stimme f.
Fundstelle: Lfg. 19 (1940), Bd. X,II,II (1941), Sp. 3059, Z. 13
'ton; fähigkeit zu reden'.
form und verbreitung. ahd. stimna, stimma, Tatian stemna, stemma, mhd. stimme, as. stemna, stemma, mnd. stemne, stemme, stimne, mnl. stemme, stevene, nl. stem, afries. stifne, stemme, ags. stefn, stemn, ne. steven, got. stibna. schwed. stämma, dän. stemme sind aus dem mnd. entlehnt. formen mit sekund. labial: mnd. stempne, älter nhd. stimp, stimb. ob *stemnō oder *steƀnō zugrunde liegt, ist umstritten; doch zeigt das ags. durch die chronologie der belege und die erhaltung des stammvokals (e wird vor m zu i), dasz nur von *steƀnō ausgegangen werden kann, s. Bülbring aengl. elementarbuch § 216 anm. 3; Joh. Schmidt kritik d. sonantentheorie 133. sichere entsprechungen auszerhalb des germ. fehlen; vgl. Walde-Pokorny 2, 648. — in den mundarten ist stimme, nd. md. stemme, allgemein.
bedeutung und anwendung.
A.
die eigentliche bedeutung des wortes ist seit alters der (vom kehlkopf erzeugte) ton, gesprochen oder gesungen, so wie er gehört wird. daneben erscheint zu allen zeiten, in einer verschiebung des standpunktes und aspektes vom gehörseindruck auf die erzeugung, gleichfalls alt, stimme als besitz des sprechenden, als mittel, über das er verfügt, mit dem er wirkt, und als fähigkeit, ton zu erzeugen. eine kategorische trennung der aspekte ist nirgends bezeugt; doch erweist sich der unterschied der blickrichtung auf das produkt des sprechens (resultativ) von der auf die tätigkeit des sprechens (dynamisch-funktionell) oft in den sprachlichen wendungen des wortes.
1)
die bedeutung 'ton, sprechprodukt' überwiegt auszerordentlich: sonus, sonantia, phtongus, stimm, klang, thon, schall. sonitus, vehementior sonus ... ein stimm, hall, schall, knall, thon Alberus dict. (1540) c 1ᵃ; dasz es (das echo) eine zurückprallende und schallende stimme, laut oder thon sey Ag. Cario Kirchers neue hall- u. thonkunst (1684) 1; die lufftadern werden verletzt, wenn mann sie vor sittlichem (mäszig, sieh sittlich 5) ergehen der stimm mit gäher schreyender stimm erfüllt J. P. Zwengel formularbuch (1568) 3ᵃ; weyl solchs ynn die stymm und wort gefasset wird Luther 20, 228 W.; ihre stimme und rede hat auch also zugleich gedöhnet und erschallet ausz beyder munde J. Ruoff hebammenbuch (1580) 105;
gebt diesem laute nur gehör,
er wird zur stimme, wird zur sprache
Göthe 15, 103 W.;
das sie (pferde) auff sein ... geschrey und stim mehr dann auff gross schlagen ... geben Sebiz feldbau (1579) 148. in geprägten wendungen: 'ists möglich' rief sie überlaut, und dann (ihr mann war immer gegenwärtig) unter der stimme (d. i. leise): 'könnt ich ... U. Bräker s. schr. (1789) 2, 139; Ludwig liesz die stimme auf diesem worte ruhen Marie v. Ebner-Eschenbach 4, 22;
er sprach
mit mir, doch war die stimme ihm bedeckt
Hebbel w. 1, 153 Werner;
da aber seine stimme zu jener zeit eben im brechen war, erdröhnten nur die ersten silben des wortes in tiefer tonlage G. Keller 6, 15. ton der stimme u. ä. meint öfter die 'eigenschaft des hervorgebrachten tones' als den 'vom organ erzeugten ton': rabulatus eyner stimme laut vel donne obd. voc. d. 15. jh. bei Diefenbach gl. 482ᵃ; also urtheilen die ohren uber den klang und thon der stimmen, harmoneyen und melodeyen Albertinus hirnschleiffer (1664) 52; der ton der stimme giebt unsern worten, wann wir auf der canzel stehen, eine annehmlichkeit Liscow sat. u. ernsth. schr. (1739) 121; er ... sagte mit dem herzlichen ton seiner mir einst so vertrauten stimme Storm w. (1899) 1, 44; um seiner stimme, welche durch das commandiren bei der letzten revue etwas rauh geworden war, einen mildern ton zu geben Brentano ges. schr. 5, 39.
a)
aussagen über die stimme beziehen sich dem entsprechend meistens auf ihren gehörseindruck: ein rechter orator oder redener sol nicht aus der stim, sondern aus den anschlegen (absichten) geurteilet werden Friedrich Wilhelm sprichw. (1577) q 2ᵇ; es werden zwiffel und knobloch gessen ... dasz sie ein helle stimm machen Wirsung artzneybuch (1584) 199; schenke mir ... ein zeisigey, ... um meine stimme zu bereiten Gerstenberg Ugolino 253 Hamel;
daz alsô mangiu heizet wîp.
ir stimme sint gelîche hel
Wolfram Parzival 116, 7;
hell ist die stimme, wenn sie durch den offenen mund ... frey aus der brust heraus kömmt Hiller anweis. z. gesang (1774) 6; nun strahlte wie ein himmlisches licht die glockenhelle stimme eines frauenzimmers aus dem orchester empor E. T. A. Hoffmann 1, 30 Grisebach; laute starcke stimm Maaler (1561) 389ᵃ; in dem kerl wohnt kein unwahres wort, eine stimme breit wie ein brett und scharf wie essig und glatt wie ein aal Zelter an Göthe briefw. 3, 23 Riemer; die stimm ist gröszer als der mann. eygen lob stinckt Seb. Franck sprüchw. (1545) 1, 40ᵇ; denn es gehortt tzu dem geyst, wer predigen wil, eyn gutte stymm, ein gutt aussprechen, eyn gutt gedechtnisz und ander naturliche gaben Luther 8, 497 W.; sie hielten dabey die schilde vor den mund, damit die stimme durch den wiederhall voller und tiefer würde Kretschmann s. w. 1 (1784) 8; mit einer weichheit der stimme, in der sich ihre gewohnte freundlichkeit recht wehmüthig lieb offenbarte Fouqué gefühle, bilder (1819) 1, 6;
dort hebt, weil ihre stimme viel zu leis,
das weib den säugling hoch in ihren armen
Annette v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 252;
mit einer gewissen lebhaftigkeit der stimme und sprache Göthe 25, 95 W.;
ir (nachtigallen) stimme ist lûter unde guot,
si gebent der werlde hôhen muot
Gottfried v. Straszburg Tristan 4757 Bechstein;
eine schöne stimme ist das allgemeinste, was sich denken läszt Göthe 23, 202 W.ebenso in charakterisierungen, die mehr auf die innere haltung des sprechenden zielen:
o wee der jemerlichen stim Maria,
die da schreit unter dem creutz da!
altdt. passionsspiele a. Tirol 409 Wackernell;
ihre stimme war so weinerlich und fromm J. M. Miller briefw. dreier akad. freunde 1, 35; ihr seyd todesbleich, eure stimme ist bang und lallend Schiller 1, 162 G.; zum ersten eyn gifftig uberausz verlogen maul, hürische augen, eyn unverschampte ehrgeytzige stymme, diebische feuszte U. v. Hutten opera 2, 211 Böcking; und sagte, während ihre stimme mit jedem augenblick beschwörender und eindringlicher wurde Fontane I 5, 95; wann sie durch unablösliche holdseligkeit, unaufhörliche liebliche reden, ... gelinde wort und sittsame stimm den man gleichsam mit dem süsesten vogelgesang also aufhaltet Fischart w. 3, 182 Hauffen; kräftiger als ihre arzneyen wirkte die tröstende, liebreiche stimme Kotzebue s. dram. w. 2, 35; eine erhabene zuversicht klang aus seiner stimme Marie v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 4, 23; anders geformt:
wer ist der jüngling? fragst du mich gepreszt,
und deine stimme deutet leid und grauen
Annette v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 199;
meine stimme, nur zu ave und halleluja gestimmt, würde dem feind ein herold meiner schwäche sein Göthe 8, 14 W.
b)
auch jemandes stimme meint meistens 'jemandes sprechen', das, was gehört wird; doch ist hier die auffassung als mittel und besitz des sprechenden nicht immer ausgeschlossen: Petrus verlaugnet sein durch die stymm ainer frauwen Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) a 8ᵇ;
auff das er uns mit worten hell,
wol durch die stimm Apollinis,
bescheyd der sachen brächt gewisz
Spreng Äneis (1610) 25ᵃ;
weil ich stetigs um und bey ihme ware, brauchte ich keine grosze kunst, mich seiner stimme und geberden zu gebrauchen Zend. a Zendoriis teutsche winternächte (1682) 273; (er) konnte aller menschen und tiere, aller alter und geschlechter töne, stimmen und gebärden nachmachen E. M. Arndt 1, 44 R.-M.; dasz ichs mir mit ihrer stimme und mit ihrem eigenen ausdruck laut vorlas J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 114; ein frommer mehrstimmiger gesang tönte verhallend aus der ferne, und Wilhelm glaubte die stimme seines Felix zu unterscheiden Göthe 24, 9 W.; ick jloobe, de stimme war Motesens stimme Gerh. Hauptmann biberpelz (1893) 24; mit dem soll ich, wie man mir stets gesagt, viel ähnlichkeit in wuchs und stimme haben Grabbe 1, 159 Blumenthal. deutlich auf den gehörseindruck zielt jemanden an der stimme kennen u. ä.: inti scaf folgent imo, wanta siu wizzun sina stemna Tatian 133, 7 Sievers²; wenn du nu solchs hörest, so kenne den wolff bey der stymm Luther 15, 197 W.; man enträthselt den vermummten an gang, stimme, athemholen und gewohnheiten Klinger 3, 128; hörten an der rauhen stimme, dasz es der wolf war kinder- u. hausmärchen (1894) 19.
c)
die häufigen verbalen wendungen mit stimme als objekt.
α)
eine stimme hören 'den ton, das reden hören', selten mit anklingend 'hören, wie sich die stimme als organ betätigt': minu scaf horent mina stemma Tatian 134, 4 Sievers; deme orin eigin ist, daz ez hore suzin luit und stimme paradisus an. int. 79, 4 Strauch;
si hôrte sîne stimme,   sam sie gienge ûz eines menschen munde
Kudrun 1168, 4 M.;
weil er niemand sahe, und doch mein betrohenliche stimme so nahe bey sich hörete Grimmelshausen 2, 424 Keller;
sie ists, die dort in ihrer laube singt!
ich höre die liebe, liebe stimme wieder
Göthe 2, 90 W.;
unerwartet hörten diese zur seite die stimmen vieler menschen Raumer gesch. d. Hohenst. (1823) 1, 69;
da ich euch wieder sehe, eure stimme
vernehme, den geliebten ton
Schiller 13, 301 G.;
das mänlin schreiet kaum, wann es gefällt und gestochen wird, ... das weiblin aber lasst wol jre stimm hören Sebiz feldbau (1579) 590;
dasz seine stimme ihn würde ernähren,
er würde sie als pfarrer lassen hören
Kortum Jobsiade (1799) 1, 8.
β)
verbale verbindungen, die sich auf die tätigkeit des sprechens beziehen, nur in resultativer auffassung möglich:
dô hal er sîne stimme,   daz er niht ensprach
d. Nibelunge not 615, 1;
wann einer sein stim trückt oder drenget nach seinem gefallen J. P. Zwengel formularbuch (1568) 3ᵃ; wann die raben ... die stimm kurtz abhauwen und in sich schlucken Nigrinus v. zäuberern (1592) 136; streflich ist, also dy stim brechen und discant singen in den sengern Keisersberg narrenschiff (1520) 22ᵇ;
unttes kampfes grimme
verwandelt ir stimme,
daz si dâ wæren unerkant
Iwein 7520;
wann der mensch seine stimme und aussprache verändert, in der kindheit klar, in dem alter gröber zu sprechen pfleget Harsdörffer d. teutsche secret. (1656) 1, 170ᵇ; der sie aber, als sie einen augenblick die stimme zu verstellen vergiszt, erkennt O. Jahn Mozart 4, 200; der rab ist schraiig und macht mangerlai stimm, ... er macht vierundsechzig stimm Konr. v. Megenberg buch d. natur 177 Pf.; dises orts (der lunge) fürnemliche würckung ist, ... die stimm zuwegen bringen Ryff anatomi (1541) h 2ᵃ; vocem in turba effundere sein stimm auszlassen, zum volck reden Frisius (1556) 463ᵇ;
es tönt so wunder süsze, wan sie ihre stimm erschwingt
Grob dichter. versuchgabe (1678) 59;
dasz die rachen hitzig, die lufftrörlin erfüllt, und stimmen in gleichförmigen thon gefürt werden J. P. Zwengel formularbuch (1568) 3ᵃ;
weil auch die kleinen vögelein
ihr stimm führen gen himmel hoch
Eyering prov. 1, 4;
das ist die predigt, die gott selber thut ... auff dem berg Sinai mit leiplicher stym, wiewol ein engel aus befelh gottes die stim gefurt hat Luther 16, 423 W. — die stimme erheben eigentlich 'lauter, in höherem ton reden': do man kam an daz wort benedictus qui venit etc., do erhubent sie die stimme gar hohe privatbr. d. mittelalters 2, 8 Steinhausen; dasz er folglich bey einigen wörtern, die einen nachdruck erfodern, die stimme erhebe Quantz anweis. die flöte zu spielen (1752) 46 Schering; beschaffenheiten der aussprache; ... die erhebung oder senkung der stimme W. v. Humboldt ges. schr. 4, 315; er sein styme erhöchet und lauter schrey Arigo dec. 84 Keller. dagegen 'anheben zu reden': ingegin liofun imo zehen man ... inti arhuobun stemma quedente Tatian 111, 1 Siev.;
und fieng allein zu schreyen an,
mehr dann sonst zehentausent man,
die in der schlacht jhr stim erheben
Spreng Ilias (1610) 69ᵃ;
höreten wir, dasz der junge zigeuner unten im schiffe am boden seine stimme erhub, und uns ein gesetzlein auff egyptisch heulete P. Fr. Sperling Nicodemus quaerens 1 (1718) 1145;
nach vierzehn tagen kommen wir,
die stimme zu erheben,
zu rufen: endlich ist er da!
Göthe 4, 222 W.;
da hub der alt auff seine stim,
klagt Phoebo solliches in eyl
Spreng Ilias (1610) 1ᵃ.
γ)
eine stimme haben meist resultativ 'eine art zu reden haben': dasz er auch ein feine, helle, gute, und wol verstendtliche stimm habe Fronsperger kriegsbuch 1 (1578) 113ᵇ; im auszhalten, in der endunge, hatte er eine stimm als die posaun eines ungerischen ochsens oder italianischen postkleppers Moscherosch gesichte (1650) 2, 216; der tragische schauspieler hingegen musz eine starke, majestätische und pathetische stimme haben Lessing 6, 133 L.-M.; (das mädchen) besasz eine helle stimme und sang gleich einer nachtigall G. Keller ges. w. 4, 15. ohne qualifizierende bestimmung (vgl. o. a) auch 'sprechfähigkeit':
und weil wir denn von allen gaben
nichts edlers, als die stimmen haben,
so lassen wir sie denn ohn unterlasz erklingen
Brockes ird. vergnügen 4, 59;
ein greszlich ungeheur, das hundert angesichter
und hundert stimmen hat, auch so viel augenlichter
König ged. (1745) 14;
ebenso: so findest du ouch sus nichtz in mir (der grille), wann die stim Steinhöwel Äsop 66 lit. ver.; die natur konnte den menschen keine schönere gabe verleihen als die stimme Fr. Schlegel 1, 9.
d)
zu breitester anwendung gelangt die feste präpositionale verbindung mit lauter, leiser u. s. w. stimme reden u. s. w., im sinne von 'laut, leise u. s. w. reden', vgl. im lateinischen (cum) magna voce inclamare u. s. w.; in dieser wendung liegt die resultative auffassung als 'ton, stimmlage' vor; mit mannigfachen adjektivischen bestimmungen:
mit luter stimme der werde rief
'harnasch her! harnasch her!'
