stimmen vb.
Fundstelle: Lfg. 19 (1940), Bd. X,II,II (1941), Sp. 3088, Z. 32
verschiedene verbalbildungen, die sich jedoch seit mhd. zeit (mhd. stimmen, mnd. mnl. stemmen) nur noch nach der bedeutung unterscheiden: 1) ableitung von stimme, f., seit dem mhd. bezeugt; die bedeutungen dieses verbums entsprechen teilweise denen des substantivs, teilweise beruhen sie auf eigener entwicklung des verbums, s. u. I und III. 2) ableitung von gastimni, adj., das wiederum von stimme abgeleitet ist; im ahd. in gistimnitun, 3. pl. prät., bezeugt, als stimmen seit dem 15. jh., s. u. II. — schwed. stämma, dän. stemme aus dem deutschen, s. Hellquist svensk. et. ordb. 898.
I.
die stimme betätigen, mit der stimme wirken.
A.
konkret 'sprache, ton, laut von sich geben, hören lassen'.
1)
allgemein 'reden, tönen, äuszern' u. s. w., mhd. und älter nhd.: stymmen oder lauten mit der rede modulari voc. theut. (Nürnb. 1482) ff 3ᵇ; stimmen vociferare voc. primo ponens (1515) b 2ᵃ Hüpfuff;
auss der ratschrann
ward er geweist mit pitterlichem smerzen
den juden für, Pilatus stimt:
'den euren küng hie schauet!'
sie sprachen:
Oswald v. Wolkenstein 281
(dagegen kaum im sinne von 'sententiam ferre' zu B oder C);
er wart sô gar an freuden laz
daz er sîn selbes dâ vergaz.
der spiegel im ze stücken reiz, er stimt in jâmers tuome
meisterl. d. Kolmarer hs. 14, 29 Bartsch;
mit objekt groz gedözze stimmen 'vernehmen lassen' (vgl. u. 2 a), vereinzelt:
hurta! wie do gevohten wart! ...
man sach si als daz wilde flur
limmen in dem grimmen.
diu vraise wart do stimmen
manic groz gedözze
Joh. v. Würzburg Wilh. v. Österreich 8742 Regel.
älter nhd. in verschiedener anwendung: wann es (das tier) einen menschen siehet, lachet es zum allerausgelassensten, lachet und stimmet wie ein mensch abentheur von allerhand mineralien (1656) 805; wenn ein groszes fest oder fürnehmer sontag eintritt, so musz zuerst die grosze glocke im thurm prausen und stimmen Val. Herberger trawrbinden (1612) 2, 141; elewe sdime elf uhr schlagen, mit der glocke Hertel Thür. 236;
der zarte lufft mit seinem volck,
das schwimmt und stimmet in der wolck,
zu gottes lob erschaffen
Harsdörffer bei Fischer-Tümpel 5, 26ᵃ;
gelich stymmende wörther und ungelicher bedeuttung, wie man die und der gelich underscheydlich und verstentlich schriben sal, verba equisonantia genant schryfftspiegel (1527) bei Jellinek gesch. d. nhd. gramm. 42; wann aber die thönende oder stimmende fläche über und under sich, schräg oder schlems an eine gebogene fläche desz widerhallenden gegenstandes fället, so wird der widerhall sich entweder über oder under sich eraignen Ag. Cario neue hall- u. thonkunst (1684) 15. selbst stimmende und mit stimmende als bezeichnung der vokale (sonanten) und konsonanten, vgl. selbstlaute und mitlaute: in den fünff vocalibus oder selbs stimmenden buchstaben Chr. Wirsung artzneybuch (1588) 180ᵈ; stimmende buchstaben le vocali, lettere Hulsius (1618) 240ᵇ; nein, die stimmer, a, e, i, o, u, wandeln das zeitwort und verbleiben nicht, wie die mit stimmenden stammbuchstaben Harsdörffer teutsche secret. (1656) 1, 562.
2)
im musikalischen bereich 'singen, tönen'. seit der älternhd. zeit bis ins 19. jh.selten in absoluter form:
und wenn die westen stimmen
nach linder lentzen art,
so machen sich die immen
auf ihrer blumenfarth
G. Treuer deutscher Dädalus 1, 200;
ich, ich will dein lob erheben,
weil mein schäferpfeiffsakk stimmt,
und in mir ein flämlein glimmt,
weil ein fünklein seel wird leben
S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1645) 21;
hört der flöthen harmonie ...
und das sanfte lautenchor
musz auch der melancholie
in dem hertzen wohl gefallen?
also stimmt doch auch wie sie
Chr. Günther ged. (1735) 343;
bildlich, redensartlich in ein horn stimmen wie in ein horn blasen:
mein fatum, was thät das? die zeit und auch das glück?
sie stimten in ein horn, zeigten mir ihre tück
Grimmelshausen 2, 5 Keller.
a)
ein lied u. s. w. stimmen 'singen, spielen, erklingen lassen', oft für das heute übliche anstimmen: noten stymen oder solvisieren oder notensingen voc. theut. (1482) x 6ᵃ; wolan, ich weysz noch ein lidlen von Rom und von yhnen: jucket sie das ohr, ich wils yhn auch singen, und die notten auffs hochst stymmen Luther 6, 469 W.;
he kan so mannig danseleyd,
up der luten spihlen all dinck,
tho Osenbrügge und Elsken Rösell,
dar stemede de midt syn luten spell
Gerh. Haverland Soester Daniel 106 Schmitz;
wer was gutes stimmen will, der sehe zu, (wenn es orgeln oder regale sind) ob auch der wind fein gleich und die pfeiffen fein just seyn J. Ph. Bendeler organopoeia (1690) f 2ᵃ; verengt im sinne von 'mit pfeifen spielen, pfeifen erklingen lassen', im unterschied zu schlagen 'mit trommeln spielen': die vicatrum (wie die reveille und der march ein teil der sogen. apelle) wird erstlich gestimmt; der auftrap etwas geschwinder geschlagen, und nicht gestimmt; der abtrup etwas langsam geschlagen und nicht gestimmt ... der march wird mit fünf und neun geschlagen, eh er gestimmt, und mit einem schlag und wirbel wird er abgeschlagen H. v. Fleming vollk. teutsche soldat (1726) 143. — besonders die sprache der poesie bevorzugt das simplex gegenüber anstimmen:
abermals zur morgenstunde
sammle sich die bunte menge!
stimme fröhliche gesänge
Göthe 16, 317 W.;
bringet her die letzten gaben,
stimmt die todtenklag!
Schiller 11, 235 G.;
Leander stimmet süsze töne,
und singt und seufzet seiner schöne,
bis ihr das ohr fast gellt
Hagedorn poet. w. (1769) 3, 20;
längst verklang die abendglocke,
und die unke stimmt am teiche,
wo der irrwisch flackert, traurig
ihren sang
Adolf Pichler marksteine (1874) 87;
horch in die höh, das wirbelt klar,
die lerche stimmt: erwacht!
Friedr. v. Sallet bei Gude vaterl. lesebuch (1886) 1, 40;
wenn dir ein mann, den du nicht kennst, begegnet,
der lächelnd schleicht, und dich durch minen segnet, ...
gebete brummt, und tiefe seufzer stimmt
Hagedorn poet. w. (1757) 1, 205;
kaum tritt ein dichter auf! so stimmen schon die schaaren
der kritiker die alte litaney,
zerfleischen froh sein werk mit wildem mordgeschrey
Zach. Werner ged. (1789) 6;
er stimme noch bei zügen glatter jugend
im welkenden gesicht
der menschlichern, der kummerlosen tugend
sein ewiges gedicht
Schubart briefe 1, 51 Strausz.
b)
in, zu etwas stimmen. in ein lied u. s. w. stimmen zu singen beginnen, mitsingen, für in ein lied einstimmen:
selbst ausruhende männer
stimmen gern in das tafellied
J. H. Voss s. ged. (1802) 3, 49;
herr ich (dichter) bet an, freu mich mit beben;
und stimm in deiner engel chor.
mich hebt auf ihren flammenschwingen
die andacht, würdig ihn zu singen,
zum thron des ewigen empor
J. A. Schlegel verm. ged. (1787) 1, 1;
alle morgen ... stimmte sie ungerufen in den gesang der schwestern W. Grimm dtsche sagen (1891) 1, 206;
wer zung und odem noch vermag,
der stimm in unsre harmonie
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 16;
stimmen, froh im sonnenglanze
vöglein mit in mein gebet
R. Z. Becker mildheim. liederb. (1799) 58;
der eulen schöner toon mus deinen reim zieren,
die krähen stimmen drein
bei Ph. Zesen leiter z. hd. Helikon (1656) 56;
und die gefährten und mannen Bertholds stimmten jubelnd in den ruf Fouqué altsächs. bildersaal 2, 50;
o seht die schwarzen weiden, wie sie rauschen,
als wenn sie mit in meine klagen stimmten
Tieck schr. (1828) 2, 192.
zu jemandem, etwas stimmen mitsingen, mittönen, mit dem beisinn 'in harmonie mit ihm einstimmen':
wen die köchin metten singt,
das puer natus rüffet im,
das er mit gsang ouch darzuͦ stymm
Murner narrenbeschwörung 72 ndr.;
das mädchen sasz so blöde,
als fehlt ihr gar die rede,
jetzt stimmt sie mit gesange
zu horn und flötenklange
Uhland ged. (1863) 245;
die lerche stimmt zur holden nachtigall,
die dieses paar liebreizend eingesungen
E. v. Kleist w. 1, 32 Sauer;
noch dauren wirds (die glocke) in späten tagen.
und rühren vieler menschen ohr,
und wird mit den betrübten klagen,
und stimmen zu der andacht chor
Schiller 11, 306 G.;
doch nein! mich täuscht mein sinn, als ob zum wettergrimme
mit kläglichem geschrei das felsenkäuzlein stimme
Lenau s. w. 189 Barthel.
ein lied u. s. w., in ein lied u. s. w. stimmen 'harmonisch hinzufügen, dazu singen':
sie wird es ja lassen schall- und hallen,
den hochwehrten eltern zu gefallen,
und ein liedchen stimmen drein
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 226;
die nachtigall, ... welche den klang ihres süszen gesanges in das liebliche gerausche des wassers von dem brunnen stimmet und so eine musicalische anmutigkeit macht Opitz Argenis (1644) 423;
wer gerne mit mir ruht,
und stimmt der kehle klang
in lustger vögel sang
Shakespeare 4, 203;
indessen buhlerey ...
hier ein syrenenlied zum ton der zitter stimmt,
dort nackend in des bachs durchsichtgen wellen schwimmt
Joh. Jac. Dusch s. poet. w. (1767) 3, 75.
— in jemandes ton, meinungsäuszerung u. s. w. stimmen in übertragung auf ein inneres 'beipflichten, mitmachen, sich anschlieszen'; von der gleichen wendung in der bedeutung C 1 c, auch D 1 c, nicht immer scharf geschieden: Suleima stimmte in den jetzigen ton seiner seele Klinger 4, 52; ich stimme nicht in diesen ton gegen Julien Iffland theatr. w. 7, 111; wir stimmten freudig in das lob, welches viele glieder derselben (gesellschaft) ihnen gaben Gleim briefw. 1, 181 Körte; Hildegard stimmte ungern in diesen ausspruch Heinse s. w. 5, 272 Schüddek.; (ich) stimme ganz in ew. excellenz meinung, dasz er mit dem verlust der stelle ... zu bedrohen ist Göthe IV 19, 230 W.
B.
'etwas nennen, festsetzen'; vom 14. zum 16. jh. bezeugt; dem später allein gebräuchlichen bestimmen entsprechend. die bedeutung 'die stimme betätigen' liegt zugrunde, indem das namhaft machen, bezeichnen, anordnen u. s. w. ursprünglich als eigentliche mündliche äuszerung vorgestellt ist.
