schwang m
Fundstelle: Lfg. 12 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2220, Z. 46
schwingende bewegung, üblichkeit. eine auf das deutsche sprachgebiet beschränkte nominalbildung zu schwingen, vgl. dieses und schwung. neben schwang steht, ursprünglich in gleicher bedeutung, schwank. derselbe wechsel zwischen auslautendem g und k findet sich auch bei klang, vgl. th. 5, 945. der grund ist noch nicht sicher erklärt; während Noreen urgerm. lautl. 184 alten indogermanischen wechsel annimmt, leitet Kluge⁵ 199ᵃ (zu klang) das k aus kk her, das auf assimilierung eines n (*kn) beruhen würde. in der verwendung werden beide formen in der ältern sprache nicht auseinander gehalten; auch läszt sich eine sonderung um so weniger durchführen, als sie im nom. und acc. lautlich (und in der phonetischen schreibung des mhd. auch orthographisch) zusammenfallen, der unterschied also nur in den viel seltener begegnenden flectierten formen zu tage tritt. erst die neuere sprache hat die gebrauchssphäre beider wörter streng geschieden und zugleich bedeutend eingeengt, indem sie auf je eine spezielle bedeutung beschränkt sind, während sie in der allgemeineren verwendung durch das erst spät auftauchende schwung verdrängt sind. ob schwang und schwank gleich ursprünglich sind, kann man bezweifeln. im ahd. ist nur letzteres belegt in der glosse hinaswanch impetus Graff 6, 887. vielleicht ist schwang eine neubildung unter einwirkung von schwingen. mhd. begegnen beide formen, d. h. nom. swanc, gen. swanges und swankes, doch ist die letztere weit häufiger, s. mhd. wb. 2, 2, 805. Lexer handwb. 2, 1334 f. einen plural mit g scheint man nie gebildet zu haben. mnd. swank erst spät und selten in ganz derselben anwendung, wie im nhd., s. Schiller - Lübben 4, 485ᵃ, wol aus dem hd. entlehnt. nl. swanck, vibratio, libratio, motus Kilian; holl. zwang, vgl. Franck 1227, und zum ganzen Kluge⁵ 340ᵇ. Weigand 2, 660. — in mundarten scheinen beide formen nicht sehr verbreitet. schwang ist vielfach erst aus der schriftsprache herüber genommen, so schweiz. im schwang si. Hunziker 234, s. auch Schmeller 2, 638, und auch nd. als swang, siehe ten Doornkaat Koolman 3, 371ᵃ. Schambach 220ᵃ (auch im mnd. und holl. ist swank, zwang in dieser bedeutung wol entlehnt). schwank im jetzigen sinne ist im bair.-österr. zu hause, s. Schmeller 2, 639 f. Hügel 145ᵇ. Schöpf 657. in der Schweiz als lehnwort Hunziker 234. weitere und alterthümlichere bedeutung zeigt schwank in der Schweiz Stalder 2, 360 (? 'wank, schwingende bewegung'), ferner besonders in Thüringen (plur. schwäng hiebe) Hertel 42, sprachsch. 324, und in Sachsen in der redensart für den schwang halten, eine gefahr abwenden (eigentlich einen streich parieren) Albrecht 209ᵃ, fîrn schwank haln Göpfert 30. bedeutung:
1)
schwang bezeichnet zunächst jede schwingende bewegung, transitiv und intransitiv: schwang, der, et schwung, libramentum, motus perfectus Stieler 1984. diese bedeutung ist im mhd. sehr gewöhnlich und im ältern nhd. des 16.—17. jh. noch häufig genug; in poetischer sprache findet sie sich vereinzelt bis in die neueste zeit. neben schwang steht, nicht ganz so häufig, schwank, ohne unterschied des sinnes; beide formen werden in derselben quelle oft neben einander gebraucht. da sich eine scheidung nicht durchführen läszt, so sind sie hier zusammen behandelt.
a)
intransitiv, von lebenden wesen, zunächst von menschen, aufschwung, sprung u. ähnl.: flugs sprang er nach des pferds ohren .. unnd nam ein solchen schwang, das er im sattel wie ein fraw zusitzen kam. Garg. 230ᵇ;
er frumte manegen snellen swanc:
dicke er von Gâwâne spranc,
und aber wider sêre ûf in.
Parz. 542, 5;
dô tet er von im einen swanc.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 10211;
weil zu den feinden vor, mit einem starcken schwange,
er auff die andre seit, des breiten grabens, sprange.
Dietr. v. d. Werder Ariost 15, 4, 1.
ferner von der schwankenden, taumelnden gangart eines betrunkenen: in diesem aber seynd sie (die betrunkenen) alle gleich, dasz sie mit der zungen stamlen, im schwang eynher tretten, und nicht bey rechter vernunfft sind. Wirsung arzneib. (1597) 736 B. aber auch als ausdruck des hochmuts (wiegender, schaukelnder gang?): gat mit weiten schritten in zimlichem schwank, als wer er hoffertig. Schade sat. u. pasqu. 3, 41, 3. mhd. auch für gang überhaupt:
ir (Isoldens) trite die wâren unde ir swanc
gemeʒʒen, weder kurz noch lanc.
Trist. 10993.
so besonders einen swanc nemen:
dâ giengen si her unde hin ...
und loseten mit dem gange
dem süeʒen vogelsange.
sô danne nâmens einen swanc
hin dâ der küele brunne klanc.
17161;
ähnlich noch nhd.:
(die stimme) hat mich gemacht so mat und krank,
ich kan nit halten einen schwank.
Schade sat. u. pasqu. 3, 127, 22
(in der anm. s. 260 erklärt: 'ich kann keinen fusz mehr vor den andern setzen'). von andern bewegungen:
ey welh ein süeʒer umbevanc
wurde mit zwein armen planc
und welh ein lieplîcher stranc (var. swanc)
vier peinel in einander.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 12068;
da was küssen und drucken ...
mit armen lieber umbevanc
und manec minneclîcher swanc.
18597.
swanc von thieren, stosz eines raubvogels:
zeimal vloc nach wilden vogeln
ein sperwer, den sin hunger twanc
und im misseriet sin swanc.
pass. 61, 32 Köpke;
sprung eines flohes:
sonder (ich) nam einen grossen schwanck,
dem meidlein in den buͦsen sprang.
