sitz m.
Fundstelle: Lfg. 7 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 1276, Z. 49
mhd. siz mhd. wb. 2, 2, 337ᵇ. Lexer mhd. handwb. 2, 950 (Graff 6, 302 lies für sizzes sezzes. Murbacher hymnen 6, 6, 3). das wort tritt erst im mhd. auf und fehlt in allen auszerdeutschen sprachen. mnd. sit bei Schiller-Lübben nachtr. 262ᵃ ist aus dem hochd. eingedrungen; auch das neunld. hat ein dem deutschen sitz entsprechendes zit.
1)
in verbaler anwendung, einen zustand bezeichnend: sessio, sitz Dasypodius;
zuo snelle noch zuo træge mit dem sitze.
jüng. Titurel 3985;
im schweiz. bezeichnet siz das zusammensitzen zur unterhaltung (obesiz, abendsitz). Hunziker 243; daher uf ei siz zwo moss trinke. ebenda; in einem sitz, auf einem sitz (vgl. sitzen 1) wird dann ganz allgemein in dem sinne von 'auf einmal, in einer zusammenhängenden, nicht unterbrochnen handlung' gebraucht (ähnlich auf einen ritt, in einem ritt); auf einen sitz grosze summen verspielen; in einem sitz studiren, lesen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 823ᶜ; vgl. Spiesz 234. Albrecht 212ᵇ; verspielte auff einmal zu einem sitz viel tausend gulden. Zinkgref apophth. (1639) 1, 148; (als) ein gemeiner soldat über 20 000 ducaten in specie darinn erwischt, solche aber bald hernach auf einen sitz wiederum verspielt hatte. Simpl. 3, 207, 5 Kurz;
hat nechtn verspilt hundert ducaten
vast auff eim sitz.
Sachs fastn. sp. 4, 142, 112 neudruck.
ungewöhnlich im plur.:
durch zwen sitz in dfeder dictirt.
Ayrer 4, 2557, 7 Keller;
'warum denn aber bei unsern sitzen
bist du so selten gegenwärtig?'
mag nicht für langer weile schwitzen,
der mehrheit bin ich immer gewärtig.
Göthe 47, 235.
in neuerer sprache ist eine andere art verbaler anwendung aufgekommen, in sofern als sitz die art und weise des sitzens bezeichnen kann: schlechter sitz eines rockes; tadelloser sitz des reiters u. ä.: der sitz zu pferde macht einige zu rittern, andere zu stallknechten. don Quixote übers. von Tieck 2, 316 (Berlin 1874); reitsitz als turnerischer ausdruck.
2)
sitz setzen ponere sedem Dasypodius; sitz, der, etwas darauff man sitzt. Maaler 375ᵇ. beachtenswert ist, dasz im gebrauche des wortes die allgemeinheit und unbestimmtheit der bedeutung meist festgehalten wird; vor allem verwendet man es nicht gern, wenn es sich um die konkrete vorstellung eines beweglichen zum sitzen bestimmten gerätes handelt, so dasz man etwa sagen würde: bring doch dem herrn einen sitz; die lexikographen freilich verzeichnen sitz auch in diesem sinne; leicht geht sitz über in die bedeutung 'sitzgelegenheit', z. b. er fand noch einen sitz am ende der bank; recht des sitzens: einen sitz im theater bestellen. andrerseits kann auch wieder eine ganz konkrete vorstellung zu grunde liegen, besonders wenn es sich um theile eines gröszeren ganzen handelt, die zum sitzen eingerichtet sind und nicht wie stühle, schemel beweglich sind: sitz des kutschers, ein wagen mit vier sitzen; in der grotte, an der wand, an beiden seiten des portals sind sitze angebracht (schwerlich aber: in der grotte standen bequeme sitze). solche unterschiede sind wol bemerkbar, aber der lebendige sprachgebrauch erkennt sie nicht als unumstöszliche regeln an. in