staub m
Fundstelle: Lfg. 7 (1910), Bd. X,II,I (1919), Sp. 1069, Z. 65
pulvis.
I.
zur geschichte der wortform.
1)
ein ursprünglich hochdeutsches wort, ahd. stoup, mhd. stoup; weiter reicht der auf anderer bildung beruhende kreis got. stubjus, ahd. stubbi, stuppi, mhd. stüppe, nhd. gestüpp, gestüppe (s. theil 4, 1, 2, sp. 4267 und unten stüpp), mnd. stubbe, wozu in Niedersachsen der als feuriger schweif in den schornstein eines hauses fahrende kobold Stöpke gestellt werden könnte, eigentlich die glückbringende sternschnuppe, wenn die lautlichen schwierigkeiten nicht zu grosz wären; doch ahd. stubbica, cometa. vgl. auszer nd. ndl. stof (der mittelniederd. geschlechtswandel dat stof erklärt sich wol als wirkung von pulver u. ä. vgl. Schiller-Lübben 4, 421ᵃ) noch weiteres unten unter stieben, verb. und stoben, m.
2)
die von Uhlenbeck in Paul und Braunes beitr. 26, 308 versuchte zusammenstellung mit griech. στύφω 'mache dicht, fest oder hart', στυφλός 'dicht, derb, fest, hart, rauh' u. s. w. scheitert schon an dem bedeutungsunterschiede. mehr wahrscheinlichkeit hat die herleitung unseres wortes von einer indog. wurzel dhubh-, griech. τῦφος 'rauch, dampf, dunst, nebel' (vgl. auch innerhalb des germ. mndl. doom, ahd. toum 'dampf' neben ags. steám, mnd. stôm, ndl. stoom u. s. w. Kuhns zeitschr. 37, 310 f.), und es verschlägt dabei nichts, wenn R. Much in der zeitschr. f. deutsche wortforschung 2, 286 diese grundbedeutung 'rauch, qualm' für staub nicht nachweisen kann (wendungen wie er staubt wie ein misthaufen und er staubt den ganzen tag, beides scherzhaft gesagt von einem raucher, geben nur schwachen beweis). die hier zusammenschieszenden bedeutungen liegen doch in dem gleichen kreise: staub urspr. die bei dem schwächsten windhauch wie dunst oder qualm in der luft herumstiebende lockere feinkörnige masse, welche sonst auf dem erdboden lagert. deshalb:
alsô vil sô ist der erde stoͧbis
als vil chumit samen von dînem lîchnamen.
genesis 54, 8 Diemer;
slach slege manege
oͧf den stoͧp der erde.
139, 6;
noch im späten nachklang:
die bäume stehen voller laub,
das erdreich decket seinen staub
mit einem grünen kleide.
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 398ᵃ.
die wenigen, oft nur scheinbaren ausnahmen von dieser grundbedeutung s. II, 1, l.
3)
staub ist im allgemeinen ein collectivbegriff; beachtenswert sind zeugnisse wie:
du bist weis und voll verstandes,
was geheim ist, ist dir kunt,
zählst den staub des kleinen sandes,
gründst des tieffen meeres grund.
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 311,
wo staub als staubmenge seinen collectiven sinn besonders deutlich macht. unserer sprache fehlt überhaupt ursprünglich der philosophische begriff des griech. ἄτομος (staub, atomus. Dief. 57ᵇ). nur der plur. atome läszt sich durch staub fassen: fliegender staub, atomi. voc. v. 1515 (Dief. 57ᵇ); und von disem fliegenden wilden staub soll die welt von ungefähr zusammen gestoben unnd gefügt sein worden. Fischart bienenkorb 86ᵇ. die bezeichnung des einzelnen staubkornes gelang entweder durch weiteren zusatz: durch enge mauerluken fiel ein scharfes licht auf die geheimnisvolle stätte, in dem eindringenden luftstrom wirbelten die atome des staubes, davor und dahinter dämmrige dunkelheit. Freytag 7, 335 (verl. handschr. 4, 9); vgl. auch unten staubfaser, staubkorn und staubtheil. cleyn staub, atomus. Dief. 57ᶜ;
kannst du der wesen unzählbare heere,
den kleinsten staub fühllos beschaun?
Chr. Fr. Gellert im hann. gesangbuch 461, 4,
oder, was dem letzteren gebrauch ganz entspricht, durch die deminut. stäubchen und stäublein (s. unten). ein plural von staub ist aber völlig ausnahme:
und traumwandelnd sie beschleichet
nun der schlaue Azrael,
und die träumerin sie reichet
sieben staube dem gesell.
Brentano 3, 152.
vgl. auch niederd. den seltnen fall der vereinzelung:
wâr umme wultu dem brôder dîn
en stof nemen ût dem ôge sîn?
Claws Bur 515.
II.
bedeutung und gebrauch.
1)
von seiner erscheinungsform und art:
a)
leichter, lockrer staub:
vielleicht beginnt ein neues reich,
der lockre staub wird zum gesträuch,
der baum nimmt thierische geberden,
das thier soll gar zum menschen werden.
Novalis 1, 229 Meiszner:
ein schwarzer rauch möcht' ich fliehn, ...
möcht' ein leiser, leichter staub
emporgeweht flügellos verfliegen!
Droysen Aischylos³ 276;
grosser dicker staub, den ein windsbraut im lauff auf treybt, nebula pulveris. Maaler 385ᶜ; vgl. Frisch 2, 322ᵃ, der mit 'nubes pulveris' die fügung erläutert; s. auch den beleg aus Wickram unter b; dicker staub, polvere densa, spessa polverio, nuvola di polvere. Kramer dict. 2 (1702), 915ᶜ, während heute für den fliegenden staub der strasze dichter staub bevorzugt wird; doch dicker staub liegt noch auf verstecktem, lange nicht gebrauchtem hausgerät; groszer staub, ingens pulvis. Steinbach 2, 708.
b)
staub in bewegung: staub erregen, staub machen, levare, fare polvere. Kramer dict. 2 (1702), 915ᶜ (vgl. Frisch 2, 322ᵃ); ich wil dir keinen solchen staub mer machen und fürbas die stube dest bas begiessen. Wickram 3, 119, 28 Bolte; (das bild,) wenn die beyden mädchen mit einander laufen und die beine werfen und den staub mit ihren füszen erregen. Eckermann gespräche 1, 166. der wind hebte, erregte den staub. Kramer dict. 2 (1702), 915ᶜ; fliegender, erregter staub, polvere volante. ebenda; es erhub sich ein staub, levossi, alzossi una polvere, un polverio. ebenda; vgl. sich erheben als staub, ad coelum surgere. Frisch 2, 322ᵃ; wann sie (die frau) des morgens die stuben fegt oder schweiffet, spritzet sie die gar nit, davon sich dann ein grosser staub erhub. Wickram 3, 119, 7 Bolte; unter den füszen der pferde erhub sich ein staub wie eine wolke. Breitinger crit. dichtkunst 1 (1740), 40;
von seinem (des arztes) theater zum himmel
erhob sich der staub, erhob sich das schreyn.
Müller Siegfr. v. Lindenberg 1, 245;
der staub steigt bis an die wolcken, nubes pulveris ad coelum surgit. Steinbach 2, 708;
so stieg ...
der staub ... in die luft.
Bürger 151, 18 Bohtz.
ähnlich:
schaw, schaw, was fur ein staub auff gat
vom thuren herwartz gen der statt.
H. Sachs 8, 330, 9 Keller-Götze;
ich sah: vorbey der eiche wehte
dunkler der staub.
Klopstock oden 1 (1889), 110, 52.
in dieser sphäre liegt der dichterische gebrauch nebel von staub:
itzt eilen stiere vorüber,
aus ihren nasen raucht brunst, sie spalten mit hörnern das erdreich,
und toben im nebel von staub.
E. Chr. v. Kleist 2, 27 (frühling);
vgl.:
wie vor brausender winde gewalt unwetter daherziehn,
jenes tags, wann häufig der staub ist rings um die wege,
dasz sich sofort von dem staub aufwölkt ein finsterer nebel:
so dort stürmte zusammen die schlacht.
Voss Ilias 13, 335f.
gewöhnlich dagegen eine wolke von staub: eine wolke von staub erfüllte eine ecke des gemaches. Raabe kinder von Finkenrode 189; eine wolke staubes:
treibt der wind vor ihrer pforte
wolken staubs behend vorüber.
Göthe 1, 6, 26 w. a. (westöstlicher divan 1);
unkenntlich in wolken staubes,
seh' ich nur die waffen schimmern.
Tieck schriften 1 (1828), 320;
hoch steigt des staubes wolke
zum himmel auf und hüllt die sonn' in nacht.
E. Schulze Cäcilie 8, 54
(siehe auch die belege unten und staubwolke), der eine wendung wie der staub wirbelt (empor) entspricht, vgl.: dichter wirbelte der miszfarbige staub. Freytag 7, 337 (verl. handschr. 4, 9). der übergang zur ruhe: der staub legt sich, pulvis considet. Steinbach 2, 708; ein weib hies iren man aus dem haus beleiben, bis der staub vergieng. Wickram 3, 118, 37 Bolte;
warte nur,
bis sich der staub verzieht (damit man sehen kann).
Hebbel 4, 29 Werner (Nibelungen I, 3);
wenn der staub begossen wird, das er zu hauff leufft, und die klösse an einander kleben. Hiob 38, 38; regen, drinnen der staub sich allgemehlich setzet. Prätorius glückstopf 114;
wenn jetzt alle donner rollen
und der ganze himmel leuchtet,
wird der wilde staub des windes
nach dem boden hingefeuchtet.
Göthe 1, 6, 26 w. a. (westöstlicher divan 1).
c)
der staub fällt, fliegt mir in die augen, la polvere mi accieca, mi tormenta. Kramer dict. 2 (1702), 915ᶜ; vor dem staube kann man nicht vor sich hin sehen. Steinbach 2, 708; so verblendet die erde als aufwallender staub die augen und befleckt als nasser koth die füsze. J. Paul 5, 58 (grönländ. proz. 1); der staub liegt starck auf den schuhen, multus pulvis est in calceis. Steinbach 2, 708; der staub legt sich in die kleider, pulvis penetrat in vestium texturam. Frisch 2, 322ᵃ.
d)
besonders auf der strasze am heiszen sonnendurchglühten sommertag: der staub, welchen das stäte gehn, reuten und faren erreget. Sebiz feldbau 58; im staube fahren, gehen, den die pferde und die räder erregen, caminare, andare, carreggiare nella polvere. Kramer dict. 2 (1702), 915ᶜ; ich habe in reiszen gesehen, dasz so ein staub war, dasz man sich gar nicht in der kutschen sehen konte, undt der könig befahl doch nicht, dasz man nicht neben der kutschen reytten solte. Elis. Charlotte briefe 2, 463 Holland (3. juni 1706); vgl.: wen ihr die hitze zu Hannover hettet und den erschrecklichen staub. 408 (6. aug. 1705); die kleine Lucretia ist um meinetwillen wie eine pilgerin im staube der landstrasze gegangen. C. F. Meyer Jürg Jenatsch 18; der kapuziner trabte auf seinem thiere, das neben ihm noch zwei volle körbe trug, so rasch heran, dasz der staub in wirbeln aufflog. 70; auf der dorfstrasze tanzten im staube die kleinen kinder den ringelreigen, die knaben nackt bis auf die wolljacke, die kleinen mädchen im weiszen hemde, sie stapften barbeinig im staube und sangen. Freytag 8, 11 (ahnen 1, 1, 1); der sturm fegte durch die straszen, trieb staub in wirbeln um ihn her. 7, 242 (verl. handschr. 4, 4);
staup, laug und raugh,
grosz trünk, zwifel und knoblauch,
weisser snee und heisse pad:
das ist alles den augen schad.
hundert ungedr. priameln 31 Euling;
er, der staub und sonnenbrand trug, wagt er sich auf den kampfplatz?
Ramler lyr. ged. (1722) 203
(eine kunststrasse, welche ... stets von jedem staube reingefegt ward. Ritter erdkunde 2 [1822], 132);
staub, den hab ich längst entbehret
in dem stets umhüllten norden,
aber in dem heissen süden
ist er mir genugsam worden.