Fischart dicht. 2, 402 Kurz (flöhh.¹ 579).
gang (in windungen, bogenlinien):
er (der rabe) nam jm manchen krummen schwanck,
und thaͤt auch manchen umbganck.
renner 12ᵃ;
ein füchsz hievor der hunger zwangk,
drumb thet er manchen krumen schwanck.
15ᶜ.
zagels swanc:
daʒ selbe tier (der pardus) wont stæte der löuwinne bî,
swie doch des löuwen kraft und minne beʒʒer sî,
unt swie sins zagels swank in zornes twinget.
minnes. 2, 379ᵃ Hagen.
b)
von festen gegenständen, zunächst von einer pendelartigen bewegung; so von der glocke noch in der heutigen sprache, doch nur in den unter 2 behandelten verbindungen: eine glocke in den schwang bringen, die glocke kommt in schwang, ist im schwange: die klokke geht im schwange. Schottel 1411; im schwang seyn, als eine glocke, moveri, in motu esse. Frisch 2, 241ᵇ; in den schwang bringen, als eine glocke, motum dare campanae, agitando et trahendo principium motionis dare. ebenda; gläserne glocken bringt ein wind in schwang. ebenda; als ich mich bückte, so kriegte die glocke den schwang. Chr. Weise freym. redner s. 688; noch bei Campe (doch ist jetzt auch hier schwung entschieden gebräuchlicher). sprichwörtlich: die glock ist noch im schwanck, und steckt dz noch in jnen, dz sye nechst muͦt hattent zuͦthuͦn. dz feür ist noch nit geloschen. Keisersberg post. 2, 92ᵇ. ferner: die unruhe (in einer uhr) ist meister über das gewichte, und hält ihren schwang wie der perpendicul. Dr. Becher närr. weish. 17.
c)
das schwanken, neigung vornüber zum sturz u. ähnl.: den schwang bekommen, inclinare, propendere, cernuare, in partem inferiorem procumbere Stieler 1984; der kutscher wolte geschwind durchrennen, und denckt nicht, dasz auf der einen seite so ein tieff loch ist, da kriegt die kutsche den schwang, dasz ich flugs hinten runter pralle. Reuter ehrl. frau s. 106 neudruck (krankheit u. tod 2, 2); als der stamm nun bisz an die helffte durchhauen war, kriegte der gegen der Elbe hangende gipffel den schwang, und spaltete den holen schaft der linde nach der länge entzwey. Lohenstein Arm. 2, 1287ᵃ; im bilde: denn nachdem die Semnoner und Langobarden sein joch von sich geworffen, .. gewann es das ansehen, als ob dem königlichen Marbodischen stuhl ein bein abgebrochen wäre, und dahero selbiger auf denen übrigen nicht lange mehr bestehn, sondern gar bald den schwang zu seinem untergange bekommen würde. 1512ᵇ. — auch vom schwanken und schüttern der erde:
die erde kam durch roszhuf in schwang.
Rückert Firdosi 2, 184.
ähnlich mhd. der brücken swanc, die schwankende brücke:
der rebeiʒte nider unde zôch
sîn ors ûf der brücken swanc.
Parz. 181, 27.
d)
von einer kreisförmigen bewegung, umschwung, umlauf, von windmühlenflügeln:
ich wil, wo euch geliebt, die flügel die der wind
an einer mühl umreiszt, wenn sie im schwange sind,
allein mit einem streich entblöster kling' auffhalten.
A. Gryphius 2, 106.
von einem rade:
eʒ (das glücksrad) nam ir einen swinden swanc
unt warf mich sunder mînen danc
sô verr hin abe,   daʒ ichʒ nie kunde erreichen.
Reinmar v. Zweter 247, 10 Roethe.
so auch:
nach des cirkils swange.
zeitschr. für deutsches alterthum 17, 365, 37.
umlauf des himmels:
wie sich der grössern liechtern gang,
wie des gesternten himmels schwang
gewisz und ordenlich bewögen.
Weckherlin 550.
daher auch (mhd.) des jâres swanc:
in des selbin jâris swanc.
Nicol. v. Jeroschin 20758. 22311.
ähnlich vom rundgehen des bechers beim zechgelage:
gleich wie disz gläszlein geht im schwang,
also das lied herumb her gang,
das der supprior anfang.
Garg. 49ᵃ.
e)
schwang vom laufe eines flusses u. ähnl., besonders mit bezug auf die richtung, die er nimmt:
Tyberis, ein waʒʒervlut,
die iren swanc bi Rome tut.
pass. 196, 14 Köpke;
ein vlutic waʒʒer nam den swanc
durch den hof al enmiten.
Marienleg. 17, 6;
o Basel, du holtselig statt,
die den Rein in der mitte hatt,
allda er nimt ein newen schwang
gegen mitnacht vom nidergang.
Fischart glückh. schiff 493.
so auch: er (der nordwestwind) bewegt auch mitt seiner ungestüme das möre mit solchen grausamen wellen, das zuͦm offtern mal das möre seinen schwangk nimpt etwan ferr in das erdtrich hinein. Münster cosmogr. 163;
ir kel was ein lûter vel,
dâdurch sach man des wînes swank,
swenne diu schœne vrouwe trank.
ges. abent. 1, 456, 49.
im bilde:
in sulcher forme quam darna
die milde barmherzekeit (als flusz gedacht), ...
so hin durch die helle
was vil snellich ir ganc;
si nam da durch einen swanc
an volgeme strame.
pass. 4, 18 Köpke;
wen by dem als er spricht flüsset dir zuͦ richtuͦm, soltu verston dz richtuͦm unnd zitlich guͦt nüt anders ist den eyn fliessent wasser ... wenn denn der richtuͦm dört (zu Basel) xx ior geflüsset, den keret er sich umb und nympt den schwanck eyn andren weg gen Kölln. Keisersberg bilger 112ᵈ. — so auch: der schwank der wellen, impulsus, impulsio, affluxus, et refluxus undarum Stieler 1985; schwank, wenn man von wasser oder fiüssigen materien redet, absonderlich in geschirren, aquae in se fluctuantis motus, moto vase in quo est. Frisch 2, 241ᶜ.
f)
von gegenständen, die auf dem wasser treiben; so vom schiff, im bilde:
sant Peters schyfflin ist jm schwangk,
ich sorg gar vast den undergangk.