Ulrich v. Eschenbach Alexander 7314 Toischer;
he rep myt luder stempne aldar,
he rep mit innicheit ute synes herten done
Hamburg. chron. 198 Lappenberg;
sie nahm es wahr und an das volk gewendet
rief sie mit lauter stimm: dankt mirs, Franzosen
Schiller 13, 203 G.;
gab der hertzog endlich seinen willen in des königs begehren mit lauter stimme und folgenden worten v. Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) 63; warb widar mit michilera stemmu michilosonti got (cum magna voce) Tatian 111, 2 Sievers; Belial ... fieng mit groszer stimm und gantz süszen worten an zu reden Ayrer hist. proc. iur. (1600) 23; voce magna canere mit gantzer stim oder überlaut singen Frisius dict. (1556) 181ᵃ;
mit aller stym und zungen
gar frolich lassen singen
Luther bei Wackernagel kirchenlied 3, 4;
acclamare zuschreyen mit erhebter stimm Calepinus undec. ling. (1598) 19ᵃ; bey den letzten worten, die er mit erhobener stimme spricht Schiller 12, 39 G.;
der hêre Pallas rief sî an ...
mit einre hôhen stimme
Heinrich v. Veldeke Eneide 203, 33 Ettm.;
gesungen wurde (der psalm) ynn der höhe, das ist mit heller stymme Luther 19, 571 W.; der hub an umb hülff und mordio zu schreyen, aber kaum mit heller stimm volksbuch von dr. Faust 121 Petsch; sie antwortete mir mit halber stimme: ganz wohl Göthe 23, 75 W.; der anfang einer red oder predig sol nit mit groszem geschrey sin, sunder mit mitler stimm Eberlin v. Günzburg 1, 59 ndr.; endlich fügte er mit leiser stimme dieses hinzu Chr. Weise d. drei ärgsten erzn. 30 ndr.; do hat er allweg die wort, wie iez gemelt, wider geredt, doch ie lenger, ie mehr mit niderer und einer haisern stimb zimmerische chron. 4, 85 Barack; fragte er mit gesenkter stimme H. v. Kleist 3, 147 E. Schm.; mit tonloser stimme erklärte ich, von alledem nichts zu wissen G. Keller ges. w. 7, 321; widerhole es mit klarer stimme repete voce clariore Orsäus nomencl. method. (1623) 300; doch lallete ich endlich mit einer aus forcht, hoffnung und kälte verursachter zitterender oder babender stimme so vil daher, dasz ich der jenig monsieur wäre Grimmelshausen 2, 12 Keller;
und sprach mit weinender stimme
Zachariä poet. schr. 1, 278;
'lieber Pierre', sagte sie dann mit sich rasch belebender stimme Fontane I 4, 251; diese reden bracht der gute alte mit einer gantz trawrigen und erbärmlichen stimme für theatrum amoris (1626) 59; fragte ... mit gebrochener stimme, wo er sich befinde Göthe 22, 39 W.; und das sprach er mit einer stimme! mit einer stimme — mir wars, als ob die natur sich verjüngte Schiller 2, 148 G.; sie ... sang mit tiefer, leidenschaftlicher stimme Storm w. (1899) 1, 14; anhub mit eynem seinen geiglein mit süszer lieblicher stim zesingen Arigo decam. 620 Keller; sagte er mit freundlicher stimme zu Wilhelmen Göthe 23, 7 W.;
und sprach mit heuchlerischer stimb
H. Sachs 5, 66 K.;
er war es, der ... mit verstellter stimme die verschiedenen rollen hersagte Göthe 21, 19 W. mit lebendiger stimme in älterer sprache in der bedeutung 'mündlich, in unmittelbarer anrede': (er soll das haus) rumen zunder enygerleye togerynghe unde weddersprake, alze he ock zik zulven vor uns oldesten des cloesters dikke vorbenomet myt levendigher stemmene darto vorbunden heft (1421) urk.-buch d. stadt Lübeck 6, 349; es soll aber kein appellation an unserm hoffgericht angenommen werden, es habe dann, der sich durch ergangene urtheil beschwert zu sein vermeint, alszbald ... mit lebendiger stimm ... appelliert hovegerichtsordn. Frider. pfalntzgraven (1573) 62; mit der stimme, mit lebendiger stimme lehren, unterweisen, unterrichten v. mündlich Kramer 2 (1702) 974ᵃ. — alt ohne präposition: riof ther heilant mihileru stemmu, sus quedenti (voce magna) Tatian 207, 2 Sievers;
ther selbo liut guoto   sank gimeinmuoto
thesses liedes wunna   al einera stimna
Otfrid IV 4, 54 Erdm.;
'helfe uns daz heilige grap!'
sie luter stimme sungen ho
Ludwigs kreuzfahrt 2228 v. d. Hagen;
wir dancken all gott heller stimm Kirchhof wendunmuth 345 Ö.; ist der teufel aufgeflogen, hat die zauberhexe brennen lassen, und in der lufft lauter stimme angefangen zu lachen Reinicke fuchs (1650) 201; so brauchen wir aller kleinest stimm, mit leichtem ruͦff J. P. Zwengel formularbuch (1568) 3ᵇ. — mit verschiedenen anderen präpositionen:
zu schreyen Pandarus anfieng
von heller stimm gar uberlaut
Spreng Ilias (1610) 57ᵇ;
da der laut in einer länge, durch hell ausgedente stimme und gleichsam mit einem verzuge ausgesprochen wird Butschky hochd. kanz. (1666) 7;
er rief und schrie aus heller stimm
Mittler dtsche volkslieder (1865) 140;
in jêmerlîcher stimme schrei
der riche burgære ...
daz ez über al die gazze schal
Wiener mervart 450;
und sing dises lied ...
und thu in hoher stimb anfangen
Jac. Ayrer 3, 1981 Keller;
da stammelts (das laster) in der halben verstümmelten stimme Schiller 2, 52 G.; sie hörte ihn husten, irgend einen befehl erteilen, in seiner scharfen kritteligen stimme H. v. Kahlenberg Eva Sehring (1901) 66. auch mit der stimme reden u. s. w., ohne qualifizierende bestimmung, im unterschied zu anderen ausdrucksformen, ist mehr resultativ als dynamisch gemeint:
alsust der gral was sagende   alles mit der schrift niht mit der stimme
jüng. Titurel 552 Hahn;
von einichen marchen, so nit derselben kundschafften sag mit stimme gemeldet, deszhalb ir zügnusz so allein uff hörsagen gesetzt Tschudi chron. Helvet. 1, 53; die liebe stihlet ja mit den augen: die wohlredenheit mit dem mund: der musicant mit der stimm und fingern Moscherosch gesichte (1650) 1, 32; ich singe gern ihre lieder mit meiner natürlichen stimme Gleim briefw. 1, 13 Körte; alle vögel ... fingen ... an, mit tausend stimmen ihre freude ... zu verkünden Brentano ges. schr. 5, 78. jemand redet mit seiner stimme zeigt dagegen stärker dynamische auffassung:
wi er zalta in fon theru minnu   mit sines selbes stimmu
Otfrid V 12, 94 Erdm.;
als oft mit meiner stim
zum hern ich schreiend im
mein not geklagt dinmutig
Schede-Melissus psalmen 16 ndr.;
was er (der landvogt) wöll sagen mit sinr stimm,
allsand wir hie wend losen jm!
yetz kumpt der landtvogt ... und spricht also schweiz. schausp. d. 16. jh. 3, 67 Bächtold. älter nhd. in fester wendung mit einer, einhelliger u. s. w. stimme sich äuszern, heutigem einstimmig entsprechend:
do rieften die tiefel gemainkleich
mit ainer stim freisleich
Heinrich v. Burgus 5822 Rosenfeld;
so heben sie ir hendt auff gen gott und piten noch über die cristenhaitt all mit ainer stym und sprechen Schiltberger reisebuch 88 lit. ver.; und alles volck antwurtte mit einer stymm erste dt. bibel 3, 299 Kurrelm.; und die unmündige kinder mit einhelliger stimb die juden der unthat bezüchtigten graf Brandis tirol. adlers immergrün. ehrenkräntzel (1678) 177. übertragen 'einmütig', vgl. die bedeutung 'votum', unten sp. 3082: alle ire waffen czuͦ der erden wurffen, alle mit eyner stimm sich in gefäncknusz ergaben Arigo dec. 315 Keller; der würde mit einhelligen stimmen aller seiner mitbürger für einen narren gehalten werden die vernünft. tadlerinnen 1, 186 Gottsched; dise red hertziget Hannibalis volck und heer so gar, dasz sie nach jrer gewonheit die lantzen und weer erschutten, und mit gemeyner stimm des streits begerten Carbach Livius (1533) 113ᵇ.
2)
beispiele für die auffassung von stimme als besitz, mittel des sprechenden oder als sprechfähigkeit.
than scalt thu eft word sprekan,
hebbean thînaro stemna giwald; ni tharft thu stum wesan
lengron hwîla
Heliand 169 Behaghel;
und hortte den clagbarenden man
in jomer serre sich quellen ...
daz müss von manes stime komen
Göttweiger Trojanerkrieg 6234 Koppitz;
der sitz der stimme ist, wo nach Homer die seele wohnt, in der brust A. W. Schlegel in: Athenäum 1, 17; dasz du immer in dem tone sprechen muszt, in welchem die person, die du redend einführest, würde gesprochen haben, und dir daher mühe geben, deine stimme in deine gewalt zu bekommen Salzmann ameisenbüchlein (1806) 231; der alles erdenglück hingäbe für einen laut der stimme, die er nie mehr höret Zimmermann über die einsamkeit 1, 46, vgl. dagegen ton der stimme (sp. 3059 u.); dasz er weder arm noch beine regen, oder mit der stimme was zu thun vermöchte Prätorius anthropodemus plutonicus (1666) 1, 39;
so ghört aber zum sigrist auch,
dasz er sich mit der stimmen brauch
und helff dem pfaffen plerren sehr
Fischart Eulenspiegel 1524 Hauffen;
in dieser auffassung besonders dann, wenn von störungen und verlust der sprechfähigkeit die rede ist: raucitas hes, eyn crancheyt der stemme nd. voc. d. 15. jh. bei Diefenbach nov. gl. 314ᵃ; zu vermeiden das, so der stimm schaden bringt; ... spitzig geschrey verwundt die rachen und stimm, ist den hörenden unangenäm J. P. Zwengel formularbuch (1568) 3; nach glychniss des hanen, der vor usstruckung siner stimm uff sich selbs drivaltigen slag mit sinen flüglen volfürt Riederer spiegel d. waren rhetoric (1493) a 3ᵃ;
von alter sich verleuret das gehör ...
von alter auch vergeht die stimm und sprach,
von alter gibt der steiffe nacken nach
Voigtländer oden u. lieder (1642) 38;
die blattern raubten ihm haare, stimme, schönheit und geld Gervinus gesch. d. deutschen dicht. (1853) 3, 376;
verblendeten bald Thamyrim,
beraubten ihn auch seiner stimm
Spreng Ilias (1610) 24ᵃ;
die stimm hat er dazu verloren,
sonst pfiff er uns mehr als genug
Ramler fabellese (1783) 1, 42;
der kehlkopf ist stimmorgan. dies wird ... durch verlust der stimme in folge von zerstörung ... einzelner theile des kehlkopfes bewiesen Joh. Friedr. Meckel menschl. anat. (1820) 4, 398.
3)
häufig erscheint die stimme als selbständiges lebendiges wesen.
a)
ist stimme mit verben der bewegung verbunden, so tritt die resultative auffassung 'laut, ton' u. s. w. stärker hervor:
so quam thiu gotes stimna   in thia wuastinna
Otfrid I 23, 3 Erdm.;
do quam enes nachtes to ere en stemne unde sprak sächs. weltchron. 207, 4 Weiland; da deine freundliche stimme mir bis in diese wälder folgt, entgegne sogleich mit heitern worten Göthe IV 37, 133 W.; einzelne stimmen schweiften durch den dunklen garten, als suchten sie jemand Eichendorff 3 (1864) 326; und ihre stimme kann ihn nicht erreichen Mörike 3, 45 Göschen;
ach rosinfarben mund ...
ausz dem die süszeste stimme geflossen
Voigtländer oden u. lieder (1642) 14;
durch sein bestürtztes ohr
die rauhe stimme drang
Pietsch geb. schr. (1740) 7 Bock;
ihre stimme schnitt mir scharf ins gehör Holtei erz. schr. 1, 49;
si hôrte sîne stimme,   sam sie gienge ûz eines menschen munde
Kudrun 1168, 4 Martin;
diu kel ... hat geleich staffeln. die staffeln steigt und get diu stimm auf Konrad v. Megenberg buch d. natur 18 Pfeiffer; die stimm kann nicht heraus Schönsleder prompt. (1618) G g 5; der hals der treget daz ezzan in den bûch unte treget abo die stimma ûz Williram hohes lied 12, 3 Seemüller; er gab durch schreyen und pfeiffen vielfältiges bedeuten: allein ein trauriger wiederschall jagte stimme und hoffnung zurücke Ziegler asiat. Banise (1689) 518;
ich glaubt, ihr hättet eure stimme nur
vorausgeschickt
Lessing 3, 10 L.-M.;
meine stimme über die ätherwellen senden zu dürfen, so dasz sie vernehmbar wird Göbbels rede am 31. 12. 1938; der fuchs lief der stimm nach Seb. Franck sprüchw. (1541) 1, 129ᵇ; von klippen herab springt nun der riese der väterlichen stimme entgegen maler Müller 1, 152.
b)
ist stimme als subjekt mit verben des redens verbunden, so tritt die dynamische auffassung als 'mittel des sprechenden' (s. o. 2) stark in den vordergrund.
α)
drücken die verben keine eigentliche tätigkeit aus, so ist die verselbständigung von stimme als subjekt auf das formale beschränkt und die resultative auffassung bleibt in gewissem masze erhalten: dasz ihm stimme und sprache stehen blieb, da er doch vorhin fertig reden kunte E. G. Happel relat. cur. (1685) 2, 533;
schweige, zarte liebe stimme!
