tüpfel m.
Fundstelle: Lfg. 12 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1818, Z. 2
punctum, apex. urspr. dim. zu tupf, vgl. Wilmanns dt. gramm. 2, 319, worauf noch vereinzeltes neutr. hinweist: Abr. a s. Clara w. 2, 284 Strigl; Schwabe volleingesch. tintenfäszl (1745) 11; Bernd Posen 325; Schmeller 1, 615. im nd. entspricht in der bedeutung tippel (zu tippen teil 11, 1, 504; vgl.tupfen), md. neben tippel, dippel auch tüppel: tippel Krüger Emden 69; Doornkaat-Koolman 3, 414; Mensing 5, 68; Frischbier 2, 402; Fischer Samland 92; Müller Aachen 246; Rovenhagen Aachen 146; Hönig Köln 155; Wegeler Coblenz 85; Brendicke Berlin 184; Trachsel Berliner wörter 58; Stieler (1691) 1486; Fabricius auszug bew. hist. (1599) 393; Lubenau beschr. d. reisen 1, 153 Sahm; dippel Albrecht Leipzig 102; tüppel Keller Thür. waldgeb. 46; Gerbet Vogtland 428; Stieler (1691) 2258; Steinbach (1734) 2, 882; Schmidt rockenphil. (1709) 2, 13. lexikalisch bis ins 18. jh. häufig obd. formen mit entrundetem stammvokal und wechselndem anlaut: dippfel Diefenbach gl. 113ᵃ; dipffel Henisch (1616) 714; dipfl Schönsleder prompt. (1618) L 5ᶜ; dipffel Emmelius (1630) F 2ᵃ; Stoer 2 (1662) 123ᵇ; dipffel oder tipffel Duez (1664) 2, 103ᵃ; dipffel Weismann (1698) 2, 88ᵇ; Rädlein (1711) 196ᵇ; dipfel Weber dt.-lat. (1770) 214ᵃ; auch schriftsprachlich: tipfel, tipfl (pl.) Aventin 4, 14; 17; mundartl.: dipfel Halter Hagenau 148; Schmidt Straszburg 26; tipfele Lenz Handschuhsheim 72. neben der umgelauteten form auch umlautloses tupffel voc. theut. (1482) bb 3ᵃ; tupfel voc. inc. teut. ante lat. (ca. 1485) gg 6ᵃ. in älterer sprache begegnen schwache pluralformen: nom. tüpffeln Duez (1664) 2, 530ᵃ; acc. tüppeln Schmidt rockenphil. (1709) 2, 13; düpfflen Sebiz feldbau (1579) 410; vereinzelt ein er-plural tüpffler Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 60. vorwiegend zur bezeichnung eines für das auge hervorspringenden und sich von seiner umgebung abhebenden punktes oder farbflecks. bis zum 18. jh. in den bedeutungen 1-4 mit tupf synonym (s. d. 1-3 b); in neuerer zeit jedoch in der bedeutung 'punkt in der schrift' gegenüber tüttel, tüpfchen, tüpfelchen, in der bedeutung 'farbfleck' gegenüber tupf zurückgetreten. in den älteren wörterbüchern meist ohne nähere bestimmung in der bedeutung 'punctum, apex': Serranus synon. libellus (1552) 52ᵇ; Henisch (1616) 714; Emmelius (1630) F 2ᵃ; Schönsleder prompt. (1647) L 5ᵇ; Duez (1664) 2, 530ᵃ; Stieler (1691) 1486; 2258; Weismann (1698) 2, 88ᵇ; punto, puntigello, puntolino, puntarello, punticello Kramer t.-ital. 2 (1702) 1162; Rädlein (1711) 196ᵇ; 896ᵃ; Ludwig (1716) 2040; Steinbach (1734) 2, 882.
1)
geometr. punkt, centrum: centrum ein punkt oder dippfel mitten im kreis Diefenbach gl. 113ᵃ; der punkt in dem krais des circkel, centrum voc. incip. teut. (ca. 1485) gg 6ᵃ; centrum Stieler (1691) 2258.