Brant narrensch. 103, 63.
hier liegt vielleicht eine nominalbildung zu schwanken vor; so sicher in folgender verwendung: schwankung, die, das schwanken, et der schwank, vacillatio, titubatio, commotio Stieler 1985; bildlich: schwank, quoque mutationem et dubitationem designat Stieler 1986.
g)
von andern gegenständen, schwung des schwertes (vgl. k):
diz swert, ir gotis rittere wert,
vûrt recht als Saul sîn swert,
daʒ nî îtel widirquam,
swâ iʒ sînen swanc hin nam.
Nicol. v. Jeroschin 2477.
zug der wolken, vgl.:
so wunnecleich kam es (das brieflein) geflogen
da her in einem regenbogen,
einr wulchen swanch sein umbehanch.
H. Wittenweiler ring 15ᵇ, 24;
von flammen:
unde daʒ des fiwers flammen swanch
uns niht uberloufe!
fundgr. 1, 129, 14.
von der sonne:
der sunnen glanz
ist worden ganz ...
diu hât ir swank
gewunnen, daʒ si schône spilt.
minnes. 1, 345ᵇ Hagen.
vom winde: wann der wind Corus, den die schiffleüt verteütschen nordwest, seinen schwang nimpt, handlet er gar ungeschaffenlich an den mörstetten, dann er bewegt und erschüttet die bäum u. s. w. (vgl. das folgende unter e). Münster cosmogr. 163. — weiter abliegendes besonders im mhd., so von der stimme:
daʒ er mit lûtir stimme swanc
begonde singin disen sanc.
Nicol. v. Jeroschin 9589.
von blicken:
daʒ dem grôʒ sælde wære geschehen,
swen dâ reichte ir ougen blickes swanc.
Wolfram v. Eschenbach Willeh. 155, 25;
swen ir beruorte ir ougen swank,
was der vrô, der sol des danken.
minnes. 1, 203ᵇ Hagen.
h)
auch von abstracten, bildlich, oft stark verblaszt (besonders im mhd.):
sît mich errank
ir minnen swank
in ir getwank.
minnes. 1, 115ᵃ Hagen;
ein stab für der schanden swanc.
Laszberg lieders. 3, 29, 225.
weniger abgegriffen im nhd.:
dein lob gleichwie dein wort soll mit fruchtreichem schwang
die gantze weitte welt erquickend überglänzen.
Weckherlin 94;
dasz derhalb kein undergang
ewer lob und ehr bedöcken,
sondern mit wachsendem schwang
sie sich mögen stehts auszströcken.
355;
dan meinem geist der psalmen klang
so hoch erhöbet und ergötzet,
dasz er mit götlich purem schwang
wirt in das firmament versötzet.
577;
als sein stoltz war in dem höchsten schwanck.
697;
andre verwendungen, die sich hiermit berühren, s. unter 2.
i)
während alle die behandelten gebrauchsweisen auf der intransitiven bedeutung 'sich schwingen' beruhen, gehen andere von dem transitiven sinne 'etwas schwingen, schwenken, in schwung oder bewegung setzen' aus; so steht einer sache einen schwank geben ganz im sinne von schwingen:
jungfraw, hebt auf ewer schneeweisze hand
und gend (gebt) dem krenzlin einen schwank
und setzen mirs auf mein gelbes har!
Uhland volksl.² 10 (3, 7).
einem einen schwank geben, beim ringen: da Rulant sahe, das er Reynhardten nit abbrechen kundt, er ging zuͦ jme, und umbfasset jn mit seinen armen, unnd Reynhardt jne hinwider, inn ringens weise, sie gabent eynander manchen schwanck, und kundt doch jrer keyner den andern fellen. Aimon v 2ᵃ;
Gâwân kunde ringen
unt mit dem swanke twingen.
Parz. 538, 10.
ähnlich: do ergreift er in mit dem ainen fuess, fast in darauf, nimpt damit den schwank und schwenkt in über sich uf den hohen stuel. Zimm. chron.² 4, 181, 4 Barack.anderes, so ein griff in die harfe:
ir vinger sah man slîfen ...
sie teten mangen süeʒen swanc
in der herphen ob und ouf.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 16075.
k)
überaus häufig ist im mhd. swanc von waffen:
er lernte den gabilôtes swanc.
Parz. 120, 2;
sô si (bolzen) armbrustes span
mit senewen swanke trîbet dan.
181, 2;
fünf hundert stabeslingen
mit listeclîchen dingen
zem swanke wârn bereite.
568, 23;
ich meine sîner stangen swanc,
der ûf helmen unde ûf schilden klanc.
Willehalm 416, 29;
besonders häufig swertes swanc:
sîn ros nam er mit den sporn ...
und frumete manigen swertis swanc.
Lamprecht Alex. 1820;
Hildebrant der alte   ze Kriemhilde spranc,
er sluog der küniginne   eines swertes swanc.
Nibel. 2313, 2;
wirt immer fiwer ûʒ helm geslagen
und verhouwen schildes rant
mit swertes swanc von mîner hant.
Ulrich v. Lichtenstein 55, 26;
helm und schilte scherten
sach man mit swertes swanke.
Reinfr. von Braunschweig 20119.
vgl. auch:
des enwolt der Antschouwîn in niht erlân
unt traf in ortpics mit eins slages swanke.
der jüng. Titurel 5453.
swanc unde slac, stich u. ähnl.:
hie mite begunder mâʒen ..
die rihte wider Tristanden
einen wurf und einen swanc,
der was grôʒ unde lanc.
Tristan 16019;
manegen stich unde swanc
frumte der Gunthêres man.
Biterolf 10588;
zem jüngsten giltz zwen swenk und ain slag.
des teufels netz 2060.
verbale fügungen; am häufigsten einen swanc tuon:
er lief, da er einen stap sach,
und tet nâch im einen swanc.
Stricker Karl 2603;
ferner swingen:
mangen ritterlichen swanc
swanc sîn ellenhaftiu hant.