Göthe 11, 310 W.;
aber die stimme versagte ihr, als er nun dicht vor ihr stand Eichendorff s. w. (1864) 3, 297; aber wenn die stimme ihm ausblieb, so führten seine augen eine um so beredtere sprache Marie v. Ebner - Eschenbach ges. schr. 4, 43;
leb wohl! leb süszes mädchen wohl!
die stimme sinket mir
maler Müller 1, 268;
'o papa, papa!' zitterten mir die stimmen der unschuld entgegen Schubart leben u. gesinn. 2, 91; fiel er in ein schwunghaftes pathos, wobei ihm die stimme ins falset überschlug Storm ges. schr. (1884) 4, 185; dîn stimma schelle in mînen ôron, wanta dîn stimma ist suoze Williram hohes lied 44, 1 Seemüller; und du, süsze stimme meines geliebten vaters, erschalle! wo schallt sie? wo soll ich auf sie zueilen? Lessing 2, 336 L.-M.;
singt mit den lieben engelein,
lasst ewre stimm erschallen
Weissel bei Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 3, 8;
sîn stimme lûte sam ein horn
ich sach wol, ime was an mich zorn
Iwein 701;
und tausend stimmen werden laut,
das ist der lindwurm, kommt und schaut
Schiller 11, 272 G.;
selig sind die ohren, die nicht auff ausswendig klingende oder thönende stimm, sondern auff warheit, die inwendig ... redet, ... acht haben Joh. Arndt Thomas a Kempis nachf. Christi (1631) 64;
'hinweg', ertönt die stimme fürchterlich
Annette v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 217;
die stimmen verhallten, der fürst erfuhr daher nicht, wofür ihn sein hofmarschall hielt E. T. A. Hoffmann 10, 41 Grisebach; da erhub sich eine erschreckliche stimme J. Riemer polit. maulaffe (1679) 99. ähnlich:
wenn aus dem wald von stimmen oder tritten
den schall mein lauschend ohr empfand
Göthe 5, 1, 61 W.;
als man vom garten her stimmen und herzliches lachen hörte Fontane I 5, 206; in der küche war viel gemurmel und fremde stimmen Annette v. Droste - Hülshoff (1879) 2, 267.
β)
sind die verben stark aktiven charakters, wie reden, rufen u. s. w., so ergibt sich aus der form leicht die dynamische auffassung als 'mittel des sprechers', und in jüngerer zeit steht stimme auch für die redende person selbst:
diu stimme sol sus sprechen:
got wil sich hiute rechen
v. d. jungesten tage 51 Willoughby;
do hat ein stimm zuͦ jm gesprochen Zwingli v. freiheit d. speisen 5 ndr.; nun sprach aber eine sanfte stimme: nein! E. T. A. Hoffmann 10, 173 Grisebach; und bemerckte von fernen einige redende stimmen Ziegler asiat. Banise (1689) 6; man hört auszer dem hause stimmen, ... danach sagt eine stimme durchs fenster Gerh. Hauptmann Rose Bernd (1904) 129;
untz daz des andern nahtes   rief die stimme senfticlich und niht mit grimme
jüng. Titurel 6144 Hahn;
die kläglichste stimme rief dazwischen, eine weiberstimme, die auf gut deutsch flehentlich um eröffnung der thüre bat Göthe 33, 112 W.; dazu ... schmetterten die trompeten, riefen hundert stimmen: vivat E. T. A. Hoffmann 10, 23 Grisebach; und etlich mal antwortet jhr ein andere stimb Amadis 215 Keller; soll ich dem pferde nachrennen? fragte die eine stimme Immermann 1, 85 Boxb.; nun, nun herr baron, wo bleiben sie denn, donnerte mich eine stimme von oben herunter an Brentano Godwi (1801) 1, 34; auf das gebot einer wohltönenden stimme: 'meine herren auf die dächer!' ging jeder auf seinen posten Varnhagen v. Ense tageb. 4, 294; aber mitten aus diesem entzücken weckte sie die geliebte stimme des erzherzogs A. v. Arnim (1853) 1, 149.
4)
vom laut der tiere wird stimme weit seltener gebraucht als vom menschen; in alter zeit häufiger als heute:
dâ vâhten mit grimme
mit griulîcher stimme
wisente und ûrrinder
Iwein 410;
diu unschreibleich stimm ist, die man niht geschreiben mag, sam der wainenden läut stimm und sam der voglein und der tier stimm Konrad v. Megenberg buch d. natur 16 Pfeiffer;
haben gehört des löwen stim
und sind auch nachgefolget im
H. Sachs 6, 368 Keller;
dess fuchss rechte stimm eigentlich zu reden ist gellen oder bäfftzen Forer Gesners thierb. (1563) 56; dasz, wie die meinsten thiere, also auch die pferde ihre stimme haben, wodurch sie ihr empfinden und thierische begierden nach ihrer art an den tag geben v. Hohberg georg. cur. (1715) 3 supplem. 76ᵇ; den thieren ... welche ... neben voller freiheit der bewegung die gewalt der stimme haben J. Grimm Reinhart fuchs (1834) vorr. 1; denn ob sich wol etliche fisch, hurnussen und andre thierlein mercken lassen als haben sie stimmen, so ist doch solchs viel mehr ein rauschen, dann warhaffte stimm, die ausz der brust entstehet Wirsung artzneybuch (1588) 197ᵇ; geläufiger von vögeln: turteltûbon stimma ist vernoman in unsermo lante Williram hohes lied 40, 1 Seemüller;
ir (der gans) füsz sein gel,
ihr stim ist hell,
sie ist nit schnell
G. Forster fr. teutsche liedlein 85 ndr.;
der rab verendert seine stimme nach dem wetter Petri d. Teutschen weiszh. 2, o 7ᵇ;
der hahn soll ihnen zwar alleine antwort geben,
weil sie der hüner stimm so gerne hören nicht
J. G. Schmidt rockenphil. (1706) 1, 184;
wenn aus den gebüschen ... die stimme der nachtigall gewaltig rührend hervordringt Göthe 21, 130 W.;
der walt
aber mit maneger kleiner süezer stimme erhillet:
die vogelîn sint ir sanges ungestillet
Neidhart 1, 28, 2 Wieszner;
es dringen blüthen
aus jedem zweig
und tausend stimmen
aus dem gesträuch
Göthe 1, 72 W.
5)
in der modernen phonetik erfährt stimme gegenüber der gewöhnlichen eigentlichen bedeutung 'totaleindruck des sprechens' eine fachsprachliche spezialisierung, vgl. auchstimmton: (so dasz) das ohr die von ihnen erzeugten schwingungen ... gesammelt als ton vernimmt. dieser ton ist es, den wir stimme nennen, einen sprachlaut, bei dem die stimme mitwirkt, d. h. also bei dem die stimmbänder schwingen Jespersen lehrb. d. phon. (1932) 70; für die auf diese weise entstehenden töne haben wir bekanntlich den zusammenfassenden namen stimme Mor. Trautmann d. sprachlaute (1884) 20; dagegen kann die germanische tönende explosiva nicht auf directem wege durch mittönen der stimme aus der indogermanischen tonlosen explosiva entstanden sein K. Verner in: zs. f. vgl. sprachf. (1877) 101.
B.
bedeutungen und anwendungen in der musikalischen kunstsprache, meist bedeutungsentlehnungen. dasz die anwendung von stimme in der musik alt ist, zeigt gihorta gistimmi sang inti chor (audivit simphoniam et chorum, Luc. 15, 25) Tatian 97, 6 Sievers; vgl. auchstimmen, vb., II, u. sp. 3099. in der harmonielehre, von Burdach Reinmar 180 als 'solmisationssilben' erklärt:
die niunzic slüzzel sich beginnen
in den sehs stimmen, die muoz kunst durchsinnen,
nâch ordenunge voller maht
aht dœn gruntlîchen minnen
waz armonîe spricht der himele kêren
Heinrich v. Meiszen 367 Ettmüller;
so wohl auch: die andern mutationes in fellen und springen geschehen alle in gleichen stimmen Ambr. Wilphlingseder musika teutsch (1561) b 1ᵇ. unverständlich bleibt: nota not vel stim gl. d. 15. jh. bei Diefenbach 383ᵃ.
1)
als erzeugnis und fähigkeit des sängers. der sachliche unterschied von rede und gesang führt allein nicht zu verschiedenheiten in der bedeutung von stimme (o. A). doch bildet die anwendung als 'stimme die singt, mit der gesungen wird' für viele rein musiktechnische anwendungen die grundlage, z. b.: de octo tonis. ... daz an demo sange dero stimmo echert siben uuehsela sint, die Virgilius heizet septem discrimina vocum unde diu ahtoda in qualitate diu selba ist, so diu erista Notker 2, 586 Hattemer; de musica. vox stimme. sonus klang Zehner nomencl. (1645) 12.
a)
in verengter bedeutung 'zum singen gut befähigte stimme': die stimme verlieren oder verloren haben haver perduto, smarrito la voce a cantare Kramer 2 (1702) 974ᶜ; wo wäre ein virtuos auf der welt, der auf seinem instrument euer gnaden stimme zu erreichen hoffen dürfte Lenz ges. schr. 1, 6 Tieck; ich war schon halbwegs entschlossen, meine tochter bei der opera anzubringen, aber ihre stimme taugt höchstens für eine kammersängerin Schiller 3, 542 G.; daher denn ein umfang von zwo octaven itzt immer unter die nöthigen eigenschaften einer guten stimme zu rechnen ist Hiller anweis. z. gesang (1774) 11; sie hat unter andern viele kenntnisz der musik, und eine vortrefliche stimme Nicolai reise 2, 351; er (ein sänger) ... kehrte darauf, wegen bedeutender stimme, zur bühne zurück Göthe IV 38, 136 W.; singt mit viel geschmack und ausdruck, obgleich er keine sonderliche stimme hat Fr. H. Jacobi 1, 125; denn singen, meint er, könn er schon; auch hat ihn wirklich gott mit einer art von stimme begabt Bauernfeld ges. schr. 1, 160; so so, haben sie stimme? ich meine, können sie singen? Schaffner Konrad Pilater (1910) 41. — bei stimme sein 'augenblicklich zum singen fähig sein': und da übt sie nun mittlerweile ihr organ, um bei stimme zu sein Immermann 1, 16 Boxb.; Wanda, sind sie bei stimme? Fontane I 5, 35; übertragen: doch davon weiszt du selbst ein liedchen zu singen — nur bist du nicht bei stimme bis jetzt gewesen Brentano 9, 365. — eine gute stimme haben (s. o.) ist scherzhaft übertragen schon älter bezeugt: er hat eyn gute stimm zu schlaffen Er. Alberus ehbüchlin (1567) 4; eine gute stimme zum sauffen etc. haben haver buona voce cioe buon talento a bevacchiare Kramer 2 (1702) 974ᶜ; dar (sänger) hot a schene stimme zum rindfläschfrassa Karl Rother schles. sprichw. 261ᵇ.
b)
die menschliche singstimme in bezug auf klangcharakter und färbung, besonders in der unterscheidung von sopran-, alt-, tenor- und baszstimme: die stimmen werden überhaupt in hohe und tiefe eingetheilt. hohe sind: der discant und alt; tiefe: der tenor und basz Sulzer allgem. theorie d. schönen künste (1792 ff.) 4, 463; vox depressa, et inclinatus sonus die niderst stimm, der basz Frisius dict. (1556) 394ᵇ; ich glaube, dasz die hälffte von dem, was das singen aus der fistel unangenehm macht, daher rührt, dasz (sich) die stimme nicht zum gesicht schickt und mannspersonen ein weibisches ansehen giebt Lichtenberg aphorism. 3, 313 Leitzmann; sowohl vom singen, als von ausübung anderer instrumente; ... es darf nur ein jeder, dem daran gelegen ist, das, was sich für seine stimme oder sein instrument schicket, heraus nehmen Quantz anweis. d. flöte zu spielen (1752) 1; wer weder discant, alt, tenor noch basz singet, was singet der denn? es ist grundfalsch, dasz man der nachtigall die vier stimmen andichtet Mattheson generalbaszschule (1735) 12;
drum zierlich fecht
und stärker schlegt
das fräulein (nachtigall) reich von stimmen ...
thut hundertfalt
den basz und alt,
tenor und cant durchstreichen
Spee trutznachtigall 16 Balke;
um die stimme zu bilden, musz der mensch mehrere stimmen sich anbilden; dadurch wird sein organ substanzieller Novalis schr. 3, 94 Minor; auf den chor folgte einzelgesang, 'aria', in vier absätzen: zuerst für cantus, dann für basz, hierauf für tenor, und endlich für alt. der organist muszte den hervorragenden sängern in jeder stimme etwas geben Chrysander Händel (1858) 1, 30.
c)
konkretisiert für den 'sänger', für den, der eine singstimme (o. a) hat, auch 'singkraft, singbegabung': man sagt, dasz in Ittallien in den operaen die stimmen undt die decorationen besser sein, alsz hir Elis.-Charl. v. Orleans br. 1, 257 Holland; es sind unter den jungen leuten hier recht hübsche stimmen, und chorweise machen sie ihre sachen auch gut Göthe IV 29, 219 W.; du componirtest es für die liedertafel, mit rücksicht auf die vorhandenen stimmen und charaktere ebda 33, 324; die gräfin mag die nötige anzahl weiblicher stimmen anwerben Mörike 3, 84 Göschen.
d)
'singstimme' im ausgesprochenen oder unausgesprochenen unterschiede zu den instrumenten, gegenüber eigentlichem 'stimme eines menschen' stark abstrahiert: von den pfeiffern, wenn sie, ohne zuthun anderer instrumente und stimmen, alleine blasen und sich hören lassen Walther music. lex. (1732) 55; das lied aber der sieben nympfen ... fein wechselweise, bald mit stimmen, und bald mit violen di gamba, ... wenn die ersten sechs reimezeilen mit stimmen gesungen, die folgende tripel oder ritornellen aber auf unterschiedlichen instrumenten J. Rist friedejauchz. Teutschl. (1653) vorber. 3ᵃ; unter währender mahlzeit wurde musiciret mit lauten, geigen, handpaucken und singender stimme, welches eine frembde und wilde harmonie gab A. Olearius persian. reisebeschr. (1696) 225;
wolan mein mund und meine händ,
wol auff harpff, instrument behend,
vermählet spihl und stim anmuhtiglich zusamen
Weckherlin 1, 349 Fischer;
so dasz die einzelnen stimmen durch die verschiedenheit der klangfarbe und gesangskunst miteinander wetteifern können; ... wo die stimmen mit einander gehen, ist ... der concertirende charakter vorherrschend O. Jahn Mozart 1, 250; wie man violin oder andre conzerte hat; so führen sie conzerte mit stimmen auf. dasz die eine stimme (vgl. u. 3), der sopran herrschend ist, und solo singt Göthe IV 8, 65 W.; Philine die ... in dem reihentanz die einzelne stimme singen und die verse dem chore (der sänger) zubringen sollte ders. 21, 279; bildhaft: denn ob er (der ehestand) gleich nur ein duett ist und man doch denken sollte, zwei stimmen, ja zwei instrumente müszten einigermaszen übereingestimmt werden können 25, 161.