1)
'erwähnen, nennen', der eigentlichen bedeutung (o. A 1) am nächsten:
der Hercules ein tapffer heldt
geboren wird auff diese welt ...
der Hercules, hievor gestimmet,
aus Spanien in Welschland kümmet
Joh. Hasentödter chron. (1569) d 4ᵇ;
den eid, wi der gescheen sol, als durch uns und unser viel gestimpten cronhern zu Behem zu Kuttenpergk rechtlich erkant und beschriben ist
chron. d. stadt Elbogen 65 Schlesinger;
des beholden Hans und Jasper Drielingk gebrödere up dem opgedachten huse 2000 mr. Rig. aftholeggen, wenner id de gestimpte brodere begeren synd
(1540) erbebücher d. stadt Riga 277 Napiersky;
und den purgrafen, den ich stimm,
Hans Rezen, als ich vernim
(1475) Liliencron hist. volksl. 2, 20;
ebenso obgestimmt 'oben erwähnt' im 16. jh., s. teil 4, 1, 4236.
2)
weiter verblaszt 'festsetzen, anordnen': was sie aber fur wunder angaben und stympten, das solten wunder seyn Luther 15, 87 W.; in dem 1137 jare wart twikore und wart gekoren Conrad van Swaven to mitvasten. dat stempte ein cardinal, de do was to Meinz (Magdeburg. schöppenchron.) städtechron. 7, 114; sondern gott mus und sol sich gefangen geben, das er seine wort nicht setze, wenn und wo er will, sondern wo und wie es yhm dieser geist stymmet Luther 26, 455 W.; dise ynlegen in gefenknus ... und setzend üch heim ein gricht zuͦ stimmen, dem wöllind sy ghorsam sin (15. jh.) qu. z. schweiz. gesch. 1, 92; buch, in dem aigenlich gestymbt ist, wie man sundt (1472) bei Schmeller-Fr. bair. 2, 756; aber weyl man nicht stympt, wie er richten soll Luther 19, 213 W.; hab du die eer von mir und stimme mir, wenn ich für dich ... bitten sölle (constitue mihi exod. 8, 9) Zür. bibel (1531) d 5ᵇ; ich wil nicht gwis stymmen quam diu absit extremus dies Luther 32, 228 W.; vereinzelte zeugnisse des 17. jh. beruhen wahrscheinlich auf rückbildung aus bestimmen:
so dasz ich sie zur braut nach ihrem wundsch erkohr.
ich liesz, als sie es stimmt, den schönsten vater grüszen
und ihn von dieser lieb und treuem anschlag wissen
A. Gryphius trauersp. 274 Palm;
durchläuchtge königin!
der Gallier abgesandt läst dienst und hülf antragen
und wil, wo sies nur stimmt, ein solches stücke wagen,
das ihre majestät in kurzem sol befreyen
A. v. Haugwitz Maria Stuarda (1683) 68.
am frühesten und festesten bezeugt einen zeitpunkt stimmen 'festsetzen, nennen':
ein dac, ein zit gestimmet was,
daz man di frouwen wolde
erheben wi man solde
hl. Elisabeth 9992 Rieger;
stimm mir ein zeyt, ein heimlich ort,
das ich zu dir müg kummen schir
G. Forster fr. teutsche liedlein 46 ndr.;
aber weil am selbigen freitag geschefft fürfielen, entbot derselbige graff und herr widerumb schrifftlich, und stimmet den nechsten sontag hernach Jac. Schlusser peurisch krieg (1573) 77; alda alle jar auf ainen gestimbten tag haben die fueszknecht ... demüetig andechtig gepet volbringen müessen Joh. Turmair s. w. 4, 601; will nit harren noch wartten derselbigen tzusagung (gottes), stymmet und setzt tzill, stett, tzeytt und weysse seyner hulffe Luther 10, 1, 1, 618 W.; ob er (gott) nu nicht sondere stete, person, weise und zeit ausdruͤcket und stimmet, darin man seine wort lerete und lernete Luther bücher, u. schr. 6 (1568) 109ᵇ Jena; das er damit die zeyt stymme und ein zeichen gebe, wenn das newe Jerusalem solte angehen, ... das damit ... die zeit bestympt werde ders. 23, 532 W.; constituere tempus ein zeyt setzen oder bestimmen; constituere diem alicui eim einen tag setzen, stimmen oder ordnen Frisius (1556) 313; ähnlich: es zahleten i. f. g. zwar zu Frankfurt ab bis auf einen kramer vor tuch um 200 thlr., welcher es i. f. g. auf 2 monat stimmet v. Schweinichen denkwürd. 95 Öst,; (beim losen) und stymmen keyne gewisse personen, sondern befelhen solchs gott, wilchen das los treffen werde Luther 19, 213 W.; 'ernennen': unser ret und die gemelten comissarien solln auch zehn unterprofanndmaister stimen und ordnen, di allennthalben die profannd bestellen und fertign (1508) urk. z. gesch. Maximilians I. 293 Chmel. einen betrag, preis u. s. w. stimmen 'festsetzen': dasz ich ... dich ein lon mir lasse stimmen nach dinem göttlichen gefallen Zwingli dtsche schr. 1 (1828) 97; dasz er auff sein unkosten Siciliam und Apuliam wider von der hand Tancredi erledigen und es der kirchen wider mit lehn und järlichen gestimpten zinsz underwürflich machen S. Franck Germ. chron. (1539) 178ᵃ; doruff haben die gellter ir schuld vor gericht benennen und stimben lassen, nemblich ... (1480) Friedr. H. Hellmann konkursrecht d. reichsstadt Augsburg (1905) 47, daneben in gleicher bed. bestimben a. a. o.; item und ist gelt gestimpt ein behemisch gross für 17 haller, item ein alter plapphart für 16 haller (1421) eidgenöss. absch. 2, 9 Segesser; und nach altem herkomen so haben seine dink vast ein gestimpt gelt was er macht, wiewol er ietzund claget nachdem, das eichen holtz ser theur ist, so hat er mich doch nit gehöcht und ist das der alt lon E. Tucher baumeisterbuch 101 Lexer; sollen fürbass hin die gesworen schawer ... von dem marck saffran ... ein satz (preis) machen und den stymmen, also das ein zenntner nit mer dann acht pfund und ein dritel eins pfunds faminelle hab Nürnberger polizeiordn. 137 Baader.
C.
seine meinung äuszern, dadurch zu einer entscheidung mitwirken, votieren, seine stimme (sp. 3081) abgeben. seit dem 16. jh. bezeugt.
1)
gewöhnlich in verbindung mit präpositionen der richtung.
a)
älternhd. besonders mit auf. auf jemanden stimmen ihn wählen: derselbigen ordnung halben befragt, sollen unsere ret auf die kon. mt. stimen, dergestalt, das ir kon. mt. allerunderthenigst zu bitten sei, ... sich als president allergnedigst zu underfahen (1555) herzog Christoph v. Wirtemberg briefw. 3, 64 Ernst;
sie stimmten all auf dich, mit eingestimmten schalle ...
nach würde kond die wahl nit bässer treffen ein
S. v. Birken ostländ. lorbeerhäyn (1657) 330;
einige erwehlten Albertum, andere stimmeten auf den domprobst Simon Hahn teutsche staatshist. (1721) 4, 20. bis in junge zeit auf etwas stimmen sich für etwas entscheiden: hett ir gnedigster her inen bevelch gethon, ... stracks auf den passauischen vertrag zu stimmen und zu dringen, damit derselbig an die hand genomen, ... consultiert und beschlossen, bei welchem voto sie endlich verharren (1555) herzog Christoph v. Wirtemberg briefw. 3, 75 Ernst; die Korinthier, welche die einzelne staaten gebeten hatten, auf den krieg zu stimmen Heilmann peleponn. krieg (1760) 134; selbst die kardinäle, von denen die meisten von den beyden päbsten abgetreten waren, stimmten auf diesen weg M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 4, 68; da hielt man noch einen ... rathschlag ... ob man ... vor nutzlich befinde, diesen knecht zu erwürgen; oder ob er solte wieder heimgetragen werden. ins gemein stimmeten sie auff die gelinde seite Prätorius Blockesberges verr. (1668) 259;
doch dasz ich stimmen sollt auf Richards seite,
den ächten erben meines herrn zum nachtheil,
gott weisz, das thu ich nicht bis in den tod
Shakespeare 9, 105;
die gemeinde durfte nur über die vorträge des rathes ... auf ja oder nein stimmen J. v. Müller s. w. 1 (1810) 45; ich würde alsdann darauf stimmen, dasz man ihr zwey halbe wochengagen zurückbehielte Göthe IV 21, 21 W.
b)
zu etwas stimmen für etwas votieren, auch 'mehr in der inneren haltung als durch äuszere kundgebung einer sache, einem beschlusz u. s. w. beipflichten', dann gelegentlich D 1 b nahe: dieweil sie anfencklich zuͦr sach gestympt haben und zuͦr rottung geholffen, müssen sie auch gehen allen unratt, der darausz entsteht Eberlin v. Günzburg s. schr. 3, 270 ndr.; doch weil die wenigsten darzu stimpten, ward dieser meynung nit platz gegeben grillenvertreiber (1670) 220; und weil hertzog Mars sich der durch die wahl ihm aufgetragenen würde enteuserte, indem zwey auf des Suasandufals seiten stehende fürsten dazu nicht gestimmet hatten, kamen sie alle noch einmahl zusammen Lohenstein Arminius (1689) 1, 114;
doch sag ich ein für allemahl,
ich stimme nicht zu dieser wahl
Ramler fabellese 3, 111;
er sei der ammann und des tages haupt!
wer dazu stimmt, erhebe seine hände
Schiller 14, 324 G.;
das sind meine besorgnisse, um derentwillen ich zu der anstellung von Weberling nicht stimmen kann Göthe IV 15, 100 W.; sollte man zu jener scheinbar gerechten, aber parteisüchtig grundfalschen maxime stimmen I 40, 275. der bedeutung 'in einklang stehen' (s.D 1 b) besonders nahe:
solchs der sathan einblassen thut,
darzu stimmet auch fleisch und blut,
das im creutz sein unkrafft erzeiget
Hans Sachs 18, 181 K.-G.
c)
seltener in etwas, dahin, dort hinaus stimmen 'sich für etwas entscheiden', auch zuständlicher 'zu etwas geneigt sein', vgl. u. D 1 c: nachdem er mit dem herzog Herrmann und andern bundbrüchigen fürsten in den uberfall des römischen kriegsvolcks hat stimmen müssen Lohenstein Arminius 1 (1689) 72ᵇ;
Terzkas regimenter zu rosz und fusz
stimmen alle in diesen schlusz
Schiller 12, 55 G.;
dasz der meiste und gröszeste theil der gelehrten zu jeder zeit dahin stimmet, dasz die teuffel aus hoffart gestürtzt seyn theatr. diab. (1569) 21ᵇ; hierzu aber wolte der königliche schwedische feldmarschalck nicht verstehen ...; sondern stimmete vielmehr dahin: dasz stracks an die stadt Rostock ... sich zumachen ... were v. Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) 192; ob man nicht den feind zu dieser zusammenkunfft einladen ... solte? wohin theils zwar gestimmet, doch vom k. reichscantzler ... solches nicht vor gut angesehen war ebda 2 (1653) 241; und ward also mengerlei under den eydgnossen geredt, also dasz einer hieusz, der ander dortusz stimmet Tschudi chron. Helv. 2, 282; dieses geschieht gewisz, sobald er siehet, dasz wir eines da, das andere dort hinaus stimmen v. Petrasch s. lustsp. (1765) 1, 759; lange stimmten ihre priesterlichen herzen dahin, die unglücklichen ... der schärfe des schwerts zu überliefern Klinger w. 4, 150.
d)
seit dem 19. jh. ist für oder gegen etwas oder jemanden stimmen die geläufigste wendung dieser bedeutung:
die neue königswahl theilt schon Athen,
der eine stimmt für deinen sohn
Schiller 15, 1, 30 G.;
Schmerling ist ... gewählt. ich hatte es für meine pflicht gehalten, für letzteren zu stimmen jahrb. d. Grillparzergesellsch. 5, 144; weil sehr viele wähler die absicht haben, für die regierung im princip zu stimmen Bismarck polit. reden 4, 24 Kohl; auch stimmen die jüngeren, unbedachteren für den angriff Göthe 41, 1, 202 W.; ich hatte anschläge auf Prag gefaszt, das mir Göschen wiederräth, der noch immer für Berlin stimmt Caroline br. 1, 144 Waitz; der erstre entwickelte als wortführer die gründe, aus denen die conservative partei nicht für das gesetz stimmen könne Bismarck ged. u. erinn. 2, 169 volksausg.; niemals könnte ich für einen frieden stimmen, der Deutschland nach solchen opfern nicht seine existenz sicherte Moltke ges. schr. u. denkw. 4, 209; es war ein schöner frühsommermorgen; ich stimmte für fuszwanderung H. Laube ges. schr. 1, 248; ein einziges kirchspiel, wo die mehrheit nicht für die verbrennung der bilder und die abstellung der messe stimmte Ranke 3, 234; Egmont, den seine natürliche herzhaftigkeit hinrisz, ... stimmte hitzig dafür, den feind anzugreifen Schiller 9, 4 G.; die kommission kann ihrer überzeugung nach nicht dafür stimmen, dasz man ... junge leute ... in die regimenter aufnehme Wilhelm I. milit. schr. 1, 61; eine bundeskommission ..., die aber, wie vorauszusehen, in ihrer majorität gegen fast alle preuszischen vorschläge stimmte Moltke ges. schr. u. denkw. 1, 26; die majorität des ministeriums und des conseils stimmte abweichend von meinem votum gegen die auflösung Bismarck ged. u. erinn. 2, 214 volksausg.