Ulrich v. Lichtenstein 93, 14;
slahen:
er sluoc im ander stunde   einen vesten swanc.
Kudrun 1446, 1;
si sluogen ûf einander   manegen herten swanc.
roseng. D 182, 4;
frumen, s. oben. — swanke fechterstreiche:
den besten meister mîn
wil ich dich lêren heiʒen   durch die liebe dîn,
daʒ dû doch drî swanke   künnest swâ man strîte.
Kudrun 359, 3;
vgl. dazu swank, m.dem nhd. ist diese verwendung ganz fremd, auszer etwa in absichtlicher nachahmung der alten sprache:
Hildebrand im zorne zu Kriemhilden sprang,
er schlug der königstochter einen schwertesschwang.
Simrock Nibelungenl. s. 383.
l)
so auch mit einem schwange (-ke) schlagen; diese wendung begegnet auch noch im ältern nhd.: er köpft den ersten, der kniet, und dreet sich umbhin und slug dem andern auf dem sessel den kopf im schwang auch ab. d. städtechr. 11, 637, 8; in anderm sinne: als der visch gar heiʒ si, so slahe den teyg dor uf mit eime swanke. buch von guter speise s. 8, nr. 20. ähnlich steht schwank auch sonst, um etwas plötzliches, augenblickliches zu bezeichnen:
die waren nicht zumanen lang,
sie griffens an gleich in eym schwang.
Fischart dicht. 2, 261 Kurz (jes.-hütlein 770).
m)
ferner der schwang des gewichtes, momentum Stieler 1984; daneben schwank im gewichte. 1986; schwanck im gewicht, momentum Dentzler 2, 258ᵃ; schwanck (der), momentum, motus. es hat sich ein grosse sach erhebt, unnd gar in dem schwanck, es ist etwas grosses vorhanden, magna res in motu est. Maaler 366ᵃ.
n)
andere verwendungen in der ältern sprache liegen weiter ab; so bedeutet es
α)
offenbarung, verzückung u. ähnl.:
do Stephanus da gesach
der himelvreude einen swanc.
pass. 40, 17 Köpke;
binnen des wart im ein swanc
wa die sele were.
411, 32, s. auch 448, 88.
β)
krümmen und winden, geburtswehen: desgleichen mag solcher flusz kommen, so einem weib miszlingt, oder schwerlich und mit groszem schwang oder arbeit gebiert. Rüff hebammenb. (1581) 200 (—? in der ausgabe von 1569 steht dafür zwang. 113ᵇ).
γ)
unklar ist: wan sölten sie uns söliches swankes obligen daʒ waͤr ein sach daʒ wir und unser nachkomen ewekliche vorderben muͤsten. urkunde von 1379 bei Dief.-Wülcker 848.
2)
die neuere sprache kennt schwang nur noch in einigen festen verbindungen, wie im schwange gehen, sein, in den schwang kommen, bringen, ursprünglich von dingen, die in solcher bewegung sind, meist indes in der freieren bedeutung 'gebrauch, gebräuchlichkeit, verbreitung' u. ähnl., vgl. Borchart² s. 431.
a)
die sinnliche bedeutung fast nur noch in der wendung die glocke ist im schwange, s. 1, b.ähnlich im bilde: bringt man jm das maul inn schwang, es hört den gantzen tag nit auff zu leuten. Egenolff sprichw. 227ᵃ; so auch: maul und magen in schwang bringen. Lazarillo de Tormes 44, s. unter c.
b)
weitaus überwiegend und in neuerer zeit alleinherrschend ist die schreibung schwang, doch findet sich besonders im 16. jh. noch sehr häufig schwan(c)k geschrieben, auch im nd.: de wile de artikel noch nicht in den swank gekomen were. quelle bei Schiller-Lübben 4, 485ᵃ; im schwanck gehen, bräuchlich seyn, estre en usage, se faire souvent Hulsius 291ᵇ; nun gehen alle laster ... zuͦ mal imm schwanck. S. Franck laster der trunkenheit B 2ᵃ; weitere belege s. unten. in allen diesen fällen steht k im auslaut; die form im schwanke ist nirgends bezeugt (doch vgl. unten schwanngken). dasz hier nur orthographische varianten vorliegen, wird ferner dadurch bestätigt, dasz in derselben quelle beide schreibweisen neben einander im gebrauch sind, vgl. z. b.: zu Augspurg, do alle geschwindigkait und list im schwang. Zimm. chron.² 4, 6, 10 Barack; daneben: zu dem alle hauptlaster und untrewen sampt der überschwengklichen gotzlesterung so gar im schwank, das wenig besserung bei uns zu verhoffen. 132, 36 (ebenso 1, 586, 32. 3, 89, 14. 4, 51, 37, siehe unten). desgleichen bei B. Waldis (s. u. c) und H. Sachs:
das alls unverschemmt geht im schwanck.
4, 1, 58ᶜ,
und so gewöhnlich, doch auch im schwang 114ᵃ (s. g, ι). — auch die mischschreibung mit gk findet sich: denn gibt er (gott) seiner stimmen (dem heiligen evangelio) ... das es denn gehet im schwang unverhindert ... denn das evangelium wil nicht allein geschrieben, sondern viel mehr mit leiblicher stimme geprediget sein, so kompts in ein schwangck, und gehet und lebet im volck. Luther 4, 475ᵇ. ganz vereinzelt steht in schwanken (wol als infin. des verbs aufzufassen): do diese ding .. in schwanngken bracht. urkunde von 1541 bei Haltaus 1663.
c)
schwang steht in diesen verbindungen meist mit dem bestimmten artikel, zuweilen auch ohne diesen (besonders in der verbindung in schwang bringen, s. f, ε und e); ganz selten dagegen mit dem unbestimmten artikel: wann ich erst das maul und den magen ein wenig in einen schwang gebracht, muste ich gleich darauff wiederumb an meinem ordinari hungertuch nagen. histor. v. Lazarillo de Tormes 44. häufiger mit dem possessivpronomen: datt de wracke nycht recht yn ereme swanghe ghynghe. quelle bei Schiller-Lübben 4, 485ᵃ;
geht alles fein in seinem schwanck.