Göthe 1, 6, 26 w. a. (westöstlicher divan 1).
voller staub und schweisz sein, pulvere atque sudore simul perfusum esse. Steinbach 2, 708; Pieps ... sasz vor der thür bei einem wasserkübel und striegelte den beiden kindern mit schwamm und bürste den staub des weges von gesicht und kleidern. Freytag 12, 96 (ahnen 5, 1, 5); er hat mir lebhaft frühere samstagsabende zurückgerufen, wo mutter uns waschen liesz und wusch, dasz einem hören und sehen verging; dann wurde einem die ganze wochenladung von staub und schmutz 'abgeschwemset'. L. Schücking an A. v. Droste-Hülshoff (der letzteren briefe [1893] 33).
e)
in der begriffswelt des krieges, der schlacht, wenn auch heute weniger als ehedem, wo aller kampf handgemenge war. doch noch immer gilt:
der reisig zeug im staub gar dick
erglitzet alle augenblick.
Spreng Aeneis 165ᵇ;
ein kriegszeug oder hauff, den man von staub nit sähen mag, atrum agmen. Maaler 385ᶜ;
staub, eines heeres lautlosen boten, seh' ich schon.
Droysen Aischylos³ 252.
wind und staub, der erstere den zweiten vor sich her treibend, bestimmen mit den ausgang einer schlacht: darzu hetten auch (die römischen heerführer) zu allem glück den wind und den staub, der gegen den Cimbris und von inen gieng, zu ainem vorthail. Zimmerische chron.² 1, 5, 37; dazu kommt die sonne: Marius sorgte ... dafür, dass sie sonne, staub und wind in dem gesicht hatten. M. Schmidt gesch. der Deutschen 1, 53; um die mittagszeit machte Schweppermann eine wendung, wodurch die Österreicher die sonne, den wind und den staub in das gesicht bekamen. 3, 450. staub verhüllt dann besonders das eigentliche kampfgetümmel, wo denn die unten unter 3, c behandelte wendung sich aus dem staube machen ihren ursprung nimmt. (in der übersetzung des biblischen bildes vom strafenden Jehova:) er ist der herr, des wege in wetter und sturm sind, und unter seinen füssen dicker staube. Nahum 1, 3;
mit elephant-rosz-wagentos die welt erfüllend,
das firmament mit staub verhüllend.
Rückert 12 (1882), 12;
und als am tollsten sich gewirrt der knäuel,
verhüllet dichter staub den ganzen gräuel.
Uhland ged. 437 (Fortunat 1).
staub und rauch: da (im treffen) sahe man nichts als einen dicken rauch und staub, welcher schien, als wolte er die abscheuligkeit der verwundten und toden bedecken. Simpl. 2, 27 (neudr. 177);
gefallen sind die hiebe,
verflogen staub und rauch,
und süsze bruderliebe
blüht wieder an jedem strauch!
Keller 10, 105 (parteigänger).
staub und dampf:
so auf dem plan, der vom turnei der ritter
zerwühlt ist und umwölkt mit staub und dampf.
Uhland ged. 435 (Fortunat 1).
in verknüpfung verschiedenartiger begriffe: mit der eintretenden dunkelheit war die kirchweih in eine schlacht verwandelt und das feld voll staub, geschrei und blutvergieszen. Keller 6, 99 (Hadlaub). staub als hinterlassene spur des kampfes: er hatte von dem vorhergehenden krieg den staub noch nicht abgeschüttelt, das blut der feinde von schwert und hand noch nicht abgewischt, so stürzte er sich schon wieder, gleich einem ergrimmten löwen auf diesen neuen zähnefletschenden feind. Schiller 9, 204 (Anna Komnena); herr Waser aber klopfte den staub des handgemenges aus seinen kleidern und zog manschetten und halskrause zurecht. C. F. Meyer Jürg Jenatsch 50;
niemals hat Athenaea die mächtigen arme gewaschen,
eh sie den rossen den staub ab von den weichen geschwemmt.
A. W. Schlegel im Athenäum 1, 131.
blut und staub:
und besudelt ward ihm der haarbusch
ganz in blut und staube.
Voss Ilias 16, 795,
wo die dichterische ausgestaltung des folgenden bildes einsetzt:
(der mann, der) das leben tausender in seiner hand,
es hinsetzt', wie zum fröhlich leichten brettspiel,
auf das von blut und staub getheilte feld
und ausrief: schach! als wenn es steine wären.
Grillparzer 5, 109 (könig Ottokar 4).
schweisz, blut und staub:
ha, dort kömmt er mit schweiss, mit Römerblute,
mit dem staube der schlacht bedeckt!
Klopstock oden 1 (1883), 105, 2.
staub ist das bett der im kampfe unterliegenden, der verwundeten und toten (wo zu dem gröszten theile die wurzel der unten unter 4, a behandelten wendungen liegt): viel brave muthige männer liegen ... im staube über Genzingens blachfeld hingestreut. maler Müller 1, 362;
er lag im gewirbel des staubes.
Voss Ilias 16, 774; vgl. auch Od. 24, 39;
denn viel' sanken der Troer und viel' der Danaer vorwärts
jenes tags in den staub und bluteten neben einander.
4, 544,
wo Bürger (219 Bohtz) übersetzt:
solche grosze menge der Troer und der Achaier
stürzte jenen tags dicht neben einander zu staube:
(vgl.:
und seiner hand, hinab zu staub, entfiel
das gezäum.
Bürger 165, 717;)
ähnlich:
Diores, rücklings zu staube
stürzend.
Bürger 219 (Ilias 4, 522);
(Voss übersetzt hier:
dasz er rücklings hinab auf den boden taumelte.)
also blieben gestreckt die zwei bei einander im staube.
Bürger 219 (Ilias 4, 536);
(Voss hat dafür:
also lagen sie beide im staube gestreckt mit einander.)
doch wenn des mannes blut der staub getrunken hat, —
einmal gestorben, und es kommt kein auferstehn.
Droysen Aischylos³ 147;
doch als du niedersankst, beneidete
hier diese brust den staub, der dich empfing.
Kleist 2, 104, 1762 E. Schmidt (Penthesilea 15);
sie sinkt, die todumschattete, vom pferd.
und da sie jetzt, der rache preisgegeben,
im staub sich vor ihm wälzt.
2, 70, 1129 E. Schmidt (Penthesilea 8).
dementsprechend einen in den staub legen, werfen u. s. w., ihn überwinden, siegreich bestehen:
die lust, ihr götter, müszt ihr mir gewähren,
den einen heiszersehnten jüngling siegreich
zum staub mir noch der füsze hinzuwerfen.
Kleist 2, 57, 846 E. Schmidt (Penthesilea 5);
nicht blosz, dasz du, statt ihn (den gegner) in staub zu werfen,
ihm selbst im kampf erliegst.
2, 128, 2317 E. Schmidt (Penthesilea 19);
so kämpfe
mit ihm und wirf ihn nieder in den staub
und zeige mir, wie herrlich du erscheinst,
wenn er der schemel deiner füsze ist.
Hebbel 3, 98, Nibelungen II, 3, 4;
verhaszt nicht, weil ich siegte, bin ich dir?
sprich! fürchtest du, die dich in staub gelegt?
Kleist 2, 103, 1753 E. Schmidt (Penthesilea 15).
den staub mit den zähnen zerknirschen, bei Voss eine südlich gedachte entsprechung zu unserem ins gras beiszen, eigentlich doch im kampf auf grüner heide tot auf den rasen stürzen:
denn sehr viel' männer Achaia's.
sanken durch Hektors hände, den staub mit den zähnen zerknirschend.
Voss Ilias 24, 737.
f)
bei der arbeit:
dann von vorn arbeitet' er (Sisyphus) angestrengt, dasz der angstschweisz
rings den gliedern entflosz, und staub umwölkte das antlitz.
Odyssee 11, 600.
so auf der tenne beim dreschen und reinigen des getreides: allein, wenn man bedenkt, dasz die dröscher beym schlagen alle flecke des getreides unterscheiden, und wann die drösche gewand wird, einen dicken nebel von staub um sich dulden müssen. Möser patr. phant. 3, 158; allein wenn man bedenkt, dasz das horn (der laterne) auswendig vom staube und inwendig vom oeldampfe geschwind verdunkelt wird. ebenda. in der werkstatt, besonders des webers: und wenn man achtz'hn tage iberm stuhle gelegen hat, ... halb drehnig vor staub und gluthitze, da hat man sich glücklich dreiz'ntehalb Beemen erschindt. Hauptmann die weber (1892) 12 (1), vgl. s. 102 (5) und die dementsprechend umgeprägte wendung des tages last und hitze (theil 6, sp. 246): schütteln sie des tages staub und last von den schultern. s. 75 (4).
g)
staub und sturm, zum bilde der wirrnis des menschlichen lebens, wo es zweifelhaft bleibt, welche von den drei unter d, e (und f) behandelten begriffssphären am meisten durchscheint:
zwar staub und sturm, und himmelverbergender
gewölke schemen trüben ihn (den born des seins) oft.
Stolberg 2, 76.
h)
in den räumen eines hauses, schon nach kurzer zeit auf alles gerät sich lagernd; gegen ihn kämpft die hausfrau mit dem staubbesen, staubtuch, staubwedel u. s. w., jetzt mit der staubmaschine, dem staubsauger (s. unten). hier haben ihren eigentlichen platz wendungen wie den staub abkehren. Kramer dict. 2 (1702), 915ᶜ; den staub abkehren. L. Schröder dram. werke 2 (1831), 161. den staub abwischen. ebenda; so misstrauisch, dasz man sich fast zulezt scheut den staub abwischen zu lassen. Göthe 3, 1, 79 Weim. ausg.; (vgl. Storm 5, 190); ganz allgemein: ich musz in meines mannes zimmer noch staub wischen, den staub von möbeln und büchern entfernen; den staub abputzen: langsam ging sie (Lotte) nach der wand, zitternd nahm sie das gewehr herunter, putzte den staub ab und zauderte. Göthe 16, 185 (Werthers leiden 2); aber wie ihn das fräulein in der gallerie herumführte, ich putze eben den staub von den rahmen der gemälde ab. Schiller 2, 136 (räuber 4, 2 schausp.). den staub abwedeln, vgl.: mürrisch, murrend wedelte sie den staub von den tischen und sesseln. Raabe kinder von Finkenrode 129. vom staub säubern. Kramer dict. 2 (1702), 915ᶜ. auch im oberdeutschen jetzt ausgestorben scheint den staub fürben (s. theil 4, 1, 1, 663), vgl.:
ich gedenche wol, daʒ du eʒ bist,
der den stoup und den mist
furbte von des bildes wât.
jüdel 132, 74.
den staub abklopfen. Kramer dict. 2 (1702), 915ᶜ. den staub abblasen: als ich müde und matt aufs geratewohl einen folianten aus einer der bücherreihen hervorzog, den staub abblies und aufs geratewohl ihn aufschlug. Raabe kinder von Finkenrode 130; (übertragen:) denn anderer leute wercken eine kleinigkeit zuzusetzen, staub abzublasen, fliegen zu wehren, das habe ich nie der mühe werth geachtet, weil sich dadurch minder wahre ehre erwerben läszt als bey andern ausstäubern und mücken wehren. Lichtenberg aphor. 2, 63, 17 Leitzmann. den staub (vom fuszboden) wegfegen, wegkehren, ihn zusammenfegen und mittels fegeblech beseitigen. den staub ausfegen, vgl.:
nun feget aus den alten staub!