2)
weniger häufig in anderen formen.
a)
stimmen in unmittelbarer verbindung mit dem objekt. etwas stimmen 'für etwas votieren': es ist nicht auszzuͦnemen, was all menschen thuͦn, reden, woͤllen, begern, stimmen und trachten S. Franck sprüchw. (1541) 1, 121ᵃ; ich stimme seinen fall Lohenstein Ibrahim sultan (1679) 120;
ich stimm es. — ich. — wir alle.
wer sich zu hoch erheben will, der falle!
a. Gryphius trauersp. 56 Palm.
ebenso in verbindung mit einem objektssatz: darumb stympten sy mit Caypha, das Christus solt sterben reform. flugschr. 2, 184 Clemen; so stimmeten die meisten, man solte ihn mit nach Brikioka führen O. Dapper America (1673) 112ᵃ; die churfurstischen ... zuvor ierer ... herren bescheid hieruber zu erholen begern oder stimen (1555) herzog Christoph v. Wirtemberg briefw. 3, 59 Ernst; ich stimme daher, dasz über ihn der stab gebrochen werde Bauernfeld ges. schr. 3, 266; bei den alten pflegte man wohl zu stimmen, ob ein beklagter schuldig oder unschuldig sey; ... bekam jeder, der dabei eine stimme zu geben hatte, ein schwarzes und ein weiszes steinchen Jung-Stilling 3, 62 Grollmann; ähnlich:
da stimmten all die mannen: 'ein bündnis nur uns frommt'
Scheffel ges. w. (1907) 2, 170;
alle domherrn stimmten einmüthig: die bedenkliche sache müszte dem heiligen vater in Rom vorgelegt werden Klinger 3, 11. ungewöhnlich: (er) fragt nach dem preise, wie hoch er gehen dürfe. ich dencke zwischen 200 m und 200 rh. mögte wohl zu stimmen seyn Göthe IV 18, 12 W. — jemandem, -en stimmen jemanden wählen, mundartlich: aim stimme Seiler Basler ma. 279; Hunziker Aarg. 255; morje wird gestimmt; we(n) wolle mr stimme? Follmann lothr. 499; der alt Meier ist wieder gestimmt worden Martin-Lienhart elsäss. 2, 595; wer dem ratsherr Vinzenz Püntiner stimmt Ernst Zahn helden d. alltags (1929) 305; stimme keinem ... der dir ein gesicht macht, als ob er dich fressen wolle, wenn du ihm nicht stimmst; und auch keinem, der dich fürchten würde, nachdem du ihn gewählt hast G. Keller nachgel. schr. (1893) 287.
b)
ohne objektsausdruck, durch den sachlichen zusammenhang bedingte wendungen: vorab, dweil die 3 genante geistliche churfürsten mit im, als mit irem öbristen prelaten, gemeinlich stimmeten, es ward ein ander (kaiser) gewöhlet Sleidanus reden 190 Böhmer; consentio tibi ich halts mit dir, stimm mit dir Er. Alberus dict. (1540) 77ᵃ; Pluto ... stimbt wie Jupiter Lehman floril. polit. (1662) 2, 642; über etwas stimmen im raht Kramer 2 (1702) 975ᵇ; ein jeder antrag im parlament, bevor darüber gestimmt wird Archenholz England u. Italien 1, 45; (er) liesz weiter stimmen Mommsen röm. gesch. (1865) 2, 203;
man hat das volk nach zünften stimmen lassen.
dein bruder hat die stimmen, Phädra siegt!
Schiller 15, 1, 46 G.;
ich selbst sasz mit im rath, und stimmte bey der wahl
v. Ayrenhoff 1, 157;
dasz er bei der abstimmung in der generalversammlung in einem gewissen sinne stimme handelsgesetzbuch § 317 abs. 1; liesz man den stimmenden keine wahl zwischen dieser verfassung oder einer anderen K. L. v. Haller restaur. d. staatswiss. (1816) 1, 240; die armee rückte nach London vor, um ... der versammlung freies sitzen und stimmen wiederzugeben Ranke s. w.² 16, 279.
D.
'in einklang stehen, passen'; im unterschied zu A, B, C ausnahmslos in intransitivem gebrauch. heute meistens ersetzt durch übereinstimmen (teil 11, 2, 187), auch zusammenstimmen (teil 16, 771), in älterer zeit daneben auch einstimmen (teil 3, 313). auch in der neuen, uneigentlich und zuständlich gewordenen bedeutung bleibt die vorstellung einer wirklichen tätigkeit mit der stimme, besonders im älternhd., in verschiedenen graden erhalten. von bildlichem gebrauch der eigentlich-sinnlichen bedeutung hebt sich die neue nicht immer scharf ab, z. b.:
swenne daz rîche
und der bâbst niht stimmen gelîche
Frankfurter druck des renner von 1549 für hellent bei Hugo v. Trimberg 9004;
so soll man allain gelten lassen die warhait, welche kaines thals von der kirchischen tradition zwitrechtig ist oder ungleich stimmet J. zu Wege confession (1555) 53ᵃ; alle drey evangelisten, und Paulus mit yhn, stymmen zu hauffe, das Christus das broth genommen hatt Luther 8, 513 W. — gistimnitun ahd. gl. 1, 472, 20 müszte entsprechend der zugrunde liegenden bibelstelle (concinebant in hymnis et confessione domino) heiszen 'sie sangen übereinstimmend, einträchtig, gemeinsam', und würde dann (als ableitung von stimme) hierher gehören, s. jedoch u. sp. 3099; vgl. auch gastimni 'übereinstimmend' (sp. 3068) und einstimme einstimmig Graff 6, 683, beide ableitungen von stimme.
1)
entsprechend der bedeutung verbindet das vb. meistens, älternhd. ausschlieszlich, zwei glieder miteinander.
a)
die geläufigste wendung ist stimmen mit, vgl. übereinstimmen mit.
α)
bei persönlichem subjekt, so besonders im älter nhd., ist die ursprüngliche sinnliche bedeutung noch lebendig. jemand stimmt mit jemandem oder etwas 'ist mit ihm gleicher meinung, verträgt sich mit ihm' u. s. w.: catholicus heyst, der mitt dem hauffen ist und einhellig mit der gantzen samlung stymmet im glauben und geyst Luther 8, 389 W.; wie feyn stympt Emsser mit s. Paulo, wie der esel mit der nachtgall ebda 7, 649; merckt auf, wie der bapst mit Christo stümbt, wie ain kessel mit einer nachtigall Carlstadt von beiden gest. d. hl. messe (1521) d 4ᵃ; daher Berosus mit Cornelio Tacito stimpt, das Tuisco von der terra sei geporn S. Franck Germ. chron. (1538) 1ᵃ; disiunctus populus a senatu ein volck das sich vom radt abgeworffen hat, das nit mit dem radt stimpt Frisius dict. (1556) 427ᵃ;
der ewiglich mit dem nicht stimmen kan,
der mit dem himmel schertzt und sieht die menschen an
Opitz op. (1690) 1, 7;
wie stimmet Christus mit Belial? welche gemeinschaft hat der reine tempel gottes im menschlichen gemüth mit dem gerichtshofe des frechsten betruges? Herder 20, 257 S., nach 2. Cor. 15; in der hauptsache stimmte sie mit meinem vater, sie zog nur durch einen andern weg in eben dasselbe land v. Hippel lebensläufe 1, 65; denn alle Römer stimmen hierüber mit Livius, und nur Dionysius ... versetzt die botschaft des senats auf das consulat Niebuhr röm. gesch. 2, 98; das königthum sei unverletzlich und erlaube keinen angriff, auch wenn der fürst nicht mit der kirche stimme H. Laube ges. schr. 5, 118; und mit Reiffenbergs stimmt sie noch schlechter wie mit Rummels Holtei erz. schr. 15, 75; mit einander stimmen: das ihr gleich eurem abgott dem bapst selbs widderstrebt mit eurem widderteuffen, und stymmen also lerer und schuler nicht mit einander Luther 26, 146 W.; se (eheleute) stimma nich mitnander K. Rother schles. sprichwörter 367ᵇ. jemand stimmt mit etwas harmoniert damit, paszt dazu: also redet auch s. Paulus ... und stymmet zu mal fein mit diesem psalm Luther 19, 590 W.; die alte bücher melden hie nur von acht jaren und vierhundert schritten, damit stimmet auch Solinus cap. 4 Heyden Plinius (1565) 33;
ach gott, was hilfft ein solcher rath,
da schon das hertz stimbt mit der that,
durch eignen willen eingenommen
Spreng Äneis (1610) 63ᵇ;
das fürstliche hausz Anhalt, welches mit der formula nicht stimmet Thomasius ernsth. ged. (1720) 2, 211; also der typus eines idealistischen jünglingspolitikers, der mit der natur stimmt und auch schauspielerisch ist O. Ludwig ges. schr. 5, 249; da ich mit dem wetter stimme und traurig bin, nehm ich alles von der ominosen und schlimmsten seite Göthe IV 5, 34 W. gleich stimmen: Mosen wöllen wir halten fur einen lerer, aber fur unsern gesetzgeber wollen wir yhn nicht halten, es sey denn das er gleich stymme mit dem newen testament Luther 24, 7 W.; wir sollen sein viell glidmasz eines leibs und mit dem leibe alle zcugleich stimmen, einigk sein wie in einem naturlichen corper Egranus pred. 79 Buchwald.
β)
mit dinglichem subjekt etwas stimmt mit etwas 'harmoniert damit, paszt dazu'; in dieser wendung ist das simplex neben übereinstimmen bis in junge zeit besonders stark lebendig geblieben: das ist unsser meynung von anbeten des sacraments. ob die mit ewr meynung stymme, werdet ihr am besten mercken Luther 11, 450 W.;
was nicht mit gottes worten stimpt,
vergehet, verlischt und bald verglimpt
Petri d. Teutschen weiszh. (1604) 1, f 6ᵃ;
und kerdt ydt uns tho argem nicht,
dat unser stilus ys so slicht,
mit Terentio gar wenich stymbt
B. Waldis verlor. sohn 13 v. 213 ndr.;
aus der geschicht man klar vernimbt,
täglich erfarung auch mit stimpt, ...
das ein solcher böser anfang
gar selten nimbt guten auszgang
Hans Sachs 8, 651 K.;
besondern dank dir für mein leben zu
betheuern, stimmt mit meinem stand und meinem
charakter nicht
Lessing 3, 122 L.-M.;
die ungeheure menge von waffen ... stimmte aber gar nicht mit der friedfertigen gesinnung J. G. Forster s. schr. 1, 349; als schriftzeichen stimmt das gr. υ völlig mit dem goth. und lat. v Jac. Grimm gramm. 1 (²1893) 35; aber disz oberzelt sprichwort stimpt mit der schrifft S. Franck sprüchw. (1541) 2, 5ᵇ; seine theorie ... stimmt in einigen stücken mit Leibnitzens Nicolai literaturbr. (1759) 2, 354; dasz der name von Leopold Mozarts mutter ... nicht stimmt mit dem im Augsburger kirchenbuch angegebenen O. Jahn Mozart 1, 24; in einer weise, die mit der auffassung des reichstages demnächst vielleicht nicht stimmen würde Bismarck polit. reden 4, 70 Kohl; da die aussagen des blinden mit denen des fuhrmanns stimmten Gutzkow ritter v. geist 2, 7; (er) sah den nördlichsten Kharatal als den quellstrom an, was mit obiger angabe der chinesischen reichsgeographie gut stimmt Ritter erdkde 2, 518; je näher meine zahlen mit diesen stimmen (man heiszt diesz mit der rechnung stimmen), desto mehr zutrauen habe ich zu meiner analyse Liebig chem. br. (1844) 52; die genau mit der angabe bei dem falschen Asconius ... stimmende kostensumme Mommsen röm. gesch.² 1, 429; wie stimmt es nun hiermit, dasz sie fast nur in ihrer schönheit aufgeführt wird Gervinus gesch. d. deutschen dicht. 5 (1853) 16. im musikalischen bild:
dasz auch nicht eines triebes funken, ...
nicht eine saite seiner brust
mit ihrem (der freundschaft) sanften tone stimmte?