B. Waldis Esop 3, 94, 247;
ähnlich:
viel besser wer die gantze welt ...
fein zu regiern in jrem schwang.
4, 95, 123.
d)
mit verstärkenden adjectiven: in allem schwange. Zimm. chron.² 4, 51, 37 Barack (s. g, μ); unter denen hat die abgötterey, nach der sundflusz, und auszteilung der kinder Nohe in die lender, mit gewalt eingewurtzlet, und ist in allem schwanck daher gangen. Gretter erkl. der ep. Pauli a. d. Römer (1566) 677. — besonders in vollem schwange: die grewlichen sünden des gottlosen wesens unnd der undanckbarkeit, so jetzt in vollem schwange gehen. Luther tischr. 100ᵇ; dagegen .. allerhand laster .. starck eingerissen und in vollem schwange gehen. quelle vom jahr 1644 bei Haltaus 1663;
lehrampt und andre ordnung mehr
geht nit in vollem schwange.
Ringwaldt geistl. lied. 64;
dasz recht und billigkeit in vollem schwange geht.
Opitz 1, 8;
gerechtigkeit wird immer vor ihm seyn,
und für und für in vollem schwange gehn.
4, 164 (ps. 85, 4).
in rechten schwang kommen, bringen: also möcht es (das sacrament) wider in rechten schwang komen, das man wüsste, welche rechtschaffen christen weren. Luther 3, 160ᵃ; den gottisdienst .. widder in rechten schwang zu bringen. 12, 35 Weim. ausgabe; wann die rechtfertigung in jren rechten schwanck kompt. Frankfurter ref. 1, tit. 18 § 2. — seltneres: dise müssens auffs höhist lestern und schenden, das also seyne werck yn aller volkomenestem schwanck gehen. Luther 12, 236 Weimarer ausgabe; das alles geet jetz im höchsten schwanck. S. Franck laster d. trunkenh. F 4ᵃ; obgleich Tiberius hernachmals solche (neujahrsgeschenke) scharff verboth, so brachte sie doch Caligula nach ihm wieder in groszen schwang. Günther 731.
e)
in verbindung mit synonymen substantiven, besonders gang: es ist noch nicht gethan und geschehen, es ist aber im gang und schwang. Luther 1, 406ᵇ; practicken, so iezmalen hin unnd wider im heyl. reich teutscher nation im schwang unnd gang sein sollen. quelle von 1560 bei Haltaus 1663; (Daniel) hat nicht allein alle abergläubische und zauberische künste abgeschaffet, und dagegen die rechte freye gute künste in gang und schwang gebracht. Schuppius 286; damit noch bey lebzeiten deren väter und hauszherren, die geistlichen gefälle vermachen und stifften wollen, ihre vermächtnisz, stifftungen und gefälle in schwang und gang gebracht werden. Hohberg 3, 1, 40ᵃ; es ist noch nicht gethan, es ist aber im gang und schwang. H. Müller erquickst. s. 272. — anderes: es ist auch die latinisch zung, so itzt im brauch und schwanck gehet, nit eben die selbig, wie mans etwa geredt unnd geschrieben hat. Franck moriae encom. 77ᵃ; alles abgöttisch und bösses, so bissher eyngerissen, ym brauch und schwanck gewesen ist. quelle vom jahre 1527 bei Haltaus 1663; etzliche alte, dem rechten und gemeyner vernunfft zuwiedergelauffene böse gebräuch .. in ubung und schwang gegangen, und für recht gehalten worden. quelle von 1608 s. ebenda.
f)
die gewöhnlichen verbalen fügungen sind folgende:
α)
am häufigsten im schwang(e) gehen: bluhen, in voller bluht sein, im schwang gehen, florere Henisch 425, 9; damahls ging es sehr im schwange, tunc in more positum erat Steinbach 2, 556; sie (laster) gehen im vollen schwang, communia sunt, omnes illis obruti sunt Frisch 2, 241ᶜ; diesz gehet im schwange. Neander menschensp. s. 40. so auch: denn dis gebet ist erhöret, und drückt nach, gehet und leufft in vollem schwang, wider alles toben und gewalt auff erden. Luther 6, 173ᵇ.
β)
ebenso im schwange sein, in usu esse, moribus obtinere Stieler 1984; vigere, was neu bey ihnen ehemahls im schwange gewesen, ist nach diesem ab kommen. Steinbach 2, 556; die sache ist bey einem ieden freyen volcke stets im schwange gewesen, haec res in omni libero populo semper floruit et dominata est. ebenda; figürlich heiszt im schwang seyn, usitatum esse, vigere, florere, in usu esse. nicht mehr im schwang seyn, usu, doctrina, vetustate immutatum esse; obsoletum esse Frisch 2, 241ᵇ.
γ)
in den schwang kommen, in principio motionis esse, magis magisque agitari. figürlich heiszt es, invalescere ut consuetudo, crescere, obscure serpere Frisch 2, 241ᵇ; die gewohnheit kommt täglich mehr in den schwang. Steinbach 2, 556; denn also findet sichs alle zeit, das gesetze bald zu geben sind, aber wenn sie sollen angehen und in den schwang komen, da begegent nicht mehr denn eitel hindernis. Luther vorr. auf d. alte test., s. Bindseil 7, 305.
δ)
im schwange bleiben: also wart jus Justinianeum und nebent den alten land und lehenrechten im schwanck bisz auf unser zeit pari passu verblieben. M. Goldast reichssatzungen 1, vorr. s. 3. dafür sich im schwange erhalten:
und nun bestürmt sie (die krähe) ihre (der nachtigall) gunst
mit listen, welche sich bey dichtern ohne gaben ...
seitdem im schwang' erhalten haben.
Ramler fabellese 2, 288.
ε)
transitiv, in den schwang bringen: instaurare et restaurare ... wieder auff oder in den schwang bringen. Corvinus fons lat. 460ᵃ; eine sache in den schwang bringen, rem promovere Steinbach 2, 556; etwas in den schwang bringen, inducere usum et morem alicujus rei Frisch 2, 241ᵇ; kleine bewegungen bringen offt schwere ding in schwang. ebenda; wer die sache so in schwang bringt, dem wird die mühe auch bezahlt. Weise freym. redner s. 737;
baldt du der sach machst ein anfang,
so bringstus kurtzer zeyt in schwang.
