steinchen n.
Fundstelle: Lfg. 13 (1934), Bd. X,II,II (1941), Sp. 2058, Z. 66
plur. ebenso; dim. zu stein. über das suffix vgl. theil 2, 613; Kluge⁷ 83; Weigand⁵ 319; Paul nhd. gr. 1, 304; 5, 49; zs. f. dtsche wortf. 11, 181ff. nebenformen steinchin Diefenbach 37ᵃ, steinichen besonders im 16. u. 17. jh.: Limb. chron. 79 mon. germ. hist.; Barth weibersp. (1565) x 5ᵇ; Faber thes. (1587) 9ᵃ; Petri d. Teutsch. weish. 2, Tt 1ᵛ; Gryphius Horr. 123 Palm. steingen Döbel jäg. pract. 1, 45; A. G. Meiszner Alcib. 2, 197. steinigen Zincke ökon. lex. (1744) 994. mundartlich: niederdeutsch stenichin, stenekin Diefenbach 318ᵇ; steeneken Wossidlo 3, 96; friesisch steenk, -en Schmidt-Petersen 126ᵇ; nassauisch (plur.) steinercher Bücher arb. u. rhythm.⁴ 163.
1)
kleiner stein, lapillus Diefenbach 318ᵇ; calculus Calepinus VII ling. (1731) 1, 136ᵃ; sassolino, pietruzza Jagemann (1799) 2, 1157. allgemein: nicht einmahl der blosze spaziergänger achtet auf jedes st. Adelung magazin 2, 2, 23; Nicolai reise 1, 6; eine ebene ... ohne die geringste spur eines steinchens Ritter erdkunde 4, 546. als ausdruck besonderer theilnahme nie war meine empfindung an der natur, bis aufs st., aufs gräschen herunter voller und inniger Göthe 19, 57 W.
die lust an steinchen war entflohn,
die freud an schmetterlingen
Rückert w. 2, 40;
mit gleicher liebe ist ... das st. auf dem weg behandelt Stifter s. w. 14, 226. mit verben des sammelns verbunden an dem andern ufer des flusses, wo ich ... bunte st. und muscheln aufsuche Lessing 17, 357 M.; die buchten ..., wo sie (Mignon) so gern die st. zusammenlas Göthe 23, 260 W. kleines st. Hippel ehe 218; H. v. Kahlenberg Eva Sehring 45.
2)
häufig von den steinen am grunde eines baches, flusses: und lauschet, wie die st. da im klaren bach sich artlich winden Morhof unterricht 1, 783;
dem scheidenden ist jede gabe werth,
ein dürres blatt, ein moos, ein steinchen aus der quelle
Göthe 4, 21 W.;
(die Rhone ist) so klar, dasz man noch in groszer tiefe jedes st. am boden sieht Fr. Schlegel s. w. 6, 221; klare, muntere quellen, so klein ... dasz sie kaum ein wenig leichten sand und st. fortbewegen können Allmers marsch. 1, 4; ein kristallklares wasser, in dem die st. und sandkörner wie gold glänzten Rosegger wildl. 121. bildlich: jetzt schreitet die geschichte wieder ... fort, gleichsam auf den st. im strome der zeit Jean Paul 7, 105 H. mit bunt verbunden:
ein ... güldner sand in dieser klaren fluth ...,
in welchem hie und dort ein buntes steinchen stecket
Brockes ird. vergn. (1721-48) 4, 185; 2, 159;
übertragen:
die fluth der poesie wirft an den strand
viel bunte steinchen, kies und sand
Rückert 7, 10.
3)
geröll: noch klappert ein und das andere nachrollende st. H. v. Barth nördl. Kalkalpen (1874) 94.
4)
edelstein: anta, antha eyn steinchin in annulo Diefenbach 37ᵃ; ein glintzend köstlich steinichen Barth weibersp. (1565) x 5ᵇ; was brillianten? ich will das bild, nicht die flimmernden st. Chr. F. Weisze lustsp. 3, 83; den teint hob zwar keine perle, kein st. Hauff s. w. 3, 63; schimmernde st. von den kleinen hyalithen, die die ameise zusammenträgt S. Brunner erzähl. (1864-77) 1, 30. mit anspielung auf die bekannte fabel: hier wird ... die blinde henne brav scharren: und wer weisz, ob nicht gar ein hübsches st. in dem aufgescharrten miste sich findet? Lessing 13, 73 M. das diminutivum hat den nebensinn des verächtlichen:
letztre (die juwelen) schenkte Alexander
an die tapfern seines heeres,
darob lächelnd, dasz sich männer
kindisch freun an bunten steinchen
Heine 1, 450 E.;
ja geradezu des wertlosen: die kette ist von messing und die steinichen von glass A. Gryphius Horrib. 123 Palm; besonders in verbindung mit bunt: wie ein kind unter schnecken und bunten st. und spielzeuge (dasitzt) Herder 3, 473 S.; haufen bunter ... st. E. M. Arndt s. w. 1, 46 R.-M.; dünne, mit bunten st. verzierte reifchen Holtei erz. schr. 2, 97; eine mit bunten st. ausgelegte schale Seidel Hühnchen 68; böhmische st. Göthe III 6, 240 W. s. oben sp. 1977. hierher gehört wohl die sprichwörtliche wendung st. und beinichen sind so teur und werth, als sie reiche leut achten und zahlen können Petri d. Teutsch. weisheit 2, Tt 1ᵛ; Henisch 259. bloszes mineral: ein fingerreif, in welchem ein st. aus dem felsen gefaszt war M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 1, 104.