2)
von musikinstrumenten erzeugter 'ton'.
a)
allgemein vom klang und schall eines instrumentes. wie weit musiktechnischer sprachgebrauch, wie weit metaphorische anwendung (u. D) überwiegt, ist nicht immer sichtbar. in älterer zeit meist von blasinstrumenten: thanne sentit sine engila mit trumbun mit mihileru stemmu Tatian 145, 19 Sievers;
pusinen unte scalhorn
dhe ir stimne gar vorlorn
Braunschweiger reimchron. 3334 Weiland;
wenn klingen wirt der posaun stimm,
mein seufftzen lieber gott vernimm
Mathesius ausgew. w. 1, 41 Lösche;
wan ob das horn gibt ain ungewisse stimme (si incertam vocem det tuba 1. Cor. 14, 8) cod. Tepl. 2, 36 Huttler, vgl. und so die posaune einen undeutlichen dohn gibt Luther; einen guten laut hat das horn, welches sich wohl bläset und eine rechte stimme hat Täntzer jagdgeheimnisz (1682) 1, 13; ein lange pfeiff, die oben ein mundstuck darein man pfeifft, und unden zwey löcher hat, da die stym und der windt auss gatt Virdung musica getutscht (1511) 24; sie haben dreierlei zeichen oder stimmen, die sie im krieg pflegen zu gebrauchen. die erste geben sie mit einer groszen schallmeyen ... die ander mit einem instrument ... die dritte stimm geben sie mit pfeiffen, die sie ... machen Aug. Cassiodor regnum Congo (1597) 1, 18; weit seltener von saiteninstrumenten:
wat vroweden sal da in den invurigen hercen glommen,
alse si horent die harpen also manicher scheller stommen
die lilie 43, 34 Wüst;
ich sach auch nye kain leüren,
die also süsz von stim mocht sein
pfarrer v. Kahlenberg 54 ndr.;
er hört auf den hügeln ...
festlichen schall und stimmen der harf einander begegnen
Bodmer Noah (1752) 6.
in junger zeit nur noch metaphorisch möglich: ihre glocke hatte eine tiefe herrische, metallne stimme H. v. Kahlenberg Eva Sehring (1901) 52; verstummte das geläute und anstatt dessen erhob sich mit dumpfem zittern die stimme der orgel Ricarda Huch triumphgasse (1902) 9.
b)
von den verschiedenen einzelnen auf einem instrument zu erzeugenden lauten; gelegentlich der im richtigen verhältnis zu den anderen tönen 'gestimmte ton' eines instrumentes; heute in der musik als ton bezeichnet: will ich dich lernen (auf der laute) alle stymmen der obgemelten zwayer geschlecht zu finden ... bisz in die höchst stim des sibenden bands des sechszsten kors (1511) Virdung mus. getutscht 81;
und (Orpheus) lieblich auff der harpffen schlug,
die wol von siben stimmen klang
Spreng Äneis (1610) 122ᵃ;
deren (einstimmung und verstimmung) ursach in gemein musz hergeholet werden von der stimmen förmlichkeit oder gleichheit ... wann namlich die erzitterungen zweyer corperen, als zweyer gleich gestimmten saiten, mit einanderen übereinkommen J. J. Scheuchzer physica (1711) 1, 88; dasz einiche musikalische instrument sein, die keinen musicalischen don oder stimm scheinen zu haben und doch haben, als die trommel und das höltzerne gelächter, von welchem eines allein nicht kan gestimmet (stimmen II) werden ebda; die am steiffsten gespannten saiten den hellesten laut erweckten, und die etwas schlaffer angezogen waren die grobe stimme machten E. G. Baron instrument d. lauten (1727) 12; den firten kor (der laute) bezeucht man mit zwayen mittelmessingen saitten, der kayne ... niderer gestellet noch hocher dan die ander ist. sunder sie müssen eyn unisonum oder eyn gleiche stym haben Virdung musica getutscht (1511) 71; wie die seytenspiler, nach dem sie die rechte hauptstimm haben begriffen, darnach aller erst die mittelste darnach richten und solches oft widerholen, auf das kein stimm von der anderen abfalle Fischart w. 3, 197 Hauffen. eine stimme greifen: dan so man underweilen eyn stym auff eynem kor (der laute) greiffet (1511) Virdung mus. getutscht 75;
die ein ir schöne lauten truͦg,
die ander auff der harpffen schluͦg;
ettliche auff den frembden pfeiffen
liessen jr hend die stimmen greiffen
Casp. Scheit frölich heimfart (1551) l 2ᵇ;
nun sag mir wie und wo ich die stymm druff sol suchen und finden. ... will ich anheben und dir sagen von dem uff zuͦthun der löcher uff der flöten, damit du die stymme der obgemelten zwayer geschlecht gewiszlich haben magst. ... so du alle löcher und flöten zuͦ duͦst und in die flöte pfeiffest, so wirt die allerundrist stym lautten
Virdung musica getutscht (1511) 98.
bildhaft:
die eigenschaften stehen in der essenz und sind gleichwie ein zugerichtet leben oder wie ein instrument mit vielen stimmen, welche stille stehen
Jac. Böhme s. w. 4, 281 Schiebler.
3)
in der orgel 'gruppe von pfeifen gleicher konstruktion und klangfarbe', auch register genannt: die verschiedenen stimmen der orgel. man unterscheidet zunächst hinsichtlich der art der tonerzeugung labialstimmen und zungenstimmen ... hinsichtlich der tonhöhe ... grundstimmen und hilfsstimmen Riemann musiklex.¹¹ 2, 1313; die meisten mit dem namen flöte bezeichneten stimmen stehen im 4- oder 8-fuszton; zu 2 und 1 fusz heiszen sie gewöhnlich 'pfeife' ebda 1, 518; öffnet dem winde den zugang zu den pfeifen der betreffenden stimme; ... das hineinschieben der registerstange setzt die stimme auszer tätigkeit 2, 1313; ist billich die orgel für das fürnehmste zu halten ... wegen derer ... unzehlichen veränderungen, welche man vermittest derer unterschiedenen stimmen haben kan Bendeler organopoeia (1690) )( 2ᵃ; eine steinerne und gewölbte kirche kan es mit einem gelindern wercke bestellen und viele stimmen von holtz zulassen Joh. Mattheson vollk. capellm. (1739) 460; ein orgelmacher hat zu Lübeck ... (hat) ein werck von 46 stimmen und 3 manualclavieren gebauet J. G. Walther mus. lex. (1732) 75; dasz ein ... ungenannter einige stimmen in den orgeln, ... die sesquialtera, die quinten und terzenstimmen von verschiedenem fusz ungegründet nennet Scheibe crit. musicus (1745) vorw. b 5; man kan de ferschedene stimmen fan de örgel god underscheden Doornkaat-Koolman ostfries. 3, 318.
4)
die einzelnen, in sich zusammengehörigen, teile einer 'mehrstimmigen' vokal- oder instrumentalkomposition; statt stimmen auch parte, partien, s. Riemann musiklex.¹¹ 2, 1768.
a)
seit dem 16. jh. bezeugt: und was heiszet endlich generalbasz spielen anders, als zu der entgegen vorgelegten baszstimme die übrigen stimmen einer völligen harmonie ex tempore erdencken Heinichen generalbasz (1728) 1; weil ein künstliches singstück von vier oder fünf stimmen ... dem lernenden lautenspieler mühsamer felt Schottel teutsche haubtspr. (1663) 21; drey bis vier stimmen mit geschickten gängen und führungen der klänge zu versehen; und wie kann solches der tun, der nie gelernet hat, eine eintzige stimme recht melodisch einzurichten Mattheson vollk. capellmeister (1739) 138; in den begleiteten sonaten ist nicht allein durch die vermehrung der stimmen ein gröszerer reichthum gegeben, sondern ... indem eine stimme das thema unverändert festhält O. Jahn Mozart 4, 13; sein element ist der vier- und mehrstimmige satz, ja vier stimmen genügen ihm kaum, weil er, der modulator der mittelstimmen, für seine zahlreichen orgelpunkte der fünften nicht entbehren kann W. H. Riehl musik. charakterköpfe (1899) 1, 359; der gute vortrag ist nicht allein denen, die sich nur mit haupt- oder concertierenden stimmen hören lassen, sondern auch denenjenigen, die nur ripienisten abgeben ... unentbehrlich Quantz anweis. d. flöte zu spielen (1752) 48 Schering; gleichviel, ob sie (die grundmelodie) oben in der ersten stimme leuchtet, oder milder im alt, oder im tenor Chrysander Händel (1858) 1, 35; man setze in dem exempel bey fig. 9 die zweyte stimme eine octave höher, und mache sie zur ersten stimme Quantz anweis. d. flöte zu spielen (1752) 118 Schering; der stecken (des kantors) musz die stimmen führen Abr. a s. Clara etwas f. alle 2 (1711) 134; die selbständigkeit der stimmen nimmt rasch zu. der tonraum unter der hauptstimme erscheint bald als bereich für die neue stimme zu eng Guido Adler hdb. d. musikgesch. (1930) 166; so wohl auch: aber die music hat nichts anders fürhabens, dann das sie mit allem fleisz die einigkeit der stimmen hilfft erhalten und aller miszhellung weret G. Forster fr. teutsche liedlein 4 ndr. lied mit drei stimmen und ähnliche wendungen: soviel deutscher ... lieder ... mit vier stimmen ... componirt werden M. Agricola mus. choralis (1533) a 2ᵇ; einen canonem mit drey stimmen drucken lassen Mattheson grundlage einer ehrenpforte 72 Schneider; partes symphoniae, voces stimmen oder theile der zusammenstimmung ... tricinia gesenge, die drey stimmen haben Orsäus nomencl. method. (1623) 207; ein lied, ein stück auf zwei, drei, vier etc. stimmen Kramer 2 (1702) 974ᶜ; heute eine fuge zu vier stimmen. etwas auf drei u. s. w. stimmen singen 'es dreistimmig u. s. w. singen':
wo man beim seitenspiel mit freuden tanzt und springt,
wo man runda runda auff zwantzig stimmen singt
Rachel satyr. ged. 64 ndr.;
singen, auff stimmen, ... ist ein recht schönes ding Moscherosch ins. cura parentum 65 ndr.; und alle heiligen engel ... singen von gottes heiligkeit ... und das wird nach der qualität der sieben geister gottes auf viel stimmen ergehen Jac. Böhme s. w. 2, 102 Schiebler; scherzhaft übertragen: vast ein ohme wein floss uff dem boden umb den tisch herumb: sie schnarchten auf vier stimmen daher Moscherosch gesichte (1650) 2, 230. das man nit mehr dann eine stimm in der kirchen singen soll. derhalben wan man figuriert und mit vier stimmen sing, so sey es wider gottes gebott. dann gleich wie nur ein gott ist, also soll auch nur ein stimm gesungen werden, nemlich der tenor: den alt aber, discant und basz soll man nicht singen Joh. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 1, 39ᵇ. eine stimme singen, üben, können: canto figurato. wann viel stimme zugleich gesungen werden, melodey Hulsius (1618) 2, 73ᵃ; singstimme ... diese stimme kan auch ... discantweise gesungen werden Neumark fortgepfl. mus.-poet. lustw. (1657) 1, 256; eine ausgezogene, bezieferte stimme ohne harmonische wissenschaft daher zu dreschen, ist eines uhrwercks verrichtung Mattheson vollk. capellmeister (1739) 104; während die eine stimme geübt wurde, standen die andern nicht zu schwatzen, sondern hatten ... das buch vor der nase und buchstabierten in gedanken die stimme mit Storm w. (1899) 4, 184; wir haben ja noch die weltlichen lieder, die uns Felix brachte. wir haben sie so heimlich lernen müssen, wirst du deine stimme noch können? Brentano ges. schr. 7, 112; und da hört ich sie noch singen ... da sang ich die zweite stimme Bettine Günderode (1840) 1, 384. — gelegentlich in vermischung der abstrakten bedeutung 'part der komposition' mit 'wirklich gehörter klang der instrumente u. s. w.': hörte er das andante; den linken fusz leise bewegend, bezeichnete er das eintreten der stimmen E. T. A. Hoffmann 1, 12 Grisebach; wenn er (Seb. Bach) den ganzen heerbann der stimmen aufrisz, wenn das grosze orchester den hundertstimmigen chor nahm und gegen die orgelgewalt herrlich anstürmte Wilh. Schäfer d. dreizehn bücher d. dtsch. seele (1935) 234. — übertragene anwendung: in so reicher theilung der stimmen breitet sich bei diesem dichter die melodie aus Fr. Th. Vischer ästhetik 3, 35; ähnlich wie das übertragene die erste geige spielen: er will und kann beweisen, dasz ihm immer, auch wenn er falsch singt, die erste stimme gebührt Marie v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 1, 33;
wenn mit dem alten herrn wir sie nur machen lieszen,
und stets zu ihrem horn die zweite stimme bliesen
Müllner dram. w. (1828) 7, 168.
b)
konkretisiert 'notenheft', der in noten aufgezeichnete teil einer komposition im unterschied zur ganzen partitur: stimm liber musicus Schönsleder prompt. (1618) G g 5ᵃ; chanter à livre ouvert die vorgelegte stimme oder partie wegsingen, oder wegspielen, ohne sie vorher zu probiren J. G. Walther music. lex. (1732) 154; sie heftete die stimme (das notenblatt) dran Stoppe Parnasz (1735) 322; ein bratschist (hatte) auf seiner stimme die stelle bemerkt ..., wo Mozart den takt mit füszen trat O. Jahn Mozart 4, 479; ich schrieb dir neulich, du solltest die stimmen zu Kaysers oper nach Zürch schicken Göthe IV 8, 321 W.; die beiden mitspieler fanden sich bei mir ein und holten ihre stimmen, wir hatten einige proben Herm. Hesse Gertrud (1926) 178. der übergang von a zu b ist gleitend: das original ... zeigt, dasz Mozart die letzten sätze ... nicht erst in partitur, sondern gleich in stimmen schrieb O. Jahn Mozart 3, 340; es ist deshalb sogleich die partitur durchzusehen und, wenn dieselbe corrigirt worden, das ausschreiben der stimmen zu besorgen Göthe IV 14, 106 W.
5)
gelegentlich im sinne von 'melodie': er giebet sich der liebe gefangen (liedüberschrift) nach der stimme: wer immer an den pöbel wil kleben Grob dichter. versuchgabe (1678) 145; die weisensetzer, so einem liede die gesangweise und stimme geben und setzen Ph. Zesen verm. Helikon (1656) 1, 116; das lied hat e hübsche stimm Frischbier preusz. wb. 2, 372ᵇ; ähnlich, doch vgl.C: zum achten lauffen alhie mitunter leichtfertige lider, stimmen und gesenge des fleischlichen in der kirchen, so durch krafft der musiken oder sengerkunst umb geitzs oder menschen lobes willen zugestimpt werden W. Linck das die sekten u. menschenlewen ... (1525) a 4ᵃ. im sinne von 'gesang, singen', vgl. o. 1:
ihr (der völker) lied im höhrem thone
klang süsz und sang
des höchsten danck,
und dieser stim
halff umb und umb
der engel heilge krohne
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 441ᵇ;
und do er kam und genachent dem haus, er hort den don und die stymme audivit symphoniam et chorum Luc. 15, 25 erste dtsche bibel 1, 281 Kurrelm.; in übersetzung für vox: und in psal. 97 (psallite domino in cithara, ... et voce psalmi) spricht David ir sollet gott loben in der harpffen und in der stym der psalmen Joh. Diettemberger wider d. unchristl. buch M. Lutheri (1526) g 3. lediglich metaphorisch: ich ... hörte dann singen die stimmen fremder, himmlischer lieder jenseits dieser welt maler Müller 1, 3; die rührende stimme seines grab- und geburtsliedes, ... tönt noch jedem leser ins herz Herder 17, 66 S.
6)
'stäbchen' in den streichinstrumenten, welches boden und decke miteinander verbindet und dessen stellungsart die tonschwingungen beeinfluszt, auch stimmstock (u. sp. 3126); dafür auch seele, frz. âme, s. Riemann musiklex.¹¹ 2, 1683ᵃ: die stimme, oder das kleine höltzgen, so z. e. in denen violinen inwendig unter dem stege aufgerichtet ist J. G. Walther musical. lex. (1732) 32; stimme 'ein kleiner hölzerner stab, der ... die decke zur vermehrung des klanges spannet, deswegen er auch diesen namen erhalten hat' Jacobsson technol. wb. 4, 297ᵇ.
C.
'laut, wort, rede' u. s. w.; die eigentliche bedeutung 'von den sprechwerkzeugen erzeugter ton' (o. A) ist stark verdinglicht. der sinn des lebendigen, erzeugten tritt völlig zurück hinter 'ausdruck, gesagtes'. an manchen stellen ist die nachbildung nach dem gebrauch von lat. vox zu erkennen. nahezu auf die alte zeit, bis ins älter nhd., beschränkt.