H. Sachs fastn. sp. 3, 50 neudruck;
ich hab das werck in schwanck gepracht.
23, 219, 3 Keller-Götze.
ζ)
selten in schwang setzen, im eigentlichen sinne:
setzet bogen und pfeil in schwang!
Rückert Firdosi 3, 182.
in der gewöhnlichen übertragenen gebrauchsweise, so mundartlich (im fränk.-henneb.):
bann (wenn) frésch maͤluft wér geschwatzig
truͤg.s.e wûërt hî, brächt.e wûërt hèr,
sätzt. in schwânk geschwint e naͦchricht
zwésche zwaͤ so liebesleutlich.
s. Frommann mundarten 6, 524, 13, 10.
η)
im schwange halten: hiemit sind lection und predigt gnug bestellet, das gottes wort im schwang zu halten. Luther 3, 280ᵇ; tam multi patriarchae fuerunt, qui verbum in schwangk haben gehalten. 14, 180, 14 Weim. ausg.
θ)
vereinzelte verbindungen: der übliche gebraucht sie (die moden) auch nicht in schwang. gespenst 178.
g)
die bedeutung dieser wendungen nuanciert sich verschieden je nach den gegenständen, worauf sie angewandt werden.
α)
handlungen und geschehnisse sind im schwange, im zuge, im gange; so de wracke (prüfung der waren), s. unter c; die rechtfertigung, s. unter d; das grosse gewerb, practiquen unnd anschläg .. vor der hanndt unnd im schwang sein, auch gar bald offenlich inn das werck gericht ... werden sollen. quelle bei Haltaus 1663;
als nun die schlacht gieng recht im schwang.
Alberus fab. 114ᵃ (34, 189).
β)
meist von dauernden gepflogenheiten oder wiederholten handlungen, bez. ereignissen: wir .. sehen greiflich wie alle zaichen im schwanck geen. Franck laster der trunkenh. H 3ᵇ; und was ist man gebessert, wenn solche discurse den gantzen tag im schwange gehen? Weise kl. leute 312;
auff dasz bewerd würden die frommen
und auffhört der unnütz gezanck
der glehrten, so jetzt geht im schwanck.
H. Sachs 4, 1, 45ᵇ;
die streiche sind bei uns im schwang.
Uhland ged. (1864) 330.
so auch: die höhern (fürsten) schulen .., da gute übungen im schwange gehen (fleissig getrieben werden). Comenius sprachenth. 737; das verfahren der philosophen, so wie es in allen schulen im schwange ist. Kant 1, 81.
γ)
gewohnheiten, sitten, einrichtungen sind im schwang, in gebrauch, üblich, blühen u. ä.: die gewohnheit geht im schwange, consuetudo usitata est; die art des todes ist sehr im schwange gegangen, celebratum est id genus mortis Steinbach 2, 556; die gewohnheit kommt täglich mehr in den schwang. ebenda; denn der celibat und das ehelosz leben der priester ist nicht uber fünff hundert, dasz angefangen hat, zur zeit bischofs Ulrichs ists erst fürgenommen und angefangen worden, und sie haben wol hundert jar damit ummgangen, ehe sie es in schwanck bracht haben. Luther tischr. 269ᵃ; der aber vermeinen wolte, dasz diese gute sitten und regeln überall in Europa einzuführen und in schwang zu bringen wären, der wird von der opinion betrogen. Schuppius 539; jetzt sind die turniere nach alter art nicht mehr brauch, dafür sind andere im schwange. Freytag bilder 2, I, 61; ferner:
lehrampt und andere ordnung mehr,
geht nit in vollem schwange.
B. Ringwaldt geistl. lieder 64;
sonst war verschiedenheit im schwange,
und menschen waren klug und dumm.
Claudius 6, 116.
so auch ohne bestimmtes subject: wie leichtfertig zu oftermal sich die eeleut vor jaren in selbigen landen erwisen, als dann das hernach durch das ganz Niderland und durch Frankereich laider so gar in schwank kommen, das man sollichs nit mer geachtet. Zimm. chron.² 1, 586, 32 Barack; es gieng .. im schwange. Melissus Salinde 115;
die last der vielen jahre
bringt über den verdrusz und schnee der grauen haare,
den starcken eckel mit, dasz keinem nichts gefällt,
als was im schwange gieng, da ihn die süsse welt
in erster blüth anlacht.
A. Gryphius 1, 304 (Carol. Stuard. 3, 572).
δ)
ähnlich auch von künsten u. a., blühen: die guten künste gehen itzo im schwange, ferax hoc seculum bonis artibus est Steinbach 2, 556; die künste gehen jetzt im schwang. Frisch 2, 241ᵇ; da hat er .. die rechte freye gute künste in gang und schwang gebracht. Schuppius 286; wenn aber die handgewerbe wol floriren und im schwange gehen. 538; man sehe ein land an, wo die Machiavellischen und neu - statistischen künste, am heufigsten und subtilsten in schwange gehen. Butschky Pathmos s. 524; nun gieng zu derselben zeit, sonderlich in den klöstern, die schwarze kunst sehr im schwange. Simrock volksb. 4, 129; man lasse aber diese betrachtungen den Franzosen .. noch so eingeschärft werden. es scheint doch nicht, dasz das bürgerliche trauerspiel darum bey ihnen besonders in schwang kommen werde. Lessing 7, 63; durch Börne kam bei uns 'das souveräne feuilleton' in schwang. Treitschke d. gesch. 3, 706;
die teutsche poesie, so ich in schwang gebracht,
soll blosz und einig seyn auff euer lob bedacht.
Opitz 2, 13.
so auch: wir armen, einfältigen einwohner der sogenannten insul Felsenburg, welche von der heutiges tages im schwange gehenden staats-klugheit wenig oder gar nichts wissen oder verstehen. Felsenburg 4, 260.