W. Müller ged. 1 (1868), 85.
(dicker) staub lagert auf den gegenständen als sichtbares zeichen der ruhe, des unbenutzt- und vergessenseins: selig ist, der lust hat an gottes gesetz und wort, und betrachtets tag und nacht. wieviel lust mancher hat, bezeugt der staub auf seiner bibel. Chr. Starke synopsis 2 (1735), 209; indessen die classischen schulfuchsereien im staube antiquarischer trödelbuden vermodern. Bürger 179ᵃ; mit staub bedeckt sind eure köstliche partituren. Schubart leben u. gesinnungen 1, 179; ich bin in die bibliothek gefahren, und ihr staub ist ... beunruhigt worden. Görres briefe 3, 12; von staub bedeckte schubladen. H. Steffens was ich erlebte 3 (1841), 295; zu pulver zerrieben kräuselte sich in der luft (des thurmzimmers), was einst form und körper war, feindlich ballte der staub seine wolken gegen die eintretenden, welche kamen, an seinem besitzthum zu rühren, das er mit dicken lagen überzog; er hing sich an haare und kleider des neuen lebens und quoll langsam durch die geöffnete thür hinab den räumen zu, wo bunte farbe und glänzender schmuck die menschen umgab, um auch dort den endlosen kampf der vergangenheit gegen das neue zu führen. Freytag 7, 335 (verl. handschr. 4, 9);
darzu denn königlichen thron
seh' ich leer und vol staub da stohn.
O. Dähnhardt griech. dramen 1, 143 (Eurip. Alcest 2241);
für mich ist alles todt! dort traurt sie an der wand,
mit staub bedeckt, die schäferflöte.
Hölty 48 Halm;
in meines vaters sälen liegt der staub
auf allen rüstungen, und niemand ist
uns feindlich.
Kleist 1, 47, 742 E. Schmidt (familie Schroffenstein 2, 1);
(in einem unbenutzten zimmer:)
staub sinkt herab.
Storm 8, 274 (geh nicht hinein).
unter beiordnung entsprechender begriffe, (tautologisch:) staub und gemelb langer verligung. Judas Nazarei 2, 12 (neudr.). staub und moder: wenn sie wüszten, dass mich staub und moder erfreute. Göthe 3, 1, 105 Weim. ausg.; staub und moder schüttelte der rabe krächzend von den flügeln. Raabe kinder von Finkenrode 189; staub und spinnweben: aber da fand sie einen schlechten prospect an ihrem voll staub und kankergespinne klebenden manne. polit. maulaffe (1679) 5; wann euch ein könig ... sein bildtnuss verehrte? ... und aber jhr ausz mutwillen oder unachtsamkeit dasselbige mit staub, spinnweben und kath uberziehen liesset. Moscherosch insomnis cura parentum 77 (neudr.); die drei begleiter einer hundertjährigen ruhe fehlen, staub, spinngewebe und insektenschalen. Freytag 7, 414 (verl. handschr. 5, 1). staub und motten: weswegen er denn auch selten etwas drucken liesz, sondern ganz ansehnliche stösze von handschriften ... dem staube und motten und ewiger vergessenheit preis gab. Müller Siegfr. v. Lindenberg 1, 184. staub und schimmel: mit schimmel und staub bedeckt. Justi Winckelmann 1 (1866), 24. in staub und dunkelheit: (das land,) wo zeither Catull im staube und in der dunkelheit gelegen. Lessing 8, 464. staub und plunder überschreibt Th. Storm jene entdeckungsfahrt in das auf einem hausboden herrschende reich der vergangenheit. 3, 175 (von heut und ehedem). mit einer adjectivischen bestimmung:
verschwunden ist das zierliche geräth,
und dicker staub liegt auf der kammerschwelle.
A. v. Droste-Hülshoff 2 (1879), 238 (Walther 5);
mit mehr als jährigem staub. Simpl. 1, 19 (neudr. 52). auch ehrwürdiger staub, wie er besonders auf alten versteckten oder sonst unbeachteten schriften ruht: aber ach! es ist auch diese (handschrift Leonardos da Vinci), wie so manche andre uralte, mit ehrwürdigem staube bedeckte handschrift in den bücherschätzen der groszen, ein unangerührtes heiligthum. Wackenroder herzensergieszungen 80. deshalb auch gelehrter staub, pulvis eruditus. Steinbach 2, 708.
was aus gelehrtem staub kein Scaliger erwühlt.
Wieland suppl. 1, 357 (moral. briefe 1, 143).
hier setzen denn mit besonderer stärke wendungen ein, welche das hervorziehen, entdecken oder wiederentdecken solcher schätze zum gegenstand haben. (ganz allgemein:) dieser befehl (alle akten über schlosz Bielstein und kloster Rossau einzusenden) veranlaszte ein starkes aufrühren von staub, fünf grosze ledersäcke wurden mit urkunden und alten papieren angefüllt. Freytag 7, 133 (verl. handschr. 3, 6). dann auch: wie wyr erfaren ... haben, das mit so viel mühe und erbeit man die sprache und kunst ... aus ettlichen brocken und stucken allter bücher aus dem staub und würmern widder erfür bracht hatt. Luther 15, 50, 15 Weim. ausg.; sein (Heynes) Pindar ... hat dem bilde den staub weggewischt, der fingerhoch auf ihm lag und wegschreckte. Herder 5, 265 Suphan; die meisterstücke dieses groszen tonsetzers liegen zu München in der bibliothek begraben, und nur manchmal gibt es einen forscher, welcher den staub hinwegbläst. Schubart ästhetik der tonkunst 41; (den dienst des wörterbuches soll man nicht) vergleichen mit dem ärmlichen eines dürren handlexicons, das ein paarmal im jahr aus dem staub unter der bank hervor gelangt wird, um den streit zu schlichten. Jac. Grimm vorwort zum wb. xiii; dieser thätige präsident des Capitolinischen museums, der die büste aus dem staub hervorgezogen. Welcker alte denkmäler 1, 483; ja dermaszen sind sie (die lieder) mir in die glieder gefahren, dasz ich meinen alten fiedelbogen aus dem staube hervorgesucht. Storm 8, 306 (fiedellieder); vgl.: ich blätterte und blätterte alle briefe vorbey, die nicht von der königin waren, und von denen ich doch jetzt die meisten wieder in ihren staub zurückwerfe, da sie schlechterdings des durchsiebens nicht werth scheinen. Thümmel reise 8, 161.
i)
staub, schutt, asche und moder, die letzten überbleibsel groszen menschenwerks: nachdem jene (ruinen) viele jahrhunderte schon in staub und asche gelegen. Ritter erdkunde 1 (1822), 721;
so seid ihr götterbilder auch zu staub!
Göthe 1, 10, 38 Weim. ausg. (Iphigenie 2, 2);
umsonst verschwend' ich meines volkes leben,
und meine städte sinken in den staub.
Schiller 13, 206 (jungfr. v. Orl. 1, 5);
Priams veste war gesunken,
Troja lag in schutt und staub.
11, 390;
doch im hintergrund:
die graue zeit, wirkend ein neues grauen —
verwittrung, staub und regenschlick —
mit moos und wildnis düstre sie die räume.
Göthe 1, 16, 352 Weim. ausg. (des Epimenides erwachen 1, 12).
k)
schmutz, vermoderter unrat u. s. w., mit besonderer hervorhebung der wertlosigkeit: gehackt stro und staub inn gemalten büchssen und laden für arabische unnd indische wehrschaft haben. Garg. 298 neudr.; der knab ... nam ausz einer alten büchsen, darinn nichts den staub lag, band den in ein tüchlein, gabs der frauwen. ... darzwischen löset der mann das tüchlein auff, sahe den staub und schry zum weib und sprach, was er mit dem nichtigen kot und staub machen solte. Kirchhof wendunmuth 1, 344 Oesterley; schänckte er dem krancken ein trüncklein mit säfften, kräutern und staub eingefüllt, welches er betheurte, dasz es kunte für ein hauszapotek dienen. Schuppius 769; wie der stich einer schlupfwespe den sodomsapfel in schwarzen staub verwandelt, welcher die näscherei blos durch eine schöne oberfläche täuschet. J. Paul 5, 58 (grönländ. proz. 1);
(die bauern) ihren pastori spot und hohn,
für trewe dienst' geben zu lohn.
beweisen jhm alle untrew,
geben fürs meszkorn staub und sprew.
Hollonius somnium vitae hum. 41, 781 neudr.
l)
besondere verwendung von staub.
α)
dünne, feine asche vom feuerbrand (vgl. auch staubasche):
aber gemach in die kolen geblasen,
so fährt dir kein staub in die nasen.
Garg. 403 neudr.;
das kalb, das jr gemacht hattet, nam ich und verbrands mit fewr, und zuschlug es und zumalmet es, bis es staub ward, und warff den staub in den bach der vom berge fleusst. 5 Mos. 9, 21; das sie solten aus dem tempel des herrn thun alles gezeug, das dem Baal und dem Hayne, und allem heer des himels gemacht war, und verbranten sie haussen fur Jerusalem im tal Kidron, und jr staub ward getragen gen Beth El. 2 kön. 23, 4; und (der könig) lies den Hayn aus dem hause des herrn füren hin aus fur Jerusalem in bach Kidron, und verbrand jn im bach Kidron und macht jn zu staub, und warff den staub auff die greber der gemeinen leute. 6.
β)
feines, dünnes, leicht verstäubendes mehl von geringem werte, s.mehlstaub theil 6, sp. 1869 und unten staubmehl. (vgl. auch mühlstaub theil 6, sp. 2643, das aber trotz Maaler 294ᵈ viel mehr ins allgemeine geht als unser wort.) es sol dhain peck staub under semel pachen. Cgm. 544 f. 44 bei Schm.² 2, 718.
γ)
staub zum pudern der haare, vgl. puderstaub (theil 7, sp. 2207): noch gefährlicher wars — weil er zwischen zwei spiegeln sasz, dem friseur und dem groszen spiegel im ofenschirm, — auf seine eigene wolle den staub recht aufzutragen. J. Paul 23, 87 (Titan 3); ihr haar kräuseln sie und pudern es mit braunem staube ein. Ritter erdkunde 1 (1822), 241;
lösete dann ihr kastanienhaar, das in glänzenden ringeln
über die schulter sich goss, unentstellt vom staube des mehles.
Voss 1, 134 (Luise 3, 140).
δ)
feines schieszpulver, entsprechend der unter pulverstaub (theil 7, sp. 2225) herangezogenen besonderen bedeutung dieses wortes 'gesiebtes pulver': er nahm eine menge von denjenigen kriegern mit sich, die aus eisernen röhren bleyerne kugeln durch die gewalt eines entzündeten staubes trieben. Haller Usong (1771) 41.
ε)
blumenstaub (theil 2, sp. 166), blütenstaub (vgl. theil 2, sp. 180), pollen, befruchtendes mittel der männlichen blüte einer pflanze, vgl. auch unten staubbeutel, staubblatt, staubfaden, staubgefäsz, staubwerkzeug u. s. w.: die feine materie, welche sich in den antheren entwickelt, erscheint uns als ein staub. Göthe 2, 6, 58 w. a. (metam. 64); staub der männlichen blüthen. Bernhardt geschichte des waldeigentums 2, 96; sommerwinde, die den staub der blüthen zu einander tragen. Storm 4, 18 (eine Halligfahrt); vgl. Lichtenberg erklärungen zu Hogarths kupferst. 4, 88. die frühere gar seltsame vorstellung von seiner unorganischen art (vgl. Bernhardt geschichte des waldeigentums 2, 96) ist zu spüren: die oelbäum mag man auch im auguste umbgraben, doch das man die erdschollen zerschlage, damit sie ein staub geben; welcher staub, wo er auff fallt, zeitiget er sie bald. Sebiz feldbau 58.
ζ)
staub auf den flügeln der schmetterlinge:
ein sommervögelchen, mit regen schwingen,
auf deren staub des frühlings farben blühn.
Wieland suppl. 2, 160 (der unzufriedne 406);
vier flügel schüttelten ihren weiszen staub
leicht flatternd von sich.
427;
(geschäftige sylfen,) wie sie mit schöpfrischen fingern
blumen bilden, aurikeln, gestirnte narcissen und lilien,
ihnen mit zefyrlippen ambrosialische seelen
einweh'n, und auf sie den staub von ihren fittigen schütteln.
suppl. 3, 351 (frühling 178);
s. auch schmetterlingsstaub (theil 9, sp. 1050) und die belege unter schmetterlingsflügel (theil 9, sp. 1049).
η)
entsprechend dem vorigen der wie von feinem staube herrührende sammetartige glanz der braunen aurikel:
die braunnen aurikelgeschlechter, bestreut mit glänzendem staube,
stehn gleich den dichten gestirnen.