1)
laut, als schrei, anruf, ausruf, silbe, buchstabe, wort, ausdruck u. ähnl.: rabulatus (i. e. sonus rapidus) stym, geschrei md. voc. d. 15. jhs. bei Diefenbach gl. 482ᵃ; zuͦ nacht gemartert worden, etliche seine stimmen oder schrey denen so nahendt darbey woneten zu gehör kommen seyen Xylander Polybius (1574) 108; der stimm ietwedren ist zwairlai: schreibleich und unschreiblich. diu schreibleich ist die man geschreiben mag und mit puochstaben gevazzen sam diu wort ave Maria. diu unschreibleich stimm ist die man niht geschreiben mag, sam der wainenden läut stimm und sam der voglein und der tier stimm Konrad v. Megenberg buch d. nat. 16 Pfeiffer; ähnlich:
... der vil laut sprach
we, we, we den die da wonent auf der erden' ...
Johel der weissag rufft auch da
vil laut dreistunt: a a a ...
solch stimme koment von grosser chlag ...
ich furcht ich mues leiden da (am jüngsten tag)
diesew drew we und diesew drew a
Heinrich v. Burgus 4271 Ros.;
sie (die heilige schrift) sei nur ein schall, stimme oder totter buchstab Hier. Wittich kurtze u. gründtl. widderl. (1555) j 3ᵇ; in gleicher anwendung wie vox: stymm eynes unsinnigen, eubion vel bachus. wein voc. theut. (1482) ff 3ᵃ; o ... vocandi interjectio ein wort oder stimm darmit man einem ruͤfft, in teütscher und anderen spraachen im brauch Frisius dict. (1556) 889ᵃ; oh interiectio. ein stimm gebraucht, wenn man ein bekannten oder freund unversehenlich sieht, ho ebda 913ᵇ; celeusma stimm des rudermeisters Orsäus nomencl. method. (1623) 181. — die fünf vocal aeiou, die fünf stimmen lauffen in allen dingen, kein hund kan bellen, kein ku kan schryen, es müssen der stimmen etliche da sein Keisersberg emeis (1516) 74ᵃ. im sinne von 'klang, lautwert': das nit ain jegklicher den laut oder die stimm der buchstaben künd urtaylen und erkennen V. Ickelsamer teütsche gramm. 8 Kohler; fünff puͦechstaben, die vocales, das ist stymmlich, genennt werden, nemlich a, e, i, o, u. der yeder hat ain besonderte stymm Berthold v. Chiemsee theol. 134 Reithm.; hiebey ist auch zu gebrauchen der zu Nürnberg bey Johann Christoph Weigeln heraus gekommene neuerfundene lustgarten, in welchen durch bequeme bilder ihrer natürlichen stimmen der erste hauptgrund der A.B.C. ganz spielend und leicht begriffen H. v. Fleming soldat (1726) 14. syllaba ein sylben, das ist begriff etlicher buͦchstaben zuͦ einer stimm Frisius dict. (1556) 1283ᵃ. — vox stymme vel wort md. voc. d. 15. jh. bei Diefenbach voc. 629ᶜ, gegenüber vox luet in anderen voc. gleicher herkunft, s. ebda; vox ... die stim, sprache, ein wort, eine rede Bas. Faber thes. (1587) 966ᵇ; da haben sie als bald zum offtermaln disz wort oder stimm pronunciert, be, be, welches wort in phrigischer sprach brot bedeut Joh. B. Grass schöne hist. (1570) 164ᵇ. — das die, die von einer sach reden wöllen, deren namen und eigen stimm (ausdruck) wissen Keisersberg paternoster (1515) c 6ᵇ. für 'casus': darnach, dasz die erst stimm (prima vox), Jhesus, in ein s auszgehet, die ander, Jhesum, in ein m Seb. Franck lob d. thorheit 112 Götzinger. diese bedeutung 'laut' ist auch aus der besonders im mhd. geläufigen verbindung eine stimme schreien, machen, geben u. ähnl. zu entnehmen:
si viel über in unde schrei
eine so jæmerliche stimme
Wirnt v. Grafenberg Wigalois 7684 Pfeiffer;
die fantasten der hohen schulen plerren, wie die kelber, dieselbigen schreyen ein stimm für und für, sie lachen oder greynen, es gang ihn wol oder ubel Paracelsus op. (1616) 1, 246;
galander unde nahtegal
ieglicher sîne stimme sanc
Wirnt v. Grafenberg Wigalois 244 Pfeiffer;
nu lie der veige valant (der drache)
einen doz und eine stimme
so griulich und so grimme ...
und daz der selbe mortschal
verre in daz lant erhal
Gottfried v. Straszburg Tristan 9049 R.
vociferare roppen vel eyn stem maken nd. voc. d. 15. jh. bei Diefenbach gl. 628ᵃ;
er spert das maul auff gegen ihm,
und macht also ein grewlich stim
Er. Alberus fabeln 106 ndr.;
ich wart eyn wile, und hort syn nym,
ich suͦcht jn, er gab mir keyn stym
Seb. Brant narrenschiff 114 Zarncke.
hierher wohl auch, in synonymität mit wort (s. o.): und mag denne creftiklichen und mit grosser fröde gereden wort und stime Margarete Ebner offenbarungen 121 Strauch.
2)
floskel, zitat, wortlaut einer rede:
beneveneritis pater Abraham ...
zuͦ seltzamkeit laszt fallen im
ein wort und ein latynsche stym.
wa das ein latynscher hört,
so meint er, das er sy gelert ...
doch kan er (der verdorbene schüler) vier latynscher
die würfft er usz an allem ort wort,
Murner narrenbeschwör. 190 ndr.;
die stimm ist gemeyn bei Tito Livio: quod foelix faustumque sit Seb. Franck sprichw. (1541) 2, 3ᵇ; ich bitte dich, sag von wannen kumpt dise stymm: in principio erat verbum erste dtsche bibel 3, 2 Kurrelm.;
der Wâleis (Parzival) zer meide (Sigune) sprach
'grœzlich wunder ich dâ sach
unt manege frouwen wol getân'.
bî der stimme erkante sie den man
(nämlich an dem inhalt seiner worte)
Parzival 251, 28;
hätte sich das männlein geduckt und diese stimme hören lassen: 'wann du mich gebeten ...' Grimmelshausen simpl. schr. 2, 46 Kurz; dasz man alle consilia bezahlt kriege, und wolte er also wissen, ehe er seine vorschläge thäte, wie hoch er solches zu lösen beliebte: da erschrack der liebe man vor der ungewöhnlichen stimme und bat, er solte es mit ihm nicht so genau nehmen Christ. Weise die drey klügsten leute (1675) 92; do sie ytz bald sterben waz, berüfft sie mich ... facht sie an. den welche gesundt sint uss hoffenung eins lengers leben, schmeichlen sie. aber hie ist die letst stymm Terenz (1499) 16ᵇ; die vögel des himmels werden dich verkuntschafften und dein stimm für den künig tragen Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 3ᵃ. 'befehl, nachricht': darauf kam ain stim, dasz sich ein yedclichs in sein closter thet verfügen Knebel chron. v. Kaisheim 44 lit. ver.; in alle welt ist auszgegangen der apostlen stim (botschaft) Vogelgesang heiml. gespräch 19 ndr.;
bald erging auch diese stimm,
dasz man Grimhart Isegrim
gleichfalls solte botschafft senden
Reinicke fuchs (1650) 159;
wie die stimme zu jhm kam ... das las ich bleiben (1579) Christoph Entzelt altmärk. chron. 157 Bohm.in seine, jemandes stimme ist die unterscheidung von metaphorischer anwendung (D 1) nicht immer scharf: stimma ... ze gloubigen (vox prophete ad fideles in ecclesia) Notker ps. 28, 1; wann er hat bestettigt und befestigt den anevangk seins ewangeliums aus der stymme des propheten Malachie, do er also schreibt erste deutsche bibel 1, 117 Kurrelm.; denn seine stimme lautet ... also: wenn ihr beten wollt, sollt ihr sagen: unser vater P. Fr. Sperling Nicodemus quaerens 1 (1718) 1399.
3)
ist stimme mit dem gen. eines nomen dicendi verbunden (stimme eines wortes, des rufens u. s. w.), so kann die bedeutung 'klang, ausdruck, inhalt' vorliegen, doch ist die grenze zum metaphorischen gebrauch (D 1) ganz unsicher. fast nur in kirchlicher tradition, vox entsprechend: ich habe gehort die stymm der wort des volcks (vocem verborum populi), die sy haben geredt zu dir erste dtsche bibel 4, 154 Kurrelm.; die oren hat got zwey geschaffen sam die augen, die do möchten gehören die stymme der wörtter Albrecht v. Eyb dtsche schr. 1, 44 Herm.; das die uberschwellen bebeten von der stim ires ruffens (a voce clamantis) Jesaias 6, 4 Bindseil; ih ferneme unde bechenne die stimma dînes lobes (vocem laudis tuae). weliu ist diu stimma? Notker ps. 25, 7;
de hêre wert de stemme mines bedes hôren
Claws bur 337 Hoefer;
meins flehens stimm und bit erhör
Sachse bei Fischer-Tümpel kirchenlied 1, 15;
herr, höre die stimme unseres flehens
Ramler lyr. ged. (1772) 343;
ich höre seines seufftzens stimm
und hochbetrübtes klagen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 381ᵃ;
denn der herr hatt die stym meyns weynens gehoret Luther bibel 1, 457 W.
4)
sprache, sprechweise:
zu hören hie in teutscher stim
ein gschicht, die uns im genesim
nach der lenge ist fürgeschrieben
H. Sachs 1, 88 K.;
er hat auch nammen geben,
villn orten die er baut, nach ihm
in teutscher sprachen zung und stimb
Th. Höck schönes blumenfeld 124 ndr.;
eyn frembd volck Galli genant, ... der sitten, stimm und sprach inen unbekant und unverstentlich weren Carbach Livius (1533) 55ᵃ; anders: und weinen ist auch gleich wie der andern (menschen) mein erste stim gewest, und bin in windeln aufferzogen mit sorgen (primam vocem emisi plorans) weish. Sal. 7, 3.
D.
in übertragung und erweiterung des anwendungsbereiches auf nicht eigentlich redendes entfalten sich bedeutungen wie 'äuszerung' und 'meinung, urteil'.
1)
metaphorischer gebrauch, der die eigentliche bedeutung kaum verändert.
a)
mit bezug auf übermenschliche personen, die nicht eigentlich reden können, bei denen stimme jedenfalls immer sich mehr an den inneren menschen wendet als dasz sie einen hörbaren ton meint: vox domini super aquas. sin stimma schillet uber diu wazzer Notker ps. 28, 3; quam stemma fon himile Tatian 139, 6 Sievers; zu hörn die stymm gotz reden und seinen willen zuͦerkennen erste dtsche bibel 2, 7 Kurrelm.; durch die stim gottes sei dem folck (sc. Ambrosius) für ein bischoff zuͦ geriefft worden, der stimen hat daz folck nach gehenckt und in für ein bischoff begert Murner an d. adel 19 ndr.; das wir uns stracks an das wort und die stimme gottes halten Luther 28, 551 W.; was er aber hört ... das ist gottes stimme in ihm Bettine Günderode (1840) 1, 40;
doch rufen von drüben
die stimmen der geister,
die stimmen der meister
Göthe 3, 62 W.;
ich hör ietzo dise stym vom hymel herab die uns wider diss ... wild thier errege und spreche U. v. Hutten opera 1, 386 Böcking; wie eine begegnung mit himmlischen stimmen Carossa verwandl. e. jugend (1928) 24;
und folget, weil jhr doch seyt christen,
der ruffenden stimm in der wüsten
bilderged. auf Rudolf Gwalther 187 Hauffen;
sie würden sich auf der welt ganz allein glauben, ... wenn leidenschaftliche und melancholische werke ihnen nicht eine stimme in der wüste des lebens hören lieszen Göthe 40, 240 W.;
nun, teutsche musa, tritt herfür,
lasz kecklich deine stimm erklingen
Zinkgref auserles. ged. 3 ndr.;
und wer der dichtkunst stimme nicht vernimmt
ist ein barbar
Göthe 10, 221 W.
— der stimme gottes u. s. w. gehorchen 'seinem wort, seinem befehl gehorchen', vgl. C: Adam sol lieb haben Evam, aber nit so fast, das er me acht hab und gehorsam syg irer stim weder der stim gottes Keisersberg bilgersch. (1512) b 3ᵇ;
noch reibt sie auff des herren grim,
weil sie nicht ghorchen seiner stim
und sein wort ehren nicht allein
Fischart s. dicht. 1, 125 Kurz;
doch gehorsamten sie (die gefallenen engel) der stimme ihres obristen alsobald Bodmer samml. crit. poet. schr. 1, 21;
doch wenn die zeit kommt, wird mir seine stimme
nicht schweigen, und gehorchen werd ich ihr
Schiller 13, 267 G.
auch in der beziehung auf menschen kann die eigentliche bedeutung des hörbaren tons zurücktreten hinter der wirkung, die vom subjekt der stimme ausgeht: und das volk gehorchte gern der stimme seines hochherzigen herrschers E. M. Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen 1, 239; ungewöhnlich: dem heiligen blutdurst zu wehren, welcher das unzählbare heer seiner henker bewafnete, die auf Albas stimme von stadt zu stadt herumstreiften Schiller 4, 99 G.häufig heiszt es metaphorisch, dasz jemand, etwas eine stimme ist: ih (Johannes d. täufer) bim stemna ruofentes in wuostinnu Tatian 13, 21 Sievers; du wirst oft auf seine worte horchen, ... und er wird euch eine stimme der wüste sein, wenn ihr fern von der heimath in der einsamkeit leben müsset Stifter 1, 245 Sauer; denen er antwortt: 'ich bin ein schreiende stimm um hilf im elend Opel dreiszigjähr. krieg 100; gott war die klarheit, aber ein engel gottes seine stimme maler Müller 1, 39;
schönes fräwlein, stimm der wälder,
wolberedte nachtigal
Spee trutznachtigall 282 Arlt;
unsre laster seynd ein stimm, die zu gott schreyt Abr. a s. Clara etwas f. alle (1711) 1, 701;
halb berühren sie (blumen) der todten
halb der lebenden gebiet,
ach sie sind mir theure boten,
süsze stimmen vom Cozyt
Schiller 11, 203 G.
b)
dinge werden belebt, indem ihnen stimme zuerkannt wird, und zwar in dem inneren sinn einer 'wendung an den menschen':
die stim von deines bruders blut
zu mir in himel rüffen thut
H. Sachs 1, 83 Keller;
er hörte die stimmen toter opfer in sein ohr dringen G. Freytag 14, 53; des gesetzes stim ist so starck und gewaltig, das sie auch ein lewenhertz erschrecken kan Er. Alberus vom basilisken c 2ᵃ;
ihr stumme stim verstehen:
dan mit bekanter sprach des höchsten wercken wort an iedem ort
von einem end der welt stehts zu dem andern gehen
Weckherlin ged. 2, 55 Fischer;
mit lauter stimme lehren deine werke
uns deine weisheit
J. A. Cramer s. ged. (1781 ff.) 1, 11;
die würden, ehren und auszeichnungen, die uns da zu theil wurden, sagten jedem verständigen mit vernehmlicher stimme, dasz er sich in der ersten zeit nicht selbst angehören werde Göthe IV 26, 339 W.; seitdem sank die insel wie eine schwere kranke auf ihr hartes polster zurück; sie wuszte ... zu erzählen, zuerst unvernehmlich und wenig beachtet, dann aber mit so klarer stimme Dahlmann gesch. v. Dännemark 2, 293; die grosze stattliche masse der Tailleferburg spricht mit breiter poetischer stimme zu dir herab H. Laube ges. schr. 5, 11; pathognomische zeichen, eine stimme für die augen Lichtenberg aphorismen 3, 273 Leitzmann; die schriftliche stimme oder der stil Novalis schr. 3, 99 Minor; sich, in so groszer entfernung, monatlich zu schreiben. ... wie kann man sich das täglich erfreuende und bedrängende mittheilen, wenn die stimme so langsam herüber und hinüber klingt Göthe IV 17, 31 W.; ihr letzteres schreiben war zwar nicht Seneka selbst, aber doch eine stimme aus seinem grabe Schubart br. 1, 56 Strausz.in der belebung und vermenschlichung der natur: flüsternd und rauschend gehen wunderbare stimmen durch baum und gebüsch E. T. A. Hoffmann 2, 7 Grisebach;
du echo, holde stimme dieses thals,
die oft mir antwort gab auf meine lieder
Schiller 13, 187 G.;
mein schwert mit heller stimme
sing todessänge drein
Max Schneckenburger dtsche lieder (1870) 27;
der fröhliche may ...
von höhen und thal
tönt überall
die süsze stimme der freude
Chr. Fel. Weisze lieder f. kinder (1767) 7;
die stimmen der mondnacht erwachten Storm (1899) 2, 163; und wieder erschallte durch die dämmerung die grosze stimme des meeres W. Raabe hungerpastor (1864) 3, 183;
schlich ich gemach
der leisen stimme
des baches nach
J. M. Miller ged. (1783) 105;
dieses ihr flöhen ward dem Markhold ... durch eine plötzlich-sausende stimme des nordohsts ... zu erkännen gegäben Ph. Zesen adriat. Rosemund 10 ndr.; die stimme des windes wird ein psalm in seinem ohr Göthe 42, 1, 200 W.;
indessen lehnt der knabe da, ...
ahmt leis des sturmes stimme nach
Annette v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 45.