ε)
besonders häufig von tugenden: darumb solten auch in unsern gemeinen, solche furcht und demut, beide der götter und der unterthanen deste reichlicher im schwang gehen. Luther 5, 150ᵇ; das gerechtigkeit dennoch fur jm (dem herrn) bleibe, und im schwang gehe. ps. 85, 14; sie ... überlegten, auf was art die unter den heutigen christen so sehr verfallene liebe wieder in schwang gebracht, und der religion fortgang zu befördern wäre. ehe eines mannes 284; alles fand ich mir .. in die hände gearbeitet .. eine nation die ihre menschenrechte wieder fodert, republikanische tugenden im schwange, hellere begriffe im umlauf. Schiller 6, 62;
dasz für und für zu aller zeit
geh im schwang die gerechtigkeit.
H. Sachs 5, 70ᵃ;
dasz die ehliche lieb allein
kan ehrlich und on schande sein,
die gott selber geordnet hat,
wo die in rechtem schwange gaht,
die ist löblich mit gott und ehren.
285ᵇ;
gerechtigkeit wird dennoch stehn
und stets in vollem schwange gehn.
P. Gerhardt nr. 8, 62 Gödeke;
die tugend geht im schwange.
Günther 967.
ähnlich: die lust zum griechischen, die nur erst seit wenigen jahren wieder in den schwang kommen will. Reiske Thuc. vorrede.
ζ)
noch häufiger von lastern: im schwang gehen, als laster, vitia, quibus omnes dediti sunt Frisch 2, 231ᵇ; da sind die leute am ärgesten und gehen die gröszten und gräulichsten sünden im schwang. Luther tischred. 1, 15; die hellisch grundsup des geiz, ebruch und ander offenlich laster .., die wider gottes gesetz täglich im schwank gent. H. Sachs dial. 56, 30; seit die auszwendigen sünd noch im schwank gent. 59, 14; diser graff Cristof .. hat auch ein trinkrei geben, wie dann laider der gebresten in aller welt zu unser zeiten im schwank gehet. Zimm. chron.² 3, 89, 14 Barack; aber da bey jhnen lauter unfug und büberey im schwang gieng. Mathesius Sarepta 85ᵇ; dieses laster (des ohrenblasens) gehet auch an herren höfen in vollem schwang. Syrach 1, 26ᵃ; findet man (in Meiszen) nicht so viel mutwillens im schwang gehen, als etwan anderswo, da dergleichen aufsehen und zucht nicht sein mag. Albinus Meysznische chron. (1580) 614; das ist noch die alte hoffarth der Perser, welche allbereit zu des königes Xerxis zeit im schwange gangen. Olearius pers. reisebeschreib. 310ᵇ; allerley laster gehen im schwange. 326ᵃ; wil ein lehrer oder prediger seine gemeine wegen der in schwange gehenden sünden straffen. Plesse 1, 147; es ging also sehr natürlich zu, wenn zu Isfandiars zeiten alle arten von lastern in Scheschian im schwange gingen. Wieland 7, 90 (gold. spieg. 2, 3); wie der stifter unserer religion .. erst nach beweisstellen forschte, um ein in schwang gehendes verbrechen zu richten. Thümmel reise 9, 240; das spielen, saufen, tröhlen, schelten, tauschen, handeln, und was immer sonst der oberkeit geld eintrage, seye bey mannsgedenken nie so im schwang gegangen. Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 3, 273; weil mancherlei unordnung und sehr viel unverantwortliches im schwange gewesen. Göthe 24, 235; knickerey und niederträchtigkeit .. waren noch nicht im schwange. 26, 114; dasz .. gegen die mitte des fünften jahrhunderts, auch unter der geistlichkeit trunkenheit und zwietracht im schwange gingen. Stolberg 10, 51; es ist wahr, man sieht jetzt alle tugenden blühen, die einen gefälligen effekt in der erscheinung machen, und einen werth in der gesellschaft verleyhen, dafür aber auch alle ausschweifungen herrschen, und alle laster im schwange gehn, die sich mit einer schönen hülle vertragen. Schiller 10, 305; welche ungeheuere sünden im schwange gehen. Tieck ges. nov. 3, 142; allein es ist kein deutsches fürstenthum, in dem mehr zank, mord und grausamkeit im schwange gehn, als in unserer Mark. Alexis hosen¹² 149;
hoffart bracht und rumretigkeit
geht yetz in vollem schwanck auff erd.
H. Sachs 1, 214ᵈ;
und alle laster gehn im schwanck.
537ᶜ.
η)
krankheiten gehen im schwang, grassieren: frantzösische kleider, frantzösische speisen .. frantzösische sitten, frantzösische sünden, ja gar frantzösische kranckheiten sind durchgehends im schwange. Thomasius von nachahm. der Franzosen 3, 16 neudruck; wenn auch manche an den hitzigen krankheiten, die bisher wegen der dürre dieser gegend daselbst im schwange gingen, drauf gehen müszten. Wieland 27, 19; punsch aber ... wird von allen medicis als ein sehr gutes präservativ gegen die hier im schwange gehenden krankheiten empfohlen. Lessing 12, 340.
θ)
lehren, begriffe, meinungen, maximen u. anderes gehen im schwange, sind verbreitet oder in geltung, so besonders in der ältern sprache: denn wir müssen beiderley predigt treiben, die falsche lere zu widerlegen, und die sünde zu straffen, das beide die lere und das leben, recht im schwang gehe und bleibe. Luther 6, 298ᵃ; die schriftsteller also, die eine solche specifische offenbarung zu enthalten scheinen, müssen so ausgelegt werden, dasz sie nur das vehikel jenes moralischen glaubens für ein volk, nach dessen bisher bei ihm im schwang gewesenen glaubenslehren betreffen. Kant 1, 242; wir zeigten nur durch entwickelung des einmal allgemein im schwange gehenden begriffs der sittlichkeit. 4, 71; nachdem ... die maxime in schwang gekommen war, alle schritte vorher wohl zu überlegen. 289; die lehrsätze, die jetzo von den lebendigen kräften im schwange gehen. 8, 11; gehn von zeit zu zeit wörtlein in schwange, die da gleiszen, und doch nichts denn schlacken bei sich führen. Klopstock 12, 94; bringt wer ein irsal in schwang .. so mag es ihm hingehn. 106; dasz man zu allen zeiten und auf allen theilen dieses erdenrundes sehr alberne meinungen und sehr unsinnige gebräuche im schwange gesehen hat. Wieland 6, 326 (gold. spieg. 1, 10). — ähnliches: ja wenn schon dem bapst die kron, den bischoffen der hut, und den münchen der bauch darüber zubreche und zurisse: so gehet doch diese consequentia in vollem schwange in aller welt. Nigrinus widerlegung B 1ᵃ; glaube sonst festiglich, dasz dieses gedichte von den alraunen nicht new, sondern für vielen hundert, ja wol tausend oder mehr jahren schon mag seyn im schwang gangen. Simplic. schriften 4, 289, 28 Kurz; von diesem kaiser (Friedrich Rothbart) gehen viele sagen im schwange. Grimm d. sagen nr. 23;
und in der Normandie noch lange
war dieses stichelwort im schwange.
