standhaft adj
Fundstelle: Lfg. 5 (1907), Bd. X,II,I (1919), Sp. 764, Z. 65
constans. ableitung von stand, erst seit anfang des 16. jahrh. bezeugt: constans ... stanthafft. Dief. gloss. 145ᵃ (voc. ex quo vor 1521); constans, steyff, firmus, perseverans, certus, indubitatus. Maaler 384ᵇ; standhaft, et standhaftig, it. beständig, adj. et adverb. constans, firmus, stabilis, it. perseveranter, constanter. Stieler 2132; stand-haft, standhaftig, adj. stabile, fermo, costante, sodo. v. standfest. beständig. Kramer dict. 2, 931ᵃ, s. ferner Steinbach 2, 671. Frisch 2, 318ᵇ. Adelung. Weigand 2, 796. zeitschr. f. d. wortforsch. 3, 234ᵇ. (schweiz. štandhaft Hunziker 250.)
1)
zunächst in sinnlicher bedeutung.
a)
ganz eigentlich, was seinen stand behauptet, fest steht, nicht umfällt oder einfällt; 'dauerhaft, geschickt, lange zu stehen und zu dauern, besonders von gebäuden; doch nur in einigen besonders oberdeutschen gegenden. ein standhafter, dauerhafter, bau'. Adelung (1). so verlangt ein akad. commissionsbericht von 1771 ein standhaftes gewächshaus für den botan. garten, s. E. Baumstark die univ. Greifswald vor 100 u. vor 50 jahren (1866) s. 35.
b)
die bedeutungen des feststehenden und des ausdauernden sind deutlich vereinigt in folgenden stellen: noch heute begreife ich nicht, wie es möglich gewesen ist, ohne umwerfen durchzukommen, oder wie selbst die standhaftesten räder eine solche fahrt aushalten können. G. Fritsch drei jahre in Südafrika 61; adverbial: das fuhrwerk, in dem ich zu reisen, beschlossen hatte, war eine zweirädrige cape-cart, standhaft gebaut und breit. 40. — nach Campe auch: dies fasz, dies glas ist sehr standhaft, dauerhaft.
c)
von lebenden wesen wird standhaft im allgemeinen nicht gesagt, nur vereinzelt von dem (persönlich gedachten) glück, im gegensatz zu der gewöhnlichen vorstellung, die es auf einer rollenden kugel schwebend denkt, vgl.sinwel 5, a, theil 10, 1, 1222:
und wirt das sinwell glick standhafft.
Weckherlin 436 (od. 2, 4, 8).
d)
ausdruck des bergbaus, standhaftes oder sehr festes gebirge, das schwer zu durchbrechen ist und worin die ausgebrochenen öffnungen ohne unterstützung offen bleiben (gegensatz: brüchiges, rolliges, schwimmendes gebirge). Scheuchenstuel 92. vgl. ständig 1, e.
2)
daran schlieszen sich freiere verwendungen.
a)
im bilde: ich halte gäntzlich dafür, es sey christlich und wohl geredet, dasz man sich einig und alleine auff die gerechtigkeit, welche uns von Christo geschencket wird, als auff eine feste und standhafft sache, lehnen und stemmen müsse. Sperling Nicodemus quaerens 2 (1719), 260.
b)
im sinne einer ununterbrochenen erstreckung, zunächst räumlich: 'im bergbaue brechen die erze standhaft, wenn sie sich in einer beträchtlichen weite erstrecken, und nicht blosz in kurzen nestern oder nieren vorkommen'. Adelung (2).
c)
sonst nur in zeitlichem sinne, längere zeit hindurch gleichmäszig fortdauernd, z. b. die witterung ist standhaft. (nicht allgemein üblich.) auch geradezu für ewig, unvergänglich:
drumb weil ich ja musz sterben,
so wil ich mich bewerben ...
umb ein standhafftes leben,
das Christus mir kan geben.
Königsb. dichterkr. s. 74 neudr.
gewöhnlich mit dem nebensinn des standhaltens gegenüber äuszern einflüssen: guͦt bluͦt gibt ein guͦte complexion, ein guͦte complexion ein standhafft gesundheit. Nazarei vom alten u. neuen gott (1521) s. 62 neudr.; so bald ich nun selbiges (epitaph) mit standhafften farben zierlich ausgemahlet. Felsenb. 2, 410. — adverbial: diebstahl macht nicht standhaft (nur vorübergehend) reich. Wander 1, 595.
d)
auf geistiges übertragen, von äuszerungen u. s. w., die (gegenüber der prüfung, erfahrung, erprobung) stand halten, fest, sicher, zuverlässig: ich gebe ihme dis zu einer unfehlbahren und standhaften versicherung. Butschky hochd. kanzelley s. 187; war ein erbe in schulden so tief versunken, dasz es sich ohne stillestand nicht retten konnte: so machte er ... einen standhaften anschlag vom gute und dessen schulden. Möser patr. phant. 1, 156.