Gotter ged. (1787) 1, 228;
ungewöhnlich: die situation ... stimmte durchaus nicht mit ihm W. Raabe Horacker (1876) 124.
b)
stimmen zu, meist etwas stimmt zu etwas 'dazu passen', modern stärker ausgebildet als älternhd.: ein klarer text im Jeremia, welcher also laut; ... darzu stimpt auch der text Ezechielis, also lautend Fischart bienenkorb (1588) 207ᵃ; blüet wie melissa umb den stengel. darumb ichs für ein geschlecht der selben auch halt. darzuͦ stimmen nit ubel seine würckung Bock kreutterbuch (1546) 6ᵇ;
es ist der sitt von alter har,
das d jugend nit zuͦm alter stimpt
Nikl. Manuel weinspiel 1783 ndr.;
dasz das mess der ersten schnur nach der lenge zum winckelmess des oberen knopffs der dritten schnur ... stimme Bech Agricolas bergwerckb. (1621) 93; man an sonst nichts gedenket, als was zu der neuen würde stimmet A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 612; hier sah er sich von gegenständen umgeben, die zu seiner gemüthsbeschaffenheit stimmten Wieland 6, 50 akad.; die gegenwart stimmt selten zum gegenwärtigen Göthe IV 19, 461 W.;
ein ernster gast stimmt nicht zum hochzeithaus
Schiller 14, 392 G.;
sein körperliches aussehen stimmte zu seinem anzuge Stifter 5, 1, 68 Sauer; äwer de kranz stimmte mal schön tau de stillen, truen ogen Fritz Reuter w. 2, 308 Seelmann; wohl stimmen dazu die berichte der alten Mommsen röm. gesch.⁴ 3, 219. modern dazu stimmt, dasz ...: dazu stimmt, dasz die ausgrabungen ... jene groszartigen mauerreste gezeigt haben Mommsen röm. gesch.⁶ 2, 29; zu dieser freiheit und unsicherheit stimmt vollkommen, dasz man bald die blätter, bald die seiten der gedruckten bücher zählte teil 1, vorr. 37. — musikalisch 'passend klingen':
und wie ein wolf zur orgel stimpt,
so er sich singens underwindt
Nikl. Manuel 12 Bächtold;
das lied stimmet und klingt zu seiner geig Lehman floril. polit. (1662) 2, 808; die pfeife verräth das holz, woraus sie geschnitten ist. lassen sie doch hören, ob meine dazu stimmt? Lessing 2, 92 L.-M.; das instrument stimmte ... mehr grell und ängstlich monoton, als eigentlich melodisch zum gesang Mörike w. 3, 40.
c)
seltenere präpositionale wendungen. etwas stimmt dahin, auf etwas 'dazu passen': diesen spruch füret Judas nicht übel, ... und (es) wil auch dahin stymmen, das der herr mit seiner zukunfft dem bapst ... zustören wird Luther 14, 85 W.; im sinne von 'auf dasselbe hinauslaufen', A ('lauten') nahe: 'verderben' und 'gruben' (bei der übersetzung) fast auf eins stymmet Luther 19, 590 W.; reflexiv etwas stimmt sich auf etwas 'paszt dazu': evangelium, glaub et gratia stimpt sich auffeinander Luther 11, 165 W.; musikalisch, vgl. o. b:
die kromhörner aber nicht höher gan
denn die acht löcher werden auffgethan.
darümb aller gesang sich drauff nicht zimpt
der sich auff flöten und gros pfeiffen stimpt
M. Agricola musica instr. deudsch 14 Eitner;
etwas stimmt in etwas, ebenfalls musikalisch: mit hinzugethaner verheiszung, wo es immer zu beschehen müglich, was im anlag zu wenden; ... disz war ein gesang, der in sein pfeiffen stimpte, derhalben sprach er Kirchhof wendunmuth 1, 519 Österley; in einander stimmen accordarsi nella musica Hulsius (1618) 240ᵇ. modern in breiterer anwendung: dasz Schakespear das gemälde vortreflich mit kleinen zwischenscenen abgeändert habe, die ... vollkommen in den ton des ganzen stimmen Gerstenberg br. über merkw. der lit. 149 lit.-dkm.; ich hab ihm (dem instrument) eine melodie abgestohlen nach und nach, viel ist nicht daran; aber sie stimmt in unsere lage Klinger 1, 311; alsdenn stimmt diese erklärung in den zusammenhang der beschreibung Herder 3, 122 S.; so berührte mich eben ein groszer theil deines lezten briefes; .. ... auch in diesem augenblick fühle ich, wir stimmen nicht ineinander Bettina Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 151. mit dem beisinn eines aktiven einstimmens, vgl. o. A 2 b (sp. 3091): allein weder die theilnahme des publicums, noch Bürgers beharrlichkeit stimmten in den wohlmeinenden vorsatz Göthe IV 38, 8 W.
d)
direkte verbindung der glieder miteinander, ohne präposition, meist zusammenstimmen und übereinstimmen, selten im simplex, im sinne von 'harmonieren': wie stimmet himmel und erde, seeligkeit und weltfreude? Hippel lebensläufe (1778), 1, 260; bild und wirklichkeit stimmen selten Raupach dram. w. kom. gatt. 1, 163; umarmten wir uns beide das erstemal als stimmende freunde Friedr. v. d. Trenck merkw. lebensgesch. 3 (1787) 70;
drauf kommen musikanten,
sie stimmen (u. II B), proben nie,
und doch, kommts nun zum spielen,
wie herrlich stimmen sie!
Grillparzer 1, 210 Sauer;
im aktiveren sinne von 'klingen', vgl. o. A 1: gewandt werden die reime gehandhabt ... dasz alle ae und oe zu e geworden sind, folglich evi (aevi) : levi, fatue (fatuae): vacue ... rein stimmen Jac. Grimm kl. schr. 3, 33. ähnlich mit dem dativ des zweiten gliedes, so das älteste zeugnis dieser bedeutung:
das halb zu fragen zimt
welcher gotlichen persan das pas het gestimt
dan got des vatters pild?
das ist sein eingeporner sün
zam aller past die menscheit mild
Hans Folz meisterlieder 75, 69 Mayer;
wahr ists, dasz alles ding nicht allen menschen stimmt,
dasz hochmut disz für das und das für jenes nimmt;
war ists, dasz der gebrauch und neigungen zu zeiten
aus irrung den verstand zur seiten ab verleiten
Opitz Grotius wahrh. d. christl. rel. in: op. (1690) 4, 405;
2)
mit nur einem subjekt und ohne weiteres beziehungswort.
a)
zuweilen von einem als in sich mehrgliedrig gedachten subjekt, im sinne von 'in sich harmonieren':
stimmet vielleicht der theile verein nicht harmonisch?
Klopstock oden 2, 32 M.-P.;
die vollkommenste, liebevollste harmonie hat diese gestalt ausgebildet. ... es ist die wahrheit, die richtigkeit, das ewige gesetz der stimmenden natur Lavater physiognom. fragmente 1, 266; nur ihre willkürlichen gröszen hab ich zum stimmenden verhältnisz erhoben Göthe 37, 146 W.; die gröszere heiterkeit und der schwung seines pinsels haben sich hier zu einem stimmenden ganzen vereint, das in seiner harmonie ... auf die ganzheit der seele unmittelbar wirkt Stifter 14, 18 Sauer; stimten des vaters launen, so freute sich der über den buben Wilh. Harnisch Felix Kaskorbi (1817) 1, 13. — so auch schon:
ob mancher (freier) durch das glücke
was wackers wol bekümmt,
so hats doch kein geschicke,
am end es ubel stimmt.
drumb ist der ubel dran,
der nur in dieser jugend
nach gelt und nicht tugend
sein wesen stellet an
Gabr. Voigtländer oden u. lieder (1642) 103.
b)
in der jüngsten zeit auf ein auszerhalb liegendes, nicht genanntes bezogen, etwa auf den zustand der idealen wahrheit; dabei ist das 'in sich harmonieren' (o. a) nicht immer ausgeschlossen. im sinne von 'zutreffen, der wahrheit entsprechen': schon der äuszere umstand stimmt nicht, dasz Mozart zuerst spielte O. Jahn Mozart 3, 503; es sei sein gröszter kummer, dasz diese mittelzeiten nie stimmen wollten Immermann 2, 99 Boxb.; denn als alle zeichen stimmen, worauf er vergeblich gewartet hat, handelt er (Wallenstein) denn nun? O. Ludwig ges. schr. 5, 307; die karte ... stimmt in der hauptordnung der inseln dieser östlichen provinz Chamisso (1836) 2, 189; die möglichkeit einer derartigen arbeit ist nur dann gegeben, wenn eine aufs genaueste stimmende vorzeichnung vorausgegangen ist Furtwängler-Reichhold griech. vasenmalerei (1904) 147; ob das geld im betrage stimmt, wird unwichtig, da es alles ist, was ich besitze G. Freytag ges. w. 11, 259. von kassen, büchern, rechnungen 'in ordnung sein': und wieder war ichs, der am morgen kopfnüsse bekam, wenn die kasse nicht stimmte Gaudy 3, 143; als müszten bücher, die dreiszig jahre gestimmt hatten, jetzt einmal ... revidirt werden Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 2, 327; nun hatte ... die mutter buchgehalten auf treu und glauben ... und die rechnung stimmte immer noch W. Raabe hungerpastor (1864) 1, 117. — vom ton, instrument u. s. w. im musikalischen sinn 'harmonieren': denn der klang der töne erniedriget sich in der ferne, je weiter, je mehr. wenn er in der ferne recht rein zu stimmen glaubete; so würde er dennoch, in der nähe, gegen die andern zu tief seyn Quantz anweis. d. flöte zu spielen (1789) 166;
doch die alte leyer wieder? —
mit einer neuen saite nur bezogen,
die fürcht ich, weder stimmt noch hält
Lessing 3, 132 L.-M.;
eine harfe ist besorgt ...
ist sie gleich ein bischen heischer,
ist sie schon vom besten ton,
wird die sängerin erst keuscher,
wird sie besser stimmen schon
Cl. Brentano ges. schr. 3, 419;
schwäb.: die geig stimmt net Fischer 5, 1774; vgl.: accordiren, stimmen, übereinstimmen, von musikalischen tönen Heynatz syn. wörterb. 1, 75ᵃ.
c)
heute besonders geläufig das, etwas, es stimmt 'es hat damit seine richtigkeit, es trifft zu'. mundartlich weit verbreitet, s. Mensing schlesw.-holst. 4, 852; Woeste westfäl. 254ᵃ; Rovenhagen Aach. 139; Follmann lothr. 499; Schön Saarbrück. 201; Fischer schwäb. 5, 1774; Müller-Fraureuth obersächs. 2, 565. überwiegend der umgangssprache angehörend, nie in hohem stil: 'das stimmt', sagte er befriedigt Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 33; das mit die planetens hat gestimmt. aber das mit die lütten Pagels hat nich gestimmt G. Engel verbot. rausch (1909) 191; alles stimmt, es ist kein zweifel mehr Nestroy ges. w. 1, 48; ich bin doch neugierig, was da herauskommt. da musz irgend etwas nicht ganz stimmen Gerh. Hauptmann biberpelz (1893) 53; sie wollen es nicht glauben. es ist ganz unmöglich. etwas stimmt nicht W. Beumelburg sperrfeuer um Deutschl. (1929) 65; dagegen mehr im sinne von 'miteinander harmonieren' (s. o. a): gott schenkt ihm die flügel und ich schiesz ihn herunter, o nein, das stimmt nicht Bettine Günderode (1840) 1, 30. noch flüchtiger es stimmt: es stimmt ausnehmend! lautet die redensart des heutigen tages Wilh. Raabe horn von Wanza (1881) 47; und er kriegt noch auszer seinem salär gegen 400 daler raus, und richtig ists und wird auch stimmen, denn Korl Havermann verrechnet sich nich Fritz Reuter w. 3, 23 Seelmann; Wulkow (geld herausnehmend und aufzählend) ... siebzehn marcht. na, stimmt et nu? Gerh. Hauptmann biberpelz (1893) 21; ich kann natürlich nicht jede einzelne rede wiedergeben, wie sie gelautet hat, im ganzen aber stimmts Marie v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 4, 168; dat hei de kurnreknung alle woch richtig afliwern müszt, un was in diesen punkt, wennt nich genau up den sticken stimmen ded, Fritzen vel scharper Fritz Reuter w. 2, 446 Seelmann. unter fortlassung auch des grammatischen subjektes: das handpferd, wiederholte Nikolaus und nahm seinen kopf zusammen. stimmt, sagte er, das war vor lichtmesz K. H. Waggerl mütter (1935) 30.