E. v. Kleist 2, 18.
θ)
im fall zerstiebende wassertropfen beim regen (vgl. unten staubregen und oben regenstaub, theil 8, sp. 523) und bei sturzbächen und wasserfällen (vgl. unten staubbach und staubfall):
wie bey des winters zeit des wassers staub der schnee
den äckern ruh verleyht.
Opitz 1, 46;
schieszt ... ein starker bach flammend herunter in ein becken, wo er in staub und schaum sich weit und breit im wind herum treibt. Göthe 16, 257;
nach den weiszen kieselsteinen,
die das seichte bächlein kaum
überspritzt mit staub und schaum.
W. Müller ged. 1 (1868), 91;
vgl.: so müszte es einem wasserfalle zu muthe sein, wenn er fühlen könnte; ich zerschellte tausend mal in einer minute zu staub. Vischer auch einer 1, 82. s. unten das besonders behandelte wort staub als benennung stark herabstürzender gebirgsbäche in der Schweiz.
ι)
der leichte feine flaum der gänse ist wol gemeint in folgender stelle:
die federn sambt dem staub auszuepfen.
H. Sachs 23, 456, 12 Keller-Götze;
vgl. unten staubfeder und staubhaar.
κ)
staub im Allgäu feine der molke aufgeschwemmte käsebruchtheile, welche sie weiszlich trübe machen. Martiny wb. der milchwirtschaft 121ᵇ.
2)
im vergleich:
a)
so zahlreich wie staub die strasze bedeckt, die luft erfüllt, in kammer und kasten liegt: eine entsprechung zu sand, das im gegensatz zu unserer wendung auch mit mehr erfolg in die nichtbiblische sprache eingedrungen ist (s. theil 8, sp. 1758f.), gewisz nicht zuletzt wegen des stärkeren poetisch-metaphysischen ausdrucks der unzähligkeit z. b. in begriffen wie sand am meer: und wil deinen samen machen wie den staub auff erden, kan ein mensch den staub auff erden zelen, der wird auch deinen samen zelen. 1 Mos. 13, 16; und dein same sol werden wie der staub auff erden, und du solt ausgebreitet werden, gegen dem abend, morgen, mitternacht und mittag. 28, 14; wer kan zelen den staub Jacob, und die zal des vierden teils Israel? 4 Mos. 23, 10; (könig) uber ein volck, des so viel ist als staub auff erden. 2 chron. 1, 9. dagegen sucht auch hier die sprache, von der bloszen übersetzung losgelöst, eine erhabenere prägung: und also ist ir (der sünden) sô vil als stoubes in der sunnen. Berthold v. Regensburg 1, 429, 27; wan ir (der einer seele gestellten stricke) ist mêr danne stoubes in der sunnen. 29, 28 (beide mal doch wol der staub, welcher in einem sonnenstrahl spielt), oder durch eine verbindung mit der wendung wie sand am meer:
wann ich dein worten fest gelaub,
du werst mich mehren wie den staub,
und auch der sand an meeres rand.
H. Sachs 1, 105, 15 Keller-Götze;
so find ich da bey weitem mehr
als staub im feld und sand am meer.
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 426ᵇ;
drum mögen sich
um uns herum die völker, wie der sand
am meer, versammeln, oder wie der staub
auf eines mannes acker.
Klopstock 9, 70 (David 3, 7).
b)
staub vom winde verweht u. ä. als vergleich für das vollständige ende eines dinges, die völlige vernichtung, das aufhören im nichts: denn des gottlosen hoffnung, ist wie ein staub vom winde verstrewet, und wie ein dünner reiffe von eim sturm vertrieben. weish. Salom. 5, 15; also wird jre wurtzel verfaulen, und jre sprossen auffaren wie staub. Jes. 5, 24; aber er (gott) wird sie (unsere räuber) schelten, so werden sie ferne wegfliehen, und wird sie verfolgen, wie dem staube auff dem berge vom winde geschicht. 17, 13; alle jre geschwürm, des sie so viel haben, sol zustieben und zufliehen, wie der staub für dem winde. Luther 3, 348ᵃ;
hab si zermalmt wi staub vom wind verstrait.
Melissus ps. 62, 43 neudr.;
spricht gott zu dem gewitter: zerschmettr' ihn! und zu dem sturme:
hauche sein sinkend gebein, wie staub, in alle vier winde.
Klopstock 3, 167 (Messias 4, 203).
insbesondere: der gottlose ... wird zu stewben, wie eyn staub auff eynem dennen. Luther 17, 1, 372, 12 Weim. ausg.; vgl.: denn der könig zu Syrien hatte sie (die kriegsleute) umb gebracht, und hatte sie gemacht, wie dresscher staub. 2 kön. 13, 7.
c)
zum vergleich der völligen nichtigkeit und wertlosigkeit: (gott) kan uns auch wider nein werffen (in das gefängnis) und, das noch mehr ist, von der erde vertilgen, als weren wir staub. Luther 28, 660, 25 Weim. ausg.;
das kostbarste der güter (das leben)
warf er gleichgültig hin, als wär' es staub.
Schiller 13, 22 (Macbeth 1, 7);
du kannst
mich gleich bespein wie einen haufen staub,
da lieg ich schon —.
Hebbel 3, 144, Nibelungen II 53;
vgl. das volle bild: ein haufen staub, worin würmer kriechen, die ihm einen schein des lebens geben, so die meisten menschen. tagebücher 2, 80 (2200);
kleinodien sind mir, was den andern staub.
3, 67, Nibelungen II 2, 3;
neben asche: man hat mich in dreck getretten, und gleich geacht dem staub und asschen. Hiob 30, 19; neben kot (s. theil 5, sp. 1894): jr blut sol vergossen werden, als were es staub, und jr leib, als were es kot. Zephanja 1, 17; neben spreu (s.spreu 4 oben sp. 56):
schmuck, bild, metall und ein gelehrt papier,
ist nichts als spreu und leichter staub vor mir (der ewigkeit).
A. Gryphius 1, 98 (Catharina 1).
geringer als staub, der letzte grad dieser hyperbel:
ich vertrauwe auf den, ...
der dich auch viel nichtiger und geringer,
denn den staub machen wird.
Amadis 1, 40.
3)
fest gewordene verbindungen.
a)
einem staub in die augen streuen, ihm etwas vormachen, ihn das wirkliche verhältnis nicht erkennen lassen; ihre herleitung findet diese wendung (als einem staub in die augen werfen noch deutlicher) wol von einem gebrauch des kampfplatzes, wo der eine gegner den andern durch solche list in seiner kampftüchtigkeit schwächt, wie z. b. in der thiersage Reineke dem Isegrim beim zweikampf sand in die augen wirft; von dem aus der zauberkunst hergenommenen einem einen blauen dunst vormachen (s. theil 2, sp. 1562) ist unser fall deshalb von grund aus verschieden: es kann kein vertrauen gegen den herrn W. erwecken, wenn man offenbar sieht, dasz er seinen lesern nur staub in die augen streuen will. Lessing 6, 20; was Schickard von seines verlegers wittwe uns vorlüget, das glaube ja kein mensch. der ehrliche Schickard, dasz auch der den leuten staub in die augen werfen konnte! Reiske an Lessing am 13. febr. 1773 (Lessing 13, 445); wollen wir einander staub in die augen streuen, um bewiesen zu haben, der mensch könne nicht sehen? Herder 5, 105 (Suphan); Mathilde. die liebe allein, anders nichts konnte solch eine umänderung hervorbringen. (liest) 'krank?' ausflüchte, staub in die augen. maler Müller 3, 56 (Golo 1, 6); wenn jeder dem andern staub in die augen wirft — wenigstens der könig goldstaub — der rektor an der domschule und der prorektor schulstaub — die päbstliche rota glasstaub, der noch dazu die augen aufreizt — der poet federstaub von seinen zweifalterflügeln — der buchhändler bücherstaub. J. Paul 19, 12 (Paling. 2). mehr in dem sinne blosz 'einem einen schabernack spielen':
wenn ich es (das gefilz) aber abher stiesz
und er mir den staub unter die augen plies,
der mocht mich in den laim wol finden.
fastn. sp. 376, 5 Keller,
vgl. noch 789, 11.
b)
groszen staub aufwirbeln, viel staub aufwirbeln u. ä. von einer person oder sache, welche viel von sich reden macht, wie etwa ein heranziehendes auszerordentliches ereignis auf der strasze stark den staub auftreibt; ein wenig liegt von dieser bedeutung schon hinter dem sprichwort tanzt ein alter, so macht er groszen staub. Lehmann 15; vgl. auch: kann ich verlangen, dasz gleiche schritte auch gleichen staub erregen? Lessing 10, 52. deutlich: wo ich nicht sehr irre, so komt es (das besondere betragen des sog. genies) daher, dasz man glaubt mit genie lasze sich unmöglich von dem getrettenen pfade aus etwas gutes sehen, sondern man müsse nothwendig durch die hecken brechen, felder zertretten, staub machen, sprützen und sprengen um etwas zu finden. Lichtenberg aphorismen 3, 124, 497 Leitzmann; diese parlamente, in denen ... die parteikämpfe so viel staub aufwirbeln. Bismarck reden 13, 230; durch den staub, den die dänische sache aufrührt. ged. u. erinn. 2, 18. ähnlichen sinn hat eine sache schlägt so recht in den staub, wie ein unnützer bube mit einem busch den staub der strasze aufwirbelnd schlägt. vgl. auch: eine sünde hatte er doch, die so recht gemein in den staub schlug. Rosegger wildlinge 269, wo aber zugleich beziehungen zu II, 4 schon leise hervortreten.