eingeschränkter bedeutung bezeichnet sitz den theil einer sitzvorrichtung auf dem man sitzt (der sitz eines stuhles, die fläche worauf man sitzet. Adelung; stühle mit gepolsterten sitzen; ebenso: sitz des sattels. Jacobsson 4, 180ᵃ). sitz, sedile, sella Dasypodius; felliger sitz, so ein sitz under einem niderfalt; einem den ersten oder fürnembsten sitz gäben. Maaler 375ᵇ; beth, sitz von grasz. Henisch 342, 16; sitz, stul. Hulsius dict. (1616) 299ᵃ; sessibulum, ein sitz. Corvinus fons lat. (1660) 583ᵃ; sitz, sedile. Schottel 1416; der herr nehme einen sitz, einem einen sitz geben; vom sitz herabfallen, stoszen; seinen gewissen sitz in einer kirche, comedie haben; einen sitz auf der landkutsche, im schiff, im bade, in der comödi bestellen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 823ᶜ; sitz des dachdeckers, die an seilen hängende sitzvorrichtung. Jacobsson 4, 180ᵃ; in der allee sind hin und wieder sitze angebracht. Adelung; die harte erde, ein stein war mein sitz. ebenda; keinen sitz finden, sich vom sitze erheben; zusammensetzungen: rück-, vordersitz im wagen; ehrensitz bei tische; freisitz im theater; sperrsitz, sowol der einzelne sitzplatz als die ganze abtheilung; ein guter, trockner, bequemer, schattiger sitz u. s. w.; der sitz (des schützen) was 110 schritt (vom ziel). d. städtechron. 23, 469, 10; (könig Salomo liesz sich eine sänfte machen) die decke (war) gülden, der sitz purpurn. hohel. 3, 10; wenn du künftig deinen gästen in bessern zimmern, auf bequemern sitzen deine guten speisen aufsetzest. Göthe 11, 277;
der pâbest und diu keiserin sie zuo ir sitze brâhten.
Lohengrin 6397;
ein carrotshe, dar ein chuniclich sitz.
Ludwigs kreuzfahrt 6522;
daʒ er dich iht werfe ûʒ êren sitze.
jüng. Titurel 1116;
sie sank auf einen weichen sitz
von rosen und von moos.
Wieland 23, 112 (Oberon 8, 72);
auf der steinernen bank, wo sein gewöhnlicher sitz war (fast verbal).
Göthe 40, 264;
der alte schiffer sitzt und träumt
gar ruhig auf dem nassen sitze.
Arndt ged. 410 (1840).
der höchste sitz ist der thron:
Abbas .. auf Irams höchstem sitze.
Göthe 5, 154;
sitz allein:
durch solches trachtt er sträng nach scepter, siz, und kronen.
Rompler v. Löwenhalt 19.
3)
einen sitz in einem beschlieszenden, verwaltenden, regierenden collegium haben, berechtigt sein an der beratung, beschluszfassung theilzunehmen (vgl. sitzen 4, g); häufig wird sitz mit stimme verbunden; einen sitz im rathe haben. Steinbach 2, 583; sitz, eines glieds des teutschen reichs, auf den reichs-tägen. Frisch 2, 281ᶜ; sitz und stimme in einem collegio haben. Adelung; endlich und mit mühe erfochten die protestanten ihrer religion einen sitz im kammergerichte. Schiller 8, 17; (sie) hatten im staatsrath sitz und stimme. 7, 93;
der jüngling, der mit Psychen sich
vermählte, der im rath der götter sitz
und stimme hat.
Göthe 9, 110;
(übertragen:) so musz ich bekennen, dasz nicht sowohl die körperliche ausdehnung meines schauspiels, als vielmehr sein innhalt ihm siz und stimm auf dem schauplaze absprechen. 2, 5;
manch' keckes blatt,
das sitz und stimme auf dem nachttisch hat.
Kl. Schmidt kom. erz. 349 (1802).
mit derber ausdeutung: er hat sitz und stimme im hintern. Wander sprichw.-lex. 4, 579.