2)
in weiterer loslösung von der eigentlichen bedeutung vollzieht sich eine verallgemeinerung von 'gesprochenes' zu 'äuszerung überhaupt'; dabei kann die sinnliche bildhaftigkeit völlig erhalten bleiben oder neu belebt werden.
a)
in der beziehung auf menschen ist nicht deren eigentliches sprechen, sondern ihre wendung an andere, ihre äuszerung im umfassenderen sinn gemeint: nun ist die mess ein geschöpft von dem römischen stuͦl geboren; darumb wend wir uns mit starkem geschrei der römischen kilchen darüber stellen, mit grossen worten, kreftiger stimm der väter, lerer und concilien und sie ouch widerumb erwecken N. Manuel 223 Bächtold; wenn ein unsichtbarer schriftsteller, dessen stimme man nur höret, ohne zu wissen, wer ihr urheber sey, anfängt, über das unrecht zu schreyen Schwabe belustig. 1 (1741) 249; dasz aus den kerkern eines Weidig ... ganz ähnliche stimmen wie aus dem des Asperger gefangenen erschollen Strausz Schubart br. 1, xvi;
sie hegte solche träume,
die hier lebendig eingemauert lebt,
zu der kein schall des trostes, keine stimme
der freundschaft aus der lieben heimat dringt
Schiller 12, 404 G.;
dem flehn will ich, ich sag es noch einmal,
nicht der empörung meine stimme leihn
H. v. Kleist 1, 171 E. Schmidt;
ungewöhnlich: wer das schicksal der zeiten unter mehreren europäischen nationen zur stimme bringen wollte: könnte er anders als Ossian singen Herder 18, 459 S. die stimme der zeit u. ä.: dasz die poesie als eine stimme der zeit unwandelbar dem geiste der zeit folge ebda 17, 67; stimmen der zeit, monatsschrift für das gesamte geistesleben der gegenwart, titel, seit dem j. 1915; es ist kein ort in der welt, wo die vergangene zeit so unmittelbar und mit so mancherlei stimmen zu dem beobachter spräche, als Rom Göthe 47, 269 W.; die ... stimme der vergangenheit ruft uns mahnend zu Scherer kl. schr. 1, 11;
so hört die stimme denn uralter sagen
Chamisso (1836) 4, 11;
stimme des volkes bei Herder als poetische bezeichnung der volkslieder: hie und da hat sich eine stimme des volks, ein lied, ein sprüchwort, ein reim gerettet w. 11, 318 S. (vorw. zu den volksl.); der übergang zu Herders leistungen führt uns auf dessen schöne eigenschaft: die stimmen aller völker zu vernehmen Göthe 16, 238 W.; nach dieser von Herder öfter gebrauchten bezeichnung wurde in späterer ausgabe der titel der 'volkslieder' geändert (s. Suphan in: zs. f. dtsche phil. 3, 471; Herder w. 11, 674): stimmen der völker in liedern (1807) Joh. v. Müller; ebenso: der ton der psalmen ... hat mich an Petersens stimmen aus Zion wieder erinnert. ... seine erstgedachten stimmen sind hundert prosaische lieder, die er selbst psalmen nennt Lessing 8, 17 M. im sinne von stimme als 'organ' (vgl. o. A): dasz die stände ... das leid des landes officiell vor den thron bringen; und dasz die verfassungsmäszige stimme des landes ... das ausspricht Storm br. in die heimat 80 Gertr. Storm.
b)
in der beziehung auf abstracta, kräfte u. ä., unter völligem ausschlusz der möglichkeit eines wirklichen redens, meist im sinne von 'ruf': das di gemayne ainträchtig maynüng als ain stymm der natür das anzaygt, und alle menschen ... ainträchtig sein Schwarzenberg Cicero (1535) 47; sollte ich wohl so rebellisch seyn und mich der mütterlichen stimme der natur widersetzen? G. W. Rabener 4, 210;
vor dem glauben
gilt keine stimme der natur
Schiller 5, 2, 447 G.;
daucht mich, wie ein stimme in mein ohr ginge: nimm den kranz nicht an v. Schweinichen denkwürd. 48 Österley;
hörst du denn gar keinen ruf der um uns verborgnen stimme?
v. Schönaich Heinrich d. Vogler 84;
mitten aus dem schlafe weckten mich strafende stimmen, mit welchen sich meine phantasie, mich zu quälen, verband Lessing 2, 274 L.-M.;
doch stimmen giebts, geheime, deren mahnen
das herz umsonst sich müht zu widerstreben
Geibel w. (1888) 1, 116;
das geschrey des volkes ist nicht immer die stimme der wahrheit Lessing 10, 26 L.-M.; so verstummte also die stimme des rechtes und der billigkeit vor dem schwerte v. Schubert verm. schr. 2, 299;
thu was dein herz dich heiszt,
und höre nicht die stimme guten raths
Göthe 10, 21 W.;
gerecht ists, gute Kennedy, dasz wir
des vorwurfs ernste stimme nun vernehmen
Schiller 12, 411 G.;
als ... stimmen des tadels sich erhoben Mommsen röm. gesch. (⁶1874) 2, 35.
c)
besonders von kräften, die im menschen auf ihn einwirken: den groszen ernst ihrer begierden, dasz ihres herzens stimme sey grosz gewesen, welche sie hat gezwungen auch leiblich zu rufen Luther 14, 40 Erl.; immer die stimm im hertzen hören, es möcht vielleicht anders seyn Lehman floril. polit. (1662) 2, 584; wenn ich der stimme meines herzens folge Sophie v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 98;
wohl schaut der blick zur erde ernst und kalt,
dasz er des herzens bange stimme höhne
Annette v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 195;
es ist die stimme des zartesten ... wissenschaftlichen gewissens W. v. Humboldt br. an Welcker vii Haym; da donnerte mich die stimme des gewissens an Hitler mein kampf (1933) 223; wenn die stimme der vernunft, die du ... niemals gehört zu haben scheinst, dich nicht von einem irrwege zurückrufen könnte Wieland Agathon (1766) 2, 68; was aus ihm sprach, war nichts anderes als die stimme des blutes und der vernunft Hitler mein kampf (1933) 341; als hätten ihres gewaltigen verstandes donnernde stimmen die ketten der unwissenheit gesprengt Schleiermacher monologen 55 v. Kirchmann; aber der sturm der leidenschaften übertäubte die sanfte stimme der weisheit Schubart leben u. gesinn. (1791) 1, 42; wenn er die stimme der pflicht, die sie ihm entgegensetzten, übertäuben sollte Göthe 25, 153 W.;
oder lispelt sie nicht in eurem busen, die stimme,
die allmächtige stimme der menschlichkeit und des erbarmens?
Lenz ged. 28 Weinhold;
die hand des einsam verschlossnen, der die stimme der liebe nicht hört, drückt hart Göthe IV 3, 71 W.;
und wenn — wie billig — vor dem spruch des richters
die stimme der empfindung sonst verstummt
Zach. Werner söhne d. thales 2 (1804) 201;
jenes weltbild selbst festhalten zu müssen, dessen zusammenhang mit der stimme unserer wünsche seine wahrheit zu bekräftigen scheint Lotze mikrokosmus (1856) 1, 8;
die stimme der begier, die fähigkeit zur lust
ist in der thoren herz wie in der weisen brust
Wieland s. w. (1794) suppl. 1, 321;
und wäre die stimme der leidenschaft auch noch so stark, so würd ich mich dennoch besiegen Caroline br. 1, 305 Waitz. stimme im innern, innere stimme: hob dann wieder eine andre stimm in meinem innwendigen an U. Bräker 1, 216; die freunde, durch eine dunkle stimme im innern gewarnt Solger Erwin 1 (1815) 49; die stimme, die sich jetzt in ihnen erhebt, übertäuben sie doch nicht Deinhardstein ges. dram. w. 1, 28; bei der stimme, die in uns selbst zu gericht sitzt W. Alexis Roland (1840) 1, 115; es regte sich in mir eine innere stimme Göthe 25, 58 W.; eine innere stimme sagt es mir E. T. A. Hoffmann 10, 208 Grisebach; der inneren stimme gehorchen zu dürfen ... sei ... das heil des daseins Fontane I 6, 16.
3)
meinungsäuszerung, kundgebung, urteil. der eigentliche sinn 'gesprochenes' tritt völlig zurück; in der bedeutung von stimme ist eingeschlossen, dasz die äuszerung einen bestimmten inhalt und zweck hat.
a)
noch in näherem anschlusz an den eigentlichen gebrauch: wie leise und schwach ist die stimme aller männer von entscheidendem ansehen für die wahrheit und würde dieser wissenschaft Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 18; dasz man unrecht thut, stimmen einzelner redner für die des hauses (der abgeordneten) zu nehmen Bismarck polit. reden 3, 26 Kohl; noch mehr schade ist es, dasz die erste stimme, die sich dagegen im reichsanzeiger regte, etwas so sehr plattes herausgestolpert hat Schlichtegroll in: Göthejahrbuch 1, 319; der herzog setzte die schwierigkeiten der unternehmung auseinander; eine andere stimme drückte mitleiden mit dem schweren geschick ... aus Ranke 31, 245. die stimme, seine stimme erheben 'stellung nehmen', in enger verbindung mit der eigentlichen bed. 'reden', vgl. o. sp. 3062: niemand wagte es, für sie die stimme zu erheben Schiller 9, 299 G.; mit eben so wenigem erfolg ... erhob er an der spitze seines collegiums die stimme für den fortbestand der parlamente Dahlmann gesch. d. franz. revol. 27; dasz ich das einzige mitglied des herrenhauses bin, welches augenblicklich in diesen räumen das recht hat, seine stimme zu erheben, und dasz mir deshalb die pflicht obliegt, für meine collegen des anderen hauses einzutreten Bismarck polit. reden 4, 96 Kohl; zwar erhebt die comödie ihre stimme bisweilen: allein sie vergiszt sich auch bey ihren gröszten kühnheiten nicht Ramler einl. in d. schön. wiss. 2, 364.
b)
ganz uneigentlich geworden, 'meinung, meinungsäuszerung', seit dem 18. jh., am stärksten ausgebildet im 19. jh.
α)
im plural, die meinungsäuszerungen verschiedener oder zusammengehöriger: auf solche stimmen braucht also der geschmack des jahrhunderts nicht sehr zu hören, wenn er nur sonst vor einer besseren instanz besteht Schiller 10, 375 G.; man kann sich ... aus diesen vielen stimmen gar bald ein ganzes urtheil zusammensetzen Göthe 23, 105 W.; die stimmen aus dem publico zu sammeln, um daraus den eindruck und werth seines drama selbst zu beurtheilen Gerstenberg rezens. 32 Fischer; in dem rath der offiziere ... gab es noch einige stimmen zu gunsten einer vereinbarung Ranke 17, 5; alle stimmen schicken mich nach Carlsbad, ärzte und nichtärzte Göthe IV 28, 128 W.; die stimmen über dieses gedicht ... waren sehr getheilt I 21, 294; niemand kennt ihn, ... ein Ostindianer, darüber sind die stimmen einig A. v. Kotzebue sämtl. dram. w. 1, 25; alle stimmen vereinigen sich, die zierde, die richtigkeit, die einfalt, den witz in der schreibart zu loben Dusch verm. krit. u. satyr. schr. 240; auch erhoben sich zu jener zeit miszliebige stimmen gegen ihn Fr. L. Jahn 1, 15 Euler; aber es verlauten auch widerwärtige stimmen, vornehme, die mir klugheit, hoffärtige, die mir gesunden menschenverstand absprechen Jac. Grimm kl. schr. 1, 25; sehr achtungswerthe stimmen waren laut geworden, welche aussprachen, dasz bei einem kampfe von Deutschen gegen Deutsche Preuszen nicht den ersten schusz thun dürfe Moltke ges. schr. u. denkw. 1, 28.
β)
im singular, die gemeinsame meinung vieler: und wir hoffen, die stimme der jugendfreunde werde sich nicht zum schweigen bringen lassen, wenn sie auch nicht überall gehör finden sollte v. Einem Mosheims vollst. kirchengesch. 9 (1778) 108; 'verachtet die stimme der ältern nicht', so sprach ein alter handwerksmann E. T. A. Hoffmann 14, 223 Grisebach; sie hatten sich neue verdienste um das regierende haus erworben ... man muszte auf ihre stimme hören Ranke 1, 58. meist von kollektiven: die reviewers sind nun freylich in Engelland nicht wichtigere personen, als die journalisten in Deutschland, und man hat auf keiner seite des meeres die stimme solcher richter für die stimme der nation anzunehmen Kästner verm. schr. 2, 148; sie sind also der meinung, dasz ich nicht die stimme des publikums, sondern nur mich selbst hören ... soll E. T. A. Hoffmann 4, 36 Grisebach; die rathsherrnwürde kann dir nicht entgehen, wo der gefreundschaft stimme viel in der stadt vermag Musäus volksmährchen 498 Klee; des volcks stimm ist gottes stimme discourse d. mahlern 2, 67; vgl. volcksstimme, gottes stimme Kramer 2 (1702) 1207ᵃ; dem rechtschaffenen, der die stimme des volks gegen sich hatte Zimmermann über d. einsamkeit 1, 47; immer höre ich die stimme des volkes, mit offenen augen durch das leben gehen — darin besteht das geheimnis unseres erfolgs Göbbels gespräch in: 12 uhr, neue Berl. zeit. 17. 11. 38; das war das allgemeine gefühl und die einstimmige stimme in der hauptstadt E. M. Arndt 1, 184 R.-M.; die öffentliche, die allgemeine stimme, vgl. vox publica: eine schöne stelle in dieser vorrede über den werth der öffentlichen stimme Gerstenberg br. über merkwürd. d. litt. 270 lit. denkm.; dein gewissen sei der einzige richter deiner handlungen, nicht die oft so frivole, öffentliche stimme Meinecke leben d. generalfeldm. v. Boyen 1, 138; die öffentliche stimme wird zu einer vollständigen besetzung Jütlands ... zwingen Moltke ges. schr. u. denkw. 4, 133; aber die öffentliche stimme war so gespannt auf mein aushalten der haft, wenigstens setzte man mir von allen seiten so heftig und lebhaft zu Gervinus an Jac. Grimm briefw. 2, 125 Ippel; die allgemeine stimme des publikums verurtheilte das buch J. G. Forster s. schr. 6, 115; die allgemeine stimme ist der festen überzeugung, es werde nicht geschehen br. von u. an Herwegh 72; von der allgemeinen stimme, die sie umtoste, und ihre theilnahme verlangte, fortgerissen, lieszen sie den ... minister ... fallen Ranke 31, 308; ihn für einen der gewandtesten diplomaten zu halten, darin vereinige ich mich gern mit der allgemeinen stimme Grillparzer 14, 149 Sauer. nur eine stimme haben, sein: über dieses kleine buch hat das englische publikum nur eine stimme J. J. Chr. Bode Yoricks empfinds. reise 1, 13; über ihren zweiten ackt ist nur eine stimme Göthe IV 7, 143 W.; über dieses bild war nur eine stimme Justi Winckelmann 2, 2, 42; dasz auch wohl ein ausländer es fühlen musz. bei den Franzosen ist nur eine stimme darüber Europa (1803) 2, 121 Schlegel;
es ist nur eine stimme unter allen:
du dürfst das regiment nicht niederlegen
Schiller 12, 109 G.;
nun ist ganz Deutschland bis gegen 1760 in Ansehung des sitzes der schriftsprache und des geschmackes bey nahe nur eine einzige stimme Adelung magazin (1783) 2, 6; über deren saumseligkeit ... übrigens nur eine stimme unter den ehrsamen bürgern ... herrschte W. Weigand d. Löffelstelze (1919) 3.