II.
'übereinstimmung, harmonie bewirken' stellt sich, vom standpunkt der gegenwärtigen sprache aus, als transitives 'zum stimmen bringen, stimmen machen' zum intrans. stimmen 'in einklang stehen' (o. I D); vgl. u. die anwendungen. doch liegt wohl eine von stimmen I unabhängige verbalbildung vor, deren älteste spur eine glosse des 8. jhs. zu sein scheint: concinnebant gistimnitun ahd. gl. 1, 472, 20; unter der voraussetzung, dasz in dieser glosse das concino, concinere 'harmonisch tönen, singen; übereinstimmen' der zugrunde liegenden bibelstelle (concinebant in hymnis et confessione Domino 1. Esdra 3, 11) mit concinno, concinnare 'gehörig zurecht machen' (zu concinnus 'harmonisch gegliedert') verwechselt wurde, haben wir hier ein *gastimnjan 'in harmonie versetzen' anzunehmen; (dagegen könnte eine der bibelstelle gerechte glossierung von concino nicht ausgangspunkt für unser transitives verbum sein, und das ahd. vb. wäre anders zu erklären, s. o. 3095). gastimnjan 'in harmonie versetzen' ist factitivum zu gastimni 'consonus, harmonisch' (s. o. sp. 3068), welches adj. vom subst. stimme abgeleitet ist. zusammen mit kstimmida armoniam ahd. gl. 2, 19, 3 (11. jh.) sind diese wörter zeugen einer musikalischen terminologie im ahd. und stellen sich unmittelbar zu dem modernen stimmen der musik (u. A). dieses ist erst seit dem 16. jh. bezeugt; doch zeigt Gregor Haydens Salomon u. Markolf im 15. jh. (u. B 2 c, sp. 3108) schon übertragene anwendung ('foppen') dieser bedeutung, und für das mhd. ist das bestehen dieser übertragung und damit auch des musikalischen gebrauchs vielleicht aus dem mehrfach bezeugten vergleich eines gefoppten mit musikinstrumenten zu erschlieszen, vgl. Schmeller-Frommann 2, 757:
der arme truhsæze was
ir gige unde ir rotte;
si triben in mit spotte
umbe und umbe als einen bal
Gottfried v. Straszburg Tristan u. Isolde 11360 R.,
bitet hüeten sîn vor spotte.
ern ist gîge noch diu rotte
Wolfram Parzival 143, 25.
A.
in der musik 'die absolute höhe eines tones und die verhältnisse aller töne untereinander feststellen, bestimmen; die temperatur praktisch ausführen'. die bedeutung knüpft für das sprachgefühl an I D an, indem in der musik ein 'harmonieren, stimmen' bewirkt wird; so sagt der musiker: 'die geige stimmt, wenn sie gestimmt ist'.
1)
eigentlich, rein musiktechnisch.
a)
meistens mit dem instrument als objekt; saiteninstrumente stimmen: das heiszt das vorspiel und stympt die lauten. ... incepisse schon das vorspil Luther 34, 2, 96 W.; ehe der spielmann ein newe geig stimpt, so hat er auff der alten ein dantz gemacht Lehman floril. polit. (1662) 1, 164; welche verstimmte laute stimmet sich selbst Lohenstein Arminius (1689) 2, 541ᵇ; so wie eine laute bis auf eine einzige falsche sayte wohl gestimmt seyn kann Wieland Agathon (1766) 2, 63; er wuszte das instrument ... zu stimmen Göthe 24, 358 W.;
gleich stimmen wir die laut,
die harfen und die geigen
Achim v. Arnim 13, 30 Grimm;
als sie paarweise in den tanzsaal hinüber schritten und dort die musiker schon ihre geigen stimmten G. Keller ges. w. 5, 41; eine arie ... womit eine verstimmte harfe, ein paar nicht gestimmte violinen ... sich und die zuhörer quälen E. T. A. Hoffmann 1, 11 Grisebach. ebenso die saiten stimmen: nun sag mir auch, wie ich sie stellen oder stymen solle (1511) Virdung musica getutscht 73; wann man aber über das glas auch eine saitte in gleicher stimmhöhe spannet und stimmet; so wird man nicht allein das zittern und bewegen der saitten, sondern auch einen klang und hall vernehmen Ag. Cario neue hall- u. thonkunst (1684) 112;
denn eine falsche seyt, sag ich dir schlecht,
kan gar selten werden gestymmet recht
M. Agricola musica instrum. deudsch 80 Eitner;
kommt! stimmt von neuem eure seyten
Gottsched neueste ged. (1750) 41;
die glocken sind gestimmt, wie man die saiten einer geige stimmt, dasz sie gut zusammentönen Stifter w. 5, 1, 38 Sauer. von allen instrumenten: die musiker, welche ihre pfeifen rein stimmen und ihre sitten ungestimmt lassen Bode Michael Montaignes ged. (1793) 1, 262; vgl. überein, zusammen stimmen 'instrumente aufeinander abstimmen': es sind zwei köpf in einer hauben ... ils accordent bien ... sie stimmen ihre pfeiffen wol überein Joh. Rist neuer teutscher Parnasz (1652) 74; nach dem dann dryerlaye floten zuͦsamen gestympt werden Virdung musica getutscht 97; die orgel stimmen: und geschicht oft, das durch eine gute pfeifen ein ganz werk, das auch dissonirt, recht und woll gestimet wirt (1523) Hans v. d. Planitz ber. a. d. reichsreg. in Nürnberg 319; wenn man z. e. ein rohrwerck von 16 fusz rein stimmen will Joh. Mattheson vollkomm. capellmeister (1739) 465; auch war die orgel so gut gestimmt Schubart leben u. gesinn. 1, 204. sind die claviere so gestimmt, so kan man sie wegen der ausübung mit recht für die reinste instrumente unter allen ausgeben, indem zwar einige reiner gestimmt aber nicht gespielet werden Ph. E. Bach art d. clavier zu spielen (1759) 1, 9; heute war ich hinausgegangen, Lottens klavier zu stimmen Göthe 19, 72 W.; unter allen instrumenten ist eine pauke am schwersten zu stimmen Jean Paul w. 52, 196 Hempel. ebenso den gesang stimmen: machten ... ein confusion im singen, darumb er sich entrüstet, besahe alle claves auffs new, stimmet einem iedern den gesang qualitate vocum wider Kirchhof wendunmuth 2, 157 lit. ver.; ähnlich:
Damon empfängt vom Horatz die lesbische leyer. ...
doch siehst du nicht, wie, an dem rechten arme
Horatz, mich leitend, geht? wie er mein spiel
selbst stimmt, und mir die hohen griffe zeiget?
Lange u. Pyra lieder 15 lit.-denkm.;
der grosse harfner, der die sphären stimmt,
wenn halleluja seine geister glühen,
vor dessen flammenthron die welt der sonnen glimmt,
beschenke noch, eh dich die parze nimmt,
dich, lieber freund, mit schönen harmonien
Seume ged. (1804) 12.
uneigentlich zunge, schnabel, kehle stimmen, meist von singvögeln:
die wolgemahlte vöglein schwanck
ihr zünglein süszlich stimmen,
dem schöpfer sagen lob und danck,
auff, ab, in lüfften klimmen
Spee trutznachtigall (1649) 154;
auf! stimmet eure schnäbel schön,
singt ihr von meiner treue
E. M. Arndt 6, 268 R.-M.;
und einen hain, wo vögel ohne zahl
die liederreichen kehlen stimmen
Wieland (1795) 10, 217;
a! tara lara da!
die kehlen sind gestimmt. (singt)
das liebe heilge römsche reich
Göthe 14, 99 W.
auch ohne ausdruck des objektes:
weil aber ein solch stymmen ist gantz schwer ...
so wil ich eine leichter art melden
M. Agricola musica instrum. deudsch 83 Eitner;
wer auff der lauten spielen will, musz zuvor stimmen Harsdörffer gesprächsp. (1641 ff.) 2, 62;
man stimmt. man dreht. es hat die hand
bereits die därme fest gespannt
Hagedorn vers. einiger ged. 19 lit.-denkm.;
kaum strich er aber stimmens halber die saiten an E. T. A. Hoffmann s. w. 8, 236 Grisebach; wenn sie lange genug gestimmt und uns die ohren mit allerlei misztönen zerrissen haben Göthe 25, 161 W.; horch! sie stimmen schon! nun musz ich tanzen Bauernfeld ges. schr. 2, 104. vereinzelt von den tönen, die beim stimmen entstehen: bemüht, die saiten seiner harfe wieder in ordnung zu bringen, sang er zwischen die schwirrenden, stimmenden töne ... folgendes lied hinein Fouqué altsächs. bildersaal 2, 576.
b)
ebenso mit charakteristischen adverbialen bestimmungen: so er sein ... harpffen in die hand nimpt ... und seines gefallens hoch oder nider stimpt Schaidenreisser Odyssea (1537) 90ᵇ;
weil man die pfeif zu hoch gestimmt
Opel-Cohn dreiszigjähr. krieg 231;
Cupido muste nur die seiten niedrig stimmen
Lohenstein erleucht. hoffmann (1724) c 3ᵇ;
die geige um einen thon höher stimmen Kramer 2 (1702) 975ᵇ; wenn er sprach, ... war seine stimme allezeit einen halben ton höher gestimmet, als anderer leute stimme Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 45; nachgehends aber, da man die feinste chantarelle und noch einen bass darzu gethan, sie (die laute) G, C, F, a, d, g gestimmet worden E. G. Baron instrum. d. lauten (1727) 59. nach, zu, in einen ton stimmen: weil aber der ton, nach welchem man stimmet, so sehr verschieden ist Quantz anweis. d. flöte zu spielen (1789) 25; wald- und posthörner müssen an diesen heiligen örtern zu molltönen gestimmt seyn v. Hippel kreuz- u. querzüge (1860) 1, 240; es war ein sanftes moll, in dem die windharfe gestimmt unter den tannen hing Gutzkow ritter v. geiste (1850) 2, 370; (Apoll) weckt auch zuweilen die schweigende muse wieder auf, und stimmt seine leyer im sanften ton Gottschedin br. (1771) 1, 187 Runkel.
c)
auch mit anderen objekten, besonders einen ton stimmen: dasz man in der orgel keinen ton ganz rein stimmen darf, weil dadurch andere töne leiden Schubart ästhetik d. tonkunst 271; wollte man alle terzen und alle quinten gleich rein stimmen, welche unordnung würde daraus entstehen? Scheibe crit. musicus 31;
wer stimmet meiner säyten ton,
dich durch mein singen zu ergötzen?
J. E. Schlegel w. 4, 179;
hätte man nur eine klappe auf der flöte, so müszten beyde, das es und das dis, wie auf dem claviere, da man sie auf einem taste greift, schwebend gestimmet werden Quantz anweis. die flöte zu spielen (1752) 17 Schering. weniger scharf als in der musikalischen kunstsprache: dein gedicht ... schöpft die töne aus der brust und stimmt sie zu melodieen Bettine Günderode (1840) 1, 350;
o! muse stimme noch für dieszmal meine lieder!
v. Cronegk schr. 2 (1766) 34.
hierher auch, weniger rein musiktechnisch, s. u. 2 und 3, ein lied in einen ton stimmen (vgl. o. b):
der rauhe herbst kömpt wieder!
jetzt stimm ich meine lieder
in ihren (eigenen) trawerthon
Albert bei Fischer-Tümpel evang. kirchenl. 3, 49.