4)
stätte dauernden aufenthalts, ort der niederlassung, des wohnens (vgl. sitzen 4, a): sitz, herberg, wonung; sitz der glöubigen oder säligen, das paradeysz oder himmelreych. Maaler 375ᵇ; baw, hausz, behausung, sitz. Henisch 199, 40; der königlicher pallast (sitz). Comenius sprachenth. übers. von Docemius 679; fürstlicher sitz, residentia, reichshofsitz, aula caesarea; amts-, bauren-, grafensitz. Stieler 2037; seinen sitz irgend haben. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 824ᵃ; seinen völligen sitz in der stadt auf schlagen. Steinbach 2, 583; Wien ist der sitz des römischen kaisers; die alten deutschen völker hatten ihren sitz an dem schwarzen meere. Adelung; am sitze der regierung; die stadt ist sitz eines amtsgerichtes; wohnsitz, herrensitz, bischofssitz u. s. w. in älterer sprache besonders kann sitz in dieser anwendung einen ganz prägnanten sinn haben: besitzung, hof eines gröszeren grundbesitzers, eines adligen oder fürstlichen herren, vgl. Schm. 2, 345; Hunziker verzeichnet: siz, haus und hof besserer geltung. 243; s. auch sitzlein; etlich sitz und dorffer, den von Nuremberg zusteend. d. städtechron. 3, 293, 22; pei Erlastegen, bei seim sitz. 11, 605, 10; het er einen köstlichen sitz gepaut an der Hirsselgassen. 641, 14; da zoch er auff sein sitz oder schlosz. 25, 31, 7; der hett ain sitz in seinem land. 32, 5; es soll kain kollgrueben bei ainer behausung oder siz ... gemacht werden. steir. taid. 310, 20; sich eines tags begab, dʒ sie mit einem alten ritter auff ein halbe tagreysz von Parisz auff einen seinen sitz ritten. buch d. liebe 250ᵇ;
heint werd zu gast essen ich
bey herr Wilhelm auff seinem sitz.
H. Sachs 17, 35, 31 Keller-Götze;
dasz ein jeder sich ab seinem gut und sitz
frölich vernügen möcht.
Weckherlin ged. 187 (1648);
und dort, in schöner fläche,
das neugebaute haus
umschlingen pappelbäche,
so freundlich sieht's heraus.
wer schaffte wohl da drüben
sich diesen frohen sitz?
Göthe 3, 47;
er hat zu Gitschin einen schönen sitz.
Schiller Piccolom. 3, 4.
in der aus den älteren belegen zu erschlieszenden prägnanten anwendung braucht die neuere sprache in gewöhnlicher rede nicht sitz sondern besitzung. im übrigen kann je nach dem zusammenhange eine gröszere oder geringere bestimmtheit in dem worte liegen, die anschauliche vorstellung einer behausung, eines complexes von behausungen vorliegen oder auch nur an den ort des wohnens, des sich niederlassens gedacht werden: so wollestu hören im himel, in dem sitz da du wonest. 1 kön. 8, 39; und dis ist jre wonung und sitz in jren grentzen. 1 chron. 7, 54; gewisz, dasz heutiges tages vast kein volck unter der sonnen ist, so sein vätterliche sitze behalten. Meyfart himml. Jerusalem (1630) 2, 190; (die stadt) ist von ihm und folgenden grosz-fürsten als ein zaarischer sitz gebrauchet worden. Olearius pers. reisebeschr. (1696) 72ᵃ (3, 1); (dasz ich) dannoch bey den menschen meinen zugang erpracticire, mir einen vesten sitz stelle. Simpl. 2, 140, 3 Kurz; vor dessen hatten die schwestern der musen, die fürstinnen der wolredenheit, ihren sitz auff diesen bergen. Schuppius schriften 848; so weit ich aus meinem sitze mechanisches vermögen habe, meinen boden gegen den eingriff anderer zu sichern (z. b. so weit die kanonen vom ufer abreichen,) gehört er zu meinem besitz. Kant 5, 74; (dasz er) einen gar vortheilhaften sitz (hier mehr im sinn von stelle) nach verdienst und wunsch erlangen sollte, gerade mittewegs zwischen der akademie und dem oberamtmann gelegen. Göthe 21, 132;
ja auch der götter macht
hat jhren (der götter) sitz vollkommen
und seelig nicht gemacht.
