staubig, staubicht, steubig, steubicht adj
Fundstelle: Lfg. 7 (1910), Bd. X,II,I (1919), Sp. 1114, Z. 53
pulverulentus. die umgelautete form gehört hauptsächlich Mitteldeutschland an (Mathesius, Melissus, Stieler, Steinbach); dasz auch Heine von ihr gebrauch macht, beweist nichts dawider.
1)
mit lagerndem und wirbelndem staube erfüllt, entsprechend staub II, 1, sp. 1071ff.
a)
in der landschaft: staubichter weg, camino polveroso Kramer dict. 2 (1702), 916ᵃ; steubichter weg, via pulverulenta Stieler 2125; ein stäubichter weg, via aestuosa et pulverulenta Steinbach 2, 708; auf der staubigen landstrasze C. F. Meyer Jürg Jenatsch 1, 69; flucht und verfolgung und wieder kampf — schnelles eilen ... über staubige landstraszen W. Raabe unseres herrgotts canzlei 1, 233. (bildlich:) (thema,) die fuszstapfen der völkerwanderung auf den ... staubigen landstrassen unserer zeit aufzusuchen Görres ges. briefe 3, 52.
welch gewerb treibt dich
durch des tages hitze
den staubigen pfad her?
Göthe 2, 176 (der wandrer).
staubige rennbahn u. s. w.:
die freiheit schwebt wie ein engel,
schwingend den leuchtenden kranz, über der staubigen bahn.
Arndt 4, 63 Rösch-Meisner.
staubige stadt: etwas beschicken? — das überlass' heute den leuten in der staubigen stadt Grabbe 3, 69 (Napoleon 2, 1).
b)
entsprechend staub II, 1,f (sp. 1074) die staubige werkstatt des webers u. s. w. hierher auch staubiger werkeltag u. ä. vgl. in bildlicher verwendung:
im staub'gen handwerkstage meines lebens.
Wildenbruch Harold (1889) 39.
c)
staubiger wind, der staub mit sich führt: vom staubechten wind Sebiz feldbau (1579) 159; vgl. auch: zeigt an, dass der lufft gantz trüb und staubecht ist. 5.
d)
staubiges wetter, dürre, trockne zeit, wo man unter der staubplage zu leiden hat, in Süddeutschland staubicht wetter, tempo polveroso ò quando fà polvere Kramer dict. 2 (1702), 916ᵃ; auch in der wendung: wo kommt ihr her in dem staubichten wetter? ebenda;
ah mein Ewlenspiegl, semper quies!
wan her des lands im staubing weter?
pist übern walt kumen so speter.
H. Sachs fastn. sp. 5, 87, 83 Götze.
der mitteldeutsche beleg der wendung steubicht wetter, tempestas torrida Stieler 2125 steht wol leicht in abhängigkeit vom oberd. gebrauch. die der nördlichen landschaft mehr entsprechende umwertung dieser wendung vgl. unter 8.
e)
und immer mehr activität an sich ziehend: durch wechsel von allbefruchtendem regen und staubig verödender dürre A. v. Humboldt kosmos 2, 32; dasz ich mich vor der staubigen dürre der residenz wahrhaft ängstige Bismarck briefe an seine braut 368.
2)
mit staub bedeckt (entsprechend oben staub II, 1 ist lagernder staub ein starkes charakteristicum des betreffenden gegenstandes, wodurch zumeist eine reihe von weiteren vorstellungen für unser sprachliches bewusztsein lebendig gemacht werden):
a)
staubig mit beziehung auf personen, zugleich mit der heraufführung von vorstellungen wie von vollführter wanderung, geleisteter arbeit u. s. w., selten auf unreinlichkeit an sich zielend (vgl.staub II, 1, d ff., sp. 1072). staubig sein: flederwisch ... der kan uns abkehren, seh, seh: gesell bist auch noch stäubig? Garg. 208 neudr.; er ist vom langen marsche ganz staubig. staubig von der arbeit kommen;
war ich endlich staubigt angekommen.
Hölderlin dichtungen 1, 53 Leitzmann;
keiner putzt die schuhe,
keiner sieht sich um,
staubig brechen alle
dir ins heiligtum
Keller 10, 57 (an das herz).
dagegen gehört die wendung sich staubig machen ( Campe) vielmehr in die sphäre von 2, b, ebenso, wenn ein gegenstand die ihn anfassende oder sonst mit ihm in berührung kommende person staubig macht. vgl. mit ganz unbestimmtem subject: hab' eine weil' alte bibliotheken durchfahren ... phu! was es drinnen staubig macht! maler Müller 2, 10.