2)
metaphorisch und symbolisch. ein instrument stimmen mehr im allgemeineren als im musiktechnischen sinn zum spielen 'bereit machen':
er (musiklehrer) hat die geister mir geregt,
er pflag die seiten mir zu stimmen.
ich hofft auch schon, von ihm bewegt
durch kunst die sternen zu erklimmen.
was sol mir nun mein seitenspiel?
Simon Dach 720 Österley;
evangelium ab eterno, quo fisi sunt patres et corda (saiten) eorum haben sie gestimet auf den heyland Luther 20, 326 W. meist von subjekten, die nicht eigentlich 'stimmen' können:
Phoebus stimmt mir selbst die leyer,
da er mir, zur hochzeitfeyer,
reim und wunsch gerathen läszt
Gottsched ged. (1751) 1, 73;
zur rede gesellt sich musik, leicht sind die guitarren gestimmt
Geibel w. (1888) 1, 112;
verwaiste leyer! die, seit mir kein genusz
der freundschaft dich mehr stimmte, die traurigkeit
der hand entschlug!
J. A. Schlegel verm. ged. 1, 302;
wohl dem, der nicht in trauer schwimmt
und, wie das glück die leyer stimmt,
die hand zum tanze beut
mildheim. liederb. (1799) 95 R. Z. Becker;
kann mir nichts die harfe stimmen,
nicht die liebe, nicht der wein,
seis das zornige ergrimmen
über die philisterlein
graf Strachwitz ged. (1850) 15;
die saiten seiner leier für die thaten zu stimmen, die er versuchen wird auszuführen Gutzkow ges. w. 7, 435. ein instrument u. s. w. zu etwas stimmen 'bereiten, passend machen':
halle leiser, fromme leier!
hoch zu klingen ziemt dir nicht;
nur zu einfachstiller feier
stimmte dich die kindespflicht
Fr. Kind ged. 5, 256;
und der hauch der lieben musen ...
stimmt die kehle zum gesange
Göthe 2, 25 W.
die dichter stimten ihre harfen schon zu kriegsliedern Meiszner Alcibiades (1781) 3, 28; izt Doria mit mir auf den kampfplatz ... zum schaudernden konzert alle instrumente gestimmt Schiller 3, 73 G.;
deiner augen stilles feuer ...
hat, o traute! meine leier
heut zu deinem lob gestimmt
Schubart s. ged. (1825) 2, 160;
laszt uns hören, wie der biedre altteutsche seine harfe zur freude stimmt Kretschmann s. w. 1, 34. sich zu etwas, jemandem stimmen 'harmonisch anpassen':
doch folgst du mir in unsre reihen,
so stimmet deine kehle sich
gar bald zu frohen melodeyen
Pfeffel poet. vers. 10, 127.
mit anklang von 'mitsingen', vgl. o. I A 1 b:
nun stimmt zur sanften turteltaube
gedämpfter sich des haines chor
Tiedge w. 5, 10.
3)
übertragung von der musikalischen anwendung auf andere bereiche.
a)
in totaler übertragung des musikalischen bildes; im sinne von 'bereiten, einrichten': und weil Talypsidamus die seiten etwas zu lang stimmete und seine eilig versprochene hülf desto längsamer zu befördern scheinete Stockfleth Macarie (1669) 62; muste aber meine leyre anders stimmen und mich nach demjenigen ort richten, darin ich mich gleichsam wie ein gefangener befand Grimmelshausen Simpl. 445 Scholte;
ist schon die laut gestimmt, wenn doch der lautenist
in seinem kopf verrückt und nicht gestimmet ist
Lindenborn Diogenes (1742) 1, 257;
wie glücklich diese vögel sind, wenigstens ist ihre zunge nicht gefangen. — stimm die deine nach bescheidnern tönen, wenn ich dich gefällig hören soll Klinger theater u. w. (1815) 1, 202; vor lebhaften, frohherzigen hörern, deren zartes ohr durch übung gestimmt worden war Joh. H. Voss zeitm. der deutschen sprache (1802) 4; sie (die sprache) lerne der schriftsteller und redner stimmen, wie der tonkünstler das werkzeug, auf dem er wohllaut hervorzaubert Fr. L. Jahn w. 1, 238 Euler; seine (des menschen) vernunft — konnte ungestört an ihrem werkzeuge der sprache bauen und das zarte gedankenspiel stimmen Schiller 9, 126 G.; eine neue ordnung der dinge, ein anderer ton als des vorigen geschlechtsalters fängt an; gott wird wissen ihn auf seine harmonie zu stimmen J. v. Müller s. w. (1810) 5, 186. auch in dem ausdruck hoch, tief u. s. w. stimmen tritt die bildhaftigkeit hervor (s. o. 1 b); im sinne von 'spannen, richten': klügeley stimmet die seiten zu hoch Schottel teutsche haubtsprache (1663) 822; ungewöhnlich ohne objektsausdruck, im sinne von 'sich selbst oder seine sprechweise spannen, spreizen': je höher die person ist, mit der er (der erhabene) redet, desto höher stimmt er, desto unnatürlicher und unerträglicher wird er G. Chr. Erh. Westphal portraits (1779) 76. meist auf menschliche haltung bezogen: den geschmack höher zu stimmen und fades gewäschwesen zu bannen Lavater verm. schr. 2, 102; doch ich will die erwartung des publikums nicht höher stimmen Lessing 9, 184 L.-M.;
(dasz du) die folgen meiner flucht auf deine rechnung nimmst,
und meiner freude jubel tiefer stimmst
Nicolai verm. ged. (1778) 7, 15;
wie tief habe ich mich herab stimmen müssen, um nur brod zu haben Thümmel reise in d. mitt. prov. (1791) 6, 288;
denn das ewige gesetz, das waltet,
will die harmonie noch im verderben ...
alle teile stimmen nach dem einen
sich herunter, den der tod beschlichen
Hebbel s. w. 6, 290 Werner.
herz, seele, gemüt stimmen, unter voraussetzung ihres vergleichs mit einem instrument:
wenn dieser falsche ton in einem herzen
nun einmal klingt, und immer wieder klingt;
wo ist der künstler, der es stimmen könnte?
Göthe 11, 303 W.;
mit jedem solcher geschichten wird die seele des knaben in einen guten ton gewiegt: der ton trägt sich stille fort, wird sich einprägen und auf ewig die seele stimmen Herder w. 4, 376 S.; nichts ist so mächtig, als die hinflieszende zeit, um der menschen erregte gemüther wieder auf das gewohnte gleichmasz zu stimmen Wilh. Raabe unruh. gäste (1912) 108; hätte die zwietracht vielleicht diese beyden nationen aufgerieben, obgleich das mittel, wodurch er sie in harmonie stimmte, so leicht ... scheint Wieland I 3, 25 akad.; hab sie ehmals zärtlich geliebt; hab ihr herz zu empfindungen der liebe gestimmt, und nun — spielt der jüngere bruder aufm flügel Schubart br. 1, 215 Strausz; wir stimmen die saiten, stimme du (gott) unsere sinnen zu einer harmonie, die himmel und erden verbindet Benj. Schmolck andächt. hertzen betaltar 61 in: trost- u. geistr. schr. 2 (1744).
b)
besonders wendungen, in denen stimmen auf ton bezogen wird (s. o. 1 c), werden verallgemeinert, die musikalische grundlage verblaszt mehr oder weniger: dasz manche einzelne stellen aus K. so tiefe eindrücke in mich gemacht, dasz sie tagelang den ton meiner seele haben stimmen können Herder w. 1, 523 S.; ein mündlicher meinungswechsel, wo den ton das antlitz des gegners oder die gesellschaft stimmt Joh. H. Voss antisymb. 2, 2. anders: schon hat sich ihr ton sanfter gestimmt! — konnte er anders, meine blume, da der ton ihrer augen mein herz mit dem ihren in süsze einträchtige melodie schmelzte? Klinger w. 1, 177. jemanden auf einen ton stimmen in eine haltung versetzen: es ist nicht hitze, nicht übereilung, die mich auf den ton gestimmt, in welchem man mich mit herr Klotzen höret Lessing 10, 430 M.; die herzogin sorgte dafür, dasz ihr sohn dies an sich erfahre, und stimmte alle hofleute auf töne, die in diesen accord ausgingen Heinr. Laube ges. schr. 2, 199; den ton, auf welchen sich Posa gleich zu anfang mit dem könige stimmt Schiller 6, 54 G. etwas auf einen ton stimmen einen charakter verleihen: ein gespräch enden, das die allzugrosze dankbarkeit deines herzens auf einen zu hohen ton gestimmt hat Wieland Agathon (1766) 1, 178; wenn der verfasser die kunst oder die natürliche gabe besitzt, seine schreibart auf den ton der begeisterung zu stimmen Wieland I 6, 131 akad.; in der freien natur ist alles mit der seele verwandt und auf einen ton gestimmt Tieck schr. (1828) 7, 37. jemanden in einen ton stimmen hineinversetzen: er fühlt dies und will die leute in seinen ton stimmen Knigge umgang mit menschen 1, 21; alles musz sich in den ton des monarchen stimmen Heinse s. w. 4, 354 Schüddekopf; (dem leser) wieder in den harmonischen ton hineinzuhelfen, wenn ihn hier und da die übersetzung unumgänglicher weise sollte heraus gestimmt haben Bürger s. w. 185ᵃ Bohtz. ähnliche wendungen: dasz in einer residenz sich alles nach dem ton stimmt, den der fürst angiebt Knigge roman m. lebens 3, 11; der französischen unterstützung sicher, stimmte man sich in Spanien wieder zu dem stolzen tone hinauf J. G. Forster s. schr. (1843) 4, 80; stärker bildhaft, vgl. 1 b, 3 a: der gemeine mann würde sich einen ton herauf, der vornehmere einen ton herab stimmen Hippel über die ehe (1792) 52.
B.
in eine haltung, gemütslage versetzen; zu etwas veranlassen, bewegen; auf den menschen und seine inneren kräfte gerichtet. im ganzen erst der jüngeren und modernen sprache eigen, doch vgl. u. 2 c. von dem übertragenen gebrauch des musiktechnischen stimmen (o. A 3) zuweilen nur durch das fehlen der ausdrücklichen bildhaftigkeit verschieden. die neue bedeutung beruht auf verallgemeinerung der musikalischen im sinn von 'einrichten, lenken' und 'passend machen' (o. A); das verhältnis zwischen B und A bleibt dauernd lebendig, so dasz primäre und sekundäre beziehungen kaum von einander zu unterscheiden sind.ob auch das alte stimmen 'festsetzen' (o. I B) sich teilweise in dieser bedeutung fortsetzt, ist nicht nachzuweisen; wie für I B allgemein, so ist auch für diese bedeutung in weitem umfang heute bestimmen an die stelle von stimmen getreten, vgl. auch o. A 3 b.