Weckherlin ged. 386 (1648);
(bis sein geist)
auf engelschwingen durch der sterne goldne reihn
zum sitz der gottheit flog.
Hölty 45 Halm;
zu reinigen die oft entweihte scene
zum würd'gen sitz der alten Melpomene.
Schiller 11, 325;
hinter Wismar ist meiner eltern sitz.
Wallensteins lager 11.
von thieren:
des kirchthurms giebelspitze ...
wo der storch auf hohem sitze
friedlich seine jungen heckt.
Salis ged. 91 (1821).
5)
in freierer anwendung, der ort, wo etwas sich findet, entsteht, nahrung zieht: sitz der krankheit, des übels, der gefahr u. ä.; wir wissen auch, und ist bekant, was für einen herrlichen sitz die freye künste (in Deutschland) mit groszem nutzen desz gantzen erdcraises haben. Schuppius 778; der glaube und die liebe hat ihren sitz in dem innerlichsten mittelpunct oder in den höchsten gipfel der seele. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 824ᵃ; menschenherz! ... du, des bewusztseyns sitz. Lavater handb. f. freunde (1790) 3, 25.
hätte meiner seelen sitz,
mein herz, sich verwirret.
P. Gerhardt 246 Gödeke;
dasz deine sinne selbst, der freuden sitz und thüren
in unverrückter krafft noch fülen, schmecken, spüren.
Brockes 1, 316 (1739);
nur unsre jugend ist der sitz der fröhlichkeiten.
Hagedorn 2, 116 (1771);
es war kein schattenspiel
im sitz der fantasie aus weindunst ausgegohren.
Wieland 22, 149 (Oberon 4, 9);
eure wangen, sonst der sitz
schaamhaft erröthender bescheidenheit.
Schiller M. Stuart 1, 4;
eure hofstatt ist
der sitz der minne.
jungfrau von Orl. 3, 3;
jetzt sind sie (die klöster) der sitz geistlosen gebets, einst waren sie sitz der gesittung.
Platen 316ᵇ;
das fieber warst du einer kranken zeit,
bestimmt vielleicht des übels sitz zu heben.
Grillparzer⁵ 2, 89;
mit andrer vorstellung: das bluͦt ist ein sitz, oder ein sessel der selen. Keisersberg postille 3, 3 (1522).
6)
in besonderer anwendung:
a)
der sitz, der arsz. Maaler 375ᵇ; eyertotter hert gekochet, unnd warm gebraucht, sind guͦt zuͦ den geprästen desz sitzes. Gesner - Heuszlin vogelb. (1583) 98ᵇ; darf von gerichts wegen verstrichen werden eines armen schuldners kopf? ... oder sein sitz? ... anmerkung: der sitz, das sitzfleisch. Rückert makamen 2, 52 (1837); umgekekrt wird auch gesäsz im gewöhnlichen sinne von sitz gebraucht. vgl. mhd. sitzel, podex mhd. wb. 2, 2, 337ᵇ. Lexer mhd. handwb. 2, 944; auch unten sitzlein:
klain in der mitt, ain dicken sitz.
O. v. Wolkenstein 89, 3, 1.
b)
sitz bekommen, heiszt es wol von einem schiff, das aufläuft: der schiffer hat plötzlich sitz bekommen, sein fahrzeug steht hoch auf dem sande.
c)
der 'blosze fleck' auf dem boden, wo das wild sich niedergelassen hat, wird ruhe, bette, sitz, wohnbette genannt. Heppe wohlr. jäger 247ᵃ; vgl. Kehrein wb. d. weidmannsspr. 64; sitz, gesäsz, 'eine hölung mitten im gewürchte, der ort, wo sich die bienen am häufigsten zusammenhalten'. Overbeck bienenwb. 36.
Zitationshilfe
„sitz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/sitz>, abgerufen am 16.07.2019.

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