E.
'votum' bei abstimmungen und beratungen. seit dem 14. und 15. jh. bezeugt, im mnl. seit dem 15. jh., s. Verwijs-Verdam 7, 2076. ob diese bedeutung sich in immer weiterer verblassung der bedeutung 'vom sprechenden erzeugter ton' zu 'inhalt des gesagten' (vgl.C) entwickeln konnte, ist mehr als fraglich. überschneidungen und vermischungen von E mit C und D (u. 1 b β) sind nur gelegentlich vorhanden und setzen die ausgebildete bedeutung 'votum' voraus. es fällt auf, dasz die ältesten zeugnisse dieser bedeutung schon das äuszerste technischer und abstrakter erstarrung zeigen. im formalen gebrauch dieser bedeutung herrscht starke mannigfaltigkeit und unsicherheit von der ältesten bis in die jüngste zeit; die art des wortgebrauchs gleicht weitgehend dem von suffragium, suffragia und in älterer zeit wird häufig ausdrücklich auf die gleichheit von stimme und suffragium hingewiesen (vgl. z. b. 1 c, 2 b, 2 c sp. 3082 u. 3084). die bedeutung von stimme als 'suffragium' wird durch fremden einflusz vermittelt sein. die gleiche verbundenheit der bedeutungen 'laut des kehlkopfs' und 'votum' zeigen frz. voix und engl. voice (bei Murray seit dem 15. jh.); viele wendungen von stimme als 'votum' gleichen denen von voix und voice in derselben bedeutung; klass. lat. vox hat die bedeutung 'votum, suffragium' nicht; doch vgl. schon mlat. vox als ius suffragii ferrendi a. d. j. 1246 bei Ducange 8, 381ᵇ. — auszer den genannten haben viele andere europäische sprachen die gemeinsamkeit der bedeutung 'laut des kehlkopfes' und 'votum', z. b. russ. golos.
1)
ältere anwendungen und formen, die sich von dem allgemein fest gewordenen gebrauch abheben.
a)
in den ältesten zeugnissen schon terminologisch entwickelt, auf die person gewandt, die das stimmrecht inne hat: diewile nu uff diese zyt nur vier korfursten und des funfften macht, und also nur funff stymmen hie werent, der dry eins worden weren, so were eine wale gescheen (1410) Frankf. reichscorr. 1, 175 Janssen; ähnlich: so hebbe we bescheden ... alle iar to gevende 131⁄2 mark geldes ledeges to dren stymmen ... unde geven de dren vromen ... presteren ... de ... scholen dar alle dre alle dage misse holden. to deme ersten male we kesed unde settet to den dren stymmen disse dre personen (1325) Göttinger urk. 1, 89 hist. ver. f. Niedersachsen.
b)
vom geläufigen gebrauch abweichende anwendungen des singulars.
α)
die gröste, mehrer stimme 'die mehrheit der stimmen' (sieh u. 2 b, sp. 3084): so ein rat oder gericht ... hernuwert gesetzt wird, soll mit merer styme der redt bescheen, ... die also mit der mererstyme gemacht werden, verblyben zu lassen (1514) d. deutsche bauernkrieg, aktenb. 122 Franz; sullen sy danne ... loszen alle vier wochen virtel jars addir wi das di groste stimme undir in williget und das also fortmehir zu ewigen geczeiten ane widderrede halden (1471) urk. d. stadt Freiberg 1, 279 Ermisch; keyser Ludwigen ... als der mit mehrer stim erwehlt war Stumpf Schweizerchron. (1606) 721; wan daz halb teil der korfursten einen ungeraden welet, daz der ungerade dan mit sime willen, so er den darzu gibit, die stymme merit und der darfur zu haltende ist, als obe in der merer teil der stymmen gewelit hette (1410) Frankf. reichscorr. 1, 175 Janssen. hierher auch, im sinne von 'stimmengleichheit': gleiche stimm parita di ballote Hulsius (1618) 240ᵇ. — anders, ungewöhnlich: im groszen bundesrath entscheidet stimmenmehrheit; ... bei den landständen (soll) dem gelehrtenstand seiner gröszeren individualität wegen soviel stimme gegeben werden, als einer um 2⁄3 stärkeren volksmasse Jac. Grimm kl. schr. 8, 419.
β)
in verblaszter oder bildlicher anwendung des technischen 'votum bei abstimmungen': unangesehen des wer ein gemeind befragt, wer ir aller meinhung und stimb gewest, das man hinain ins closter ziehen wolt (1525) d. dt. bauernkr., aktenb. 359 Franz; es ist aller wücherer und derselben handthaber gemain stymm, wer wider wucher prediget, der ist auffrürig Jac. Strausz wider den ... wucher (1523) 3ᵇ. mit gemeiner, einmütiger, einhelliger stimme etwas beschlieszen, jemand wählen, im 16. und 17. jh., beruht auf vermischung mit dem in eigentlicher bedeutung gebräuchlichen (o. sp. 3064) mit einer, einhelliger, gemeiner stimme sprechen, begehren: die könig der alten Teutschen wurden erwehlt ... und alles mit gemeiner stimm. der könig dorfft kein tyranney üben Stumpf Schweizerchron. (1606) 59ᵇ; haben daruff mit einhelliger stimm beschlossen Jac. Frey gartengesellsch. 43 Bolte; (er wurde) mit gantz einmütiger stimme zum könig in Pohlen erwählet S. v. Birken verm. Donaustrand (1684) 200; nachdem die götter ihm das reich nicht länger gönneten, welches er durch einmüthige stimme der Parthen überkommen Lohenstein Armin. 1 (1689) 235ᵃ.
c)
auf die handlung der abstimmung bezogen, im anschlusz an den gebrauch von suffragia: wann die sach wurde gehantirt mit stim und füdernussen (si res agatur suffragiis) Seb. Franck lob d. thorheit 55 Götzinger; es soll auch die session und stimm, auch die subscription zu ende dieses abschieds beschehen absch. d. reichsztags zu Augspurg (1555) 44ᵃ; derselbe widersetzet sich Tiberii begern und verhindert also die sach, das mans nicht zun gemeinen stimmen und suffragien kommen lies, und also nichts geschlossen werden kundte Eus. Menius chron. Carionis (1560) 1, 234ᵃ; vgl.: suffragium eine bewilligung, die stim oder jawort, beyfall Bas. Faber thes. (1587) 814ᵃ; ähnlich auch:
man unterliesz nunmehr die häupter anzuhören
man wollte stimm und wahl verhindern und zerstören
Gottsched dtsche schaubühne (1741) 1, 37.
2)
die geläufigen formen und wendungen.
a)
in der form die stimme geben ist die trennung von der eigentlichen bedeutung auszer geringen anklängen vollendet: gab er die stimm, man solt die bottschaffter von stundan abfertigen (quamprimum legatos eos censuit dimittendos) Heyden Plinius (1565) 46;
so geb ich auch die stimme mein,
dasz man in solt zum könig wehln
Ayrer dramen 119 Keller;
so wolt sie im das römisch reich zuͦbringen, und auch ir stimb dazuͦ geben, dasz das römisch reich von orient an occident gewend wurdt Seb. Franck Germ. chron. (1538) 69ᵇ; obschon die andern weise meister ihre stimmen zum aderlasz geben Guarinonius greuel d. verwüst. (1610) 986; satzten sich in einen kreiss, als votirten sie und gäben ihre stimme darzu Prätorius winterflucht (1678) 139. jemandem die, meist seine stimme geben sich für jemandes ernennung oder betrauung erklären: stimm und gunst so man eim in einer erwellung gibt, so einer mit eim die hand aufhat Frisius dict. (1556) 1093ᵃ; die cardinel undtereinander uneyns waren, und keyner wolt dem andern sein stimme geben J. Agricola 750 teutsche sprichw. (1534) p 5ᵇ; in sölichem gebend die churfürsten ihre stimmen merernteils dem gemelten hertzog Tschudi chron. Helvet. 1, 2; wenn die besetzung der stelle eines meisters vom stuhle ... zur sprache kommt: so gebe ich meine stimme herrn legationsrath Bertuch Göthe IV 30, 113 W.; weil er anno 1618 nicht dem Pfälzer, sondern ihm, dem kurfürsten, seine stimme gegeben habe Ric. Huch d. grosze krieg (1920) 3, 7; geb ich ihm meine stimme zum heerführer in diesem kriege Fouqué altsächs. bildersaal 3, 58; ebenso in weniger häufigen formen: uff welhen dann er sin stimme git U. v. Richental Constanzer conzil 16 lit. ver.; darum er in dem groszen rat der Hebräer wider ihn (einen mann) mit Nikodemus und Gamaliel sein votum oder stimm niemalen geben Abr. a s. Clara 4, 260 Strigl; jeder ... bauer, der seine stimme wider mich gegeben hat Lichtenberg verm. schr. (1800) 2, 242. auch absolut die, eine, seine stimme geben, abgeben: bevolhen, darüber ain beschlus zebegreiffen, und denselben aimm gantzen concili nachmals fürzetragen. darauf ain yeder sein stym und volgpfligt zegeben Berthold v. Chiemsee theol. 52 Reithm.; es sollen auch die jhenigen ... in kainerlay sachen weder stim noch wal geben, sonder ein jeder sich seinsz beysitz begnügen lassen und seinem dorfherren ... underwirflich ... sein (1559) württemberg. ländl. rechtsqu. 1, 27 Wintterlin; latebra tabellae verborgne stimm und urteil der richteren, die sy vor zeyten in zedlenen und nit mit mund gabend Frisius dict. (1556) 757ᵃ; fragt er ... was ein jeder rath für ein stimm gab J. Ayrer hist. proc. iur. (1600) 379; pflegte man wohl zu stimmen, ob ein beklagter schuldig oder unschuldig sey ... bekam jeder, der dabei eine stimme zu geben hatte, ein schwarzes und ein weiszes steinchen Jung-Stilling 3, 62 Grollmann; dasz es nun doch zu einem öffentlichen freien gespräche, einem abgeben der stimmen kommen solle Ranke 4, 145; des stimmeabgebens, stimmenabgebung sieh bei stimmabgabe, f. vereinzelt seine stimme tun 'abgeben': einhelliglich und bestendiglich zusamenstimmen ... und das furnemlich unser g. f. und h. fur sich sein stimm und anzeig wie vermeldt thue (1554) herzog Christoph v. Wirtemberg briefw. 3, 12 Ernst.
b)
viele anwendungen dieser bedeutung zeigen das wort im plural: wann aber in aines concilj entschid widerwaͤrtig mainung und ungleich stym waͤren, alszdenn ist ... jhener tail zehallten, den ain babst beschlewsst Berthold v. Chiemsee theol. 52 Reithm.; sind die einzelnen stimmen getheilt; so hat das volk gar keine stimme Klopstock gelehrtenrepublik (1774) 6; sind die stimmen gleich, so entscheidet der vorsitzende nicht Göthe 25, 213 W.; die andern aber als beysitzer umb ihre meinungen abzulegen von dem richter angemahnet, nachmals das urtheil nach obsieg der stimmen verfasset und eröffnet werden Harsdörffer gesprächsp. (1641) 1, h 2ᵃ; es wird kein parlament ausgeschrieben, dasz ich nicht ein halbes jahr zuvor wüste, wie viel stimmen Torris und wie viele Wigs seyn werden v. Petrasch s. lustsp. (1765) 1, 477; diesmal fand der antrag ... eine mehrheit von 111 gegen 110 stimmen v. Bennigsen nationallib. partei 34; dasz die zwei drittel stimmen Oestreich nicht entgehn werden Bismarck ged. u. erinn. 1, 125 volksausg.; die stimmen fielen auf den urheber des gesetzes Mommsen röm. gesch. 2 (⁴1865) 90. ungewöhnlich: die cardinäle hatten, wie ein papst sagt, keine freiheit der stimmen mehr Ranke 38, 145; die stimmen in einem streitigen falle werden durch ein suffragium mit kugeln entschieden Herder 16, 614 S. mit einer anzahl stimmen aus einer abstimmung hervorgehen: die antitriplische parthie mit wenigen stimmen übertroffen worden Leibniz dtsche schr. 1, 180 Guhrauer; mit allen stimmen erwehlt werden Kramer 2 (1702) 975ᵃ; nur mit zwei oder drei stimmen ging der antrag durch Ranke 1, 204; ohne dasz das abgeordnetenhaus sie (gelder) vielleicht mit der majorität einer stimme zuvor bewilligt hätte Moltke ges. schr. u. denkw. 7, 48;
es ist erkannt durch vierzig stimmen gegen zwey,
dasz ihr die akte vom vergangnen jahr
gebrochen
Schiller 12, 434 G.
ausdrücke für das durchführen einer abstimmung: die stimmen zusammen lesen corrogare suffragia Dentzler clavis (1716) 276ᵇ; die stimmen herumgehen lassen ballottare Kramer 2 (1702) 975ᵃ; drauf proponirt diser president ein text und liesz die stimm herumb gehen und höret, was ein jeder darzu zu reden hette Joh. Matthesius hist. v. Luther (1583) 143ᵃ; die stimmen sammeln, einholen Kramer 2 (1702) 975ᵃ; achtundzwanzig stimmen waren gesammelt. vierzehn sprachen für mich Schiller 3, 53 G.; geschieht ein solcher antrag, so werden über diese neuen wahlen die stimmen gesammelt grafen Stolberg ges. w. (1827) 6, 92; die stimmen oder urteil sol man wegen, nit zehlen Petri d. Teutschen weiszh. 2, r 3ᵇ;
wenn man nicht folget trewem rath,
zehlt nur die stimm, wigt nicht die that
Moscherosch gesichte (1650) 2, 45;
du hast, du hast gewonnen,
wenn du die stimmen zählest;
allein mein freund, du fehlest:
die besten sind bei mir
Göthe 11, 226 W.