2)
punkt in der schrift; insbesondere als tüpfel auf dem i, aber auch in verbindung mit anderen buchstaben und als satzzeichen: apices literarum die tüttel od. tüpffel über den buchstaben, als über dem i vnd u Corvinus fons lat. (1646) 62; zwey tüpffeln uber ein buchstab Duez dict. (1664) 2, 530ᵃ; ein tüpfel und ein strichlein punto e vergola; semicolon Kramer t.-ital. 2 (1702) 1162ᶜ; darumb die juden für ... fünf buchstaben tipfel brauchen, die mag man schreiben oder auslassen Aventin s. w. 4, 1, 17; (kurzes) E .., so die juden scheua nennen, mit zwaien tipfl ains ob dem andern gesetzt also: under dem puechstaben schreiben ebda 14; ein einziges punktum oder tüpfel ist klein, und doch kann dasselbe einen ketzerischen text verursachen Abr. a s. Clara w. 2, 284 Strigl. nach Matth. 5, 18 iota ... non praeteribit a lege (Luther: tütel vom gesetze): musz wol eher himmel und erden zergehen, ehe ein einziger buchstab, ..., oder nur ein tüpfel vom gottlichen wort zu wasser werden soll Selhamer tuba trag. (1696) 2, 337; es soll kein tüpfel vom gesetz vergehen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1162ᶜ. in ähnlicher verwendung: aber mitten in der flammen ist dem stabe so gar kein schaden widerfahren, dasz auch das wachsz am täfflin vom fewer herter worden, und am wenigsten tippel der namen nichts erloschen Fabricius auszzug bew. hist. (1599) 393; redensartlich für 'kleinigkeit', vgl. u. 6: des is grad's tüpfl aufs i ist lange nicht hinreichend Schmeller 1, 615.
3)
künstlich aufgetragener farbfleck, tintenklecks: punct, tüpfel stupfferle, ein tröpfel so einem der federn empfelt S. Rot teut. dict. (1571) N 6ᵇ; da siehet man, dasz aus einem kleinen tüpfel auf dem flieszpapier eine grosze sau wird Abr. a s. Clara s. w. (1835) 19, 30; ein eysenfarb oder schwartz stadelthor mit gelben düpffeln und zincken Spener op. herald. 2 (1680) 500; gegürtet mit einem gürtel von der farbe des thongrundes mit dunklen tüpfeln (beschr. einer statuette) Hiller v. Gärtringen Thera (1903) 2, 24. punkt im web- oder stickmuster: 'in den seidenwebereien, punkte in den gemusterten zeugen, welche durch die fuszarbeit und auch durch den zampelzug hervorgebracht werden' Hübner zeitungslex. (1824) 4, 646; tüppel ein punct ... im nähen und sticken Keller Thür. 46.
4)
von der gesprenkelten färbung des tier- und pflanzenkleides; in diesem sinne in neuerer zeit unüblich und durch tupf ersetzt, vgl.tupf 3a: die hahr am leibe seindt auch vol schwartzer flecken und tippeln und sprengklich Lubenau beschr. d. reisen 1, 153 Sahm; diss thier (blumenaffe) hat seinen nahmen ... von seiner gesprecklechten tüpffler vielfacher farb Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 60; noch gewisser dafür (fliegen zu vertreiben) ist der rothe, mit weissen flecklein und tüpffeln gezeignete ... fliegenschwamm Hohberg georg. cur. (1682) 1, 322; (betrachtung der blätter:)
betrachte doch, wie regelrecht, wie schön
die zart'sten linien, die kleinsten tüpfel ...
gewicht, gestalt, geruch, geschmack und farben stehn
Brockes ird. vergnügen (1721) 1, 73;
sobald die knospen erst sich von einander geben, ...
so scheint der gantze baum, mit zartem grün bestreut,
als wenn um jeden ast viel grüne puncte schweben.
viel tausend kleine grüne tüpfel
bedecken überall den wipfel
ebda 5, 10.