α)
der staubichte begräbniszmusikante polit. maulaffe 5; ein staubiger untersetzter bäckermeister Brentano 5, 107; in die sphäre 2, b tritt wieder hinüber der staubige pedant, der gleichsam von allem stubenhocken und umgang mit altvertrockneten büchern selbst ganz staubig geworden ist: die beredsamkeit staubigen pedanten ... überlassen Herder 5, 627 Suphan.
β)
staubige docke in Nürnberg spöttische bezeichnung einer steif oder hochmütig sich benehmenden frauensperson. nach Häslein gab den grund für diese schelte die in grösze und form einer frau hergestellte und mit sägespänen angefüllte docke (puppe), welche beim ochsenhetzen auf einem rädergestell mittels langer stange dem wütigen thier entgegengeschoben wurde, wo sie denn so zugerichtet worden, dasz der staub davon flog (wol besser: sie nachher ganz bedeckte) Schm.² 2, 719.
γ)
von einzelnen theilen des körpers: gieng hin mit staubigen armen und schweissigen schultern und angesicht und stellt sich steiff in die fuszstapffen buch der liebe 227, 3; wie er sich aber seinen staubigen bart wusch Brentano frühlingskranz (1884) 54; staubige haut, staubige kehle eines durstigen wandersmannes, der den staub in der kehle mit kühlem trunk hinunterspült (vgl. oben stauben 3, verb. sp. 1098):
mit wasser sei die staubige haut gesegnet,
die staubige kehle dann mit rebenblut.
Wilbrandt Kriemh. 91.
δ)
auch als eigenschaft der kleidung eines solchen menschen wie unter α: schnell entkleidet von meiner staubigen hülle trat ich in ihn (den see) Herder 24, 570 Suphan;
da legten mörder, heiss von wuth,
zu eines jünglings füssen hin ...
die kleider staubig, schweiszbefeuchtet.
v. Droste-Hülshoff 3, 181 (das geistliche jahr);
Ludwig fegte mit der reitgerte die spitzen seiner staubigen stiefel Ebner-Eschenbach 4, 13;
dasz deine schuhe so staubig
Arnim 14, 74;
am eingang läszt der pilger zurück
die stäubigen, drückenden schuhe.
Heine 1, 420 Elster (fromme warnung).
staubiger hut Campe. sich der sphäre 2, b nähernd: die ernste weltweisheit ... liebt' auch ich im gewande, das ihr Feder, Kant, Mendelssohn ... umwarfen, mehr, als in ihrem alten staubichten mantel Schubart leben u. gesinnungen 1, 94.
b)
voll staub gelagert, als deutliches zeichen des unordentlichen, sehr häufig aber des langen unbenutztseins, entsprechend staub II, 1, h, sp. 1074f.; in mythologisierender sprache faszt G. Freytag die unter solchem staub der vergessenheit gelagerten geheimnisse als staubige geister: das ist die gnomentracht, in der ich den staubigen geistern des bodens zu nahen wage werke 7, 334 (verl. handschr. 4, 9). staubiger hausboden, staubige stube u. s. w.: bey den büchern, in einer engen staubigten studierstube, vergiszt man des körpers sehr leicht Lessing 1, 406 (freigeist 2, 2); seine zimmer waren staubicht Thümmel reise 1, 30. staubiger fuszboden: hier fiel die bouteille vor schrecken aus der hand; sie sprang in stücken, und die kostbare neige flosz auf den staubigten boden Lessing 1, 508 (schatz 17). staubiges gerät aller art: staubichte bücher, staubicht geräte, libri, mobili polverosi, coperti di polvere Kramer dict. 2 (1702), 916ᵃ; staubiger tisch Campe; nur dem verlierenden fiel es zuweilen ein in alten staubigten urkunden nachzuschlagen A. v. Droste-Hülshoff 2, 262 (judenbuche); nur das muttergottesbild ... war ... zwischen staubigem gerümpel eines hausbodens von einem kunstsinnigen Dänen aufgefunden Storm 3, 176 (von heut und ehedem); ew. hoheit werden sich an dem umherschleppen der staubigen möbel nicht erfreuen Freytag 7, 336 (verl. handschr. 4, 9);
in staubigen scherben alter töpfe, ...
in solchem wust und moderleben
musz es für ewig grillen geben.
Göthe 14, 78 jub.-ausg. (Faust II, 2);
welke veilchen, stäub'ge locken,
ein verblichen blaues band.
Heine 1, 415 Elster (autodafe).
als beispiel diene für die typische verwendung unseres wortes besonders in der sprache des dichters:
dann wecket kein munterer ton die saiten der staubichten leyer;
dann hängt sie vergessen an buchen, und schweigt.