1)
stimmen mit ausdrücklicher bestimmung des zieles, des zweckes, der wirkung u. s. w.
a)
in breiter anwendung jemanden zu etwas stimmen 'geneigt machen, bewegen, veranlassen', zu gemütslagen, entschlüssen, handlungen: denn nichts stimmt ... herzen mehr zum mitleid Thümmel reise in d. mitt. prov. (1791) 10, 188; ein dumpfes gewitter ... stimmte die gemüther zu einer bangen melancholie Pfeffel pros. vers. 3, 140;
die offenheit, sein schmerz und seine zweifel —
sie stimmen mich zum herzlichsten gefühl
Göthe 9, 327 W.;
diese schweigende erlaubnis ... rührte meinen nachbar und stimmte ihn zur dankbarkeit br. v. u. an Herwegh 29; o, nie hat mich ein ereignis der menschlichen seele zu höherer andacht gestimmt Carossa schicksale dr. Bürgers (1930) 33; euer ansehen wird Heinrich zu friedlichen gesinnungen stimmen Meisl theatr. quodlibet 1, 208; was fehlt also noch, sie zu diesem entschlusse zu stimmen? Gervinus an Dahlmann in: briefw. 2, 183 Ippel; sie (farben) stimmen zu einer unruhigen, weichen und sehnenden empfindung Göthe II 1, 314 W.; der ganze tempel stimmt zur reinheit und demuth; und ist gewiss einer der schönsten Heinse s. w. 7, 122 Schüddekopf; was aber vor allem zu dank und hoffnung stimmte Fontane ges. w. I 1, 15;
stimm aber ja bey zeit
der klugen ältern sinn zu schneller dankbarkeit
B. Neukirch ged. (1744) 134;
einen augenblick schmeichelte man sich, ... das parlament zu friedlicheren gesinnungen zu stimmen Ranke ²16, 141; der marquis ... verspricht dem prinzen, ... sie zu einer unterredung zu stimmen Schiller 5, 31 G.; noch hatte ich die absicht, die deputation zu einem gemeinsamen schritte stimmen zu können Görres ges. br. 3, 103. sich zu etwas stimmen: zu einem buche nehmlich, bey dem man zu jeder lage sich stimmen, zu dem man aus jeder lage zurückkehren kann Schiller 10, 474 G.; damit du mir ohne anstrengung schreiben könnest und dich nicht dazu erst zu stimmen brauchst Bettine Brentanos frühlingskranz (1844) 150. mit einem nebensatz mit zu 'veranlassen, etwas zu tun', wie bestimmen: wir waren von herrn mag. Schmelzern gestimmet, ihm in allem zu willfahren Schnabel insel Felsenburg (1731) 3, 241; ich hab soeben das schöne mädchen dort gestimmt, mit mir zu reisen Klinger w. 1, 183; sie (seele) wird gestimmt, andren zu sein, was andre ihr sind W. v. Humboldt ges. schr. 1, 66 akad.; die aufstellung des tapfern kriegsführers ... muszte dieselbe dazu stimmen, auf eine auskunft zu denken Ranke ²15, 359; dafür verband sich der baron, die frau des ministers durch eine summe gelds ... dahin zu stimmen, ein gewisses papier ... zu entwenden Klinger w. 3, 132. mit nahezu erstarrtem partizip jemand ist zu etwas gestimmt geneigt, bereit, befähigt: morgen, Benedikt, das übrige, wenn wir wieder dazu gestimmt sind, sagte hier Ardinghello Heinse s. w. 4, 52 Schüddekopf; (ich) bin jetzt nicht zum schreiben gestimmt maler Müller w. 3, 57; ich war ungewöhnlich zur freude gestimmt Wieland w. 3, 58 akad.;
wenn du
die rede, die du kürzlich hier begonnen
fortsetzen willst, so spar es auf; du siehst,
ich bin so eben nicht gestimmt, es an —
zuhören
H. v. Kleist 1, 111 E. Schmidt;
wenn ich dich einmal gestimmt fand, mit mir über interessante gegenstände zu sprechen Göthe IV 9, 124 W.; welche (Amerikaner) ... nicht danach gestimmt, der mutter nachzuäffen, ... die bildung von senaten ... nicht verschmäht haben Dahlmann gesch. d. franz. revol. 144; wenn man im laufe des lesens durchaus zu ernsten betrachtungen und gefühlen gestimmt wird Göthe IV 40, 259 W.; für heute scheint mir die jungfer baas doch nicht zur musik gestimmt H. L. Wagner theaterst. (1779) 27; weil ... keiner eine zum lachen gestimmte miene macht, da wag ichs Bettine dies buch gehört d. könig (1843) 1, 89; warum muszten meine fähigkeiten ... mehr zum miszbrauch, als zu edlen zwecken gestimmt seyn Klinger w. 3, 288.
b)
jemanden für, selten gegen, etwas oder jemanden stimmen 'einnehmen, beeinflussen': dasz er (erzähler) unser gemüth für ideen zu stimmen wisse Schiller 10, 459 G.; der zeitgeist (war) für dergleichen erwerbe nicht gestimmt Herder w. 17, 55 S.; so versuchte Winckelmann ... sich für heiteren lebensgenusz zu stimmen Justi Winckelmann 2, 345; kreistag, wo ich ... sein musz, weil ich wichtige sachen vorzutragen und die landjunker dafür zu stimmen habe Bismarck br. an s. braut u. gattin 20; absicht des Wiener hofes, sich dieses prinzen, den er ... für sich zu stimmen hoffte, für seine anträge zu bedienen Ranke 30, 109; und dennoch wirst du mir helfen, den vater für Gustav zu stimmen Holtei erz. schr. 3, 35; den Deutschen eine grosze politische lehre zu geben, ... die herzen gegen Frankreich zu stimmen Moltke ges. schr. u. denkw. 2, 205; und stimmt mich zu nachsichtig für meine gegner fürst Pückler briefw. u. tageb. 1, 160; dasz der generalsuperintendent ... nicht günstig für uns gestimmt sei Aug. Winnig frührot (1926) 50; dasz ..., konnte den jungen mann nicht milder stimmen gegen die herrschende aristokratie Mommsen röm. gesch.⁶ 2, 87.
c)
seltener mit in und auf. sich in etwas stimmen 'sich hineinversetzen, sich anpassen': wem ... eine schilderung zu ausführlich vorkommt, der stimme sich ins gefühl der singenden Herder w. 20, 364 S.;
der klügste stimmt sich in die zeit;
und lacht er nicht aus lust zu lachen:
so lacht er aus gefälligkeit
Joh. Benj. Michaelis poet. w. (1780) 1, 132;
so leicht stimmte sich Viktor nie aus dem traum in den neuen tag, als an diesem morgen Jean Paul w. 7/10, 180 Hempel; anders, etwa 'sich harmonisch ordnen, gestalten', vgl. u. 3: alle meine fähigkeiten stimmten sich ins reine, als ich sie sah Heinse s. w. 10, 353 Schüddekopf. jemand ist auf etwas gestimmt 'darauf eingestellt': da ihm doch die sammlung fehlte, mit jemandem, der nicht ganz auf sein inneres gestimmt war, jetzt zu lang allein zu sein Gutzkow ritter v. geiste (1850) 3, 404; die rohen, ganz auf den krieg und die jagd gestimmten Franken schrieben sehr wenig Adelung umständl. lehrgebäude 2, 634.
d)
jemanden stimmen mit zufügung eines adverbs der art und weise, wie die haltung beeinfluszt ist. jemanden glücklich u. s. w. stimmen häufig wie jemanden glücklich u. s. w. machen: ich gestehe, dasz dieses ereignisz ... mich sehr trübe stimmte H. Steffens was ich erlebte 4, 24; so glücklich ihn jedes wort stimmte, so lehrreich war es ihm auch Fontane I 5, 52; der besuch von Heidelberg, Speier und der Pfalz stimmte mich rachsüchtig und kriegslustig Bismarck ged. u. erinn. 1, 20 volksausg.; wodurch ein künstler momentan productiv angeregt oder gestimmt werde, das wird ihm selbst selten bewuszt sein O. Jahn Mozart 3, 432; die (farben) von der plusseite stimmen regsam lebhaft strebend Göthe II 5, 2, 196 W.; auch ein sonderbarer name, Tipsy, er stimmt vergnügt H. Fr. Blunck d. weibsmühle (1927) 13; sag, brüderchen, ist es die noth, die dich so stimmt? Schiller 2, 33 G.; auch mit persönlichem subjekt: du bist ganz mitleidig geworden durch ihn, er hat dich so gestimmt Bettine Günderode (1840) 1, 77; ich darf und will dich nicht weich stimmen v. Droste-Hülshoff br. (1893) 53. sich stimmen im sinne von 'werden': ernsthafter stimmten sich wieder die gemüter, in der vorahndung entscheidender auftritte die noch bevorstanden H. v. Kleist 3, 286 E. Schmidt. jemand ist gut, schlecht u. s. w. gestimmt 'gelaunt, eingestellt', auch mundartlich, s. Fischer schwäb. 5, 1773; Follmann lothr. 499: so heiter gestimmt kamen alle vier ... nach hause Göthe 24, 143 W.;
und fröhlicher wird er gestimmt,
je höher als er aufwärts klimmt
S. Brunner erzähl. u. schr. 1 (1864) 129;
wenn
ich wüszte, wie du jetzt gestimmt, viel hätt ich
zu sagen dir
H. v. Kleist 1, 119 E. Schmidt;
das wetter war schön ... alle seelen waren daher heiter gestimmt Tieck schr. (1828) 14, 93; und (er) war von damals auch der herzogin giftig gestimmt Scheffel ges. w. (1907) 1, 148; inmitten einer durchaus feindselig gestimmten bevölkerung Moltke ges. schr. u. denkw. 7, 66; entfernte sie sich mit ihrem leidlich getrösteten, aber noch sehr weich gestimmten Johannes H. Seidel Leb. Hühnchen (1899) 54; wie muste aber die dauernde unempfänglichkeit Adelungs für den von ihm voll erlebten aufschwung deutscher poesie dichterisch gestimmten zuwider sein Jac. Grimm vorrede teil 1, xxiv; einflusz der mehr weltlich gerichteten, sentimental gestimmten aufklärungslitteratur Fr. Meinecke leben d. generalfeldm. v. Boyen 1, 21.
2)
jemanden oder seine haltung u. s. w. stimmen, absolut, so dasz die aussage über zweck und art der beeinflussung mit in der bedeutung von stimmen enthalten ist.
a)
jemanden beeinflussen, veranlassen, häufig wie bestimmen. auch 'in eine geeignete, richtige haltung versetzen': das vollkommne musz uns erst stimmen und uns nach und nach zu sich hinaufheben Göthe III 2, 146 W.; ich bin sehr gestimmt; wir alle sind gestimmt, denk ich; es ist uns wohl gegangen, und unsere geister sind in bewegung I 38, 156; keine dissonantz in seinem umgange, er war immer gestimmt, immer heiter Hippel s. w. 4 (1828) 115;
mein freund, du bist jetzt nicht gestimmt, wir wollen
ein andermal noch diesen punkt besprechen!
Grillparzer s. w. 4, 171 Sauer.
im musikalischen bilde (s. o. A 3 a):
sänger, chor an chor, verbreiten
Aphroditens lob umher.
soll ich nicht ihr lied begleiten
stimmet mich (den dichter) kein frühling mehr?
ha! erwachte nicht im lenze
meine brust zu lieb und sang
Bürger 3ᵇ Bohtz.
meistens 'beeinflussen': dieser unbiegsame kopf, dessen wille so unveränderlich ist ... läszt sich durch so seichte gründe stimmen samml. v. schausp. (Wien 1764 ff.) 8, 17; es ist wahr, die geistlichkeit hat uns sehr geholfen, das volk zu stimmen und diese entwicklung herbeizuführen Tieck ges. nov. 4 (1838) 244; (Sylvia) brauchte alle (leute), den vetter zu kränken, und den onkle zu stimmen Pestalozzi 4, 344 Spranger-Buchenau; ebenso das gemüt, die denkart u. s. w. stimmen: dasz man schrittweise gehen und die gemüther allmählig stimmen musz Leibniz dtsche schr. 2, 138 Guhrauer; ein geistiges samenkorn ... (das dem geist) eine dunkle ahnung zuführt, das gemüth stimmt, die phantasie in bewegung setzt Jhering geist d. röm. rechts 2, 2, 534; ein einziger umstand, eine vielleicht falsche oder übertriebene nachricht, kurz ein wink und wahn stimmt oft die denkart und meinung eines ganzen volkes Herder 17, 81 S.; ein gewisser eigennütziger und genuszliebender krämergeist in der groszen und bedeutenden mittelklasse der völker, welche die gefühle und gesinnungen der menge am meisten stimmt E. M. Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen (1845) 1, 491. sich stimmen 'sich in gute haltung versetzen': ein unsicheres geschwirre zwischen kindern und kunstfreunden, so dasz man sich selbst weder stimmen noch sammeln konnte Göthe IV 37, 259 W.; er las ... Plato, weniger um eine theorie aus ihm zu ziehen, als um durch ihn sich zu stimmen Justi Winckelmann 2, 69; im sinne von 'sich gestalten': vielmehr hatte sich meine empfindungsweise gar seltsam gestimmt, ohne dasz ich es mir vollkommen bewuszt gewesen wäre. da brach eines abends in groszer gesellschaft der verhaltene unmuth los Göthe 25, 1, 147 W. jemanden oder sich nach sich oder einem andern stimmen 'entsprechend beeinfluszen, gesinnt machen, gefügig machen', 1 näher: freundschaft als eine begierde zu beschreiben, die uns treibt, den willen eines andern nach dem unsrigen zu stimmen J. E. Schlegel w. 5, 273;
kein freund auf erden stimmt so sehr
nach meinen launen sich
Blumauer ged. (1782) 179;
unsere schläfrige verdauung stimmt den kopf nach dem magen Göthe 8, 13 W.; es kann nicht fehlen, jede gegend stimmt mit der zeit die seelen der einwohner nach sich Heinse s. w. 4, 165 Schüddekopf; wer aber im lande Württemberg seine empfindung nach dem winke des hofes zu stimmen wuszte Treitschke hist. u. polit. aufs. 1, 269; dasz wir kinder uns schon als erben seines groszen vermögens ansehen könnten. ich achtete nicht weiter darauf; allein das betragen der übrigen ward nach diesen hoffnungen nicht wenig gestimmt Göthe 22, 300 W.; 'anpassen, angleichen', wie abstimmen: kein mensch wuszte besser, als er, seine unterhaltung nach allen classen von menschen zu stimmen K. Fr. Cramer Neseggab 4, 256;
wenn alle auch ihr antlitz stimmen nach
des königs blick
Shakespeare (1855) 9, 255;
3 nahe: je nachdem ein gegenstand den höhern grad einer erkenntnisskraft fordert, werden sich auch die übrigen kräfte bald darnach stimmen Thom. Abbt verm. w. 4, 48.