Uhland ged. 419.
eine nachricht in schwang setzen s. f, ζ.
ι)
das wort gottes, das evangelium geht im schwang, wird eifrig gelesen und gelehrt: dadurch würde das liebe evangelium stets im schwang geen und in teglicher ubung bleiben. quelle vom j. 1549 bei Dief.-Wülcker 848; summa, wo gottes wort im schwang gangen ist, hat gott auch grosse künstler darbey erwecket. Mathesius Sar. 141ᵇ;
also geht noch in vollem schwanck
das evangeli, gott sey danck.
H. Sachs 4, 1, 69ᵇ;
wo jetzt im schwang geht gottes wort.
114ᵃ.
κ)
recht, gesetz geht im schwang, herrscht, ist in kraft: als man nu wider in gutem frieden zu Jerusalem wonete, und das gesetze fein im schwang gieng. 2 Macc. 3, 1; ubrigens gienge das faust- oder kampf-recht sehr im schwange. Hahn histor. 2, 99;
nun wird hie in glaubens-wercken
auch der gottesdienst sich stärcken
und das recht im schwange gehn.
S. Dach poet. werke P 1ᵃ.
so auch: also sind andere aus der massen schöne gebot im Mose mehr, die man möchte annemen, brauchen, und im schwang gehen lassen. Luther 3, 167ᵇ. s. auch Goldast unter f, δ.
λ)
andere ähnliche wendungen sind der sprache Luthers eigenthümlich, so vom regiment: (die Türken) haben jr regiment eusserlich gefasset, und im schwang. 4, 483ᵇ; was ist aber, das Mose die gesetze so unordig unternander wirfft? .. antwort, Mose schreibt, wie sichs treibt, das sein buch ein bild und exempel ist des regiments und lebens. denn also gehet es zu, wenn es im schwang gehet, das jtzt dis werck, jtzt jenes gethan sein mus. vorr. auf das alte test., s. Bindseil 7, 308; da Moses policey und regiment noch stunde, unnd im schwange war. tischr. 70ᵇ; — von einem amt: wenn gleich das ampt recht und vleissig im schwang gehet. werke 7, 2ᵃ, — kaiserthum: denn dasselbige (babylonische) keiserthum war dazumal im schwang, und nam jmer zu. 3, 233ᵇ, — besonders vom reich Christi: weyl wyr fleysch und blut sind und auff erden leben, so lange gehet Christus reych ym schwang, bys auff den iungsten tag. 14, 27, 26 Weim. ausg.sogar ein land, eine stadt gehet im schwange, blüht: nu ists noch nicht uber alle masse eine grosse stad, da zwey hundert tausend menschen inne sind, sonderlich wo sie wol stehet, und im schwang gehet. werke 3, 220ᵇ; also ist sein (Salomons) gantzes land fein ordentlich gefast gewest, das solches im schwang ist gangen. tischreden 340ᵃ.
μ)
am weitesten entfernen sich vom heutigen sprachgebrauche wendungen wie eine gesellschaft ist im schwange: damit er der lehr dester fürderlicher künde obligen und der gesellschaft halb, so uf den hochen schuelen in allem schwank, dester weniger möge abgefüert werden. Zimm. chron.² 4, 51, 37 Barack.Luther gebraucht diese wendung sogar von gott (oder ist das wort gemeint?): aber er spricht noch jmerdar, und gehet on unterlas im schwang. 4, 7ᵇ.
3)
selten findet sich schwang in demselben sinne (üblichkeit, blüte u. s. w.) in andern fügungen.
a)
bluhe, krafft, vermögligkeit, schwanck, vigor, firmitas, integritas Henisch 424, 69; schwang, der, et schwung ... it. usus, consuetudo, mores, exercitium, frequentia Stieler 1984. vielleicht ist diese allgemeinere verwendung erst aus den behandelten verbindungen abstrahiert. in der litteratur ist der nom. nur ganz vereinzelt bezeugt:
noch zeit, noch land, noch schwang (var.: brauch) vermag auf die natur.
Haller 136 Hirzel (urspr. des übels 3, 71).
b)
häufiger in der älteren sprache als object in den verbindungen seinen schwang gewinnen, haben, verlieren: auff das nicht ... gottes zorn seinen vollen gang und schwang gewinne. Luther 3, 114ᵃ;
disz böse wilde werck hat gleichfals seinen schwang,
wo das Araber-buch regiert der menschen gang.
Opitz 4, 324;
damit die welt glickseelig sey,
die laster auch den schwanck verlieren.
Weckherlin 842.
(den schwang bekommen in ganz anderm sinne s. 1, c.)
c)
nach präpositionen, nur in der fügung mit vollem schwange (masze), vgl. 2, d: und gieng der spruch Mosi, deut. 32. mit vollem schwanck uber sie. Luther 8, 81ᵇ; da regiert der geiz mit vollem schwank. H. Sachs dial. 50, 28.
4)
besonderheiten in der sprache bestimmter stände:
a)
bei den jägern: schwang, wird von einigen dieses benennet, wo nemlich der hirsch im grase ziehet, und mit seinen läuften den thau abstreifet. Heppe wohlr. jäger 274ᵇ.
b)
schwank kaufmannsdiener, commis Kluge stud. spr. 124ᵇ (1825 bezeugt), vgl.ladenschwengel (th. 6, 50) und schwung.
Zitationshilfe
„schwang“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/schwang>, abgerufen am 22.10.2019.

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