5)
meteor: kein st. wäre vom himmel gefallen Göthe IV 28, 309 W.
6)
geschosz, aber entsprechend der deminutivform fast immer in harmlosem, bisweilen spöttischem sinne gebraucht:
wenn ein steinchen
diese beinchen
je berührt
Blumauer ged. (1782) 52;
ich habe ihn geplagt, ihn mit st. geworfen, er merkte nichts Klinger theater 4, 192; 195;
von seinem (des berges) gipfel schleudre du
ein steinchen in die tiefen
Lenau s. w. 16 B.;
bis wieder ein st. ihn traf O. Ludwig ges. schr. 2, 332; nachdem er lange vergebens mit st. ans fenster geworfen Holtei erz. schr. 10, 176. als bezeichnung einer spielerei: mit einem st. eine bezeichnete stelle an einer mauer treffen G. Keller ges. w. 1, 144; sie ... warf mit dem schirm ein paar st. in die luft Fontane I 4, 361; am hoftor steht ein kleiner jung und wirft st. über die mauer M. Diers Jos. Köppen (1909) 124. selten in ernsthaftem sinne (bildlich): dasz Sch. schon wieder ein st. für die zukunft zurecht legte, als er mich ... entlastete, habe ich erst später erkannt Speck zwei seelen (1904) 50. hier sei angeschlossen: (er) pochte mit einem st. an den hohlen boden Gaudy s. w. 4, 83.
7)
mühlstein:
mahle, mahle, stolzes steinchen (der handmühle)
Bücher arb. u. rhythm.⁴ 62.
8)
gedenkstein: wenn ein schlanckes, liebes kind sich niederbeugt und meiner gedenkend ein st. aufhebt Göthe IV 37, 298 W.; wenn nicht jeder sorgsam selbst ein st. oder einen stein auf die grosze felsenmasse (= monument des unglücks) würfe Tieck schr. (1828) 6, 8.
9)
baustein, bildlich: ich frohlocke recht, dasz ich der erste bin, der zu diesem gebäude ein st. trägt v. Schönaich ästhet. (1754) b 1ʳ; deines ruhmes tempel, von dem höchstens ein paar steingen ... locker geworden A. G. Meiszner Alcib. (1781) 2, 197; die diplomatie ... trägt st. für st., um einst ein grosz gebäude zu sehen Laube ges. schr. 4, 163.
10)
mosaikstein: man möchte die kleinen st. (der fuszbodenornamente in Pompeji) den tasten des instruments vergleichen Göthe 49, 1, 184 W. bildlich: in seinen erinnerungen setzte sich die vergangenheit st. an st. wieder musivisch zusammen Gutzkow ritter 5, 31; das bild ... Jesu aus den erzählungen der evangelien gleichsam musivisch zusammenzusetzen, wobei die frage nur gewesen war, wie die st. zu ordnen D. Fr. Strausz ges. schr. 3, 38.
11)
gemme: sieh auf diesem st. dies kind mit flügeln S. Geszner werke (1778) 2, 41; noch immer hoffe ich auf eine antike Nemesis. mir sind sonst artige st. in die hände gekommen Göthe IV 8, 348; 8, 233; 8, 308 W.; Herder 3, 359 S.; Winckelmann will uns an diesem st. die ganze Griechenkunst ... aufzeigen Justi Winckelm. 1, 371.
12)
spielstein. während einer nach dem andern (Achill und Aias auf der amphora des Exekias) ... die schwarzen und weiszen st. rückt Welcker alte denkm. 3, 4.
13)
stimmstein: ist es ... gewöhnlich, dasz sie nicht mit st., sondern mündlich ihre stimmen abgeben Heilmann pelop. krieg (1760) 103; bei den alten ... bekam jeder, der dabei eine stimme zu geben hatte, ein schwarzes und ein weiszes st. Jung-Stilling 3, 62 Gr.;
die Erechthiden liebt und hegt ja Pallas,
und würfe wohl hinzu das weisze steinchen,
das gleich die zahl macht und die schuldgen löst
A. W. Schlegel Ion 110;
die richter werfen ihre st. in die urne ders. dram. kunst² 1, 151.
14)
hindernis, anstosz: das kleinste st. schneidet und schmerzt seine sole Schubart leb. u. gesinn. 2, 284.
15)
rosenkranzkugel: im ... besehen ihrer pater noster, die sie von ... steinichen am halsen hangen hatten Olearius persian. reisebeschr. (1696) 390.
16)
uneigentlich in der organischen welt a) beim menschen die st. der zirbeldrüse Sömmerring menschl. körp. 6, 9; gehörsteinchen 6, 882; krankheitsstoff: bisweilen entsteht der stein aus gries oder mehreren kleinen st. 8, 1, 328; 2, lxii. b) im tierreich α) buccinum lapillus Nemnich 568; Oken naturg. 5, 480; name einer art trompeten- oder posaunenschnecke in den europäischen meeren, welche eine schöne karmesinfarbe gibt Heinsius 4, 774. β) organische verhärtung: in den apotheken Pommerns werde ein st. aus dem kopf des bürstlings, das wie ein reiskorn aussehe, als heilmittel viel verkauft Wimmer gesch. d. dtsch. bod. 396. c) im pflanzenreich fruchtkern: mespilorum acinos die steinichen oder harten kernen in den mispeln Bas. Faber thesaurus (1587) 9ᵃ; kernen oder steinichen Coler hausb. (1645) 1, 209ᵃ.
Zitationshilfe
„steinchen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/steinchen>, abgerufen am 14.11.2019.

Weitere Informationen …