die felsen
taumeln, und himmelab wandeln lehrte.
Klopstock od., krit. ausg. 1, 8;
hört ihr, wie der fahrwind saust?
taumelnd fliehn die küsten.
Matthisson schriften 1, 244;
und in das finstere meer mit lautem geräusch sich ergieszend,
taumeln sie (die wasser) hoch vom gebirg.
Voss Il. 16, 392;
wie rauscht der Jordan und taumelt vor freude!
H. Heine buch der lieder 191 neudr.;
taumelnde ströme. J. Paul Hesp. 3, 84; die gipfel taumelnder pappeln. 4, 174; schwebe herauf, taumelnder zephir. 1, 151; das grüne taumelnde blumenleben. uns. loge 1, 42.
3)
unpersönlich: taumelt es hier so, sagte Alfieri, so kann ich mich nicht mehr über unsre feenwelt verwundern. Tieck novellenkr. 4, 313; mit dativ, schwindeln: zu pferde taumelts oft dem reiter, der den waldabgrund beherzt hinunter schieszt. werke 10, 5.
4)
transitiv.
a)
taumeln machen: hoch oben auf dem wagen der Cäsar mit dem lorber! (tauml' ihn herunter, Wodan!) Klopstock 9, 361; mit angabe der wirkung: (berauscht) taumelten sie gegen einander und taumelten sich alle beide über den haufen. Münchhausens reisen 111.
b)
taumelnd tanzen: er taumelt mit ihr ein menuet. Rabener 5, 109.
c)
bair. täumeln, täumisch machen, dann auch heimlich bei seite schaffen, übervortheilen, betrügen Schm.² 1, 604.
Zitationshilfe
„taumeln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/taumeln>, abgerufen am 20.08.2019.

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