c)
sich aus dem staube machen, eigentlich den kampfplatz fliehend verlassen, sich heimlich von dannen stehlen (vgl.machen 6 theil 6, sp. 1391); ja staub scheint hier so ziemlich für 'kampf' selbst zu stehen, wie die folgende seltene gebrauchsweise vermuten läszt: hat also unsere religion vil widerstands gehabt, sind doch die papisten mit lehr abgangen, haben auch ein ziemlichen staub erlitten. G. Nigrinus papist. inquisition 676. schon Frisch 2, 322ᵃ hat richtig die beziehung der redensart zum kampfplatz vermutet; vgl. noch Kramer 2 (1702), 915ᶜ und Steinbach 2, 708 und unten stäuben, verb. dann wer inen (den bauern zu Börssum im bisthum Hildesheim) darvon meldung thuet (sie mit diesem narrenstreich aufzieht), der mach sich kurz uszerm staub, will er anders nit frembde hendt im haar haben. Zimmerische chron.² 2, 531, 11; da war eyn grausam geschrey, der schlug, der stach, der warff, ich aber machet mich ausz dem staube, satzte mich von ferren hinder einen stein, sahe ihnen zu, wollte der suppen nicht versuchen. buch der liebe 203ᶜ; aber Conradus macht sich auss dem staub wider in Apuliam. Stumpf Schwytzerchron. 94ᵃ; da die Köllner und Utrechter ... sich aus dem staube machten, ... gieng auch dieses treffen für Heinrichen verlohren. M. Schmidt geschichte der Deutschen 2, 310; sonst ist aber diese beziehung beim weiteren gebrauch vollständig abgegriffen worden. zur verdeutlichung braucht noch maler Müller sich aus dem staube weg machen, davon machen: Leander zahlt die musikanten und diese machen sich nach abgelegtem kratzfusz sogleich aus dem staube davon. 1, 332; Mephistopheles, der höllengeist, lacht und macht sich ... aus dem staub weg. 2, 10, ohne dasz aber hier ein stärkeres gefühl für den ursprünglichen sinn der wendung vorausgesetzt werden müszte. aus dem staub weichen: wolt sich der sorg entladen, were gern auss dem staub gewichen. Stumpf Schwytzerchron. 668ᵃ. sich aus dem staub schaffen braucht Happel akad. roman. (1690) 179: nun, so stehe dann auf, ... und schaffe dich auss dem staub. doch daneben dann er sich ... geschwind aus dem staube gemacht. 900. sonst von allgemeiner geltung sich aus dem staube machen: Jezabel, die stellt dem Helia nach dem leben. Helias macht sich aus dem staub. darnach aus dem haissen gottes kam Helias wider zue land. Turmayr 4, 1, 242, 24; dem rosztäuscher war angst, gab die flucht, und machte sich auss dem staub. volksb. von dr. Faust 83, 152 neudr.; welche (jungfer) ich dann in ihrer ruhe unzerstöret liegen liesse und mich, sobald mir die heitere des tages nur ein wenig leuchtet, aus dem staube machte. Simpl. 3, 416, 2 Kurz; und er hab nicht klagen dürffen, dasz sein diener ihn bestohlen habe, sondern hab sich müssen aus dem staub machen. Schuppius 254; er ist gefangen! und wo sich der herr nicht aus dem staube macht, wird er eben so wohl eingezogen werden. A. Gryphius 1, 612 (seugamme 4, 9); mit der verwarnung, dasz wir uns je eher je lieber aus dem staube machen, und unsere personen in weitere sicherheit bringen möchten. insel Felsenburg 4, 421; wenn ein freyschöpfe (seinem verfehmten freunde) ... nur den geringsten wink gab, und z. e. nur zu ihm sagte: anderwärts ist so gut brod zu essen als hier, um ihm damit zu verstehen zu geben, er möge sich aus dem staube machen. Möser patriot. phant. 4, 198; damit Thyest nicht zu zeitig von seinem vorhaben nachricht bekommen, und sich aus dem staube machen möge. Lessing 4, 294; mit solchen wendungen macht sich nur die beleidigte eitelkeit aus dem staube. 8, 182; dort, vor der statüe, sieht man einen karren mit hausrath. das sind leute die sich aus dem staube machen wollen und daher des nachts ausziehen. Lichtenberg erklärungen der Hogarthischen kupferstiche 1, 129; und Harwood hatte, um der rechenschaft und — zugleich allen seinen zahlreichen kreditoren zu entgehen, sich aus dem staube gemacht. Bahrdt gesch. meines lebens 3, 328; indess, da er sich von hier aus dem staube machen will. Iffland theatr. werke 2, 228; ich will mich aus dem staube machen. Fr. L. Schroeder dram. werke 1, 32 (heimliche heirat 3, 6); Geszler ruft: 'das ist das niesen Tell's, verfolget ihn.' allein Tell hat noch zeit, sich aus dem staube zu machen. Vischer auch einer 1, 49; ich habe mich aber beizeiten aus dem staube gemacht. Keller 2, 18; wütend hierüber (über das miszgeschick) wollten sie (die drei spitzbuben) sich durch einen groszartigen wechselbetrug rächen und heraushelfen und sich alsdann aus dem staube machen. 7, 167 (die arme baronin); in der meinung, er habe eine unschicklichkeit begangen, nahm er das fiedelzeug wieder unter den arm und machte sich seinerseits auch aus dem staube, oder vielmehr aus den blumen. 6, 68 (Hadlaub);
sie machten sich beed aus dem staub.
Spreng Aeneis 180ᵇ;
viel hunde sind des hasen tod,
dacht' ich und macht in dieser noth
mich eilig aus dem staube.
Blumauer Aeneis 1, 65.
sich mit einem gegenstand aus dem staube machen: als nun die burgerin befandt, dasz die henn noch ein ey in sich hätte, bildet sie jhr den künfftigen nutzen ein und gab dem geiger vor henn, korb und eyern die drey reichsthaler, mit denen er sich aus dem staube machte, der burgerin einfalt genug lachte. Simpl. 4, 253, 7 Kurz; Bürle aber machte sich am andern morgen mit den dreihundert thalern aus dem staub. brüder Grimm kinder- u. hausmärchen nr. 61.
d)
den staub von den schuhen (füszen) schütteln, mit erklärter unzufriedenheit einen ort verlassen, sich für immer von ihm wenden (wie wenn man auch nicht das geringste mit sich nehmen will. Frisch 2, 322ᵃ). der ausgang der redensart liegt deutlich in der biblischen übersetzungssprache: und wo euch jemand nicht annemen wird, noch ewer rede hören, so gehet eraus, von dem selben hause oder stad, und schüttelt den staub von ewren füssen. Matth. 10, 14 (so auch die Zürcher bibel von 1531); mit dem weiteren zusatz zu einem gezeugnis uber sie. Marc. 6, 11, vgl. auch Luc. 9, 5; sie aber schüttelten den staub von jren füssen uber sie, und kamen gen Iconion. apostelgesch. 13, 51; so sie das nicht wöllent entphahen oder annemen, so schütten sie den staub von den bundschuhen. Keisersberg brösaml. 2, 50ᵇ; damit sie nit die geweihete schuch aber nit die geweiheten füsz entheiligen, oder vil mehr den geheiligten boden verunreinen, und den staub wie die aposteln von füssen schüttlen müssen. Garg. 5 neudr.; herzlich, herzlich wünschte ich daher, je eher, je lieber, von hinnen ziehen und den hiesigen staub von den füszen schütteln zu können. Bürger briefe 3, 177 Strodtmann (an F. L. v. Stolberg jan. 1787); sie soll den staub schütteln von ihren schuhen und weit fortziehen. Alexis Roland von Berlin 1 (1840), 103;
wenn du nach Warschau kommst zur Weichselbrücke,
da schüttl' einmal den staub dir von den füssen.
Rückert 1 (1867), 22.
wenig nachfolge fand dagegen die ins allgemeinere gewendete redensart den staub von sich (vom gewande) schütteln u. s. w.: auch den staub, der sich an uns gehenget hat von ewer stad, schlahen wir abe auff euch, doch solt jr wissen, das euch das reich gottes nahe gewesen ist. Luc. 10, 11; ich schüttle den staub von meinem gewande. Schubart ged. 1 (1825) vorber. s. 7.
e)
den staub hinunterschwemmen, sich durch einen guten trunk stärken, wie ein wandersmann nach anstrengendem marsch oder ein handwerksmann nach der arbeit der woche; vom standpunkt des letzteren auch den staub der woche aus der kehle spülen.
f)
viel staub schlucken müssen, eigentlich auf mühsamer wanderung und im kampfe (des lebens): er muszte viel staub schlucken, um das gesteckte ziel zu erreichen. ähnlich: viel staub einfressen müssen, seinen staub haben oder empfinden, dover divorare molta polvere, met. molti sinistri, molte contrarietà, molti fastidi. Kramer dict. 2 (1702), 915ᶜ.
g)
zu einem bequem in der stube bleibenden, seine kleider gern schonenden herrn sagt man in Hessen spottweise: blast mir den staub ab, herr Falkeisen; vgl. oben theil 3, sp. 1404 und überhaupt Wander 4, 783 f.
4)
zum ausdruck des bildes vom leiblichen, geistigen oder seelischen elend, unter dem nicht zu verkennenden einflusz der durch die übersetzungslitteratur uns vermittelten anschauungen des ostens (besonders der bibel), wo der sich hier aussprechende geist knechtischer unterwürfigkeit und sklavischer willenslosigkeit eigentlich zu hause ist. für den ursprung dieser entwicklung vgl. auch noch die biblischen ausdrucksweisen der busze und trauer: Josua aber zureis seine kleider, und fiel auff sein angesicht zur erden, fur der laden des herrn, bis auff den abend, sampt den eltesten Israel, und worffen staub auff jre heubter. Jos. 7, 6; sie (die eltesten) werffen staub auff jre heubter, und haben secke angezogen, die jung frawen von Jerusalem hengen jre heubter zur erden. klagel. Jerem. 2, 10; (sie werden) laut uber dich schreien, bitterlich klagen, und werden staub auff jre heubter werffen, und sich in der asschen weltzen. Hesek. 27, 30. zuletzt allgemein: darumb schüldige ich mich, und thu busse in staub und asschen. Hiob 42, 6.
a)
staub als milieu dieses zustandes:
denn sehnsucht hält, von staub zu thron,
uns all' in strengen banden.
Göthe 1, 6, 43 Weim. ausg. (westöstl. divan).
α)
in den staub sinken: sie alle (die Pariserinnen und Italiens auswurf) erlebten ihren tag. ich sah sie neben mir in den staub sinken, denn ich war mehr kokette, als sie alle. Schiller 3, 403 (kab. u. liebe 2, 3);
anbetend, vater, sink ich in den staub, und fleh!
Klopstock oden 1 (1889), 123, 17;
und wir tragen noch, in staub gesunken,
ahndung künft'ger seligkeit im blick.
Schubart ged. 2 (1825), 3;
wenn ihr mir euren gütgen schutz entzieht,
so sink ich nieder in den staub.
Tieck 1 (1828), 58.
eine unendliche zahl von siegen, triumphen, ... sah man in den staub hingestreckt. M. Schmidt gesch. der Deutschen 1 (1778), 150;
niedergestürzt in staub
bekenn' ich, mit zerknirschtem herzen
meine begangenen jugendfehle.
Hölty 90 Halm.
sich in den staub bücken:
er ist es,
der in den staub vor ihm sich bückte, welchem du hohn sprachst.
Klopstock 5, 68 (Messias 11, 1000).
hinknien in den staub: betet an vor dem, der euch dis erhabene loos gesprochen, ... entblöset eure häupter! kniet hin in den staub, und stehet geheiliget auf! Schiller 2, 171 (räuber 4, 5 schausp.). sich in den staub niederlegen:
zu ganzen geschlechtern! die sollen vor mir sich in staub hin
niederlegen.
Lessing 8, 52, 15 Lachm.-Muncker.
sich in den staub setzen: herunter jungfraw, du tochter Babel, setze dich in den staub, setze dich auff die erde; denn die tochter der Chaldeer hat keinen stuel mehr. Jes. 47, 1. in den staub fallen:
darob in staub mein siegsmuth fiel
und meine kling ward stumpf.
Rückert 1 (1867), 58.
sich in den staub werfen:
wirf dich in den staub darnieder!
J. Neander im hann. gesangb. 451, 3;
ich werfe, gott vor dir, mich in den staub.
Klopstock 9, 73 (David 3, 7);
vgl.:
wirf nieder in den staub all deine glieder.
Rückert 1 (1867), 33.
β)
in den staub legen, stürzen, treten u. s. w., bis zum äuszersten demütigen, aller macht und würde berauben, sittlich und leiblich erniedrigen u. ä., wo die beziehung zu dem unter 1, e aufgewiesenen vorgang des kampfes besonders deutlich ist: so verfolge mein feind meine seele und ergreiffe sie, und trette mein leben zu boden, und lege meine ehre in den staub. ps. 7, 6; vgl. auch Melissus ps. 30 neudr.; ein zweiter kaiserschnitt (sectio caesarea) legte den herrn der welt hier in den staub, mitten unter zerbrochenen gläsern, geheimen pillen und trümmern der hornleuchte. Lichtenberg erkl. der Hogarthischen kupfer stiche 3, 121; in unheilbare wunden hab ich doch wenigstens stillenden balsam gegossen — mächtige frevler in staub gelegt. Schiller 3, 403 (kab. u. liebe 2, 3);
denn überwunden ist der feind,
in staub ist er gelegt,
verherrlicht ist der menschenfreund,
der gottes rache trägt!
Gleim 4, 46 (siegeslied);
auch:
alle tiefe weisheit ihrer jahre
legen sie vor dem kindlein in den staub.
Wackenroder herzensergiessungen (1797) 95.
in den staub stürzen:
verachtung ist die eine waffe,
welche die niedrigen in den staub stürzt.
Klopstock 2, 154 (der belohnte);
so wird ihr (der schlange des Jakobinerclubs) geiferbisz die freyheit,
welch' ihr erschuft, in den staub euch stürzen.
132 (Jakobiner).
in den staub treten: eine naturkraft, die eine schadenfreude hat, das schöne in den staub zu treten. Ludwig 5, 321;
tritt ihr fusz auf immer die grosze
nazion ... in den staub!
Klopstock oden 2, 80, 32;
nicht ziemt dirs, edler himmelssohn,
an eitlem schein zu haften!
dein würdig, tritt in staub mit hohn
die niedern leidenschaften.
Voss 4, 278 (entschlossenheit);
reichtum und gaben tret' ich in den staub.