3)
während alle diese gebrauchsweisen nur hie und da begegnen und der gewöhnlichen rede mehr oder weniger fremd sind, ist sehr gewöhnlich der gebrauch des wortes in sittlichem verstande: standhaft seyn ist ein sittliches lob. ... im unglücke musz man standhaft seyn, d. i. gesetzt und groszmüthig alles ertragen. Gottsched beobachtungen 278; 'am üblichsten ist es 3. im figürlichen verstande, gegen alle reitzungen zum gegentheil, besonders gegen alle vorstellungen des scheinguten und scheinbösen anhaltenden widerstand leistend, die fertigkeit dieses widerstandes besitzend, und darin gegründet.' Adelung.
a)
mit synonymen, vgl. oben: s[t]andhafft und beharrig auff seinem fürnemmen, tenax propositi, pertinax, obstinatus. Maaler 384ᵇ; sprichwörtlich:
standthafft und trew, trew und standthafft,
machen ein recht trew verwandschafft.
Zincgref apophthegm. 4, 374;
vgl. Wander 4, 775. den unterschied von beständig, dauerhaft, ewig bestimmt Gottsched a. a. o., vgl. Adelung: 'beständig bezeichnet ... eigentlich die zeitdauer, standhaft aber zunächst den widerstand gegen die hindernisse. geschiehet dieser widerstand gegen rechtmäszige hindernisse, oder gegen vorstellungen des wahren guten oder wahren bösen, so heiszt es hartnäckig, halsstarrig, und in manchen fällen widerspenstig.' doch wird zuweilen auch in diesem sinne standhaft gesagt, s. e. nach Adelung sagt man dafür im nieders. standfast, s. das. (-fest).
b)
zunächst von menschen; attributiv: ein standhafter mann. Adelung; ein standhafter soldate, fortis et constans miles. Steinbach 2, 671; das gemüth eines weisen standhafften menschen ist wie der wassermühlen radt, ob es schon umb und umb vom wasser wird getrieben, so enderts sich doch nicht. Lehmann florileg. (1642) 103, 20. im ältern nhd. auch in der anrede:
ach standthafft, frummer, erbar herr.
H. Sachs 3, 3, 41ᵃ.
substantiviert: ein standthaffter helt fest wie ein eysener riegel. Lehmann florileg. (1642) 102, 4. — in abgeschwächtem sinne: ein so genügsamer standhafter theaterbesucher wie sein vater konnte Friedrich Wilhelm (IV.) ... niemals werden. Treitschke d. gesch. 5, 221.
c)
sehr gern wird standhaft als prädicatsnomen gebraucht: standthafft sein, constare sibi, substare, obtinere firmitudinem animi, constare, perstare, perseverare, permanere, perdurare, sibi consentire. Maaler 384ᵇ; er ist standhafft und beharret auff seinem fürnemmen. ebenda; aber der knab ist so standthaft gewest, das ers dem vatter verschwigen. Zimm. chron.² 4, 137, 23; Arpe. ich bin nie standhaft, um es zu seyn. andre sachen, andre entschlüsse. Malwend. ich bin standhafter, als du, weil ich da keine ändrung sehe, wo keine ist. Klopstock 9, 285 (Herm. u. die fürsten 7); es werden die componisten kommen und eine oper haben wollen; aber da seyn sie gleichfalls nur standhaft und lehnen sie ab. Göthe bei Eckermann gespr. 1, 175;
der Adelsteiner gfelt mir basz:
er dünckt mich sein, standthafft, auffrichtig,
bescheiden, weisz, frumb und fürsichtig.
H. Sachs 3, 3, 46ᵈ;
wer war so fest, so standhaft, dem der aufruhr
nicht die vernunft verwirrte?
Shakesp. sturm 1, 2.
ebenso gewöhnlich standhafft bleyben, perseverare in constantia. Maaler 384ᵇ; restare, rimanere costante. Kramer dict. 2, 931ᵃ; dieser wäre sicherlich auch jetzt noch standhaft geblieben. C. F. Meyer Jenatsch 54;
sie liebte und blieb standhaft.
Schiller 5, 1, 162 (dom Karlos 3, 2);
bleib standhaft und geduldig.
Shakesp. Ant. u. Cleop. 3, 6.
auch:
wie bitter ists, den andern standhaft scheinen,
wenn unser herz der macht des schmerzens unterliegt!
Cronegk 1, 222 (Codrus 2, 3).
d)
häufig durch die präposition in (auch bei) näher bestimmt: standhaft seyn in einem vorhaben, essere, stare saldo, fermo, costante, immobile in un proposito. Kramer dict. 2, 931ᵃ; er ist standhaft in seinem vornehmen. standhaft in seinem stande bleiben. Steinbach 2, 671; in seiner entschliessung standhaft seyn. standhaft in den schmerzen, 'wenn man sich durch die schmerzen nicht aus seiner gemüthsfassung bringen lässet'. Adelung;
und pleybst gedultig dyse zeyt,
standthafft in tugent, redligkeyt.
H. Sachs fastn. sp. 1, 34 neudr.;
die bestimmung ist zu ergänzen:
o gottes sohn, herr Jesu Christ,
dasz man recht könne gläuben,
nicht jedermannes ding so ist,
noch standhaft zu verbleiben.
drum hilf du mir von oben her,
des wahren glaubens mich gewähr
und dasz ich drin beharre.
