strapazieren vb.
Fundstelle: Lfg. 6 (1951), Bd. X,III (1957), Sp. 876, Z. 71
übermäszig anstrengen, beanspruchen. aus ital. strapazzare 'miszhandeln, schlecht behandeln'; dieses wird als ableitung von ital. strappare 'zerreiszen, zerbrechen' erklärt, dieses seinerseits aus fränk. *strappôn 'straff anspannen', s. Gamillscheg et. wb. d. frz. spr. 818; eine andere erklärung des ital. wortes zuletzt bei Kluge-Götze 599. im deutschen seit dem 17. jh., zuerst bezeugt i. j. 1617 (s. u.); heute auch mundartlich weit verbreitet. neben strapazieren andere schreibungen: strapazziren Kramer it.-teutsch (1693) 1150; strappazieren, z. b. Henrici ernst.-scherzh. u. sat. ged. (1727) 4, 424; Holtei erz. schr. (1861) 22, 239; daneben seit ältester zeit mit anderer gestalt des vocals der am schwächsten betonten mittleren silbe: strapezieren s. u. und E. Francisci traursaal (1672) 3, 240; cur. bauernlex. (1728) 183; Ferd. Raimund w. 1, 18 Glossy; Fürst Pückler briefw. 4, 87; Stelzhamer ausgew. dicht. 1, 249; strapizieren teutscher Michel (1617) 41; Ayrenhoff w. 1, 1; strapuzieren, s. u.; straputzieren Stieler (1691) 2185; strapozieren, s. u. heute im westen mit einschub eines l: straplizieren, straplezieren u. ä., s. Fischer schwäb. 5, 1827; Rovenhagen wb. d. Aachener ma. 142; Spiess Henneberg. id. (1881) 246; Hönig Köln 176; Martin-Lienhart els. 2, 634; straplizieren auch Jer. Gotthelf, s. u. im nd. mit schwund des mittleren vocals strapseren, strapzieren u. ä., s. Doornkaat-Koolman ostfries. 3, 333; brem.-nieders. wb. 4, 1057; Mensing schlesw.-holst. 4, 878; Woeste westfäl. 257; Bauer-Collitz waldeck. 100; Danneil altmärk. 214; Frischbier preusz. 2, 378.
1)
im 17. und 18. jh. meistens auf den menschen als object bezogen: und sich ausz aller macht drauf prügeln lassen ... nachdem nun der arme tropff wohl strappeziert war Chr. Weise erznarren 146 ndr.; es war nunmehr die kälteste winterzeit, in welcher ... der soldat, wan er den sommer über strapozziret ist, wiederumb auszurasten und sich zu refraichiren pfleget Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) 117; ach! ich wills meinem bruder klagen, dasz sie (anrede) mich so strapazieren wollen Joh. E. Schlegel w. (1761) 3, 541; dasz man ... dass volknun ... umbsonst strapiziert, land und leit verderbt Seb. Bürster beschr. d. schwed. kriegs 38 v. Weech; er solle die völcker in die quartiere vertheilen, dasz sie, nach so vielem strapuzieren, ein wenig auszruhen könten das verwirrte königreich Ungarn (1683) 254; man beschuldigte ihn der fahrläszigkeit, weil er ... vielmehr Tartarn durch tägliches strapeziren weder vor dem feind verloren E. Francisci der hohe traursaal (1665) 1, 250; durch strapicieren und nicht durch spazieren ... kombt man über sich Abr. a s. Clara etwas für alle (1699) 1, 354. — während die ausdrucksweise einen menschen strapazieren nicht mehr üblich ist, ist in jüngerer zeit noch bezeugt sich strapazieren 'sich anstrengen, erschöpfen': weil er sich weiland ... auf den oftmaligen Wienerischen reisen allzusehr strappazieret schles. Robinson 1 (1723) 146; und mir erzehlete, was dieser herr um Christi lehre willen sich strapazirte J. F. Thierbach diarium Herrenhuthianum (1748) 1, 147; ich habe eine neue kur mit dieser reise versucht: nämlich Reil hat mir angerathen, so viel wie möglich mich zu strapazieren Wilhelm Grimm in: briefw. a. d. jugendz. (1881) 205; da strapazier ich mich nit erst und zahlt sich auch nit aus, dasz mer bös und schlecht is! Anzengruber ges. w. (1890) 5, 216. weiter abgezogen im sinne von 'sich bemühen': ich mache meine complimente ganz kurz. — auch ich strapaziere mich nicht gerne mit ceremonien samml. v. schausp. (1764) 5, 22; ich habe mich ... möglichst strapeziert höflich zu sein Görres ges. br. (1858) 1, 499. am geläufigsten scheint in jüngster zeit reflexives sich abstrapazieren zu bleiben, s. Gottfr. Keller br. u. tageb. 3, 164 Erm.; vgl. auch A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 556 Sch.-K. — strapaziert sein 'müde, abgeschlagen sein': ich war sehr strapezirt, und hab ich meine dienst auch nicht fahrlässich verrichtet J. V. Neiner tändlmarkt (1734) 3; so einen strapazirten menschen musz man ausruhen lassen Meisl theatr. quodlibet (1820) 1, 162; euer gnaden schauen gut aus ... a bissel strapaziert Raimund w. (1881) 3, 264 Glossy; seine leute ... waren strapliziert, sie konnten kaum mehr auf den beinen stehen Gotthelf ges. schr. (1855) 10, 117; die ziemlich strapazierte witwe haucht: 'ich fühle mich so recht erhoben' Werfel Bernadette (1948) 116.