Göthe 1, 16, 195 Weim. ausg.;
es tritt der feind die saat von fünfzig ehen,
der enkel schöne hofnung in den staub.
Schiller 6, 371 (zerstör. Trojas 88).
auch mit stärkerer richtungsangabe:
wenn du hinab in den staub getreten wärst.
Bürger 151, 75 Bohtz;
ich bin in den staub erniedriget. S. v. La Roche frl. v. Sternheim 2, 53;
das edle bild der menschheit zu verhöhnen,
im tiefsten staube wälzte dich der spott.
Schiller 11, 336;
es liebt die welt das strahlende zu schwärzen,
und das erhab'ne in den staub zu ziehn.
Schiller 11, 336.
im ausdruck starker spannung:
in staub mit allen feinden Brandenburgs!
Kleist 3, 126 E. Schmidt (prinz v. Homburg 5, 11).
γ)
im staub ligen, im staube verligen und verderben giacere, marcirsi nella polvere, met. asser negletto, vilipeso. Kramer dict. 2 (1702), 915ᶜ; im staub liegen, contemni. Frisch 2, 322ᵃ; meine seele ligt im staube, erquicke mich nach deinem wort. ps. 119, 25; für jm werden knie beugen, alle die im staub ligen, und die so kömerlich leben. 22, 30; hinunter in die helle wird es (das hoffen) faren und wird mit mir in dem staub ligen. Hiob 17, 16; vgl. Schenkendorf ged. (1815) 56; jetzt altert er und liegt im staube. Schubart ästhetik der tonkunst 232;
wir liegen vor dir in dem staube,
und unser herz ist ganz zerknirscht.
B. Schmolck im hann. gesangb. 256, 4;
aber weisheit herrscht und sieget,
wenn der muth im staube lieget.
Neukirch ged. (1744) 16;
als am schrecklich stillen sterbebette
meine mutter sinnlos in dem staube lag.
Hölderlin 1, 38 Litzmann;
mag der edle auch liegen im staube. nie wird er gemeines
fördern, ob es ihn gleich allgewaltig umdrängt.
Hebbel 7, 48 Werner (überschr. edles im staube);
als schuldig ich im staube lag,
hab' ich mich selbst erhoben.
Keller 10, 123 (ein berittener).
gebückt im staube liegen:
o lag ich, vater, noch tiefer vor dir,
gebückt in dem staube,
der untersten welten!
Klopstock oden 1 (1889), 127, 123;
liegt nur ...
in den staub gebückt.
Körner 1, 120 (Hempel).
auch nur schwergebückt im staube sein:
o herr, vom schweren kann nur schweres lösen,
und wir sind schwergebückt in unserm staube.
Rückert 1 (1867), 24.
knien im staube:
dieser thron ist euer, mir geziemt es,
eure sklavin hier zu knien im staube!
Platen 336ᵃ (Abbassiden 6).
im staube sitzen: schmeicheln? kriechen? sich über die achsel ansehen lassen, und doch im staub sizen. Wagner frohe frau 11. sich im staube wälzen:
was steigen sol zur ehr empor,
ligt auf der erd und musz sich vor
im koth und staube weltzen.
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 389ᵃ.
sich im staube winden: ich wand mich vor dem abschaum unseres geschlechts im staube. Grabbe 1 (1874), 64 (herz. v. Gothl. 1, 3). im staube kriechen: wenn es nach deinem kopfe gienge, du kröchest dein lebenlang im staube. Schiller 3, 382 (kab. u. liebe 1, 7);
dort spottet man der ärgsten feinde wuth;
hier kriegt die blödigkeit im staube.
Gottsched ged. (1751) 297;
ein affe ...
kam an des löwen hof, und — ward was alle sklaven,
ein schmeichler, der im staube kroch.
Pfeffel im Gött. musenalm. (1782) 16.
vgl. auch unter 4, b die wendung staub lecken wie die schlange. im staube hausen:
dem menschenvolke, das im staube haust.
Bürger 163, 544 Bohtz.
im staube bleiben:
du hättest warlich wol gemeynt,
er würd im staube bleiben.
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 339ᵃ.
vgl.:
aber dringt bisz in der schönheit sphäre,
und im staube bleibt die schwere
mit dem stoff, den sie beherrscht, zurück.
Schiller 11, 58 (das reich der schatten).
δ)
dementsprechend aus dem staub erheben, e contemtu ad honores evehere. Frisch 2, 322ᵃ; einen aus dem staube erheben, de mactra aliquem sustollere. Steinbach 2, 708; er hebt auff den dürfftigen aus dem staub, und erhöhet den armen aus dem kot, das er jn setze unter die fürsten. 1 Sam. 2, 8; (in ähnlichem zusammenhang findet sich dafür auch: der den geringen auffrichtet aus dem staube. ps. 113, 7;) darumb, das ich dich aus dem staub erhaben habe, und zum fürsten gemacht uber mein volck Israel. 1 kön. 16, 2; besonders zeigt er sich über die abtrünnigkeit des bischofs unwillig, der von gott aus dem staube erhoben und zu den fürsten seines volkes gesetzt, dafür das evangelium verfolge. Ranke zeitalter der reformation 2, 45;
nun seyd ihr (dörfer) aus dem staub erhoben,
die zeit, die alles hier musz loben,
merckt eure gegenden genau.
Picander 3, 19;
einen aus dem staube hervorziehen, bekandt und berühmt machen. Kramer dict. 2 (1702), 915ᶜ;
als fauler rinder herr wagt er ein göttlich lied,
das musen vom Olymp, ihn aus dem staube zieht.
Lessing 1, 172.
einem den staub abwischen, detergere sordes paupertatis, pulverem detergere alicui. Frisch 2, 322ᵃ.
ε)
aus dem staube hervortreten u. ä.: wenn nun ein solcher auf sich gestellter, rücksichtsloser mensch (G. Hiller), indem er aus dem staube hervortritt, von einer glänzenden und mannichfaltigen welt sich nicht geblendet noch verwirrt fühlt. Göthe 49, 185; (reflexiv gewendet:) mein vater war der sohn eines hirten, ein freigelassener, der ... durch die gunst der umstände sich ein bischen aus dem staube herausgebildet hatte. Arndt leben 15; und nur einer davon hat sich als fagotist in Frankreich wieder aus dem staube gehoben. Schubart leben u. gesinnungen 1, 30;
ich hebe
mich aus dem staub' empor.
Gleim 7, 203.
zur kennzeichnung der schnellen (und auch bedeutenden) erhebung: dieser folgende neben ihm, hat sich in eben dem lande, so zu sagen, aus dem staube in die höhe geschwungen. J. E. Schlegel 5, 222;
erzittre, dasz mein geist ...
aus seinem staube sich zu deinem purpur schwingen
und vor dir dichten will.
Neukirch ged. (1744) 188.
ζ)
mit einer weiteren bestimmung; staub meiner herkunft u. ä.: sie wollen mich aus dem staub meiner herkunft reissen. ich will sie nicht zergliedern, diese verdächtige gnade. ich will nur fragen, was milady bewegen konnte, mich für die thörin zu halten, die über ihre herkunft erröthet. Schiller 3, 463 (kab. u. liebe 4, 7);
ich erhebe dich,
dein könig, aus dem staube deiner dunkeln
geburt.
13, 264 (jungfrau v. Orl. 3, 4).
niedriger staub:
wenn dann wir in unsrer heimat niedrigem staube
stehn.
Klopstock 3, 185 (Mess. 4, 485).
unedler staub: ha! wie dich der ältere sohn dann belohnen wollte! wie er dich aus diesem unedlen staub, der sich so wenig mit deinem geist und adel verträgt, ans licht emporheben wollte! Schiller 2, 60 (räuber 2, 1 schausp.). gemeiner staub:
bist du der göttlichen erscheinung
schon müde, dasz du ihr gefäsz zerstören,
die reine jungfrau, die dir gott gesendet,
herab willst ziehn in den gemeinen staub?
Schiller 13, 268 (jungfrau v. Orl. 3, 4).
η)
im staube als einem dauernden zustande:
ich seh die bande der natur
zerrissen; redlichkeit im staube; unschuld, ehre
verbannt.
Gotter 1, 392;
wenn du uns hier in unserm staube
trotz der verheiszung, die ich glaube,
zum todten stoff der fremden wesen legst.
Seume 1 (1826), 60.
mit weiterem thätigkeitsbegriff verbunden: besser ist's, als so im staube das gute leben verhauchen. maler Müller 1 (1811), 369;
im tiefsten staube küss' ich deines rockes saum.
Ramler fabellese 1 (1783), 52;
was der im Olympus geschrieben, verehr ich im staube.
Klopstock oden 1 (1889), 44, 17;
lasz dich sehn in deiner lichtgestalt,
wie dich der himmel sieht, dasz wir anbetend
im staube dich verehren.
Schiller 13, 304 (jungfrau v. Orl. 4, 10);
im staube bet' ich dich, o könig, an!
Stolberg 4, 59;
nein, im staube will ich nicht mehr trauern,
länger nicht der stolzen siegeswagen ziehn!
Schiller 1, 314 (Semele 1).
sich im staube nahen, mit den knien im staube rutschend:
ich weisz, an wen ich glaube,
und nahe mich im staube
zu dir, o gott, mein heil.
Chr. F. Gellert im hann. gesangb. 514, 4.
auch aus dem staube, womit das gefühl für die lage stärker zum ausdruck gebracht wird: als denn soltu genidriget werden, und aus der erden reden, und aus dem staube mit deiner rede mummeln, das deine stimme sey, wie eins zeuberers aus der erden, und deine rede aus dem staube wispele. Jes. 29, 4; in unterirdischen höhlen, die kein strahl erhellt, beschwörungsformeln aus dem staub heraufmurmeln. Kleist 2, 183, 4 E. Schmidt (Käthchen v. Heilbr. 1, 1);
und wenn ich, einsamer,
vom staub zu dir gefleht.
Schubart 1, 9 (preisgesang im kerker);
thränend kann ich aus dem staube zu dir blicken.
Hölderlin 1, 38 Litzmann;
aus dem staube
aufwärts blickt' er (der knabe)
milde zürnend den frechen an.
Kleist 1, 11, 1 E. Schmidt (familie Schroffenstein 1, 1),
wo der zustand der wehrlosigkeit und unmündigkeit so gekennzeichnet werden soll.
b)
staub lecken mit dem haupt demütig zur erde gebeugt, aus der bibelübersetzung; nicht unwahrscheinlich gab den ausgangspunkt die allerdings erde essende schlange 1 Mos. 3, 14 (Jes. 65, 25); vgl. auch unten die wendung staub lecken, wie die schlange. sie werden fur dir nider fallen zur erden auffs angesicht, und deiner füsse staub lecken. Jes. 49, 23; für jm werden sich neigen die in der wüsten, und seine feinde werden staub lecken. ps. 72, 9; ob nun wol Adam und seine erben ... auch nach der versönung in diesem ellende staub essen oder lecken mussten, unnd unterthenige und dienstleute sein, drumb das sie zu frü wolten herrn werden. Mathesius Sarepta 81ᵇ; staub lecken vor dem Zebaoth das heiszt mich eine innere stimme bleiben lassen. B. v. Arnim Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 97;
auf dasz
das schwert, des schicksals ehrne zung', entscheide, ...
wer würdig sei, du oder er, von beiden,
den staub, nach ihrem (der götter) heiligen beschlusz,
zu seines gegners füszen aufzulecken.
Kleist 2, 131, 2367 E. Schmidt (Penthesilea 20).
staub lecken, wie die schlangen: sie (die heiden) sollen staub lecken, wie die schlangen, ... sie werden sich fürchten fur dem herrn unserm gotte, und fur dir sich entsetzen. Micha 7, 17;
wenn ich zu meinem zweck gelange,
erlaubt ihr mir triumph aus voller brust.
staub soll er fressen, und mit lust,
wie meine muhme, die berühmte schlange.
Göthe 12, 25 (Faust prolog im himmel).
die vorstellung ins feinere gewendet:
(es soll) der aufgeblasne Nil den staub von deinen fussen,
der Türke deinen rock, Paris den zepter küssen.