Cronegk 2, 189.
staubige spinngewebe aber bedeuten gleichsam eine steigerung in dieser begriffswelt: in staubige spinngewebe eingewickelt Ludwig 1, 184 (zwischen himmel und erde);
c)
im staubigen kerker wol nicht zunächst mit rücksicht auf den dort befindlichen staub und schmutz, sondern beeinfluszt vom staubigen grabe, welche beiden begriffe hier das sprachgefühl zusammenbrachte, wie denn der kerker gleichsam eine grabesgruft für den menschen bei lebendigem leibe ist: aber die seelen versezen sich aus dem staubigten kerker, und treffen sich im paradiese der liebe Schiller 2, 151 (räuber 4, 4 schausp.). — staubiges grab:
ins staubge grab
müssen sie, wie russfeger hinab!
Herder 25, 256 anm. Suphan,
wozu staub II, 5, sp. 1086 zu vergleichen ist. als begriffserweiterung in dieser sphäre aber stellen sich dar:
und alle unsre gestern führten narr'n
den pfad des staubgen tod's.
Shakespeare 9, 344 (Macbeth 5, 5);
und so fährt sie hinab in die staubige nacht;
unbeweint, unbeklagt, ohne sang und geleit.
Freiligrath⁵ 3, 217 (drinnen und drauszen).
3)
staubig in entsprechender ergänzung und steigerung.
a)
im verstärkenden parallelismus des gleichen begriffs, stäubig und stiebig: was werden wir in derselben öden wüsten stäubigen, stibigen Sandschandban der Sandschampanien zu sauffen haben? Garg. 352 neudr.; — staubig und sandig: die regenfülle dieses jahres ... hatte die sonst staubige sandige wüstennatur in sumpfflächen verwandelt Ritter erdkunde 3, 356.
b)
sich begrifflich mehr von einander entfernend; staubig und schmutzig: (das mädchen) muszte sich neben den herd in die asche legen. und weil es darum immer staubig und schmutzig aussah, nannten sie es Aschenputtel brüder Grimm kinder- u. hausmärchen 21; — staubig und dunstig: in der staubigen und dunstigen stube Ludwig 3, 89 (erbförster 4, 5);
fort aus staub'ger, dunst'ger hölle
Arnim 12, 20.
staubig und schwarz u. s. w.: die liebe biblia, die etwas unter der banck stacke, unnd gar steubicht, tunckel und angeloffen war Mathesius Sarepta (1571) 199ᵇ; fünfzig schwärzliche, staubige schauerleute Frenssen Jörn Uhl 495.
4)
staubig (in anlehnung an 2) vom schwachen niederschlag kochenden wassers in einem kessel: (das wasser des sees) machte das innere des theekessels nach viermonatlichem, täglichem gebrauch kaum etwas staubicht durch seinen ansatz Ritter erdkunde 3, 91.
5)
vereinzelt staubig in staubform, staubartig: nicht alles sandig erdrichs ist böss, sonder nur der mager sand, der staubig Sebiz feldbau (1579) 24;
seien wi steubige spreu leicht.
Melissus psalmen 128, 5 neudr.
6)
entsprechend staub II, 1, l, ε, sp. 1077 staubig als eigenschaft einer blüte und ihrer staubwerkzeuge: das schillernde würmchen drängte sich in seinen staubigten blumenkelch hinab J. Paul 7, 243 (Hesperus 1).
7)
eine erinnerung an den staub auf dem fell eines kranken thieres (vgl.stäuben, verb. 1,f, sp. 1100) bergen wol: staubige ross, nit glatt und gestriglet, strigosiores equi Maaler 385ᶜ, wo natürlich nur an gewöhnlichen staub zu denken ist, der gewissermaszen vergleichende ausgangspunkt dieses gebrauchs aber auf dem felde der eingangs erwähnten besonderen verwendung zu suchen ist.
8)
staubig entsprechend staub II, 1, l, θ, sp. 1077 von fein versprühendem wasser: staubiges wetter, regnerisches wetter Schm.² 2, 719, wobei die übereinstimmung der wendung mit oben 1, d auffallen musz; es ist staubigt wetter, es regnet fein Klein 2, 169.
9)
staubig ist in der sprache der Allgäuer milchwirtschaft eine molke, welche staub (II, 1, l, κ, sp. 1077) führt Martiny wb. der milchwirtsch. 121ᵇ. ähnlich ist trübes bier staubig Schm.² 2, 719.
10)
übertragen staubiges kleid, der irdische leib des menschen, welcher bestimmt ist, in staub zu verfallen (vgl.staub II, 5, sp. 1085ff.); im plural:
auch Edmund lebet. er hat im grabe
nur die staubigen kleider abgelegt.
Herder 27, 86 Suphan.
11)
flüchtig, eilig, entsprechend stäuben, verb. 7, d sp. 1103. adverbial:
(die hirsche) von dem gebürg herunder zohen,
und staubig in dem holtz umbflohen.
Spreng Aeneis 66ᵃ.
Zitationshilfe
„staubig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/staubig>, abgerufen am 15.10.2019.

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