die meisten stimmen, die mehrheit der stimmen: und ob sie zwyspaltig und uff jeglichen theil gleich weren, welchem theil dann unser hoffrichter einen zufall thut, und also die meiste stimm macht, das soll das urtheil sein hovegerichtsordn. Frider. pfalntzgr. (1593) 140; das nemlich die geringste parte und stimmen den meisten folgen sollen seerecht d. Hansa v. 1591 bei Pardessus coll. de lois marit. 2, 526; die meiste stimmen giengen dahin, dasz Epponilla ... sterben solte A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 113; wiewol nun der feldmarschalck gerathen, das man ... halten solte, ... so gaben doch die meisten stimmen, das man ... avanciret v. Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 205; durch die meisten stimmen wurde beschlossen, dasz W. Grimm dtsche sagen (1891) 2, 122; die mehrere stimmen la pluralità de voti Kramer 2 (1702) 37ᶜ; die mehrheit der stimmen gab den anschlag A. v. Haller Usong (1771) 123; Epistemon gab der mehrheit der stimmen nach Göthe 18, 370 W.; was diese durch die mehrheit der stimmen erkennen Möser 5, 87.
c)
häufig wird das 'votum' als jemandem zugehörig bezeichnet, seine, jemandes u. s. w. stimme: nun ist eines stim, keines stim, und ein zeuge ... thut etwas, aber nicht genugsam Nigrinus v. zäuberern (1592) 360; wiewol zu der zeit ... offtmals gewalt und ansehen mehr gülte, denn die rahtschlege und stimmen deren, so zur wahl gehorten Euseb. Menius chron. Carionis 3 (1564) 181ᵇ; der schultheys oder vogt soll und mag kein ortel oder stim geben ... im fall aber sach were, die die stimb ganz gleich innstunden, mag er mit seiner stimb ein mehrers machen (1577) württemberg. ländl. rechtsqu. 1, 699 Wintterlin; bei stimmengleichheit entscheidet die stimme des vorsitzenden gerichtsverfassungsgesetz § 40 abs. 5; wo nit so vil köpff und meuler daselbst wären, deren stimmen und suffragia e. m. nit wol widerfechten kan Sleidanus reden 170 lit. ver.; sie sehen also, dasz sie die stimme meiner mutter bey ihrer wahl nicht wider sich haben Gottschedin br. (1771) 1, 42 Runkel; ungeachtet ... seine könige mit vielen grundgesetzen und den stimmen des fast unbändigen adels umbschräncket sind Lohenstein Armin. 1 (1689) 142ᵇ; das der stände in Oberlausitz votum et suffragium in eligendo rege requiriret. dann da dieselbe vors andere mit ihren stimmen ubergangen, hette es ein ansehen einer coaction, dardurch der voluntariae und freywilligen incorporation mechtig praejudiciret (1619) acta publica 2, 264 Palm; hat er nicht offentlich ... die stimme des cardinals Caraffe und seiner anhänger ... erkaufft? Fischart binenkorb (1588) 247ᵃ;
gold kauft die stimme groszer haufen,
kein einzig herz erwirbt es dir
Göthe 4, 89 W.;
vier beysitzer ausgenommen, welche dem zahnarzt ihre stimme schon versprochen hatten Wieland s. w. (1794) 20, 34; zu dem der kaiser nicht ihn, sondern den grafen Schuwalow als hauptbevollmächtigten ernannt hatte, so dasz nur dieser und nicht Gortschakow über die russische stimme verfügte Bismarck ged. u. erinn. 2, 128 volksausg.; item es soll auch der cammerrichter ... auffsehens haben, dasz ... keiner dem andern in sein stimme einrede keyserl. maiestat cammergerichtsordn. (1555) 12ᵇ; Oldenburg, Anhalt, Schwarzburg sind in ihrer stimme gegen die legitimation, sagen nichts über das andere Dahlmann in: briefw. zw. J. u. W. Grimm u. s. w. 1, 249 Ippel; die wählenden lassen sodann ihre namen und stimmen öffentlich aufschreiben Archenholz England u. Italien I 1, 23.
d)
stimme haben und ähnliche wendungen.
α)
meistens 'das recht haben, sein votum in einem bestimmten gremium abzugeben': dergleichen mag ain yeder, wer im concili stymm hat, sein maynung frey erzelen Berthold v. Chiemsee theol. 53 Reithm.; die Römer, die vor auch ir stimm alweg in der wal eins babst hetten Seb. Franck Germ. chron. (1538) 82; wie die in unserem und des reychs rath ihre stimm und session haben keyserl. maiestat cammergerichtsordn. (1555) 59ᵃ; ein jeder freyer mann hatte bey den allgemeinen versammlungen des volks seine stimme A. v. Haller tageb. 1, 11; dann viel ding seind den burger under einander gemain, als der marckt, die gotsheüser, ... die stimm in erwölung der regierer J. v. Schwarzenberg von gebüre u. billicheit (1533) 13ᵃ;
hab ich als freie männer euch behandelt,
der eignen stimme recht euch zugestanden
Schiller 12, 300 G.;
allen sitzungen des reichsbankdirektoriums mit beratender stimme beizuwohnen bankgesetz v. 14. 3. 1875 § 34 abs. 2; wilcher korfurste nit kompt oder sendet in der zyt, e der merer teil under den korfursten ... der wale eins wurdent, der hat sin stymme uff die zyt verlorn (1410) Frankf. reichscorr. 1, 175; die geheime wahl beseitigen, allen die stimme entziehen, die sich als todfeinde des staates bekannten K. Alex. v. Müller aufs. u. vortr. (1926) 229. — in jüngerer zeit im gleichen sinn sitz und stimme: die aus ungleicher ehe erzeugten söhne ... noch auf reichstägen des sitzes und stimme im fürstenrath fähig sind Thomasius ged. u. erinn. (1720) 2, 122; warum der reichstag daselbsts gehalten worden; und ob der burggraf schon vorhin sitz und stimme darauf gehabt? anmuth. gelehrsamk. 9, 285 Gottsched; er war verwandt mit dem königlichen rath, sonst hätt er nicht sitz und stimme erhalten v. Hippel lebensläufe 2, 377; er hat mir siz und stimme in seinem geheimen rath und den titel als geheimer legationsrath geben Göthe IV 3, 81 W.; der jedesmalige abt ... war reichsfürst und hatte sitz und stimme auf der westfälischen grafenbank Moltke ges. schr. u. denkw. 6, 24; ohne sitz und stimme in dem concilio professorum Bahrdt gesch. s. lebens 2, 19; obgleich ... der letztere weder sitz noch stimme in der direction hat Möser 3, 303; ich würd in Europa nur vier völckern sitz, tisch und stimm erlauben v. Hippel lebensläufe 1, 470. daher: die armen müssen billig ihr brot haben als die reichen wein, und die äbte und domherren können in diesem punkte weder sinn noch stimme haben Seume spazierg. n. Syrakus (1803) 24. — der ausdruck eine oder mehrere stimmen haben bezieht sich auf die ungleiche verteilung des einflusses in einem gremium: in dem generalconcilium ... allein die ime zugethone und geschworne cardinäl ... zugelassen, die allein die stimmen und decisiones haben (1554) herzog Christoph v. Wirttemberg briefw. 3, 13 Ernst; das die verordenten daruf handeln, das glich stimmen, nemlich die churfursten eine, die fursten ein, die grafen ein und die stett drig stimen haben (1529) polit. corresp. d. st. Straszburg 1, 414; so wolde he ute syme rade darto voghen enen taͤl vromer lude, unde wo vele der weren, so scholden se doch nicht meer hebben der stempnen in dat recht to sprekende, wen alse een der stede, also dat de 7 stede unde syn rad tosamende makeden 8 stempnen (1416) urk.-buch d. stadt Lübeck 5, 615; ein jeder nur eine stimme in dem capitel hat Harsdörffer d. teutsche secret. (1656) 1, 564; doppelte stimme haben Kramer 2 (1702) 975ᵃ; welche mittel haben wir dazu innerhalb der bundesacte? eine stimme unter 17 und Östreich gegen uns, damit ist nicht viel auszurichten Bismarck ged. u. erinn. 1, 207 volksausg. die erste stimme haben das recht, sein votum an erster stelle abzugeben: er machte auch die gülden bulla und gab die erste stim einen keyser zuwehlen den könig zu Bohemen, ... machte auch viel andere ordnungen in den stimmen und im sitzen der churfürsten (1579) Christoph Entzelt altmärk. chron. 197 Bohm; und was also von mir, als ich die erste stimme gehabt, ausgesetzet worden, hat es i.f.g. ihr auch gar wohl gefallen v. Schweinichen denkwürd. 553 Österley; die erste oder hauptstimme haben Kramer 2 (1702) 975ᵃ; der obrist des kreysz der die andern erstlich erfordert, ... in berathschlagungen proponiren, umbfragen, die letzst stim haben ... soll absch. d. reichstags zu Augspurg (1555) 26ᵇ.
β)
das votum anderer für sich, zugunsten seiner wahl haben: da aber Cicero ... zuͦ ainem consul tauglich ... hat er mit fleysz darnach gestrebt ... Cicero hät di maisten fürderung und stymm gehabt J. v. Schwarzenberg d. teutsch Cicero (1535) 5; ist der dreitzehende hohmeister Carl Beffart von Trier gewehlet worden ... dasz ihme der compter zu Dantzig ... welcher in der wahl des hohmeisters eine stimme weniger dann er gehabt hatte, sehr auffsetzig und widerwertig M. C. Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 1, 65ᵇ;
man hat das volk nach zünften stimmen lassen
dein bruder hat die stimmen, Phädra siegt!
Schiller 15, 1, 46 G.;
wie kann das seyn, da ihr die stimme des königs selbst zur nachfolge im dänischen reiche habt? Shakespeare 3, 260; dasz sich ein stadtkind von Salzwedel ... beworben und alle stimmen für sich habe Justi Winckelmann 1, 183. ähnlich: voce passiva die tüchtigkeit durch anderer ihre stimmen erwählet zu werden Kramer ital.-teutsches wb. (1693) 1268; bei den volksabstimmungen der neueren zeit: in Berlin allein sind wir um 200 000 stimmen gestiegen Göbbels v. Kaiserhof z. reichskanzlei (1934) 78; es fehlen ihr (der gegenseite) nur 100 000 stimmen an der absoluten mehrheit ebda 62.
3)
in junger zeit wird die technische anwendung als 'votum bei abstimmungen' oft übertragen in geringerer eindeutigkeit gebraucht. dabei spielt häufig vermischung mit der allgemeineren 'meinungskundgebung' (o. sp. 3079) mit. die formen sind die gleichen wie im bereich der eigentlichen abstimmung. — eine stimme haben u. ä. (o. sp. 3085) im sinne von 'ein recht haben, zu urteilen, mitzureden': sie sind ein ausländer und haben bei uns keine stimme Immermann 2, 164 Boxb.; ich war endlich genöthigt, ihr zu zeigen, dasz sie in keinem sinne eine stimme in dieser sache habe Göthe 22, 294 W.; die allgemeine menschenvernunft, worin ein jeder seine stimme hat Kant 3, 492 akad.; das ale war gut ... über den wein habe ich keine stimme, mir war er zu stark Joh. Gottfr. Seume spazierg. n. Syrakus (1803) 239;
das geschick gebeut,
wir erdbewohner haben keine stimme
für solchen rath
Fouqué held d. nordens (1810) 1, 69;
dergleichen
entdeckungen verlangen weiberblicke.
der mann hat hier die lezte stimme
Schiller 5, 147 G.;
nun sprecht, was man für hülfe soll erfinden. —
zuerst der edle mann, mein lehrer hier,
den ältesten gebührt die erste stimme
Tieck schr. (1828) 3, 382;
doch über dieses hauptverdienst Winckelmanns masze ich mir keine entscheidende stimme an Göthe 46, 97 W.; ähnlich: auch die theologen, vor allen Luther, hatten eine stimme zu führen, und es fragte sich erst, was diese dazu sagen würden Ranke 3, 30. ebenso sitz und stimme haben (o. sp. 3085): das beste hertze, in welchem liebe und hochachtung sitz und stimme hat Holston u. Augusta (1780) 44; hier bestrebt sich also der verfasser, der selbst ein lehrdichter ist, den dogmatischen dichtern sitz und stimme wieder zu verschaffen Herder 1, 116 S.; dasz nicht sowohl die körperliche ausdehnung meines schauspiels, als vielmehr sein inhalt ihm siz und stimme auf dem schauplaze absprechen Schiller 2, 5 G. — die stimme, seine stimme geben (o. sp. 3082) sich für etwas erklären, sein urteil abgeben: blosz zu beider art monumenten kann ich meine stimme geben Göthe 48, 141 W.; ich selbst kann nicht umhin, so sehr ich auch Jomellin bewundre, Majon, was diese oper betrift, meine stimme zu geben Heinse 5, 291 Schüdd.; wie ungerecht, wenn da einer aus ihren mitteln entscheiden, die letzte stimme geben soll! Lenz vertheid. des herrn W. (1776) 13; Lessing hat über zwo litthauische lieder seine stimme gegeben Herder 9, 533 S. auch die art der hinzufügung des inhabers der stimme (o. sp. 3084) zeigt den anschlusz an den eigentlich technischen gebrauch: mehre kenner, deren stimme entscheidung giebt, vereinigten sich zu einem fast unbegränzten beyfalle K. Fr. Cramer Neseggab (1791) 2, 6; er musz vor den schranken des convents gehört werden. — der erfolg dieses mittels ist sicher; was sollen sie seiner stimme entgegensetzen? G. Büchner nachgel. schr. (1850) 103; unsre (der Deutschen) stimme hat in London und Petersburg das gewicht, was ihr seit 20 jahren verloren war Bismarck ged. u. erinn. 2, 20 volksausg.;
und dein entschlusz? —
ich wart auf deine stimme
Körner 3, 225 Hempel;
meine stimme wäre, ihn abzuweisen wenn er kein komischer sänger ist Göthe IV 15, 12 W. ebenfalls in verbindung der technischen mit der allgemeineren anwendung: als ich nun meine gründe den herren vorgelegt hatte, entschieden sie alle mit einer stimme, Sbietta habe mir mein geld zurückzugeben Göthe 44, 289 W.; zugleich kommen England, Holland und Frankreich dem schwedischen reichsrath ... entgegen und ermunterten ihn mit vereinigter stimme zu lebhafter fortsetzung Schiller 8, 305 G., vgl. o. 1 a β. jemandes stimme haben (o. sp. 3086) seine unterstützung, beifall, zustimmung: es giebt landschaften, die so sprechen, als ob man gutt, landgutt schriebe. dagegen sprechen andere, als ob guht geschrieben stünde. diese letztern haben mehr stimmen für sich, als jene Gottsched beob. (1758) 126; da ich nebst der ihrigen auch herrn v. Humbolds stimme habe, werde ich desto fleisziger und unverdroszner fortarbeiten Göthe IV 10, 213 W.;
so aber, da des vaters stimm ihm fehlt,
müsst ihr für wackrer doch den andern achten
Shakespeare 1, 180;
wie o. sp. 3084, im sinne von 'meinung': die endliche verabredung unserer ganzen anstalt ... ich habe nach einziehung der meisten stimmen von unserm gemeinsamen vornehmen fürs erste folgendes zu papier gebracht Lenz ges. schr. 2, 326 Tieck.
stimme f.
Fundstelle: Lfg. 19 (1940), Bd. X,II,II (1941), Sp. 3087, Z. 75
sieh stime, f., sp. 3056.
Zitationshilfe
„stimme“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/stimme>, abgerufen am 22.07.2019.

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