Neukirch (1744) 189;
ich will
mich nicht ergeben, um vor diesem knaben
Malcolm zu knien, und den staub zu küssen.
Schiller 13, 158 (Macbeth 5, 12).
doch die unlebendigkeit der folgenden wendung mag zeigen, wie sehr es sich hier um ein uns innerlich fremdes, rein poetisches gut handelt:
als er kam zu Feridum nah,
den hohen thron und krone sah,
senkt' er vor ihm zu boden das haupt,
und rieb das angesicht am staub.
Rückert Firdosi 1, 108.
5)
staub als symbol der irdischen art des menschen. das christenthum übernahm diese erklärung des rätsels von der menschenschöpfung aus der anschauung des alten testamentes und hat sie in lehre und gottesdienst bis heute bewahrt, von hier aus die gedankenwelt unserer sprache auf das stärkste beeinflussend.
a)
die menschen sind von gott aus dem staube geschaffen: gleich wie alle menschen aus der erden, und Adam aus dem staube geschaffen ist. Jes. Sir. 33, 10; es feret alles an einen ort, es ist alles von staub gemacht, und wird wider zu staub. pred. Salom. 3, 20;
die jhr aus staub gemacht zu staub solt wider werden.
Weckherlin 305;
erd, aus deren staube
der erste der menschen geschaffen ward.
Klopstock oden 1 (1889), 124, 59;
wenn der allgegenwärtige nun
wieder aus staub unsterbliche schaft.
125, 84;
nicht deines zornes, deiner liebe stimme
scholl, uns aus dem staube
zu rufen,
146, 28;
bist du nur gebildeter staub,
sohn des Mays, so werde denn
wieder verfliegender staub.
135, 34.
aus staub und asche: dieses alles sind ja Adamskinder und eines gemächts miteinander und zwar nur von staub und asche! Simpl. 1, 27 (neudr. s. 77). aus staub und erde:
du bist gemacht ausz staub und erden,
zu staub solt du auch wider werden.
H. Sachs 1, 46, 36 Keller-Götze;
wir sind von einem vatter gleich,
ob wir schon arm sind oder reich,
und sind gemacht auss staub und erdt.
Scheidt Grobianus 653 (neudr.).
und in immer zunehmender entfernung von der ursprünglichen anschauung: darwider aber wenden die quacker und andere feinde der weltlichen obrigkeit ein, und sagen: wir sind alle aus einerley staub und blut gemacht, dahero ist auch einer so gut, als der andere. Sperling Nicodemus quaerens 2 (1719), 1029; von staub und von ihrem blute. ebenda.
b)
wie das vorige nur ein symbolischer ausdruck, und nicht viel mehr, (wieder) zu staub werden, gestorben sein, tot liegen, im grabe vermodern, verwesen (vgl. im gegensatz dazu unten verwesen, welches am besten den ganzen fremden inhalt dieses anschauungskreises deutlich macht): du nimpst weg jren odem, so vergehen sie, und werden wider zu staub. ps. 104, 29; (ein einsamer greis spricht:) aber der brand hat meine zweige weggehauen, und ich bebe bei den flügeln des nords. allein, allein soll ich an meinem orte zu staube werden. Herder 3, 29 Suphan (krit. wälder 1, 3);
wird ich, worden zuͦ staub uͦn mer.
befurdern kunnen, her, dein' er.
Melissus ps. 106, 10 neudr.;
was werden dir denn frommen
die aussgedorrten bein
und der elende staub,
zu welchem in der erden
wir werden.
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 350ᵃ;
stirb! werde staub! und über deiner gruft
schlag' ewige vergessenheit zusammen!
Kleist 2, 399, 1573 E. Schmidt (Hermannsschl. 4, 5).
zu staub und erde werden:
jhr herren, die ihr hie auf erden
euch achtet hoch den göttern gleich,
und doch, wie immer grosz und reich,
zu staub und erden müsset werden.
Weckherlin 126.
zu leichtem staube werden:
wenn wir nun, gescharret in die erden,
ohne geist zu leichtem staube werden.
A. Buchner anleit. zur poeterei (1665) 127.
staub sein:
bruder, lasz das buch voll staub.
willst du länger mit ihm wachen?
morgen bist du selber staub!
Lessing 1, 51 (faulheit);
es sei! es sei! die hand ist staub,
und ein vermächtnis ja kein raub!
A. v. Droste-Hülshoff 2 (1878), 93 (des arztes vermächtnis).
mehr oder weniger aus dieser starrheit entbundene wendungen: senket sie beyde in den mütterlichen schooss der erde, so wird ... dieses verwesen und in staub zerfallen. Th. Abbt verm. werke 6, 1, 18; das beste in mir zieht sich zusammen — das übrige zerfällt in erbärmlichen staub. Novalis 1, 75 Meiszner;
wenn einst ich todt bin, wenn mein gebein zu staub'
ist eingesunken.
Klopstock oden 1 (1889), 63, 1;
das verwesliche war ihm
schon zu staube zusammengesunken.
5, 95 (Messias 11, 1444);
möge mein antlitz einst
zu staub verwesen.
Herder 27, 63, 109 Suphan;
so sei staub zerstäubt zum staub versunken!
nehme erde, was die erde gab!
Arndt 5, 144 (Rösch-Meissner);
da diese augen nun in staub vergehen,
so weisz ich nicht, wo wir uns wiedersehen.
Storm 8, 235;
dem staube geben, begraben:
es ist ein lang stück leben,
das wir dem staube geben.
Keller 10, 53 (am sarg eines neunzigjähr. landmannes).
in des todes staub legen, der verwesung übergeben, zugleich als eine hinüberführung in die sphäre von 1, e wie von einem kampfe des menschen mit gott: du legest mich in des todes staub. ps. 22, 16. vgl. die völlige benützung dieser stelle bei H. Sachs 6, 262, 1 Keller-Götze und ihren nachklang in: diese (die unsterbliche seele) sieget auch mit zerschmetterten gliedern, und in dem staube des todes. Lohenstein Armin. 1, 203ᵃ.
c)
staub, der irdische der verwesung anheimfallende oder schon anheimgefallene leib: was ist nütze an meinem blut, wenn ich tod bin? wird dir auch der staub dancken, und deine trewe verkündigen? ps. 30, 10; staub zu staub; so will es der ewige. bereite ein grab und senke den leichnam hinab, dasz er verwese. maler Müller 1, 112 (der erschlagene Abel); den staub der rechtschaffenen zu ehren. S. v. La Roche fräulein v. Sternheim 1, 84; unter mir (in der Westminsterabtei) die reste zusammengestürzter pracht, der staub der könige. Lichtenberg verm. schriften 1, 9; liebe schwester, lass' es ja nicht zu, dasz sie meinen staub in ein erbbegräbnisz sperren — o nein, er soll aus Maienthals rosen flattern. J. Paul 8, 176 (Hesperus 2); (sarkophag,) der ... den staub des besiegers der Samniten einschloss. Mommsen röm. gesch. 1, 426;
der ist nicht lebens wehrt,
der seiner eltern staub zu rühmen nicht begehrt.
Rist Parnassus 640;
weht sanft auf ihren grüften, ihr winde!
und hat ein unwissender arm
ausgegraben den staub der patrioten,
verweht ihn nicht!
Klopstock oden 1 (1889), 148, 3;
o ihr älteren toten, ihr staub!
177, 13;
nein! nicht schwelgendem gewürme
nun und immerdar ein raub,
noch ein spiel der erdenstürme
bleibet guter herzen staub.
Bürger 11ᵇ (an Agathe);
würde dieses leibes staub
aller wirbelstürme raub.
o, so scheute Kain doch
gottes feuereifer noch!
Stolberg 1, 49;
drum waren meine ahnherrn Taboriten,
und dienten unter dem Prokop und Ziska.
fried' sei mit ihrem staube! kämpften sie
für eine gute sache doch.
Schiller 12, 167 (Piccol. 4, 5);
hier ruht der staub des heil'gen Ludewig.
13, 185 (jungfrau v. Orl. prol. 3);
mag der staub gefallener helden modern, ...
ihres ruhmes flammenzüge lodern
in dem tempel der unsterblichkeit.
Körner 1, 110 (Hempel);
sein staub ruht bei den todten.
Rückert 1 (1867), 91.
von der auferstehung:
ja bey unserm staube, der einst der unsterblichkeit aufwacht.
Klopstock 5, 83 (Messias 11, 1240);
staub, dem einst posaunen ertönen.
5, 100 (11, 1523);
unsern staub mag staub bedecken,
du wirst ihn herrlich auferwecken,
der du des staubes schöpfer bist.
du wirst unvergänglich leben
und kraft und herrlichkeit ihm geben,
dem staube, der dir teuer ist.
Gottfr. Funk im hann. gesangbuch 124, 3;
folget gesandte,
himmelsverwandte,
gemächlichen flugs:
sündern vergeben,
staub zu beleben.
Göthe 41, 326 (Faust 2, 5);
vgl.:
bis ...
in zerschmelzender planeten rauche
ihren staub die grüfte wiederkäun.
Schiller 1, 182.
mit einem erklärenden genitiv:
er soll sterben! bald will ich von ihm den staub der verwesung
auf dem wege zur hölle, vorm antlitz des ewigen ausstreun.
Lessing 8, 51, 30 (lit. briefe) Lachmann-Muncker.
mit einem adjectiv verbunden: Westminsters grabmäler liegen zertrümmert, vergessen ist der königliche staub, den sie verschlossen. Heine 3, 160 Elster (reisebilder 2);
traget von der entweihten altar
den blutigen staub weg,
weg das starre gebein,
das an edle todt' euch erinnert!
Klopstock 2, 138 (das wort der Deutschen);
dank sey dem weisen mann,
sanft ruhe sein heiliger staub!
Müller Siegfr. v. Lindenb. 1, 268 (vgl. auch 2, 68);
so leisten sie die fromme pflicht
dem, so der fremde ward zum raube,
und bei dem unbeweinten staube
entzünden sie das trauerlicht.
A. v. Droste-Hülshoff 2, 37 (hospiz auf dem gr. St. Bernhard).
in edler läuterung, zugleich als ein bild von der doppelnatur eines gedankens:
ob ich irdsches denk' und sinne,
das gereicht zu höherem gewinne.
mit dem staube nicht der geist zerstoben,
dringet, in sich selbst gedrängt, nach oben.
Göthe 1, 6, 10 Weim. ausg. (westöstl. divan).
d)
staub der noch lebendige irdische leib im gegensatz zur unsterblichen seele des menschen, ein verhältnis, das auch schon durch die biblische sprache eingeleitet wird. vgl.: denn der staub mus wider zu der erden komen, wie er gewesen ist, und der geist wider zu gott, der jn gegeben hat. pred. Salom. 12, 7; seltsam aber berührt heute die weitere ausmalung: es ist (der schöne leib eines menschen) ein reiner staub und asche, mit einem zarten heutlein überzogen: und kurz zu sagen, es ist eine sterbliche und täglich sterbende schönheit. Butschky hochd. kanzlei 564;
in dieser ernsten stunde
thatest du jene grosse wahrheit kund,
die wahrheyt sein wird
so lang die hülle der ewigen seele staub ist.
Klopstock oden 1 (1889), 122, 8;
doch herrschend ragt in seiner stärke
der geist, von staub umhüllt,
das wunder deiner wunderwerke,
der mensch, dein ebenbild.
Voss 4, 143 (die sterne);
dich, gottes odem, du verstand,
in staub gehüllt, hat gottes hand
so wunderbar gebauet.
278 (entschlossenheit);
beständig dachte er dein wohl, bis sich sein geist
vom staube loswand, und
auf engelschwingen durch der sterne goldne reihn
zum sitz der gottheit flog.
Hölty 45 Halm;
(von einem unberührten weibe:) (kinderengel) umschwebten und umwoben diese räthsel lösende und räthsel aufgebende verkörperung von aether und staub. Goltz jugendleben 1, 179.
dann wirst du wandeln hier ein selig wesen,
des staubes wünsche weichen scheu zurück.