2)
schon alt, und heute z.b. in nd. maa. in fester anwendung, ein pferd strapazieren: strapazzar un cavallo ein pferd strapazziren, abreiten, zu grund reiten Kramer it.-teutsch (1693) 1150; was die pferde betrifft, so ist einem jeglichen wol bekant, dasz an keinem ort in der welt bessere gefunden werden und die zum strapecieren dienlicher sind Wiederhold beschr. d. 6 reisen (1651) 1, 95ᵇ; nachdem mir mein knecht samt dem pferd ... gefangen ward, muste ich das ander desto härter strapezirn Grimmelshausen Simplicissimus 329 Kögel; alleine da er (der esel) alle tage strapazirt wurde und nichts als disteln zu fressen bekam, beklagte der esel sein unglück ollapatrida 131 Wiener ndr.; vgl. auch: strapazzare, strapeziren, brav drauff reiten, ermatten, ermüden, übel tractiren Nehring lex. (1717) 905.
3)
mit verschiedenen anderen objecten. dem alten anwendungsbereich (o. 1) steht am nächsten den körper, die augen, das gehirn usw. strapazieren 'anstrengen': denn das viele und lange reisen, wo durch so wol der leib als das gemüthe strapezirt wird, ist weder rathsam noch dienlich das neugierige und veränderte Teutschland (1684) 248; der körper wird so strapazirt, dasz der geist für nichts frisch bleibt Hebbel br. 1, 410 W; er braucht seine augen ohnehin nicht zu strapazieren Iffland theatr. w. (1827) 10, 241; schade um deine hörndeln, dasz du sie so strapazirst an diesem harten holz Rosegger schr. (1895) I 3, 53;
kein wunder, dasz einer die kräfte verliert,
der sein gehirn, wie ich, strappaziert!
S. H. Burde poet. schr. (1803) 1, 232.
in der anwendung auf gebrauchsgegenstände findet das wort heutc seinen stärksten umgangssprachlichen gebrauch; etwas strapazieren 'stark benutzen, abnutzen': deme bei Leipzig seine sachen zimlichen von kriegs gurgeln sind strapaciret worden P. Wunderlich philol. discours (1644) P 4; ein kleid, eine kutsche, ein pferd zum strapazziren, auf alle tag, und nicht zum schonen Kramer it.-teutsch (1693) 1150ᵇ; das ist nur ein kleid zum strapazieren Joh. El. Schlegel w. (1761) 3, 554; in der stadt lag ich mäuschenstill neben dem halter ... ich hatte kein recht mehr, das bettgewand zu strapazieren Rosegger ausgew. schr. (1882) 1, 212; (der prediger) strappeziert die bücher ärger als der prophet Baalam seine eselin Abr. a s. Clara etwas für alle (1711) 2, 537; und erklärte meinem erstaunten weibe, dasz ich diese (sonntagspfeife) so lange mit der höchsten unbarmherzigkeit strapaciren werde, bis sie mir eine weniger kostbare stellvertreterin anschaffe Hebbel w. 8, 190 W.; Lauro trug unter seinem schülerüberzieher noch immer den strapazierten frack Werfel geschwister von Neapel (1931) 155. ironisch: so wunderte ich mich nicht wenig, dasz ... die männer, die doch in dieser gegend die höflichkeit nicht stark strappezirten, jedesmal ihre hüte tief abzogen J. Ernst Friedr. Wilh. Müller verachtung und mitleid (1791) 48.
4)
vereinzelt in direkter entsprechung besonderer anwendungen des wortes im italienischen. im sinne von 'miszhandeln': einsmals hörte ich, dasz der aufseher der kinder ein kind mit der ruth gantz unmenschlich strapazirte G. S. Sutor bei Joh. Fresenius bewährte nachr. (1746) 1, 692. — 'strapazzirt in der malerey heiszt so viel, als fehlerhaft gezeichnet' frauenzimmerlex. (1773) 3394; 'bei den mahlern heiszt eine strapazirte zeichnung eine verdrehte, verzerrte' Campe wb. d. fremden ausdr. (1813) 569; vgl. ital. strapazzare un arte pfuschen, obenhin machen.
Zitationshilfe
„strapazieren“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/strapazieren>, abgerufen am 22.10.2019.

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