b)
in nahezu terminologischer erstarrung jemanden stimmen ihn zu erwünschten aussagen, entschlüssen oder überzeugungen veranlassen, vorbereiten, oft ohne dasz der beeinfluszte die absicht merkt; häufig abschätzig. seit dem 17. jh., heute auch mundartlich: stimmen jemanden anstiften Fischer schwäb. 5, 1773; einen stimmen far agire uno à suo modo Kramer 2 (1702) 975ᵇ; demnach mir die zeit ohne das zimlich lang wurde, gedachte ich, diesen kerl zu stimmen und mir seine gaben zu nutz zu machen Grimmelshausen Simpl. 209 Scholte; gleichwie hernach die Arianer den Constantium nach gefallen stimmeten G. Arnold kirchen- u. ketzerhist. (1699) 175ᵇ; doch wir stimmeten den gärtner, und wurde vorgegeben bey dem bader, ... der schusz sey aus einem benachbarten garten gekommen Leipziger avanturieur (1756) 1, 79; aber er war schon gestimmt, was er reden sollte Holston und Augusta (1780) 294;
er sagte ja:
noch schlüg er mir nichts ab. und Saladin
hats über sich genommen, ihn zu stimmen
Lessing w. 3, 148 L.-M.;
ich hatte weiter nichts zu thun, als den p. Benedikt Martin zu stimmen; denn ich war gewisz, dasz wenn dieser nachgäbe, auch die übrigen gegner des abtes nachgeben würden Schad lebens- u. klostergesch. (1803) 1, 283; noch denselben abend fing er an, den edelmann zu stimmen, und sprach vorsetzlich von ihrer nahen abreise Klinger w. 3, 197; der kerl kann uns den ganzen spasz verderben — den musz ich erkaufen. über tische wollen wir den bedienten stimmen Fr. L. Schröder dram. w. (1831) 2, 76; die muszte die mutter stimmen, ohne davon zu sagen, dasz ihr auftrag vom Hannes kam O. Ludwig ges. schr. 2, 336.
c)
'foppen, täuschen', heute im bair.-österreich. und alem., s. Bayerns ma. 1, 138; 145; Zaupser baier. u. oberpfälz. 74; Hunziker Aarg. 255: ge, du stimmst mi grad 'hast mich nur zum besten' Schmeller-Fr. 2, 756;
vontwegen den foppa und stimma und gspött,
und so han i die lieb auf mei lebta verredt
Schöpf tirol. 712;
alterle, da bist gstimmt! zum zorn gereizt Fischer schwäb. 5, 1774. schon seit dem 15. jh. bezeugt: ich lasz die musicanten gute leuth seyn, aber dieselbige seynd nichts nutz, die einen begehren nur zu stimmen. ich lasz die köch gute leuth seyn, aber diejenige seynd nichts nutz, die einem bey andern die suppen versaltzen Abr. a s. Clara reimb dich (1687) 26;
die listigkeit,
die du falschlich fur nimbst,
seidt du uns in gespotte stimst
Gregor Hayden Salomon u. Markolf 1575 Bobertag;
die bauernregeln — da bist gstimmt,
weils allweil anderscht auszikimmt
Karl Stieler ged. 4, 56 Reclam;
wir gehn in prater. in prater? itzt lasz nach, i lasz mi nit stimma O. Jahn Mozart 3, 336; hierher gestimmt im sinn von 'ärgerlich': bücherehre genug! — die frucht kenne ich nicht! — aha — herr Linde ist gestimmt! — (empfindlich) ich habe mich auch versucht und hausmannsehre eingebracht! Iffland dram. w. 15, 1 (1802) 77. wohl ebenfalls hierher, im musikalischen bild: ich will ihn stimmen, ich will ihn zu chor jagen, ich will ihn mores lehren I will rattle him to some tune Ludwig teutsch-engl. lex. (1716) 1870.
3)
etwas in sich selbst in harmonie setzen, ordnen, glätten. von 1 und 2 dadurch unterschieden, dasz der bedeutungsgehalt 'veranlassen' fehlt, auch meist nicht auf den menschen zielend. dem musikalischen gebrauch (o. A) näher, häufig wie abstimmen. auf die jüngste zeit beschränkt, in mehr oder weniger individuellen anwendungen, z. b. bei Herder und Stifter.
a)
ohne zielangabe, absolut: wenn wir nicht in den jahren unsrer zweiten erziehung sie (eindrücke) bis auf jede kleinigkeit stimmen und zurechtordnen wollen Herder w. 4, 87 S.; die räder dieser so ungeheuren und fest gestimmten maschine Klinger w. 3, 269; ich bin mit der ersten erzählung fertig und möchte alles durchschauen und stimmen Stifter briefw. 2, 92;
dem gestirn vertrauen,
das zwar ewig nicht vernimmt
unser jubeln, klagen,
doch sein licht so milde stimmt,
dasz wir es ertragen!
Hans Carossa ged. (1912) 60;
das gegenseitige stimmen der licht- und schattenflächen zur weichheit und luftperspective musz der holzschneider inne haben Stifter briefw. 4, 112; dasz unsere wehrmänner diese naturgaben beide an sich haben müssen? ... also müssen sie richtig gegen einander gestimmt werden Schleiermacher Platons werke 6, 207; Ilse ging mit Gabriel durch die zimmer und versuchte die einrichtung nach ihres herzens wunsch zu stimmen, sie rückte über den tischen, prüfte den zug an den vorhängen und betrachtete misztrauisch die malerei der porzellanvasen G. Freytag verl. handschr. 2 (1864) 336. sich stimmen 'sich ordnen': dasz sich sein geist durch die lange ruhe und den erquickenden schlaf wieder stimmen werde Stifter s. w. (1921) 6, 212; die denkart macht den menschen, nicht die gesellschaft; wo jene da ist, formt und stimmt sich diese von selbst Herder w. 17, 132 S.
b)
durch präpositionen mit einem zweiten glied verbunden, in bezug auf welches das ordnen u. s. w. geschieht. etwas auf, in etwas stimmen abtönen, einstellen, wie abstimmen: dasz er alles in einen prächtigen modeton gestimmt Justus Möser s. w. 1, 134 Abeken; wenn er die farbe in künstlerische ruhe und in tiefen ernst wird gestimmt haben Stifter s. w. 14, 137 Sauer; ein einziges auf gelb gestimmtes zimmer Hans Carossa führung u. geleit (1933) 66; ein fremder antrieb gibt ihm (dem willen), vermittelst einer auf die empfänglichkeit desselben gestimmten natur des subjects, das gesetz Kant w. (1838) 4, 71 Hartenstein. etwas zu etwas stimmen 'dazu in harmonie setzen, passend machen': indem sie (die übersetzung) nicht einzelne stellen verständigt, sondern den geist des lesers gleichsam zum geist des schriftstellers stimmt W. v. Humboldt ges. schr. 1, 280; die florentinischen basiliken der frührenaissance stimmen das nebenschiff zum hauptschiff wie 1 : 2; ... Bramante proportioniert im ersten entwurf zu s. Peter die nebenkuppelräume zum hauptraum nach dem goldenen schnitt H. Wölfflin renaissance u. barock (1908) 27. zu etwas gestimmt sein wie zu etwas stimmen (o. I D 1 b):
unvermerkt zog dieses erkenntnisz jedweden von ihnen
von den schwestern hinweg zu der, bey der er den hang las,
der zu seinem gestimmt war
J. J. Bodmer der Noah (1752) 97;
das wetter ist recht zu mir gestimmt Göthe IV 3, 152 W.; jedes einzelnste musz zu diesem ganzen gestimmt sein O. Ludwig ges. schr. 5, 417; ebenso: könntest du lesen, was ich über das stück, ich weisz nicht wo, gesagt habe, so würdest du es mit den gefühlen des ersten ranges ganz gleich gestimmt finden Göthe IV 39, 27 W.; ebenso etwas mit etwas zusammenstimmen (teil 16, 771).
III.
einige zeugnisse des verbs zeigen die bed. 'mit stimme, d. i. mit sprech- oder singvermögen, mit ton, versehen, begaben'; manchmal bleibt die zuordnung zu II möglich.im mhd. als adj. part. gestimmt 'mit stimme begabt', s. teil 4, 1, 4235:
diu wunne in ir herze so durchgimmet,
daz ieglîchez sunder
lie lûte hœren, wie ez was gestimmet
Hadamar von Laber jagd 8 Stejskal;
sirene sint merwunder gar wol gestimmet Konr. v. Megenberg buch d. natur 240 Pfeiffer.vereinzelt auch als vb. fin.:
swenn er (ein wappenleopard) gæn winde strebt,
so stimmet in daz wegen,
schrien und regen
von dem luft er wart erkant
Johann v. Würzburg Wilh. v. Österreich 15571 Regel;
welcher ein wasserorgel gemacht, so durch wasser gestimmet worden Conr. Dieterich ulm. orgelpred. (1624) 22. — anders phonetisch 'mit ton versehen': die andern puͦechstaben, so consonantes, das ist mitstymlich, genent, haben von inselbs kain stymm, ... als das b hiet kein stym, wo das e nit dabey stuͤend, alszdenn ist das be gestimbt Berthold v. Chiemsee tewtsche theologey 134 Reithmeier;
der merke mit flîze fünf buochstaben (d. i. a, e, i, u, o):
die sint sô wirdic und sô schœne,
daz alliu wort und allez gedœne
nâch in gestimmet müezen sîn.
des heizet man sie die stimmerîn
Hugo v. Trimberg renner 22241 Ehrismann.
vielleicht nur in individueller ausweichung von der bed. 'stimmend machen' im musiktechnischen sinn (o. II A), vgl. auch bei Seb. Franck (teil 4, 1, 4235): billich ist ... zu verwundern, dasz gott den kleinen waldtvögelin ihre kälen und zünglin allso erschaffen undt gestimmet, dasz sie ihre liedlin ... erhöhen ... khönnen Cyr. Spangenberg v. d. musica 32 lit. ver.; wie aber soll eines thieres schall ... nicht annehmlich klingen, da der grosze schöpfer ... den schnabel der vögel ... eben so wol als die zunge des menschen zu seinem lobe gestimmet hat Lohenstein Arminius (1689) 2, 219ᵇ;
wilt du es (mein herz) hier nicht stimmen,
so lasz es höher klimmen
bis in den freudensaal:
da wird es anders schallen
und dir noch basz gefallen
als hier in diesem thränenthal
Joachim Pauli bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 499ᵇ.
stimmen vb.
Fundstelle: Lfg. 19 (1940), Bd. X,II,II (1941), Sp. 3110, Z. 41
sieh stimen, vb.
Zitationshilfe
„stimmen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/stimmen>, abgerufen am 21.08.2019.

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