Grillparzer 6, 46 (des meeres und der liebe wellen 3).
e)
staub (eine erweiterung des vorigen) als leib und seele umfassende gesamtbezeichnung des hier lebenden menschen, weil seine gedanken und gewohnheiten mehr von dieser welt denn von gott sind. vgl.: denn er kennet was für ein gemecht wir sind, er gedencket daran, das wir staub sind. ps. 103, 14;
ich bin ja nur ein dürres blatt,
ein staub, der keine stätte hat.
J. G. Herrmann im hannov. gesangb. 285, 6;
was wirst du mit vermessenheit
je gegen gott gewinnen?
du bist ja staub.
J. G. Schöner ebenda 427, 2;
wir sind staub. o beschirme, wenns frommt, in dem leben der prüfung
uns vor trübsal und noth, wie vor üppigem stolz und leichtsinn;
bis wir bewährt aus dem staube zu deiner herrlichkeit eingehn.
Voss 1, 12 (Luise 1, 47. 49).
wenn ich vom staub befleckt bin, soll ich zagen?
die erde kann sich nicht des staubs entschlagen.
wenn dieser staub nicht seine sünd' empfände,
wer wär's, der sich zu deiner gnade fände?
Rückert 6, 65;
morgen kommt der aschenmittwoch,
und ich zeichne deine stirne
mit dem aschenkreuz und spreche:
weib bedenke, dasz du staub bist.
Heine 1, 235 Elster (Angelique 9);
uns dünkt die freude altarwein,
am heiligsten ein sündger raub;
zieht gottes hauch durch unser sein,
so fühlen wir uns doppelt staub.
Hebbel 6, 293 Werner (dem schmerz sein recht 9).
leichter staub:
ihm ist bewuszt, dasz dieses sein geschöpfe
ein leichter staub und schwaches werkzeug sei.
J. Franck im hannov. gesangb. 285, 6.
staub und erde:
du bist ein schöpfer aller ding,
ich bin nur staub und erde.
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 332ᵇ.
staub und asche: staub und asch sind wir gewesen; staub und asch sind wir, weil wir leben; staub und asch müssen wir wider werden, bisz uns Christus wider zu den alten ehren bringe Petri F 1ᵇ;
du weist: der mensch ist staub und aschen.
H. Sachs 4, 147, 6 Keller-Götze;
dann so werden meine glieder,
die jetzt staub und asche sein,
unverweslich leben wieder.
J. Rist im hann. gesangbuch 113, 8;
herr zürne nicht, dasz ich so bitte,
da ich vor dir nur staub und asche bin.
K. H. v. Bogatzky ebenda 178, 11.
erde, staub und asche: ein könig ... ist ... eben so wol erd, staub und aschen als ein bettler Aeg. Albertinus hirnschleiffer (1664) 100; vgl.:
staub waren wir, erd sind wir noch,
asch werden wir ins grabes loch.
Petri F 1ᵇ.
f)
daher dann staub geradezu 'mensch, erdensohn', eine bezeichnung, die in der zweiten hälfte des 18. jahrh. dank der zwischen zerfallenden ruinen und kunstreichen, aber leeren aschenurnen sich ergehenden sentimentalen neigung stark beliebt war, um dann auch nachher sich vereinzelt im sprachgebrauch zu erhalten; vom staube staub:
du bist es, der du warst; Jehova
heissest du! aber ich staub vom staube!
staub, und auch ewig!
Klopstock oden 1 (1889), 72, 40;
wer bin ich,
dasz ich mich auch in die jubel dränge?
von staube staub!
96, 5.
staub allein:
nein, ganz an freuden arm ist nie
das loos dem staube zugemessen.
Gotter 1, 226 (trost);
wie freut sich des emporschauns zum sternheer, wer empfindet
wie gering er, und wer gott, welch ein staub er, und wer gott,
sein gott ist!
Klopstock oden 1 (1889), 158, 6;
eh ich es wagte, mich zu fragen ...
mich, den thoren, den staub!
153, 17;
in vier verschiedne sekten theilt
sich alles volck der Muselmanen ...
wer geht davon auf rechten bahnen?
auf welchem der vier pfade mag
der staub zum thron des herrn gelangen?
Rückert ges. ged. 1, 54;
dieser allwissende gott, den du thor und bösewicht mitten aus seiner schöpfung zernichtest, braucht sich nicht durch den mund des staubes zu rechtfertigen Schiller 2, 182 (räuber 5, 1 schausp.); so (doch auf alle irdischen wesen ausgedehnt) ist auch wol aufzufassen: vom unzugänglichen gebirge über die einöde, die kein fusz betrat, bis an's ende des unbekannten oceans, weht der geist des ewigschaffenden, und freut sich jedes staubes, der ihn vernimmt und lebt Göthe 16, 75 (leiden des jungen Werther 1). von Christus, dem mittler zwischen gott und menschen:
staub, der zu gott emporgedrungen,
am fusztritt seines thrones glimmt.
Thümmel reise 7, 231;
denn:
er (Christus) ward staub, zu erhöhen den staub!
Stolberg 2, 355 (schwanengesang).
staub mit einem weiter charakterisierenden adjectiv:
o stolz des thörichten, des armen staubes!
Klopstock 9, 62 (David 3, 7);
dann wird des zweifelnden staubes besorgnisz,
jede thräne wird schweigen.
3, 215 (Messias 4, 962);
tränke mich, lieber becher! was du bist, war ich und werd' ich,
erde: so tränke denn den noch geniessenden staub.
Herder 26, 25 Suphan;
denn auch ihn, den belebten staub, begnadigtest du,
hauchtest leben deines odems in ihn,
nach deinem bilde bildetest du ihn!
Stolberg 2, 355 (schwanengesang);
aufstreben wollt aus nächten ich zum licht;
da zog mich lichtgeträumten staub hernieder
des tiefen loses schmerzliches gewicht!
Ludwig 1, 51 (zerknirschung).
der gewöhnliche erdenstaub bei Th. Storm 4, 227 die 'misera plebs'.
g)
eine poetische formung des vorigen ist des staubes sohn, geschlecht u. s. w. vgl.:
doch wissen möcht' ich, was die kleinen dort
zu sagen haben, die der staub geboren?
Rückert werke 3, 167;
da die kinder des staubes jenen bau, der den wolken drohete, unternahmen: da wurde der taumelkelch der verwirrung über sie ausgegossen Herder 1, 1 Suphan; aber sie (die Deutschen) kennen die wahren tollworte für den sohn des staubs nicht — menschenrecht und gleichheit Klinger 3, 37 (Faust 1, 7); lob, die lieblingskost des sohns des staubs 5, 357 (Giafar 5, 6); (der teufel spricht:) ich habe mit eiserner stirne, mit unbewegtem geist, den verdammungsspruch des höchsten angehört, werden mich worte der söhne des staubes ausser fassung bringen? 10, 232; vgl. auch ebenda 228 und 230;
ist doch die finsternisz die mutter unsres lichts,
der mensch des staubes sohn und enkel von dem nichts.
Withof akad. gedichte 1, 45;
gott, gott, den mönch und bonze nennet,
und weder mönch noch bonze kennet ...
hier bet' auch ich, des staubes sohn.
Seume (1826) 1, 53;
so lasz, o sohn des staubs, die reinen lauen
geschwisterfluten um dein leben schwellen.
Rückert ges. ged. 1, 119.
des staubes geschlecht:
schon hier vereint in lieb' und recht
sei aller welt gewimmel!
wir sind ja eines staubs geschlecht,
bedeckt von einem himmel.
Voss 1, 51 (Luise 1, 408).
selten sind ausnahmen wie im folgenden, wo die menschen den söhnen des staubes, das heiszt aller übrigen creatur dieser erde, entgegengestellt werden:
aufrecht das haubt zu ewger schöne,
verschmäht er was nur nährt,
und schauet tief des staubes söhne
dem staube zugekehrt.
Voss 4, 143 (die sterne).
vgl.: widrig ist uns, was kriecht und schleicht. wir sehen es als ein niedriges geschöpf des schlammes, des staubes an Herder 22, 79 Suphan (Kalligone 1).
6)
die erde, das irdische jammerthal: da kniet er (der mensch) auf eine ebne dieses staubes nieder, erhebt seinen blick himmelan und betet Herder 6, 46 Suphan (archaeol. des Morgenlandes 1);
lasst den staub erbeben,
gott ist unser hort!
Gleim 7, 183 (nach dem erdbeben zu Lissabon);
gleich einer sonne, die aufgeht,
einem staube zu leuchten, der schwimmt, und erde genennt wird!
Klopstock 3, 288 (Messias 5, 778);
ich weisz, woran ich glaube,
ich weisz, was fest besteht,
wann alles hier im staube
wie sand und staub verweht.
E. M. Arndt im hannov. gesangb. 291, 1;
7)
mehr in das abstracte verflüchtigt 'irdische nichtigkeit, wertlosigkeit, vergänglichkeit', mit dem immer vorausgesetzten gegensatz zu den werten der seele, des jenseits, der unvergänglichkeit; am staube kleben:
die unmännliche seele,
welche, noch nie dem gegenwärtgen entrissen,
stets an dem staube klebt.
Zachariä 376 (begräbnisse).
dem staub anhaften:
fern sei, was befleckt von sünd' ist,
was dem staub' anhaftet, zu klein der menschheit höherem aufschwung!
Voss 3, 161 (erneute menschheit).
wendungen wie den staub durchwühlen und sich im staube nähren mag man aus jenem groszen wort vom überwinden der bloszen büchergelehrsamkeit folgern:
dem wurme gleich' ich, der den staub durchwühlt,
den, wie er sich im staube nährend lebt,
des wandrers tritt vernichtet und begräbt.
ist es nicht staub, was diese hohe wand
aus hundert fächern mir verenget?
Göthe 13, 29 (Faust 1).
8)
staub, ein nichts:
mein ganzes wesen war ein staub, ein punkt, ein nichts,
und ich verlor mich selbst.
Brockes 1, 3;
Saladin. ich staub? ich nichts?
o gott!
Lessing 2, 281 (Nathan 3, 7);
vgl.:
hier modert Nitulus, jungfräuliches gesichts,
der durch den tod gewann: er wurde staub aus nichts.
1, 11, 52 (grabschrift des Nitulus);
und sind auch nicht besiegt;
sie sind's nicht, bis zerrieben klein
ein staub ganz Frankreich liegt.
Rückert 1 (1867), 54;
geb er denen rekruten säbeln und haut die Schildbürger zu staub zusammen Gottl. Stephanie d. jüng. lustsp. 97, 7; ich bin das licht der sonne zu schauen müde! verschafft mir ... eine bahre und führt mich elenden, dessen kraft zu staub versinkt, auf den richtplatz hinaus Kleist 3, 424, 25 E. Schmidt (zweikampf);
alles leben ist raub;
funken, die sonnen entstammen,
lodern, das all zu durchflammen,
da verschluckt sie der staub.
Hebbel 6, 293 Werner (dem schmerz sein recht 10).
9)
als eine im bilde sich bewegende verstärkung der negation. vgl. J. Grimm gramm. 3, 733. niederd. dat halp allent nicht en stôf sächs. chron. bei Leibniz 3, 55ᵃ (vgl. Frisch 2, 322ᵃ); vgl. die verbindung weder staub noch flug: hiezwischen aber hat (man) ine seines langen aussbleibens, und das man weder staub noch flug von ime vernomen, gar verschetzet gehabt Zimmerische chron.² 1, 292, 27. (von einem silberschatz:) daran ist weder staub noch flug mehr vorhanden 2, 231, 20. das ganze eine steigerung der im mhd. vorkommenden positiven negation:
eʒ was in als ein stoup.
Mai u. Beafl. 124, 12 u. ä.
vgl. mhd. wb. 2, 2, 648.
staub m.
Fundstelle: Lfg. 7 (1910), Bd. X,II,I (1919), Sp. 1091, Z. 29
dasselbe wie unten staubbach Schm.² 2, 718. eine begriffliche erweiterung von staub II, 1, l, θ (sp. 1077). zu solch einem staub gelangt man z. b. auf dem gebirgssteig, der von Traunstein und Rupolding durch das Miesenbachthal nach der salzburgischen gegend von Unken führt. ebenda.
Zitationshilfe
„staub“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/staub>, abgerufen am 16.09.2019.

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