Hannov. gesangb. 269, 1.
e)
selten nimmt standhaft einen tadelnden sinn (hartnäckig) an, so:
der unterthanen schmerz, der freunde qual zu sehen, ...
diesz schrecket meinen muth, diesz ist ein wahrer schmerz:
bey diesem standhaft seyn, verräht ein hartes herz.
Cronegk 1, 241 (Codrus 3, 8).
so dann auch attributiv, mit änderung der beziehung ein standhafter lügner, der im lügen standhaft ist, standhaft lügt (oder der glaubhaft lügt?, vgl. 2, d): ob ich wol nicht so ein glaubgesicherter, gewisser und standhaffter lugener bin, als er (Plinius) gewesen. Garg. s. 160 neudr.
f)
standhaft wird häufig zu abstracten substantiven gesetzt, so zunächst, die person umschreibend: ein standhaftes gemüthe, animus constans. Steinbach 2, 671; man saget auch, ein standhafter muth, ein standhaftes herz, ein standhaftes gemüth. Gottsched beobachtungen 278;
durch standhafft gemüt,
und strenge hand, die nicht ermüd.
Fischart glückh. schiff 39;
beholt ein standhafft hertz
und lasz dem glück sein schertz!
alter spruch bei Lipperheide spruchwb. 819ᵇ.
zu bezeichnungen von eigenschaften, tugenden: standhafte treu, standhafte liebe. Kramer dict. 2, 931ᵃ; der unschuldig leidende, der allen seinen widrigen schicksalen eine standhafte geduld entgegen setzt. Dusch bei Adelung; seine absicht gieng dahin, ihre standhafte tugend durch die noth aufzureiben. Schiller 3, 561;
hantfest arbeitsamkeyt
und standhafft unverdrossenheit.
Fischart glückh. schiff 30;
er (gott) prüfet durch das kreuz,
wie rein der glaube sei,
wie standhaft die geduld.
Hannov. gesangb. 412, 1.
zu verbalbegriffen: standhafft fürnemmen, fixum, certum consilium, tenax propositum, animus obfirmatus, obstinatus, sententia, mens stabilis. Maaler 361ᵇ; standhafter glaube, fede costante, forte. Kramer dict. 2, 931ᵃ; krankhafte zufälle, in ansehung deren das gemüth das vermögen besitzt, des gefühls derselben durch den blosen standhaften willen ... meister werden zu können. Kant 1, 316 (macht des gem., beschl.); dasz die standhafte beflissenheit zu einem moralischguten lebenswandel alles sei, was gott von menschen fordert. 6, 273 (relig. 3, 1, 5); ein schreiben .. von dem standhaften ende des märtyrers Blasius Alexander. C. F. Meyer Jenatsch 96.
g)
ebenso tritt standhaft dann auch zu verben, als adverb: er hat es standhaft vertheidiget. Steinbach 2, 671; was ist es, das da macht, dasz wir uns zuweilen eines geheimen kummers standhaft entschlagen können, indem die vorstellung, dasz wir unter dem schutz einer höchst gütigen vorsicht stehen, uns aufrecht erhält? Lichtenberg 1, 115; denn freilich ist es leichter zu sterben, als ein qualvolles leben standhaft zu ertragen. Göthe 16, 67; nun und bey dieser männlichen rechte! schwör ich euch hier, treu und standhaft euer hauptmann zu bleiben. Schiller 2, 48 (räuber 1, 2); frauenzimmer, die mitten im unglück so standhaft auf ehre hielten, und meiner verführung so beherzt widerstunden, müssen nothwendig geschöpfe der seltensten gattung seyn. 3, 567; der kurfürst weigerte sich standhaft, ... dem Kohlhaas das freie geleit, das er ihm angelobt, zu brechen. Kleist 3, 216 Schmidt; indesz ... hatte der pater in der küche neben feuer und rauch standhaft den augenblick erwartet, wo die thüre in splitter flog. C. F. Meyer Jenatsch 81; (mit andeutung der grundbedeutung:)
drum soll mein herze standhaft stehen,
ob mancher wind des kreuzes weht.
Hannov. gesangb. 419, 4;
im glück
verläszt sie mich, die angeborne kraft,
die standhaft mich dem unglück, stolz dem unrecht
begegnen lehrte.
Göthe 9, 122 (Tasso 1, 3);
aber ich harrete dort standhaft (μένον ἔμπεδον), bis die mutter herankam.
Voss Od. 11, 152;
du aber ertrage sie (die leiden) standhaft.
13, 307;
ich kann's nicht fassen,
nicht standhaft tragen wie ein mann, dasz sie
mir alles ... so verweigern.
Schiller 5, 2, 205 (don Karlos 2, 2).
etwas standhaft behaupten, aliquid firme sustinere. Steinbach 2, 671 (vgl. 2, d).
Zitationshilfe
„standhaft“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/standhaft>, abgerufen am 26.06.2019.

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