dieser vogel ... ist ... braun ... weisz, mit braun, schwartz und röthlichen tüpfeln eingesprenget Döbel jägerpractica (1754) 1, 54; vgl. hierzu häufige zusammensetzungen in zoologie und botanik: tüpfelbeutelmarder, m., Brehm tierl. 3, 694 P.-L.; -farn, m., (s. u.); -flechte, f., Behlen forst- u. jagdkunde (1840) 6, 101; -gepard, m., Brehm tierl. 1, 536 P.-L.; -hai, m., tägl. rundschau (1906) nr. 130; -hirsch, m., Brehm tierl. 3, 475 P.-L.; -hyäne, f., ebda 2, 5; -katze, f., ebda 1, 479; -kuskus, m., ebda 3, 669; -pilz, m., Behlen forst- u. jagdkunde (1840) 6, 102; -stern, m., Schlechtendal flora v. Deutschl. 19, 171 Hallier; -sumpfhuhn, n., nomencl. d. vögel Bayerns 31 Hellmayr-Laubm.; Brehm tierl. 5, 658 P.-L.; -wasserläufer, m., Brehm tierl. 6, 31 P.-L. von der gesprenkelten färbung der menschlichen haut, insbesondere von sommersprossen, blatternarben u. dgl.: anxillale (i. lentigo) rosein tupffel o. sprinckel im antlitz voc. teut. (1482) bb 3ᵃ; rote düpffel vnd purpel des angesichts (sommersprossen) H. Bock kreutterb. (1587) reg. ggg 3ᵃ; 'hautflecken, die punktförmig sind, namentlich sommersprossen, petechien, nesselquaddeln, nagelblüten etc.' Höfler krankheitsnamen 757. vgl.:
Rumbold mit der tupfelnasen (von pocken verunziert)
traut (ehelicht) das Schattenelselein
J. Grob epigr. 232 lit. ver.
5)
von einer erhöhung, vertiefung oder durchsichtigen stelle, die für das auge auf einer sonst gleichförmigen fläche hervortritt; vorwiegend im bereich des organischen.
a)
ausgehend von einer früh bezeugten verwendung in der pflanzenkunde später als fachausdruck in der gewebelehre: und ist dieses des krauts (des johanniskrauts) natürliche gestalt, dasz die blätter solche helle tüppeln haben, als ob es mit einer nadel gestochene löchlein wären Schmidt rockenphilos. 3 (1729) 12; punctum, der punkt oder tüpfel ... eine ... durchsichtige, erhabene oder vertiefte stelle auf irgend einem pflanzentheil Bischoff wb. d. beschr. botan. (1839) 162. 'lebenswichtige gegennischen-paare in den nachträglichen binnenschichten verdickter pflanzlicher zellwände, die in mikroskopischer aufsicht auf das durchscheinende zellgewebe tupfenähnlich erscheinen' gr. Brockhaus ¹⁵19, 178: die dunkleren flecken, welche den blinden enden der tüpfelcanäle entsprechend an der oberfläche der zellen gesehen werden, heiszen tüpfel oder auch poren Sömmerring menschl. körper (1839) 6, 182; durch die tüpfel der zellen und gefässwände wird die saftleitung sehr gefördert Rossmässler d. wald (1863) 163; die libriformfasern sind miteinander durch feine canälchen — sogenannte einfache tüpfel oder poren — verbunden Karmarsch-Heeren techn. wb. 4 (1880) 362; fichte, rottanne ... am oberen und unteren rande des markstrahles quertrachëiden mit kleinen behöften tüpfeln Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 6, 568. zur terminologie vgl. Mohl grundzüge d. anatomie u. phys. d. veget. zelle (1851) 30; s.tüpfelchen u. tüpfeln 3.
b)
von den blasen im glas: wann du wilt inn gläserinnen geschirrn distilliren, soltu wolgebrännte gläser, welche keyne düpffeln oder bollen haben, sondern allenthalben gantz ... sein, nemen Sebiz feldbau (1579) 410.
c)
erhöhung auf der hautoberfläche, vgl. ¹tüppel 1 b: mein vater, erwiederte mein groszvater, mein kind, hatte eben so wenig nase — den tüpfel ausgenommen — als mir hier auf der hand sitzt Bode Tristram Schandi (1776) 3, 156.
6)
übertragen in redewendungen; 'auf den rechten punkt kommen, gehörig die meinung sagen': ey itze kum ich auffs recht tüpffel mit enck, ... es schickts enck zu der critica wie der igl zum arschwisch Schwabe volleingesch. tintenfäszl (1745) 11. 'das geringste': schon so alt, Weiszbucher, und immer noch nicht wissen, dasz man an einem thatort nicht ein tüpfel ändern darf, bevor die gerichtliche untersuchung stattgefunden hat Rosegger schr. (1895) I 7, 99 (vgl. o. 2).
Zitationshilfe
„tüpfel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/t%C3%BCpfel>, abgerufen am 23.02.2019.

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